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Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 9
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authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
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Ragnar träumt sich nach Norwegen hinab, rudert im schmalen Nordländer über den Tromsösund, bei klarem, sonnenhellem Wetter. Die Wellen schmiegen sich um das Boot, dessen hoher Steven zur Stadt hinüber weist. Eben legt die Fähre von der Brücke los, schiebt sich breit in den Sund, – Menschen stehen an Bord, lachende Gesichter, – Skispitzen, paarig, stehen an die Aufbaut gelehnt. Pfingsten, – – Pinsedag! Die Berge locken in bläulichem Dunst, mit weiten, violetten Schneefeldern in ihrem Schatten, Kriechweiden, niedrige weißstämmige Birken, einzeln stehende Höfe. Ragnar macht sein Boot fest und wandert durch die Stadt, den Berg hinauf. Biegt rechts ein. Zu einem zweistöckigen Haus. Ingeborg wohnt dort, bei ihren Basen. Sie lockt ihren kleinen Lappenhund, – »komm, Smaaen, komm, – nun sei brav, – bleib zu Haus. Kleine Hunde dürfen nicht in die großen Berge, wenn Ingeborg mit Ragnar skilaufen geht.– – – Ah, da bist du, Ragnar. –«

»Rrrrrrr!« Storm hat sich erhoben, springt vom Lager auf den Boden. Bleibt stehen!

»Storm!«

Der Hund zieht die Lefzen über die Fänge hoch, sträubt die Nackenhaare, – – – Ragnar fährt nach der Büchse, fingert nach Patronen. »Was ist los!« Storm wendet die Augen nicht von der Tür, hat die Ohren wie Muscheln nach vorn gerichtet.

Der Jäger hockt auf der Koje, den Kopf erhoben. Kaum hörbar gleitet das Schloß der Büchse in sein Lager – – –

Storm dreht sich mit einem bösen Knurren weg von der Tür, – kommt zur Koje zurück. Grunzt. Streckt sich lang aus.

Hat sich getäuscht, Storm. Hat wohl im Traum was Aufregendes erlebt. Kommt vor, – – –

»Rrrrrr!« knurrt der Schlittenhund. Zuckt mit den Beinen, als sei er hinter einem Renntier her, – in voller Fahrt.

»Na ja, –« brummt Ragnar, legt sich wieder zurück. »Blinder Alarm. Schade. Tja, – Ingeborg, – nun sind wir also wieder hier. Hol's der Teufel!«

Als er nach einer Weile wieder aufwacht, – es kann nur kurze Zeit vergangen sein, steht Storm wieder vor der Tür, horcht durch eine Ritze hindurch nach draußen. Mit seitlich geneigtem Kopf. Als Ragnar die Lampe ansteckt, dreht er sich flüchtig zu ihm hin, nimmt aber sofort wieder seinen Beobachtungsposten ein.

Mit einem Male spitzt auch der Fänger die Ohren. Ein Fuchs? – Kratzen an der Tür, – Storm windet, fältelt die Haut über der langen Nase, – winselt. »Verdammt, – was ist denn mit dir los!«

Kann nichts weiter sein! Hunde gibt es hier in der Nähe ja nicht, – die Eskimos ziehen nicht so weit nördlich, – jetzt im Winter überhaupt nicht ohne Not. Ragnar ist unschlüssig, – dennoch, – Ragnar hat ein komisches Gefühl bei dieser Sache. Mal die Rifle in die Faust. »Halt!« – – wieder das Kratzen! »Nun aber raus! So, Storm, – los!« Den Riegel zurück! die Knie gegen die Tür, – –

Schneegestöber, – ein weißer Strich, – oder was war das? »Na, Storm, – hast du gesehen?«

Aber der Hund antwortet nicht. Storm ist weg, – von der Nacht verschluckt. »Teufel!« Nochmals: »Teufel!« – –

Ragnar steht noch in der Türöffnung, – – wartet.

Storm kommt lange nicht zurück, verdammt. Einen schrillen Pfiff gellt Ragnar durch die Nacht – – nichts wieder zu hören. Kein Ton! Halt! jetzt! – nun wieder! Heulen, – langgezogen, weit entfernt, – – muß ganz in der Tiefe des Tals sein.

