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Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 6
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authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
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Fleisch ist in der Arktis alles – rein alles. Ein Proviant ohne Fleisch ist kein Proviant. Es könnte sein, daß Storm durch seinen Diebstahl das Leben aller andern zunichte gemacht hat. Man weiß das noch nicht. Es kann so weit kommen, daß es sich gerade um die kleine Menge fehlenden Fleisches dreht, ob die Expedition Land erreicht oder nicht. Das Fleisch, das Storm auf dem Leib trägt, ist hier schon eingerechnet. Storm ist schließlich, wenn es zum Klappen kommt, ein Stück lebender Proviant. Nansen, der große Norweger, wäre nach dem Verlassen der Fram verschollen, wenn nicht auf der letzten Etappe seiner Reise die Hunde ihr Leben gelassen hätten, um seines und das seines Gefährten zu erhalten. War auch schon umgekehrt. Manche Eskimos haben auch schon den Hunden zum Proviant gedient. Menschen den Menschen. Und die Hunde haben keine allzu große Abneigung, ihren Schlittenkameraden aufzufressen. Eine Hand wäscht die andere! Eine dient der anderen. Und einer dem andern!

Eine wirklichkeitsgetreue Philosophie. Kein überflüssiges Faseln in abgelegten Wortwendungen.

Im Kreis hocken die Fänger um den Primus, lassen Aluminiumkessel mit brühheißem Kaffee umgehen. Das Blut kreist gleich schneller in den Gliedern. Jeder langt sich dazwischen mit dem Fangmesser einen Brocken halbgebratenes Seehundsfleisch aus der Pfanne, in der es bruzzelt und zischt.

Nachher geht es weiter, immer einer hinter dem andern, – schweigend. Was gibt es auch zu sprechen. – Nichts. Das Wetter ist auskalkuliert. Es steht heute noch, – morgen, übermorgen – – –

Sehen müssen sie, daß sie bald Frischfleisch bekommen. Das ist ein Punkt, der Beachtung verdient, jawohl. Man muß Ausschau halten. Darf den Kopf nicht immer aufs Eis gerichtet halten, über das man geht, sondern muß die Augen wandern lassen, ob nicht irgendwo ein Seehund aus einer schmalen Rinne auftaucht, um sich zu sonnen. Bis auf Malte haben sie alle ihr kräftigstes Schuhzeug von Bord gerettet. Malte hat nicht daran gedacht, bis es zu spät war. Hat Schuhe an den Füßen, die er vielleicht an Land, in Norwegen drunten, brauchen könnte. Aber nicht auf dem scharfen Eis des Polarstroms. Wenn eine Robbe vor die Büchse kommt, gibt es ordentliche Mokassins oder geschäftete Stiefel, wie die Eskimos sie tragen. Das ist die erste Sorge.

Auch an den Füßen hängt das Leben.

Um Mittag ist aus den Dahinziehenden eine lange Kette geworden, – schwer senken sich die Tritte in den Schnee, – wilder wird das Eis, steil die Grate. Berge zeichnen sich am Horizont ab, mit langen Rücken, Nadeln, die unvermittelt in die Luft stechen. Groß-Eis. Wie Land sieht es aus, die Schritte wollen hastiger einander folgen. Aber es ist Eis! Der Erste, der das den andern gesagt hat, mit klaren deutlichen Worten, die kein Träumen mehr gestatten wollen, der trägt die Schuld daran, daß der Abstand zwischen den Marschierenden sich mehr und weiter ausdehnt.

»Es ist Groß-Eis von der Ostküste, Gletschereis – – – Eis –« singt der Schnee nun unter den Tritten der Leute, »nur Eis ist das, – weit weg liegt das Land!« – – –

»Trapp, trapp«, – – machen die Stiefel, wetzen über die scharfen Grate von Pressungen und Schraubeis! »Trapp – – –«

Der Himmel wird trüber. Rot glüht die Sonne des Abends von Nordwest, rot glüht das Eis, steigt über die Linie des Horizonts in seltsam hochgezogenen Formen. Es hillert, – hillert! Die Fata Morgana der Arktis.

»Wir kommen doch zu Land! – – Ich sehe Land! Land ist das, – die Küste!« spinnt der Smutje vor sich hin, »Trapp – trapp – – und es ist Land da vorn – – Land! Halt, ausruhen, ruhen ja, – – quatsch, die wollen nicht! Nun – – ich hock' mich einfach hin, – hab' genug. Unsinn, heute zu rennen! Morgen abend, – da haben wir's geschafft. Eine Tagereise! Und die rennen einem weg, wo sie es doch morgen spielend schaffen können – – –«

»Los – Smutje. Keine Zeit zum Niederhocken jetzt! –« streift Ragnar zu ihm hin, reißt ihn hoch aus dem weißen Pulver, – – »du bist wohl nicht bei Sinnen! Fährst geradenwegs in die Hölle, wenn du hier liegen bleibst!«

»Wasser!« stöhnt der Smutje plötzlich. Schwankend steht er auf, taumelt weiter.

»Los? Erst gib mir Wasser! Keinen Schritt tue ich sonst!«

»Wasser? – wir müssen erst welches kochen, heute abend, wenn wir Lager machen! Ist gefroren, was ich heut morgen mitnahm, nur noch Eis ist in der Flasche!«

Der Smutje fällt wie ein Sack zu Boden, krallt seine Finger in die versalzte Schneekruste und stopft sich die Backen voll.

»So, ist genug jetzt, – weiter! Auf! Spuck ihn aus, den Schnee. Ist vom Seewasser durchdampft. Salzig! Wirst wahnsinnig vom Durst, wenn du ihn aufnimmst.«

»Laß mich, – laß mich, sag' ich – hörst du? Höll und Teufel – – – laß mich los, Skytter!«

Aber Ragnar ist taub, – Ragnar geht voran durch den Schnee, überquert eine Scholle, – eine zweite, – immer noch hält er den Smutje mit eisernem Griff an seiner Seite. Hilft kein Zureden, wenn einer den Verstand verloren hat. Mitreißen, – Prügeln, wenn es nicht anders geht. Das ist richtig!

