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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Dreizehntes Kapitel.
Waltram

Waltram wußte wohl, weshalb er, als die Säule des großen Kaisers seinen Mauerbrecher zerschmetterte, seine Leute zurückzog und keinen neuen Anlauf gebot. Er schickte diejenigen, die ihn von den Prümern beim Sturm unterstützt hatten, zu Burkhardt zurück mit der dringenden Forderung, noch zur selben Stunde vom Kloster alle entbehrlichen Knechte zu fordern, um einen neuen Angriff mit größerer Menge und Macht vorzubereiten. Dieser sei an der geringen Anzahl gescheitert. Er verstand seinem Wunsche so viel Nachdruck zu geben, daß tatsächlich die frommen Väter jeden irgendwie Kriegstüchtigen von den Hörigen noch am folgenden Tage eilig zum Aufgebot bei Mürlenbach entsandten. So gelang es ihm, zu bewirken, daß in der Nacht des Ausfalles nur die ganz unentbehrlichen Diener in Prüm zurückgeblieben waren, alle anderen lagen schon beim Vogte und dem von Vianden in den Hütten.

Längst hatte Waltram seine Mannschaft erforscht, jeden, der ihm nicht blind ergeben war oder zu viel Frömmigkeit und Treue gegen das Kloster und die Mönche verriet, schickte er unter irgendeinem Vorwande weg. So hatte er schließlich eine wilde Schar zusammen, die, wie ihr Führer, zu allem fähig war.

Am Abend, als Rotmar den Ausfall vorbereitete, rief draußen im Walde Waltram die Seinen zusammen, versprach ihnen Beute und Plünderung und hieß sie, sich lautlos zu einem Zuge rüsten. Die Wachtfeuer ließ er anfachen, dann aber Reisig hineinlegen, das nicht ganz trocken war, so daß der Brand schwelend recht lange anhalten mußte. Dann zog er auf Schleichwegen durch den Wald, manche von den Männern hatten Pferde, andere folgten zu Fuß und ließen sich, wenn sie müde waren, eine Zeitlang, am Sattel hängend, von den Rossen der Reiter mittragen.

Wäre der Ritt auf der Höhe nicht durch dichten Fichtenforst gegangen, hätte Waltram wohl gegen Nordosten den Widerschein von Feuer gesehen; so aber stieg er wieder in die Schluchten nieder und kam schließlich an einer Stelle unterhalb des Klosters ins Prümtal.

Die Ansiedlung lag stille, wie verlassen, kein Hund bellte, kein Licht schien. Allmählich begannen die Gesellen Waltrams zu verstehen, wohin die nächtliche Fahrt gerichtet sei, einer stieß den andern an, und leise besprach man sich, wo die kostbaren Geräte im Kloster zu finden seien, wo der Schatz wohl liegen könne, wo der Eingang zum Weinkeller sei.

Weiter schlüpften die Männer auf dem zugefrorenen Prümfluß hin, die Rosse waren unter einer Wache zurückgeblieben, schon ordnete Waltram seine Getreuen. Es lag auf den Bach zu ein Weingarten des Klosters; dort, wußte der Bettinger, war die Mauer sehr niedrig, und leicht konnte man einsteigen.

Aber schon stockte der Zug, hier tauchte am Bachrande eine Kuh auf, dort ein paar Ziegen, die meckernd das Weite suchten.

Waltram schüttelte den Kopf: »Die Mönche haben wohl solchen Überfluß, daß sie das Getier im Wald und auf den Wiesen herumlaufen lassen!« murmelte er.

Nun ragte die Mauer auf, herzklopfend wurde sie erstiegen, einer half dem andern. In der fahlen Dunkelheit der Winternacht bot sich den Eindringenden ein Bild der Verlassenheit dar: manche Stalltiere irrten noch immer auf den Höfen umher, die Tore der Kirche und aller Gebäude standen offen.