Ragnar steht, ohne sich zu rühren. Aber sein Puls fliegt. Er hat es einmal gehört, dieses Heulen, – in den weiten Gründen Finnmarkens. Aus vielen Kehlen, – klang wie ein einziger Schrei über die im Frost erstarrten Wälder, – Trauer lag darin, Blutdampf schien in ihm zu röcheln, Gier. Verlassenheit und Gier! Hunger!

Wölfe!

Die weißen Wölfe Grönlands; stärker, kühner als ihre Artgenossen im Süden.

Näher heran scheinen sie zu ziehen, – – wie steht der Wind? Auf sie zu, – verdammt.

Näher heran, – weiße Körper, die durch den Schnee hetzen. Einer hinter dem andern.

Ragnar sieht sie nicht. Aber er weiß, wie der Wolf seine Beute jagt.

Erst im Rudel, – Strich hinter Strich. Nachher einzeln oder in kleinen Gruppen. Aber erst, wenn die Beute in Sicht ist. Rechnen verteufelt gut, die Gesellen. Gehen ran wie eine Schützenkette im Gefecht. Nur schneller, huschend, wie Schatten, – – weiße Striche, die den Vertiefungen und Furchen sich anschmiegen, – – plötzlich springen, – Sturmangriff!

Der Jäger tritt in die Hütte zurück. Das Licht erlischt. Alles liegt in der Nacht vergraben, grau in grau. Doch gleich darauf liegt er wieder vor dem Eingang, – eine dunkle Gestalt im Schnee. Die Büchse quer vor der Brust. Es geht um Storm. Den Hund. Wenn das Rudel ihn in voller Stärke anläuft, und das tritt ein, wenn Ragnar nicht einige von ihnen auf die Decke legt, dann ist Storm verkauft. Restlos! Denn hier von der Hütte und weiter ins Tal hinein steht in frischem Geruch Storms Spur. So deutlich, als wäre ein Tau gespannt bis zu der Stelle, an der der Hund sich nun herumtreiben mag.

Als Ragnar den Kopf nach links wendet, sieht er reglos eine der weißen Bestien auf einem kleinen Schneehügel stehen.

Kaum zehn Meter von der Hütte entfernt. Wie ein Standbild. –

Schon da! Früh genug. –

Leichter Dampf steht von ihm weg, – hier, – – da – – einer, zwei weitere. – – – Der Jäger zieht langsam die Rifle zu sich heran. Aber es scheint, als ob die Wölfe sich nicht viel daraus machen. Eines der hinteren Tiere hockt sich wie ein Hund nieder, – die Zunge hängt ihm aus dem Maul, – na, – erst mal der Große, – der zuerst da war, – wahrscheinlich der Führer des Rudels. So – – »ratsch!« – – repetieren – – – nichts mehr zu sehen.

Der Große liegt. Kopfschuß. Die andern sind weg. Ragnar blickt sich um, – behält seine Stellung, – hier, ein Schatten, – die Schneeschleier wischen ihn aus, – – »bleiben in der Nähe vorerst, die Kerle, – Feuerstellung! Abwarten! Leicht, daß noch einer sich zeigt.«

Zwei Minuten, fünf Minuten – noch eine Minute!

»Will ihn mal näher besehen, den Kerl! Rübergehen!« Ragnar spricht mit sich selbst. »Na, – Storm – – –«. Aber Storm ist ja weg, verschwunden. »Na, – denn man los!«

Der Wolf liegt lang hingestreckt im Schnee. Kaum ein wenig Schweiß zu sehen. Fiel, wie er stand. Liegt, als ob er schliefe. Hohe Mähnenhaare, buschige Rute, – länger in der Nase als Storm. Spitzere und längere Fänge! – – –

»Beim Teufel, – –«

Fangmesser raus!

