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Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 5
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authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
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*

Mitternacht.

Eingeschneit.

Die Maschine schweigt.

Jeder geht seine Wacht.

Der Herd in der Kombüse hat eine rotglühende Platte. Die dickbauchige Kaffeekanne steht drauf. Dampfend. Manchmal sprudelt ein Tropfen Kaffee über den Rand, – verzischt auf der roten Glut. Jörgen, Olav und Jens hocken sich in der Kombüse gegenüber. Geredet wird nichts. Jörgen erhebt sich schwerfällig, angelt mit dem Feuerhaken den Griff der Kanne nach oben, umwickelt ihn mit einigen halbverbrannten Putzlappen, füllt seine Tasse.

Draußen sinken immer noch weich die Flocken auf das Eis. Schneien das Boot ein. Mehr und mehr.

Was wohl daraus werden soll!

Nichts!

»Was soll schon werden? – Schlechtes Wetter haben wir bereits. Es kann nur besser kommen, – nicht anders!« meint Jens.

»Ja.« Mehr kann Jörgen im Augenblick nicht sagen. Nur das kleine nackte Wörtchen! Er schämt sich bald deshalb. Hier müßte eigentlich mehr gesagt werden.

Jens schaut zu Jörgen hin. Prüft das Gesicht des Jägers. – –Starr ist es, – ist wenig Zuversicht drin, – – nach Kampf zuckte es in den scharfen Falten!

Ragnar liegt in der Koje und pennt. Auf der Backbordseite ragt der dunkle Schopf Olavs aus einer bunten Wolldecke hervor. Er schnarcht wie ein Walroß. Der Schiffer hat die bestrumpften Beine auf die kleine Bank hinterm Kajüttisch hochgezogen, ist mittels der beiden Klappen, die seine Ohren bedecken, spazierengegangen, – nach Reykjavik, nach Kalundborg. Nun zieht er die große silberne Uhr unter dem dicken Wollsweater vor, – noch fünf Minuten, – dann wird das dünne Stimmchen des Telegraphisten von Jan Mayen ertönen, – Hallo – Hallo, Radio Jan Mayen! – Radio Jan Mayen! »Achtung, Wetterbericht für den Bereich von Jan Mayen, Vorhersage gültig für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Sturmwarnung, – Achtung, – Sturmwarnung!«

Aber noch ist es nicht so weit! Erst muß der Minutenzeiger noch fünfmal weiterrücken, dann wird sich zeigen, ob der Schnee ewig hier liegenbleiben will oder, – Himmel, welcher Spaß, wenn jetzt ein Südwest angepfiffen käme. Lieber den Fock über Bord sehen, – als in dieser milchigen Schweinerei zu liegen. Tag für Tag, ohne auch nur den Schwanz eines Tieres zu sehen. Zum wahnsinnig werden, – kein Frischfleisch auf dem Tisch, seit Jens, – im Übermut des gemachten Großfangs und weil überall auf dem schimmernden Eis noch Massen von Seehunden lagen und sich sonnten, – den letzten »Küchenseehund« über Bord warf. Nun konnten sie sich an versalzenem Schweinespeck die Mägen verderben. Wenn die Pfeife nicht noch glimmte, man – –

»Hallohallo! Radio Fan Mayen, – Voraussage für die nächsten vierund – – – Fortdauernd Schnee, Temperatur minus fünfundzwanzig, – – minus fünfundzwanzig, schwache Brise, – Hallo! Radio Jan Mayen! Das war die Voraussage für die nächsten – – – Schneetreiben, – minus fünfundzwanzig, schwache Brise!« Dann sagte es klick, – – – Schluß! Das war Jan. Der Schiffer gibt die Meldung an die andern weiter. »Hol's der Teufel!« bedankt sich Jörgen, dreht sich auf die rechte Seite und schläft weiter, – die einzige Möglichkeit, – schlafen, solange draußen die Flocken trieben, – als ob schon am Spriet die Welt mit Brettern vernagelt sei. –

Isachsen legt den Kopfhörer weg, stellt den kleinen schwarzen Kasten an, der unterm Spiegel steht. Ragnar kommt von draußen, seine schweren Seestiefel poltern durch den engen Kajütgang, – Schietwetter, – sonst nichts, – »Achtung! Hallohallo, – Radio Paris, – – Eine helle Sopranstimme, Wolken von Duft, nackte Schultern, – hier Paris. Messieurs et, mes dames, vous écoutez maintenannt; Florence Sittard, la bell et – – –«

Schwer drückt die weiße Mauer draußen, irgendwo wiegen jetzt Palmen, – im Süden, irgendwo in der Welt flutet das Meer in langen ruhigen Wogen an eine warme Küste. Irgendwo! – Überall! Nicht hier. – –

»Budapest – Radio Budapest!« Schluchzende Geigen, kokette Weiber, – Seide knistert, – beim Teufel! Beim Teufel! Teufel nochmal!

Olav dreht sich im Schlaf, wacht auf, langt nach dem Bord, steckt eine Zigarette in den trockenen Mund. Der Schiffer hat den Kopf auf die Arme gestützt, starrt in eine Ecke. Ein leichtes Zittern geht durch den »Wolf«, – folgt ein Stoß, – nichts von Wichtigkeit, – eine Scholle lief von achtern auf, – knarrt am Bauch vorbei! »Wo gehen wir hin, wenn wir wieder in Tromsö einlaufen, Ragnar, – – Mensch, das wird eine Nacht, – Tanzen – Musik und – ja, – gibt Mädels genug in Tromsö. Gar nicht so übel, – – dann fahren wir nach Ibestad, – nach Hause, nicht schlecht. Tausend Robben, dann haben wir's geschafft! Eine Woche, – zwei – wenn wir Glück haben. Dann seeklar für die Überfahrt! Nicht übel! Ein paar Tage, – aber erst müssen wir raus aus dem Schiet hier – – Berlin ja, ist Berlin, – so spielen nur die Deutschen – Mensch, das haben sie weg, – jawoll!«

»Blech«, – knurrt der Erste Maschinist, der lange Ole. Wurde zweimal torpediert von deutschen U-Booten, im nördlichen Kanal. Ole vergißt das nie, – nie wird er das vergessen. Fuhr mit Konterbande, – tauchte solch ein verfluchtes Boot aus der nachtschwarzen See.

»Rin in die Boote, – alle Mann von Bord«, – dann kriegte die »Marianne« ein Torpedo in den Leib, daß sie wie ein Stein in den Wellen verschwand. »Ein gutes Schiff, die ›Marianne‹, – die verdammten Deutschen,– – –«

»Na, wenn schon«, – brummt Isachsen, – »war Krieg, – die Engländer torpedierten auch eine Menge Norweger, – kräht kein Hahn danach! Den ›Polarwolf‹ hat kein deutsches U-Boot angerührt, – gute Papiere, verstehst du – –«

Isachsen blinzelt den Maschinisten an, – »fuhr für Deutschland damals. War kein schlechtes Geschäft. Nicht ums Verrecken wär ich für die andern in See gegangen. Kunststück! Alle gegen einen. Macht der olle Isachsen nicht mit!«

»Und im Eis, bei der Bären-Insel, – wo deutsche U-Boote die Besatzungen sogar noch in den Rettungsbooten abgeknallt haben. Was sagst du dazu? War das auch noch tapfer? Wehrlose Leute abknallen wie Seehunde, – ha?«

»Haben wohl die im Boot zuerst geknallt, – möglich, – geht keine Mannschaft gern von einer wertvollen Ladung!«

»Pah! Weiß, wie es sich damit verhält. – Sag doch mal, warum darfst du dich eigentlich bei den Russen nicht mehr blicken lassen. Warum haben denn die solch einen Pick auf dich, – sag mal. Wohl auch wegen der guten Papiere, – tja? Oder –«

»Nun ist es Schluß, kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten! Wenn es dir nicht paßt, so – – Menschenskind – – –«

»Tja, – hab mal so gedacht!«

»Besser, du denkst etwas weniger, – weniger laut. Ist ein guter Rat, – Maschinist!«

Üble Nacht damals, – verdammt übel, als die Russen hinter ihm her waren. Liefen ja auf beiden Seiten Verzeichnisse über die Boote, die für die eine oder die andere Seite fuhren. Der »Polarwolf« stand auch auf einer solchen Liste. Ein Glück, daß das Eis damals weit bis Süd vor die Bären-Insel reichte, sonst säßen sie heute nicht hier. Und daß von Süden her ein deutsches U-Boot gemeldet war, – nördlich vor Hammerfest. Der Russe bog nachher ab, – war kein Zufall.

