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Notizen über Mexico

Harry Graf Kessler: Notizen über Mexico - Kapitel 7
Quellenangabe
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typereport
authorHarry Graf Kessler
titleNotizen über Mexico
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume2176
printrunErste Auflage
editorAlexander Ritter
year1998
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090113
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VI

Durch die West-Kordilleren

Zacoalco, 28. Dezember 1896.

Um sechs sind wir auf einer mit acht Maultieren bespannten Postkutsche aus Guadalajara abgefahren. Das Morgenrot brannte auf dem Chor des Domes; in den Straßen leuchteten noch blaß einige elektrische Bogenlampen; in der Mestizenkneipe am Tor ›La Libertad de Andromeda‹ nahm der Postillion vom Bock aus noch einen Aguardiente; und dann waren wir draußen auf der Kordilleren-Hochebene. –

Man sieht hier deutlich, wie nicht nur ein Land seine Bewohner, sondern die Bevölkerung auch ihr Land gestaltet. Die Landschaft ist nicht bloß in ihrer Bebauungsweise, der Feld- und Dorfanlage, dem Stil der Bauernhäuser, sondern gerade in ihren großen, scheinbar ureignen Zügen ein zweites, nur in der Lichtwirkung noch blendenderes Spanien geworden. Daß die Konquistadoren nach heimischer Sitte die Wälder zerstörten, hat fast alles andere, was der spanischen Landschaft eigen ist, nach sich gezogen. Die abgeholzten Berge ermöglichen in ihrer Kahlheit alle Lichtbrechungen und Farbenspiele. Überall haben die reißenden Berggewässer in die Ebene mehr als mannestiefe Spalten gefurcht. Die Ackerkrume verweht infolge der Waldverwüstung und Trockenheit zu Staub, der in sämtliche Farben der Landschaft Weiß mischt: das Gebirge leuchtet in allen Tönen vom tiefsten Purpur bis zur Lichtfarbe; bei Sonnenaufgang rote Lichtspiegel inmitten violetter Schatten; später Taubengrau und Orange, Blau und Blaßgelb, Kupferrot und Lila; aber alle Farben sind wie mit Milch getränkt. Man weiß aus gleichzeitigen Berichten, in wie kurzer Zeit die spanischen Eroberer das dichtbewaldete Tal von Mexico abgeholzt haben. Eine Rassensitte hat in der Kolonie die beiden wichtigsten Bestandteile des Landschaftsbildes, die Oberflächen-Geologie und das Licht, das heißt die Tonart der Farbenskala, wahrscheinlich radikal verändert und in beiden das Mutterland neu geschaffen. Es ist eine ähnliche, sozusagen psychologische Umformung der Landschaft, wie sie auch einige von Angelsachsen besiedelte Gegenden erlitten haben.

Die Straße, auf der wir reisen, soll vor vier Jahren noch unsicher gewesen sein; damals pflegte man die, die als Briganten erschossen wurden, nachher an den Telegraphenstangen aufzuknüpfen; wer reiste, sah zu seiner Beruhigung die Banditen, die er gefürchtet hatte, halb von Geiern zerfressen oder als Skelette längs des Weges zwischen den elektrischen Drähten hängen. Jetzt ist die Straße erstaunlich belebt; die unsrigen, die von den Eisenbahnen entvölkert sind, können davon keinen Begriff geben. Streckenweise gleicht sie einer langen Kirmes. Trink- und Eßbuden stehen an der Chaussee alle paar hundert Schritt. Ochsenkarren und Reisewagen, Maultiere und Viehherden, Hausierer und Fußreisende, Reiter und Bettler drängen sich fast. Züge von Packeseln kommen des Weges, auf Anruf ihrer Treiber anzackelnd und dann wieder ein Weilchen am Wege grasend; Packwagen zu zehnen zusammen mit dem nötigen Troß an Reitern und Fußknechten, einem unruhigen, farbigen, hin- und hergaloppierenden Schwarm, sind nicht selten; und Männer gehen neben Frauen her, die auf einem Esel reiten, ein kleines Kind im Mantel haltend, wie auf einem alten Holzschnitt der Flucht nach Ägypten. – Sammetbreughel und Callot haben nicht phantasiert. Man lernt hier in der langen Untätigkeit der Kutschreise, die das Lesen nicht zuläßt, mit ihnen den Augen- und Gefühlszauber der Landstraße zu empfinden, den Reiz des Sonnenlichts im Staube, der Helligkeit des Weges inmitten der dunkleren Kulturen, der bunten Bewegung der Farbenflecke, die Menschen sind, und schwarz und violett, blau und gelb, rot und weiß, soweit das Auge reicht, allmählich kleiner werdend, durcheinander zittern und dann in Staub und Licht auf immer verschwinden.