»Du Teufel, – Mensch, – was, verrückt, – so, – so, – hier du Biest, hier – hier – –«

Keuchen, – Hecheln, – wütendes verbissenes Knurren, – – dazwischen die Flüche des Jägers, – –»angesprungen, von hinten, – – das Schwein!«

Der Wolf mußte ganz in der Nähe gelegen haben. Kam mit einem Sprung aus der Nacht. Biß sich im Oberarm fest. Ragnar verlor das Gleichgewicht, ging in die Knie, halbseitlich. Legte sich vollends über, um den Angreifer in den Schnee zu drücken. Fangmesser raus! Einen Augenblick hatte die Bestie den Hals frei – das war genug! Ragnar stach durch bis auf die Halswirbel, dann von oben her in die Brust, einmal, zweimal – – – langsamer und zuckender werden die Bewegungen des kräftigen Tieres, die Zunge hechelt schlaff aus dem Hals, – Feierabend. Ragnar faßt die Kehle des Wolfs, drückt seinen Kopf mit Anstrengung nach hinten in den Schnee, daß das Blut stärker über die zottige Mähne sprudelt. – Ausbluten lassen – – so, jetzt ist er fertig, – erledigt.

Der Fänger erhebt sich mühsam aus der Schneewehe, greift nach dem Gewehr, das halb im Schnee begraben liegt.

Der erste, ja, das ging glatt. Mußte dieses andere Biest noch dazukommen, – das ging hart auf hart, – war schwere Arbeit. Ragnar zittert noch immer an allen Gliedern. Die Knie sind weich geworden bei dem Spaß.

Aber die beiden Wölfe sind richtig. Schwere Bengels. Mit einem Pelz, aus dem kaum mehr die Ohrenspitzen herausragen. Gibt gute Kleidung. Wolfspelz ist das beste Material dafür.

Nicht so schwer wie das Fell des Bären. Ebenso widerstandsfähig. Und hält warm. Wenn das verdammte Biest ihm nicht den Oberarm angerissen hätte, könnte man sich freuen über das Tagwerk.

Na, man los. Je ein Hinterbein gefaßt und die Beute nach der Hütte geschleppt. Das zuerst erlegte Tier ist schon annähernd steif gefroren, – ein wenig läßt sich das Bein noch bewegen. Richtige Kälte. Geht verteufelt fix, das Gefrieren. Man muß sich beeilen mit dem Abstreifen der Decken. Kann sonst tagelang warten, bis die Körper wieder auftauen, und geht außerdem noch viel Brennholz drauf.

Ragnar hat kaum mehr Platz in der kleinen Gamme, – als er die beiden Polarwölfe drin verstaut hat. Er hat ihnen die Hinterbeine zusammengefesselt, – mit den Köpfen nach unten hängen sie da – – wie Stockenten. »So ist es richtig, ihr zwei Hallunken! – Vollkommen in Ordnung. So mußte das gehen mit euch.«

Den Wölfen tropft das Blut aus den Fängen, rinnt über die hängenden Zungen, – nieder auf den Lehmboden, vermischt sich dort mit dem Wasser, das von den Wänden rinnt.

 

Storm kommt nicht wieder zurück. Nicht am ersten Tag, nicht morgen. Storm hat anderes zu tun. War zu lange allein, – ohne seinesgleichen, ohne zu spielen. Keine fröhliche Rauferei gab es, keine zerfetzten Ohren, – das Fell war die ganze Zeit über ohne den geringsten Riß. Das hält auf die Dauer kein Hund aus, dessen Wiege in Angmagsalik gestanden hat, der sich um jedes armselige Stück Seehundsdarm auf Tod und Leben mit den andern schlagen mußte.

Storm hat geahnt, was es war, das draußen um die Hütte herumschlich, – das Kratzen an der Tür hat es ihm bestätigt, was er sich dachte. Das war seinesgleichen. Das trug denselben Bluthunger, dieselbe Lust am tollen, atemberaubenden Jagen und Hetzen in der Brust. Und noch mehr.

Bis jetzt kam ihm die Wölfin, die er seit seinem Aufbruch aus der Hütte verfolgte, nur einige Male näher, – mag sein, auf einige zwanzig Meter. Sie war höher in den Läufen und leichter als Storm, den das lange Hocken in der Hütte steif gemacht hat, – untauglich zu der tollen Jagd, die die Wölfin ihm aufzwang. Sie spielte mit ihm, – ließ ihn näherkommen, – war im Augenblick wieder weg. Kokett steht sie da, mit funkelnden Augen; die buschige weiße Rute zu einem Haken gekrümmt, sieht sie ihm entgegen. Wenn aber Storm mit ein paar hastigen Sprüngen an sie herankommen will, fliegt sie wiegend zur Seite, verschwindet hinter ein paar Eisblöcken. – – Bis Storm sie endlich entdeckt hat, ist sie schon an die hundert Meter voraus.

