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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Erstes Kapitel.
Am Birresborn

Es war im Jahre des Herrn achthundertzweiundneunzig.

Das rauhe Waldgebirge der Eifel lag unter einer dichten, anderthalb Fuß hohen Schneedecke, deren Oberfläche vom hellen Frost der ersten Januartage hartgebacken war. Nun aber trieben graue, schwere Wolken von Westen langsam über die Kämme der Berge. Hin und wieder sanken zarte Flocken, und der Neuschnee häufte sich als ein weicher, dünner Teppich auf die spröde Firnkruste.

Der Kyllfluß ging lautlos unter seiner Eisdecke; wo aber eine Strecke weit die Strömung offen war, blinkte das Wasser matt wie verwittertes Blei aus der milchweißen Umrahmung. Zu beiden Seiten des Tales lagen die Berge müde unterm Schnee, als ob sie sich von den Nordstürmen der Dezemberwochen erholen wollten; nur selten ruderte ein Rabe quer übers Tal, oder von der Dietzenlei und den fernen Hängen her tönte das dumpfe, heisere Geheul eines schweifenden Wolfes.

Von den Bewohnern der Gemeinde Birresborn war wohl an diesem Nachmittag kaum einer in seiner Behausung zu finden. In Gruppen standen die trotzigen, fränkischen Bauern mit ihren Frauen und Rindern, alle in Zottelpelze gehüllt, um den Pfahlzaun des Meierhofes. von feinem Herrensitze Sarbodesdorf war nämlich Burkhardt, der Vogt von Prüm, mit seiner Tochter Hildegard und einigen Knechten hergeritten, um Rotmar, den jungen Grafen von Mürlenbach, den Verlobten Hildegards, der mit König Arnulf in der Normannenschlacht an der Dyle gekämpft und ihn in sein Hoflager nach Regensburg begleitet hatte, würdig zu empfangen und zu festlichem Gelage nach Sarbodesdorf zu geleiten.

Burkhardt war beim Klostermeier abgestiegen und ließ sich nun von diesem die Obstvorräte zeigen, die zur Überführung nach dem mächtigen Kloster Prüm bereit lagen. Er trug nur eine leichte Jagdkleidung, eine feste Lederbrünne und einen kurzen Spieß. Seine Beine waren mit dicken Wolltüchern von rötlicher Farbe, die kreuzweisgeschlungene Bänder befestigt hielten, gegen die Kälte geschützt. Ein Pelz von edlen Biberfellen bedeckte seine Schultern, während die Knechte auf sein Geheiß die aufgeschütteten Äpfel, Birnen und Mispeln im Vorratsraum abschätzten, wurde Hildegard von den Bauern, die sich ehrfurchtsvoll um sie drängten, darauf aufmerksam gemacht, daß weiter unten im Tal auf Mürlenbach zu leises Pferdegetrappel sich vernehmen lasse.

Schon sah man eine Schar Reiter um die Waldecke biegen. Da hielt es das Mädchen nicht länger, und sie ritt dem Erwarteten entgegen. Zugleich aber wandte sich drüben der vorderste der Reiter zu seinen Genossen um, woraus diese stillhielten und Rotmar allein seiner Braut entgegensprengte. Je näher der Reiter kam, desto langsamer ließ er sein Roß gehen, den Blick schlug er nieder, wie ein Unfreier nahte er sich dem Fräulein. In voller Rüstung saß der junge Krieger im Sattel; ein rundlicher Eisenhelm, an den sich Halsberge und Brünne von metallenem Ringgeflecht anschloß, der dreieckige Schild an seinem linken Arm, der stämmige Eschenspeer in der rechten Hand, das Zaumzeug des Pferdes, der Drachenzierat auf dem Helm: alles das blinkte hell trotz des dunklen Tages. Nur wenig ließ die Rüstung frei von dem rötlich-braunen Gesicht und dem kurzen, struppigen Schnurrbart. Nun nahm er den Speer in die Linke, die beiden reichten sich die Hände, einen kurzen Blick warf der Graf auf die schlanke und doch kräftige Gestalt seiner Braut, und sein stahlblaues, treues Auge streifte auch den Ring mit dem Karfunkelstein an ihrer Rechten, den er ihr bei der Verlobung vor der Abreise nach altdeutscher Sitte aus dem Knauf des Schwertes als Geschenk dargebracht hatte.

