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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Fünftes Kapitel.
In Mürlenbach

Auf einem Berggrat, der sich vom Gebirge am Godesbach vorbei zum Kylltal hinunterzieht, hatten schon die Römer zur Sicherung ihrer Straßen nach Trier eine Festung gebaut, bei der geschützten Lage hatte die Anlage niemals der Bewohner entbehren müssen, und diese Burg Mürlenbach war der Herrensitz gewesen, von dem das gewaltige Geschlecht der Karolinger auszog, um die Welt zu bezwingen.

Nun hausten seit mehr als einem Jahrhundert die Gaugrafen des Karosgaus darin. Der viereckige, römische Turm stand noch, nach der Bergseite war ein breiter Graben angelegt, und ein oft ausgebesserter Mauerring umschloß Turm und Wohnhäuser, auf den Berg zu stark und hoch und mit zwei Eckvorsprüngen versehen, an den drei anderen, jäh abstürzenden Seiten schwächer und niedriger. Ziemlich umfangreiche Hofräume ermöglichten, zu Zeiten der Not sogar manchen Hörigen aus den umliegenden Dörfern mit seiner Habe für kurze Zeit aufzunehmen.

Oben auf der Zinne des Turmes stand Rotmar, neben ihm Dankwart, der Torwächter. Auf der Ringmauer sah man Wachen schreiten, im Hofe unten war rastlose Tätigkeit zu bemerken, da wurden Schwerter gefegt, Schilde durch Querleisten verstärkt, Lederkoller und Helme geflickt.

Der Rauchschlot des Kochhauses dampfte, da waltete Ortrud, die Alte, inmitten der Mägde und schaffte Speise für so viele Mannen; wie ein Wiesel glitt sie hierhin und dorthin, nichts entging ihr, und für jeden hatte sie ein anfeuerndes Wort.

Dankwart schlug an das Wächterhorn, das ihm zur Seite hing, und sagte: »Sieh dort hinauf, da kommen zwei von Birresborn her geritten.«

Rotmar schwieg und ließ den ernsten, umflorten Blick über die verschneiten Höhen und das wie ausgestorbene Dorf Mürlenbach in der angegebenen Richtung gehen.

»Zwei Männer sind es, vielleicht zwei von den vieren, die Isenbrandt nicht heimbrachte von Neroth,« fügte er lebhaft bei.

Aber Dankwart schüttelte das Haupt und entgegnete geschwätzig: »Von denen wird keiner wiederkommen, die sind ruhmlos von Bauernknüppeln zu Tode getroffen, als sie von dem Giftwein getrunken hatten, in bleiernem Schlafe lagen und nun taumelnd auffuhren, da die Flamme um sie zusammenschlug! Eine Woche lang hatten sie gewacht und gedarbt, da stürmten sie ins Tal, um Nahrung zu nehmen, ein Faß Wein fanden sie in der ersten Hütte, wer hätte den nicht getrunken? Ich sicher, und du, Graf Rotmar, wohl auch. Und da war das Hexenkraut hineingemischt oder sonst etwas, wie die Dachse schliefen sie, die Wachen schliefen, Isenbrandt schlief; da ging Burg Neroth in Flammen auf. Heil uns, daß Isenbrandt so viele noch gerettet und uns zugeführt hat!«

Mit traurigem Nicken hörte Rotmar zu.

Unterdessen waren die zwei Ankömmlinge näher geritten, da unterbrach der alte Wächter seine hinströmende Rede und rief: »Ich nehm's auf meinen Eid, so wahr mir Gott helfe, es ist der Blinde vom Kloster und sein Führer Walko, wer sollte den nicht kennen?«

»Geh hinunter, Dankwart, erwarte die beiden am Tor und frage sie nach ihrem Begehr. Sie werden doch nicht bei hellem Tage versuchen wollen, mir im Dorf meine hörigen Knechte aufzuwiegeln?«

Der Alte ging. Rotmar aber, als er allein war, zog das mit dem eingestickten Bilde des Erlösers verzierte Seidentüchlein hervor, das Hildegard bei der Abfahrt im Frühjahr ihm mitgegeben hatte, daß er es auf der Brust trage in der grausen Normannen-Feldschlacht, um Schwerthieb und Lanzenstoß abgleiten zu lassen, wie an einer Steinwand. Er heftete seinen Blick an die großen, starren Augen des Bildes und dachte an seine Verlobte.