Heulen klagt durch die Nacht. Da und dort wird es aufgenommen, – weitergetragen. Dicht fällt der Schnee. Wie seit vielen Stunden.

Storm steht still, hebt die Nase schräg in die Luft, – die Nüstern zittern. Er sichert nach Westen hinüber, wo sich das Gewirr von schroffen Bergen befindet. Die Tiefe des Tals. Dann wirft er den Kopf nach Ost, – blitzschnell wölben sich die Lauscher in der neuen Richtung, auf und nieder bewegt sich die Nase, bald tief am Boden, bald möglichst hoch im Wind.

Er steht, – ein schwarzer, zottiger Hund, gegen den nachtgrauen Schnee, – die Muskeln an seinem Hals sind gespannt, – seine Augen funkeln tückisch. Ist das Storm? Der seine nasse Schnauze vor einigen Stunden schmeichelnd in Ragnars Hand steckte.

Das Heulen kommt näher, klingt aus Südost herüber. Storm macht ein paar Schritte zur Seite, schaut zurück; nicht weit von ihm hockt die Wölfin im Schnee, – äugt zu ihm herüber.

Der Hund trabt durch den tiefen Schnee auf sie zu, in gerader Linie, mit steifen, ungelenken Bewegungen. Einen Meter vor ihr bleibt er stehen, – wendet wieder den Kopf nach hinten, wo das Geheul näher und näher heranzieht. Die Wölfin rührt sich nicht vom Fleck. Ihre Fänge zeigt sie unter den zurückgezogenen Lefzen, schimmernd, weiß, – trotz der Nacht. Unverwandt schauen ihre Lichter auf den Hund, – der groß und ungeschlacht vor ihr steht. Einer der Ihrigen. Aber noch warnt sie etwas. Vom Hunde weg steht der Duft von Menschenhänden. Feindlich, – scharf. Ein Duft, der einem leichte Schauer durch die Muskeln jagt, der in die Nase beißt.

Storm geht in einem engen Bogen um die Wölfin herum, – noch einen, als er den Kreis seiner Bewegung geschlossen hat. Die Weiße liegt ganz auf den Schnee gedrückt, beobachtet den Hund aus engen Sehschlitzen. Man wird nicht klug daraus, was sie nun eigentlich will; wird sie spielen oder beißen. Immer noch tritt Storm abwartend den Schnee, – scheint, er ist verlegen; bis plötzlich die Wölfin in einem spielerischen Sprung auf ihn zugestäubt kommt. Dicht neben ihm fliegt sie hin, – legt den Kopf mit dem geöffneten Maul seitlich in den Schnee, wälzt sich mit steifer Rute, – springt tändelnd wieder auf, schließt ihre blitzenden Fangzähne behutsam um sein Vorderbein.

Da beginnt das tolle Liebesspiel. Im stäubenden Schnee fegen die beiden kraftvollen Tiere nebeneinander her, rennen mit hechelnden, tropfenden Zungen, Rücken an Rücken, – die Lehne hoch, wieder zu Tal, Seit an Seit. Bis die Wölfin im Schnee liegenbleibt, leise winselt, lockt – – zärtlich. Der Wind heult aus den Klammen, in langen Fahnen zieht der Schnee über die Bodenwellen. Storm kehrt in langen Sätzen zur andern zurück. Sein schwarzes Fell ist weiß von Reif und Schneestaub. Nur die Lichter stehen schwarz aus der hellen Maske. Die Wölfin wehrt sich nicht mehr, als er ungestüm auf sie zustürmt.

Storm ist den Menschen verloren. Die Wildnis hat sein Blut verwandelt. Heißer fließt es jetzt durch die Adern, – – sein Heulen ist ein Sturzbach von wildem, unbändigem Blutdurst. Mit der Gefährtin jagt er durch die unzähligen Täler und Schluchten der Küste. Aber sorgsam meiden die beiden, größere Flocks ihrer Artgenossen zu treffen, – der weißen Wölfe, die in Rudeln durch die große Einsamkeit der Arktis ziehen. –

 

Erst gegen Mittag erwacht Ragnar auf seiner Pritsche. Er horcht nach draußen, wo der Sturm wütend pfeift. Essig mit der Jagd. Vielleicht stand Storm vor der Hütte und wartet darauf. Schwerfällig steigt der Jäger von seinem Lager, steht erst mal einen Augenblick still und dehnt den Brustkasten, der vom unbequemen Liegen ganz eng und verdrückt ist.

