Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Carl Ferdinand van Vleuten: Normannensturm - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleNormannensturm
publisherMainzer Volks- u. Jugendbücher
year1933
firstpub1905
illustratorRobert Engels
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160719
projectid9de86671
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.
Gibbich reitet

Seit zwei Tagen war ein klares, eisiges Frostwetter. Besorgt wagte der Roßhirt, als er den Aremberg wieder wie täglich erstiegen hatte, den Einsiedler zu bitten, daß er doch hinunterkomme in seine Hütte und die erstarrten Glieder wärme. Aber er wagte nicht zum zweitenmal zu fragen, so hell und überirdisch hatte ihn das Auge des Fremden angeschaut.

»Aber du, Roßhirt, gehe hin und hole aus deiner Herde den besten Hengst, damit ich ihn reiten kann, wenn meine Zeit kommt.«

Da gehorchte der Hirt.

Gibbich aber hielt weiter die Wacht, wäre er nicht durch die langen Klausnerjahre an die Unbilden des Wetters gewohnt gewesen, er wäre erfroren und hinübergeschlummert. So hielt er sich wach, nur einige Felle hatte er noch von dem Hirten angenommen, die gaben ihm Wärme. Und er spähte nach Ost, West, Süd und Nord, vor ihm ausgebreitet lag der ungeheure Eifelwald mit seinen hundert Kuppen im Schnee, mit dem Gewirr der Forsten und Täter, selten nur schaute eine Feldmark mit Hof und Hütte aus dem Dunkel der Wälder, seltner ein Dorf, am seltensten aber der Steinbau einer kleinen Kirche. Die hohe Acht, des treuen Roßhirten Opferplatz, stand trotzig da, daneben ein schroffer Kegel neben dem anderen, und so zog es sich weiter bis zum Rheintal hin, das sich durch blinkende Schneeflächen ankündigte.

Die kalte, blasse Wintersonne senkte sich gerade, der Wind hatte nachgelassen, wieder begann eine lange, frostige Winternacht.

Stern stand an Stern, darunter segelten wie zwei schwarze Wölkchen die Raben, die der Einsiedler immer wieder in die Höhe schickte, damit sie ihm hilfreich seien mit ihren scharfen Augen.

Eisige Kälte schüttelte den Alten, sie kroch über seine Glieder, sie drohte, ihn zu lähmen. Da stieg er von seiner Warte und schritt hastig hin und her auf der Höhe, um sich warm zu gehen. Dann aber warf er sich nieder am Fußende der großen Eiche und betete: »Hoher Himmelsherr, laß mich nicht vergehen im Atem deiner Kälte, bis ich mein Werk getan!«

Da blickte er gen Himmel, denn einer der Raben stieß einen scharfen Laut aus, wie er es sonst nur tat, wenn eine Gefahr sich nahte. Nun stimmte auch der andere ein, unruhig flatterten sie oben hin und her, als ob eine Wildkatze in ihr Nest eingebrochen wäre.

Schnell erstieg Gibbich die Warte wieder, er konnte in keiner Richtung etwas wahrnehmen. Eine quälende Unruhe bemächtigte sich seiner und zitternde Kleinmut. War es nur ein Bär, der am Abhang des Berges herumstreifte und die beiden Vögel oben in Sorge sein ließ, oder zog in den Tälern vielleicht, versteckt, so daß er es nicht sehen konnte mit seinem alten Auge, etwas an ihm vorbei, das all sein Wachen zuschanden machte?

Herzklopfend starrte er nach Osten, denn nun hatten die Raben den gestreckten Flug dorthin genommen.

Immer noch blieb alles dunkel, und kein Laut regte sich, Gibbich fand keine Worte zum Gebet, sein ganzes Gefühl aber war ein Gebet, sein Auge und Ohr zu stärken.

Wieder war eine kurze Zeit vergangen, von fern nur noch hörte er die Raben schreien.

Da plötzlich reckte sich der Alte so weit vor, als er konnte. War das nicht ein Feuerschein unten im Tale der Ahr auf die Kesselinger Mönchszellen zu, wolkte da nicht der Rauch, und nun, war nicht der Einödhof, den er noch heute mittag so deutlich am Walde hatte liegen sehen, jetzt auch gerötet, nun schon in hellen Flammen?

