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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Sechstes Kapitel.
Gibbich wird vertrieben

Weicher Wind aus Südwesten hatte sich in der Nacht erhoben, er wehte mit stündlich steigender Gewalt, leichte Regentropfen trieb er vor sich her, er brauste im Buchenwald, Sarbodesdorf gegenüber, und überzog die grauen, kahlen Äste mit schimmernder Feuchtigkeit, der Schnee schmolz vor seiner Wärme wie Butter in der Pfanne. Am schroffen Heiligenstein schauten die runden Moosbüschel wieder aus der schwindenden, weißen Decke hervor. Der alte Berg schlürfte behaglich die strömende, tropfende Nässe ein und dunstete einen Erdduft aus, der schon wie eine Vorfreude des kommenden Frühjahrs anmutete.

An Gibbichs Klause, die sonst eine Stätte der Sammlung und des Friedens war, ließ sich lautes Getöse von bewaffneten Männern, Rufen und Lärmen vernehmen. Die beiden Raben hingen mit gesträubtem Gefieder in der Luft, sie stießen heisere, krächzende Schreie aus, als ob sie unten bei dem Waldkirchlein Entsetzliches gewahrten.

Da standen in einem weiten Halbkreise um die Klause herum mehr als fünfzig Männer in Brünne mit Schwert und Schild, vor ihnen aber hielt Waltram von Bettingen, über seine Schultern zog sich eine Purpurdecke, reich mit goldenen Tiergestalten bestickt, die stammte aus der Normannenbeute an der Dyle. Sechs goldene Ringe waren an seinem Finger aufgereiht, und auch sein Wehrgehäng und der Ringelpanzer schimmerten von Silber und edlem Gestein.

Wieder rief Waltram mit kreischender Stimme: »Heraus, Einsiedler, aus deinem Versteck!«

Da trat Gibbich zwischen den Felsbrocken hervor, zur Reise gegürtet, den starken Speer in der Hand, seinen grauen Mantel um Schultern und Kopf gelegt.

»Was heischest du, Waltram von Walsdorf, von Gibbich dem Alten?« fragte er den Ritter. »Seit wann ist es nötig, fünfzig Männer aufzubieten, um einen alten Waldwanderer aus seinem Obdach herauszurufen?«

»Gibbich, steh Red und Antwort dem, in dessen Hand dein Leben liegt.«

»Mein Leben, du wilder Waffenträger, hält die Hand des Himmelsherrn, dem ich befohlen bin, nicht die deine.«

Überirdisch klar leuchtete das Auge des greisen Sehers dem Trotzigen entgegen, der aber rief: »Dein Stolz, Gibbich, wird gebändigt werden, deine Zunge wird still werden, bitten wirst du mich um einen Bissen erbärmliches Brot!«

»Der Himmelsherr wird mich nähren und kleiden, siehe, sein Atem schmelzt schon den Schnee!«

Unter dem feurigen Blick des Alten bogen die Augen des rohen Ritters ab, und ärgerlich sprach er: »Nicht um lange mit dir zu reden, bin ich gekommen; ich frage dich, Gibbich, warst du es, der im grauen Bettlermantel auf Burg Neroth Rotmar von Mürlenbach besuchte und ihn warnte?«

»Seit wann, Waltram von Walsdorf ...«

»Auf Bettingen wohn' ich, was nennst du mich nicht so?« unterbrach ihn der andere polternd.

»Ich nenne dich, wie ich will, Waltram von Walsdorf! Seit wann, sage mir, bist du ein Richter, daß du mich ausfragst wie einen Eidbrüchigen? Aber ich stehe dir Antwort, weil ich es will: ja, ich war der Bettler im grauen Gewand, ich warnte Rotmar, daß er nicht blind in die Hände des dreifachen Lügners laufe!«

Da wandte sich Waltram zu den Seinen: »Ihr hört es,« schäumte er, »der Einsiedler sagt es selbst, er hat mich beschimpft, er hat meine Pläne zuschanden gemacht, auf, an die Arbeit, haut nieder seine Hütte, zerstreut seinen Besitz im Walde, laßt keinen Balken am andern!«

Gierig einer Beute stürzten die Leute auf die Klause, die Äxte, sonst zum Streit geschliffen, krachten auf den Stämmen; alles wühlten sie um, das Unterste kehrten sie zu oberst. Als sie in der Hütte keine Schätze gefunden, umsonst das Moos auf den Bänken und die Reisigbündel in der Ecke aufgewühlt hatten, stürzten sie sich auf das Kirchlein, bald sanken manche von den grünen Tannen, die seine Seitenwand bildeten, knisternd nieder, und helleres Tageslicht flutete in die beschauliche, kleine Betstelle. Wohl umflorte sich Gibbichs Blick, aber er blieb stark und sah schweigend zu, wie sein Wohnplatz verwüstet wurde.

