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Notre-Dame in Paris. Zweiter Band

Victor Hugo: Notre-Dame in Paris. Zweiter Band - Kapitel 11
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typefiction
authorVictor Hugo
titleNotre-Dame in Paris. Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year1884
translatorFriedrich Bremer
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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2. Fortsetzung der Geschichte vom Thaler, der in ein dürres Blatt verwandelt wurde.

Nachdem man mehrere Treppen in so dunkeln Gängen hinauf- und hinuntergestiegen, daß sie am hellen Tage mit Lampen erleuchtet waren, wurde die Esmeralda, die immer von ihrem traurigen Gefolge umringt war, von den Dienern des Justizpalastes in ein unheimlich finsteres Zimmer hineingestoßen. Dieses Zimmer, von runder Gestalt, nahm das Erdgeschoß eines jener dicken Thürme ein, welche noch in unserem Jahrhunderte durch die moderne Gebäudeschicht dringen, mit welcher das neue Paris das alte zugedeckt hat. Kein Fenster war in diesem Keller, keine andere Oeffnung, als der niedrige und von einer ungeheuern eisernen Thüre verschlossene Eingang. An Helligkeit fehlte es hier jedoch nicht: ein Ofen war in der dicken Mauer angebracht, ein großes Feuer darin angezündet, welches den Keller mit seinem rothen Wiederscheine füllte und ein elendes Licht, welches in der Ecke stand, alles seines Schimmers beraubte. Das eiserne Fallgitter, welches dazu diente, den Ofen zu verschließen und in diesem Augenblicke in die Höhe gezogen war, ließ in der Oeffnung des Feuerloches, das über der Untermauer flammte, nur die untern Spitzen seiner Stäbe wie eine Reihe schwarzer, scharfer, einzeln stehender Zähne sehen, was dem Ofen das Aussehen eines jener Drachenrachen gab, die in den Sagen Flammen speien. Bei dem Lichte, welches aus seiner Oeffnung strahlte, sah die Gefangene ringsherum im Zimmer schreckliche Instrumente, deren Gebrauch sie nicht kannte. In der Mitte lag eine lederne Matratze fast auf der Erde aufgeschlagen, über welcher ein Riemen mit einer Schleife hing, der in einem kupfernen Ringe lief, welchen ein im Schlußsteine der Wölbung ausgehauenes, stumpfnasiges Ungeheuer im Maule hielt. Zangen, Scheeren, große Pflugeisen versperrten das Innere des Ofens und glühten durcheinander auf der Kohle. Der blutige Wiederschein des Ofens beleuchtete im ganzen Zimmer nur einen Wirrwarr schrecklicher Gegenstände.

Dieser Tartarus hieß einfach »die Folterkammer«.

Auf dem Bette hatte sich Pierrat Torterue, der beeidigte Foltermeister, behaglich niedergelassen. Seine Knechte, zwei Gnomen mit vierschrötigen Gesichtern, in Lederschürzen und leinenen Hosen, wendeten das Eisengeräth auf den Kohlen um. Das arme Mädchen hatte vergebens ihren Muth zusammengenommen; als sie in dieses Zimmer eintrat, packte sie das Entsetzen.

Die Schergen des Gerichtsvogtes stellten sich auf einer Seite, die Priester des geistlichen Gerichtes auf der andern Seite auf. Ein Schreiber, ein Tintenfaß und ein Tisch befanden sich in einem Winkel. Meister Jacob Charmolue näherte sich der Zigeunerin mit einem sehr sanften Lächeln.

»Mein liebes Kind,« sagte er, »Ihr beharrt also beim Läugnen?«

»Ja,« antwortete sie mit schon erloschener Stimme.

»In diesem Falle,« fuhr Charmolue fort, »wird es sehr schmerzlich für uns sein, Euch mit mehr Nachdruck zu befragen, als wir wünschen . . . Wollet so gut sein und Euch auf dieses Bett setzen . . . Meister Pierrat, macht der Jungfer Platz und schließet die Thüre zu.«

Pierrat erhob sich murrend.

»Wenn ich die Thüre schließe,« brummte er, »so wird mein Feuer verlöschen.«

»Nun gut, mein Lieber,« entgegnete Charmolue, »so lasset sie offen.«

Währenddem blieb die Esmeralda stehen. Das lederne Bett, auf dem sich so viele Unglückliche gekrümmt hatten, flößte ihr Entsetzen ein.