Da sprang Gibbich mit großen Sätzen den Berg hinunter, was tat es ihm, daß die Äste der Bäume ihn verletzten und daß er auf Eiskrusten ausglitt, nur abwärts zum Roßhirten!

Mit gewaltigem Rufe weckte er die Schlafenden.

»Das Pferd gib mir und du selbst fliehe in die Wälder mit deiner Herde, der Feind bricht ein, rette, was du hast!«

Schon saß er, den Speer in der eisigen Faust, auf des Rosses Rücken, das der Roßhirt aufgezäumt hatte; er erinnerte sich der alten Zeit der Kriegsfahrten, wie ein Streiter Gottes sauste er auf den Brand zu.

Der Roßhirt aber brach ungesäumt mit seiner Habe auf und verbarg sich in den Klüften des Gebirges: »Es war doch Wotan, der getreue Wanderer,« dachte er bei sich, »auf dem eisigen Berge saß er wochenlang, welch ein Mann möchte das tun, ohne daß ihm Hände und Füße abgefroren wären in der Nacht. Wotan war es, er wacht über seine Welt, er warnt seine Getreuen!«

Eisbrocken stoben hinter den Läufen des Rosses, so sehr trieb es der Einsiedler an; so jagte er über die Hochebene. Nach einer Stunde hielt er an der Kante des Tales, der Linödhof brannte und weiter hinunter Dörfer und Hütten, nun war das Auge des Alten scharf wie Stahl.

»Mag euch die Hölle verschlingen, Satansbrut!« stieß er hervor, denn er erkannte: auf der Sohle des Tales zogen, im Schimmer des Brandes erkenntlich, schwarze Scharen bewaffneter Männer, unabsehbar, leichte Wagen, mit vier Pferden bespannt, folgten, da blitzte ein Feldzeichen auf, der normannische Drachen war's, und nun erkannte Gibbich auch die Waffen.

Da warf er sein Pferd herum: »Ein Herold wird dir vorangehen, Teufelsbrut, der will dein Werk stören und deinem Morden Einhalt gebieten!«

Er wußte die kürzesten Wege auf das Heimattal zu, schnell und schneller jagte der Hengst durch die Winternacht, es schienen ihm Flügel an den Hufen zu wachsen, weißer Rauch dampfte feurig aus seinen Nüstern. Gibbichs Mantel flog, sein Atem keuchte, wenn er aber auf seinem Wege an einer Ansiedlung vorbeikam, so schrie er gellend seinen Warnruf und donnerte mit furchtbaren Hieben seines schweren Speeres gegen das Tor der Zaunumwallung, bis einer wach wurde.

Was er aber verloren durch den Aufenthalt, holte er durch doppelte Geschwindigkeit wieder ein.

Viele folgten ihm und retteten sich, andere aber lachten über den nächtlichen Spuk und schalten auf den Trunkenen, der an der Pforte lärme; die aber schlug wenige Stunden später das erbarmungslose, kalte Eisen.

Das Herz des Alten bebte, wenn er weit seitwärts vom Wege einen Weiler liegen sah, dem er die Kunde nicht melden konnte.

Der Morgen graute, da flog er durch Icorigium, und als er sich des Königs Pfalz Scolinar näherte, waren dort die Knechte gerade mit des Stallviehs Fütterung beschäftigt, von denen erkannte einer den Einsiedler vom Heiligenstein.

»Hütet euch,« rief der, »sprecht nicht mit ihm, er ist ein Waldgänger geworden; wer ihm Brot reicht oder einen Trunk Wassers, den erschlägt die breite Waffe des Waltram von Bettingen!«

Da hob der Alte auf dem dampfenden Rosse bittend die Hände und flehte, daß sie ihn hörten und sich retteten: »Der Normanne kommt heran, rot ist seine Streitaxt schon vom Blut!«

Da wandten sich die Knechte unwirsch ab: »Wahnsinnig ist Gibbich geworden, Heerscharen sieht sein hungriges Auge, die Vernichtung möchte er uns wünschen, daher kommt er und droht uns!«

So jagten die Knechte den Einsiedler mit Stöcken davon, er aber nahm die Schläge hin und jagte weiter, eine Träne im Auge. Stunden dauerte es noch, dann zersplitterten die schwanken Stöcke, die Gibbich schlugen, an den Waffen der Normannen, und von der königlichen Burg Scolinar blieb nichts mehr übrig, als ein rauchendes Trümmerfeld, über das herrenlose Hunde winselnd streiften.