Ragnar stapft wortlos aus dem Raum hinaus, – geht seine Wache weiter. Die Weiber find vergessen. Brennt immer noch eine Wunde im norwegischen Volk. Der Krieg ist nicht spurlos an dem Felsland vorübergegangen. Heut noch treiben Minen vor der Küste. Englische, – deutsche, – und viele Schiffe liegen auf dem Grund der Norwegischen See, vom großen Morden, viele tapfere Seeleute von seinem Blut. Ein Vetter von Ragnar hat an der deutschen Front gefochten. Freiwilliger, – wie manch anderer!

Ist auch nicht wieder gekommen. In den Argonnen soll er liegen. In Tromsö hatte er das Steuermannsexamen gemacht, – war fix und fertig, als der Krieg ausbrach. Ein Kamerad, mit dem er zusammen sich für die Prüfung vorbereitet hatte, trat in englische Dienste. Söhne eines Volkes, und doch kämpften sie auf zwei Fronten gegeneinander. Vielleicht ist einer von ihnen durch die Kugel des andern ins Gras gesunken. Wer kann es wissen. Das Schicksal spielt den Menschen gern solche Streiche.

»Sie hören jetzt das Ave von Schubert.«

Die Töne schweben heran, – füllen den Raum, – klar steigt das Lied der Geige aus dunklen Wogen der Begleitung.

»Verdammt, – bist du vielleicht religiös, Schiffer?« fragt Jörgen nachdenklich. Liegt kein Spott in der Stimme. Hier – ein Gruß an Maria, – was hat das schon zu sagen. Aber da ist der Mann, der das Ave geschrieben hat. Ein Mann. – Kein Weib! – Kein Idiot! Und doch saß er da, – nun, er ist jetzt wohl schon tot, – und legte all seine Verehrung in dieses einfache Lied. Wer weiß, – vielleicht hat er an seine Geliebte gedacht, – als er die ersten Töne am Spinett anschlug. Also die Liebe! Ja, – die Liebe ist auch Religion. Man könnte ja hingehen und sich einfach eine Frau ins Bett nehmen. Man kann das tun. Liebe ist das nicht. Liebe ist so wie das Lied, das einen zum Träumen bringt. Kann einer sagen, woran das liegt. Tja!

»Nun, ich glaube an einen Gott, mehr nicht. Das andere kümmert mich nicht. Ein Gott ist da, – schön, – das genügt mir. Muß ja doch irgendeiner all das geschaffen haben, was wir um uns haben. Daran glaub' ich!« Der Schiffer dreht weiter an der Einstellung herum. Jazzmusik aus London, – – eine trillernde Frauenstimme, – – »hallo, hallo – – Radio Budapest«, – – Geigen, weich, bäumend, springend, – wie ein Fetzen huscht das Finale vom Ave durch den Raum, – Straßburg! Kalundborg, Paris. »Wieder die verdammten Weiber!« – – Marschmusik, – tja, bleiben wir mal dabei. Ist gesund. Wird kein Schwächling dabei. Ist gefährlich, im Packeis zu träumen.

 

Dichtes Schneetreiben, das kaum die Schollen vorm Bug erkennen läßt. Fernes Rauschen, – das Eis umzieht in gewaltigen Pressungen den starken Holzkörper des »Polarwolfs«. Der fünfte Tag, daß vorn im Logis die Gäste faul auf den Pritschen umherliegen, daß das altersschwache Grammophon seine wenigen Weisen herunterreißt. Der »Wolf« hat sich festgerannt, vergeblich die unzähligen Versuche, sich der Umklammerung des Eises zu entziehen. Die Brise steht aus Nordwest, von Nordgrönland herüber. Hie und da ächzt und stöhnt der Leib des gefesselten Bootes, – wenn Pressungen in der näheren Umgebung erfolgen, – gierig schiebt sich auch wohl das Eis dann höher und steiler heran, als wollte es dem »Wolf« auf den Rücken gelangen, um ihn durch sein Gewicht in die Tiefe zu schrauben.

In die lastende Stille tönt nur selten das Pfeifen eines Eishuhns, – – – lautlos zieht seit Stunden ein Sturmvogel mit unbeweglichen Schwingen um die schlanken Masten. Nun pfeilt er weg, die graue Masse hat ihn verschluckt, – doch – wieder taucht er auf, wieder zieht er seine ruhigen Kreise. Storm erscheint auf Deck, – streckt gähnend seinen kräftigen Körper, – folgt interessiert dem leichten Flieger. Verdrießlich, daß er den schnellen Vogel nicht in seine Pfoten bekommen kann zum blutigen Spiel und Zausen, wendet er den Kopf zur Seite, knurrt enttäuscht und legt sich auf die überschneiten Planken.

Gegen Abend des sechsten Tages frischt die Brise auf. Die Wache, die nach Mitternacht in klatschendem Ölzeug die Treppe herabpoltert, holt Olav aus der Koje.

»Feuern, Anheizen, Olav! Das Eis kommt in Bewegung! Das Wetter scheint zu lichten!« Olav fährt in die Buxen, steigt schlaftrunken in den Maschinenraum hinab, setzt den Brenner an den Motor. Eine Weile später hackt die brave Maschine wieder den gewohnten Takt. Ein schmaler Riß hat sich vor dem Bug des »Polarulv« geöffnet, wird zusehends breiter. Isachsen lehnt auf der Brücke und gibt den Befehl, vorsichtig gegen das Eis anzusteuern. Der Schnee beginnt straffer vorbeizuwehen, – die Brise holt auf. Das verdammte Barometer scheint auf den Grund sinken zu wollen. Mißtrauisch windet der Schiffer mit der Nase in der feuchten Luft, flucht am laufenden Band.

Plötzlich taucht der »Wolf« seine Nase in die See, bockt wieder auf, liegt still. Ein Eisberg hat irgendwo gekalbt, – – Klirren und Krachen klappert über das Eisfeld, verliert sich in der Ferne.

Signal auf Sturm!

Die Schneeschauer streifen hastig vorbei, – den Weg zurück, den sie eben noch gekommen. Die Brise ist auf Südost gedreht, stößt unregelmäßig. Von achtern setzt das Eis langsam auf das Boot ein. Unversehens hebt sich der Vorhang in die Höhe, Schwaden lösen sich mit scharfen Grenzen vom Feld, geben die Sicht frei. Grimmig sucht Isachsen die Umgebung ab. In Ost und West und Nord – – Eis – Eis! Tiefschwarz der Horizontrand im Osten, drohend, giftig.

»Alle Mann an Deck, – Freiwache an Deck!« Befehle schwirren, Hände rühren sich, – – Storm zieht die buschige Rute zwischen die Beine, hat den Kopf auf den Boden geduckt, – ängstlich seine Augen, – – am dickvereisten Fockmast beginnt sich die gläserne Schale zu lösen, Eiszapfen prasseln auf Deck, sprühen in tausend Splittern auseinander. Der »Wolf« holt weit nach Backbord über, liegt schief, wird hochgehoben, im Abrutschen schlägt er seinen Stahlbug auf meterdicke Schollen, bricht sich durch auf die Wasserfläche. Dann beginnt das Eis zu schwingen, – – in einer weitausholenden Dünung, in deren Donnern das Wort verlorengeht.

Längst hat die Schraube ihre Arbeit eingestellt. Hat keinen Zweck, ihre Flügel am Unterwassereis zu zerfetzen.

Der »Polarwolf« trägt das Leben der Besatzung in den Planken, die ihn bedecken. Ist nichts weiter zu sagen und zu tun.

Doppelwache an Steuer und Maschine. »Ragnar, Jens, Jörgen und John, – Svend!« ruft der Schiffer auf, – »die andern hauen ab, legen sich aufs Ohr!« Die nächste Wache wird wieder gesunde Nerven brauchen. Die Paraffinlampe an der niedrigen Kajütdecke schwingt weit aus, – fällt mit einem Ruck von Steuer- nach Backbord. – – – Mit ihrem gelben Licht beleuchtet sie die Gestalten der Schlafenden. – – –

»Alle Mann an Deck!« In schroffem Befehlston, aber ruhig, eisern, – der Schiffer. Halbnackt erscheinen die Leute in der Luke, hetzen in ein paar Sprüngen auf das Vorschiff, – – prallen zurück, – eine drei Meter dicke Scholle liegt drohend über der zerknallten Bordleiste, schiebt sich langsam über die Ladeluke hin. Gelähmt windet sich der »Wolf« unter dem eisernen Griff, starke Schlagseite nach Steuerbord, mehr und mehr rutscht er ab, schwächer wird sein Widerstand. –

»Äxte, Messer, Brechstangen, Harpunen!«

Mann neben Mann, allen voran Jörgen, der seine Axt führt, verbissen, für sein Leben, – das der andern. War da nicht eine Nacht in den Lofoten, die seine Kameraden verschlang. »Jung! Gilt eine Scharte auszuwetzen, – zurückzuzahlen, so – ratsch – – ratsch! – – Genug hat sie gefressen, die See, – ratsch!«

Die Scholle reißt. »Achtung, – zurück!« Langsam, wie das Hauptgewicht der Scholle außenbords gleitet, abrutscht, richtet der »Wolf« sich wieder auf. Die Winsche rasselt, schickt Dampfschwaden über die durchschwitzten Körper hin, – Stück um Stück trägt die Winde das eingedrungene Eis über Bord.

