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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Viertes Kapitel.
Beim Klausner

Vom Kylltal und dem Geesbache umschlossen, ragt ein jäher Kalksteinberg auf, viele Felszacken trägt er an sich, Klüfte und Schroffen. Ein Urwald von Tannen deckte ihn damals, als Gibbich zwischen zwei gewaltige Gesteinbrocken seine Klause einbaute. Unbehauene Fichtenstämme legte er von der rechten Wand zur linken, die waren das Dach, mit Moos verstopfte er die Lücken, und Binsenbunde ließen den spärlichen Regen, der zwischen den Zweigen der lebenden Tannen oben noch durchtropfte, seitwärts rinnen. Einen Stollen schlug er am hinteren Ende der Behausung in den Fels, das wurde sein Vorratsraum, da hingen sein Jagdspieß und sein Weidgerät.

Neben der Klause aber, am Fuße einer uralten Fichte, entsprang ein klarer Bronnen dem Steingrund, darüber errichtete der Einsiedler eine kleine Hütte Gottes. Die Tannenstämme, die er dazu eingerammt, hatten wieder ausgeschlagen, und so waren Dach und Seiten des Kirchleins immergrün. Das Wasser der Quelle perlte im Gefäße und schmeckte säuerlich; Kranke und Leidende merkten bald, daß eine besondere Heilkraft in diesem Trank ruhe, und drängten sich eifrig herbei; zu den körperlich Siechen gesellten sich aber in kurzem viele, denen die Seele von Trübsal und Trauer belastet war. Sonntags kamen die Leute in Scharen und hörten des Einsiedlers Predigt, keiner ging ungetröstet weg. Vergeblich sprachen die Prümer Mönche gegen diesen Waldgottesdienst, der kirchlicher Weisung nicht ganz entsprach. Umsonst, das Volk nannte den Berg den Heiligenstein und erquickte sich nach wie vor am Zuspruch des alten Gibbich.

Sogar Hildegard, Burkhardts Tochter, ging jeden Sonnabend zu dem Einsiedel und ließ ihm von ihren Frauen Brot, Käse und was sonst not tat in die Klause stellen: dann aber erbaute sie sich an den frommen und doch menschlichen Gesprächen des Alten. Weil sie aber am Sonntage niemals beim Hochamte in der Prümer Abteikirche fehlte, wagten die Mönche und auch Farabert nichts gegen ihren allbekannten Brauch zu sagen.

So stieg sie auch heute durch den Schnee von Sarbodesdorf hinauf, vor ihr her aber schob sich stapfend im Schnee Falada, die würdige Schaffnerin, und bahnte ihrer Herrin einen Weg, der der Breite nach zweimal genügt hätte. Die mühsame Kletterarbeit entlockte der Dienerin manchen Seufzer, denn der tückische Schnee begünstigt das Hinabgleiten schwerer Massen.

Hildegard hatte kein Auge dafür; sie war betrübt, ungewisse Nachrichten nur waren ihr von Rotmar geworden, der Vater hielt sie streng, die Frauen wichen ihr aus, und die vielen Bewaffneten in Sarbodesdorf ließen sie Schlimmes befürchten.

Nicht einmal die beiden Raben, die der erwarteten Spenderin leckerer Hühnerknochen freudig über den weißen Schnee entgegenhüpften, begrüßte sie wie sonst, zögernd schritt sie auf die Klause zu, sie fand sie leer; und während Falada, nach Atem schnappend, den schweren Korb auf eine der Moosbänke stellte, wandte sich ihre Herrin nach dem Kirchlein. Sie sah den Einsiedler im Gebet versunken vor dem derben, mit goldenen Nägeln zusammengehaltenen Kreuze knien, das die Stelle des Altars einnahm.

Er rührte sich nicht, er schien ganz von der Welt abgewandt in anderen Räumen zu weilen; da sank auch Hildegard nieder und sammelte sich, sie flehte um Fürbitte zu den heiligen Martinus und Sebastianus, beides Kriegsleute wie ihr Liebster.

Da wandte sich der Greis mit einer sanften Gebärde um und sprach: »Ich grüße dich, Burkhardts Tochter, in meinem Frieden!«

»Ich weiß nicht, wie ich meinen Weg finden soll, ehrwürdiger Vater, ich dachte, zu frohem Brautlauf sei Rotmar heimgekehrt, und nun ist Fehde. Der Vater schweigt, Bewaffnete kommen und gehen, Waltram von der Bettinger Burg will um mich werben, seine roten Fäuste greifen nach meiner Hand, und der Vater schwur, daß ich niemals Gräfin auf Mürlenbach würde! Ich aber bin Rotmars Eigen, das weiß ich, das sagt mir jede Regung meiner Gedanken! Rate mir nun, Ehrwürdiger!«

»Wer das Herz eines Menschen gewonnen hat,« entgegnete der Einsiedler einfach, »und es sein eigen nennt, der soll es halten, wie er es vermag. Denn nächst Gott ist es das Höchste!«

Da versanken beide in Schweigen.