Langsam kommt der Mechanismus im Smutje wieder in Gang. Mit stieren Augen stolpert er neben dem Schützen her. Für einen Augenblick ist ja der Gaumen beruhigt. Wird nicht lange dauern. Ob man haltmachen soll?

Ragnar denkt lange darüber nach. Der Smutje wird in wenigen Minuten schlimmer als je vom Durst gepeinigt werden. Haltmachen?

»Setzst das Leben von allen aufs Spiel, wenn du schlapp machst. Das Wetter bleibt nicht ewig so. Reiß dich zusammen! Glaubst du, wir haben keinen Durst. Vielleicht finden wir gleich Landeis, das salzfrei ist. Werde mich umsehen danach.«

»Land – Eis – – Land, – ja, Land – –«, lallt der Smutje, – – »du meinst auch, wir kommen gleich an Land, – morgen, nicht wahr? Morgen!«

»Na ja, nicht gerade morgen – –« sagt Ragnar langsam, – nach einem Blick zur Seite. »Der Smutje geht uns bestimmt durch die Lappen«, denkt er. Vierzehn Tage wird er nicht mehr durchhalten. Verrückt wird er, wenn er morgen nicht an Land kommt.

»Er ist keiner von uns!« denkt er nachher. Das macht einen Strich. »Der Smutje hat kein Seemannsblut in den Adern. Kein Fischerblut. Das Rauschen des Meeres ist nicht um seine Wiege gewesen. Das macht es – der Smutje hat niemals gekämpft mit dem Grauen, – ein Kämpfer steckt auch schwere Hiebe ein, – ohne ein Wort. Ist ein Weib, wer flennt, wenn es ihm ans Leben geht. Auch das macht einen Strich. Einen gewaltigen Strich – zwischen den beiden. Aber da steht die Kameradschaft – die steht auf einem andern Blatt – und steht über allem.«

»Los, Koch!« Ragnar weiß nicht, daß er den Smutje nicht mehr bei seinem üblichen Namen ruft. Smutje – Koch. Unterschied!

Eine Stunde früher wird Lager gemacht, als es ursprünglich vorgesehen war. Dreizehn Kvartmeilen sind geschafft. Könnten noch zwei dazukommen. Aber der Smutje liegt wie ein Sack im Schnee. Man kann ihn ja nicht tragen. Den ganzen Tag hat er Schnee vom Boden gekrallt, sobald Ragnar einen Augenblick wegschaute. Jetzt liegt er schaudernd auf einem ausgerollten Schlafsack. Schaut abwesend in die Gegend. Gierig säuft er das erste Wasser weg, das ihm vom Primus gereicht wird. Man darf es ihm nicht anrechnen, daß er keinen Schluck übrigläßt für die Kameraden, – die warten müssen, bis wieder ein Teil des Süßwassereises eingeschmolzen ist. Zehn Minuten vielleicht. Was sind nicht zehn Minuten, wenn der Gaumen brennt. Man darf es nicht anrechnen.

Der Schiffer hockt auf einem Block in der Nähe, – schreibt mit den dicken Fäustlingen in seinem Logbuch.

»Dreizehn Kvartmeilen ungefähr. Nicht viel. Aber das Eis ist grob, schwere Lasten tragen die Leute. Feines Wetter tagsüber, – leichte Brise von West. Fünfundzwanzig Grad Kälte. Der Smutje krank, – Fieber – – –« Das Buch liegt noch offen auf seinen Knien, – seine Blätter beschlagen sich mit Reif, – mit dem Atem des Schiffers. Nach einer Weile wird es zugeklappt. »Logbuch M. K. ›Polarulv‹!« steht auf der vordersten Seite.

Die Buchstaben lassen den Schiffer nicht los. Sie kreisen sein Hirn ein, – die Augen stellen sie fest, daß sie sich nicht mehr bewegen können. Das ganze Gesicht machen sie starr und tot. Alle Muskeln! Steifgefroren, – eisig. Die Wimpern und Brauen, der vereiste Bart, – ja, hier ist bereits der Tod eingetreten. Der Tod ist schon da. Da dreht Isachsen den Kopf zur Seite, sieht übers Packeis hin. Das Logbuch stopft er in den Rucksack zurück, – oh, Isachsen ist noch lange nicht reif. Knochen und Muskeln wie ein Walroßbulle hat er. Isachsen ist so leicht nicht geschlagen.

»Habt ihr noch Wasser für mich, Jungs? – Na, denn mal fix. –«

Die drüben heben die Köpfe. Der Schiffer, – ja, das ist ein Prachtkerl. Braucht nur ein Wort zu reden, – gleichviel was, – man fährt hoch aus den blödsinnigsten Gedanken. Rückgrat kriegt man. Wenn es zum Schlimmsten kommt – hoh! Wenn Isachsen stirbt, ist es ein Spaß, mit ihm zu verrecken. Wenn Isachsen führt, – ist es egal – zum Himmel oder zur Hölle. Isachsen ist echt.

Um Mitternacht wird es kühler. Fester wickeln die Schläfer sich in die Falten der Schlafsäcke. Eine leichte Dünung ist ins Eis gekommen. Man kann sie noch nicht sehen. Aber wie Stöhnen fliegt es durch den weiten Raum, – die Schollen reiben ächzend ihre Kanten gegeneinander, leicht heben sie sich, – es muß eine gute Dünung unter dem Eispanzer pressen. Vielleicht war der Sturm auf der offenen See draußen. Oder es bläst auf dazu. Südwest. Aber immer noch hat sich die Windstärke nicht verändert.

In das leise Knirschen der Fläche mischen sich stöhnende Laute. Der Smutje wälzt sich unruhig von rechts nach links, – bald wieder in der andern Richtung. Fieber.

»Ja, er hat Fieber. – – Was? – – Kann nicht verstehen, was er da vor sich hin sagt. Er ist weg. Scheint so!«

»He Smutje – – –«

Der ächzt nur stärker. Die Augen liegen weit im Kopf. Tief und gläsern. Die Bartstoppeln stehen spitz aus der Haut. Eigentlich haben nur die Wangen noch Farbe.