Ein höhnisches Lachen spielte um den breiten Mund Waltrams, als er sprach: »Ich werde dich nicht anrühren, Gibbich, frommer Einsiedler vom Heiligenstein, der heimlich des Klosters Pläne durchkreuzt!«

»Des Klosters Pläne nicht, sondern deine, Waltram!«

»Und wenn es meine wären, gut, ich werde dich nicht anrühren, aber ein Ausgestoßener sollst du sein! Wer dich aufnimmt in sein Haus, den wird mein Schwert zu Tode treffen, und wer dir Brot gibt, den werde ich erschlagen mit meiner Hand, und wer dir weiterhilft, den werden meine Knechte erstechen, friedlos sollst du wie ein Wild im Walde weilen, bis der Hunger dich tötet und Wölfe dich verzehren!«

Da hob der Alte die Rechte wie segnend, und mildes Licht strahlte von seinem Antlitz: »Ein Waldgänger soll ich werden, Waltram von Walsdorf, und bin es schon seit Jahren! Kenne ich nicht den Frost und den nächtlichen Sturm im Gebüsch und des Regens Rieseln auf dem Gestein, bin ich nicht wie ein Wild im Walde, schon jahrelang? Und glaub mir, Waltram, und ihr anderen hört es auch, glaub mir, kein Wild ist so friedlos als du in Goldbrünne und Purpurschmuck, kein Wolf hat so böse Gedanken als du!«

An seine Stelle gebannt, reckte der Angeredete die Faust vor; da entstand ein Krachen, den vielen Axtschlägen nachgebend, stürzte das Dach der Klause ein, grelles Schreien erhob sich unter dem Gebälk, die Hinzuspringenden fanden Anko, einen jungen Knecht, totenblaß unter der Masse begraben. Furchtbar gellte sein Wehlaut, als sie ihn hervorzogen, in der Gier nach Schätzen war er unachtsam im Innern geblieben, da schlugen ihn die Blöcke zu Boden, und sein rechter Fuß hing lose am Beine.

Schon kniete Gibbich, während die Kriegsschar verstört herumstand, neben dem Verletzten, er untersuchte seine Wunden, mit trockenem Moos stillte er die rinnende Blutwelle, dann band er vorsichtig zwei Tannenlatten rechts und links an den Fuß, damit er nicht schwanke, Tücher schlang er um den Bruch des Knochens und wies die Krieger an, wie sie den Verletzten zu menschlicher Wohnung tragen sollten.

Dann stand Gibbich auf: »Dieses Menschen Wehgeschrei, Waltram, erschüttere dich, schau in dein Herz und schäme dich! Deine Pläne kenne ich, deine Absichten liegen offen vor mir wie eine Schrift auf dem Pergament. Du willst Rotmar knechten, dann Burkhardt niederzwingen, und dann ...« Ganz nahe schritt der alte Einsiedler auf den mürrischen Ritter zu, flüsternd fuhr er fort: »... und dann weißt du, daß ein schwerer Goldschatz gesammelt ist und zu Prüm in der Abtei in guter Hut liegt, zum Wiederaufbau der Kirche bestimmt, in fleißigen Jahren gesammelt, danach gelüstet dich, nicht Rotmar, nicht Burkhardt, der Mönche Goldschatz ist dein Ziel.«

Aschfahl stand Waltram da, stotternd versuchte er zu reden, kein Wort brachte er hervor; aber schon war der Einsiedler, ohne seine zerstörte Klause noch einmal anzusehen, hinter den Tannenhecken verschwunden.

Stärker erhob sich der Sturm, niedrig trieben blasse Wolken hin, dichter wurde der Sprühregen. Außer dem Stöhnen des jungen Anko hörte man nur unterdrücktes Murmeln der Kriegsleute, welche eine Trage nach der Angabe Gibbichs zusammen banden.

Da kamen plötzlich dumpfe Schritte den Berg hinan, Waltram, noch verwirrt von den gewaltigen Worten Gibbichs, die den verborgensten Winkel seiner Seele nach außen gekehrt hatten, wandte sich um und sah sich dem Vogt von Prüm gegenüber.

Roher Menschen Beschämung findet ihren Ausweg in ungerechter Wut; so fuhr Waltram den Ankommenden an: »Seit wann ist es nötig, daß Burkhardt von Sarbodesdorf seinen Verbündeten nachschleicht, um ihre Taten zu bewachen?«

Burkhardt, atemlos noch von dem schnellen Aufstieg, sah sich um, während sich seine beiden Begleiter gleichfalls erschreckt näher herandrängten.

»Wer hat die Klause unseres Waldbruders zerstört?« fragte er in hellem Zorn.

»Wer nur zwei Knechte bei sich hat, fragt besser weniger scharf,« entgegnete Waltram höhnisch, »ich tat es!«

»Und wer gab dem Waltram von Bettingen das Recht dazu?«

»Waltram nimmt sich das Recht, dessen er bedarf, er fragt nicht lange!«

Blitzartig zuckte die Rechte des Vogtes nach dem Schwerte, dann aber besann er sich, er dachte an die Fehde mit Rotmar, an das Wohl des Klosters, an alle Folgen eines offenen Streites mit Waltram. Darum drehte er sich mit einem langen Blick auf die verwüstete Klause um und stieg wieder bergabwärts.

Als er einige Schritte getan, wandte er sich noch einmal und sprach ernst und eindringlich: »Waltram von Bettingen, zu Prüm im Kloster im Kapitelsaale steht des Abtes Hochsitz, da werde ich Klage führen gegen den, der ohne Not eines friedlichen Mannes Wohnsitz zerstören ließ durch seine Knechte!«

Dann aber verfolgte Burkhardt seinen Weg weiter und überdachte, daß er den Mönchen in Prüm von der Tat Nachricht geben wolle.

Waltram aber schaute dem grauköpfigen, erbitterten Ritter hohnvoll nach, bis ihn das Stöhnen des Verwundeten aufstörte.

»Anko,« rief er, »schweig mit deinem Flennen, sei froh, daß dir das Gebälk deinen dicken Schädel nicht entzwei schlug. Und nun abwärts, Leute, unsere Arbeit hier ist getan!«

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