Der Alte vom Heiligenstein aber schoß mit seinem unermüdlichen Rosse schon auf Prüm zu. Zu seiner Rechten ragte, jetzt in die erste Sonne des neuen Wintertages getaucht, das düstere, waldbedeckte Schnee-Eifelgebirge auf, mit seinen Mooren und Gründen; immer näher und näher kam er seinem Ziele.

Im Kloster war der Morgenimbiß beendet, und jedermann war bei der Arbeit, das Tor in der Umwallung stand sperrangelweit offen, mit lautem Hoh und Jüh wurden gewaltige Stämme auf Schlittenkufen hereingeschleppt, sie waren so groß, daß im Sommer auf Wagen ihre Fortbewegung kaum gelungen wäre, nur über den Schnee glitten sie leichter, sie sollten im Frühjahr für ein neues Dach der Kirche benutzt werden.

Die innere Klosterschule, durch einige begabte Knaben der äußeren vermehrt, übte gerade an dem neuen Osterliede Reginos; der Erfinder des Gesanges selbst leitete die Probe, bei jedem falschen Tone fuhr er wie von einem Dolchstiche getroffen zusammen, ging es aber über eine schwierige Stelle glatt hin, so leuchtete sein gütiges, kluges Gesicht hell auf.

Farabert wandelte mit den älteren Vätern um die Kirche, und sie sprachen über die Kosten des Neubaues, gerade zählte der Abt den Aufhorchenden vor, wieviel gutes Gold nun in emsiger Arbeit für den erhabenen Zweck gesammelt sei, auch berichtete er von den heiligen Gebeinen, die von Rom für die Feierlichkeit der Einweihung unterwegs seien. Auch die Schenkung der frommen Wittib Ansbalda vergaß er nicht, die vor ihrem Ableben zehn goldene Leuchter, ein großes Kreuz mit dem Bilde des Erlösers, Kelche und Schalen von edlem Metall dem Schatze des Klosters gestiftet habe, gerade gestern war die Sendung aus Trier auf sechs Saumpferden angekommen.

Auch von dem Fortgang der Fehde sprachen die Mönche, Farabert, der Abt, mit einer unverkennbaren Unwilligkeit; Folkold aber beschwichtigte ihn und sah in der engen Einschließung Rotmars die gerechte Strafe des Himmels.

»Schon sind, liebe Brüder, wohl acht seiner Knechte nächtlicherweile über die Mauer gestiegen und haben sich Burkhardt, unserm Vogt, auf Gnade und Ungnade in die Hände gegeben; kein Bissen Brot ist mehr in der Burg, so erzählen sie, kein Schluck Wein, und das letzte Futter ist den Rossen hingeschüttet. Und in der vergangenen Nacht hat Waltram mit dem großen Belagerungsgerät einen Angriff gemacht, der aus Mangel an Männern nicht zum Ziele führte. Darum haben wir heute auf Bitten unseres Vogtes jeden entbehrlichen Knecht in aller Frühe nach Mürlenbach entsendet.«

Da erstarrten die Mienen des Abtes plötzlich, seine Hand hob sich, und er wies mit einem erschreckten und unsicheren Ausdrucke nach der Richtung des Haupttores. Denn dort donnerten die Hufe des Rosses vom Aremberg durch die Wölbung, die tätigen Knechte und die Hörigen ließen ihre Arbeit liegen und schauten der Erscheinung nach. Vorgebeugt, mit Eiszapfen den verwilderten Bart bedeckt, das furchtbare Auge unbeweglich auf die Kirche gerichtet, so hing Gibbich im Sattel, die Kraft verließ ihn, aber seine Seele zwang den gänzlich erschöpften Körper zum Aushalten.

Männer liefen herbei und hielten das Pferd, während der Einsiedler vor dem Abt stand; er schnappte nach Luft, schwer ging die Brust auf und nieder, der trockene Gaumen konnte kein Wort bilden.