»Sprit, ja, – ist nichts da sonst.« Die Apotheke ist mit dem »Polarwolf« in die Tiefe gefahren. Jon nestelt den Rucksack auf, holt eine grüne Flasche heraus. Den Korken zieht er ab, wischt mit dem Ärmelrücken über die Öffnung. »Hier, Smutje, – Sprit!«

Doch der Kranke haut ihm um ein Haar die Buttel aus der Hand, legt sich nach der andern Seite.

Jons Augen werden besorgt. »Weg ist der Smutje, – Delirium, will keinen Sprit. Sehr ernst muß das sein. Keinen Sprit?«

In einen Fetzen Zeug wickelt er Schnee, legt ihn auf die schweißige Stirn des Kochs. Dann hockt er sich neben dem andern nieder, bis zum Morgen; horcht auf die Atemzüge, die hastig und unregelmäßig neben ihm aufsteigen, sinken.

»Wasser! – – – Sie wollen mich verdursten lassen. Alle wollen sie mich morden. Keinen einzigen Kameraden hab' ich. Siehst du, sie wollen davon. – – Allein, – allein soll ich bleiben! – – Ja, – – nicht trinken darf ich, – – sterben – – – Sterben? – – Ich will nicht sterben. Nach Hause will ich, – geh weg, hörst du, – ah, – – –«

Jon hockt unbeweglich. Jon kennt das alles. Auf Spitzbergen begann es damals ebenso. Koller, – – Wahnsinn – – –

Eine Svalbard-Expedition. Das Schiff eingefroren! Die lange Wijde-Bai zogen sie hinab, um Longyear-City zu erreichen. Kehrten auf halbem Weg um. Eberhard hieß er. Hatte als Maschinist an der Expedition teilgenommen. Die Nacht des Pols hielt ganz Svalbard in ihren düsteren Schwingen. Die Skier zogen schwer durch den salzigen Schnee. Mehr und mehr hielt er sich abseits, der Maschinist. Sie sahen in seinen Augen die Nacht kommen, die sie außen schon umgab. Auch der andre glaubte, daß sie ihm übel wollten, – weil sie ihn zwangen, seines Lebens willen, seine letzten Kräfte herzugeben. Was anderes war zu tun. – – –

Jon senkte den Kopf auf die Brust. – –

Das war eine trübe Nacht. Viele Tage vorher schon hatte Eberhard kleine Zettel in den verlassenen Hütten, die am Weg lagen, zurückgelassen. Sie hatten sie nur mühsam entziffern können, die beiden Norweger. »Sie wollen mich ermorden, die beiden. Ihre Augen sehen auf mich wie auf eine Beute – – Ich will mich trennen von ihnen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.« –

Sie hatten die Papierfetzen schweigend wieder an den Platz gelegt, an dem der Maschinist sie liegen ließ. Trotz der Schuld, die diese Papiere ihnen zuschreiben wollten.

Eine dunkle Nacht. Der Schnee raste in Fahnen über die Bai. Er stieg an den Berglehnen hoch, pfiff über die drei Gletscher in breiter Front wieder zu Tal. Mühsam kämpften sie sich durch den Dreck. Drei Männer. Plötzlich waren sie nur noch zwei.

Der Maschinist war verschwunden. Sie feuerten ihre Gewehre gegen den Berg, daß das Echo krachend ins Tal zurückbrüllte. Niemals kam eine Antwort zurück.

Sechs Jahre später wurde der Verschwundene in den nordöstlichen Gebirgszügen, die die Wijde-Bai gegen das Polarmeer abgrenzen, gefunden. Sechs Jahre lastete schwer der Druck des Mißtrauens auf ihren Namen. Des Mißtrauens der Menschen, die niemals erfahren haben, was es heißt, in der Nacht des Pols zu reisen, – ums Leben zu kämpfen.

Jon sieht plötzlich in Ragnars Augen, der unbemerkt zu den zwei Kameraden herangetreten ist.

»Wird wohl keinen Zweck haben, morgen zu reisen. Steht schlecht um den Koch.«

Ragnar senkt die Blicke. Was soll er sagen?

Der Smutje ist also zum Tod verurteilt. Armer Teufel! Was hatte er eigentlich hier oben zu suchen, – der Südländer!

»Wasser, –«

Der Koch beißt auf die Zähne, daß sie knirschen. Die Lippen, spröde und zerrissen, zeigen kleine Blutströpfchen, die wie volle Rubine auf der bläulichweißen Haut stehen. »Eh! Der Vormast geht! Eh! Jon – – das ist doch Land da vorn – – ich gehe morgen an Land, –«

Jon greift in den Schlafsack, fühlt dem Smutje ans Handgelenk. »Teufel – der muß ja bald sieden – tja. Er geht uns durch die Lappen! Das hat schon lange von innen her angefangen. Über den Kopf. Wahrscheinlich an dem Tag, an dem wir zum ersten Male ins Eis einschoren. Kommt jetzt alles zusammen. Bricht ihm das Genick!«

Ein paar der Kameraden sind inzwischen auch aus den Schlafsäcken gekrochen, umstehen die kleine Gruppe.

Das ist der erste von ihnen, der geht. Das fühlen sie alle. Wie lange es mit ihnen dauern würde? Vielmehr, der erste war Knud. Liegt schon eine Ewigkeit zurück. Wann war das doch? – – War das vor ein paar Jahren? War das überhaupt einmal geschehen?

Der Smutje ist also an der Reihe. Well – das mußte wohl so sein. Immer mit der Ruhe. Nicht zuviel denken dabei! Ja so – der Smutje!

»Na, Jon – – –«

»Das Schiff – – das Schiff! – – Seht ihr! Das – –«

Die Köpfe fahren hoch, – gereckt stehen die Leute, spähen nach Südost, nach Süd – –.