»Darf ich noch zu dir halten, Hildegard,« fragte der Sinnende sich selbst, »der ich so verlassen bin vom Glück? Neroth von den Bauern verbrannt, die Dörfer verloren, mein Gau den Feinden preisgegeben! Aber aushalten würde ich, aushalten immerzu, wenn ich nur wüßte, ob du meiner in Treue denkst!«

Nun hielten die beiden Reiter am Graben vor dem eisenbeschlagenen Tor.

»Was ist der Fremdlinge Begehr?« fragte Dankwart mit lauter Stimme.

»Gesandter des Klosters Prüm, Botschaft vom hochwürdigsten Abt Farabert an Rotmar, Grafen von Mürlenbach,« tönte es aus dem Munde des Blinden herüber, »sind auch hungrig und durstig und guter Pflege gewärtig.«

»Einlaß sollen sie haben,« rief Rotmar von der Zinne hinunter; da knirschte es in den Angeln der schwerfälligen Torflügel, und die beiden befanden sich im Burghof, ein Knecht nahm die Pferde, und Isenbrandt ergriff mit einer unterdrückten Gebärde des Abscheus die Hand des Blinden, während er Walko gebieterisch ins Gesindehaus verwies.

Es ging zum Hauptturme und die Treppe hinauf. An der Eile und Ungeschicklichkeit der Führung mochte der Blinde wohl merken, daß ein Fremder ihn geleite.

»Wer ist mein Führer?« fragte er, während sie die Wendeltreppe hinaufstiegen.

Da zeigte der alte Waffenmeister grimmig die Zähne und antwortete: »Ein Freund jenes Niebert, der auch dein Freund war und den du erschlugst, ein Waffenbruder desselben Niebert von der Italiafahrt her ist dein Führer!«

Hug fuhr zusammen und wollte die leitende Hand loslassen.

Aber Isenbrandt sprach gelassen: »Du bedarfst meiner Rechten, wir wandeln an Abgründen vorbei, ein Augenblick, daß ich dich losließe, und deine Knochen lägen zerschmettert in der Tiefe!«

Trotz des Halbdunkels auf der Treppe konnte Isenbrandt sehen, wie Hug erbleichte.

»Mich schützt das Recht der Gesandten, und auch das Gastrecht schützt mich,« murmelte der Blinde unsicher.

»Des Gastrecht hat Bernar, deinen Gesellen, auch nicht geschützt,« fuhr der unerbittliche Alte fort, »als du ihn an deiner Tafel niederstachst, um der Gemahl seines Weibes Friederada zu werden. Weshalb zeiht mich Hug von Lothringen nicht der Lüge?«

Schaudernd schwieg der Blinde, tastete aber eifrig an Wand und Steinstufen, um sich gegen jähen Absturz zu versichern.

»Der Gesandte der Abtei braucht nicht zu tasten und zu fürchten, der alte Isenbrandt ist in Ehren grau geworden, er hat niemals einen Wehrlosen erschlagen.«

Endlich, nach einer Ewigkeit, schien es dem Blinden, kamen sie ins oberste Turmgemach. Das Bratenstück eines Hirsches, Brot und ein Steinkrug mit Wein, auch gedörrte Pflaumen standen auf dem schweren, unbeholfenen Eichentische.

»Setze dich, Hug von Lothringen,« sprach Rotmar.

Da saß der Blinde dem Grafen gegenüber, wie Isenbrandt ihn zurechtschob.

»Greif vor dich auf den Tisch, da ist Trank und Speise.«

»Bist du es, Rotmar von Mürlenbach?« fragte der Gesandte.

»Ja, ich bin es!«

»Nicht will ich den Laib Brot anrühren, solange mein Führer, der mich eben geleitete, in diesen Räumen weilt, er redet von schlimmen Taten!«

Da hieß trotz der Zeichen Isenbrandts der Graf ihn hinuntergehen.

»Ist er weg?« fragte der Blinde nochmals leise.

»Ich ließ ihn gehen,« war die Antwort.

Dann griff der Blinde, über den Tisch fühlend, nach Brot und Fleisch und ließ sich den Kelch füllen.