Der Schrecken erstarrte ihr das Mark in den Knochen; sie stand bestürzt und außer sich da. Auf ein Zeichen Charmolue's ergriffen sie die beiden Knechte und setzten sie aufrecht auf das Bett. Sie thaten ihr nicht das Geringste zu leide; aber als diese Menschen sie angriffen, als das Leder sie berührte, fühlte sie all ihr Blut zum Herzen zurückströmen. Sie warf einen verstörten Blick rings im Gemache herum. Es schien ihr, als ob sie sähe, wie alle diese gräßlichen Folterinstrumente sich bewegten und auf sie losmarschirten, um ihr am Leibe in die Höhe zu kriechen, sie zu beißen und zu zwicken, – jene Marterinstrumente, die unter den Werkzeugen aller Art, welche sie bisher gesehen, das waren, was die Fledermäuse, die Tausendfüße und die Spinnen unter den Insekten und Vögeln sind.

»Wo ist der Arzt?« fragte Charmolue.

»Hier!« antwortete ein schwarzes Gewand, welches sie noch nicht bemerkt hatte.

Sie schauderte.

»Jungfer,« fuhr die schmeichelnde Stimme des Procurators beim Kirchengerichtshofe fort, »zum dritten Male: beharret Ihr dabei, die Thaten zu läugnen, deren Ihr angeklagt seid?«

Dieses Mal vermochte sie nur mit dem Kopfe ein Zeichen zu geben. Die Stimme versagte ihr.

»Ihr beharret dabei?« sagte Jacob Charmolue. »Dann muß ich aber, so unendlich leid es mir thut, die Pflicht meines Amtes erfüllen.«

»Herr Procurator Seiner Majestät,« sagte Pierrat barsch, »womit sollen wir anfangen?«

Charmolue bedachte sich einen Augenblick mit der zweideutigen Grimasse jemandes, der einen Reim sucht.

»Mit dem spanischen Stiefel,« sagte er endlich.

Die Unglückliche fühlte sich so vollkommen von Gott und den Menschen verlassen, daß ihr Haupt, wie ein lebloses Etwas, das keine Kraft in sich hat, auf die Brust herabsank.

Der Foltermeister und der Arzt näherten sich ihr zugleich. Gleichzeitig begannen die zwei Knechte in ihrer gräßlichen Rüstkammer herumzuwühlen. Beim Gerassel dieses fürchterlichen Eisengeräthes zitterte das unglückliche Mädchen, wie ein todter Frosch, der galvanisirt wird.

»Ach!« murmelte sie, und so leise, daß niemand es hörte, »ach mein Phöbus!« Dann versank sie wieder in ihr Schweigen und ihre marmorgleiche Unbeweglichkeit. Dieses Schauspiel hätte jedes andere Herz, als das der Richter zerrissen. Man hätte sie mit einer armen sündigen Seele vergleichen mögen, die vom Satan an der Pforte der flammenden Hölle befragt wird. Der elende Leib, welchen die fürchterliche Menge Sägen, Räder und Folterwerkzeuge zu umklammern sich anschickte, das Wesen, welches die gierigen Krallen der Henker und Zangen packen sollten, – es war ja doch jenes süße, reine und schwache Geschöpf, das arme Hirsenkorn, welches die menschliche Gerechtigkeit den gräßlichen Mühlsteinen der Folter zur Zermalmung überlieferte!

Inzwischen hatten die schwieligen Fäuste der Knechte Pierrat Torterue's in roher Weise dieses reizende Bein, diese Füßchen entblößt, welche die Straßenpassanten so viele Male wegen ihrer Anmuth und Schönheit an den Straßenecken von Paris bewundert hatten.

»Wie schade!« murmelte der Foltermeister, als er diese zarten und feinen Formen betrachtete.

Wenn der Archidiaconus zugegen gewesen wäre: fürwahr, er würde sich in diesem Augenblicke seines Gleichnisses von der Spinne und der Fliege erinnert haben. Bald sah die Unglückliche durch einen Schatten hindurch, welcher sich auf ihre Augen lagerte, den »spanischen Stiefel« herbeibringen; bald sah sie ihren Fuß, der zwischen die eisenbeschlagenen Bretter geschnürt worden, unter der fürchterlichen Vorrichtung verschwinden. Da gab ihr der Schrecken die Kraft wieder.

»Nehmt mir das weg!« schrie sie mit Ungestüm; und indem sie sich ganz wild in die Höhe richtete: »Gnade!«

Sie sprang vom Bette in die Höhe, um sich dem Procurator des Königs vor die Füße zu werfen, aber ihr Bein wurde in dem plumpen, eisenbeschlagenen Eichenklotze festgehalten, und sie sank matter auf das Foltergeräth hin, als eine Biene, die eine Bleikugel am Flügel haben würde.

Auf ein Zeichen Charmolue's legte man sie wieder auf das Bett, und zwei rohe Fäuste befestigten an ihrem zarten Leibe den Riemen, der von der Decke herab hing.