Spät war die Kutsche am Salzsee von San Marcos. Die Gebirgszüge, die diese Lagune umgeben, sind vollkommen kahl; das Wasser ruht auf dem Grunde des Tals dunkel und blank; den Rest der kleinen Ebene bedeckt eine Kruste von Salz und Sand. Der Ort vereinigt die dreifache Melancholie des Wassers, der Wüste und des Dunkelvioletts seiner Berghänge.

Auch unser Nachtquartier, Zacoalco, liegt an einem Wasser, aber umgeben von Baumpflanzungen, die sich mit den Bergen zusammen im See spiegeln. Die Landschaft ist wie die am Lago Maggiore, doch alles weiter, dunkler, ernster.

Atenquique, 29. Dezember 1896.

Unser erster Ausspann war heute am Wirtshaus ›Las Batallas de la Vida‹, Les Batailles de la Vie. Herrn Ohnet gebührte ein Platz unter den hiesigen Kneipenschildern. –

Hier auf dem Lande bestimmen nicht nur die gotischen Bauregeln den Organismus der Gebäude, sondern bis heute noch auch gotische Formen ihre Ornamentation. In Sayula, wo wir heute zu Mittag gerastet haben, ist eigentlich die ganze Stadt gotisch, von den modernen, in einem naiven lokalen Spitzbogenstil errichteten Arkaden des Hauptplatzes bis zur mächtigen alten Franziskanerkirche, der ›Iglesia del Tercér-Orden‹, die, von Dattelpalmen umgeben, mit ihren finster verschlossenen Formen die Stadt überschattet. Es gibt sogar eine sehr saubere gotische Apotheke und einen alten, mehr malerischen gotischen Maultierausspann, dessen Spitzbogen ganz unter blühenden Geranien verschwinden. An der Franziskanerkirche ist eigentlich nur ein nicht sehr großes Eingangsportal barock. Das Innere ist einschiffig mit einfachen gotischen Mauerpfeilern. Draußen steigen schwere, burgartig massive Strebebogen direkt vom Erdboden zum Dachsims auf und bilden an beiden Seiten der Kirche eine Art von riesigem Arkadengang, als wären die Seitenschiffe nach außen verlegt. Hier wie in der Hauptkirche des Orts, und wie in Zapopán, Zacoalco, San Pedro, kurz fast überall auf dem Lande, ist der Hochaltar gotisch. Es wirft auf die Stellung des gotischen Stils in Mexico einiges Licht, daß er sich gerade auf dem Lande am Hochaltar erhalten hat; die Gotik war der volkstümliche Faktor, aus dessen Mischung mit dem von den offiziellen Kreisen importierten Barock der churriguereske Stil der mexicanischen Stadtkirchen entstanden ist.

