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Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
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Zwölftes Kapitel.
Der Ausfall

Wohl hatten die Burgleute, ohne daß Waltrams Männer sie hinderten, die dräuenden Reste des Belagerungsgerätes noch in der Nacht des abgeschlagenen Sturmes in den Graben gestürzt, den Zugang zur Mauer, so gut es ging, unwegsam gemacht und das Loch, das der Mauerbrecher gestoßen, verstopft.

Aber damit kam kein neuer Mundvorrat in die Burg, und so war der Abend des Ausfalles herangekommen.

Die Burg Mürlenbach lag so stille; wie auch sonst nichts verriet, daß ihre Besatzung zum letzten Sturm sich rüste. Ortrud ging von einem der Burgleute zum anderen und reichte einen Schluck Wein, sorgfältig hatte sie ihn zu diesem Ende verborgen gehalten. Es war kalte, dunkle Nacht, ein Dunst hatte sich erhoben, und nur die Sterne in der Scheitelhöhe schienen noch.

Im Tale nach oben und unten sah man in den Hütten beim Feuer die Wachen der Männer Burkhardts und des von Vianden. An der Bergseite aber, dem großen Tor gegenüber, hinter dem sich jetzt die Besatzung bis auf wenige, die sich zum Anlauf zu schwach fühlten, gesammelt hatte, schimmerte wie ein Kranz die Reihe der Wachtfeuer Waltrams von Bettingen; die ganze Breite des Bergrückens, der durch den Graben und das freie Feld davor von der Burg getrennt war, nahmen sie ein.

Mit dem letzten Öl waren die Angeln der Torflügel geschmiert worden, damit ganz lautlos ihr Öffnen erfolge. Unhörbar glitten sie nun auseinander, unhörbar eilten die Bewaffneten, Rotmar und Isenbrandt voran, gegen die Feuer. Nun waren sie schon auf hundert Schritt nahe, aber bei den Feuern und bei den Reisighütten, die da zur Unterkunft standen, war kein Mann zu sehen.

Die beiden Führer, der Graf und sein Waffenmeister, stürmten weiter, nun hielten sie zwischen den Feuerstätten, nun drangen sie in den Buschwald ein, aber kein Feind war zu erblicken, kein Waltram von Bettingen stellte sich ihnen mit lautem Kriegsruf entgegen.

Rotmar sah im Scheine der verglimmenden Reisigbrände seinen Waffenmeister an.

»Eine List,« flüsterte der, »sie halten seitwärts und greifen uns von der Flanke an!«

Da wandten sie sich zuerst nach rechts und dann nach links, aber hart bis an den abstürzenden Fels war Wald und Feld leer.

»Heute nachmittag waren sie alle noch dort,« sagte Rotmar, »aber was tun wir, Isenbrandt?«

Unterdessen hatten sich die Burgmänner alle im Schatten des Waldes eingefunden, in engem Kreise umstanden sie die Führer.

»Ich weiß nicht zu raten, ist es eine List, so halten sie tiefer im Forst, und wenn wir in das Tal steigen, stürmen sie die Burg. Aber wer weiß, vielleicht ist Waltram abgezogen, oder er wärmt sich in den Hütten der Dörfer; dann nach unten, dann werfen wir den Feind!«

Zwei Leute schickte Rotmar nun wieder nach der Burg zurück, Kunde zu bringen und zu doppelter Vorsicht zu mahnen, mit den anderen aber glitt er den Abhang hinunter auf die Schar Burkhardts zu.

Der Graf hatte an einen Kampf mit Waltram gedacht, danach hatte sein Herz gedürstet; nun aber, da er gegen den Vater Hildegards zog, flimmerte es ihm vor den Augen, und ein unbestimmtes Bangen und Schwanken ergriff ihn.

Nun hatten die Burgleute die Sohle des Tales erreicht, nun ging es durch das eisbehangene Ginstergestrüpp auf die Hütten zu, die Hand faßte das Schwert und die Streitaxt fester, der Schild wurde enger in den linken Arm geschoben, der Helm zurechtgerückt.

Da ertönte aus den Hütten der laute Warnruf: »Feindio, zu den Waffen!«

Burkhardts Schar war nicht so saumselig wie die Leute Waltrams bei den Wachtfeuern.

Wie im Traum schritt Rotmar weiter zwischen die Häuser seines eigenen, vom Gegner besetzten Dorfes, jeden Steg und Schlupf kannte er, aber er zögerte und benutzte seine Kenntnis nicht. Ein ungewisses Licht fiel aus den Türen auf die Gasse.