»Na ja, na ja, – – eh, du Teufelshund – wart mal!«

Die Tür ist mit einer zwei Meter hohen Schneewehe bedeckt. Das hat man auch noch davon, daß man jetzt eine geschlagene halbe Stunde arbeiten kann, bis der Kopf endlich in die Nachtluft kommt.

»Huuii – –« zieht der Wind um die Ohren, »Storm, – Storm! – – So – – Storm!«

Nichts zu sehen. Kein Hund, der aus dem Schnee hochfährt und einem freudig winselnd entgegenläuft.

»Storm!«

Im Krebsgang wieder in die Hütte zurück.

Ragnar gibt sich nicht erst die Mühe, Feuer zu machen, – er haut sich für die nächsten zwölf Stunden in die Koje. – –

Um Mitternacht flaut der Sturm unvermittelt ab. Beinahe Windstille. Da soll der Teufel draus klug werden! Nordlicht steht am Himmel – phosphorne Flammen zucken aus nächtlichen Wolken, brechen sich, winden sich in schlangenhafter Bewegung am Nachthimmel.

Aufbruch zur Jagd!

Vielleicht eine halbe Stunde ist der Jäger von der Hütte entfernt, als er leichtverschneite Spuren quert. Kaum älter als eine Stunde können sie sein, bei dem höllischen Wetter vorher. Die Skier gewendet und in schneller Fahrt hinterher! Erst zog das Tier im Tal, suchte aber bald höher, die Berglehnen hinauf. Über Spalten war es hinweggezogen, im polternden Sprung, – den die Skier nicht nachahmen konnten, solange das Terrain aufwärts stand. Ragnar läuft der Schweiß unter seinem Pelzzeug am Körper entlang während seiner eiligen Nachsuche. Bald hätte er aufgegeben, denn die Stapfen steigen plötzlich beinahe lotrecht in den Berg, dem Plateau zu. Aber er besinnt sich, stampft weiter, die Skier über den Schultern. Ein Zögern darf es nicht geben, – es ist die einzige Spur, die er angetroffen hat. Drei Stunden geht der Weg durch wilde Schluchten, im Zickzack über Geröll, das der Wind schneefrei geblasen hat. Dann gleitet Ragnar auf ebener Fläche dahin, – tief unter seinen Füßen das Tal.

Hier, in der Höhe, bläst wieder ein scharfer Wind, – verdoppelt sich binnen kurzem. Ragnar muß die Fahrtgeschwindigkeit beträchtlich steigern, um die Körperwärme zu halten. Zwei Stunden läuft er so hinter dem Ochsen, der nun Witterung von ihm haben mußte und seine Gangart wohl ebenfalls beschleunigte.

Plötzlich führt die Spur in einem scharfen Haken zur Seite, fällt darauf wieder ab – – zu Tal!

Ragnars Magen beginnt sich zu rühren, – streiken will er – – nun, das hat nichts zu sagen, falls er zum Schluß den Ochsen wirklich holt.

Doch wieder führen die Stapfen bergan.

Es ist um die Mittagsstunde – nach bald zwölfstündiger Jagd, als sich Ragnar in den Schnee hockt und seine Pfeife anbrennt. Der Teufel schien hier im Spiel zu sein. Müde und mißmutig steigt er dann bergab, hat das Glück, seine kleine Gamme auch wiederzufinden. –