Die Postkutsche fährt nur bis Zapotlán, das wir heute um zwei erreicht haben. Von da muß man über die Pässe ans Meer hinunter auf Maultieren. Ich habe zwei Maulesel, ein Packpferd und als Burschen einen Mestizen mit, José Rolon Serrano. Die Maultiere sollen in ihrem kurzen, weichen Trab Tag für Tag leicht achtzig Kilometer laufen. – Gegen Abend waren wir schon auf der Höhe des ersten Passes. Gegenüber, hinter dem Bergrücken, der tiefgrün und schwarz den anderen Abhang der Paßschlucht bildet, lagerte das Hochgebirge, Gebirgszüge hinter Gebirgszügen bis zu fernen Spitzen, die rosa und lila im Wolkenrot verschwammen; und dahinter im Westen schien in den klareren Himmelsfernen schon der Widerschein des Meeres. Am Paß selbst steigen die Schneefelder des Nevado und der Krater des Colima-Vulkans auf: Flammen und Eismassen. Zuerst vermischte sich noch das Vulkanfeuer mit dem verglühenden Abendrot; je tiefer aber die Nacht, um so feuriger entzündete sich der Widerschein am Zenit, leuchtete in der Dunkelheit am Himmel wie die Lohe einer ungeheuren Esse, bald hell aufflammend, bald schmutzigrot auf den ziehenden Rauch riesige Gestalten malend. – Wir haben unten in der Paßschlucht Halt gemacht, beim Rancho von Atenquique. Die unteren Paßhänge bedeckt ein dichter Wald, durch dessen feuchte Finsternis die Tiere sich langsam Schritt für Schritt hinuntertasten mußten. Den regelmäßig wiederholten Zuruf des Serrano in der Dunkelheit übertönte allmählich, je tiefer wir hinunterstiegen, um so lauter das Brausen des großen Gebirgsbaches, der sich die Schlucht gerissen hat. Jetzt haben wir auf einige Stunden, bis es hell wird, abgesattelt. Das Rauschen des Wassers und der Gesang zahlloser Vögel erfüllt die Nacht. Ein schwerer, warmer Duft staut sich in diesen Engpaßtiefen. Die Luft ist hier so weich, daß wir auf unseren Schlafmatten am Feuer unter freiem Himmel liegen. Über uns funkelt das Südliche Kreuz.

Von Atenquique nach Colima, 30. Dezember 1896.

Wir sind gegen drei aufgebrochen, um noch vor Nacht die vierundachtzig Kilometer nach Colima zurückzulegen. Bei Tagesanbruch waren wir in der Gegend am Südabhang des Vulkankegels. Der Blick reicht hier vom Höhenkamm der Westkordilleren bis fast an den Stillen Ozean: schmale Täler senken sich zwischen hohen und steilen Gebirgszügen dem Meere zu. Ihre schwarzen und zackigen Felswände ragen nach Süden wie Kulissen hintereinander auf. – Die Talsohlen sind flache, reiche Alluvialebenen; das durch reißende Gewässer vom Hochgebirge hinabgespülte Erdreich hat sich zwischen den Bergwänden aufgestaut. Die Mitte dieser fruchtbaren Ablagerungen durchfurcht aber immer wie ein Erdspalt Hunderte von Fuß tief die Schlucht, die der Wildbach sich durch seinen eigenen Schutt und tiefer dringend in den Felsenuntergrund gerissen hat. Die Tätigkeit des Wassers kommt durch diesen sichtbaren Gegensatz ihres schaffenden und zerstörenden Erfolges stark zum Bewußtsein und zeigt, verbunden mit den gewaltigen umgestaltenden Kräften, die im Vulkan erscheinen, hier deutlicher als sonst die Erdoberfläche als etwas Lebendiges, Bewegliches, Werdendes. Die Landschaft erscheint wie die große Leinwand, auf der die Natur noch fortwährend neue Bilder malt. Wie im Anblick der sich dumpf bewegenden Alpengletscher oder des Meeres oder Himmels kommt zur Erhabenheit der Formen das Göttliche der sichtbar schaffenden Weltenkräfte hinzu, die zum Gemüt wie Verwandte sprechen. Hier sind die beiden Bestandteile des landschaftlich romantischen Empfindens; und diese Gegend vereinigt sie in seltener Stärke. – Achtmal haben wir zwischen Zapotlán und Colima die tiefen Schluchten der Gebirgswässer hinunter- und wieder hinaufsteigen müssen. Die Felsenwände schneiden jäh und senkrecht ein in reiche Kulturen. Aber in der feuchten Wärme der Schlucht entwickelt sich eine andere, natürliche, üppige, jetzt mit Blumen bedeckte Pflanzenwelt; und Singvögel und Papageien nisten in den Zweigen. Oberhalb des Dorfes San Geronimo sind wir endlich aus diesem Schluchtenlabyrinth herausgekommen. Unten lag mit ihren Kuppeln und Türmen die Stadt Colima marmorweiß auf einer grünen, von Höhenzügen umschlossenen Ebene. – In ihrem Tal fließen die Gebirgswässer tiefblau an der Oberfläche; Kokospalmen und blühende Bäume stehen wie in einem Garten auf saftigen Wiesen; ein Duft wie von Tuberosen weht bis ins Gebirge her.