Müde stolpern fliegende Körper der Luke zu, hauen sich drunten in die Koje. Kaum ein Wort fällt. Jörgen hat die Wache! – Jörgen wird das Seine tun! – – – Ein Stöhnen läuft durch die Schiffswand. In das Schweigen tönt ein Getöse, daß jeder zusammenzuckt. – Dann scharren draußen die Schollen emsig weiter. Ragnar sieht starr dem Schiffer in die Augen. – Schweigen.

Isachsen räuspert sich, spuckt in die Ecke, dann wendet er langsam den grauen Kopf wieder dem Jungen zu.

»Eine Spante, – achtern!« sagt er.

Weiter sagt er nichts.

Das Eis beginnt, den »Wolf« zu verschrotten.

Olav, der Erste an der Maschine. – – »Wir können das Leck nicht dichten.«

»Ramsch!« knallt es durch den Raum.

»Die zweite!«

Die Gesichter sind eine Ahnung bleicher geworden.

»Wieder achtern – soll der Teufel holen!« setzt der Schiffer hinzu. »Svend, an die Pumpen ran!«

 

Zwei Spanten! Im Maschinenraum schwappt das Seewasser bis über die Knöchel. Mit Öl und Ruß vermischt steigt es an den Maschinenteilen in die Höhe. An die viertausend Liter in der Stunde mögen es sein. Die Maschinenpumpe ist angestellt, – zieht und schnauft. Draußen klatscht das Wasser über das Eis, stößt in schmutzigen Strahlen, im Takt der Pumpe, aus dem hölzernen Schiffsleib hervor. Die Deckspumpen schlürfen und schmatzen. – – –

Da rollt von Westen her plötzlich ein Schauer durch die weiße Kruste der Grönlandsee. Näher kommt sie, auf einer breiten Front, – läuft dem Schiff entgegen.

Wo sie geht, bäumt sich das Eis zu runden Rücken, hüpft, dreht und giert. Der Horizont wird zu einer ungleichen bauchenden Linie.

Dünung!

Sie zerreißt das Eis in Fetzen, wälzt sich näher mit Klirren und Krachen. Brandung springt aus der See, spritzt aus den Eistrümmern zum Himmel, klatscht in wehenden Schnee, – – Vernichtung bringt sie, wütende Zerstörung.

An Bord des »Wolfs« schweigen die Pumpen, – harte Augen sehen der anrollenden Woge entgegen. Hilft kein Pumpen hier, – gilt die Rechnung, – die letzte Abrechnung. Denkt jeder so, der vorhin noch mit äußerster Kraft beim Lenzen war. Sie stehen wie gelähmt. Noch eine Minute, dann wird sie die Welle überreiten, – wie ein dürrer Ast wird der schwere Fockmast über Bord fliegen, ist mit Sicherheit – – –

Da beginnt die Maschine zu knattern. – Der Kopf des Schiffers erscheint in der Kajütluke.

»Lenzen, Leute, – ran an die Pumpen! Malte, Jens, Jörgen! Jedem, der nachläßt, schieß ich eigenhändig eine Kugel in den Schädel. Wir kommen raus. Seht ihr nicht, daß die Welle das Eis bricht. Durch müssen wir, – zur offenen See! Hart Backbord, – Ragnar, wenden, – sobald die Welle uns erreicht. Durch – zur Kante. Ist unsere einzige Rettung!«

Das fuhr jedem in die Knochen. Besser ist das, als zu ersaufen und zerquetscht zu werden wie eine wurmige Pflaume.

Der »Polarwolf« steigt hoch, als trüge ihn die Faust eines Giganten dem Himmel zu. Auf dem Kamm der Woge steht er – –

»Hart Backbord! – Ramsch! –« Man weiß bald nicht mehr, was unten und oben ist. Aber das Eis ist geknallt, das Boot kommt in Fahrt.

Der »Wolf« läuft quer zur Dünung – ein Krachen wie aus hundert Kanonenschlünden reißt um seinen Körper, den er dem fressenden Eis entgegenwirft. Todwund. Aber mit der Kraft der Verzweiflung. Und dem Glück des mutigen Einsatzes.

Schier endlos dauert der Kampf. Außen und innen, wo der alte Jon zwischen den dicken Bootsverstrebungen umherklettert und mit einer hüpfenden Laterne das Leck zu bestimmen versucht. Im meterdicken Holzgefüge des Eisbugs, – achtern zwischen die Stahlwand des Maschinenraums und die ansteigende Verschalung des Hecks gepreßt. Das Wasser rinnt in unzähligen kleinen Rinnsalen inseits. Die Holzwand ist in einer Fläche von zwei Quadratmetern bereits durchfeuchtet.

»Unmöglich!«

»Möglich«, knurrt der Schiffer, der ihm auf dem Fuß folgt, dagegen. »Teer her, Werg. Wir müssen jede Ritze abdichten.«

»Die Brühe läuft dann eben innerhalb der Verschalung weiter und kommt an einer anderen Stelle ins Boot.« »Abdichten!« ruft der Schiffer scharf. Wendet den Rücken. Dreht sich nochmals um. »Die Spanten versteifen.«

Das Boot springt wie irrsinnig durch Täler, die sich unversehens vor ihm auftun, – schüttelt Eis von seinem Rücken, das die Dünung bei jedem Überholen ihm an Bord wirft, – zwei Stunden, – drei Stunden – ein verzweifelter Kampf, – sechs Stunden – –

Das Eis wird leichter, dünner, in das Poltern der Schollen mischt sich ein Unterton, tief, brausend, voll – – das offene Meer ist nicht mehr fern.

Ragnar steht am Steuer, – komisch, – – er singt. Während sein Körper sich windet und wirft, um dem Steuer seinen Willen aufzuzwingen, – während das Eis über die zertrümmerte Reling kriecht, – in dieser Hölle von See und Eis – singt er. Die Worte werden zum Keuchen, Stöhnen, – zum Brüllen, – aber es sind Worte, bald hoch, bald tief gesungen, – – manchmal hat Ragnar Weile, die Worte klarer klingen zu lassen. Das Lied der Norweger singt er, – das Hohelied eines kühnen Volkes, – – das Lied des Vikingvolkes. So mögen seine Vorfahren vor Jahrhunderten das Steuer ihres breiten Nordlandbootes mit dem hochragenden Bug geführt haben. Das Lied der Treue auf den Lippen, wenn die See an Labradors Küste sich ihnen entgegenwarf, – – Treue zur Heimat – – Treue zur See.

Treue, – auch wenn sie ihnen den Kampf aufzwang, nicht nur in behaglichen Stunden.

Der Schiffer taucht achtern auf, kommt nach vorn, – dick vermummt. Der Wind fährt ihm in den Pelz, bläst die Haare auseinander in kleinen Kreisflächen, faßt in die blonden Strähnen, die unter dem Südwester hervorbrechen und läßt sie wie Striche von der Stirn stehen. Isachsen greift in eines der Taue, die vom Vormast hängen. Ein Schwung in die Strickleiter – – zum Ausguck! Ist noch nichts vom Meer zu sehen, – keine freien Wogen, die grün daherwandern und Gischt zum Himmel spritzen. Grau hängt es überm Horizont.

Noch eineinhalb Tage. Dann kommt der erlösende Befehl.

»Alles klar zum Auslaufen auf See. Boote verzurren. Großbaum sichern!«

»Alles klar!«

Ragnar kriecht in die Koje. Steht nun Jörgen droben auf der Brücke. Will gelernt sein, – ein Schiff durch stürmendes Eis zu führen. Ein Fehlgriff – – weg sind sie! Verkauft, – restlos. Knud steht vorn am Bug, – hat sich als Sicherung ein Tau um das Handgelenk gebunden. Knud will das Eis sehen, wenn es wütet. Knud will seinen Feind kennen, – wissen, wie er pariert, wie er angreift. Rasch, – blitzschnell, – oder schwerfällig, mit gähnend aufgerissenem Maul, Zähnen von dicken, ungefügen Eisplatten.