Hunde lärmten jetzt, und von allen Seiten stürmten die beiden Kriegshaufen aufeinander.

»Mürlenbach allezeit!« rief Isenbrandt, und seine schwere, blanke Klinge bohrte sich einen Weg in die Reihen des Prümer Aufgebotes, es war ein grimmiges Handgemenge, Mann gegen Mann, die lange Wartezeit hatte auf beiden Seiten verhaltene Wut und Kampflust genährt, nun brach sie sich desto wilder Bahn, Thietmar und manch anderer von den Prümern sank erschlagen in den Schnee.

Da plötzlich tauchte vor Rotmar eine breite, wuchtige Gestalt auf: »Steh, Rotmar von Mürlenbach!« rief die Stimme Burkhardts.

»Steh du und wahre deinen Schild,« antwortete der und griff geschmeidig den alten Kämpfer an.

Und während sich der Streit der anderen mehr nach dem Ende des Dorfes hinzog, denn die Prümer wurden zurückgedrängt, entspann sich zwischen den beiden Rittern ein stummes, heißes Ringen. Keiner wollte wohl den anderen verletzen, keiner wollte aber auch weichen. Hier fiel ein Stück von Burkhardts Schild herunter, dort schnitt das Schwert des Vogtes von Prüm ein wenig in das Knie des Grafen, so daß ein schmaler Streif Blutes am Bein hinunterlief. Hinter Zaunpfählen und Obstbäumen deckten sie sich, bald kämpften sie im schmalen Durchgang, bald auf breitem Hofplatz, immer vom wechselnden Licht aus den Hütten und vom bleichen Nachtdämmer beschienen.

Da holte der Graf von Mürlenbach zu einem gewaltigen Hiebe aus, der sauste nieder, ehe der Vogt den richtigen Schirmschlag tun konnte, und gänzlich zerbrochen fiel der eisenbeschlagene Schild Burkhardts in zwei Teilen nieder, die, durch die Lederstreifen gehalten, den Ritter behindernd, am Arme zappelten; so stand fast wehrlos der Alte vor seinem Eidam.

Da jagte ein Streiter auf einem Rosse vorbei und tat vom Rücken her einen zuckenden Schlag nach dem Haupte des Mürlenbachers. »Heil Burkhardt!« rief die Stimme des von Vianden, »jetzt wendet sich das Glück, jetzt habt ihr den Grafen, ich eile zu den anderen, damit wir auch die zwingen!«

Wie vom Blitz getroffen, war Rotmar schon hingestürzt, der Helm war nicht zerschmettert, aber die Wucht des Schlages war zu stark gewesen. Da kniete Burkhardt, als sei er ganz allein mit Rotmar, bei dem Gefällten nieder, nahm ihm den Helm ab und sah das bleiche Gesicht und die geschlossenen Augen dessen, den er einst so geliebt hatte.

Näher wälzte sich wieder der Lärm des Kampfes, die Prümer, vereinigt mit der Schar des von Vianden, widerstanden den Burgleuten, die mehrere Männer verloren hatten, besser und drängten sie langsam zurück. Auch suchte Isenbrandt mit unruhigen Blicken den Grafen, und mancher seiner Schwertschläge verlor durch seine Ungewißheit an Wucht.

Noch immer kniete Burkhardt da und hielt, in Gedanken versunken, das Haupt seines Eidams und Gegners im Schoß. Da plötzlich stockte der Kampf, auf dampfendem Rosse, stier und keuchend, jagte ein Mann durch die Gassen des Dorfes. Ein Streifen von Licht schien von ihm auszugehen und zog hinter ihm her, wie Funken von einem dahingetragenen, verglimmenden Feuerbrand.

»Haltet an, Männer von Prüm und Vianden und Mürlenbach!« rief die gewaltige, atemlos gellende Stimme des Einsiedlers.

»Das ist Gibbich vom Heiligenstein,« rief der von Vianden, Burkhardt aber schaute auf. Die Waffen senkten sich, so viel Entsetzen sprach aus den Zügen des Reiters.