Colima, 30. Dezember 1896 bis 1. Januar 1897.

Überall sind hier Kokospalmen. Selbst die einstöckigen bunten Häuschen der Stadt beschattet zwei- oder dreimal so hoch wie ihre niedrigen Ziegeldächer ein Wald dieser Palmen. Durch ihre Kronen blickt in alle Plätze und Straßen scheinbar ganz nah der große Vulkan. Sein Aschenkegel ist fast weiß und steht in der klaren Morgenfrühe wie glanzloses Silber am lichteren Himmel. Der Reichtum des Tales sind seine fließenden Gewässer. Den Ort durchtost ein großer Gebirgsfluß in Strudeln und Stromschnellen. An den Brüstungen der Brücken sind Steinbänke, auf denen man abends, wenn keine Musik auf der Plaza ist, dem Rauschen des Wassers zuhören kann; die Gespräche der Nachbarn und die Schritte derer, die vorübergehen, sind so leise, daß sie kaum die vom Geräusch des Stromes erfüllte Stille stören. Der Flußwind weht Kühlung und den Nachtduft der Gärten zur Stadt herein. Und unten baden Kinder und Frauen: weiß im Mondenschein.

Die Frauen sind hier von einer glühenden Schönheit; der neapolitanische Idealtypus, der in Neapel so selten ist, kommt hier wirklich und oft vor. Was die Italiener ›Morbidezza‹ nennen, die wie vom Fieber erschlaffte Glut der großen, tiefgeränderten Augen, gibt dem Gesicht den Charakter; und dem Gesichtsausdruck entsprechen, wie man sagt, die Sitten.

Manzanillo, 31. Dezember 1896.

Eine kurze vereinsamte Bahnstrecke verbindet Colima mit dem Hafenort Manzanillo am Stillen Ozean. Die See ist an dieser Stelle der Küste in ein kleines Gebirgstal eingedrungen, dessen Rundung das Wasser, kaum vom Winde berührt, leise rauschend füllt. Ringsherum fangen am Strandsaum gleich Wald und Hügel an, hinter denen das Hochgebirge wild zerklüftet emporsteigt. Der Ort liegt zwischen diesem Wasserspiegel und einem großen Bergsee auf der Einsenkung eines Hügelrückens wie ein Sattel.

Seine leichten Holzhäuser dehnen sich nach beiden Gewässern hinunter; ihre Bretter sind von der Sonne geschwärzt, trotz der Kokospalmen, die über ihnen ihre Kronen breiten. Den Ozean sieht man nicht; nur seine Brandung gegen das Außenriff tönt wie ein tiefer Baß zum helleren Rauschen der Hafenwellen. Die Landschaft erinnert an italienische waldumschlossene Meeresbuchten; doch ist das Gebirge hier wilder und mit Wald bewachsen dunkler; der Himmel tiefer; und das Blau des Wassers noch zarter und klarer: bis weit draußen sieht man darin die großen Fische, die Haie und Delphine, wie in Kristall schweben. Im Orte leben etwa achthundert Familien, die ihren Unterhalt auf die eine oder die andere Weise an den im Durchschnitt viermal im Monat anlegenden Schiffen verdienen. Die Männer fischen oder helfen beim Ein- und Ausladen von Waren. Die Sitten der Frauen sind wie an der ganzen Westküste! Und das Leben kostet fast nichts. Es gibt Männer, die jährlich bloß zwei Monate, das heißt etwa acht einzelne Tage, arbeiten und davon leben. Die Natur bietet hier ohne Arbeit das Notwendige: und das Klima tut das übrige, um die Menschen schlaff und wunschlos zu machen. – Für Europäer bedeutet der Aufenthalt den fast sicheren Tod. Die Luft bleibt selbst im Schatten immer schwer und warm; das Meerwasser umfließt einen, wenn man badet, wie lauer Balsam; ein feuchter Dunst steigt fortwährend aus der Lagune auf und schwebt vor allen Fernen wie ein Schleier von zitterndem Gold und Blau. – Wie die Sünde den Augen der Frauen hier ihre lockende Tiefe zu geben scheint, so leiht das Fieber der glühenden Schönheit der Landschaft einen nicht in Worte zu fassenden, dämonischen Reiz.

