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Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 8
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authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
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Sie blieb der erste Aufenthalt, – die Hütte, – die Höhle, – wollte ich sagen. Nach und nach hatte sie sich doch bald zu einer Hütte ausgewachsen. Ganz wie die Gelegenheit es gab. Ein Stück Treibholz – das war bereits mehr als ein Baustein. Damit konnte die Decke abgestützt werden, die in den ersten Tagen schon sich langsam nach unten durchdrücken wollte. Ein Guckfenster war da, – um vorbeiziehendes Wild beobachten zu können. Mit einem Stück Eis war es leicht zu schließen, wenn die Temperatur zu weit unter den Strich sank. Der Innenraum war in der Zwischenzeit schön viereckig geworden.

Kristallpalast. Nun, das ist vielleicht nicht das richtige Wort. In einem Palast ist Fest, Freude, – Gemurmel von Menschenstimmen.

Das war hier nicht so. Nein, – hier war keine Freude. Seit bald einem Monat nicht mehr.

So lange war es schon, daß Ragnar auf seine Worte keine Antwort mehr erhielt, –vielleicht, daß mal Storm etwas dazwischen sagte, wenn Ragnar leise vor sich hin sprach.

Aber auch Storm war schweigsamer geworden. Auch Storm schien die Spannung der großen Einsamkeit nicht zu ertragen. Oder war es so, daß sie ihn rief, die Einsamkeit, daß er weiterziehen wollte in die unübersehbaren Schneefelder, zwischen schlafenden Bergriesen hindurch und weiter, weiter, zu Stätten, wo Hunderte von Schlittenhunden um kleine Torf- und Schneehütten herum sich balgten und hetzten. Menschen wollen zu Menschen, wohl – – Hund zu Hund. Es war oft nicht leicht für Ragnar, zu sehen, wie der Hund klagend vor der Hütte hockte und sich die Kehle wund heulte, bis das vordem volle Geläut zu einem kläglichen, abgehackten und rasselnden Schluchzen wurde. Durchaus nicht leicht. – Du sagst, – – »es ist doch nur ein Hund! Nun – es ist ein Hund!« Aber wenn ein solcher Hund zu deinem einzigen Kameraden geworden ist, so beobachtest du sein Gesicht und sein Gebaren so genau und ebenso gespannt wie etwa das deines einzigen Freundes oder einer Frau. Und nicht nur mit dem Interesse, das du ihm innerhalb der bewohnten Zonen, der menschlichen Wohnungen, zuwenden würdest. Der Hund hat dein Interesse in gleichem Maße wie ein Mensch, in der großen Einsamkeit.

»Guten Morgen, Storm!« sagt Ragnar zu ihm. Der Hund öffnet das Maul zu einem räkelnden Gähnen, klappt es wieder zu, daß die Fänge aufeinanderkrachen, – – nun, Storm hat gute Laune. Müssen erst die Gedanken eines ganzen langen Tages kommen, das lange Nachdenken während vieler Stunden. Schließlich hat er dann die gute Laune verloren. Aber so, wie er frisch aus seiner Traumwelt kommt, von lustiger Hetzjagd zurück – – vielleicht hat er sich auch mit Gespielen fröhlich geprügelt, – nun, da hat Storm selten Grund, gleich beim Frühstück zu knurren, – ich meine, – böse zu knurren.

Mit der Rute wedelnd kommt er auf Ragnar zu und streift ihm das dicke, weiche Fell an den Waden längs. »Ja, ich bin dein Freund. Brauchen wir nicht beide ein wenig Zärtlichkeit. Ein wenig Streicheln tut gut, – ja, – nicht wahr?«

Das war das einzige Gespräch am Tag, das die beiden für gewöhnlich zusammen hatten. Bis heute. Auch der Hund war schweigsamer geworden, – ein anderer, – seit der alte Jon fehlte, wenn es zur Jagd ging oder wenn Ragnar den Inhalt der kleinen Bratpfanne verzehrte.

»Alt genug bin ich«, hatte Jon gesagt. »Und das Sterben ist ja schließlich ein Teil des Lebens. Es gehört zum Leben wie das Stück Fleisch, das wir täglich brauchen. Gerade so.«

Nun war Jon immer ein Besonderer gewesen. Klar, daß er auch besonders sterben mußte. Mit seinen seltsamen Worten und den Gedanken, wie er sie immer schon in seinem grauhaarigen Kopf hatte.

Als er schon hart an der Schwelle war, – es gab kein Zurück mehr – –, hatte er plötzlich aufgelacht, als stünde er am Eingang zu einem Tanzsaal und hätte ein hübsches Mädchen entdeckt unter dem Gewimmel von bunten Nocken und Feiertagshosen. –

»Ja, der alte Beisar, das war ein Kerl, der! Pelzjäger auf Svalbard – und der Beste, der je vom Himmel kam, um den Eisbären und Renntieren auf Spitzbergen das Genick umzudrehen, – ein Jäger, nun – es gibt eben nur einen Beisaren. Er kam also mal zu zwei Fängern auf Besuch, die an der Nordküste, – beim Verlegen-Hook herum, überwinterten. Gerade, daß er sie noch am Leben antraf, denn sie lagen beide in der Koje und waren dabei, am Skorbut zu sterben.«

Der alte Jon richtete dabei seinen Kopf mühsam etwas höher vom Lager und hustete angestrengt, daß sein bläuliches Gesicht dunkelbraun wurde vom Blut, das ihm in die Schläfen stieg. »Ja, aber ich muß dir das erzählen«, fuhr er fort, als der Anfall vorbei war. »Sie wollten also sterben, die beiden. Der eine war schon halb weg – der andere wußte: Aha, jetzt ist es bald an der Zeit. Da stieg der alte Beisar über die Türschwelle ins Hütteninnere herein und sah mit einem halben Auge schon, was hier gespielt wurde. Er hatte schon manchen Fänger durch den verdammten Skorbut verloren.«

Das sagte Jon, als hätte er sich etwa den Hals erkältet, und wartete nur darauf, daß der Arzt ihm sagen würde: »Na, Jon, kannst jetzt wieder den Umschlag wegnehmen von deinem Adamsapfel, – hat sich alles wieder eingerenkt mit deiner Zunge.« Und Jon lag doch keuchend in der Koje und merkte, daß er bald kein Glied mehr rühren könnte, daß es mit ihm zu Ende ging. Jon starb auch am Skorbut.

»Ja«, hüstelte er, und schob zwei Finger hinter den Schal, um sich Luft zu machen, weil ihm die Zunge dick wie eine frische Semmel im Mund lag und den Atem nicht vorbeilassen wollte, – »der Beisar ging also zu dem einen hin, der schon so gut wie fertig war, und lugte mit seinen kleinen Schlitzaugen in den Mund. Was er da sah, war durchaus in Ordnung, wenn der Kerl schon am Skorbut sterben wollte. Alles war da, was zu einem richtigen Skorbut gehört, – er fühlte nach den Zähnen, – sie hingen noch so von ungefähr an den Nerven fest. Haha, – der alte Beisar war ein Witzbold! Er konnte es nicht lassen, zu dem einen zu sagen, – nun ja, es sei doch schade, wenn er in seinen besten Stiefeln stürbe. Es sei so schwer, von den steifen Beinen eines Toten die Stiefel abzuziehen. Ob man ihm die Stiefel nicht rasch von den Füßen nehmen könnte? – Der eine antwortete ihm jedoch nicht wieder. Denn er war inzwischen gestorben; da wandte sich der Beisar zu dem zweiten und meinte gleichmütig, daß er auch für ihn schon einen schönen Platz gesehen hätte, während er zur Hütte gekommen sei. Einen schönen Platz! Viele große Steine in der Nähe, mit denen man ein Grab wirklich ordentlich zudecken könnte, damit nicht etwa ein Eisbär ihn wieder aus der Erde holen konnte. Er läge jetzt ganz sicher an der Stelle, die er für ihn ausgesucht habe, wohl, wohl, – hoffentlich gefalle ihm dieser Platz. Oh, verdammt! Hatte der Alte ein Temperament!« Er war damals so alt wie jetzt Jon.

