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Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 4
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authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
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*

Die weite Eisfläche hebt sich bald klar bis zum Horizont heraus. Der »Polarulv« arbeitet sich mit qualmendem Schornstein voraus.

Er rammt, er bockt, läuft zurück und stößt durch, von einer Rinne zur andern. Wie ein Keil treibt er sich zwischen schwere Eisflacken hinein, drängt sie zur Seite, schlüpft hindurch, und immer rattert die Maschine. Tag und Nacht.

Der Mann im Ausguck schiebt sein großes Fernrohr von West nach Ost, bis er wieder einen kleinen schwarzen Punkt entdeckt hat. Dann gibt er das Zeichen zur Kursänderung. Ein paar Schüsse knallen, wenn der »Wolf« sich endlich durch das schimmernde Eis gebissen hat, – die Winde kreischt, einige Seehunde schweben langsam über Bord herein. »Ablassen! Stop!« Messer blitzen. Weiter. Der Fellhaufe auf der Ladeluke wächst, mit jedem Schuß. Jörgen fehlt selten sein Ziel. Geschieht mitunter, daß ein angeschossenes Tier in seinen Todeszuckungen vom Eis ins Wasser abrutscht. Dann heißt es suchen, bis irgendwo in einer Spalte sein Kopf wieder auftaucht. Selten mal.

Stück zweihundertfünfzig hat der »Polarwolf« auf diese Weise schon gesammelt, – ist nicht das Richtige, so – könnten wohl schon einige Tausend sein.

»Will sehen, wann wir endlich eine größere Herde treffen. Wüßten eigentlich schon längst so weit sein. Scheint, die Tiere werfen heuer spät. Die schweinemäßige Kälte ist an allem schuld.«

»Steuern wir drei Strich gegen Südwest. Kann nichts schaden!« fügt der Schiffer seinem Selbstgespräch hinzu.

»Hallo, drei Strich vom Kurs – – Südwest.«

»Drei Strich Südwest, gemacht.«

»Wieviel Wasser haben wir noch an Bord – sieht aus, als ob wir bald dem Tank auf den Grund gekommen sind. Schmeckt scheußlich genug. Seht euch mal nach einem Block Landeis um, – hier, Backbord scheint einer anzukommen. Nee, ist schon zu alt, – kein gutes Eis. Dahinter schwimmt noch ein Stück. Macht mal die Schlinge fertig.« Malte manövriert den »Wolf« mit einem schweren Rammstoß nach Backbord. Jens fiert die Schlinge ins Wasser nieder, macht sie um den glasartig durchscheinenden Süßeisblock fest. »Heißen! Äxte her, – Olav, mach die Brenntonne fertig. Süßwassereis.«

Bald ist das ganze Vorschiff mit Eisbrocken übersät, achtern beginnt der Druckbrenner zu summen, speit seine zackige Flamme auf das Eis, mit dem die Tonne immer wieder aufs neue gefüllt wird. Wasser brennen! Inzwischen macht der »Polarulv« gute Fahrt. Vereinzelte Schüsse knallen, Tiere werden an Bord gehißt.

Jon meint am Nachmittag, als er neben Jörgen an der Reling lehnt und über das weiße Einerlei wegsieht, – Scholle auf Scholle, bald rund, bald eckig, zerschlissen oder hochgetürmt, zieht langsam am Schiffskörper vorbei: »Ja, nun müßten wir wohl bald auf Bären treffen, – prachtvolles Eis hier, – nicht zu fest, nicht zu weit auseinandergezogen – –.«

»Nun!« Der Erste nickte. Wenn Jon meinte, daß nun bald ein Bär kommen mußte, vielleicht auch gleich ein paar Bären, so konnte man seine Schwiegermutter dagegen wetten. Keine Chance, sie zu verlieren. Jon konnte Blut stillen, wenn es fingerdick aus der Wunde strahlte, – er brauchte nur eine Weile auf die Wunde hinzublicken. Er wußte auch, wenn in einem oder zwei Tagen Robben vor den Bug kamen, weiß der Teufel, weshalb. Nun wünschte sich Jon eine Abwechslung im Speisezettel, – war nichts dagegen zu wollen, – Bärenkeulen waren eine herrliche Sache. Übrigens sieht es nicht aus, als ob Jon einen Einwand erwartet. Gleichmütig steht er da, wiegt in den Hüften den Takt des Bootes mit und kaut gemächlich seinen Priem. Vierzig Jahre lang hat Jon so seinen Priem gekaut, nur, – der Priem rutscht heute ganz haltlos auf der Zunge herum. Früher, ja, wanderte er hübsch mal auf der Innenseite der Backenzähne, glitt dann über sie weg auf die Außenseite des Oberkiefers, dann rechts, nun links von der Zunge. Ist heute viel einfacher damit – aber lange nicht mehr so reizvoll. Wenn Jon heute mal ausnahmsweise sein ledernes Gesicht zu einem Lächeln verzieht, sieht man außer ein paar abgeschwärzten Stumpen nichts mehr von der einstigen Pracht. Und doch, – manch einer würde alle seine Zähne geben für das, was Jon in seinem vierkantigen Schädel hat. Selbst seine Kameraden meinen, er sei noch einer von der alten Viking-Sorte, – gibt nur noch wenige von ihnen. Geboren werden sie nur noch an den Orten der Küste, wo die See wütender an die Küste klatscht, der Sturm in mächtigeren Akkorden dröhnt als anderswo.