Knud hat noch nicht viel ins Leben geblickt. Ja, er glaubt wohl, daß er bald alles weiß, – was die Alten als unergründlich aufgegeben; Knud ist noch jung. Jugend ist Zuversicht, – Vertrauen. Wenn es nicht gleich geht, – nun, hat man nicht ein langes Leben vor sich – alles kann in dieser Zeit noch zurechtgezimmert werden, – was schön ist, was groß ist. Habe ich gesagt, daß Knud eine Liebste hat? – Ja, das wächst so in der Brust, das träumt und formt, – ein Bildwerk wird nicht an einem Tag geschaffen – das wird reif. Knud wird nichts dafür können, wenn alles einmal in ihm reif geworden ist. Können wir sagen, warum das oder jenes Erlebnis für uns zum Schicksal geworden ist. Wir sind klug, – fragen nicht mehr danach!

 

Die See ist da. Die See hat den wunden »Wolf« in ihren Schoß genommen, – trägt ihn, spielt mit ihm, – ein rauhes Spiel, im Schaum und Gischt. Aber es ist die offene See, die den Wolf nun trägt. Das Eis liegt zurück. Man atmet freier. Das Schiff stürmt an gegen die Wogenberge, – aber dahinter lauert nicht das Eis, springt nicht heimtückisch an den Bug.

Von zwölf Uhr nachts bis gegen sechs Uhr morgens ist der »Polarwolf« ein Spielball der Wellen. Brüllend stürzen die weißen Hohlkämme auf ihn ein, daß das Vorschiff in Schaum und Gischt sich tief in die Seen gräbt, doch immer wieder sticht der Spriet wie ein Dolch aus der Kimming hoch, als ob er den Himmel anspringen wollte. Tief jagen die Wolken über das rauschende, kochende Meer, – Gnomen, riesenhafte Ungeheuer, tobende Reiter – die aus dem Himmel herauswachsen, über das bäumende Schiff hetzen. »Teufelswerk«, – flucht Jon, – »na, Jens! Wirst du fertig mit dem Rad? Willst du Hilfe haben?« – Jens grinst breit über sein schweißbedecktes Gesicht. »Ein Wetter für mich, – holla! Verdammt, – der Großbaum ist los. –« Wie ein Affe ist er bei der Glocke, – läutet, keucht, rennt zurück zum Steuer. Jon ist verschwunden, – der »Wolf« giert nach Steuerbord, dreht die Breitseite den Wogen zu, bäumt sich wie ein todwundes Pferd, das die Mastspitze gleich in die Seen taucht. Ohne Unterbrechung gehen schwere Seen über Backbord, – kaum daß sie die Reling steuerbords berühren. Sie überfliegen das Boot in einem wütenden, gierenden Satz, – schon klatscht der nächste Brecher über Deck. Jon kehrt auf die Brücke zurück, lehnt sich, – klammert sich erschöpft an den Telegrafen, – auf seiner Stirne klafft ein Loch, aus dem das Blut in kleinen Bächen über die Wange rinnt, – doch, der Großbaum ist gezurrt, – Hauptsache! Der letzte Brecher hätte ihn um wenig – – –

»Knud! zurück! – – – Knuuuud, Junge, – Jung, holt fast! – – – Jung, – Mensch – – – weg! – – – weg ist er! – – – Knud ist weg. Mensch! Hart Steuerbord, – Rettungsweste raus, Rettungsbojen, sag ich, – Raus! Alle Mann raus! Mann über Bord! Mann über Bord! Teufel, der – – – siehst du ihn, – dort! – – Fangboot klar! – – –«

»Unsinn! – das mit dem Fangboot! Maschinen volle Kraft, – halt Richtung auf ihn, – ran!«

Der Schiffer. Kalt, Augen wie Messerklingen, – unheimlich ruhig, – ratsch – peitscht ihm eine Bö von Eisschloßen über den Schädel, – er hat es nicht bemerkt. – »Maschinen halbe Fahrt! Dreht über Backbord! Gegen die Seen ran! Sieht ihn einer?« – – –

Schweigen. – Drückendes Schweigen! – Augen, die die rollenden Wogen nach einem blonden Schopf, einem hochgereckten Arm absuchen.

»Maschinen sachte Fahrt! – Gott sei ihm gnädig!«

Der Schiffer. – – –

Wendet die Blicke von den andern, schaut auf die sprühenden Wogen hinaus, – stumm, verbissen, – soll ihm niemand ins Gesicht sehen, – nicht jetzt. – – –

Viele Augen prüfen jeden Kamm, bohren sich in die klatschenden Seen, die in schweifendem Ausholen an den Bug preschen, öfter, häufiger den Bug überrennen, daß die See bis zur Brücke hochzischt. Svend baumelt hoch droben in der Tonne, mit einem vierfachen Tau an den Großmast gezurrt. – »Halt! hier!« – – »Nichts!« Ein Brett, das der Sturm vom Achterverdeck des »Wolfs« losgerissen hat. Es schimmert gelblich wie ein Gesicht aus den Wogen, dreht sich im Sug, wird von einer Welle in die Tiefe geschlagen. »Nichts!« – Nichts von Knud!

Um Mitternacht schleifen die Rettungsboote in den Wasserbergen, die sich aus Südost heranwälzen. Schräg wirft sich das Boot ihnen entgegen, trotzdem zwei Mann am Steuer stehen, – stehen? – Liegen, verdreht, – kämpfen, auf Tod und Teufel. Die Gesichter von Schweiß und Seewasser überronnen, mit keuchenden Lungen, mit Beinen, an deren Schenkeln sich durch verklebte Hosen hindurch die Muskeln abzeichnen. Schweißgeruch steht weg von ihnen, – der Duft der See schlägt feucht durch das Schiff. Und über den kämpfenden Männern tanzen die Wolken, fügen sich zusammen zu grotesken Gestalten, die die Arme drohend über die ganze kochende See spannen, zerfetzen, auseinanderlaufen, schwimmen, fliegen, in schwarzen Klumpen neue Bilder zusammenballen, verschlungene Körper in wildem Zucken, die aus der sprühenden Kimming steigen, – – in einem rasenden Aufheulen schreit der Orkan seine Wut über die rauchenden Brecher, wühlt und peitscht das Wasser.

»Ablösung vor!«

Die ganze Mannschaft steht auf der Brücke. Alle wollen sie vereint sein, wenn sie zur Hölle fahren. Alle starren voraus ins Meer. Malte und Jens treten nach vorn. Legen die Fäuste ans Rad. Mit stählernen Griffen. Nicken zu den abgekämpften Leuten der vorigen Wacht. Erst da nehmen die beiden ihre verkrampften Finger von den Speichen. Nach hinten taumeln sie, – fliegen gegen die Wand, krallen sich fest.

»Großsturm!«

»Höllensee!«

»Wie lang das Steuer noch hält?«

Jon spuckt seinen Priem durchs Fenster, nickt mit dem Kopf, – nachdrücklich. »Hält!« Das Steuer natürlich. Jon hat selbst das Holz dafür herausgesucht. Teakholz. Hart wie Eisenklammern!

»Das Steuer bricht nicht!«

Die Schraube? Die Masten, – Aufbauten, Bäume, Ruderkette.

Alles hat der alte Jon geprüft, nichts vergessen. Der »Polarwolf« ist das beste Schiff, das im Eis fährt. Kleiner als die übrigen Boote. Schneller, wendiger. ›Sieh mal einer an, wie er eben die See genommen hat, nicht anders als ein Balken, der wie ein Strich durch die Wogenberge sticht, – dem keiner was anhaben kann. Wie die Leute, die auf der Brücke stehen, – jeder ein Schiffer, jeder ein Adliger unter den Seeleuten. – Haben nichts zu tun mit den armseligen Fledderern, die im Hafen von irgendeinem Baas aufgelesen und auf ein Boot gepfropft werden. Echtes Blut aus den tiefen norwegischen Fjorden. Blut, das sich durch Jahrhunderte auf freier Scholle, auf der freien See, behauptet hat, – – Vollblut. Gerinnt nicht so leicht in den Adern, – kocht heißer, wenn die See kocht – Freude am Kampf. Zur See muß man fahren, will man dieses Volk erkennen, – zur See. Oder du mußt den Hochwald durchziehen, wo junge Männer die blinkenden Äxte an die schlanken Riesen der Berge setzen, – roden – schaffen, – – Neuland! Bahn brechen! – – Voran stürmen. Als Erster schlagen – – norwegisch ist das, nicht das Lachen vergessen dabei, das derbe Lachen. Ist norwegisch. Nordisch!‹

»Treibanker klar! Maschinen halbe Kraft! Legen uns mit der Nase gegen die Seen an!«

»Treibanker ist klar!«

»Hieven!«

»Heißt das Besansegel! Wir kommen nicht an gegen den Blauen! Abwarten! Jon, sieh nach, daß jeder an Deck sich verzurrt! Ging einer über Bord! Ist genug für diesmal!«

Der Treibanker klatscht achtern in die sprühenden Wasser, – ein Sack aus grobem Segeltuch, mit Stahlleisten versteift. Die rollenden Wogen fangen ihren Druck in ihm, schleudern ihn nach hinten, weg vom Schiff, – ziehen und zerren. Fünfzig Meter liegt er nun achteraus, hält das Heck, daß sich der Bug leichter gegen die Wellen legt. Das Steuer wird ruhiger, – bald daß ein Mann genügt, es zu halten. Aber immer noch schlingert der »Wolf« wie im Höllentanz, – die Seen brodeln gieriger als zuvor über das Deck herein.

