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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Vierzehntes Kapitel.
Die Normannen in Prüm

Es war Morgen, ein klarer, vom Strahl einer blanken Sonne beschienener Wintermorgen. Der Tettenbusch, der Kahlenberg und die weiter zurückliegenden Höhen, alles lag hell und in greifbarer Nähe. Die Abteikirche rauchte noch, aber schon vor einer Stunde war das Dach eingefallen und hatte die Leichname der Guten und der Bösen unter glühender Asche begraben.

Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit hatten die Normannen sich zurecht gefunden, Kundschafter waren jetzt nach allen Seiten ausgeschickt, von der königlichen Pfalz auf dem Tettenbusch klang das laute Rufen normannischer Stimmen, im Dorf Prüm hatten sie sich häuslich eingenistet, die kurze Rastzeit nach Möglichkeit zu benutzen.

Im Kapitelsaal saßen die Führer beim Frühmahl, Rolf Ringbeißer stark und fröhlich nach der durchkämpften Nacht, neben ihm, den Hochsitz des Abtes mit ihm teilend, Isolde in ihrer Silberbrünne, weiche Edelpelze um die Schultern, taufrisch, als sei sie eben aus den ordnenden Händen ihrer dienenden Frauen hervorgegangen. Den Helm hatte sie auf den Tisch gelegt und sprach mit Glum Geierson, ihrem getreuen Schildhalter, von den Erlebnissen der letzten Stunden.

»Wir beide und unsere Krieger,« rief der Sänger zu Ringbeißer gewendet, »hatten in der Königspfalz am Tettenbusch weniger Mühe, als ihr hier unten, ausgestorben das ganze Nest, das Vieh brüllte an leeren Krippen, kein Mann, kein Weib dort, aber auch kein Gold, kein Kleinod, um Isoldes Hals zu schmücken. Aber wenigstens Ruhe für die Nacht, auf dem Pfühl des Pfalzgrafen schlief Isolde, und wir hielten die Wache. Wahrlich, Hug von Lothringen hat uns in ein reiches Land geführt!«

Nun berichtete auch Ringbeißer von seinen Kämpfen und daß auch im Kloster alles verlassen gewesen sei, »nur eine Handvoll ungefüger Streiter rannte zwecklos umher, mir scheint, daß sie sich durch guten Trunk für die Verteidigung vorbereitet hatten.«

»Aber wo ist Hug, der Blinde?«

»Er ging mit seinem Knecht zu den Wagen der Gefangenen draußen im Hofe.«

Wohl horchte Isolde auf, aber da kamen die Kundschafter zurück und erzählten, was sie erfahren hatten. Eine Anzahl Landleute hatten sie in Verstecken gefunden, und die gaben unsichere und verwirrte Auskunft, die meisten nannten Dasburg; deutlicher aber sprachen die Spuren. Zwei Pfade im Schnee hatte man entdeckt, der eine, schmal nach Norden, der andere, breit, mit Gepäck bestreut, nach Westen.

»Man hole Hug von Lothringen herbei!« Und während die normannischen Edlen, die auch hier wieder, wie im Lager an der Maas, mit ihrem Könige tafelten, in lautes Gespräch sich vertieften und ihre Taten priesen, schaute Ringbeißer sinnend vor sich hin.

»Was grübelst du?« fragte Isolde schmeichelnd.

»Wie gefällt dir, Isolde, dieses Land?«

»Gar prächtig finde ich die Täler und schroffen Berge hier, und von den Höhen schaut man auf manche Siedelung, und weite Wälder sind da zu lustiger Jagd! Und sind die reichen Länder an Mosel und Rhein nicht so nahe, daß ein starker König wie du sie leicht gewinnen wird? Ich, wenn du mich fragst, ich will hier bleiben!«

»So nehme ich dieses Land, Isolde, für mich in Besitz! Und doch graut mir vor diesen finsteren Forsten! Ich weiß nicht weshalb, aber graue Sorge beschleicht mich, so lange ich das qualvoll blasse, gespannte Antlitz des Blinden in unserem Kreise sehe, kein Glück hat mir bisher seine Führerschaft gebracht, wenig Gold, viele Männer gefallen und nun das Kloster geflüchtet!«

Da schlürfte Hug von Lothringen herein, von dem struppigen Walko geleitet.

»Komm her, Blinder, und horche, was ich dir sage!«

Hug sah verfallen und eingeschrumpft aus, die schnelle Waffenfahrt, welche den Normannen ihre Spannkraft erst wiedergegeben hatte, grub in sein Gesicht bleiche Schatten, am meisten zehrte an ihm aber der Groll, daß die Mönche doch nicht von dem normannischen Schwerte niedergehauen wurden in der vergangenen Nacht.