Das Feuer knattert auf den Herdsteinen. Ein dünner Tee dampft im Kessel. Nur für die Eingeweide. Nur um sie zu wärmen. Ein kostbares Mittagsmahl! Ragnar schielt nach den Wölfen, die vor seiner Nase hängen. Das ist ja auch Fleisch, – genau so rot wie Moschusochsen- und Renntierfleisch! »Ja, Fleisch ist das!« – – Warum der Magen auch nicht die geringste Freude zeigt beim Gedanken an einen Wolfsbraten. Ist doch auch Fleisch! Was kann es sein, daß das Fleisch eines Raubtieres, – – – aber hat Ragnar nicht schon manches saftige Bärensteak gegessen? Nun, Wolf und Bär, – wie kommt es, daß man einen so großen Unterschied zwischen ihrem Fleisch macht. Ißt man nicht auch die Schlittenhunde auf, wenn man keinen andern Ausweg mehr hat? Warum wehrt sich der Magen so stark, wenn die Augen in einer gewissen Absicht die Keulen eines kapitalen Wolfes streifen – – hängt es etwa mit der angeborenen Achtung zusammen, die man den streifenden, wilden Gesellen zollt, deren langgezogenes Heulen durch die nächtlichen Berge grollt?

Wolfsbraten! Wie sich das anhört! Hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit – – Teufelsbraten! Klingt so häßlich, – bissig!

»He, – Teufelsbraten –« sagt Ragnar zu den beiden Wölfen – »wollte sagen – Wolfsbraten! – –«

»So, nun ist es Schluß mit der Jagd, – raus aus der Gamme, – – hat keinen Zweck, länger zu warten.« Ragnar hat es sich in den letzten Wochen angewöhnt, selbst sich die Kommandos zu geben, die einer Handlung vorausgehen. Er spricht überhaupt die ganze Zeit mit sich selbst. Man muß doch eine Stimme hören. Und ist es nur die eigene. Die Einsamkeit bringt das so mit sich.

»Ja, ich gehe jetzt!« bestätigte er seinen Entschluß, als hätte ein anderer vorgeschlagen, daß man nun aufbrechen müßte.

»Der Hund hat ja die Spur, – falls er noch am Leben ist. Außerdem kennt er den Weg zur Haupthütte. Und Fleisch, nun, – liegt nicht genug davon im Fleischgrab?« Allerdings sollte dieser Vorrat nicht ohne Not angegriffen werden. Aber es werden sich noch manche Jagdtage finden, bis das Licht wiederkommt.

Ragnar verstaut die Pfanne im geräumigen Sack, hängt sich den Annorak über. »Wie ist das Wetter?«

»Man muß erst mal sehen, ob die Luft rein ist oder ob schon wieder Schneewolken aufziehen.«

Krachend stößt der Mann die Tür auf, steckt den Kopf hinaus.

»Himmel!«

»Moschus!«

Ein schwerer schwarzer Körper fährt polternd durch den Schnee, – – geht erschreckt ab. Ragnar taucht wie ein Schatten wieder in die Höhle zurück und reißt die Rifle vom Lager, – »Teufel!«

Zwei Schüsse krachen durch die Stille, hallen im Gebirg wieder.

»Teufel!« freut sich Ragnar, als er den flüchtenden Ochsen fallen sieht. Lachend stolpert er durch den tiefen Schnee, zieht das Fangmesser von der Hüfte, Freude im Gesicht. »Das ging schnell! Wer hätte das gedacht, daß da ein Ochse dicht vor der Tür steht, während man drin sitzt und sich Sorgen um Fleisch macht?«

»Ein kapitaler Bursche – –« Ragnar stößt dem Liegenden, der den mächtigen Kopf mit den spitzen Hörnern in den Schnee geforkelt hat, die blinkende Schneide in den mähnigen Hals, tritt zurück. Die Augen des Ochsen sind starr auf ihn gerichtet, während er unter langsamen Zuckungen ausblutet, die dichten Haare mit Schweiß verklebt. Plötzlich sinkt der Kopf seitlich. Liegt still.

»Steht da ein Ochse dicht vor der Tür!« wundert sich Ragnar immer noch. Die Freude rieselt ihm warm durch den Körper. Vor seinen Augen sieht er nochmals, wie zwei Feuerstrahlen durch die Nacht zucken, nach dem flüchtenden schwarzen Körper hin, der in den Schnee niederklatscht; er sieht die Augen, schwarz wie Diamanten, die Augen eines verendenden Wildtieres, brechend, anklagend. Schwer im Tod, der alle Geschöpfe ereilt, ob sie unter den Fängen eines ganzen Rudels von Wölfen fallen oder im Blitz der Kugelbüchse. Die Augen, in denen so viel Leid liegt. Jeder Jäger hat sie schon gesehen. Keine Abwehr ist mehr in solchem Blick. Die Kreatur weiß, daß sie nun zu sterben hat, daß es kein Entrinnen mehr gibt, es gibt kein Aufstehen mehr, – die Schalen schürfen schon kraftlos im Harsch, kein Fliehen. Sterben! Es gilt zu sterben.