Man darf den Magen nicht vergessen. Keiner, der die Glocke des Smutje gehört hat. Müßte der Trondhjemer Dom sein, der bei diesem Wetter zum Essen einläutet. Deshalb hat sich der Smutje auf die Reise begeben, – von der Küche auf Deck, wo ihn gleich die Seen einseifen, in einem Sprung zur Brückentreppe und wie der Teufel unter den Schutz des Windsegels. Der Smutje hat nun eben mal die See gefressen. Eigentlich kommt er von Westschweden herüber. Seine Vorleute siedelten sich vor vielleicht zwanzig Jahren erst in Hardanger an. Das ist noch nicht Zeit genug, um ein richtiges Seebein vererbt zu bekommen. Beileibe nicht.

Einer nach dem andern von denen droben schiebt nach drunten. Jörgen und der Schiffer, der zweite Maschinist. Sie hocken allein um den Tisch herum. Jeder hält einen oder zwei Henkel von Kannen oder Schalen in der Faust. Mit der freien Hand wird die Suppe gelöffelt. Geschieht dabei, daß Jörgen eine ordentliche Ladung Fleischbrühe über die Buren bekommt. Brennt fürchterlich, das Zeug. »Schiet!«

Man muß wohl das Sitzen aufgeben. Nachher, beim Fleisch, kann es höchstens geschehen, daß einem ein heißer Klumpen in den Schoß rutscht. Erträglicher, – nachher. Wer bringt auch bei dieser See Suppe auf den Tisch! Muß ein altes Weib sein. Oder er muß nicht ganz richtig sein im Hirnkasten.

Der Schiffer flucht auch plötzlich, als hätte sich ihm ein Wespenschwarm auf die Schenkel gesetzt. »Höll' und Teufel!» – – »Jahau!« setzt er, schon wieder besänftigt, nachdenklich hinzu. »Jahau!« Der Maschinist zieht es vor, aufzustehen, bevor ihm ebenfalls die Suppe an den Waden hinabläuft. Alle drei pendeln sie nun im Takt, den der »Polarwolf« von draußen an die Rippen kriegt, mit. Wie Holzfiguren, die durch ein Uhrwerk bewegt werden. »Verdammt!« neigen sich die drei Figuren nach Backbord hinüber, während der Boden unter ihnen im steilen Winkel wegrutscht. »Tja!« Sie fliegen nach der Steuerbordseite. Und der Spiegel des Suppentellers gibt ein treues Bild davon, wie draußen die Sache augenblicklich aussieht.

Aber die Sache ist bitterer Ernst. Nichts zu lachen dabei. Keiner von den dreien findet etwas Komisches in der Situation. So schnell es eben geht, löffeln oder trinken sie die Suppe, kauen das Fleisch in großen Fetzen.

Raus dann, an Deck. Keine Hand zu viel an Bord. Keine zu wenig. Zum Glück! Doch! Einer ist zu wenig. Knud, der jetzt vom Grundsug umhergewirbelt wird. In der Tiefe der Grönlandsee. Einer ist zu wenig an Bord! Der Junge!

Der Schiffer übernimmt heute die Wacht. Geschieht selten, – immer ist der Teufel los, wenn es mal geschieht. Immer wissen dann alle bis zum jüngsten Gast, daß es verteufelt an die Nähte geht; die Fäuste des Rudergängers werden härter, die Mannschaft hellhörig. An solchen Tagen sind die Befehle ausgeführt, kaum daß sie die Lippen des Schiffers verlassen haben. Man kämpft für sich, damit für die andern. Die anderen kämpfen wieder, – entgelten. Mann um Mann! – Mann für Mann! Kein Wort gilt, kaum eins wird deshalb gesprochen, – gilt nur die Tat. Und es bleibt keiner zurück, – sei der Preis noch so hoch.

Das kam unerwartet. Brach übers Boot herein, schlug die Ladeluke auf, daß die Bretter stoben. Die Glocke brüllt. Rennen. Der »Wolf« ist in weißen Gischt gehüllt, – taucht ab in die See. Die Schraube ist aus den Wogen gehoben, poltert und schleudert. Gestalten auf Deck, von Sturzbächen übersprüht, zu Boden gebückt, reißen ein flatterndes Segel über die Bresche, das sich sträubt, vom Wind hochgerissen flattert und schlägt, – wieder eingefangen wird, niedergezwungen, – »Bolzen!«

»Hämmer! –«

Wieder stäubt eine Gischtwolke über das Vorderschiff. In kurzem Abstand wälzt sich ein ungeheurer Wogenberg heran, – drohend und wuchtig, – wälzt sich zu auf die Leute, – – lautlos, weil der Sturm sein Rauschen überbrüllt, – wälzt sich heran – springt – – – bis an die Leiber stehen die Arbeitenden im Sprut, – klammern sich fest an Kanten, Seilen. Tief liegt der »Wolf« in der See begraben – – die kämpfenden Leiber wollen schon langsam sich lösen, die Griffe wollen erlahmen – sie taumeln – einer wird bereits von dem Brecher zur Reling gerissen, – da steigt der »Wolf« wie ein Korken aus den Wellen, wirft sich nach Steuerbord hinüber und die mächtige Stimme Isachsens brüllt durch den Sturm, – wie ein Stier brüllt, tief und rauschend.

Die Griffe werden fester, die Augen, die schon willenlos werden wollten, scharf und trotzig.

»Ins Eis zurück!«

»Holt den Treibanker ein!«

»Hart Steuerbord, – immer weiter. Ins Eis zurück – muß gehen. Sind sonst verloren. Olav, wie arbeiten die Pumpen?«

»Wir nehmen mehr Wasser über als bisher. Schlechtes Bleiben im Maschinenraum, – stehen bis an die Knöchel im Dreck; Schiffer!«

»Volle Fahrt!«

»Wir müssen es schaffen. Jeder auf seinen Platz. Freiwache gibt es nicht.«

Der »Wolf« springt. Es ist, als ob es der tote Holländer sei, der da über die Seen jagt, von Wolken und Gischt umhetzt. Es ist, als ob die Leute auf der Brücke Tote seien, so still stehen sie, – mit gleichen Gesichtern. Eine kräftige Nase, eine steile Stirn, derselbe Mund, – – dieselben schweren Gestalten. Derselbe Blick, – in derselben Richtung.

Gelten nichts mehr, die Wogen. Sie können rasen wie tolle Pferde, – gleichviel, – gilt nichts mehr, das Leben, – es ist bereits verspielt, – durch, lebendig oder tot, – das Spiel muß zu Ende kommen. Zu Ende. Wie? – Pah! das steht auf einem anderen Blatt. Ist eigentlich belanglos. Der blanke Hans treibt es zu toll, – drauf! Spüren soll er, was norwegische Seemannsfäuste vermögen.

Und wieder schwimmt aus der Kimming heraus Eis, von Wellen übertost, – eine breite Bank Großeis, weiße Berge, mit Schründen, die in tiefem Grün bis zum dunklen Blau in ihren Rissen schimmern.

»In Lee vor der Bank!«

Wieder dreht der »Wolf« vom Kurs, wieder hat er die Dünung hart vor dem Bug. Bis er plötzlich jäh abfällt und in den hochgehenden, stürmenden Hohlseen dahintanzt, – in stoßendem Rollen, – das Heck im Sprut vergraben, den Bug wie das Haupt einer schwimmenden Schlange aus dem Wasser gehoben. »Steuerbord nachdrücken und um die Bank.« Die nächste Wacke wird angelaufen, – weiter, immer weiter, – tief in den Eispanzer, durchgebrochen – weiter, während die Schollen das Boot umkrachen. Tief ins Eis – wo die See in ihrem Rasen gedämpft wird durch die Last des Treibeises, der Millionen Schollen und schwerfälligen Bergriesen. Weiter, – unaufhaltsam. Vor dem Schiff weht der Rauch der Maschine, wird aufs Eis niedergeschlagen, weht voraus, als wollte er den Weg zeigen, den der »Wolf« zu nehmen hat. Den Weg durch das Gewirr der Rinnen, den Weg vor die Brust von Schwereisfladen, – die der »Wolf« zerreißen muß mit seinen Zähnen, – um sich Bahn zu brechen.