»Wo der alte Beisar am Ende geblieben ist, weiß kein Mensch! Er kam eben nicht wieder nach Longyearbyen zurück, um dort Proviant zu holen, wie es seine Gewohnheit war. Zwei Jahre nicht, – zehn Jahre blieb er schließlich weg. Da mußte schon was Ernsteres vorgefallen sein.«

»War keiner, der wieder etwas von ihm hörte.«

Jon lachte leise in sich hinein. Aber das schien ihm nicht zu bekommen, denn er schüttelte sich plötzlich wieder in einem neuen Anfall. Der Tod griff immer fester um seinen Körper, an die schmerzenden, geschwollenen Beine. – – –

»Halt gut durch bis zum nächsten Sommer, min Jung – und grüß die andern –«; es machte ihm schon Mühe, so viel zu sagen, seine Finger krallten sich in den langen, strähnigen Haaren einer Moschusdecke fest, spielten zitternd über die Wand aus Schnee in seinem Rücken, – und die gelblichen Augen suchten die des Jungen: »Ja, grüß das liebe alte Norwegen. – – Gib mir die Hand!«

Darnach hatte sich die gleichmütige Maske des Todes über sein faltiges Gesicht gebreitet. – – –

Ragnar schaut unwillkürlich durch das offene Türloch nach draußen. Eine Warte steht auf der Höhe eines kleinen Hügels. Aus schweren Steinplatten erbaut. »Hier wohnen Menschen!« ruft diese Warte, – oder, »hier wohnt noch ein Mensch!«

Wenn ein Boot im nächsten Jahre den Fjord anlaufen sollte, wird diese Warte der Besatzung den Weg weisen zu einer kleinen, zusammengesunkenen Hütte oder einigen zerstreuten Balken, – Knochen von Tieren werden darunter und daneben liegen und vielleicht das Gerippe eines Menschen – der Mensch hat früher mal Ragnar geheißen. Der andere, den Ragnar unter der Warte begraben hat, – das war Jon. Ein Eismeerfänger – einer von den Geraden, Aufrechten. Einer von denen, die sterben konnten, wenn es notwendig war.

Man kann so denken; man kann sich die Zukunft so malen. Und sie wird wohl nicht viel anders sein als so. Denn da steht die lange Nacht vor der Tür. Die Nacht, – vier Monate senkt sie sich auf Grönlands Eiswüsten hinab. Liegt schwer und schwarz über den Felsen und Gebirgen.

Schon jetzt beginnen die Flüsse zu versiegen, – vereisen in der Zeit der Dämmerung um die Mitternachtsstunde. Wenn der September zu Ende ist, wird kein Tropfen Wasser mehr in der freien Natur zu finden sein. Alles erstarrt, alles tot, und die Herbststürme werden die Nächte durchheulen.

Wie hatte Jon gesagt? Landeinwärts gehen! An einen geschützteren Platz. Mehr Tiere seien in der Tiefe des Fjords, an dessen südlichem Kap sie die Küste erreicht hatten und der sich vielleicht Hunderte von Kilometern landein hinziehen mochte.

Die Berge fielen steil ab zur See, – zu ihren Füßen trieb das Packeis, staute sich in Wülsten und kleinen Gebirgen. Das war kein Weg nach drinnen. Hinter der Hütte stieg jedoch der Berg bis zu tausend Metern hoch in die Höhe. Was dahinter lag? Was sein Kamm verbarg? War das der Weg?

Zur Überwinterung reicht das Material, das an der Küste liegt, nicht aus. Wenn die Winterstürme erst die Küste reinfegen, ist es zu spät, einen günstigeren Ort zu suchen, eine neue Hütte zu bauen.

Treibholz ist auf Grönland nicht so häufig zu finden, wie es nach Jons Schilderungen an der Spitzbergen-Küste vorhanden ist. Ragnar hat nun schon manchen Gang gemacht. Nach Hause brachte er kaum ein paar Planken. Das macht wohl der starke Eisgürtel an der Ostküste, daß hier so wenig Material zu finden ist. Eigentlich treibt ja derselbe Strom, der auf Spitzbergen Holz absetzt; auch hier vorbei. Kann sein, daß er alles Holz auf Spitzbergen zurückgelassen hat. Die Möglichkeit, genügend Material zum Hüttenbau zu finden, ist gering. Schon deshalb müßte man weiter in die Tiefe des Fjords eindringen, – wo die Strömung ruhiger wurde, wo die Stämme schön gemächlich den flachen Strand hinaufrollen konnten und nicht so leicht bei starkem Seegang wieder loskamen.

 

Das erste, was Ragnar ins Auge fällt, als er den jenseitigen Hang des Berges über wirr und schroff hingeworfene Granitquader hinabsteigt, ist ein Kreis von mittelgroßen Steinen, die in etwa zwanzig Meter Entfernung vom Ufer liegen. Gerade so groß, daß ein kräftiger Mann sie heben kann, sind diese Steine. Die Erdfläche, die sie umschließen, liegt etwas tiefer als die äußere Umgebung. Aber das Gras wuchert in der Mitte des Steinkreises nicht weniger als draußen.

War lange her, Jahrzehnte vielleicht, daß über dieser Kreisfläche ein Zelt gestanden hatte. Denn hier waren Eskimos gewesen, – kein Zweifel! Ragnar hatte schon als Knabe die Berichte Nansens, des großen Norwegers gelesen, – er entsann sich deutlich, – solche Steinkreise hatte er darin schon gesehen. Ein Sommerzeltlager! Vor vielen Jahren. War seltsam, wie die Vergangenheit manchmal an uns herankam. Tausend Jahre drunten in Europa, – das war nichts. Man konnte mit diesen tausend Jahren nicht viel anfangen. Aber diese zwanzig Jahre, die vergangen waren, seit hier ein Eskimo seiner Familie eine primitive Bleibe errichtet hatte, – die zählten. Unmittelbar kamen sie an einen heran, – der Eskimo kam, die Harpune in der linken Hand, über die Schulter eine erlegte Robbe gehängt, – er kam von der Jagd zurück und lief an einem vorbei, – verschwand im Zelt. Die Hunde kläfften und sprangen, weil sie nun bald Fleisch bekommen würden. Das war Geschichte. Hier waren Wesen gegangen, – die ersten menschlichen Wesen, die Ragnar auf Grönland traf. Jawohl, es ist so gut, als ob er mit ihnen geredet hätte, – heut oder vor zwanzig Jahren. Das hat kaum soviel zu sagen für Ragnar – – konnte ebenso sein, daß für Fahrtausende kein Mensch diese Küste betreten hatte.

Bald ist es, als käme Ragnar nach einer langen Wanderung an die ersten Vorwerke einer Farm, die irgendwo in Norwegen stehen konnte. Man konnte sich leicht vorstellen, daß nach diesem Steinring weitere folgen mußten, – solche, in denen noch Leben war. Ein ganzes Zeltdorf, in dem lustiges Treiben herrschte, Hunde umherrannten, und Frauen, Männer in Gruppen zusammenstanden, während sie die Ereignisse des letzten Jagdtages besprachen.

Mit solchen Gedanken setzt Ragnar seinen Weg fort. Es ist besser, dabei zu gehen, als wenn einem ständig das graue Unbekannte entgegenspringt und die Gedanken immer bei diesem Unbekannten haltmachen müssen.

Hinter einem großen Stein breitet Ragnar am Abend seinen Schlafsack aus, schläft ein, – die Büchse in Griffweite. Storm schnuppert noch hier und dort in dem niederen Gras und den Flechten herum, die an den schneefreien Stellen wachsen, – legt sich dann neben dem zweibeinigen Kameraden nieder, hellwach.

Storms Gedanken gehen nicht in derselben Richtung wie die seines Herrn. Er hat nur unwillig sich zu der Rast herbeigelassen. Überall, in der Luft und am Boden sind Dinge, die Storms Nase reizen und seine Phantasie wecken. Überall sind Tiere gegangen. Und darunter war eine Spur, die durchaus nicht feindlich duftete. Auch nicht von jagdbarem Wild herrührte. Es war beinahe, als wäre er selbst vor ein oder zwei Tagen hier gegangen. Und zuerst war er sogar der Täuschung erlegen. Allerdings nicht länger als für einen Augenblick. Vielleicht ist es das, daß der Hund nun von Zeit zu Zeit den Kopf hebt, die Luft prüfend in die Ferne schaut.