»Der ›Kolibri‹ ist's!«

Da senken sich die vermummten Köpfe wieder. Gespinste eines Todkranken! Aber der Hieb hat gesessen.

»Ein Schiff – –« sagt Malte sachte vor sich hin.

Noch einmal fährt der Kranke aus den Lumpen hoch, mit starren, leuchtenden Augen. Einen erstaunten Blick sendet er rund um sich, – Erkennen geht über die eingefallenen Züge. Röchelnd sinkt er drauf nach hinten. Die Augen sinken nach innen, blicken immer noch starr.

Die Seeleute stehen schweigend um einen Toten.

»Weg ist er!« sagt Jon. Erhebt sich. Langsam holt er sich die dicke Pelzmütze vom Kopf, daß seine leichten weißen Strähnen im Morgenwind flattern.

Storm erhebt sich von seinem Liegeplatz. Schweifwedelnd kommt er herangelaufen, drängt sich zwischen den Leuten durch und bleibt dann unentschlossen stehen. Alle schauen sie auf den Sack, in dem der Smutje liegt. Und wie sonderbar sie aussehen. Storm schnuppert am Fußende herum, sieht wieder zu den Männern auf. Dann legt er sich dicht an den Toten, – ein warmes Plätzchen, –

»Tja. – Er wird nicht wieder lebendig davon, daß wir hier herumstehen und uns die Knochen im Leib erfrieren. Ist der Kaffee schon aus dem Sack? Malte, – den Primus. Wir bleiben hier bis zum Mittag.«

Der Schiffer beugt sich nieder zum Smutje und knüpft die Schnur über dem Gesicht des Toten zusammen. »Hättest sowieso nie den Marsch an die Küste ausgehalten, Smutje. War so besser! – – Ist noch ein weiter Weg – – morgen? – nie! Du bist ja nun doch noch an Land gekommen.« Der Smutje hat nichts mehr zu sagen.

Ein Gespräch will nicht so richtig in Gang kommen, als die andern nachdem um den Kaffeekessel sitzen. »Nun, das sah jeder kommen – – der Smutje konnte es allenfalls noch an Bord aushalten. Auf dem Eis – –«

»Der Smutje wußte nicht, was Eis war, als er an Bord kam zu uns«, sagt der alte Jon entschuldigend.

»Er ist von Hardanger, –« meint Jens, »sie sind nicht so zäh wie unsereines, die Leute von Hardangerfjord.«

»Du sprichst, als ob wir an Land säßen und nicht in zweihundert Kvartmeilen Abstand auf dem Eis. Wir sind nicht an Land, Jens.«

Jens zuckt die Schultern. »Was macht es aus? – Wir werden es schaffen. Sind wir nicht im Osteis, bei Novaja Semlja, täglich unsere zehn Kvartmeilen im Eis umhergezogen, wenn Großfang war. Wir kommen an Land, Schiffer!«

»War nicht so gemeint, Jens! Ich meinte nur, der Smutje, – er hat getan, was in seinen Kräften stand. Das übrige tat das Eis! Lassen wir die Toten ruhen.«

Um die Zeit, zu der die Sonne im Zenit steht, holt Isachsen den Sextanten aus dem Leinenfutteral. Ragnar blättert im Nautischen Almanach, um die Messung des Schiffers gleich durchzurechnen. »Noch nicht ganz soweit«, murmelt der Schiffer, senkt das Instrument wieder von den Augen.

Vergehen einige Minuten, bis er von neuem die Sonne schießt, nein, – immer noch zu früh.

Der untere Rand des Sonnenballs muß haarscharf auf die Horizontlinie projiziert werden durch das System von Linsen und farbigen Gläsern, das den Sextanten ausmacht.

»So – nun!« Mit klammen Fingern wird der Winkel festgeschraubt, – abgelesen. Ragnar rechnet, daß ihm der Kopf raucht.

»Neunzehn Grad West – – – 52 Minuten – 03 Sekunden!« Noch einmal überrechnet er das Ergebnis. – – »Ja, – – neunzehn Grad! Stimmt. Verteufelte Strecke, die es noch zu machen gilt. – – Welche Breite haben wir wohl – –«

»Vierundsiebzig Grad Nord. – – Wird hinkommen. Vielleicht einen Grad zu, – – –«

Der Schiffer blickt im Kreis der Gefährten umher, – seine Augen bleiben nachdenklich an dem länglichen Bündel hängen, das etwas abseits von der Gruppe liegt.

»Drüben ist eine kleine Spalte. Jon, zurr den Smutje ein, – denke, wir lassen ihm seinen Schlafsack für die letzte Reise. Sind ja alle versorgt.«

Nun ist alles in Ordnung.

»Na, denn auf, – Leute!« Drei der Fänger fassen zu, – hoch heben sie die steife Gestalt, setzen sich in Bewegung. Zweihundert Meter bis zur Rinne, in der der Smutje versenkt werden soll. Der Schiffer geht vor den Trägern her. Stapft mit seinen öligen Stiefeln die Spur, der die andern folgen. Jon kramt immer noch in seinem Sack, als der Zug schon dreißig Meter weg ist vom Lagerplatz. Dann kommt er langsamen Schrittes hinterdrein, eine Blechhülse unter dem Arm festgeklemmt. Das lange Fangmesser hüpft bei jedem Schritt an seiner Hüfte. Unförmig hüllt der Rennpelz den Oberkörper.