»Heil Hildegard,« sagte er beklommen, die Hand des Fräuleins festhaltend.

»Ich grüße den Normannensieger,« antwortete diese, ganz verstört von dem seltsamen Wesen ihres Verlobten, »aber nicht wie sonst sind deine Augen, deine Stirn ist kraus, so schreitet keiner zur Braut, der einen Sommer lang auf Kriegsfahrt war!«

»Jeden Tag und jede Stunde rief ich in der Fremde dies Wiedersehen herbei, nun ist es da, und ich stehe in Sorgen.«

Mit einer jähen Bewegung entzog das Fräulein ihm ihre Hand, erschrocken fragte sie: »Warum sagst du nicht, was dich drückt, warum sagte es der Bote vorgestern nicht, hat dich in den Landen an der Maas eine andere vielleicht gewonnen?«

Auffahrend antwortete der junge Graf: »Nein, keine andere, nie und nimmer, Hildegard, glaube es mir!«

Und während er ihre Hand wieder ergriff und sie so zwang, mit ihm zusammen auf ihren Vater, der gerade aus dem Meierhof heraustrat, zuzureiten, sprach er atemlos, fast keuchend: »Du, und nur du, sollst Gräfin auf Mürlenbach sein, aber nicht möchte ich mein Weib in das kärgliche Land führen, das ich erbte, das man in einer Stunde durchreiten kann, nein, über Dorf und Tal weit hinaus soll Hildegard gebieten, Burgen und Berge sollen ihr gehören, Wald und Wild, soweit ihre lieben Augen schauen können ... das möchte ich, sieh mich nicht so erschrocken an, glaube es mir und halte fest an mir, was auch kommen mag, ich bin wie damals treu, sei du es auch! Was auch kommen mag!«

Während Hildegard, dem Klammergriff seiner Hand sich fügend, wortlos dem Erregten folgte, hatte er sein Pferd immer entschlossener angetrieben, und die beiden näherten sich dem Vogt von Prüm.

»Gegrüßt in der Heimat, lieber Eidam,« sagte der und reichte seine Rechte dem Reiter hinauf; dann aber, verwundert ob der unruhigen und bedrückten Miene des Grafen, ließ er die Hand wieder hinabgleiten, sah Rotmar und seine Tochter fragend an und sprach mit unsicherem Lächeln: »Ein steinerner Gast kam aus der Normannenschlacht zurück! Ist Rotmar ein Höfling geworden, dem die Freunde von früher zu schlecht sind?«

Hastig schüttelte Rotmar den Kopf: »Da sei Gott davor, aber nicht ziemt es mir zu trügen! Höre, Burkhardt von Sarbodesdorf, Vogt und Beschützer der weitgebietenden Abtei Prüm, zuerst die Worte meines Königs Arnulf, die er mir mitgab, als ich von seiner Burg zu Regensburg schied. Begrüßt du mich dann noch so fröhlich wie eben, so soll es ein hohes Glück sein, fluchst du mir aber, so muß ich auch den Fluch tragen; ich aber bin des Königs Mann und folge seinem Wort!«

Währenddessen zog Rotmar ein mit Siegeln behangenes Pergament aus der Brünne, entfaltete es und teilte seinen Inhalt dem aufhorchenden Alten mit. In dieser Urkunde verlieh Arnulf auf Grund des Königsrechtes dem Grafen Rotmar von Mürlenbach und dem Ritter Waltram von Walsdorf für ihre Dienste während des Normannenzuges drei Burgen, nahe beim Karosgau im Kylltal, die bisher das Kloster Prüm zu Lehen gehabt, nicht aber zu königlichem Dank verwaltet habe, dem Waltram die Burghäuser zu Bettingen und Kastellum, dem Mürlenbacher Grafen aber die Burg Neroth, den Mellerwald und die anliegenden Dörfer zu Erb und Eigen. In den Schlußworten empfahl Arnulf dem Kloster, seiner Verfügung nicht zu widerstehen und in diesen schweren Zeiten denjenigen die festen Burgen anzuvertrauen, die sie in ihrer kriegsgewohnten Hand auch wirklich halten könnten.

Schon während des Vorlesens rötete sich das Gesicht Burkhardts immer mehr, die Zornader schwoll ihm auf der Stirn, und er hätte nach dem Pergament gegriffen, wenn nicht Hildegard, die ihres Verlobten Verlegenheit jetzt zu verstehen anfing, den erregten Vater zurückgehalten hätte, indem sie ihr Pferd zwischen die beiden Männer drängte.