Rolf Ringbeißer beschrieb die beiden Spuren.

Lange dachte der Blinde schweigend nach, dann aber sprach er: »Wenn ich die Sitten und Ängste der Mönche recht kenne, so glaube ich, daß sie sich in ihre neue Feste Dasburg gerettet haben, dort halten sie sich für sicher. Wo könnten denn Farabert und die Seinen, die schon im Sommer sich nicht in das Gewirr der einsamen Sümpfe, Wälder und Moore dort oben in der Schnee-Eifel wagen, dies im grausen Winter tun wollen. Ich glaube, daß du, König Rolf, in Dasburg Mönche und Schatz finden wirst, zugleich auch eine Burg, zu deiner Königsburg geeignet, hochliegend, breit genug und gut zu verteidigen, wenn tapfere Männer darin sind, die Klosterleute aber wird dein Ansturm sogleich niederzwingen. Hast du erst Dasburg, so ist es später leicht, Mürlenbach und die anderen Burghäuser zu brechen, die Gefahr aber ist, daß die Mönche den Schatz weiter ins Land führen, darum eile!«

Allzugut erinnerte sich der Blinde an einen früheren Beschluß des Kapitels der Brüder von Prüm, daß sie bei Gefahr und plötzlicher Not nach Dasburg in die neue Feste sich zurückziehen wollten, darum redete er auch dem Seekönig so sehr zu, sich dorthin zu wenden, und als er Isolde an der Stimme erkannte, schilderte er auch ihr die Burg so lebhaft, daß sie selbst, von einer kindlichen Neugierde erfaßt, danach verlangte, die Stätte zu sehen, auf der Rolf Ringbeißer sein Königsschloß erbauen werde.

Es wurde also im Rate der Führer beschlossen, am nächsten Tage nach Dasburg weiter zu ziehen, heute aber einen Rasttag zu machen, um Mann und Roß sich erholen zu lassen.

Aber wie anders war ein normannisches Kriegslager. Da standen Wachen auf allen Seiten, da war die Mauer gut besetzt, das Tor verrammelt; sogar bis auf die Gipfel der Berge streiften unablässig die Kundschafter, blanke Hörner hingen ihnen an der Seite, bei der ersten Gefahr brauchten sie nur hinein zu stoßen, dann war im Augenblick das ganze Lager kriegsfertig.

Als die meisten Männer die Kapitelhalle verlassen hatten, um nach ihren Scharen zu sehen, sagte Isolde leise und fast schüchtern zum König: »Ich bin gar nicht traurig, daß kein Gold erbeutet worden und keine edlen Gewänder. Ich sehne mich viel mehr nach Burg und Hof, nach einer Ruhe auf all die Wanderfahrt. Allzuviel Männer sah ich fallen in diesen Tagen, allzuviel Hütten brennen und Frauen erschlagen werden, ich möchte mit dir leben und glücklich sein, im Forst jagen und die Saat reifen sehen, und Saitenspiel hören und Feste feiern, das möchte ich!«

»Da sei ohne Sorge, Isolde, Dasburg wird unser sein, und du wirst da ausruhen können, so lange du magst. Noch heute sende ich Boten an die Maas ins Lager, daß sich der ganze Zug bereit halten soll, dann sollen die Schiffe verbrannt werden, und Rolf Ringbeißer wird ein König über deutsches Land sein!«

Wohl sprach Rolf das zuversichtlich, aber eine finstere Falte stand auf seiner Stirn. Da schaute sich Isolde um, aber weder Glum Geierson, noch der Blinde waren zugegen, darum schlich auch die Bretagnerin hinaus. Eine flüchtige Lust hatte sie ergriffen, nach den Gefangenen zu sehen.

Auf den weitläufigen Höfen des Klosters herrschte emsige Geschäftigkeit, mit Geschrei und Lachen jagten die kriegerischen Gesellen den Hühnern und Pfauen nach und suchten das vor solch ungewohnter Verfolgung kreischend flüchtende Geflügel mit ihren langen Schwertern aufzuspießen; andere hatten einen Ochsen erschlagen, zerteilt und brieten nun an einem Spieße, der aus einer Lanze hergestellt war, mächtige Stücke des Tieres am offenen Feuer; andere stöberten noch in den zahlreichen Gebäuden der Klosteranlage herum. Sie waren nicht eben sehr verstimmt über die geringe Beute; was heute nicht weggenommen wurde, hofften sie morgen zu gewinnen; so lebten sie guter Dinge in den Tag hinein, mit dem Wein aber waren sie sparsam, denn sie fürchteten die Schlaffheit.