Aber das Eis setzt sich zusammen, das Eis steht wie eine Barrikade, – treibt den Angriff des »Wolfs« zurück. Müder und verzweifelter wirft er sich auf seinen Feind, – seine Zähne werden stumpf. Das ist der letzte große Angriff, den er wagt, – der letzte Sprung auf den Nacken des tückischen Feindes.

Das ganze Schiff bebt und zittert unter der Anstrengung der Maschine, die Schraube wühlt und gurgelt unter Wasser, – »wir müssen durch die Rinne! – Volle Fahrt voraus! Wir müssen durch! – Die letzte Hoffnung – – –«

»Ramsch! –Ramsch!«

»Höchste Kraft!«

»Nochmals zurück!«

»Nun los, – volle Fahrt voraus, – ran, so, – – – Ah!«

»Ratsch! Achtung, der Großbaum! Zurren!«

»Zu spät, hiergeblieben – – laßt ihn sausen, – kappen!«

Vor dem Bug ist eine Scholle hochgerichtet, steht in der Dünung, kippt auf das Vorschiff, – – kracht nieder, schlägt – –

»Der Fock! – Achtung, der Vormast geht, – Achtung! – Hierher, Ragnar, – – – – «

Pressungen von allen Seiten, der Schiffsleib stöhnt, – – dann ist Ruhe, – – Ruhe, – Ruhe ist, – alle schweigen, – »ratsch, – ramsch!« Zerfetzt, abgeknallt, wie ein Streichholz, neigt sich krachend der Mast – – schlägt lang über Bord – – »ramsch!«

Ruhe. Schweigen. Alle schweigen, – das Vibrieren im Boot hat aufgehört. Die Maschine schweigt. – Die Schraube ist von Eis umschlossen!

Drunten arbeitet Svend mit verrußtem Gesicht am Zylinder herum, prüft die Gänge, – erprobt die Ölzufuhr – weg, – den Brenner ran, anheizen, – das Öl läuft über, eine Flamme lodert gelb zur Decke, – brennendes Petroleum spritzt auf seine nackten Arme.

Er spürt es kaum, arbeitet, mit geducktem Kopf, – windet sich durch den engen Raum, zum Werkzeugtisch, – Werg – Zangen, Eisen – Schraubenmuttern, wählen, prüfen, – suchen – – und droben rennt das Eis dem »Wolf« an den Hals, würgt ihn ab.

Langsam wird der Bootskörper vom Eis hochgehoben, – es knirscht in den Spanten, – kracht – – –

»Alle Mann von Bord! Gewehre, Proviant, Decken – – und Holz! – – Stapeln, – – zweihundert Meter vom Boot. Wer seine Sachen hingetragen hat, kommt zurück. Das Boot wird geräumt.«

»Nur das Notwendigste! Munition, Dynamit – – Fleisch!«

Der Schiffer pfeift durch das Sprechrohr.

Unten nimmt der Maschinist die Hörklappe.

»Alle Mann von Bord, Maschinist!«

Ein Fluch!

»Bleibe hier, – sehe, daß ich die Maschine in Fahrt bringe!«

»Zwecklos, Maschinist. Wir halten das Schiff nicht länger, – die nächste Pressung macht es reif!«

»Solang mir das Wasser nicht am Hals steht – –«

Stützen hat keinen Zweck, – die Maschinenpumpe ist ausgefallen, – die Handpumpen schaffen es nicht, – die Bordwand kann jeden Augenblick zusammenknallen.

»Den notwendigsten Proviant!«

Die Dünung tanzt. Männer springen über Bord, Lasten werden aufs Eis geworfen, aufgesammelt, – zwei der Leute winden das Steuerbordboot aus dem Davit, – schwer poltert es aufs Eis, wird zerdrückt, – einfach an die Wand gedrückt, – seine Spanten krachen wie eichene Kloben im Herdfeuer!

Auf Steuerbord liegt eine schwere Flacke, – wohl zweihundert Meter im Quadrat, die den Stapelplatz abgeben soll. Ist schwer, zu ihr zu gelangen, – aber sie bietet Schutz. So leicht wird die Dünung sie nicht zertrümmern.

Der »Wolf« kämpft seinen letzten Kampf. Die Schraube kommt mit ihrem oberen Flügel schon über die Schollen, – der Bug steckt tief im Wasser. Wenn eine Welle anrollt, – eine Welle? – Wenn das Eis sich in Bersten und Krachen wölbt, heranschiebt – über das Schiff wegläuft, duckt er jedesmal seinen Kopf tiefer.

Storm, der Hund, rennt den freien Decksteil auf und ab, wedelt mit der Rute, bellt – steht dann erstaunt still, – hebt den Kopf, stößt ein Geheul aus, das nur wie ein Winseln noch zu den Ohren der Leute dringt.

Alles von Bord. Bis auf Storm.

Locken! Pfeifen!

Hat keinen Zweck!

Da – jetzt kommt er über die zertrümmerte Reling geflogen, rennt weiter auf den wiegenden Schollen – kommt zu den Leuten!

Es donnert und kracht in der Ferne, kommt näher, – heulend. Die Wut des Sturms. Das Herz des Sturms. – Das Ende! Es bricht herein, – das Eis bäumt sich, – Stöhnen kommt vom »Wolf« herüber.

Schwer, – zu sterben. Allein zu sterben. Unsäglich schwer! Das Schiff legt sich plötzlich auf die Seite hinüber, – rauschend und gurgelnd macht das Eis für einen Atemzug Platz, – tritt wieder zusammen, – preßt, brüllt – Wasser spritzt – Poltern – Krachen – und das Eis frißt, zäh, verbissen, wie der Hai, dessen Kiefer nicht loslassen, was sie gefaßt haben.

Jäh gleitet der schwere Bootskörper unters Eis! Taue schleppen noch da und dort auf den Schollen nach, ziehen wie Schlangen der Stelle zu, an der der Leib des Fangschiffs verschwand. Das zerfaserte Ende des gebrochenen Masts sticht noch aus dem Eis. Die Spitze des Focks mit der Ausgucktonne liegt einige Meter weiter. Gerade ist der obere Rand der Tonne noch sichtbar.

Der Schiffer steht auf einer Scholle, die sich etwas über die übrigen hochgeschraubt hat. Starrt auf das letzte Zeichen vom »Wolf«, das langsam, ganz langsam absinkt. Er dreht den Kopf und blickt zum Stapelplatz hinüber, wo die Kameraden hocken – nachdenklich, – nicht mutlos. Sind alles Seeleute, sie, – ihre Väter, – Seeleute seit Jahrhunderten. Keiner von ihnen, der im Bett gestorben ist. Beinahe jeden hatte die See, der rauschende Ozean, geholt. Den einen im Taifun der Südsee, – ein anderer starb unter den kurzen Nackenhieben der Nordsee. – –

Wieder einer, – als er der verlorenen Besatzung eines küstenfremden Schoners Hilfe bringen wollte im offenen Vikingerboot, dem Nordlandsruderer, oder – – als es galt, trotz dem Toben des Eismeers in rabenschwarzer Nacht der hungernden Familie Fische – Brot, zu geben. Warum sollte das alles plötzlich anders sein? Er gab viel, – der Blaue, – Schiffsladungen von Robben, Speck und Fischen – Brot – – und er nahm, – – natürlich nahm er auch! Man würde trauern an der Küste, in den Hütten der Heimat. Aber – da waren die andern, die der Ozean nicht genommen hatte, – noch nicht. Sie würden die Hände öffnen – den Hunger stillen – und die kleine Kate inmitten der herben duftenden Wiese ernährte immer noch einige Schafe, eine Kuh. Der Schiffer drüben hebt plötzlich den Arm, – winkt.

»– – – Ulven!« Das übrige reißt der Wind mit sich fort, über die wogende Eiswüste. Aber alle haben verstanden. Jörgen reckt seinen hohen kräftigen Körper, nimmt die Mütze vom Kopf. Wie ein Brand lohen seine blonden Haare im Wind.