Als Ragnar sich nach ein paar Stunden von seinem Lagerplatz erhebt, springt der Hund wie erlöst auf. Wie ein Strich ist er weg, – im Geröll verschwunden. Storm liest im Buch der Landschaft, – längst Vergangenes sieht er wiederkehren. Da ist ein Polarhase um sein Leben gelaufen, hinter ihm war der Fuchs. Und auf einer kleinen Erhebung, die nach allen Seiten hin ausreichende Sicherung gab, hat ein Moschusbulle seine Mittagsrast gehalten, während unter ihm ein Flock Kühe sich dem Genuß des Wiederkäuens hingab. Storm ist es auch nicht entgangen, daß in der Nähe des Liegeplatzes des Alten sich wieder die Spur von gestern zeigte. Eine Spur, als wäre sie von seinesgleichen. Storm hat noch keinen Wolf gesehen. Er war noch sehr jung, als er von der Ostküste Grönlands die Reise übers Meer machen mußte, – und seine Mutter hatte ihn immer in ihrer Nähe und bei den Hütten der Menschen gehalten, bis er erfahren und kräftig genug sein würde, um sein Leben gegen die älteren Artgenossen zu verteidigen, die sich nicht scheuten, die jungen Welpen aufzufressen, wenn gerade Hungerszeit war. Und wann waren sie nicht hungrig. War nicht gerade ein Wal harpuniert worden, daß es Fleisch in unbegrenzten Mengen gab, so daß es geschah, daß mancher der ausgehungerten Gesellen, denen die Rippen aus dem Pelz standen, sich dabei zu Tode fraß in seiner wilden Begier oder weil er glaubte, daß er nun für viele Tage gesättigt wäre, – nun, dann waren die Zeiten schlecht. Eine Herde von etlichen vierhundert Hunden will gesättigt sein! Was nützt es da schon, wenn einige Seehundsdärme nach gelungener Jagd aus einem Iglu, der Hütte des Eskimos, herausfliegen. Der schnellste und kräftigste schnappt sie auf und hat sie schneller als ein Blitz in seinem Magen untergebracht, – denn sein Gebiß braucht er zur Verteidigung gegen die hungernden und neidischen Kameraden, die mit schlaffen Bäuchen dabeistehen und zusehen müssen, wie einer von ihnen sich sättigt.

Nein, man hat nicht Zeit, auch nur den armseligsten Fetzen von einem zerrissenen Mokassin zu zerkauen und zu genießen, bevor man ihn hinunterschluckt. Da sind sofort die andern hinter einem her. Wenn sie indessen sehen, – aha, was dieser oder jener eben aufgefressen hat, – das ist schon im Magen gelandet, – – es sieht dann jeder ein, daß es zwecklos ist, in einem solchen Falle noch anzugreifen. Es sei denn, daß der Angriff mit der Absicht erfolgt, den andern mitsamt dem Bissen, den er eben übergeschluckt hat, aufzufressen. And ein solcher Angriff findet leicht willige Teilnehmer.

Aus einer solchen Schlägerei hatte ihn seine Mutter mal herausgeholt, als er eben aus reinem Mutwillen einen alten, weißen Hund anspringen wollte, der in der Nähe stand und dessen Augen glühten wie Kohlen. Das sei ein gefährlicher Hund, – hatte ihm die Mutter bedeutet. Er sei von denen, die niemals vor einem Schlitten liefen und nicht unter den Befehl der Eskimos sich stellten. Herumlungerer seien sie, die ohne Heimat und Familie die weiten Ebenen und Gebirge durchstreiften, von den Menschen verfolgt und gehaßt, weil sie nicht davor zurückscheuten, selbst den Herrn der Schöpfung zu töten. Die großen weißen Hunde Grönlands. Er sollte sich hüten vor ihnen. – – War das einer der Weißen, der hier gegangen war? Oder waren sie nun in der Nähe eines Dorfes?

Storm läuft gedankenvoll weiter –.

Ragnar schreitet ohne Aufenthalt, gönnt sich nicht Zeit, etwas in seinen kullernden Magen zu füllen. Man kann ja damit bis zum Abend warten, bis zur Nachtrast. Er geht immer in geraden Linien voraus. Peilt einen Punkt, eine Bergspitze an, und marschiert, klettert und strauchelt vorwärts. Hat er den Zielpunkt erreicht, macht er einen neuen aus, tiefer im Fjord, der in vielen Windungen lange schon vor seinen Augen liegt, sich nach Süd und Nord verzweigt, viele Inseln umschließt. Der Rückweg! Es gilt, sich die überschrittenen Punkte einzuprägen, um den Rückweg zu finden. Notdürftig fertigt er sich eine kleine Skizze der Landschaft an, die die Orientierung erleichtern soll. Storm hockt dabei neben ihm und schaut verständnislos den Fetzen Papier an, auf dem Ragnar die Küstlinien des Fjords und seine Anmarschroute einträgt. Das bedeutet doch nur einen unnützen Aufenthalt! Was soll das schon?

Endlich geht es weiter.

Nicht lange.

Diesmal ist es Storm, der eine Pause einlegt. Ragnar steht interessiert still und betrachtet den Hund, der mit hohem Kopf und windender Nase nicht weit von ihm steht. Storm macht ein paar Schritte zurück, langsam und bedächtig. Keine Spur von Erregung! Dann läuft er zehn Meter abseits. Bleibt wieder stehen. Immer die Nase schräg in der Luft. Drauf kommt er auf Ragnar zu, als wollte er bei ihm Rat holen. Steht dicht neben ihm und hebt wieder die Nase. Schaut angestrengt nach vorn derweil.

»Na, Storm! Was ist schon los? – Ist Wild da vorn?«

Storm winselt leise. Schaut zu dem Jäger auf, als er dessen Worte vernimmt. Schlägt mit der Rute im Kreis.

»Ist doch kein Wild«, überlegt der Junge. Storm zeichnet anders, wenn Wild überm Wind ist. Kaum zu halten ist er in einem solchen Falle. Hört nur ungern auf einen Befehl.

»Nun, ich weiß nicht, Storm! Irgend etwas wird schon los sein vor uns. Gehen wir weiter!«

Storm bleibt hinter dem Fänger zurück, als müßte er immer noch überlegen. Als müßte er erst zu Ende kommen mit seinen Gedanken. Dann trottet er gemächlich dem Vorausschreitenden nach.

Der Wind streicht langsam aus der Tiefe der Bai heraus. Er fällt über einen leuchtenden Gletscher aufs Baieis hinunter, schmiegt sich den Windungen des Fjords entlang, kehrt jede Ecke desselben aus.

Im Wind liegt das Seltsame, das Storm Kopfzerbrechen macht. Ein schwacher Duft von etwas Bekanntem, Vertrautem. Storm steht erstaunt still und blickt dem Fänger nach, der plötzlich in einigen großen Sätzen vorauseilt, einer kleinen Anhöhe zu, sich niederbückt. Mit ein paar Sprüngen jagt er hinter ihm her, ist an seiner Seite.

Ragnar hält einen Gegenstand in den Fäusten. Eisen! Kreisrund gebogen. »Da ist der Duft!« denkt Storm! »Ja, das ist der Duft, der im Wind lag.«

Ragnar steht, als hätte er einen Schock bekommen. Seine Hände umklammern zitternd das Stück Eisen. »Das ist – – das ist ja – – –« mehr kriegt er nicht heraus. Er hebt die Augen von dem Gegenstand und sucht die Umgebung ab, dunkelrot im Gesicht. Storm kriecht zur Seite. Man wußte nie, was geschah, wenn ein Mensch diesen Ausdruck in seine Augen bekam. War das nun Wut? Hatte er irgend etwas falsch gemacht? Der Hund kriecht zur Seite. Man weiß nie!

»Storm! Storm! Weißt du, was das ist?« ruft Ragnar und hält das Eisen hoch. »Weißt du, was das ist?« Aber Storm kriegt es jetzt endgültig mit seinem Gewissen zu tun. Er klemmt die Rute ein und zieht noch weiter abseits.

»Storm! – – Eine Fuchsschere ist das! Eine Fuchsschere. – – Weißt du, woher sie stammt? Sieh mal her, da steht es. ›Made in Sweden! – – Made in Sweden!‹ – – Junge, Junge! Made in Sweden!«

Mit hastigen Schritten schiebt der Jäger los, nachdem er diese eindrucksvolle Rede gehalten hat. Storm in passendem Abstand dahinter.

»Das ist ja, – Junge, – – das ist ein Glück! Ist das ein Glück! Jon! Jon! Sieh mal – – ach so, – – Jon! – – – jaha!«

Weiter! Ragnar sucht das Haus, das zu dieser Schere gehört. Die Hütte. Zwanzig Kilometer, vierzig Kilometer! Ist das schon eine Entfernung, wenn man eine Hütte sucht?

Sie muß drunten am Wasser liegen. Fanghütten liegen niemals zu weit ab vom Strand, der Boote wegen und wegen des Transports von Holz und Winterproviant, welch letzterer allein schon viele Zentner ausmacht. Man muß zum Ufer hinabsteigen, der Strandlinie folgen, – »eine Hütte!«

»Menschen. Norweger vielleicht. Eine norwegische Überwinterungsexpedition. Norwegische Fänger. Vielleicht auch Schweden!«

Ragnar läuft die Berglehne hinab, – zum Ufer, – eilt mit langen Schritten über Steine und Eisklötze; eine Windung nach der anderen nimmt er, nimmt die letzten hundert Meter im Laufschritt, wenn er um eine Ecke biegt, die die Sicht freigibt ins nächste Tal, über den nächsten Fjordarm, – – vier, fünf Stunden. Was macht es, daß er seine Kräfte bis aufs äußerste heranholt.