Tonila, 1. Januar 1897.

Gegen Abend sind wir von Colima zum Rückritt aufgebrochen. Im Gebirge ziehen heute zur Feier des Tages die Packträger betrunken und revolverknallend ihres Weges; in der Dunkelheit an den Wegebiegungen klang es wie Banditenüberfälle.

Wo wir übernachten, war ganz spät noch auf dem Marktplatz Serenade: zu Gittaren schwermütige Volksgesänge in Moll. In Europa kennt man davon nur die ›Paloma‹. Vieles mag auch nur mündlich überliefert sein; vielleicht lebt darin wie in der mexicanischen Gotik und Töpferkunst manches Altspanische, Alteuropäische, das im Mutterlande längst verklungen ist; Landsknechts- und Konquistadorenlieder, die mit dem Kreuz und dem Scheiterhaufen von jenseits der Meere kamen; oder vielleicht Reste von uralten indianischen Weisen, die wie die heidnischen Ornamente der Volkstöpfer von Guadalajara in die christliche Zeit sich gerettet haben; Lied und Ornament sind gleich zäh, ja unausrottbar. In der Neujahrsnacht klingen die weichen, einstimmigen Mollmelodien melancholisch und heimwehschwer zur Gitarre.

Sayula, 2. Januar 1897.

Heute kam unter dem Vulkankegel ein junger, merkwürdig dunkler Indianer auf einem mageren Schimmel an uns herangetrabt und erbat, da sein Diener beim nächsten Dorf zur Heimreise umkehre, die Erlaubnis, sich uns anzuschließen. Er komme sechs Tagereisen durch das Gebirge her und reite nach Guadalajara auf die Universität. Da er Student und offenherzig ist, habe ich im Laufe des Tages den Inhalt seines Geistes ausgepackt und notiert. Von spanischen Autoren kennt er nur Castelars bändereiche liberale Umwertung der Weltgeschichte. Don Quichotte steht zu Hause im Schrank, aber ungelesen. Engländer kennt er nicht. Von Deutschen dagegen Moltkes Kriegsgeschichte, die aber trocken sei, und Nordaus ›Lügen‹. Er war erstaunt, daß Nordaus Werke bei uns nicht als große Literatur gelten. Gehört hatte er von ›Don Carlos‹, Kant und Hegel und vom zweiten Teil des ›Faust‹. Seine wahren Lehrer aber sind die Franzosen, etwa die, die vor fünf bis zehn Jahren in Frankreich den Ton angaben: Renan mit seinem ›Leben Jesu‹, Victor Hugo mit seinen Dramen, Alexandre Dumas der Sohn, dessen Stellung zur Ehe er bewundert, und Zola, an dem ihm die Kirchenfeindschaft gefällt; von Taine hatte er kaum gehört; er scheint für hier zu positiv und grau, nicht genügend ›liberal‹. Außer diesen Büchern bevölkerte seine Phantasie natürlich alles, was einmal in Paris aktuell war: die Patti, die Marsbewohner usw. Auch die nichtfranzösischen Dinge faßt er französisch auf. Ich dachte an das, was L., ein gebildeter Franzose, mir neulich sagte: das moderne, d. h. das nichtkirchliche Mexico sei nur der Sprache nach spanisch, geistig dagegen französisch. – Vom Präsidenten meinte der Student: »Es muy asasino – Er ist ein großer Mörder.« Es lag darin naive Bewunderung, Ironie, kein Haß.