»Hurra für den ›Wolf‹! – Hurra für den ›Polarwolf‹ Hurra...!« Erregt keucht seine breite Brust. Tiefes Rot zieht vom entblößten Hals zu den gebräunten Backenknochen hinauf. Er schaut nach hinten, wo die andern stehen. »Komisch«, denkt er, »wie der Smutje sich gibt!« Dessen Mundwinkel zucken unaufhörlich, wie im Krampf. Macht das die Kälte – oder hat er wirklich Angst? – »Pah! Um das bißchen Leben!«

 

Dunkel liegt der Haufen der geretteten Geräte und Proviantsäcke auf dem gleißenden Eis. In seinem Schatten liegt wie ein schwarzes Bündel der Hund. Er hob wohl langsam den Kopf, als die Männer ihren Abschied brüllten, – die absaufende Tonne interessierte ihn gar nicht. Er blinzelt schläfrig, als die Leute mit schweren Tritten nun zum Sammelplatz kommen, – Jörgen voraus, mit der blauen Seemannshose, das Fangmesser am breiten Gürtel. Die Haare wirr über die knochige, breite Stirn verstreut. Aber dann schließt Storm wieder die Seher. Ist doch alles in bester Ordnung, – sind seine Leute, die da kommen. Alle sehen zwar etwas finster aus, – ist am besten, man tut so, als ob man schliefe. Wenn die großen Kameraden so verbissene Gesichter machen, weiß man nie, wie man sich benehmen soll. Da hüpft man einem entgegen, – duckt den Kopf zum Spiel – – und, ehe man sich's versieht, hat man eine genagelte Stiefelsohle im Kreuz. Oder sie fahren einem ins Nackenhaar hinter die Ohren, – als sei das Fell aus Gummi. Wehe, wenn man beißt, um loszukommen. Dann gibt es erst recht die Faust ins Genick. Besser, man schläft.

Zum Beispiel zeigen sie einem die Zähne, die Menschen, – und wollen damit ihr Gebiß zeigen, – voller runder Stumpen ist's. Wenn man dann mit ihnen zu tun kriegt, gehen sie aber nicht etwa zum Angriff. Beileibe nicht. Gerade dann sind sie in bester Laune. Dann kann man ohne Gefahr sie anspringen und mit ihnen tollen. Und trotzdem sie dazu knurren, beißen sie doch niemals. Die Menschen. Gibt nicht gleich wieder ein Tier, das so seltsam und unverständlich ist. Ein Leben genügt nicht, um sie kennenzulernen.

Der Schiffer hockt immer noch drüben, über der kleinen Rinne, in der eben der Fock des »Polarwolfes« verschwand. Brennende Augen – und niemand weiß, was er denkt. Wie weit er gekommen ist in seinen Gedanken. Denn daß jetzt neue Gedanken kommen müssen, ist klar. Muß alles anders angefaßt werden, – ein ganz neues Leben beginnt.

Eigentlich führt jetzt der Weg mit jedem Schritt vom Leben fort. Ist wohl so, daß das Leben ein Kampf ist, – sonst. Hier wird es zu etwas anderem. Zu einem müden Schreiten ins Dunkle, – wird wohl so sein. Eigentlich ist man bereits tot, – seit heute.

Aber man sammelt die Lasten auf, verteilt sie auf die Rücken und stapft los. Immer hinter einem breiten gewölbten Rücken drein, – immer weiter, ins Weiße. Rund herum gleißt das Eis. Auf der Oberfläche! Darunter liegt das Dunkel. Die Nacht des Ozeans – die Nacht der Zukunft. Aber man bricht doch auf, um der Nacht entgegenzugehen. – – –

Schwer und mühsam stapfen die Männer ihren Weg.

Mit glanzlosen Augen schreitet Ragnar voraus, bald verschwindet er hinter einem Eisklotz, bald taucht er bis zu den Schultern in einer Rinne unter. Vor seiner Brust baumelt die lange Kragrifle, der breite Rücken ist gebückt unter der Last. Doch im Federn der Beine verrät sich die Kraft des jungen Körpers, die Entschlossenheit seines ungebrochenen Wesens. Seltsamer Gegensatz zu den Augen, die weit nach innen schauen und – zurück. Die Schollen des Eises liegen eng zusammengepreßt, kaum eine schmale Wacke ist zu sehen. Da gilt es Richtung zu halten. – Nach jeder halben Stunde einen Strich weiter nach Westen, weg von der leuchtenden Kugel, die den Horizont des erstarrten Meeres in greller Lichtlinie heraushebt. Manchmal schaut Ragnar nach hinten, zu Jörgen hin, der neben Jon Björvik seinen wuchtigen Körper durch den Schnee pflügt. Jörgen scheint auch viele Gedanken in seinem Schädel zu wälzen, – häufiger muß Ragnar warten, bis auf seinen fragenden Blick sich der Kopf Jörgens hebt und die Antwort kommt. Jörgen bestätigt die Marschroute nach einem Blick auf den Rucksack des alten Jon, der den Schiffskompaß mit sich trägt.

Storm hat noch immer nicht begriffen, was los ist. Er ist immer noch ganz benommen, daß er plötzlich statt der kleinen Back des »Polarulv« die endlose Weite des Packeises zum Tummelplatz erhalten hat. Verständnislos hetzt er an den müden Gestalten vorbei bis zu Ragnar, macht ein paar neckische Sprünge vor dem Jungen und schmiegt seine feuchte Schnauze in die hohle Hand des Jägers. Hat doch keine Zeit, der Kamerad, – noch drei Stunden, bis er die Führung abgeben darf. Drei Stunden. Die Ingeborg, was sie wohl jetzt tut. Ahnt sie, daß es hier ums Leben geht? Daß der Tod hinter ihnen aufspielt, nach ihnen greift, nach all den schwarzen vermummten Körpern, die müden Schritts weiterwanken – bis sich einer aus der Gruppe ablöst und verschnauft, mit hastigeren Schritten den Wegverlust wieder aufholt. Jeder bleibt so mal zurück – nicht Ragnar! Ragnar hat die Wacht, – für die anderen. Bis die Sonne ein gut Teil weiter im Norden und tiefer steht. Erst dann kommt der Mechanismus in seinen Beinen zur Ruhe, der ihn langsam wie der Takt der Schiffsschraube vorwärtstreibt – – langsame Fahrt! – aber doch vorwärts. – – –

Vorwärts! – – –

»Stop!« ruft Ragnar schließlich in die Gegend. Die gesenkten Köpfe der Marschierenden fahren hoch, – als ob ein Blitz die Stille gespalten hätte, – die ewige Stille, – die noch leerer wird, weil das Kratzen und Schürfen der Schritte im Schnee nun schweigt.

»War gute Arbeit! Jungens! Wir schaffen es!« setzt Jörgen ein paar Worte hinter das Kommando und seine Züge verändern sich, als ob er lachen wollte. Fiel doch schwer, zu lachen. Besser, man klemmt sich die Pfeife zwischen die Zähne. Genau, als ob man zu Tromsö im Kontor des Reeders sitzt und blanke Münzen für den Fang kriegt, ist das ein Gefühl; so die Pfeife mir nichts dir nichts zwischen den Lippen spielen zu lassen. Wenn der feine englische Tabak aus den Nüstern stößt! Man kann gut dabei träumen, so etwa, – – – – ist es nicht Zeit, die kleine Petroleumlampe anzuzünden, Zeit zum Abendessen, – und Lara tritt zur Tür des Schlafzimmers herein und sagt – sagt –: »Nun Jörgen, sie schläft gut, die kleine Svanhild. Weißt du noch, als du damals ins Wester-Eis fuhrst und ich so betrübt war, weil ich glaubte, du würdest nicht wiederkommen aus dem Eis? – Nun, du bist doch wiedergekommen.« Und nach dem Essen: »Du, gehen wir schlafen, ins Nest!« Ja, verdammt; so kann man träumen, wenn die Pfeife zwischen den Zähnen hängt.

Mit langsamen Schritten kommt Ragnar auf seiner Spur zurück, hockt sich neben Jörgen auf einen Eiswulst. Er holt den Gewehrriemen über die dicke Hundsfellmütze, steckt die Büchse mit dem Schaft in die verharrschte Schneedecke, damit das Schloß nicht überkrustet. Jens zieht umständlich die Bratpfanne aus dem Sack und zündet mit steifen Fingern den Primus an. Nicht mehr viel Margarine da, – Malte holt einen der gelben Würfel ans Tageslicht, legt ihn auf den Schenkel und drückt das scharfe Fangmesser durch die hartgefrorene Masse. Teilt das abgetrennte Stück weiter auf, damit der Primus schnellere Arbeit macht. Paraffin ist auch nur wenig vorhanden.