Draußen erklang unterdessen das oft wiederholte Hupp, hupp, hupp! mit dem Falada die zwei Raben zu locken versuchte. Aber trotz der leckeren Fleischstückchen, welche die Schaffnerin in der Hand trug, immer kamen die beiden schwarzen Gesellen nur bis in ihre Nähe gehupft, dann aber legten sie den Kopf schief, besahen sich mißtrauisch die ungeheure Leibesfülle und flohen wieder schnell mit erstauntem, schnalzendem Laut zurück. Solange, bis Falada beleidigt die Stücke hinwarf und sich abwandte, da pickte das Geflügel zwar die Speise auf, trug sie auf den nächsten Baum, verzehrte sie aber nicht, sondern versenkte sich, nebeneinander hockend, in eine ernsthafte Betrachtung über das Naturspiel eines solchen Körperumfanges.

In der Kapelle konnte Hildegard, vor sich hinblickend, ihre Tränen nicht mehr zurückhalten; als aber Gibbich die Rechte zart auf ihre Schulter legte, blickte sie auf und fragte mit umflortem Blick: »Was soll ich aber tun, wie soll ich nun wählen zwischen Sarbodesdorf und Mürlenbach?«

»Weißt du denn auch, ob Rotmar noch der Deinige ist?«

»Das weiß ich, so sicher, wie ich weiß, daß unter dem Schnee dort Felsboden ist und falbe Rasenbüschel und Moos und daß im Frühjahr das alles wieder grün wird, so sicher weiß ich es.«

»Und weißt du, geliebte Tochter, ob morgen dies winterliche Land noch steht, ob nicht der Untergang drüberhin rast, der Weltbrand, die Normannen, irgendein schrecklicher Feind? Wahrlich, ich sage dir, mir graut, wenn ich an morgen oder übermorgen denke.«

»Und wenn die Flamme und der Feind kämen, nicht zucken wollte ich oder klagen, wenn ich bei Rotmar stände,« rief Hildegard hochaufgerichtet, dann aber schlug eine rote Welle der Scham in ihr Gesicht, und sie barg es in beide Hände.

»Ich weiß es,« begann der Greis wieder, und seine Stimme klang unsicher und traurig, »daß etwas Furchtbares uns droht, mag es uns Alte verschlingen, euch aber, die ihr jung seid, soll der Himmelskönig hindurch geleiten zum Frieden!«

Zaghaft sah Hildegard auf, da milderte sich der düstere Ausdruck im Auge des Sehers, und er sprach: »Ich kann dir nicht sagen, meine Tochter, tue dies und laß jenes; ich kann nur sagen, bete, rufe den Herrn dort oben an und horche auf seinen Wunsch, in deinem Innern wirst du ihn vernehmen, dann handle! Hoch ist des Vaters Wort, hoch ist aber auch eines Menschen Herz, man soll es nicht zertreten für Irdisches! Ich aber will beten, damit dir Erleuchtung werde!«

So sprach er und wandte sich zum Kreuze und kniete nieder. Hildegard aber schritt leise hinaus, winkte Falada herbei und ging getröstet ihrer Heimat zu.

Wieder schritt Falada voran, aber vergeblich suchten ihre Füße auf dem glatten Schnee Halt zu gewinnen, vergeblich schnappte die treffliche Schaffnerin nach den Tannenzweigen, die von rechts und links in den Pfad hingen, unweigerlich geriet sie ins Rutschen, aus dem ein Hüpfen und Springen und Laufen wurde; einem runden Schneeball an Gestalt und Schnelligkeit vergleichbar, sauste Falada talabwärts nach Sarbodesdorf.

Sogar auf das ernste Gesicht Hildegards stahl sich ein Lächeln, als sie die unaufhaltsamen Sprünge ihrer Begleiterin sah, gemessen und sicher verfolgte sie den Weg der väterlichen Behausung zu. Da traten ihr aus dem Dickicht zwei Männergestalten entgegen. Mit einem leisen Aufschrei fuhr sie zurück, zu wild sahen die Aufgetauchten in ihren schneeüberschütteten Wolfspelzkragen aus.

Dann aber, als sie die tastend vorgestreckten Hände des Blinden gewahrte, fragte sie ruhig: »Wen suchst du, Hug von Lothringen, willst du zum Vater Gibbich hinauf, du wirst ihn in seiner Klause finden!«

»Mich gelüstet nicht nach Zwiesprache mit dem Waldmanne am Heiligenstein, ich suche dich, edle Jungfrau. Ich erinnerte mich, wohin am Sonnabend dich der Weg führt, darum wußte ich den Mönch, der mich bis Sarbodesdorf begleitete, um bei deinem Vater eine Botschaft auszurichten, zu täuschen und wartete hier im Tann auf dich!«

Dazu nickte Walko gar wichtig und lachte übers ganze Gesicht.

»Und was begehrst du von Hildegard?« fragte die Tochter Burkhardts beklommen.