Es schwindelte Waltram, er rieb sich die Augen, grollend rief er: »Blendwerk des Teufels, alte Hexenmeister sind es, sie können uns nicht täuschen, dort im Hause schlafen sie, dort ist des Abtes Wohnung, dort sind die Hörigen und Knechte. Ihr dahin, ihr folgt mir in die Kirche, ihr stürmt den Kapitelsaal!«

Wie ein verheerender Wirbelwind brachen die Knechte ein, aber kein Lärm der Waffen erhob sich, kein Wehklagen der aus dem Schlaf Aufgestörten, kein Kampfruf der Hörigen.

Waltram ließ Fackeln anzünden an des Kochherdes verglimmender Glut, er drang in die Kirche, er bemerkte, daß sie, wie ausgeraubt, leer stand, düster nur glimmte die ewige Lampe vor dem Altar, die Leuchter, Kreuze, Kelche und Schalen von Gold und Silber, die Pulte und Bücher, alles fehlte. Der Ritter jagte fluchend weiter in die Sakristei, an der beschriebenen Stelle standen wohl die Truhen, aber sie waren geöffnet, der Deckel klaffte weit, und ein paar wertlose Kupferbecken und Linnentücher war alles, was sich fand.

Unterdessen kamen aber auch schon von den anderen Gebäuden her die Männer herbei und meldeten, daß kein Mensch im Kloster sei, nicht im Haus der Knechte und nicht in der Klausur, in den Räumen der Mönche.

Auf dem breiten, fleischigen Gesicht Waltrams zeigte sich rasende Wut: »Sie sind verborgen, wühlt die Keller durch, stöbert auf dem Boden herum, sie müssen da sein!«

Da tönte plötzlich lautes Geschrei aus der Kirche, mit ein paar Sätzen war Waltram dort, hinauf zur Galerie, wo die Orgel, das kostbare, unersetzliche Meisterwerk des Klosters, untergebracht war.

Fackeln schwelten, und in ihrem schwankenden Licht gewahrte man Elsung, den alten Meister des Orgelspiels, von dem Regino, der Prior, einmal mit einem lustigen Zwinkern der Augen gesagt hatte, daß er sein Organon, die Orgel, mehr liebe, als ein anderer seine angetraute Frau. Erschöpft war der Greis, da er seinen Lobgesang zu Ende gesungen hatte, eingeschlafen, da hatte sich auch Pilgeram, der fromme Schüler der Klosterschule, der dem Meister sonst immer den Balg der Orgel trat und der auch diesmal sich heimlich von der Schar Reginos entfernt hatte, um in dieser bösen Stunde bei seinem Lehrer Elsung auszuhalten, da hatte sich auch Pilgeram zur Seite neben den Alten gekauert und war entschlummert. Nun sprangen sie beide auf, vom Getöse der Waffen und dem Flackerschein der Fackeln geweckt, und starrten erschreckt auf die wüste Horde, die um sie her stand.

»Wo sind die Brüder?« herrschte Waltram den Alten an.

»Fort, weg, weit weg,« antwortete der, während seine gerunzelte Stirn andeutete, daß er zu begreifen versuchte, wie das alles zusammenhänge.

»Wo sind die Schätze?« fragte der Führer wieder.

»Auch weg, verschwunden, von der Erde verschlungen; aber jetzt erkenne ich dich, Waltram von Bettingen, was suchst du hier am Ort der Vernichtung?«

»Wer heißt dich danach fragen, Mönch? Wer hat verraten, daß ich kommen werde? Wer war's, verschweige es nicht, es wäre dein Tod!«

»Den Tod, Waltram, fürchte ich wenig!«

Der Bettinger schüttelte in schäumender Wut den greisen Mönch, daß dessen Kinn hin und her schlotterte.