»Die Normannen sind da, Prüm in ihren Händen, Besseres liegt euch ob, als euch gegenseitig zu erstechen!«

Da schlug Rotmar die Augen auf, schaute erstaunt und nicht begreifend um sich, und als er den Einsiedler sah, machte er eine schwache Bewegung, atmete tief und sprach dann leise wie ein Kind: »Gibbich, mein guter Gibbich, da bist du ja!«

Nun fiel auch der Blick des Reiters auf die beiden, die er bisher in der Dunkelheit nicht erkannt hatte. Da fuhr der Alte gegen seine Stirn und rief: »Den besten Schwertarm habt ihr gefällt!«

Schon stand Isenbrandt bei seinem Herrn, der aber, plötzlich sich wieder an alles erinnernd, sprang auf: »Eine Ohnmacht nur, nichts, wo ist der Feind, wo sind die Normannen?« Zugleich aber auch waren Burkhardt und der Viandener auf den Einsiedler zugestürmt, und auch die anderen fragten wirr durcheinander. Burkhardt schrie: »Meine Tochter!« Rotmar im selben Augenblick: »Hildegard!« Und auch jeder der Kriegsleute rief geliebte Namen, dachte mit Schrecken an ein Haus, an Eltern, Frau und Kinder, die der Wut der Eindringlinge preisgegeben waren.

Streit und Fehde war vergessen, brennenden Auges hörten sie zu, wie Gibbich berichtete, was er gesehen hatte und was geschehen war.

»Nach Sarbodesdorf,« riefen Burkhardt und Rotmar zu gleicher Zeit. Der von Vianden rief seine Leute zusammen, durch das Godesbachtal nach seiner Heimat zu eilen, um diese zu schützen.

Da aber erhob der alte Einsiedler vom Heiligenstein seine Stimme, und sie klang wie ein Bergstrom, der Felsgestein hinabwälzt: »Seid ihr hier, um wie Kinder ein Spiel zu spielen? Jeden von euch, wenn er allein ist, erschlägt der Normanne mit einem Schwerthieb. Schützen könnt ihr nur, wenn ihr zusammenbleibt und zusammen dem Räuber nachzieht. Auf! wieviel seid ihr?«

Da gehorchten die Alten und Jungen dem Seher auf dem Rosse und zählten.

»Wo ist Waltram?« fragte einer aus der Schar Burkhardts, der selbst, die Fäuste geballt, schweigend dastand.

Der Mürlenbacher und Isenbrandt erzählten von den leeren Wachtfeuern oben.

»Ich weiß nicht, wo Waltram ist, mir hat er keinen Boten geschickt,« sagte der von Vianden schnell, und auch Burkhardt wußte nicht, wohin Waltram gezogen sein könnte.

Gibbich aber, den die Ermüdung schon wieder zu übermannen drohte, sagte mit matter Stimme: »Alle Fehde sei aufgehoben, das flüchtende Kapitel gebietet Frieden, und morgen sei jeder mit seiner Schar in der Kluft, die bei dem Berge der Schnee-Eifel liegt, den sie den schwarzen Mann nennen!«

Nun herrschte durch Unruhe, Angst und Trauer gedämpfte Geschäftigkeit. Brot und Fleisch wurden nach der Burg getragen. Burkhardt kam mit Gibbich überein, daß er mit den Seinen jetzt gleich nach Sarbodesdorf und dann gegen Mittag auf die Schnee-Eifel zu ziehen wolle; einen Boten versprach er auf Rotmars Wunsch noch in der Nacht nach Mürlenbach zu entsenden.

Rotmar, der vom Schlage des von Vianden noch immer schwankte, wurde von den Burgleuten zugleich mit Gibbich nach der Burg geleitet, damit er sich zur Kriegsfahrt morgen erhole. Beide fielen in tiefen Schlaf, am Lager des Grafen aber saß Ortrud und legte Umschläge mit kühlenden Kräutern auf seine Stirn und hörte, wie der Mürlenbacher in angstvollem Schlafe oft den Namen Hildegard aussprach.

Eine atemlose Tätigkeit hielt in der Burg die ganze Nacht an, Rosse wurden gezäumt und aus dem Dorfe heraufgebracht, die vom Kampfe beschädigten Waffen gebessert, dann aber auch sich an Speise und Trank gelabt, deren man so lange schon entbehrt hatte.

Dankwart aber, der sich alles hatte erzählen lassen, wanderte ohne ein Auge zu schließen die ganze Nacht auf seiner Wacht hin und her. Er dachte daran, daß Waltram einen Anschlag gegen die Burg planen könne: er sollte Dankwart, des Tores Wächter, an seiner Stelle finden.

Nach Mitternacht erwachte Gibbich, richtete sich auf, schaute in den dunkelen Himmel und weinte, wenn er an alle dachte, die er nicht hatte warnen können.

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