Eine Hütte, – – Menschen! Was macht es, daß die Müdigkeit ihm bleiern in den Waden schwingt? – Ist es wert, überhaupt daran zu denken, daß man müde werden kann? »Ho, mein Jung! – – Menschen!«

Ragnar hat richtig gerechnet.

Wie er wieder mal um eine Ecke biegt, liegt da eine Hütte. »Ja, das muß eine Hütte sein, – das muß sie sein!«

Auf einem Vorsprung, einer Zunge, die in den Fjord hineinläuft, steht sie. Nun sieht man deutlich die Konturen des Daches. Ein richtiges Spitzdach. »Menschen! – Man sieht keinen Rauch.«

»Was macht das schon? Wenn der Ofen nicht mehr brennt, sondern nur noch die Asche glüht, steigt kein Rauch mehr aus der Hütte! Man sieht dann keine Rauchfahne aus dem Schornstein steigen.« Einen Blick auf Storm nebenan.

Der Hund hat wieder seinen ungewissen Blick, als sei ihm irgend etwas nicht klar.

»Hus, – Hus, – Storm, lauf man los! Hus! Ein Haus!«

Aber Storm bleibt stehen, sieht sich nach rückwärts um, ins Leere. Ragnar hastet weiter.

Nach zwei Kilometern tritt die Hütte deutlicher aus ihrer Umgebung hervor.

Sogar Storm schiebt unvermittelt mit einem freudigen Heulen los wie ein Sturmwind. Mit zuckenden Lippen folgt ihm Ragnar.

Die letzten achthundert Meter geht das Rennen in Schritt über, – man darf nicht außer Atem zu einer Hütte kommen. Was sollen die Männer, die dort wohnen, denken?

Jetzt ist schon der Türeingang und das kleine Fenster an der kurzen Wand zu erkennen.

»Teufel, Teufel – – hast du nicht Glück gehabt, – – eine Hütte zu finden?«

Die Heimat ist um tausend Meilen nähergerückt. Man wird vielleicht die Heimat wiedersehen, – man wird Ingeborg wiedersehen.

»Teufel!«

Dann ist er bei der Hütte, – – schiebt den schweren, ungefügen Riegel zurück. Ächzend weicht die Tür nach innen. Ein kleiner dunkler Gang. Eine zweite Tür, – muffige Luft schlägt ihm entgegen. Die Luft, die ein Jahr ausgesperrt war von der Atmosphäre. Ein Schritt zum Ofen, verrostete, zerschlagene Ringe – kalt, verrußt. Zu seiner Seite steht noch ein Blechteller am Boden, ein paar Speisereste – hartgefroren. Hier kam nie die Sonne hin. Das Fenster ist von innen und außen verschalt, mit einer starken Brettschicht bedeckt – – hier waren keine Menschen. Eine verlassene Hütte war hier. Seit langem verlassen.

Storm steht immer noch vor der halboffenen Tür, schnuppert mißtrauisch in der Luft, hält seine Augen wachsam ins Hütteninnere gerichtet, wo Ragnar sich umherbewegt.

Der Mann drinnen geht zum kleinen Fenster, stemmt das Messer zwischen Wand und Verschalung und reißt das Deckbrett los. Dann entfernt er auch den Verschlag von außen. Das Tageslicht spielt jetzt durch die trübe Scheibe, fällt auf zwei übereinandergebaute Kojen, wie sie in Fanghütten üblich sind, – ein wackliger Tisch steht daneben. Ein kleiner Hocker. An der Wand hängt die Paraffinlampe, mit Grünspan das Messing ihrer Schale überzogen, – – und – Ragnar tut einen schnellen Schritt – – ein paar Papierfetzen sind neben ihr auf die Bretterwand geheftet. – – – Ist nur ein Kalender. Eine ganze Reihe von Tagen ist ausgestrichen. Da war auch einer, der sehnsüchtig die Zeit erwartete, zu der von Süden ein Boot kommen würde, um ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen, – da, – hier stehen einige Worte, mit Bleistift überkritzelt, – »Telegrafist Oien, Tromsö – 14. April 1928«.

Ragnar greift sich an die Stirn.

Das war im Vorjahr gewesen. Vor einem Jahr waren hier Menschen gegangen. Landsleute. »Oien, – Telegrafist Oien, – Tromsö. Ja, – der hatte also hier überwintert – – 1928, – vor einem Jahr. Das war Oien, der am Priesterwasser wohnte, droben auf dem Tromsöberg.« Ragnar erinnert sich, daß er ihn flüchtig gesehen hat vor zwei Jahren, – als die »Veslekari« in Tromsö festmachte. Ein großer Kerl mit einem ledernen, scharfen Gesicht. Er stand damals inmitten einer Meute von Hunden, die auf Deck festgemacht waren, – sie sollten nach Svalbard, um dort den Stamm der Schlittenhunde zu ergänzen und aufzufrischen. – – »So, Oien war hier gewesen! Soso!«

Ragnar hockt sich auf die nackte Koje und schlägt Seite um Seite des Kalenders um. Aber es findet sich kein weiterer Vermerk. Er legt die vergilbten Blätter weg und untersucht die Unterseite des Tisches. Keine Lade, die weitere Gegenstände enthalten könnte, kein Fach sonst im Raum. Unter der Koje liegen noch zwei von den Fallen, wie er sie vor einigen Stunden im Gelände draußen gefunden hat. Mit Rost überzogen, aber noch gut zu gebrauchen. Er legt sie wieder an ihren Platz zurück und geht dann daran, ein Feuer im Ofen zu entzünden. Holz liegt ja genügend draußen, und ein paar trockene Scheite längs der Wand aufgestapelt.

»So, komm herein, Storm. Wir sind jetzt zu Hause hier. Müssen sehen, daß wir das Beste aus dieser Hütte herausholen. Es ist immerhin gut, ein solides Dach überm Kopf zu haben.«

»So, Storm, komm schon herein!« sagt er ein zweites Mal. Da schleicht der Hund scheu ins Hütteninnere. Ragnar schließt die Türen hinter sich und tritt wieder zum Ofen, der bereits einige Wärme gibt. Mit den Flammen schlägt Rauch und Qualm aus vielen kleinen Ritzen, legt sich in Schwaden durch den Raum. Nun, da ist schnell geholfen. Ragnar nimmt etwas lehmige Erde vom Boden auf, mischt sie mit Asche und Speichel und klebt den Brei auf die schadhaften Stellen. Zum Essen bleibt keine Zeit mehr. Kann morgen nachgeholt werden. Erst schlafen! Schlafen! Die erste Nacht seit vielen Wochen, die man wieder in einem soliden Raum verbringt.

Ragnar macht sein Lager zurecht und läßt sich nieder. Er spürt noch, wie Storm mit einem schnellen Satz neben ihm auf der Koje landet und bei seinen Knien sich zusammenrollt, – ein paar Scheite krachen im Ofen. Dann ist die Umgebung ausgelöscht, – versinkt, – mitternächtliches Dämmerlicht senkt sich auf den Fjord, – auf das Eis, das in seiner Strömung treibt, hereinzieht mit dem ankommenden Strom, auf der anderen Uferseite vom Strom wieder nach dem Meer getragen wird. Aber aus dem Schlot der vordem toten Hütte im Sund kräuselt leichter blauer Rauch in die Nachtluft. Leben ist wieder in die alten Bretter eingezogen.

 

Der Abend liegt über den Bergen, als der Jäger erwacht. Es schien, als ob er überhaupt nicht wieder erwachen wollte, deshalb hat der Hund ihn durch ein langgezogenes, ungeduldiges Heulen geweckt. Hier war doch ein Hund, der Hunger hatte. Storm hat viel gelernt, seit er mit den hohen, blonden Männern zusammenkam. Man mußte nicht vergessen, zu zeigen, daß man auch noch da war, wenn die Männer einen vergaßen oder seine Rechte nicht beachten wollten. Zeit, aufzustehen! Ragnar streckt mit einer kräftigen Bewegung seine knochigen Glieder von sich, gähnt, daß der Atem im Zimmer steht. Denn die Hütte ist längst wieder kalt geworden, und die Sonne taucht jetzt des Abends schon für bald eine Stunde unter den Horizont, läßt die Spitzen der Berge in kobaltnem Dunkel zurück.