Aber das Auge des Alten blieb heiter, und als der um seinen Erfolg betrogene Ritter von ihm abließ, glitt kaum merklich ein Lächeln über die Züge des Meisters, dann kniete er nieder und betete laut: »Wie danke ich dir, Vater im Himmel, für deine Güte, der du sogar die finsteren Dämonen zwingst, für deines Klosters Heil mit den Waffen in der sündhaften Faust einzustehen!«

Neben dem Alten aber kniete Pilgeram, das Kind.

Noch einmal fragte Waltram mit erhobener Waffe: »Ich will dir sagen, was ich suche: den Schatz will ich, die Kreuze und Leuchter und Pulte von Gold und Silber, das will ich, wer könnte mich daran hindern? Jetzt bekenne, Mönch, wo der Abt und die anderen sind!«

Aber Elsung schüttelte den Kopf. »Mich kannst du töten, nur das Organon schone, Furchtbarer! ...« wollte er sagen, aber die Streitaxt Waltrams sauste schon nieder, und der Knieende sank zusammen, mit seinem Blute die Holzfliesen vor der Orgel rötend.

Schreiend warf sich Pilgeram auf ihn, da traf auch ihn ein Lanzenstoß eines Kriegers.

»Wir werden morgen früh beim ersten Lichte die Spuren der Flüchtenden verfolgen; seid getrost, Männer, Goldschatz und alles, was wir uns wünschen, werden wir morgen finden, die Mönche sind keine Vögel, die durch die Luft entfliehen könnten, morgen früh wird uns eine breite Fährte besser führen, als das Wort dieser beiden hier es getan hätte. Nun sucht Ruhe, Männer, bis morgen früh!«

Noch wurden ein paar Leute bestellt, die das Haupttor und die Mauer besetzen sollten, dann aber suchte Waltram das Gemach des Abtes auf und warf sich auf das Ruhelager.

Vom Hofe tönte dumpf der Lärm der Mannen herein, sie hatten den Weinkeller erbrochen und taten sich an der reichen Beute gütlich.

So mochte wohl eine Stunde hingegangen sein, das Lachen und Rufen der Zecher in dem Weinkeller war allmählich verstummt, einer nach dem andern hatte sich nach den Schlafsälen geschlichen.

Waltram selbst war in einen leichten Halbschlummer gefallen, und sein Traum erfüllte ihm das, was er hoffte: er ritt auf der Spur der Mönche, er fand in den Hütten von Rommersheim den Abt und die Brüder. Vergeblich suchten sie, den Schatz zu verbergen, niedergeschlagen wurde, wer sich wehrte, und Waltram von Bettingen hob den Goldschatz in die Höhe, der war sein, ganz allein sein.

Da weckte den Schlummernden ein röchelnder Schrei vom Haupttor her, er richtete sich auf und lauschte. Und plötzlich wurde die schwere, kalte Nachtluft zerrissen vom gellenden Getöse metallener Heerhörner.

Das Haar sträubte sich dem Daliegenden, mit einem Sprunge war er auf und in Waffen; das war ein Ton, der ihn aus dem tiefsten Schlafe geweckt haben würde, das war der Klang der normannischen Heerhörner in der Schlacht an der Dyle.

Eiskalt zog sich sein Herz zusammen, einen Augenblick dachte er daran, daß das Kloster seine Macht von Mürlenbach hierhergeführt habe, um ihn, den Einbrecher, zu fangen. Dann aber belehrte ihn der von allen Seiten schallende normannische Schlachtruf, daß ihn sein Ohr über den Klang der Hörner nicht getäuscht habe. So stürmte er, den Schild vorhaltend, auf die Kirche zu und schrie dabei mit überschlagender Stimme: »Hierher nach der Kirche! Waltram ist hier, wehrt euch, Männer!«

Da kamen viele gelaufen, manche in voller Wehr, manche mit Schwert und Spieß, andere aber auch nur mit einem Schilde oder einer Streitaxt, was sie gerade im Taumel des Erwachens ergriffen hatten.