Rotmar sah wohl die steigende Wut des Ritters, hastig stieß er hervor: »wenn ich selbst die Burg Neroth nicht aus Arnulfs Hand genommen hätte, so würde sie Graf Matfried bekommen haben oder gar Richard von Hennegau, die standen mit funkelnden Augen hinter dem König, da dachte ich, greife zu ... Rotmar ist dem Vogt von Prüm lieber als Matfried und Richard ... Und deshalb tat ich so ...«

Da brach Burkhardt los: »Listige Reden führst du, Rotmar! Graf Matfried und Richard, wäre das etwas Schlimmeres gewesen? Ein Räuber ist wie der andere, erschlichen habt ihr euch das Pergament, Rotmar von Mürlenbach und Waltram von Walsdorf, wie konnte denn der König im vorigen Jahr noch die Privilegien des Klosters bestätigen und ihm allen Besitz lassen und heute das Gegenteil tun! Mehr denn ein Jahrhundert hält die Abtei diese Burgen, und nun sollen wir sie ausliefern! Niemals geschieht das!«

»Der König will vielleicht, daß Rotmar und Waltram Vasallen des Klosters werden und mit den Burgen begabt würden, man könnte es dem Abte Farabert nahelegen!« suchte Hildegard ihren Vater zu beruhigen.

Aber Rotmar schüttelte den Kopf: »Rotmar wird nicht Vasall des Klosters, und ...«

»Und Waltram wird es auch nicht, wir sind Männer des Königs und bleiben es!« schrie Waltram, der unterdessen herangeritten war. Seine gedunsenen, fleischigen Backen blähten sich, höhnisch rief er es dem alten Burkhardt entgegen. »Ihr Klosterleute habt es nicht gut gemacht mit den Burgen, ihr seid abgesetzt durch des Königs Willen!«

Rotmar winkte seinem Waffengefährten, den Alten nicht noch mehr zu erregen.

»Wir sollen Neroth verlassen, unser festes Haus, und Bettingen, und im Mellerwald sollen wir nicht mehr jagen, und den Zehnten nicht mehr erheben in Pützborn und Stadtfeld ...!«

»Der König Arnulf hat es euch so befohlen,« lachte Waltram schadenfroh.

»Und wenn er es dreimal befiehlt, nie, sage ich, nie, so lange Burkhardt Vogt von Prüm ist! Ich lasse mir die Haut nicht abziehen wie ein schlechter Fuchs, mit unsern Waffen werden wir ...«

Da unterbrach den wütenden Rotmar von Mürlenbach mit ruhigem Ernst: »Hört mich an, was geschehen ist, ist geschehen! Während wir uns streiten, wandert der dicke Thietmar, euer Burgmann, den Nerother Berg hinunter, denn meine Leute heißen ihn gehen, und von Bettingen und Kastellum wird die Besatzung auf dem Wege nach Sarbodesdorf sein, denn Waltrams Mannen haben die beiden festen Burgen besetzt! Das ist getan!«

Einen Augenblick erstarrten Burkhardt und seine Tochter erschreckt ob dieser Nachricht, dann machte, während Hildegard sich vom Pferde hinuntergleiten ließ und an den Vater hing, der Alte eine Bewegung, als ob er den Jagdspieß nach dem Grafen schleudern wolle.

Regungslos hielt Rotmar, Waltram aber zog sein Schwert, als wolle er den Vogt von Prüm angreifen.

Schon stürmten von beiden Seiten die Knechte herbei, da wandte sich der Graf von Mürlenbach mit schneidender Stimme gegen Waltram: »Das Schwert hinunter, meiner Braut Vater ist sicher, solange ich dabei stehe; wer ihn schlägt, schlägt mich.«

Murrend ließ der plumpe Reiter die Waffe sinken und murmelte: »Ich weiß allein, was ich zu tun habe, Rotmar soll mir nicht befehlen wollen!«

Unterdessen hatte sich Burkhardt gefaßt; nicht gewaffnet, in Begleitung der Tochter, mit wenigen Knechten, konnte er an Widerstand nicht denken. Als Hildegard sich zu Rotmar wendete, um noch einen Versuch der Versöhnung zu machen, hob sie der Vater jäh auf ihr Pferd, warf sich selbst mit mächtigem Schwunge auf sein eigenes, winkte den Knechten und ritt dann, ohne ein Wort zu sagen, in der Richtung auf Sarbodesdorf davon.