Gegen Mittag waren wir wieder am Engpaß von Atenquique. Neulich hatte ich ihn nur in der Dämmerung und nachts beim Lichte des Vulkans gesehen. Bei Tage ist er weniger malerisch-romantisch, aber dafür als Stück sichtlich erst werdender Natur um so gewaltiger. Der Gebirgsstock ist im Zickzack durch Wasser und Feuer mittendurch gespalten. Der Riß steigt in großen Kreuz- und Querzügen durch Felsenmassen auf. In der Tiefe sind Wälder und Dörfer mit Wiesen und Viehtriften. Die Basaltwände ziehen zu beiden Seiten parallel einander gegenüber und völlig senkrecht hin; der Felsen tritt, wo eine Ecke ist, wie ein Küstenriff, mit blanken Wänden, aber waldgekrönt vor. Man verfolgt den Spalt in seinen Windungen hinauf bis ganz fern an den Fuß des Vulkankegels. Immer wieder ragen hinter den vorderen Felsenwänden jäh abstürzende entferntere auf, wie Stufen, die zu den Vulkangipfeln emporführen. Der Stein geht in Asche, und die Asche in Rauch und dann in Wolken über. Was sonst nur in der Pflanze, im Tiere, in Körper und Gesichtsausdruck des Menschen erkennbar ist, erscheint hier im gewaltigsten Maßstabe auf dem Antlitze der Natur: die werdende Form, die Schöpferkraft der sich selbst schaffenden Welt.

Die Nacht verbringen wir in Sayula. Es war schon Abend, als wir einritten. Auf den Plätzen des Orts brannten wieder überall, wie gestern in Tonila, lichterloh die Freudenfeuer. Einige Gruppen hockten an der Flamme unter den Palmen eines Gartenplatzes und sangen leise Lieder in Moll. Durch Kneipenfenster leuchteten im Tabaksqualm die bunten Ponchos und die silbernen Ohrringe von Maultiertreibern. Ich habe die Franziskanerkirche noch einmal sehen wollen. Sie steht abseits von den heute erleuchteten Straßen mit ihrem mächtigen Pfeilerkranz im Dunkeln. Das Innere war nur schwach erhellt und fast leer; ein Beichtstuhl noch besetzt, und vor dem Altar einige betende Männer sowie zwei Frauen, die mit einem Kinde in ihrer Mitte knieten; der Kleine sprach ganz schnell die Gebete nach, die die beiden Frauen leiser murmelten; es war kein anderes Geräusch in der Kirche; zum Schluß hob die eine das Kind auf und ließ es Christi Knie, die blutigen, hoch am Kreuze küssen; dann entfernten sich die drei, die beiden Frauen und das Kind, Hand in Hand. – Im niederen Volk gibt es kaum einen Mexicaner, der nicht jeden Tag seine Andacht in der Kirche verrichtet und zu fest bestimmten Zeiten beichtet. Liberalismus und Unglaube sind hier noch aristokratisch; mein Student ist auf sie stolz. – Es ist nicht abzusehen, welche Veränderung in den Nachwirkungen aller Erlebnisse es hervorrufen muß, wenn einer sie Tag für Tag durch Gebet und Beichte ihrer Bitternis zu entkleiden vermag; und das von Kindheit an; ohne Kampf und ohne Zweifel alles in regelmäßigen Zwischenräumen im Himmel verziehen und deshalb auch aus dem eigenen Innern wie ausgelöscht. Unser Gemüt ist durch Generationen von selbstmarternden Vorfahren vielleicht krankhaft empfindlich geworden; wir werden schon so geboren, daß jede Berührung der Außenwelt länger und tiefer als bei den Menschen hier im Inneren unserer Seele fortschwingt. Ein kurzes Gewissen und stumpfe Nerven, das ist mexicanisch.

Guadalajara, 4. Januar 1897.

Wir sind heute mittags um ein Uhr hier angekommen; diesmal den ganzen Tag zu Pferde; die kleinen struppigen Tiere sind die dreihundert Kilometer durch Hochgebirge in dreimal vierundzwanzig Stunden gelaufen.