»Bist ein feiner Kerl!« sagt der Jäger anerkennend zu dem gefällten Ochsen. Beinahe Bewunderung hat Ragnar, Freude; – – ja, das nennt man sterben.

Kann sein, daß die Nacht das Verstehen des Jägers vertieft. Die Nacht schafft ganz andere Bilder als die harte, rücksichtslose Sonnenhelle. Die Nacht ist weich, umhüllt alles mit ihren samtenen, weichen Schwingen. Leben und Tiefe bekommt alles in der Nacht. Der ursprüngliche Sinn des Daseins tritt deutlicher hervor. Das Blut leuchtet in der Nacht. Geheimnisvoll. Kostbar! Der Träger des Lebens.

Blutleere ist Tod.

Wo noch Blut rinnt, ist Leben.

Auch wenn es stirbt; entweichendes Leben ist immer noch Leben. Bis alle Bewegung erstorben ist.

Dann schleppt man einen leblosen Körper durch den Schnee. Setzt das Messer an, verwertet das Fleisch, – gefühllos. Die Seele ist nicht mehr beteiligt. »Das ist Fleisch, – ja!«

Das ist Fleisch, nur noch Fleisch. Und das die Decke, die man nachher über die Koje breiten wird, um warm und weich darauf zu schlafen. Ist da noch ein Geheimnis vorhanden. Das Geheimnis ist mit dem Tier gestorben. Man fühlt nur den eisigen Hauch der Nacht, flucht, daß einem die Muskeln unter den Händen gefrieren, daß der Talg die Schneide des Fangmessers stumpf macht, weil er in Klumpen auf dem Eisen sitzt.

Das ist alles nur Material, das man verarbeitet. Fleisch!

Zur Befriedigung des hungrigen Magens.

Noch am selben Tag ist der Jäger aufgebrochen, der Hütte am Fjord entgegen. Ein kleiner dunkler Punkt, läuft er durch die weiten Schneeflächen. Hat die Augen überall. Unaufhörlich wandern sie den Weg voraus und zur Seite. Teils, um vielleicht eine Spur von Storm zu finden, zum andern, weil der Mensch selbst zum Freiwild geworden ist in der Arktis.

Mechanisch nimmt er die Schneegabeln, taucht unter in querlaufenden Rinnen. Wachsam! Bis in der mondklaren Nacht sich der kleine Hügel zeigt, unter dem die Strandhütte liegt. Die Skier knirschen im Hartschnee. Mag wohl an die fünfzig Grad Kälte sein. Zum Glück ohne nennenswerten Wind. Beim raschen Lauf schafft sich der Körper selbst warm. Nur der Gesichtsausschnitt kriegt den Frost zu spüren. Der Mund ist vom vereisten Bart überklebt, sogar an den Augenwimpern hängen kleine Eisperlen.

Einmal glaubt Ragnar, einen dunklen Schatten zu sehen, der sich in gleicher Richtung mit ihm bewegt. Er denkt an den Hund. Wird wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein. Storm würde sicher zu ihm herankommen, wenn er in der Nähe war.

Doch der Jäger hat einen falschen Schluß gezogen. Es war tatsächlich Storm gewesen. Drüben hatte er gestanden, auf einem kleinen Vorsprung im Berg. Mit seltsamen Blicken folgt er der Gestalt des Skiläufers. Und hinter ihm lag die Wölfin im Schnee. Mit zurückgelegten Ohren und einem dünnen flehenden Winseln.

Storm hatte unentschlossen seine Augen wandern lassen. Von der neuen Gefährtin zu dem alten Kameraden. Begierig hatte er den Duft in sich eingesogen, den Ragnars Schuhe im Schnee zurückließen, – der wie eine unsichtbare kleine Wolke über dem Boden stand. Er blickte zur Wölfin zurück und drehte den Kopf wieder dem Jäger zu. Hunger stand in seinen glimmenden Lichtern.