»Hjalte hat kein so großes Begräbnis gehabt, – er, – und Eberhard und die Leute von Cap Thorsen, siebzehn Mann, alle in einem Winter zur Hölle gefahren –« murmelt er vor sich hin. »Jon, – wann kommt an dich die Reihe. Geht schon viel zu lang, daß dich die Arktis verschont hat, – wann wird es Zeit für dich, Jon?« – – –

Am Rande der Scholle machen sie halt. Setzen den toten Koch ab, in den Schnee. Die Männer treten etwas zur Seite, – einer hüstelt verlegen. Ist das etwa ein Ding, das jeden Tag passiert, daß man einen Kameraden der See übergibt? Man weiß nicht, was man tun soll, – die klobigen Hände sind im Wege. Malte macht einen schüchternen Versuch, sie in die Hosentaschen zu stecken. Aber das geht auch nicht. Man ist in keiner Kirche, und doch ist der Ort hier von derselben Luft erfüllt, die zwischen den schwarzen geschnitzten Bänken der kleinen Seemannskirche in Harstad liegt. Man wird unwillkürlich daran erinnert. Dort kann man auch nicht so tun, wie man will, – den Priem, – nicht mal den Priem kann man im Mund behalten. Malte kann keine Erklärung dafür geben, – was es ist, das die Glieder so steif macht und die Bewegungen hemmt. Aber jetzt spürt er das wieder. Irgendwie muß das mit dem Toten zu tun haben. Mit einem Menschen, der vor einem liegt, und doch nicht da ist. Nicht als Mensch sozusagen, – nur eine leblose Form, der ein Bündel von Erinnerungen anhaften.

Malte erinnert sich an einen Sonntagnachmittag, den er als kleiner Junge in Vand-Oy verbracht hat. Ein Boot lag am felsigen Strand. Drin war vor wenigen Tagen ein halbverwester Körper angetrieben worden. Dem Boot haftete auch solch ein Bündel von Gedanken an, – ein schweres Bündel! Das Stöhnen des Verdurstenden klebte noch an der Ruderbank, auf der sich Salz vom Gischt der Wellen angesammelt hatte. Seufzer hingen noch sozusagen in den Spanten, – gemurmelte Worte, die der Mann gesprochen hatte, als der Fieberwahn ihn packte. Und ein unsichtbarer Weg führte vom Boot am Strand bis zum einsamen Grab des Schiffbrüchigen auf der Höhe der Insel. Das Boot war ein ganz gewöhnliches Nordlandspitzboot, – wie sie viel hier oben gebraucht werden, – war nichts an ihm zu sehen. Und doch wagte man kaum, es zu betreten. Da war dieses Gedankenbündel, das sich einem unversehens auf den Rücken hing, – einen niederzog. Wie ein Bann schwebte es um das Boot. Und war doch nur totes Holz.

Keiner hatte vorher den Smutje für etwas Besonderes gehalten. Kaum, daß man ihn als Gleichen aufnahm. Aber nun war das plötzlich ganz anders. Der Smutje hatte sein Blutopfer gegeben, – zum Schluß war er doch als Eismeermann gestorben.

Ein erhabener Tod, den dieser Tote starb.

Für Malte ist es wie eine Offenbarung, als er sieht, wie der greise Jon mit steifen Fingern die reine Flagge Norwegens aus seiner Blechhülse zieht. Wie helles Herzblut rollt ihr leuchtendes Rot in den Schnee, schlingt und faltet sich um den schmutzigen Sack aus Segeltuch, in dem der Smutje liegt. Die Flagge des »Polarulv«! Ist es nicht, als ob das Bild des Verstorbenen strahlend aus den feierlichen Farben der Fahne blickte. Ganz anders als im Leben. Man muß erst sterben, um geehrt zu werden, – man ist dann ein ganz anderer geworden. Die Kameraden blicken einen mit Hochachtung an – – Maltes Philosophie!

»Ragnar – bet' ein Vaterunser!«

Die Umherstehenden senken die Köpfe unter sich, die schweren Pranken suchen sich vor den Hüften. »Unser Vater – dein Name sei geheiligt –«

Einer murmelt mit. Das ist der alte Jon. Es ist schwer, ein Vaterunser ganz allein zu sprechen, – er hat es nicht zusammengebracht damals, als Hjalte starb.

»Asche soll zur Asche werden. Staub zu Staub!« Sagt der Schiffer hinterdrein. Das hat er vom Pastor in Tromsö gehört. – Das war natürlich Unsinn mit dem Staub! Hier im Wester-Eis war die kochende, springende See und das gleißende Eis. Staub? Und der Koch würde bald durch die grüne Tiefe nach unten sinken, von der Unterwasserdünung würde sein Körper bald hierhin, bald anders drehen und schwanken, von ein paar gratigen Eishaien umkreist, die nicht lange warteten, die sichere Beute anzunehmen.

»Wir gehören alle der See«, beginnt der Schiffer von neuem, indem er an seinen Gedanken weiterspinnt. Aber das war eigentlich nicht für die Umstehenden gesagt. Nur eine Erkenntnis war das. – Es war verteufelt schwierig, hier etwas zu sagen. »Der Smutje war uns ein guter Kamerad! Der Smutje war kein Robbenfänger, – wollte es auch nicht sein. War ein Koch. Er wäre nie an Land gekommen. Es war das beste, daß er jetzt schon starb. Er möge die ewige Ruhe finden. Ein Hurra für den Smutje!«

»Hurra, hurra, – hurra, – hurra – «

Jon tritt rasch zu dem Toten, winkt Jörgen heran. Unter dem Kreuz der Flagge weg gleitet der Körper in die See hinein, – Blasen steigen an die Oberfläche.

Alle starren auf den Fleck, an dem ein paar Luftblasen das Wasser kräuseln, – zerplatzen. Malte hat unwillig die Lippen zusammengepreßt. Der Schiffer steht da, als ob er darauf wartete, daß der Smutje wieder auftaucht. Bedächtig faltet der alte Jon die Schiffsflagge wieder zusammen, steckt sie in die Hülse zurück. Seine Augen sind ganz schmal dabei, als blendete ihn die Sonne. Ist doch keine Sonne mehr zu sehen. Den andern fällt es plötzlich auf, als sie die Augen des Alten gewahren. Die Sonne steckt hinter einem breiten Wolkenvorhang. Grau liegt das Eis um sie, schattenlos. Nur ein greller Lichtstreifen am Rande des Gesichtsfeldes, eine leuchtende Linie zwischen dunklem Eis und grauem Himmel.

And der Wind weht stärker als vorher.