Guadalajara, 8. Januar 1897.

Heute nachmittag hat mir L. die Infanteriekaserne und das Gefängnis gezeigt. Sie ergänzen einander, da das System Diaz die kräftigsten Verbrecher der Armee zuteilt, statt sie im Gefängnis zu belassen. Man bekommt schwer Auskunft, ob und wie die Beimischung der Sträflinge den übrigen Ersatz im Heere demoralisiert; namentlich da auch dieser gewaltsam in entlegenen Dörfern oder aus dem Proletariat der großen Städte gepreßt wird. In Offizierkorps sollen die Banditen, die Diaz hineinbefördert hat, ganz tüchtig sein; ja, klubfähig. Eine moralische Ansteckung scheint man hier wenig zu befürchten, aus verschiedenen Gründen; unter anderen, weil eine Berufsarmee, im Gegensatz zu den modernen europäischen Heeren, Zeit und Gelegenheit hat, durch andere Bande als die allgemein menschliche Moral zusammenzuwachsen; und dann weil das Handeln hier überhaupt weniger von einem inneren Gesetz als von äußeren Einflüssen und Strafen bestimmt wird. Jedenfalls hält die Armee, wie sie rekrutiert wird, die Ordnung im Lande wirklich aufrecht; zum Teil gewiß durch die Ley-Fuga-Tötungen.

Der Oberstleutnant, ein liebenswürdiger, älterer Mann, zeigte uns selber seine Kaserne, ein altes Franziskanerkloster.

Die Räume sind groß, hoch, wohlgelüftet und sogar sauberer als meistens in Europa; hauptsächlich weil es keine Türen und kein Mobiliar gibt, vor allem weder Schränke noch Betten. Der Mann schläft auf der Erde; sein Zeug hängt an Nägeln, die Waffen stehen an offenen Ständern, und er wäscht sich und badet draußen in einer dichten Bananenallee. Nur für die Offiziere ist das Brausebad in einer früheren Klosterzelle. Überall ist elektrisches Licht; in den Mannschaftssälen brennt es die ganze Nacht.

Eine Folge der Rekrutierungsweise ist, daß es den Soldaten verboten ist, einzeln auszugehen. Sie haben, was wir ›permanenten Kasernenarrest‹ nennen. Zweimal in der Woche führt man sie zugweise in Reih und Glied in die Stadt oder zum Stierkampf; sonst läßt man sie nicht hinaus. Dafür ist von ihnen so gut wie keiner ledig; ihre Frauenzimmer, die den Tag über nicht in der Kaserne bleiben dürfen, ruft abends ein Signal. Wir waren gerade um sechs da, als es geblasen wurde; in ganzen Scharen kamen Weiber mit Schlafmatten, Kindern und Essen herein. Bei der Reveille müssen sie hinaus. Sie ersetzen im Kriege den Train; während die Männer kämpfen, sorgen sie für den Nachschub; angeblich ausgezeichnet. –

Im Gefängnis diente uns der Dichter Gutierrez als Führer, der zum Tode verurteilt ist und wahrscheinlich in den nächsten Tagen erschossen wird. Innerhalb der Anstalt läßt man ihn frei, und da er ein Bekannter von L. ist, so bot er sich uns als Begleiter an. Er erschien mir, abgesehen von der ›Aktualität‹ seines Verbrechens, als Mensch und als Exemplar seiner Rasse ungewöhnlich interessant.

Er ist wegen Meuchelmordes verurteilt. Geldfragen, Erbschaftsstreitigkeiten hatten ihn mit seinem Schwager verfeindet; die Erbitterung war im Wachsen, da wurde vor vier Jahren der Schwager in Sayula, während Gutierrez in ihrem gemeinschaftlichen Hause in einem Nebenzimmer saß, getötet. Ein Bandit gestand bald darauf den Mord, gab aber an, er sei von Gutierrez um achtzig Taler gedungen. Der Indizienbeweis scheint diese Aussage zu bestätigen. Gutierrez soll sogar geplant haben, den Banditen selber bei der Mordtat sozusagen in der Notwehr umzubringen, nur ein Zufall dieses verhindert haben.