»Zum letzten Male frage ich: Gesteht Ihr die Tatsachen des Processes ein?« sprach Charmolue mit unerschütterlicher Leutseligkeit.

»Ich bin unschuldig.«

»Nun, Jungfer, wie erklärt Ihr die Euch zur Last gelegten Umstände?«

»Ach! gnädiger Herr! ich weiß es nicht.«

»Ihr läugnet also?«

»Alles!«

»Thut, was Eures Amtes,« sprach Charmolue zu Pierrat.

Pierrat drehte den Griff der Schraubenwinde an, der spanische Stiefel zog sich fester zusammen, und die Unglückliche stieß einen jener fürchterlichen Schreie aus, die in keiner menschlichen Sprache beschrieben werden können.

»Haltet ein,« sagte Charmolue zu Pierrat. »Gesteht Ihr?« fragte er die Zigeunerin.

»Alles!« rief das elende Mädchen. »Ich gestehe! ich gestehe! Gnade!«

Sie hatte ihre Kräfte nicht berechnet, als sie der Folter Trotz bot. – Armes Kind, dessen Leben bis hierher so freudig, so sanft, so angenehm gewesen war: der erste Schmerz hatte dich überwältigt!

»Die Menschlichkeit verpflichtet mich, Euch zu sagen,« bemerkte der Procurator des Königs, »daß, wenn Ihr ein Geständnis ablegt, Ihr den Tod erwarten dürfet.«

»Ich hoffe wohl darauf,« sagte sie. Dem Tode nahe, am ganzen Leibe gebrochen und in dem um ihre Brust geschlungenen Riemen hängend, fiel sie wieder auf das Lederbett zurück.

»Frisch, meine Schöne, haltet Euch ein wenig aufrecht,« sagte Meister Pierrat, während er sie aufrichtete: »Ihr seht ja wie der goldene SchöpsAnspielung auf den Orden vom Goldenen Vließe. Derselbe besteht bekanntlich aus einem goldenen Lamme (symbolisch für unsern Heiland), welches an einer goldenen Kette um den Hals getragen wird. Anm. d. Uebers. aus, den der Herr von Burgund um den Hals trägt.«

Jacob Charmolue erhob seine Stimme.

»Gerichtsschreiber, schreibt . . . Junges Zigeunermädchen, Ihr gestehet Eure Theilnahme an den Liebesmahlen, Sabbathen und Zaubereien der Hölle, mit den Gespenstern, Hexen und Nachtgeistern ein? Antwortet.«

»Ja,« sagte sie so leise, daß sich ihr Wort in einem Hauche verlor.

»Ihr gestehet, den Bock gesehen zu haben, welchen Beelzebub in den Wolken erscheinen läßt, um die Hexenversammlung zusammenzurufen, und der nur von Hexen gesehen wird?«

»Ja.«

»Ihr bekennet die Baphometsköpfe, diese abscheulichen Götzenbilder der Templer,Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderte wurden die letzten Tempelritter in Paris von der nach ihren Reichthümern lüsternen Krone und Kirche wiederholt der Zauberei beschuldigt und mit dem Feuertode bestraft. Anm. d. Uebers. angebetet zu haben?«

»Ja.«

»Fleischlichen Umgang mit dem Teufel unter der Gestalt einer Lieblingsziege, welche in den Proceß mit verwickelt ist, gepflogen zu haben?«

»Ja.«

Endlich gestehet und bekennt Ihr, mit Hilfe des Teufels und des Gespenstes, welches vom Volke ›der gespenstige Mönch‹ genannt wird, in der Nacht des letzten neunundzwanzigsten März einen Hauptmann, Phöbus von Châteaupers mit Namen, erdolcht und ermordet zu haben?«

Sie erhob ihre großen starren Augen auf den Beamten und antwortete wie mechanisch, ohne Zuckung und ohne Zittern: »Ja.« – Es war offenbar, daß ihr ganzes Innere gebrochen war.

»Schreibt, Gerichtsschreiber,« sagte Charmolue. Und während er sich an die Henker wendete: »Man mache die Gefangene los und führe sie in den Gerichtssaal zurück.« Als die Gefangene vom »spanischen Stiefel« befreit worden war, untersuchte der Procurator beim Kirchengerichtshofe ihren vom Schmerze noch steifen Fuß: »Sehet da!« sagte er, »der Schaden ist nicht groß. Ihr habt zur rechten Zeit geschrien. Ihr werdet noch tanzen können, meine Schöne!« Dann wandte er sich zu seinen Begleitern vom geistlichen Gerichte: »Sehet, endlich ist die Gerechtigkeit an den Tag gekommen! Das ist ein Trost, ihr Herren! Die Jungfer wird uns das Zeugnis geben, daß wir mit aller möglichen Milde verfahren sind.«

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