»Das war alles!« dreht sich der Schiffer um, marschiert zum Lager zurück. »Ragnar, – Jens – wir brechen gleich auf. Gilt noch ein gutes Stück heute! Das Wetter wird bald umschlagen! Kommt schon, –«

»Der Smutje hat jetzt wohl schon seine fünfzehnhundert Faden Tiefe erreicht. Wie es da drunten wohl aussehen mag? Bei tausend Faden ist es wohl schon Nacht?« Malte kommt nicht los von seinen seltsamen Gedanken. Den ganzen Tag kreuzen sie unablässig durch den Schädel. Bald Zeit, daß man wieder normal wird! So 'ne richtige Jagd mal wieder, – eine Erlösung wäre das! Und Fleisch!

»So – marsch up! Jörgen soll an der Spitze marschieren.« Trapp, – trapp. Der Schnee knirscht unter den Männern. Die Lasten sind etwas schwerer als bisher. Der Anteil des Kochs wurde auf die Leute verteilt. Trotzdem geht es flotter vorwärts. Vielleicht will jeder gern von dem Platz wegkommen, der einen von ihnen ausgelöscht hat. Oder ist es, weil der Smutje nun nicht mehr bremst, achtern dreinhinkt.

Bleibt sich gleich.

 

»Du Jörgen – « flüstert Jon seinem Vordermann zu, – »Stopp, Halt! Halten! Alle ruhig stehen bleiben!«

»Was ist los, old boy? –«

»Was wird schon los sein? Sieh mal nach links hinüber. – Nicht dort, – weiter nach hinten – ein Bär. Hat uns noch nicht bemerkt. – Ragnar – ich glaube, wir gehen los. Oder willst du es machen, Jörgen?« –

Ragnar und Jon entfernen sich langsam aus der Gruppe.

Vereinzelte große Berge Kalb-Eis liegen jetzt schon da und dort über dem flacheren Meer-Eis. Sie wiegen träge in der Dünung. Ganz langsam heben sie sich hoch, – das Wasser läuft von den weißen Wänden ab wie bei einem großen Panzerkreuzer, der in schwerer See die Back aus den Wogen hebt.

Die Dünung muß viel stärker geworden sein in den letzten Stunden. Ein Eisberg steckt tief im Wasser. An ihm zeigt es sich zuerst, wenn die Grunddünung aufholt und wächst.

Es mögen gut zweitausend Meter sein bis zu der Stelle, an der Jon den Bären ausgemacht hat. Aber sie haben eine Unmenge Fleischvorrat, wenn es gelingt, ihn auf die Decke zu legen. Dafür ist kein Weg zu weit.

»Ohne Fleisch kein Proviant!« Jon wiederholt für sich selbst die alte Pelzjägerweisheit. Den obersten Grundsatz für die Erhaltung des Lebens in den Regionen des Eises. Er tut das nicht von ungefähr. Man müßte eigentlich bei den andern bleiben, – zusammenbleiben in diesem Augenblick. Da sind verschiedene Gründe vorhanden. Einer zum Beispiel: – es beginnt im Eis lebendig zu werden. Vier Tage sind es, seit die Dünung, die den »Polarulv« zerquetschte, verebbt ist. Ist es nicht oft so, – daß der Wind nach vier Tagen wieder aus der Himmelsrichtung zurückkommt, in die er vordem hineingeprescht ist. Kommt dann nicht gewöhnlich ein Schneetreiben mit zurück. Schnee verdeckt die Spuren. Schnee löscht die Sicht aus. Eigentlich müßte man wieder zurückkehren zu den andern.

»Kann lange dauern, bis wir wieder zur Jagd kommen.«

Das hört sich ja gerade an, als ob der Junge die Gedanken Jons von seinem Gesicht abgelesen hatte.

»Kann lange dauern! Man muß leben. Man lebt nur mit Fleisch!« bestätigt der Alte. »Der Bär hat noch nichts gemerkt. Machen wir rascher. Und im Großeis. Gibt mehr Deckung. Hätten unsere Rucksäcke zurücklassen sollen. Sie hindern.« Aber das ist auch ein ungeschriebenes Gesetz im Eis, daß man sich niemals der notwendigsten Dinge entledigt. Jon sieht dieses Gesetz deutlich vor seinen Augen stehen, der alte, erfahrene Jäger. Beinahe, als wäre es mit einem großen Meißel in die kristallene Wand des Eisriesen gehauen, – der zwischen ihnen und dem Bären liegt. Genau unter dem großen Horn backbords beginnt die Schrift und zieht sich die fünfhundert Meter auf Steuerbord hinüber, endigt unter einer kleinen Spitze.

Aber die Buchstaben verwischen plötzlich, das Horn beginnt sich zu neigen, fällt. Donnern und Getöse. Wasser schäumt gierig an den bröckelnden Wänden hoch, das Eis ringsum beginnt zu hüpfen, bäumt sich. Wellt unter den Jägern hindurch, daß sie einen Augenblick auf einem hohen Kamm stehen. Die Kalbungswelle! Träge holt der Berg vor ihnen nach Backbord aus, – dreht sich um seine Achse, schwankt. Neue Wände tauchen aus der See, – ein kleines Stück entfernt. Ein zweiter Berg. Der Sohn des ersten. Ein kleiner Eisregen stäubt durch die Luft, – – dann ist Ruhe! Aber das Eis schwankt jetzt heftiger als zuvor.

»Der Bär ist verschwunden! Ich seh ihn nicht mehr!«

»Macht nur der Berg, der gekalbt hat«, meint Ragnar.

»Möglich!«

Die beiden Jäger suchen das Feld ab. Jon hat ihn zuerst wieder entdeckt.

»Teufel, – er hat Fahrt aufgesetzt! Hat uns eräugt. Nun heißt es laufen.«

»Der Wind hat umgeschlagen, Jon. Er bläst von Nordwest auf.«

»Na, dann ist keine Zeit zu verlieren! Schneller!«

Aber es ist nicht leicht, auf der unebenen Fläche vorwärts zu kommen. And der Bär flieht. Von einer Scholle zur andern. Bei einer kleinen Wacke stürzt er sich Kopf über ins Wasser und schwimmt zur nächsten Scholle. Manchmal wendet er den Kopf zurück, um den Abstand der Verfolger festzustellen. Sind immer noch gute zwölfhundert Meter. Auf einer niedrigen Scholle bleibt er schließlich stehen, – dreht sich um, läuft etwas zurück. Läuft wieder voraus.