Endlich redete der Mürlenbacher sein Gegenüber wieder an: »Welche Botschaft sendet mir Abt Farabert durch dich?«

Ein häßliches Grinsen zog bei dieser Frage über das Gesicht des Blinden, seine Oberlippe entblößte dabei die raubtierbreiten Eckzähne: »Farabert, unser Hochwürdigster, läßt dir sagen, du sollst dich mit Haut und Haaren ihm zu eigen geben, dann würde er dich am Leben lassen und dir die Gnade gewähren, am Abend, wenn Waltram von Bettingen, dein edler Waffengenosse, und Hildegard ...«

»Den Namen nimm nicht in den Mund, du Tier,« fuhr Rotmar auf.

Aber schreiend fuhr Hug fort: »Wenn Waltram und Hildegard Brautlauf halten, dann darfst du dabei stehen unter den hörigen Knechten und dem Paar mit der Fackel leuchten!«

Rotmar hatte sich wieder gefaßt, ruhiger sprach er: »Das lügst du, das hat Farabert, der fromme Abt von Prüm, nicht gesagt. Als er noch Lehrer war, ehedem er Abt wurde, war ich sein Schüler, solche Worte hat er nie gesprochen.«

»Glaube es oder glaube es nicht; wenn er gute Worte zu dir sprechen wollte, so hätte er mich wohl nicht geschickt,« lachte der Blinde bitter auf, »der Gute möchte ja auch nur Blutvergießen verhindern; fügst du dich nicht, so werden in einigen Tagen mehr denn zweihundert Gewappnete versammelt sein um Mürlenbach, und dann, lebe wohl, alte Burg! Die Prümer hat schon längst nach dem Bissen der Mund gewässert, dann setzen sie einen Vogt hierher, der heißt Waltram ...«

Der Blinde wartete auf erregte Antwort, finster brütend schwieg Rotmar, er dachte an die Worte Gibbichs.

»Das ist meine Botschaft von Prüm. Hast du sie wohl verstanden, Mürlenbacher?«

»Ich habe verstanden, und sage deinem Abt ...?«

Da unterbrach der Blinde ihn und fuhr fort: »Höre erst noch, Graf Rotmar, was ich, Hug von Lothringen, dir noch sage und rate! Wisse, daß die Prümer Knechte keines rechten Schwertschlages fähig sind, zehn auf einmal fällst du mit deinem Speer. Ackerbauer sind es und Betbrüder, die brauchst du nicht zu fürchten, und wenn es tausend wären, glaube mir, ich kenne sie; lange genug laufe ich wie eine Stallkuh im Klosterhof herum, da merkt man manches, auch wenn man geblendet ist. Essen, trinken, beten und alles, was keine Kraft des Leibes erfordert, viel Schlaf und Gelage, das ist der Prümer Kriegsknechte Tage- und Nachtwerk. Die fürchte nicht. Da ist Burkhardt, und die anderen alten Ritter, das sind Männer, aber zu wenige, um dir zu schaden. Und was Waltram angeht, glaube mir, wenn sich das Fähnlein dreht und du hast einen Sieg, dann kommt er wieder zu dir und ist dein Geselle.«

Mit erschrockenen Augen starrte Rotmar den seltsamen Gesandten an, der sein eigen Nest beschmutzte, aber er schwieg.

Da erhob sich draußen ein Scharren auf der Treppe, und ehe nachdringende Burgleute es verhindern konnten, stand Walko neben seinem Herrn, der aber lächelte ein wenig, als er den bekannten Schritt hörte und sagte: »Recht, Walko, ein guter Hund findet seinen Herrn immer und überall!«

Zu Rotmar gewendet aber bat er: »Laß den Guten neben mir stehen, er ist schweren Sinnes, versteht und behält kein Wort von dem, was wir sprechen.«

»Es sei,« entgegnete Rotmar und winkte den Leuten zu gehen, »aber fahre fort!«

Nun erhob sich der Blinde, auf den Tisch gestemmt: »Es ist nur eine Klemme, Rotmar, du hast nicht genug Leute, sonst könntest du nicht nur Neroth und die Dörfer, noch viel mehr könntest du halten als deinen Besitz, wie der König Arnulf es gewollt hat! Du hast dich auf Waltram verlassen, er hat dich betrogen, ich aber rate dir, verlasse dich auf mich, auf den blinden Hug von Lothringen!«