»Gibbich, du unglücklicher Bruder, welcher von den Dämonen des Waldes hat von deiner Seele Besitz ergriffen?« begann Farabert milde und wollte fortfahren, da rissen sich jäh und gellend aus Gibbichs Kehle die Worte los: »Weg, fort, die Normannen kommen!«

Einen Augenblick war es in der Runde der Mönche, die sich um den wilden Reiter geschlossen hatte, still, dann sagte Folkold leise zu Farabert: »Seht Geist ist verwirrt, er sieht die Heere des Teufels ...«

Aber mit schäumender Wut unterbrach ihn der Einsiedler: »Euer Einödhof ist verbrannt, eure Priorei Kesseling ist eingeäschert, Feuer, so weit man sieht, sie müssen jetzt schon im Kylltal sein, die Satanssöhne!«

Nun kam Bewegung in die Versammlung: »Wenn es wahr wäre; es ist doch nicht unmöglich; betrogen hat Gibbich noch nie; er schaut aus, wie einer, der die Normannen wirklich sah, ein großes Entsetzen flammt aus seinem Auge,« murmelten die Brüder halblaut.

Farabert fühlte, wie ein Prickeln durch den weißen Haarkranz auf seinem Haupte lief, seine Knie wurden schwach, er trippelte hin und her. »Gibbich, Gibbich, sag es uns!« rief er mit zitternder Stimme.

Gibbichs Atem ging wohl ruhiger, desto tiefer aber zog jetzt die furchtbare Erschöpfung der letzten Tage Furchen in sein Antlitz: »Ich schwöre es dir bei allem, was heilig ist, bei der Kirche des Erlösers dort, beim Sakrament der Wiedergeburt, sie kommen, Farabert, sie kommen, rette deine Herde!«

Da wollte der arme Abt mit schnelleren Sprüngen, als es sein Alter zuließ, zur Abteikirche eilen, um die heiligen Gefäße mit dem Leibe des Herrn zu retten. Alle Besinnung hatte er verloren.

Aber die schwere Hand Folkolds legte sich ruhig auf seine Schulter: »Der Besonnene rettet in einer Stunde mehr, als der Sinnlose an einem Tage!«

Farabert ergriff die Hand des Sprechers und drückte sie heftig: »Aber was soll geschehen, fort von dem Ort der Vernichtung!«

Da schickte Folkold einen jungen Bruder nach der Behausung des Torwarts, mit gellenden Tönen rief bald dessen großes Horn über das Kloster und das Dorf Prüm hin, daß eine Not sei und Zeit, an die Rettung zu denken. Die wenigen Knechte, die im Kloster waren, wurden zusammengerufen.

Gibbich hatte sich auf eine Bank gesetzt, trotz der hellen Winterkälte schlief er schon, den schweren Kopf in beide Hände gestützt. Neben ihm strömten alle Brüder zusammen.

In fliegenden Worten wurde die Notwendigkeit der Flucht geschildert.

»Wohin?« fragten die Mönche.

»Zu unseren Kriegsleuten, wo sonst könnten wir sicher sein,« rief Farabert.

Aber als wenn er noch nicht genug getan habe für die Rettung seiner Brüder und noch immer auch im Schlafe ihr Schirm sein wolle, riß sich Gibbich plötzlich aus tiefem Schlummer hoch: »Nur nicht nach Mürlenbach, was wollt ihr denn dort? Die dreihundert höchstens, die dort liegen, werden im ersten Ansturm von den Normannen weggefegt wie ein Haufen dürren Laubes, und dann ist alles verloren. In die Schnee-Eifel flieht, zwischen Sümpfen und Mooren im tiefsten Urwald sucht Versteck!«

»Nach Dasburg, in unsere große Feste wollen wir, den Wällen werden die Normannen nicht beikommen können,« rief Sintram, der unterdessen herbeigelaufen war, während die Schar der jungen Frankensöhne, froh über die Unterbrechung der Schule, sich seitwärts im Klostergarten mit Eisstücken warfen und auf dem Klosterteiche das Eis mit kräftigen Fußschlägen zerhackten.

Regino, die ernstere, innere Klosterschule hinter sich, erklärte, er käme sich in der Einsamkeit des unwirtlichen Waldgebirges gesicherter vor als in einem umwallten Kastell.