Die ganze Mark in der Hüttenumgebung ist schneefrei, aber in einer Kuhle unweit davon liegt die weiße Decke noch metertief, im Schatten einer überhängenden Bergwand. Ragnar läuft mit seinem kleinen Sack, den er sich zum Schneeholen genäht hat, dem Schneefleck zu, als er unvermittelt eine zweite, ganz geringe Hütte entdeckt, die ihm wegen ihrer versteckten Lage gestern nacht verborgen geblieben war. Sie steht hälftig im Erdboden, stellt er fest, als er nähertritt und die Tür öffnet. Geräte liegen umher, – auf dem Boden und an die niedrigen Wände gehängt, Kisten, die mit einer Plane bedeckt sind, stehen in einem Winkel. Der Jäger ergreift eine Hacke, die unter den Geräten liegt und wuchtet den Deckel einer der Kisten auf, – »Donnerwetter, – Proviant!«

Bald hätte er seine Freude in die Dämmerung hinausgebrüllt. Proviant, – nicht so viel, wie ein Mann für den Winter benötigt, – war wohl nur der Rest eines Winterproviants, aber wenn man genügend Fleisch machte auf der Jagd, – den festen Proviant nur in kleinen Mengen dazu verbrauchte, – so konnte man mit ihm noch über den Winter hinwegreichen.

Sorgfältig untersucht der Fänger jede der vier fünf Kisten auf ihren Inhalt, der in Paketen oder Säcken geordnet ist. Zuletzt stößt er auf einen Packen, der in schweres Segeltuch eingenäht ist. »Ratsch«, klafft ein Loch im Leinen. »Munition, – Pulver und Blei – und an die hundert fertige Patronen! An die hundert Patronen.«

Das ist alles. Aber wäre nur die Munition zu finden gewesen, Ragnars Freude hätte sich schwerlich geringer gezeigt.

Ragnar hat ganz vergessen, daß er Schnee holen wollte, um sich Fleisch zu bereiten. Kiste auf Kiste schleppt er zur Haupthütte, sortiert den Inhalt, der ziemlich willkürlich verpackt ist, rechnet und rechnet. »Ja, – das muß reichen!« – Nächste Kiste! Holländisches Dörrgemüse, Früchte, Rüben. Margarine und Talg. Gedörrte Zwiebeln. Grüne und gelbe Erbsen, Reis.

Gewürze findet er am Boden der Kiste. Und dann die Munition. Die Hütte sieht aus wie ein Krämerladen, Tüten und Säcke stehen allerorts umher. Aus der letzten Kiste zieht Ragnar einen Kochtopf – sieht, daß in ihm noch ein zweiter, kleinerer, verborgen ist.

Nun ist alles gut, – alles ist gut.

Der Tisch sieht nicht mehr sehr kräftig aus, wacklig und mit zerfetzter und zerhämmerter Tischplatte. Kann leicht sein, er bricht zusammen, wenn man sich anschickt, einen ordentlichen Happen Fleisch auf ihn niederzusetzen. Man müßte einen neuen zimmern. Da sind ja die leeren Kisten, – Nägel stecken noch im Holz. Ran an die Arbeit.

Der Magen hat noch Geduld, wenn man ihm zuredet. Erst muß alles in Ordnung sein.

Schließlich kommt doch die Zeit, wo ein kräftiges Feuer im Ofen flammt. Im Topf zischt der schmelzende Schnee – – Wasser, – Trinkwasser! Der Schnee sackt auf einen geringen Bruchteil seiner Menge zusammen beim Kochen. Wieder und wieder muß der Topf aufgefüllt werden mit dem weißen Pulver, bevor Ragnar die Ration Walroßfleisch drin verschwinden läßt, und das Ganze salzt und würzt.

»Fleischduft – – hm! Nicht übel! Kräftiges Fleisch, – Walroßfleisch.« Auch Storm läßt unaufhörlich die Nase spielen, schickt sich sogar an, wohlig auf dem Hüttenboden sich zu wälzen, – – ja, das Leben sieht sich jetzt wieder anders an, – seit heute. Ist das nicht eine richtige Hütte. Gut, – man ist jetzt geborgen für den Winter. Vielleicht treibt man Fang auf Pelztiere, Füchse, Wölfe – einige Blaufüchse müßten dabei sein. Sind nicht unter der Koje zwei Fallen, und vor der Hütte hat Ragnar bei seiner Ankunft die dritte, die er draußen fand, abgelegt. Holzfallen sind außerdem leicht anzufertigen. Und die Zeit geht schneller bei einer vernünftigen Beschäftigung.

»He Storm, – man hat dich ganz vergessen, –« Ragnar greift in den offenen Rucksack und zieht ein Stück Fleisch heraus. »Hier, – ist Festtag heute.« Storm faßt gierig mit den Fängen in den Fleischfetzen und zieht ab, unter die Koje. Wie er schmatzt. »Ja, – ist Festtag heute!«

Anderntags ist Großjagd. Wer doch allwissend wäre! Ein ganzes Rudel Moschusrinder hat etliche hundert Meter von der Hütte gerastet, ist mit Tagesbeginn weitergezogen. Nun, Moschusrinder ziehen gemächlich. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht eines von ihnen auf die Decke legen könnte. Ragnar verriegelt die Hüttentür hinter sich. Die Glut im Ofen ist abgebrannt. Ab!

Storm schiebt voraus. Hoffentlich versaut er nicht die Jagd. Man muß ihn an die Leine nehmen. – – »He, zu mir, Storm.« Das war höchste Zeit, denn eben ist Storm auf die Spur der Tiere gekommen und im Begriff, im Galopp den Stapfen zu folgen.

Er zieht, nachdem ihm Ragnar einen kurzen Riemen um die Halsung gelegt hat, los, mit Keuchen und Drängen. »Na, mein Junge, – heut kommen wir bestimmt zum Ziel. Hat keine Eile. Moschusochsen sind keine Wildrenntiere.«

Des Abends hängt auch tatsächlich eine gute Menge Fleisch in der Nebenhütte. Ist keine Rede mehr von Hunger, von Not. Man frißt sich nur so hinein in eine saftige Keule, legt sich nachher mit übervollem Magen aufs Lager. Da waren die Tage der Entbehrung – nun sind die Tage der Freude, – will etwa einer sagen, daß man sie nicht verdient hat.

Oien hat wohl gewußt, der Telegrafist, warum er die Station gerade hier angelegt hat. Scheint ein richtiges Wildgebiet zu sein. Hasenspuren laufen eine ganze Menge in der Nähe der Bucht. Und Holz ist da. Mancherorts liegen noch ganze Stämme Treibholz am Strand. Und Bretter. Es gilt noch große Arbeit, bis der Winter kommt. Und sie muß rasch getan werden. Im äußersten Notfall kann man vielleicht die Nebenhütte zum Feuern verwenden. Aber nur im äußersten Notfall. Nur wenn das Treibholz nicht zureicht.

Tag um Tag dehnt Ragnar seine Pirschgänge weiter aus; – wenn er ermüdet nach Hause kommt, geschieht es selten, daß er nicht ein paar Planken oder andere Holzstücke unter dem Arm schleppt und sie bei dem Stapel ablegt, den er in der Nähe der Nordwand der Hütte zu errichten begann. Tag um Tag wird aber auch das Licht kürzer. Und die Dämmerung wächst, wird tiefer und tiefer, – Schneeschauer fallen vom Inlandeis her zur Küste, und manchmal zeigt die Bai schon einen dünnen Eisbelag, der allerdings unter der geringsten Sonneneinwirkung noch zerschmilzt.

In der Tiefe des Fjords arbeitet der Gletscher, schickt Blöcke von Kalbeis auf die spiegelnde Fläche hinaus, die träge in der Strömung treiben, hin und her, je nachdem der Wind vom Eis oder von der See her steht.

Es ist schon lange, daß die letzten Vogelzüge nach dem Süden gezogen sind. Selbst die Eissturmmöven haben schon ihr Winterquartier an den ragenden Felsen der Küste bezogen.

Schweigen beginnt sich über das Land zu breiten, – die große Einsamkeit der winterlichen Arktis.

Ragnar hat sich ein Fleischgrab in einer mannshohen Höhlung im Fels angelegt, – Rücken und Keulen von Moschus bilden bald einen kleinen Berg. Dazu kommt heute der Ertrag einer ordentlichen Walroßjagd, zwei, drei Zentner Fleisch. Ein paar schwere Steine vor die Öffnung, mit Schnee vermauert, mit Rasen. Ein gutes Fleischgrab. Es birgt köstliche Schätze, – es birgt das Leben des Fängers, sozusagen.

 

Eines Tages ist es dann plötzlich dunkel. Der Himmel ist verhängt mit trüben, schweren Wolken, die das Licht kaum mehr durchlassen. Ein Signal – – die Nacht wird bald beginnen.

Zwei Wochen hängen diese Wolken am Himmel, senken sich über die Berge, auf die Mark, die das Leichentuch des leise fallenden Schnees bedeckt.

Stürme springen auf, sinken wieder zusammen. Und der Gletscher dröhnt von früh bis spät. Das Donnern seiner Kalbungen läßt die Hütte erzittern, bricht sich in hohen Felswänden und tost weiter, weiter – – dem Meer zu.