»Ah, er hat Junge bei sich, die nicht so rasch nachkommen. Siehst du, – jetzt, siehst du die kleinen gelben Flecke, die hinter ihm drein kriechen, eine Bärin! Nun, die ist uns sicher. Von den Jungen trennt sie sich auf keinen Fall.«

Jon geht wie ein Zwanziger. Man würde es den alten Knochen nicht ansehen, welche Kraft noch in ihnen steckt. Die Haare sind vom Alter gebleicht und hier hüpft er von Scholle zu Scholle, als wäre er eben konfirmiert worden.

»Wir müßten uns trennen, Ragnar, sie von zwei Seiten jagen. Vielleicht noch tausend Meter ist sie weg. – Meinst du, – trennen wir uns?«

»Allright!«

Ragnar stößt bald auf die Spuren der Bärin. Sieht sie flüchtig ein, trabt weiter. Er holt die Büchse vom Rücken. Repetiert eine Patrone in den Lauf. Sichert. Wie er nach drüben schaut, sieht er, daß die Bärin wieder ein gutes Stück aufgeholt hat, – aber wieder bleibt sie stehen. Trottet auf den Stapfen zurück und stößt mit dem Maul die Kleinen an, sie zur Eile anzutreiben. Neunhundert Meter. Der Jäger schaut auf das Visier der Rifle, stellt automatisch die Spange auf neunhundert ein. »Quatsch! Hat doch keinen Zweck. Man muß näher ran!«

Links von ihm sieht er Jon durch den Schnee vorwärtssteigen. Gebückt geht er. Ob es dem Alten nicht zu viel wird am Ende? Scheint wieder eine Wasserrinne vorn zu sein, – die Bärin ist weg. Aber sie wird gleich wieder da sein. Da, dort kommt sie triefend hoch. Die langen Mähnen an den Pranken sind eng auf die Haut geklebt. Wenigstens sieht es so aus, als ob sie schmäler geworden wäre. Auf sechshundert könnte man einen Schuß riskieren. Vielleicht hat man Glückt

In der Hitze hat Ragnar ganz übersehen, daß sein Pelz mit kleinen Eiskristallen bedeckt ist. Erst als er zufällig an sich hinabsieht, kommt es ihm zum Bewußtsein. Unwillkürlich dreht er sich nach achtern, von wo der Wind hersteht.

Graue Wollen. Tief überm Eis. Schneewolken! Ob man die Kameraden noch sehen kann?

»Ja, – das sind sie«, gerade noch zu erkennen, die dunklen Punkte im Schnee. Sie scheinen alle zu stehen. »Warum legen sich die dummen Bengels nicht hin, – – ausruhen.« Einer von ihnen bewegt sich schon in ein paar hundert Meter Entfernung von den andern, – auf ihn und Jon zu, scheint es. Fast sieht es aus, als ob er den Arm hebt – – »Keine Zeit jetzt!« knurrt Ragnar, – »wir werden sie gleich haben! Dann allerdings, – einer kann helfen, das Fleisch zurückzutragen.«

Wo ist denn Jon abgeblieben?

Achthundert!

»Mensch, sie bleibt stehen! Sind wohl die Jungen, die nicht mehr können. Feine Sache! Vielleicht ginge sie uns doch noch durch die Lappen. Aber Jon?« – – Richtig, da geht er ja. Ist schon weiter voraus als Ragnar selbst. Das Eis scheint drüben ebener zu sein, – – wahrhaftig – er nimmt die Rifle hoch – – Ragnar heftet seine Augen auf die Bärin. – – »Mensch! Getroffen! – – Oder nicht? – –«

Lang rollt das Echo des Schusses über das Feld.

Wieder hebt Jon die Rifle – nein, er läßt sie sinken. Doch die Bärin hat deutlich gezeichnet. Noch steht sie. Aber das Gehen scheint ihr schwer zu fallen. Rasch verringert sich der Abstand.

»Visier vierhundert!«

Ragnar keucht. Das Eis unter ihm beginnt zu leben, neigt sich, wird von der Dünung getragen und gehoben. Hinter ihm – – – – »Verdammt!« Hinter ihm jagt eine Schneemauer heran. Nichts mehr zu sehen von den Kameraden. Auch der eine nicht mehr, – es war wohl Jörgen, – der sich von der Gruppe losgelöst hatte. »Hölle und Teufel!« Aber die Bärin muß her. Vorn ist die Sicht noch gut. »Ob das wohl weiter geht mit dem Eis?« Sieht blödsinnig aus. Jon! – – Ja, da läuft Jon! – – Na, nun ist es Zeit! – Ist gar nicht notwendig, erst das Visier zu verringern. »Man hält das Korn etwas tiefer, – dann wird es klappen.« Aber das Eis ist unruhig! Wird wohl nachher ein saurer Weg werden zurück. Die Rinnen werden auch größer. Das Eis treibt auseinander. »So, die Rifle hoch – – Ratsch!«

Die Bärin vorn macht einen tollen Sprung, aber sie reißt sich noch einmal hoch. »Wird nichts nützen, Liebste! Wird verteufelt wenig nützen. Denn da ist auch Jon, – der feuert«, – wieder rollt der Hall eines Schusses an Ragnar vorbei. In einem hellen Pfeifen endet er. War ein Streifschuß! Daß die Bärin getroffen war, ist sicher. Aber wenn die Kugel richtig in den Körper knallt, hört man kein Pfeifen hinterdrein. Die Kugel muß auf Eis geschlagen haben. »Streifschuß – – – ja.« Die beiden Jungen haben sich platt in den Schnee gedrückt, – – ihre kleinen plumpen Köpfe sind den Näherkommenden zugewandt. Einen wütenden Schrei brüllt die Alte über das Eis hin, – – – wankt zu den beiden kleinen Pelzklumpen hin,– der Atem steht ihr vom Maul. »Ramsch!« Das war Ragnar. »Hundertfünfzig Meter! – – Fertig!« Die Bärin liegt.