»Sieh,« fuhr er immer erregter fort, »nur eins möchte ich noch erreichen auf dieser grausigen Welt: mich an den Mönchen rächen, die mich in ihrer zahmen, milden Haft gehalten haben, die mich gequält haben tagaus, tagein mit frommen Worten und Weisungen, als ob ich ein Knabe sei, den sie erziehen müßten! Was duldete ich da, wie knirschte ich nachts in der Zelle. Darum höre auf mich, Mürlenbacher, du weißt nicht aus und ein, gut, ich, Hug, König Lothars Sohn, will dir Genossen holen, mehr als du brauchst, helfen sollen dir gewaltige Schwertarme, den Gau deiner Väter schirmen. Und mehr, viel mehr wirst du erreichen, ein weitgebietendes Reich will ich dir schaffen, in Bedaburg, in Scolinar, in Reginbach, in Flamersheim, überall wirst du in den Pfalzen herrschen, alles wirst du als erblich Lehen aus den Händen deines Königs Arnulf empfangen. Ich werde ausziehen und meinen Freunden gebieten, daß sie herbeikommen und dir helfen, damit das Kloster klein werde und schmelze wie der Schnee vor der Sonne!«

»Und wohin willst du fahren?« fragte Rotmar, bedrückt von der Wucht der Rede, die in dem Blinden schlummerte.

»Fragt der verirrte Wanderer danach, wer ihn nachts über den schäumenden Fluß setzte, fragt der Blinde, wer ihn leitete, fragt der Ertrinkende danach, wer ihn aus dem Strudel zog? Und dir soll ich die Namen derjenigen nennen, die ich zu deiner Hilfe herbeihole? Ich will nicht, Graf von Mürlenbach, und ich werde sie dir nicht nennen, du kannst sie ja wieder wegschicken, wenn du halbverhungert auf deiner Burg sitzt und die Kriegsmacht von Prüm um dich herumliegt Woche um Woche. Waltram ist ein gewaltiger Mann, du selbst weißt es, mit dem kleinen Finger wirst du die Menge der Mannen doch nicht umwerfen können. Aber entschließe dich, die Zeit verrinnt, ich muß von hinnen!«

»Wenn ich wüßte, daß es nicht zu des deutschen Landes Schaden wäre, würde ich trotz allem dich, Hug von Lothringen, bitten. Aber gegen den König keinen Schritt!«

»Gegen den König? Der sitzt in Regensburg und weiß nichts von deiner Not, so frage ihn auch nicht, wenn dich einer aus dem Glutfeuer retten will, in das du selbst gesprungen bist. Leb wohl, Rotmar von Mürlenbach, wir werden uns als Sieger wiedersehen!«

Walko ergriff den Blinden am Arm und führte ihn schnell hinunter zu den Pferden.

Als Hug im Sattel saß, holte er einen wohlverpackten und umschnürten Beutel aus dem Mantelpelz, gab ihn dem Führer, der die aus seiner unerschöpflichen Tasche stammenden, von ihm selbst geknoteten Umhüllungen grinsend empfing. Diese Gabe hieß der Blinde ihn auf den Turm bringen zu Rotmar. Ein Geschenk von Hildegard solle er dabei sagen, dann aber hinunter eilen und, beide Pferde am Halfter, so schnell als möglich auf Prüm zu reiten.

So geschah es. Rotmar nestelte die Verschnürungen ab, seine Hände zitterten und waren ungeschickt. Nach der ersten Umhüllung kam eine zweite, wieder verschnürt, dann eine dritte, schon zerriß seine Faust ungeduldig die umgewickelten Tücher, denn er fühlte kleine, harte Stücke innen verborgen, schließlich fiel das letzte Hemmnis, und heraus kollerte der Ring Hildegards mit dem Karfunkelstein, von harter Zange in zwei Teile gebrochen.

Zum niedrigen Bogenfenster eilte Rotmar, mit gewaltiger Stimme rief er, die beiden Abgesandten des Prümer Kapitels zurückzuhalten.

Vergebens, die waren schon längst in voller Flucht im Walde verschwunden, und als Rotmar, außer sich, zur Verfolgung die Hälfte der Burgleute aufrief, wies ihn Isenbrandt mit Recht auf die Gefahr hin, jetzt, zu einer Zeit, da jeden Augenblick ein Angriff erfolgen könne, die Mannschaft so zu zersplittern.

Da ging Rotmar vom Fenster zurück zum Eichentisch, barg das Haupt im aufgelegten Arme und sann tränenlos, aber verzweifelt darüber nach, wie es möglich sei, daß nun auch Hildegard ihn verlassen habe.

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