Zwei Mann je kriechen sie nach dem wenigen Essen in die Schlafsäcke – alle gleichzeitig. Eine Wache ist nicht notwendig. Das Eis liegt die paar Stunden wohl ruhig. Kommt Besuch, ist ja Storm da, der in äußerster Bereitschaft dahockt, mit funkelnden Lichtern. Hat nichts zu fressen gekriegt, der arme Teufel, Menschenleben sind wichtiger! Allerdings gilt seine Bereitschaft vorzüglich dem Fleischsack, in dessen Jute geronnenes Blut klebt, dessen durchdringender Geruch ihm förmlich in die Nase springt. Storms Augen wandern über die schlafenden Bündel hin. Ob aus einem von ihnen ihm vielleicht ein paar wachsame Augen zusehen. Wie der Blitz duckt er den bärenähnlichen Kopf in den Schnee – Ragnar hat sich im Schlafe bewegt! Nichts weiter. Langsam richten sich die Ohren des Hundes wieder auf, – mit eingezogener Rute läuft er etwas abseits, schaut von dort den Sack mit glänzenden Augen an. Mit Augen, aus denen der Hunger glänzt. Lange sitzt er dort, schlägt erregt mit der Rute den Harsch, Speichel tropft von der bläulichen Zunge, die schlaff aus den Fängen hängt. Ein paar weiche Sprünge – – das blutige Gewebe zerreißt leicht unter seinen spitzen Zähnen. Storm schlingt gierig, die langen Mähnenhaare sträuben sich, unruhig hebt er während der heimlichen Mahlzeit bald den linken, bald den rechten Vorderfuß, indes sich die Hinterpfoten in den Schnee stemmen. Die Arbeit muß schnell getan sein, – bald, daß einer der Schlafenden erwacht. –

Storm hat immer genug Fleisch gehabt. Die vielen blutfrischen Kadaver, die an Bord des »Wolfs« oft zu Dutzenden umherlagen, haben ihn zuerst verführt, wahre Freßorgien abzuhalten. Fleisch in Fülle, – für ihn, den armen Teufel aus Angmagsalik, der sich oft genug an den Exkrementen seiner Artgenossen sattfraß, ein Wunder. In den ersten Tagen, die er an Bord zubrachte, konnte er rasend werden, wenn er sah, wie die Fänger Dutzende von abgespeckten Kadavern über Bord warfen, Fraß für den stumpfmäuligen Eishai, für Möven und ähnliche Vagabunden. Bald hatte er sich jedoch daran gewöhnt, Fleisch gering zu achten – – war ja genug vorhanden, – im Überfluß. Wie kam es, daß man seit zwei Tagen ihm kein Fleisch mehr zuwarf, wenn die andern sich doch zum Mahl niederließen. Der Teufel verstehe die Menschen. Wahllos haut der Hund die Fänge in den Fleischberg, den der große zweibeinige Kamerad für sich auf die Seite gelegt hat. Gemästet hockt er sich nach beendeter Mahlzeit in den Schnee, legt die Nase über die Vorderpfoten und schläft. Hie und da läuft ein Zucken seine Flanken lang. Er räkelt sich wohlig, streckt die steifen Beine gähnend von sich ab. – – –

Der Schiffer räkelt sich in seinem Schlafsack, zieht die Beine an den Leib, wirft sich nach rechts, nach links, – sieht bald aus, als ob da eine Klappmütze übers Eis mummelt, – oder wie ein riesengroßer Falter, der sich aus der Verpuppung herausarbeiten will.

»Mojen Schiffer!« kommt's von seiner Seite. Der alte Jon ist auch schon wach. Alte Leute haben den Schlaf nicht so nötig wie die Jungen, läßt sich leicht etwas abzwacken vorher und nachher. »Das Wetter ist gut, alles allright, –«

»Ist der Smutje schon mit dem Kaffee dagewesen, ist wohl Zeit, ja, – die Maschine – – –, ah so!«

»Jon, ja, – – wir müssen weiter, – müssen möglichst weit voran, solange das Eis ruhig liegt und nicht zu sehr verschneit!« reißt er sich zusammen, als er die weiße Umgebung um sich sieht. »Dachte meist, wir wären noch an Bord, – hm! Unsere Maschine war ja hops gegangen,« setzte er hinzu, – – »und einen Augenblick wollte ich – Tja, da sind wir also"! So. – – Raus, Leute! Packen, Rollt die Säcke zusammen. Einer kocht mal ein wenig Fleisch und Grütze. Haben ein gutes Tagwerk vor uns – – –«

Man kann leicht vergessen im Schlaf, daß da ein Schiff vom Eis aufgefressen ist. Aber lange darf es nicht dauern, bis man wieder auf beiden Beinen und in der Wirklichkeit steht. Man streicht sich die Haare mit der verschwielten Faust nach hinten und zieht den Leibriemen um die Hüften. Dann ist die Wirklichkeit wieder zurückgekommen, – vergessen darf man nicht, daß die andern auch so ein paar Sekunden brauchten, bis ihre Gedanken aus der Traumwelt herüberkommen, – die ersten Blicke nach dem Aufwachen zählen nicht, – – sie sind verwirrt und unstet, trüb. Warten, bis bei allen das Tageslicht in den hintersten Gehirnwinkel gefahren ist. Aber dann, – Tempo! Fliegen! Marsch, marsch. Arbeiten! Eine Handvoll Schnee in die Visage geklebt, – auf beiden Beinen stehen nachher, los!

Zuerst steht man natürlich selbst wie eine Säule auf dem Eis, wenn man Schiffer ist, – das ist hier etwas anderes als an Bord. An Bord ist man der Herr, – – hier ist man Führer. Der Führer ist schon oft der Diener gewesen. Der Führer muß arbeiten, mit der Tat vorangehen. Das ist hier anders als an Bord. Während die andern noch ihre Stiefel aus dem Schlafsack holen, in den Schnee hocken und sie an die Beine ziehen, raucht Isachsen schon seine Pfeife.

Er schaut prüfend nach der Linie des Horizontes, dreht sich auf den Fersen um sich selbst. Wie kann es ihm da entgehen, daß der Fleischsack ein großes rotes Loch zeigt. In seinen Augen zeigt sich Erschrecken, er kneift die Lider zusammen, macht sie wieder auf. – »Jawohl! Der Fleischsack hat ein Loch. – Storm!«

Der Hund liegt hinter einer kleinen Erhebung, hat den Kopf auf den Grund gedrückt, – seit langem hat er den Schiffer in den Augen behalten. Kaum daß er die Nase höher hebt, als der Mann ihn anruft, – klopft nur einmal den Schnee mit seiner Rute.

Der Schiffer läuft auf ihn zu.

Der Hund rührt sich nicht vom Fleck. Erst als er näher kommt, löst sich ein kurzes Knurren aus der zottigen Kehle. Unverwandt halten die Augen Richtung. Tief vom Boden steigen sie auf zu der näherschreitenden wuchtigen Gestalt des Eismeerfängers. Noch ein Knurren, – die Fänge sind leicht entblößt dabei. Noch ein paar Meter ist der Schiffer von Storm weg, als der unversehens sich nach vorn schiebt, geduckt. Aber gleich darauf liegt er winselnd dem Menschen zu Füßen. Isachsen greift mit seiner schweren Hand nach seiner Mähne, – die Finger krallen sich fest. Aber der Griff wird wieder gelöst, wird zum Streicheln, – schmiegt sich weich der Rückenmähne entlang, während der Hund immer noch kleine traurige Pfeiftöne von sich gibt. »Die Not!« heißt es immer wieder in diesen Lauten, – »der Hunger!« und »– ich mußte doch auch etwas zu fressen haben, – lief den ganzen Tag!«

Der Mensch versteht alles, was der Hund erzählt. Beide haben Blut in den Adern, beide haben einen Magen. Die große weiße Einöde droht ihnen und richtet sie nach denselben Gesetzen. Wo ist die Grenze? Erst dort, wo die Häuser beginnen, ist diese Grenze. Erst dort. Weit weg! Wo die Menschen einander das Lot Fleisch aus dem Körper schneiden, um einen Wechsel zu quittieren, – – erst dort. Was gilt dort ein Hund? Ein Tier?

In der Wildnis aber erfährt der Mensch, wie wenig er Grund hat, die Tiere als zweitklassige Kreaturen zu betrachten. Dieselben Nöte haben sie, die gleichen Stürme hetzen sie.

Isachsen ist ein einfacher Mann, energisch und rauh. Er hat keine hundert Bände gelesen über das Seelenleben der Tiere. Du kannst sagen, – »nun, – was versteht er schon davon? – Ja, – was hat er für eine Vorbildung.«

»Armer Kerl!«

*

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