Übersät von Eis ist die Bai, – in Banken zieht das Meereis über ihren Spiegel, leuchtet in mattem, grünlichen Licht auf, wenn das Nordlicht seine Flammen am Himmel spielen läßt.

Bis dann eines Tages der erste Großsturm über Grönlands Ostküste rast, – mit Brüllen und Heulen heranfliegt und gegen die Hütte prescht. Schneetürme wirbelt er zur Höhe, wirft sie wieder zu Erde, jagt sie von neuem den Wolken entgegen. – –

In diesen Tagen sitzt Ragnar an seinem kleinen Fenster und schaut in den tollen Tanz der Winde hinaus. Das war nun der Winter auf Grönland – – man war nun allein in der großen, endlosen Nacht. Vor wenigen Stunden erst war er zurückgekehrt von der kleinen Unterkunftshütte, die er sich in der Tiefe des Tales zurechtgemacht hatte, um gesichert zu sein, falls während der Jagd schlechtes Wetter einfallen sollte. Leicht, daß er jetzt noch dort saß und wochenlang darauf warten konnte, bis es ihm möglich war, die paar dreißig Kilometer bis zur Hauptstation zu machen. War ein schwerer Gang gewesen. Im knietiefen Schnee stundenlang zu marschieren. Bei Gegenwind, der einen bis auf die Knochen durchbiß.

Nun, die Nacht war jetzt gekommen. Drei, vier Monate würde sie andauern. Vier Monate würde das Nordlicht am Himmel wabern und zucken, das einzige Licht neben dem Mond, der wohl meist durch die Wolken verdeckt sein würde.

Ragnar scharrt den Reif vom Fenster, der sich durch seinen Atem dort niedergeschlagen hat, – »wie, – ist da nicht ein – –.«

Ja, ein kleiner Vogel sitzt vor dem Fenster, geduckt, mit ängstlichen Augen.

»Jung, was willst du noch hier?« Ob man versuchen soll, ihn zu fangen. Wäre ein dritter Kamerad für den langen Winter.

Leise öffnet der Jäger die Innentür, stemmt die zweite gegen den Wind nach außen.

Der kleine dunkle Fleck vor dem Fenster flattert unbeholfen in den Schnee, treibt weiter mit den Windfahnen, – weg.

Eine Federzier, – »Fearpryd« nennt sie der norwegische Pelzjäger. Aber schöne Federn schützen nicht gegen den Winter auf Grönland.

»Muß verhungern, der arme Kerl! Und erfrieren!«

Ragnar schließt die Türen wieder hinter sich, stemmt die Riegel vor.

»War das ein Gleichnis?«

Nachdenklich hockt er sich wieder am Fenster nieder und starrt schweigend in das Schneetreiben hinaus.

Nun gilt es, zu warten. Kommt darauf an, wer die meiste Geduld hat. Er – oder die Nacht.

Alles ist bestellt. Wenn die Hütte durchhält in den Winterstürmen, wenn nicht der Skorbut – – so, wie der alte Jon starb – – was sagte der Alte? Arbeiten, wenn es auch sinnlose Arbeit ist, – gleich. Arbeit ist das beste Mittel gegen den Skorbut. Jagen! Laufen, – Anstrengungen, bis der Schweiß aus den Poren schwimmt. Hat nicht Jon erzählt, wie er während seiner Spitzbergen-Überwinterung täglich Tonnen von Schnee von einem Platz zum andern geschaufelt hat, nur um seinen Körper durchzukneten, damit er nicht dem Skorbut und – dem Wahnsinn verfiel, als Hjalte, sein Kamerad gestorben war. Nun hat ihn der Skorbut doch noch geholt, – nicht auf Svalbard, – aber hier, auf Grönland. Früher oder später – gleich!

Nun – für heute ist es beinahe unmöglich, die Hütte zu verlassen. Wenn schon die Sturmseite der Wände bald eingedrückt wird von dem Blasen und Fauchen draußen, ist es kaum möglich, sich auf den Beinen zu halten. Vielleicht, daß man sich an ein Tau bindet, damit man die Station nicht aus den Augen verliert und dann versucht, gegen den Sturm anzugehen. Ragnar lächelte grimmig. Ja, so ist es. Hat nicht Jon gesagt, daß sie, er und ein Kamerad, auf zehn Meter an der Hütte vorbeigegangen waren in einer solchen Sturmnacht und die Hütte nicht gewahr geworden wären, wenn sie nicht in letzter Minute das Geheul der Hunde, die im Zwinger eingesperrt waren, gehört hätten. Vielleicht wären sie dann niemals mehr zur Hütte gekommen. Ja, eine verteufelte Sache, solch ein Großsturm! Aber, ein anderer Gedanke. Jetzt, wo der Winter mit voller Kraft eingesetzt hat, kann man ohne Skier nicht ins Gelände. Der Schnee liegt tief auf Grönland. Tiefer noch als auf Spitzbergen. Das kommt davon, daß Spitzbergen noch größere Windstärken zu verzeichnen hat und der Schnee gar nicht Zeit bekommt, sich richtig zu setzen, bis der nächste Sturm über die Inseln fegt. Man muß also Skier anfertigen. Liegt einer noch im Beischlag draußen. Von Oien her. Zerbrochen und wieder geflickt, – mit Spangen aus dem Blech der Konservenbüchsen. Ein breiter Ski, wie er zu Hause in Norwegen kaum gefahren wird.

Ragnar holt seinen Annorak von der oberen Koje herab und tritt aus dem Haus, von Storm begleitet. Die paar Schritte bis zur Nebenhütte!

Eine Bö haut ihm ins Gesicht, – er legt sich weit nach vorn gegen den Wind. »Donnerwetter, das ist kein Kinderspiel, das!« Die Haube des Annoraks über die brennende Haut.

Über und über mit Schnee verkrustet, kommt er wieder zur Hütte zurück, den Ski unterm Arm festgeklemmt und die Hände in die Ärmel des Windzeugs versteckt. »Man muß auch Handschuhe anfertigen. Die alten, zerfetzten, die er von Bord mitgebracht hat, bieten keinen nennenswerten Schutz bei dieser Kälte. Arbeit genug!«

Es ist kein Spaß, mit dem Fangmesser aus hartem, versalzten Treibholzbalken ein paar Skier anzufertigen, aber man hat Zeit genug dazu. Unendlich viel Zeit. Eine Woche, zwei Wochen, – zwei, drei Monate. Was hat das schon zu sagen, wieviel Zeit man dazu braucht.

Der Ofen knistert, sprüht Funken in die halbdunkle Hütte, läßt Lichtstreifen auf dem Boden spielen. Ist das nicht auch eine Unterhaltung?

Aber die Gedanken wandern seltsame Wege, während die Hand das Messer führt, – hobelt, schneidet und glättet – in einem Zug. Der Körper sitzt ruhig und starr, – gebückt hockt man da, denn das Messer darf keinen falschen Schnitt machen, wenn man die Skier nachher gebrauchen soll, wenn sie glatt und führig über den Schnee laufen sollen. Und in dem gebückten Körper kochen die Gedanken. Wenn man einmal dazwischen aufsteht und sich reckt, wechseln auch die Gedanken, – werden frischer, kräftiger, – genau wie der Körper, wenn er die Muskeln spielend strafft. Wenn man immer so sitzt, werden auch die Gedanken gebeugt. Genau wie der Atem, der dann nur gepreßt aus dem Brustkorb pfeifen kann.

Arbeiten, hastig arbeiten! – – Dann sind die Gedanken gezwungen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, schweifen nicht ab. Wandern nicht von Grönland hinunter nach dem alten Norwegen. Und wandern nicht dahin, wo die Grenze des vernünftigen Denkens ist. In das Gebiet, das für uns nun eben mal unbegreiflich ist.

Aber kommt man nicht unwillkürlich dazu, während draußen die Nacht um die Hütte gähnt, wie ein riesiges schwarzes Loch, – kommt man nicht dazu, darüber nachzudenken, warum man nun in dieser Nacht sitzt? Wozu? Und die Schlußfrage ist immer dieselbe. Warum ist man überhaupt da? Und wozu? Soll man nicht lieber die Wartezeit etwas verkürzen? Die Wand durchbrechen, die um einen aufgerichtet ist. Sie sind alle tot. Die andern. Die einen sind im Eis geblieben und zuletzt fiel auch Jon. Wo sie nun sein mögen. Man müßte vielleicht versuchen, zu ihnen zu kommen. Mit Hilfe der Büchse, die an der Koje hängt und deren stählerner Lauf hie und da aus dem Dunkeln glimmt, wenn wieder ein Funken aus dem Ofen sprüht.

Der schnellste Weg zu den andern.

Und der schnellste Weg aus der Nacht.