So ging in fliegender Eile Rede und Gegenrede, Sintram mit der äußeren Schule sollte nach Dasburg flüchten, ebenso die Leute vom Dorfe Prüm und den anderen Siedelungen. Die Knechte des Klosters aber sollten mit Farabert, Regino, der Mönchsschule und den anderen Brüdern auf die Schnee-Eifel sich wenden. »Nicht einen Weg wählen,« rief Gibbich, der plötzlich wieder seiner Heerführerzeit früher sich erinnerte, »sonst finden die Satanssöhne allzuleicht die Spur, und ihr fallt ihnen doch noch in die Hände, sendet Boten nach den Dörfern! Und nach Mürlenbach will ich selbst noch, Frieden verkünden und Zug gegen die Normannen!«

»Das tue mit Gott,« sprach der Abt.

Schon war Mittag vorbei.

Nun, als die Gespräche beendet waren und wirklich die eilige Flucht gerüstet werden sollte, gingen den Mönchen erst die Augen auf für die Gefahr, in der sie schwebten. Das war ein Durcheinanderlaufen, ein Jammern und Wehklagen der Kuttenträger, wie in einer Pferdehürde war eine wilde Verwirrung, wenn blutgierige Wölfe eingebrochen sind. In den Zellen und Schlafsälen suchten sie, altes und wertloses Gerümpel wurde weggeschleppt und plötzlich wieder hingeworfen, wenn ein anderes, köstlicheres Stück in die Augen fiel.

Farabert hatte seine Ruhe wiedergewonnen, in der Kirche und der Sakristei packte er mit ergebenen Knechten die Schätze des Klosters ein, das große güldene Kreuz des Kaisers Lothar, das schon beim letzten Normannensturm auf wundersame Weise gerettet worden war, die goldenen Kelche, mit Edelsteinen besetzt, das goldene Schiff, die zwölf Kapseln, reich mit Perlen und Edelsteinen verziert, vor allem aber die heiligen Reliquien, das Holz vom Kreuze Christi, die Teile vom Kleid der Gottesmutter, vom Schweißtuch der Veronika, vom Schwamm, damit der Herr in der schweren Stunde getränkt worden war. Gerade letzteres küßte Farabert inbrünstig, in Erinnerung an die Not des Augenblicks, ehe er es in die Körbe auf den Rücken der Pferde verpacken ließ. Da verstaute man die kostbaren Evangeliarien und die Meßbücher mit den silbernen, elfenbeingeschmückten Deckeln und schließlich die gewaltigen Pergamentbände mit den herrlichen Zierbuchstaben. Aber immer Neues fand sich, das man nicht liegen lassen wollte, daß es die rohe Hand der Heiden mißbrauche, Leuchter von Silber und Gold, seltene Meßgewänder, Lampen, das Tragpult von Silber mit dem silbernen Adler, gleichfalls ein Geschenk des unglücklichen Kaisers Lothar.

Schon war die Hälfte der Pferde mit den Kostbarkeiten, mit Sintram, Gerung und Ligil ausgezogen nach Dasburg zu. Sintram war nicht entmutigt, die Schar seiner Schüler aber hatte sich in der Eile bewaffnet mit Spießen, Schwertern und Schilden, im Sturmschritt gings weiter nach Westen zu; da stimmte der Schulvater Sintram, damit die Knaben bestärkt würden in ihrer fröhlichen Tapferkeit, das Psalmlied Davids, den Lobgesang auf den Herrn, an: » Laudate, pueri, dominum, laudate nomen domini!« »Lobet, ihr Jünglinge, den Herrn; lobet des Herrn Namen!«

Und jubelnd fielen die frischen Kinderstimmen ein: » Quis est sicut dominus deus noster, qui in altis habitat et humilia respicit in coelo et in terra!« »Wer ist wie der Herr, unser Gott? Der in der Höhe thront und auf das Niedrige schaut im Himmel und auf Erden.«

Da erschütterten plötzlich der Anblick der Knaben, die furchtbare Gefahr und der jähe Wechsel des Schicksals den Mönch Sintram so sehr, daß er in lautes Schluchzen verfiel. Und da brach jäh der Gesang ab, und stumm hasteten die Flüchtlinge weiter, auf die große Ringfeste Dasburg zu.