»Wir Blinden,« sagte Hug mit schmiegsamer, leiser Stimme, »haben nicht Sonne und Tag, nicht Schnee und Tannengrün, nicht den Anblick schöner Frauen und blinkender Waffen, in grauer Finsternis leben wir, Menschenwort ist unsere einzige Erquickung, Menschenhand, die uns gut ist, einziger Trost!«

Wie suchend griffen die blassen Finger des Mannes nach der Stelle, wo er Hildegard vermuten mußte; weil diese aber ein wenig zurückgetreten war, griffen sie ins Leere. »Ich bin vom Kloster ausgeschickt, Gesandtschaft zu reiten in fernes Land. Damals vor Jahren, als ich noch sehend war, ehe mich der schändliche Kaiser, dessen Name dreimal verflucht sei, blenden ließ durch seine fühllosen Knechte, weilte ich einmal zu Sarbodesdorf, in Burkhardts Herrensitz. Ein Mägdlein sah ich da, zart, im blonden Haarkranz, Hildegard hieß man es. Als Geblendeter kam ich wieder in Burkhardts Hofhalle, wer sprach milde Worte zu mir, als die Wut in mir kochte, wer legte eine sanfte Hand auf meine Hand, als sie sich zur Faust ballte? Hildegard war es!«

Mit Schrecken sah Hildegard auf den Erregten, dessen Augenlider zuckten und dessen Mundwinkel in geheimer Verzweiflung sich verzogen.

»Und nun,« fragte sie verwundert, »was schaffst du heute?«

»Noch einmal, ehe ich ausziehe in die Fremde, möchte ich deine Stimme hören, Hildegard, noch einmal, ehe im Elend draußen mich der Frost vielleicht ertötet, die Sümpfe verschlingen oder feindliche Schar erschlägt, möchte ich den Druck deiner Hand verspüren, damit mir eine Stärke daraus erwachse für den Weg!«

»Hole dir, Hug von Lothringen, Trost bei Gibbich und Wegzehrung bei den frommen Vätern in Prüm, die dich entsandten,« rief Hildegard.

Und als auf eine unwillige Bewegung des Blinden Walko ihn näher an die Zurücktretende geleiten wollte, da sprach diese heftig: »Wage es nicht, du Knecht!« so daß der zottige Führer sich hinter seinen blinden Herrn duckte.

Aber der Blinde ließ nicht ab: »Und hätte ich hundert Augen und sie sollten alle geblendet sein, nicht ruhen will ich und rasten, bis ich das königliche Land meines Vaters wieder beherrsche und meine Feinde vernichtet habe, auf dem Hochsitz will ich sitzen, du aber sollst meine Königin sein, an Mosel und Saar sollst du gebieten, mit deinen Augen will ich meine Lande sehen! Du Hildegard ...«

Mit einem jähen Sprung war der Rasende vorwärts gestürzt auf Hildegard zu, er verfehlte aber die Richtung und griff in das eisbehangene Gezweig der Tannen, dessen nasse Kälte ihn schüttelte.

Wie ein geschlagenes Tier schlürfte er einen Schritt zurück, während sich ein hämischer Zug um seinen bebenden Mund grub.

Schon war die Tochter Burkhardts einige Stufen hinuntergestiegen, da erreichte sie ein Wort des Blinden, das sie augenblicklich wieder stillstehen hieß, »Höre mich, edle Jungfrau, nach Mürlenbach soll ich gehen auf Faraberts Wunsch, ehe ich in die Fremde wandere!«

Schon stand Hildegard wieder neben dem Blinden, atemlos fragte sie: »Sage mir, was sollst du dort? Ich will nicht wissen, was du eben sagtest, nur die Tannen haben es gehört und der Distelfink, der am Dorn klettert, aber sprich, was soll's mit Mürlenbach?«

Während angstvoll des Mädchens Augen an den Lippen des Blinden hingen, gelang es dem, die Hand, die er gesucht hatte, zu ergreifen und festzuhalten.

Mit Aufbietung aller Kraft trachtete Hildegard sich dem eisernen Klammergriff zu entwinden, Hug aber keuchte: »So, werd ich zu Rotmar sprechen, deine Braut denkt nicht mehr an dich, vergessen hat sie dich und lacht darüber, daß du wie eine Ratte ins Rattenloch gekrochen bist, sie spottet deiner, und ihr Liebster ist Hug von Lothringen, der Blinde!«

Da gelang es mit heftigem Schlage der Tochter Burkhardts sich loszureißen, flüchtig enteilte sie ins Tal.

Auf halbem Wege kam ihr keuchend Falada wieder entgegen gestiegen; in Sorge um ihre Gebieterin hatte sie im Tal gewartet, bis sich endlich ihre gute, gemächliche Seele seufzend entschloß, den abscheulichen Aufstieg noch einmal anzufangen.

An diesem Abend aber weinte Hildegard gar sehr, obwohl ihr der Einsiedler doch ihres Herzens Gleichgewicht wiedergegeben hatte, das sogar der Hohn des Blinden nicht stören konnte.

Aber der Ring mit dem Karfunkelstein, den sie immer am Finger trug, das Geschenk Rotmars von Mürlenbach, war wohl bei der Bergfahrt zum Heiligenstein in den Schnee geglitten. Der Finger war leer, und das Kleinod ließ sich nicht finden.

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