So komische Einfälle hat Ragnar nie zuvor in seinem Leben gehabt, wie sie jetzt in Massen aus seinem Schädel springen. Das Licht. Die Sonne, – daß sie verschwunden ist. Das trägt wohl die Schuld daran!

Man muß sich damit abfinden.

Wo wohl die andern jetzt sind? »Da ist es schon wieder!« brummte der Jäger ärgerlich vor sich hin. »Wo sie sind?«

»Nun,– sie sind tot!«

Aber die Gedanken sind damit nicht zufrieden. »Sie müssen doch irgendwo sein, – meinen wir! Irgendwo müssen sie doch herumliegen. So, wie der Alte, der jetzt unter den Steinen an der Küste liegt. Unter der Warte, die du über ihm erbaut hast. Ha, – die Warte, nicht wahr, – du hast so viele Steine über Jon gehäuft, damit sie rufen sollen, die Steine, wenn im nächsten Jahr ein Schiff draußen durchs Packeis stößt. Glaubst du nicht, sie drücken den armen Jon. Sie drücken seinen ganzen Rücken glatt und die Brust. Der alte Jon kann nicht mehr aus seinem Grab heraus! – – – Und hat er dir nicht erzählt, bevor er starb, daß die Toten auf Grönland in der Nacht des Pols über die weiten Wellen des Inlandeises ziehen, daß sie im Sturme über Bergzacken hetzen in der wilden Jagd der toten Jäger. Wie soll Jon aufstehen können, wenn seine Brust zerquetscht ist von einem Berg von Steinen.

»Blödsinn! Das mit der Jagd.« Sagt Ragnar in das Dunkel der Hütte hinein. Seltsam, wie sich das anhört. War das seine Stimme? »Komm her, Storm!« setzt er hinzu. Der Hund streicht langsam näher. Wenn man seine Finger um Storms breiten Schädel legt, fühlt man, daß da noch eine Wirklichkeit ist. Daß nicht alles im Reich der Gedanken zu ersaufen braucht.

Und wenn der Wust im Gehirn schon zu groß ist, legt man sich am besten auf der Koje lang und schläft.

So vergehen viele Wochen!

Ein Glück, daß diese Gedanken nicht mitfolgen können, wenn Ragnar Rifle und Skier nimmt und durch die schweigende Nacht auf der Wildspur zieht. Aber Hänge, durch Täler, unterm Fels. Da können die Gedanken nicht folgen. Draußen ist alles wirklich. Kein Platz für Träumereien. Wenn die Skier über Schneegabeln gleiten, gebremst werden müssen, die Beine im Takt arbeiten, dann ist auch der Kopf klar.

Auch die Kameraden scheinen lieber in der Hütte zurückzubleiben, in der Hauptstation. Sie lieben es wohl nicht, im Schnee umherzustolpern und in der Kälte, die sie vernichtet hat.

Es ist so, daß in den letzten Tagen Ragnar zeitweilig Besuch bekommen hat. Von den Kameraden, die auf dem »Polarwolf« durchs Eis fuhren. Ragnar hat sie nie kommen sehen. Nie außerhalb der Hütte. Da öffnete sich einmal plötzlich die Tür, und Jon streckte den Kopf herein. Nun, da wußte man ja, wo die Kameraden waren. Sie waren die ganze Zeit in der Nähe geblieben. Das war es.

Bei ruhigem Wetter, wenn das Nordlicht weiche Schleifen in den Nachthimmel zaubert, sind sie nie zu sehen. Nur wenn der Sturm braust, – kommen sie zur Hauptstation.

Wenn draußen die Hölle tobt, Schneemauern in der schwarzen Finsternis anrauschen, weiterpeitschen, neue folgen, prasselnd übers Schneedach fegen, das bald tief begraben liegt, um wieder überdeckt zu werden binnen weniger Augenblicke, – dann gesellen sich zu Ragnar die Schatten der Kameraden, umstehen den Tisch, – schweigend. Kein Drohen liegt über diesen Schatten, – kein Warnen, – sie schweigen. Keine Lippen, die sich öffnen, keine Bewegungen, die irgend etwas ausdrücken sollen. Sie sind eben da. Wenn Ragnar aufblickt, – links von ihm sah er eben noch deutlich den Schiffer sitzen – er zündete sich langsam seine klobige Pfeife an – dann ist doch plötzlich nichts mehr zu sehen. Der gelbe Schein der Lampe läßt allerdings nicht allzuviel im Raum erkennen. Ist gerade noch der Hocker zu sehen, der im Tischschatten steht, der Boden ist schon vollkommen schwarz, dunkel. Er erhält nur noch ein paar Stäubchen Licht, nur einen undeutlichen Schimmer. Ja, – also der Schiffer ist nicht mehr zu sehen – obwohl er eigentlich eben noch zur Linken des Jägers hockte.

Kann auch anders sein. Wenn Ragnar weit weg war in seinen Gedanken und wieder, weil vielleicht ein Balken knarrte oder Storm sich auf der Erde umdrehte, so ganz unvermittelt nach Grönland zurückkehrt, – es dauert immer eine ganze Zeit, bis seine Augen sich im Dunkel zurechtfinden,– – sieht er plötzlich mitten in die Augen des alten Jon. In die fragenden, weisen Augen des Alten. Dann heften sich die beiden Augenpaare ineinander, auf ganz kurzen Abstand. Starr, seltsam starr. Ragnar hat dabei das Gefühl, als ob die Augen des andern ihn zu sich zögen wie mit Stricken, und das Blut schießt ihm in den Kopf. Daß Jon ihn so anders ansieht als die übrigen, hat wohl seinen Grund darin, daß Jon immer so viel um die Geheimnisse, um alle Geheimnisse wußte.

»Aber jetzt, wo sie alle tot sind, kennen doch die übrigen auch die Geheimnisse«, – fällt es Ragnar ein, – als Jons Augen plötzlich von ihm abfallen und ins Dunkel zurücksinken, verglimmen. Der Tod hebt ja alle Schleier. Oder nicht alle. Möglich, drüben beginnt eine andere Reihe von Siegeln, deren jedes ein Gesetz bewahrt.

Sieh, jetzt öffnet sich schon wieder die Tür. Sie kommen wieder. Heut schon zum zweiten Male. Jörgen steuert mitten durch den Raum, in schwerem, nassem Seezeug. Und Ragnar dachte doch, es wäre nur Schnee und Eis vor der Hütte. Da muß ja doch irgendwo offenes Wasser sein. Warum wäre Jörgen sonst durchnäßt. Seehunde! Wo offenes Wasser ist, sind Seehunde nicht weit. Die Rifle! Jagen! Ragnar erhebt sich, – bleibt stehen.

Wie es draußen tobt und heult, – in langgezogenen, rauschenden Böen, die rhythmisch an die Wände der Hütte prallen, über das niedrige Dach fegen, enteilen in die Nacht, – wiederkehren, toben, kreischen! Ist alles nichts gegen die Unruhe, die in der Brust des Jungen zittert. Gegen die Stimmen, die Bilder, die in ihm sind, die nach außen drängen, nach Leben, nach Blut, – nach Wahrheit. Sind Bilder, die nicht mehr vor seine Augen treten werden, – noch nicht, – nie wieder vielleicht. Da ist die Stimme des Bergwassers, das durch sattes Tundrengrün weitereilt zum Hang, über ihn hinausschießt, auf Felsblöcke niederklatscht, versprüht, in den Farben des Sonnenbandes zerstäubt, – an all den Plätzen murmelt es vorbei, das klare springende Wasser, an einem Stein, einem vermoosten Stamm mit krausen Wurzeln, an der weichen grünen Mulde im Ginster, an der Ingeborg ihn erwartete, wenn sie die letzten der widerborstigen kleinen Bergkühe in den Stall zurückgetrieben hatte. Dort hatte sie gestanden und dort, bald als bläuliche Silhouette im verglühenden Abendhimmel, – ein buntes Bündel – hatte sie im Gras gelegen, daß ihre blonden langen Haare zwischen hohen Halmen und blühenden Weidenzweigen zerflossen – bis er behutsam ihren schmalen Kopf in seine schwieligen Seemannsfäuste nahm und zu seinen Wangen hob.

Ob sie wohl dort auf ihn wartete?