Vor diesem Abenteuer hat Gutierrez Lieder gedichtet, die volkstümlich geworden sind; sentimentale und sarkastische Sachen, die zwischen dem Bänkelsängerstil und Heinrich Heine stehen. Jetzt verteidigt er seit drei Jahren seinen Kopf gegen den Scharfrichter ebenso kaltblütig, wie er den Mord seines Schwagers entworfen und vollführt hat. Vor kurzem war ihm seine Hinrichtung für den nächsten Morgen angezeigt; er kam in die Armsünderkapelle; mußte dort eine ganze Nacht bleiben, um am nächsten Morgen zu sterben; im Morgengrauen kam ein Aufschub. – Weder diese Stunden noch die Jahre, die er im Gefängnis Tag für Tag auf den Tod wartet unter rohen, schmutzigen Gesellen, oder noch schlimmer mit sich selbst allein, scheinen die geringste Spur hinterlassen zu haben; die Erlebnisse sind über seine Persönlichkeit wie Schatten über einen Stein hingegangen. Er ist als verurteilter Mörder ein hübsch reimender, gewandter Weltmann geblieben: mit guten Manieren, langsamen, vornehmen Bewegungen und einer Schlagfertigkeit, die scheinbar nie versagt. Er hat durch seine weltmännische große Art, trotz der Häßlichkeit seines Falles, eine Sonderstellung im Gefängnis. Als Diaz vor kurzem die Anstalt besichtigte, hat der Mörder Gutierrez ihn im Namen der Gefangenen begrüßt. Er soll dieses, ohne jede Anspielung auf sein Todesurteil, mit vollendetem Takte getan haben. Nach der Art, wie wir heute von ihm unterhalten wurden, hege ich daran keinen Zweifel. Er führte uns und erklärte die Anstalt ruhig und ohne Schauspielerei, man könnte sagen: wie ein Gentleman sein Haus. Vor allem vermied er sorgfältig den billigen Panzer der Ironie. Über seinen Fall sprach er, als L. ihn darauf brachte, vollkommen sachlich: nicht zu kurz, als ob ihm das Thema peinlich wäre, und nicht so ausführlich, daß es uns hätte langweilig werden können. Seine Unschuld betonte er nicht, das fände er wahrscheinlich geschmacklos; sondern erwähnte nur beiläufig, der Staatsanwalt habe ihm nichts nachgewiesen. Im übrigen, sagte er, hoffe er noch fest auf die Gnade des Präsidenten; und sei er schuldig, nun dann: wer den Mut habe, ein Verbrechen zu begehen, müsse auch den Mut haben, die Folgen mit Gelassenheit zu tragen. Er machte sogar einen Taktfehler von F. wieder gut. Gutierrez selbst hatte sich einen Augenblick, wie unter guten Bekannten, gehenlassen und gefragt, ob wir nicht auch fänden, daß es im Auskosten der tiefsten Verzweiflung eine Art von Genuß gäbe, der der Freude gleiche und den Schmerz durch den Schmerz selbst tilge. F., der Kurzwarenimporteur ist, erwiderte vorschnell, er wisse das persönlich nicht; »denn ich war in meinem Leben bestimmt noch keinen Augenblick unglücklich!« Darauf wurde es peinlich still, bis Gutierrez selbst sich lächelnd F. zuwandte: dann ginge es ihm wie dem General Mejía, den Kaiser Max am Abend vor ihrer Hinrichtung scherzend fragte, welcher Anzug für einen zum Tode verurteilten Feldmarschall oder Kaiser Vorschrift sei? Worauf Mejía: er könne darauf Seiner Majestät nicht Antwort geben, denn ihm sei noch nie die Ehre geworden, erschossen zu werden.

Bei Gutierrez gehen die Wurzeln eines merkwürdigen Einzelcharakters deutlich in den Boden der Rasse zurück. Die Unempfindlichkeit und das kurze Gewissen des Mexicaners wachsen bei ihm ins Dämonische.

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