»Dem haben wir Asche auf seinen Klosterschmaus geschüttet!« lachte Waltram hinter ihm her.

Rotmar aber bewegte sich nicht, sondern starrte den Abreitenden nach.

Da plötzlich wandte sich Burkhardt um, hob sich im Sattel hoch, schwang den Spieß und rief: »Hört auf mich, Rotmar von Mürlenbach und Waltram von Walsdorf, von Königs Gnaden Räuber an heiligem Klostergut, eher wird diese rechte Hand hier lahm werden, als daß die Schlösser in eurer Macht bleiben, als daß Hildegard eines Räubers Gemahl wird. Fehde wird sein zwischen den Räubern und Burkhardt von Sarbodesdorf, der des Klosters Schützer ist, nun hütet euch!«

Dann gab der Alte seinem Pferde die Sporen und verschwand mit den anderen zwischen den letzten Hütten des Dorfes.

Noch immer schien Rotmar nicht zu erwachen, da stieß ihn Waltram an: »Hoh, Bruder, du stehst da wie Lots Weib in der Schrift, du hörst es doch, daß du ein Strauchdieb bist, nun gehe und sage dem König, daß seine Tapferen aus der Normannenschlacht Diebe und Räuber sind, weil sie aus seinen, aus des Königs Händen Klostergut nehmen und es besetzen, ehe ihnen der schlaue Alte zuvorkommt.«

Verstört blickte Rotmar auf: »Es wird Fehde sein; wer weiß, was sie bringt, Sieg, Tod, Elend und Ungemach, wer weiß das, aber der König hat gegeben, was soll ich nicht nehmen? Wohl, Bruder Waltram, ich reite nach Neroth, begleite mich, durch das Pelmer Tal kommst du zu deinen Burgen, ich will in Neroth nach dem Rechten sehen.«

»Erlaube mir,« antwortete Waltram mit ausweichender Gebärde, »daß ich zunächst nach deinem Hause Mürlenbach zurückreite, ich möchte noch einige Rüstungen aus deiner Rüstkammer mitnehmen, damit ich nicht Mangel leide.«

»Mit Freuden sei dir das gewährt, grüße mir Ortrud, die alte Schaffnerin und laß dir auftragen zu Speis und Trank, was du begehrst, mich aber zieht es zu meiner neuen Burg Neroth. Denke an unsern Eid, daß wir uns nicht verlassen wollen.«

So trennten sich händeschüttelnd die beiden Ritter, und Rotmar suchte mit seinem Gefolge die Höhe zu gewinnen, um zunächst auf dem Salmer Pfad, dann durch den Urwald nach dem Nerother Burgberg zu kommen.

Er ritt still, Trauer lag auf seinen Augbrauen, er schaute in die treibenden Wolken, er lauschte auf den knirschenden Schnee, aber immer war ihm, als wenn er Hildegards weiche Hand noch in der seinen fühle, er war zornig über sich selbst, daß er Waltrams Wunsch befolgt und die Burgen vor der Erklärung besetzt hatte.

Als nun Waltram gleichfalls weggeritten war, das Tal hinab auf Mürlenbach zu, lösten sich die Gruppen der Bauern, die bisher erstarrt zugeschaut hatten. Wie Hühner, die den Iltis nahe wissen, rannten sie durcheinander; jeder hatte etwas anderes verstanden, die Hunde kläfften noch lauter als bisher, mit kreischenden Stimmen begannen die Weiber zu erzählen, was sie gesehen und gehört hatten, manch eine hatte begriffen, daß die Kriegsleute nur fortgeritten seien, um wieder zu kommen und das Dorf wegzunehmen.

Nur eins hatte man richtig verstanden, und das war, daß dem Kloster etwas entrissen werden sollte.

Deshalb stellten sich die Männer in den rauhen Fellen zusammen, der Klostermeier verjagte die Frauen mit schallendem Ruf in die Hütten, die Bauern aber versprachen, einander beizustehen und nicht zu dulden, daß den frommen Vätern von Prüm, deren Herrschaft so milde war, auch nur ein Scheffel Erde entzogen würde.