Nicht umsonst hatte Hug von Lothringen auf dem weiten Ritte von Niederland hierher genaue Weisung erteilt, wie das Kloster von allen Seiten einzuschließen und anzugreifen sei, und Rolf Ringbeißer hatte dementsprechend klug seine Scharen verteilt; von vier Seiten zugleich stiegen die Normannen ein, stutzten aber sehr, als sie statt eines Klosters in tiefem Schlafe die Verwirrung fanden und gewappnete Krieger hastig durch die Nacht laufen sahen.

»Zur Kirche!« rief auch Rolf Ringbeißer den Seinen zu.

Unterdessen aber hatte Waltram in verbissener Hast mit Bänken, Grabsteinen und allem Holzgerät, das er fand, die Tür verrammelt.

In der grausen, nur von der ewigen Lampe erhellten Finsternis des Gotteshauses hoben sich die weinschweren Lider, ingrimmig blickten die Augen der Raubgesellen auf ihren Führer, Fäuste reckten sich gegen ihn, und schon wäre er von den Rasenden dort auf der Stelle erschlagen worden, wenn nicht jetzt furchtbare Axtschläge gegen die Tür gedonnert hätten. Holzsplitter flogen, nun gab eine der Eichenbohlen nach, eine zweite folgte, und Normannenhände griffen in den dahinter aufgetürmten Wall, um ihn zu zerreißen und sich Eingang zu verschaffen.

Da sprang Waltram, von seinen Kriegern gefolgt, in die Bresche, Hieb folgte auf Hieb, wie ein verwundeter Keiler wehrte sich der Eingekreiste; da mußte mancher von den Normannen mit tödlicher Wunde rückwärts taumeln.

Plötzlich schrie aus der dichtgeballten Masse der Verteidiger hervor eine angsterfüllte Stimme: »Wir sind umgangen, der Feind in der Sakristei, sie kommen!«

Da blieb liegen, wer verwundet oder tot war, der Rest aber sprang in wilder Flucht die ausgetretenen Steinstufen zur Galerie hinauf: als letzter Waltram von Bettingen.

Nachdrangen durch alle Türen die Normannen, nun war Rolf Ringbeißer allen voran, gewaltig tönte sein Siegruf, Fackeln befahl er herbeizubringen. Da warfen mit einer entsetzlichen Geschwindigkeit seine Krieger, welche die Worte ihres Königs verstanden hatten, Bänke, Gebälk und alles Brennbare, das ihnen in die Hände fiel, auf die Galerie; schwere Bohlen versperrten im Augenblick den schmalen, einzigen Ausgang nach unten, Fackeln zündeten, Fackeln flogen funkenregnend wie mächtige Brandpfeile unten vom Kirchenraum aus auf die Höhe, wo hier und dort im Rauch und Qualm ein entsetztes Gesicht auftauchte.

Vergeblich versuchte Waltram mit Schwert und Axt wieder den Ausgang nach unten zu gewinnen, Flammen züngelten auch von unten und vertrieben den Aufbrüllenden wieder nach oben, nun brannte auch oben die von mürbem Holze gebaute Galerie vollständig, immer dicker wälzte sich der erstickende Dunst, immer neue Nahrung des Feuers wurde von unten heraufgeschleudert, schon waren die meisten der Eingepferchten erstickt umgesunken; wer, durch den Schmerz der sengenden Lohe wahnsinnig gemacht, von der Höhe in den Kirchenraum hinunter gesprungen war, den zerschmetterte der Steinboden unten, oder den Auftaumelnden erschlug das normannische Schwert.

Mit den letzten sank Waltram von Bettingen, verbrannt und erstickt neben Elsungs und Pilgerams Leichen nieder.

Wütend fauchte die entfesselte Glut über den Sterbenden her und hüllte auch die kunstreiche Orgel in ihren sausenden Mantel.

So zwang die Hand des Herrn den Räuber, beim Hause Gottes Wache zu stehen bis zum letzten Atemzuge.

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