Auf dem Teil des Hofes, der am nächsten beim Haupttore lag, waren einige Wagen aufgestellt, darauf hatten die Normannen in buntem Durcheinander die Beute des bisherigen Zuges untergebracht, es waren leichtgebaute Gefährte mit hohen Rädern, die, von vier Pferden gezogen, den Reitern schnell folgen konnten. Neben dem Gold und Silber, den seltenen Pelzen und Gewändern, die in den Wagen aufgestapelt waren, standen Frauen, Knaben und Mädchen, die als Kriegsgefangene den Siegern folgen mußten. Da waren Augen, die hatten sich ausgeweint und blickten starr und gleichgültig auf das fremde Gewühl, andere, die weinten noch oder schauten trotzig und haßerfüllt.

Als hätte sie eine kalte Hand im Nacken ergriffen, so schauderte Isolde zusammen, als sie den stummen Jammer dieser Gefangenen sah. Leicht nickend erwiderte sie den ehrerbietigen Gruß des Wächters, der, den Speer in der Hand, auf die Schar zu achten hatte. Um einen Wagen herumlugend, sah Isolde den Blinden, von seinem Führer gestützt, neben einem der gefangenen Mädchen stehen und mit scharfer Stimme auf es einreden.

»Nun, Hildegard, Burkhardts Tochter, reden wir ein anderes Wort, euer Hof liegt in Asche, du selbst bist eine Magd, ich aber, Hug von Lothringen, ziehe einem siegreichen Heere voran! Wo ist nun dein Vater, erschlagen vielleicht schon, wo ist der Mürlenbacher Graf? Wir sind Herren im Lande!«

Wohl zuckte Hildegard zusammen, als von ihrem Vater und Rotmar das Wort fiel, aber stumm wendete sie sich ab.

Da ließ der Blinde von Walko seine Hand auf Hildegards Schulter führen, und dann sprach er mit einer grellen, zerbrochenen Stimme: »Wohl, du schweigst, aber ich werde nicht schweigen, höre mich, Burkhardts Tochter, ich, der Blinde, führte die Normannen herbei, hier werden sie bleiben und über euch herrschen; so aber werde ich zu Rolf Ringbeißer reden: ein Reich schenkte ich dir, nur einen Dank will ich dafür von dir haben, ein Stück der Beute soll mein sein, und das ist Hildegard von Sarbodesdorf!«

Noch immer blieb Hildegard stumm, ungeduldig schüttelte sie der Blinde, da erhob sich aus dem Knäuel der Gefangenen ein junger Mensch, der hinkte gewaltig auf einem Fuße.

Zu einem fröhlichen Lächeln krausten sich die Lippen Isoldes, wortlos schwankte nämlich der Hinkende auf den Blinden zu und trat ihn unversehens auf den Fuß, kreischend griff der Blinde in die Luft. Der Wächter sprang hin, und während er den Krüppel am Genick faßte, schalt er laut: »Schon dreimal habe ich dich Narren von den Wagen weggejagt! Kein Mensch kann dich gebrauchen! Was willst du hier? Das nächste Mal, daß ich dich greife, ersticht dich meine Lanze!« Aber der hinkende Mensch verstand die normannische Sprache nicht und schwankte wieder an seine Stelle zurück; es war Anshelm, der junge Knecht, der seine Herrin nicht verlassen wollte und durch sein gutgespieltes Hinken jeden Verdacht von sich abwälzte.

Als der Blinde, nun erst recht in Wut, wieder an Hildegard sich herandrängte, sprang Isolde leichtfüßig vor und sagte mit herber Stimme: »Du, Hug von Lothringen, sollst zu den Männern gehen, nicht ziemt es dir, gefangene Frauen zu schrecken!«

Schon hatte der Blinde ein hartes Wort auf der Zunge, da besann er sich und ging mit einem höhnischen Neigen des Kopfes an Walkos Arm weg.

Isolde aber reichte Hildegard die Hand: »Hildegard heißt du, Schwester,« so sprach sie in ziemlich gebrochenem Deutsch, »es soll dir kein Leid geschehen, du sollst bei meinen dienenden Frauen sein.«

Da blickte die Tochter Burkhardts auf und drückte schüchtern die zarte, mit vielen Ringen geschmückte Isoldes.