»So ist es recht,« sagte der Klostermeier, »wir wissen, was wir an den Vätern haben, der Zins ist nicht hoch, die Fronden sind mäßig, und reicht es einmal nicht zur Abgabe, so drückt Abt Farabert ein Auge zu und schickt uns gar von seinem Gut; bei den Grafen und Gewappneten ist es anders, da heißt es, Zins bis zum letzten Huhn, bis zum letzten Malter Korn, und Dienste aller Art, Jagddienste, Baudienste, Kriegsdienst, mehr als ich denken kann. Wir wollen unserm Abt Farabert treu bleiben, wir und unsere Kinder.«

Mit lautem Eia! antworteten die anderen, und diesen Entschluß gingen sie alle zusammen in der Halle des Klosterhofes bekräftigen. Da wurde ein scharfgewürzter Wein bereitet, der von den Weingärten bei Unkel am Rhein stammte, die dem Kloster vor wenigen Jahren zugefallen waren.

Unterdessen ritten Burkhardt, Hildegard und die Knechte dem heimischen Hofe zu, am Ufer des Flüßchens vorbei aufwärts, auf einem Wege, der schon ziemlich niedergetreten war. Der alte Vogt sprach nicht, in seinen Augen aber blitzte es, nicht selten hieb sein Spieß in das kahle Weidengezweig und auf die Äste der Ulmen ein. Kaum konnten die andern ihm folgen.

Hildegard, die das Geschehene mit angstvollem und traurigem Herzen überdachte, fragte einmal schüchtern: »Was wird der Abt Farabert sagen, wenn wir mit dieser Botschaft und ohne Rotmar in Sarbodesdorf einziehen?«

Der Vogt brachte die Lippen kaum voneinander, brummte etwas, antwortete aber nicht, sondern gab nur seinem Pferde die Sporen.

Weiter ging die hastige Jagd, kopfschüttelnd folgten die Knechte, Hildegard aber kämpfte mit Tränen, die ihr Stolz nicht fließen lassen wollte.

Als man sich Sarbodesdorf näherte, waren auch dort Zeichen der Veränderung und Unruhe zu bemerken. Die Bauern liefen vor ihren Hütten hin und her. Bewaffnete eilten durch das Tor des Pfahlzaunes, der die Gebäude des Herrenhofes umschloß, aus und ein, andere warteten und schauten offenbar nach dem Vogte aus, unter ihnen, kenntlich am dunklen Talar, dem weißen Barte und dem hohen, leicht gebeugten Wuchs, Farabert, der Abt von Prüm.

Er sprach in großer Bewegung den Segen über die Ankommenden, dann aber fuhr er fort: »Der Herr hat uns gezüchtigt mit glühenden Ruten, unsere Burg Neroth haben Gewappnete überfallen und unseren guten Burgwart Thietmar samt den anderen Streitern verjagt, auch von den festen Häusern in Bettingen und Kastellum kommen die Bewohner, vertrieben von Feinden! Und was bringt unser vortrefflicher Vogt Burkhardt?«

Mit einer dumpfen Stimme, in der die verhaltene Wut nachklang, berichtete der Alte über die Ereignisse in Birresborn.

»Gib ein Zeichen, ehrwürdiger Abt,« so schloß er, »damit ich die Krieger sammeln kann und dem Kloster das Verlorene wieder gewinne.«

Mit dem war Hildegard von ihrem Zelter hinuntergeglitten und sank, von den Gewittern der letzten Stunde überwältigt, weinend zu Füßen des greisen Abtes nieder.

Der legte die feinen, weißen Hände, an denen das Zeichen seiner Würde, der Ring, golden schimmerte, auf den Scheitel des von Schluchzen durchschütterten Mädchens und sprach: »Wir, meine Tochter, haben Burgen verloren und weltliches Gut, das sich wiedergewinnen läßt, du aber verlorst deine Zukunft, darum wende deine Blicke zum Himmelsgott auf, verharre im Gebete und gewinne den Frieden!«

Dienende Frauen führten die Weinende fort.

»Wir aber,« wandte sich der Abt an die Umstehenden, »wollen zur Halle gehen und die Geschehnisse betrachten, damit kein übereilter Entschluß uns in Schaden stürze!«

Und während die vertriebene Besatzung der Burgen, die übrigens in Wuchs und Waffen einen wenig tüchtigen Eindruck machte, in Gruppen zwischen den Häusern der Hofanlage wartete, gingen Farabert, Burkhardt, Thietmar und noch ein paar Mönche ins Herrenhaus.