Die Jungen kriechen zur Mutter hin, krabbeln an ihrem Bauch hoch, versuchen die Zitzen zu fassen, an denen noch kleine Milchperlen stehen, – – aber ehe die kleinen Mäuler Halt bekommen haben, werden sie abgeschleudert von der letzten Todeszuckung, die den Körper der Bärin durchläuft.

Bestürzt sehen sie den Jägern entgegen, die bereits auf ihrer Scholle angelangt sind. Ein paar Meter noch – – »Sie wollen auskneifen, die Kleinen – –«

»Sie kommen wieder!« brummt der alte Jon.

Sie hören ein Jaulen hinter sich, – die Hände fahren nach dem Gewehrschloß. »Storm! Wie kommst du hierher? – – –«

Storm kommt durch den Schnee herangehetzt, mit hängender Zunge, – springt winselnd an Ragnar hoch und geht dann mit eingerollter Rute zu der gefällten Bärin hin. Vorsichtig!

Er beißt sie einmal in eine der abgestreckten Hinteren Labben, – so versuchsweise. Springt gleich nach dem Biß einen halben Meter zurück. Man weiß ja nicht – –, – aber die Binne scheint mausetot zu sein.

Storm setzt sich unentschlossen in den Schnee. Erst als Ragnar sein Messer aus der Schliere zieht, springt er freudig auf, und jagt in wirbelnden Sprüngen um die Beute.

Dann stutzt er, hebt die Nase in die Luft und richtet die Lauscher. Wie ein Pfeil ist er weg. Winseln und Geschrei. Ein kleines wütendes Fauchen. Storm hat eines der Jungtiere am Kragen. Er beutelt den kleinen weißen Kerl im Schnee herum, daß die Haare in Büscheln fliegen. Mit einer kleinen roten Wunde im blütenweißen Halsfell läßt er das Junge schließlich liegen und läuft zu den Männern zurück, die gebückt über der Beute arbeiten. Nicht wie sonst nehmen sie das ganze Fell sorgsam ab, – heut gilt es nur das Fleisch, das die Bärin in Mengen auf dem Körper hat. Die Haut kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die Schenkel, ja – und die schweren Vorderarmmuskeln, – der Rücken. In großen Stücken wird das leuchtendrote Fleisch herausgeschnitten und neben dem Kadaver aufgestapelt. Schon gut ein Zentner liegt da beisammen. Der Kleine muß nachher auch herhalten – – sein Fleisch ist zarter und wohlschmeckender noch. –

Storm wird sich schon bald den Bauch überfressen haben, wie er, bald stehend, bald auf den Vorderbeinen kniend, schlingt und würgt.

Bisweilen hält er ein in seiner Tätigkeit und lugt mit schiefgehaltenem Kopf zu Ragnar und Jon hinüber, – als wollte er sagen: »Nun, was arbeitet ihr immer noch? – Hier ist doch Fleisch genug.«

Doch die beiden beachten ihn nicht einmal. Sie arbeiten wie verrückt.

Vielleicht scheuen sie sich, von dem zu sprechen, was in jedem von ihnen wühlt, – von dem, was nun bald kommen muß, – »einmal wird man das Messer weglegen müssen – dann ist es noch Zeit, darüber zu beraten. Nur jetzt nicht!«

Jeder von ihnen hat schon bemerkt, daß die Scholle, auf der sie arbeiten, sich langsam gegen die Nachbarscholle zu verschieben beginnt. Die Wasserrinne, die vordem nur so breit war, daß man eben einen dünnen Streifen Wasser sehen konnte, wird breiter, bald so breit ist sie, daß man mit dem Fangschiff hindurchfahren könnte.

Das Eis kommt in heftigere Bewegung. Die Spuren, die bei ihrer Ankunft eine ungebrochene Kette gebildet haben, sind plötzlich abgerissen. Auf der Scholle, die in einem stetigen Weichen begriffen ist, schwimmt nun die eine Hälfte der Fußstapfen weg.

Man müßte aufbrechen, um zu den andern zurückzugelangen. Aber der Schnee fällt, Flocke an Flocke. Dicht wie ein Vorhang liegt er über dem Eis. Höher füllen sich die Stapfen, – bis sie bald ausgeebnet sein werden.

»Wie die Richtung halten?«

Ragnar richtet sich unversehens auf, blickt dem Alten in das faltige Gesicht.

»Wir müssen warten, bis es aufhört zu schneien. Der Bär mußte her, – hatten kein Fleisch mehr! – Punktum«, sagt der alte Jon; – aber er sagt damit nicht alles, was er denkt.

Der alte Jon hat gelernt, daß man nicht alles sagen darf, was man weiß.

»Aber das Eis setzt auseinander, – sieh die Rinne, – bald ist sie fünfzehn Faden breit. Und die Scholle hat sich außerdem gedreht. Die Abbruchstelle der Spur ist nicht mehr zu sehen.«

»Wir können jetzt gar nichts unternehmen. Warten müssen wir. Weiter arbeiten. Nachher werden wir sehen!«

Aber Ragnar bückt sich nicht wieder zu Boden, um zu häuten. Das blutige Fangmesser in der Faust starrt er in das dichte Schneegestöber, – »der verfluchte Bär!«

Nach einer Weile tritt er an den Rand der Scholle, die sie trägt, hockt sich schließlich nieder in den Schnee. Weiß der Teufel, was er denkt!

Schließlich ist er auch so weit wie der alte Jon. Die Pfeife! Rauchen. Wenn man die Pfeife im Mundwinkel hat, sieht sich alles viel besser an.

Man ist im Wester-Eis! Man muß alles nehmen, wie es kommt! Hat es Zweck, zuviel zu denken?

Warten muß man! Jon hat recht!

Abwarten, bis die Sicht wieder klar wird.

*

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