»Woher kennst du den Blinden?«

Hildegard erzählte das Schicksal der letzten Monate.

»Du Arme,« sagte da Isolde und zog fröstelnd den Marderpelz um das schmiegsame Silbergeflecht ihrer Brünne, »nicht bei den dienenden Frauen sollst du sein, wie eine Schwester will ich dich halten in meinem Palast; es liegt eine Feste hier in der Nähe, Dasburg nennt ihr sie, dahin werden wir ziehen, noch morgen früh, da werden wir bleiben und eine Königsburg bauen, schöner als du sie je gesehen hast, da werden wir hausen und ausreiten, Freundin, auf schmucken Zeltern und Blumen pflanzen und glücklich sein. Rolf Ringbeißer ist ein furchtbarer Kriegsmann, jetzt wird er ein guter und milder König sein für euch alle, denn wo ein starkes Schwert herrscht, da ist gut pflügen und säen und ernten und frauliche Arbeit tun! Laß dein Weinen, es soll dir gut gehen, Freundin!«

Damit verließ Isolde die Tochter Burkhardts, die mit gesenktem Haupte dasaß und unablässig von Schluchzen geschüttelt wurde. Das schlanke, bretonische Mädchen ging mit stolzen, königlichen Schritten, über die Trauer Hildegards fast unwillig die Locken schüttelnd, zu dem Wächter und bedeutete ihn, daß diese Gefangene unter ihrem besonderen Schutz sei und daß keiner, auch der blinde Lothringer nicht, sie bedrohen dürfe.

Es war aber einer, der hatte gar aufmerksam zugehört, nun erhob er sich, hinkte an Hildegard vorbei und flüsterte, ohne sie anzusehen: »Nun weiß ich, wohin sie sich wenden, nun gehe ich und hole Hilfe, und wenn ich die Buchen am Apertsberg bewaffnen müßte! In Dasburg, Herrin, bin ich wieder bei dir!«

Dann schaukelte der Listige bedächtig auf den Wächter zu, durch abenteuerliche Zeichen und ein unbeschreiblich dummes Grinsen tat er ihm kund, daß er das Hocken bei den Wagen satt habe und lieber wieder draußen sein Glück versuchen wolle.

Die Wache, durch Isoldens Befehl milde gestimmt, stieß mit der umgekehrten Lanze nach ihm und lachte: »Mach dich fort, du Narr, krumme Beine können wir Normannen nicht gebrauchen!«

Niemand war froher als Anshelm, wenn er auch die Worte nicht verstand; er hinkte zum Tore hinaus. Als er am Tettenbusch vorbei in den Wald kam, konnte er schon besser gehen, als er aber die äußersten Wachen vermieden hatte, flog er schneller, als ein Pferd laufen kann, ins Gebirge hinein.

Unterdessen hatten die Führer der Normannen sich vor den ausgebrannten Mauern der Abteikirche zusammengefunden, um an dieser Stätte christlicher Gottesverehrung dem Göttervater Odin ein Opfer darzubringen. Unter dunklen und feierlichen Gesängen war ein Roß erstochen worden, mit dem hervorquellenden Blute hatte Glum Geierson, welcher der Wahrsagerkunst kundig war, eine Handvoll kurzer Stäbe, in die er Runen eingeritzt hatte, besprengt und diese mit schnellem Wurf auf ein weißes Linnentuch verstreut. Stumm standen die Männer um den Skalden, der mit gesenktem Blick die seltsamen Zackenlinien der ineinandergewirrten Stäbe zu entziffern suchte.

»Strenges Schicksal künden die Runenspäne, ein Ring wird zerbrochen, ein Reich zerstört, eine blinkende Rüstung färbt sich rot durch Freundeshand, aber Frieden wird werden, dir, König Rolf, und Isolden auch!«

Dunkel schaute das Auge des Sängers nun ins Weite, aber Rolf Ringbeißer hob den Speer und tat beim dampfenden Opferblut den Schwur, in diesem Lande auszuruhen von seinen Heerfahrten und, wie vorher durch Kriegstaten, von nun an durch Weisheit und Friedenswerk den Ruhm der Völker zu gewinnen.

Heil! riefen die umstehenden Führer ihrem König zu. Heil! antwortete es aus den Häusern des Klosters, von den Mauern und Zinnen. Heil König Rolf! tönte es aus der Ansiedlung und von der königlichen Pfalz her.

Tausend Waffen hoben sich, um den Schwur zu bekräftigen.

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