Die Draußenstehenden starrten auf das Gebälk des Giebels, auf den Uhu, der mit ausgebreiteten Flügeln über den Türeingang genagelt war, auf die geschlossene Tür, aus der kein Laut der Verhandlung hervordrang.

Erregter wurde das Gespräch der Wartenden, einige hofften, daß sie sogleich zum Sturme nach Neroth oder Bettingen geführt würden, die meisten fürchteten sich aber davor.

Keiner wußte recht, wer der Feind gewesen, am grauen Morgen waren sie gekommen und hatten sie wie eine Herde Schafe hinausgetrieben.

Die einen sagten, es seien Normannen.

»Wie können es Normannen sein? Dann lebten wir alle nicht mehr, die Normannen, die Gott der Herr vernichten möge, lassen keinen am Leben, das habt ihr doch vor sechs Jahren gesehen!«

»Ein Feind des Klosters,« meinten die anderen, »die Grafen Matfried und Richard von Hennegau vielleicht?«

»Oder Wigrich, der Graf von Bedaburg?«

»Matfried und Richard sind in Regensburg beim König, der Graf von Bedaburg aber ist froh, daß er seine gichtbrüchigen Glieder in Aachen badet, der zieht nicht auf Fehde aus!«

»Es sind die himmlischen Heerscharen,« spottete Anshelm, ein junger Fant, der auf dem Hofe als Ziegenhirt bestellt war, und betrachtete geringschätzig die vertriebenen, fetten und schwerfälligen Gesellen, »sie wollen dem Kloster einen Nasenstoß geben, daran zu erinnern, daß es Zeit ist, auf bessere Rüstung zu sinnen, ehe die Heiden kommen!«

Fäuste erhoben sich, um den Frechen zu züchtigen, in demselben Augenblick aber rollte aus dem Küchengebäude eine kugelförmige Gestalt, zwei Arme wie runde Wülste hoben sich, und eine schmächtige Stimme, wie die eines zwölfjährigen Kindes, versuchte sich verständlich zu machen.

»Stille für Falada!« riefen die Hofleute; es war nämlich die hochvermögende Köchin, die Schaffnerin von Sarbodesdorf, die mit solcher Leibesfülle begabt war.

»Ihr seid alle mitsamt ein faules Gesindel und wollt mir die Braten wegfressen, die ich in saurem Schweiße für den jungen Grafen Rotmar am Spieß gedreht habe.«

»Den sauren Schweiß hättest du weglassen können!« bemerkte Anshelm ernsthaft, und diesmal hoben sich nur die runden Fäuste der Falada gegen den Spötter.

»Rattenkahl werdet ihr uns fressen, solltet in Bettingen und Neroth geblieben sein, eine Hafersuppe sollte man euch kochen und mehr nicht. Meine schönen Braten sind für den jungen Herrn in Mürlenbach hergerichtet und nicht für euch Tagediebe!« Schon schlug ihre Stimme um, schließlich versagte sie ganz, und hochrot verschwand in rollendem Laufe Falada wieder in ihr Reich.

Da öffnete sich die Tür der Halle, Burkhardt und Thietmar erschienen, berittene Boten wurden mit Botschaften nach Prüm und den anderen Hauptplätzen des klösterlichen Besitzes entsandt; zwei Mönche aber gingen schweigend talaufwärts auf Kastellum zu. Und an dem zornigen Ernst, mit dem Burckhardt die Vertriebenen zusammenrief und ihre klägliche Bewaffnung musterte, merkten diese, daß die schönen, faulen Jahre von Bettingen und Neroth nun vorüber seien.

Und die Stille der Schneenacht wurde gestört von vielem Laufen und Rufen durch das Dorf, das Tor des Herrenhofes wurde verrammelt, Wächter am Pfahlzaun aufgestellt und Streifwachen ins Land hinein geschickt.

Kein Wort von dem, was beschlossen worden, hatte der Vater seiner Tochter verraten, am Frauenhause aber stand Hildegard unbeweglich im Schnee des Küchengartens, sah auf die dürren, zerzausten Reste der Stauden und weinte, wenn sie an das dachte, was der vergangene Tag ihr genommen hatte.

Und langsam begannen große, weiche Flocken sanft und lautlos wie Federn aus dem grauen Himmel herabzufallen.

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