Die Wölfin erhob sich, als Ragnar vorbeigezogen war, sie hatte das Fleisch gewittert, das der Jäger mit sich trug. Aufgeregt knetete sie die Vorderläufe im Harsch, duckte dann den Kopf, mit entblößten Fängen. Linste Storm von der Seite an, – stob schließlich davon, um die Spur des Jägers aufzunehmen. Aber Storm rührte sich nicht. Nur ein ärgerliches Knurren ließ er hören. Und die Wölfin kam gleich darauf an seine Seite zurück. Sie verstand, daß Storm keine Lust zu einem Angriff hatte. Aber sie verstand nicht den Grund hierfür. –

Storms Unentschlossenheit deutete sie als Angst, und etwas von dieser vermeintlichen Furcht ging auch auf sie über. Erst als Ragnar aus den Blicken der beiden verschwunden ist, erhebt sich der Hund, reckt den muskulösen Körper und trabt, ohne sich nach der Wölfin umzusehen, zu dem Strich hin, den Ragnars Skier durch den Schnee gepflügt haben, folgt ihm. Bleibt nach einigen hundert Metern wieder stehen, als er den leisen Tritt der Wölfin hinter sich vernimmt. Mit abwesenden Blicken läßt er sich ihre Liebkosungen gefallen, atmet den Wildduft ihres schneeigen Körpers in sich ein. Der Geruch von Ragnars Spur wird schwächer und schwächer darüber.

Und plötzlich biegt Storm entschlossen von dem Weg zur Hütte ab, zieht nach Nord, den Bergen zu, – als wäre er nun zu einem endgültigen Entschluß gekommen. Blut ist stärker als Erziehung. Blut spricht eine eindringlichere Sprache. Und das Blut treibt ihn zu seinesgleichen, – weg von Menschenhütten.

Ragnar hat indessen die Hütte erreicht, hockt auf dem Kojenrand und schneidet Späne, um sich ein Feuer anzufachen. Verläßt das Haus für einen Augenblick und kommt wieder, setzt den Kessel, mit Schnee gefüllt, auf die Herdringe, durch die der Flammenschein leuchtet. Langsam zieht Wärme durch den Raum, so daß man sich der schweren Kleidung nach und nach entledigen kann. Die Mütze trägt er immer noch, weil ihre seitlichen Ränder im Bart festgefroren sind. Auch der dicke Wollschal ist durch zentimeterdicke Eislagen in die Haare verankert. Hat gute Weile. An Bord des »Polarwolf« war vor Fahren ein Fänger, der sich den Schal vom erfrorenen Kinn riß, als er von der Tonne in die warme Kajüte kam. Brach ein ganzes Stück des Kinns dabei mit los. Und die Wunde wollte nicht mehr heilen daraufhin. Man muß warten können, hier oben, – warten, im kleinen und großen.

Draußen liegt das Schneeland still und schweigsam. Der Himmel ist wieder verhängt, – wird wohl bald zu schneien beginnen.

Hat ein Gutes. Wenn Schnee fällt, fällt auch die Kälte etwas ab.

Nach ein oder zwei Stunden, – wer zählt die Stunden, wenn draußen die endlose Nacht liegt – – steht Ragnar von seinem Hocker auf, auf dem er bis dahin beinahe reglos saß, – streift sich die Kleider vom Leib und geht zur Koje. Seine Glieder sind schwer. Schwer biegen sich die Beine in den Knien. Dick treten die Venen aus den Schenkeln hervor.

Und schwerer werden die Bewegungen des Jägers jeden Tag, der abläuft. Das Licht, das von der Erde verschwunden ist, trägt wohl die Schuld daran.

Was macht's? Ist doch alles gleichgültig. Hat es einen Zweck, sich dagegen zu stemmen, – kann man ein Schicksal aufhalten. Hat es einen Zweck, überhaupt darüber nachzudenken, was schuld sein mag, daß der Körper mit jedem Tag müder wird. Im Schlaf vergißt man alles um sich, – man vergißt, daß man auf Grönland gefangen sitzt. Man vergißt, daß die Kameraden nun irgendwo im Eis oder in der Tiefe des Polarmeeres liegen. Also schläft man. Ist Schlafen nicht schön? Die Zeit vergeht rascher dabei.

*

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