Nur Kampf und Gefahr schafft solche Köpfe und solche Ruhe.

Weitere drei Tage rieben die Eisflacken die Flanken des »Wolfs«. Mal wird ein Klappmützrüde, der noch keine Bekanntschaft mit der weittragenden Krag-Jörgensen gemacht hat, von seinem Schlummerplatz auf dem Kamm eines drei Meter hohen Eisfelsens herabgeholt, einige Braunrobben folgen ihm, aber viel war nicht los in diesen Tagen. Doch gegen Abend des letzten Tages kommt Ragnar schneller als ein Wiesel aus der Ausgucktonne herabgeglitten.

»Bär in Sicht!«

Ein kleiner gelber Fleck wird für Sekunden im groben Wust zusammengeschobener Eisschollen sichtbar. Der Bär! Mitunter hält er still, wahrscheinlich, um zu sichern. Nützt ihm nicht viel, denn der Wind steht von ihm weg. »Tar det med ro!« meint Jon gleichmütig und steckt abwartend die beiden Fäuste in die Hosentaschen. »Immer mit der Ruhe!«

»Laßt ihn nur kommen! – Sind neugierige Kerle«, – spricht er weiter, an die Adresse der Jüngeren. »War auf Spitzbergen, als ich einen von ihnen hübsch vors Gewehr kriegte. Schießen hatte keinen Sinn, – zu weit ab, versteht ihr. Und der Bär lief davon, je schneller ich ihm auf den Pelz rückte. Bis ich mich plötzlich der Länge nach in den Schnee fallen ließ, als hätte mich der Teufel geholt, – die Arme von mir gestreckt, so – nun, – mausetot muß ich ausgesehen haben. Und sieh einer an, – der Bär wurde neugierig, was da plötzlich mit dem komischen Zweibeiner geschehen sein sollte. Stand unbeweglich und glotzt sich um ein Haar die Augen nach mir aus dem Kopf. Erst schien ihm die Sache nicht geheuer, – er drehte ab und lief einige Schritt weiter. Dann hielt er an, machte langsam lehrt und tatsächlich, – der Kerl kommt zurück. Direkter Kurs! – Achthundert Meter – fünfhundert Meter – dreihundert –. Dann hat's geknallt. Zwei Schuß – weg war er. Einen Pelz hatte er, hätt' ihn niemals verkauft, wenn mir das Wasser damals nicht bis an den Hals gestanden hätte.« – Tui! spuckt er zur Bekräftigung die braune Priemsoße auf eine vorbeiziehende Flacke, schaut nachdenklich nach einigen dunklen Wolken hin, die von West her über den Horizont herauf wandern.

»Der Kerl kommt nicht ran, – scheint nicht die rechte Lust zu haben, uns kennenzulernen. Macht mal das Backbordboot klar!«

»Nimmst mich mit, Jon?« bettelt Knud.

»Leg Proviant ins Boot«, – sagt Jon, »na, denn komm mit. Der Bär wird schon nicht ängstlich werden, wenn er dich sieht. So – klar? Los vom Boot. Kein überflüssiges Quatschen, wenn wir in Schußnähe kommen. Ist nicht nötig, daß er uns früher sieht, – als bis wir ihn erledigen können. Die Ruder im Wasser lassen, Knud. Nicht klatschen! Kapiert!«

Ragnar hockt achtern, steuert mit einer langen Stange, stakt, wenn die anderen nicht mehr weiter kommen, das Boot am Eis vorwärts. Der Bär ist nicht mehr zu sehen, – schwierig, Richtung auf ihn zu halten. Ah, – da signalisieren sie vom »Polarwolf« aus,–»Mehr Steuerbord!« und »Vorsicht!«

»Stop!« kommandiert Jon kurz nachher. An einer Flacke wird festgemacht. Der Alte haut ab, verschwindet hinter einem Eisklotz, erscheint wieder, kriechend, auf der andern Seite. Die andern bleiben vorderhand hocken. »Schön, –« kommt Jon zurück. »Der Kerl hat Kurs zum »Wolf« genommen, – kann sein, er kommt ziemlich nahe bei uns vorbei.«