Hinter ihnen her aber klang der verwirrte Lärm des flüchtigen Landvolkes, Frauen klagten, nichtiger Hausrat lag auf den Wagen, und die notdürftigen Pelze und Lebensmittel waren vergessen; aber nur weiter, nur aus dem Bereich der Normannen, nach der Burg Dasburg, weiter, weiter.

Unterdessen senkte sich die Dunkelheit langsam nieder, auch Farabert mit den Seinen war schon auf die Schnee-Eifel zu weggezogen; als die Menge der Flüchtigen auf die Höhe kam, sahen sie gegen das Kylltal zu schwarzen Rauch treiben und einen Widerschein von Feuer. Da erhob sich ein wimmernder Jammer der Mönche, Abt Farabert aber auf seinem Zelter, die Kapsel mit dem geweihten Brote auf der Brust, betete leise vor sich hin. Manches Auge wurde da naß, denn die Stelle jahrzehntelanger, fleißig aufbauender Tätigkeit war wieder der Verwüstung ausgeliefert.

Neben dem Abte her aber schritt der älteste der Hörigen, der führte ein schweres Pferd am Zügel, das trug den Klosterschatz an gemünztem Golde, der für den Wiederaufbau der Kirche gesammelt war, oft strauchelte das starke Tier unter der wuchtigen Last.

Gibbich aber war gleichfalls schon wieder auf dem Rücken seines Rosses auf Mürlenbach zu. Als er sah, wie seine Warnung Früchte trug, gewann er neue Kraft zum letzten Ritt; als er aber gerade wegstürmen wollte, eilte Regino, der Prior, an seine Seite: »Vater Gibbich,« sprach der, »trage mir harte Worte von früher nicht nach, trage auch uns heute nicht nach, daß wir dir nicht danken, der du uns retten kamst!«

»Wie brauchtet ihr mir zu danken, Bruder Regino, sind wir nicht alle ein Schild oder ein Schwert in der Hand des Himmelsherrn? Wenn ich euch heute ein Schild war, dankt es dem Herrn, denn aus mir habe ich solche Kraft nicht.«

» Pax tecum!« »Friede sei mit dir!« so schloß der Einsiedler, während er eilig Regino die Rechte reichte.

» Et cum spiritu tuo!« »Und mit deiner Seele!« hatte der geantwortet und wollte der Schar Faraberts folgen, da besann er sich aber eines anderen, lief dem Einsiedler nach und rief: »In den Klüften am Berge, den sie den schwarzen Mann heißen, wollen wir hausen, da wird uns ein Bote finden!«

Gibbich nickte noch, dann ritt er in gestrecktem Lauf über den Berg auf Mürlenbach zu; die Sorge um Burkhardt und Hildegard, um Rotmar, um die Leute in Sarbodesdorf, Birresborn und Mürlenbach verzehrte ihn.

Nun lag die weite Anlage des Klosters ganz verlassen, oben aus der königlichen Pfalz am Tettenbusch sah man einen eiligen Wagenzug wegfahren, gleichfalls auf die Feste Dasburg zu.

Im Kloster war es ganz still, das Tor war angelehnt, die Stalltiere hatte man, soweit sie nicht mitgenommen werden konnten, von der Fessel gelöst und genug Futter hingeworfen, so trieb sich mannigfaches Getier: Kühe, Ziegen, Schafe, Hühner, Enten, Gänse und Pfauen im Hofe und den Gebäuden herum. Der Zwinger der Hunde war leer, sie waren den Mönchen gefolgt. Die Kirche stand offen, der Kapitelsaal desgleichen, überall die Zeichen übereilten und ängstlichen Aufbruchs, Linnentücher und Geräte umhergestreut, die Vorratshäuser geleert, langsam versanken die Feuer auf den Herden in ihre Asche.

Aber war das nicht leiser Laut? aus der Kirche? Klang es da nicht wie freundliches Orgelspiel? Wahrhaftig, eine Orgelmelodie tönte, von den Stimmen zweier Sänger begleitet, das christliche Siegeslied: » Magnificat anima mea dominum!« »Hoch preiset meine Seele den Herrn!«

Zitternd floß der zarte Ton in die eiskalte, erbarmungslose Winternacht hinaus.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.