Er war tot, – das Eis hatte ihn geholt! – Und doch lebte er – –. Seltsam! Oder war er vielleicht wirklich tot. War die Nacht draußen ewig? – Kehrte das Licht nicht wieder zurück? – – –

Wo war er – –? Doch – der Tisch, der vor ihm steht, – hatte nicht die Sonne leuchtend über dem Meer gestanden, als er ihn im Herbst aus Strandgut zusammenzimmerte? – War ihm dabei nicht ein Nagel zolltief in den Handballen gedrungen, – da – die Narbe. Das war doch zweifellos hier geschehen, an der Stelle, wo er jetzt saß. Das Blut war an dem rohen Brett heruntergetropft, hatte sich in die Risse und Fugen gesetzt. Hastig dreht Ragnar den Tisch zur Seite. »Hier – – und hier – da sind noch die dunklen Spuren. Stimmt, stimmt! Das muß stimmen! Draußen ist Nacht und Sturm, – Großsturm! An Grönlands Küste!«

»Pah! Das Licht kam, – die Sonne! Wo die Sonne ist, ist auch wirkliches Leben, Träume und Schatten verblassen – – –«

»Warten!«

Von Zeit zu Zeit wacht Ragnar auf.

Die Wirklichkeit steht dann kraß vor ihm.

Er ist allein, mit Storm, der seine feuchte Schnauze in seine gehöhlte Hand legt und mit der Rute wedelt. Sind keine Gestalten mehr da, die Kameraden sind tot. Wie konnte er sie sehen, wo sie doch tot sind. Man muß den Kopf schütteln über solch dumme Gesichter. Wie man so blödsinnig träumen kann.

»Nicht schlafen, wenig schlafen!« Das sagte der alte Jon. Er wußte wohl, warum er das sagte.

Jon hatte auch allein auf Fang gelegen. Lange. Ein halbes Jahr hindurch. Er wußte Bescheid. Man hat sich das alles zusammengeträumt, das mit den Kameraden.

Aber hatte er nicht auch während der Arbeit geträumt? Hatte nicht der Schiffer ihm zugesehen, als er gestern an einem Moschusknochen schnitzte. Er saß am Tisch, und der Schiffer hockte an der anderen Wand.

Der Teufel soll klug daraus werden.

Nun, man soll darüber nicht nachdenken. Das Wetter ist abgeebbt. Jagdwetter! Leicht, daß man einen oder zwei Jagdtage einlegt, solange das Wetter es zuläßt. Eine ordentliche Skitour, – zur Gamme, die er in der Tiefe des Tals errichtet hat. Da stehen bestimmt wieder Moschusochsen, nun der Sturm abgeflaut hat.

»Storm! Hast du Lust? Denke, wir gehen jagen!«

Storm jault und rennt zur Tür.

»Ja, gehen wir jagen! Moschus!«

Das Feuer im Ofen muß erst erlöschen, damit kein Brand entstehen kann. Solange muß sich Storm noch gedulden. Aber dann öffnet Ragnar die Tür, legt die Skier nebeneinander in den Schnee, tritt in die Bindungen.

»Ja, Storm, – nun gehen wir los.«

Klar und frostkalt, schweigend, liegt die Nacht über dem verschneiten Tal, dessen Sohle von den Stürmen der letzten Tage tiefe Narben trägt. Wirr laufen Schneegabeln durch die weiße Decke. Vom Nordlicht überstrahlt, macht sie den Eindruck einer plötzlich in heftigem Wellengang erstarrten See.

Gleichmäßig knattern die Skier drüber hin, – der scharfe Schlagschatten des Fängers hüpft vor ihm her, wandert in Krümmungen über die Furchen. Eine einzelne Spur. Ragnar bückt sich nieder. Tastet die tiefen Eindrücke der Schalen ab. Der Schnee, den das Tier beim Ziehen aus den Stapfen geschleudert hat, ist bereits wieder festgefroren. Ein starker Ochse. Vielleicht einer der alten Einzelgänger. Na, – – zwecklos! Der Kerl ist wohl längst in einem der Seitentäler verschwunden.

Ragnar greift zu den Stöcken, die er mittlerweile neben sich in den Harsch gestochen hat. Auf!

Als er nach vier Stunden um eine Windung des Tales biegt, werden die bis jetzt hell beleuchteten Rückenlinien der Berge, die ihm zur Orientierung dienten, blässer und unscharf. Vom Osten ziehen Schneewolken heran. Währt nicht lange, ist die Umgebung grau und drückend. Rascher zieht Ragnar die Skier durch den weißen Teppich, – atmet ruhiger, als er bemerkt, wie das Gelände unter seinen Füßen zu steigen beginnt. Der Vorläufer des Rundberges, an dessen jenseitigem Hang die kleine Gamme liegt – das Ziel.

Rascher gleiten die Skier – Abfahrt. Stemmbogen. Der Wind beginnt kleine Fahnen vor sich her zu treiben, – eisig fällt er vom Hang, stäubt übers Tal. Der Himmel ist dunkel, – das Licht tot.

Mit dem Fangmesser schneidet Ragnar die Schneedecke los, – die den Eingang zu der kleinen Höhle verdeckt. Er trifft den Türbalken, gräbt mit den Händen weiter. Hinter ihm winselt der Hund, drängt sich an den Rücken des Jungen. »Wenn schon, – ist gerade noch Platz für dich, – komm herein.«

Eine Flamme züngelt zwischen den Herdsteinen. Rauch zieht an der niedrigen Decke hin, die mit zwei Balken abgestützt ist. Ragnar holt die kleine Pfanne von der Wand, schneidet einige Talgstücke von den Seiten des jungen Moschuskalbes, das er vor einem Monat hier erlegt hat. Gut, daß kein Bär hier vorbeigekommen ist. Die kleine Höhle, die notdürftig zusammengehauen ist, bietet keinen Schutz gegen seine Riesenkräfte. »Ein Glück, ja.« –

Ragnar stößt ein Loch in die Decke der Höhle, um dem Rauch Abzug zu verschaffen, doch der Stock ist nicht lang genug, um ganz durchzufahren. Raus, vor die Hütte, von oben her weitergebuddelt. Leicht kräuselt bald der Rauch in das rieselnde Schneegestöber, weht weiter mit den wehenden Flocken.

Zentimeterdick steht der Reif über der aus Rasen und Torfstücken erbauten Wand, – nun, war kein besseres Material vorhanden, seinerzeit. Unter der Einwirkung der Wärme beginnen kleine Bäche auf den Lehmboden herabzurieseln. Ragnar zieht die Beine auf die Pritsche, damit die Mokassins nicht durchnäßt werden, kuschelt sich in dem langhaarigen Fell des Moschuskalbes zurecht, – – Fleischduft steigt von der Pfanne auf, – »ja, Storm, – ganz gemütlich, was, – – alles da, – alles – das Wetter wird sich wohl auch wieder besinnen.«

Storm blinzelt mit den schwarzen Guckern, schaut unverwandt zur Pfanne hin. In den Pfoten hält er noch den Hinterfußknochen, den ihm Ragnar beim Eintritt in die Gamme zugeworfen hat. Blitzblank, weiß, – chemisch gebleicht. Storm hat einen Riesenhunger mitgebracht. Zuviel Hoffnung macht sich Storm nicht auf den Inhalt der Pfanne. Aber es könnte doch sein! Manchmal schon hat Ragnar ihm davon abgegeben. Storm hat so sachte in Erinnerung, wann das geschehen war. In der Nacht zum Beispiel, als er die Moschusherde mit seinem Herrn angeschlichen hatte, – ohne auch nur im geringsten zu knurren oder gar zu heulen. Immer dicht an der Seite des Jägers. Er mußte seither daran denken – da legte der Fänger ein faustgroßes Stück von der Keule vor ihn hin. Storm geht jetzt immer an der Seite des Jägers, wenn Wild in der Nähe ist, – lohnt sich besser, als allein zu jagen. Aber da sind auch Fälle – in denen man vom Jäger weggehen soll, – wenn das Wild wegläuft. Dann nichts wie los, – hinterdrein. Bis die Ochsen kehrtmachen und die Hörner zum Angriff senken. Gefährlich, diese Hörner. Spitz wie seine Zähne, aber viel, viel größer. Am besten, man läuft wieder auf der Spur zurück, wo Ragnar auf den Skiern steht, mit seinem seltsamen Stock, – der auf viele Sprünge Feuer spuckt. Jawohl, man kneift den Schwanz zwischen die Beine, und das Feuer beißt grell in die Augen, – aber das geht rasch vorbei. Storm würde am liebsten davonlaufen, wenn Ragnars Stock brüllt, aber – dann gibt es tagelang kein Fleisch, – kein gutes Wort, – einen Fußtritt vielleicht. Storm weiß genau Bescheid. Besser, man bleibt da!

Ragnar haut sich nach der Mahlzeit auf die Koje hin, pustet die kleine Tranlampe aus.

Storm streckt die kräftigen Beine, reißt den Rachen auf, daß die spitzen Fänge starren. Dann erhebt er sich vom nassen Boden, kriecht zu seinem Herrn, schmiegt sich an das Fell, mit dem Ragnar sich umwickelt hat. Seine Augen lichtern grün aus dem Dunkel.

*

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