Ragnar schiebt einige Patronen ins Magazin, repetiert. Sicherung frei. »Von mir aus kann's losgehen. Am besten, – ich such' mir eine gute Deckung auf dem großen Eisrücken da drüben – los, Knud, kannst mal lernen, wie man Bären jagt.«

Jetzt kann man den Bären schon deutlich sehen. Er scheint nichts mehr im Kopf zu haben, als daß er haarscharf den »Polarwolf« ansteuern muß. Trottet, mit weitvorgestrecktem Schädel. Hat immer noch keine Witterung. Doch, jetzt, – jetzt duckt er den Kopf ganz tief aufs Eis. Linst nach dem Schiff hin. Wahrscheinlich hat Storm geheult. Man hätte ihn anketten sollen, den Hund. Na, einerlei! Ragnar liegt unbeweglich hinter einem weißen Eisschild, – die Büchse daneben. Ein fabelhaftes Bild, wie der klotzige Bengel vor ihm sich jetzt für einen Augenblick aufrichtet, wieder auf die Vorderpranken fällt. Knud hat sich neben Ragnar gekauert, schaut aufmerksam »seinen« ersten Bären an. Fiebert, als Ragnar die Rifle an die Wange hebt, – »ratsch!« Wie das übers Eis pfeift. – Wütend schlägt sich der Bär die großen Pranken um den Kopf, reißt und zerrt, wirft sich in den Schnee, gräbt und scharrt. Plötzlich kommt er wieder hoch, – ratsch – der zweite Schuß! »Sitzt! – Ab! – zum Boot!«

Die Riemen sausen ins Wasser. Ein paar Bootslängen voraus kommt nach der Umrundung des Eisbergs der langhingehauene Körper des Bären zum Vorschein. Das Tier liegt auf dem Bauch. Die Hinterbeine mit den schwarzen Fußsohlen sind abgestreckt, – zwischen den Pranken liegt der schwere Kopf seitlich gedreht, aus dessen starken gelben Fängen sich die blaurote Zunge hervorquetscht. Die Seher sind weit geöffnet, als ob noch Leben in ihnen wäre. Aber Ragnar legt nach einer Weile die Rifle aus der Hand. »Ausgelöscht! – Klar!« Ragnar weiß schließlich am besten, wie er abgekommen ist. Genickschuß! Da steht auch ein Kerl wie der, dessen Blut nun deutlicher und stärker den Schnee färbt, in einem hüpfenden, zuletzt schwächer rinnenden Bach, nicht wieder auf. Schade, – der erste Schuß hat den rechten Fang zerschmettert. Erst wie sie den Gefallenen auf die Seite drehen, zeigt sich das. Nun ist das seltsame Gebaren des Wildes nach dem ersten Treffer erklärlich. Mußten keine üblen Zahnschmerzen gewesen sein!

»Setzt die Winde in Fahrt! Bißchen rasch!« brüllt Ragnar zum »Wolf« hinüber, der inzwischen auf etliche zwanzig Meter herangekommen ist. – Knattern und Fauchen! »Töff, töff!« – – Eine Schlinge fliegt durch die Luft, wird dem Bären um den zottigen Hals gedreht.

»Heißen! Langsam!« Klirren in der Trosse, – Straffen, Vibrieren in der Spannung – – »Hau ruck!« In den Körper des Riesen scheint das Leben zurückzukehren. Den Kopf voraus, gleitet er langsam von der Scholle, klatscht in die See, klettert an der Schiffswand hoch und schwebt über die Reling auf Deck herein. »Laß gehen! An die Arbeit, Jungs!«

Jon holt sein langes Speckmesser aus der Schliere, macht die Kehle des Bären mit einem raschen Halsschnitt frei, zieht die Schneide durch bis zum Unterkiefer und schält sorgsam die Augen aus der Decke heraus. Einer flenst am Bauch, – Jörgen hat schon die Krallen der hinteren Pranken freigeschnitten. »Männerarbeit!«

Zäh wie eine Ochsenhaut, solch eine Bärendecke, – die Messer sind schneller stumpf, als sie geschliffen sind.

 

Festessen in der Kajüte.

Bärenbeef! – – –

Der Schiffer hockt am Kopf des kleinen Holztisches, hat einen riesigen Teller mit Fleischstücken vor sich liegen. Friedlich mengen sich die dunkleren Keulen des kleinen Bluebacks dazwischen. Speck und Erbsen – – Sprit. Da sitzt man nun so herum, anstatt zu arbeiten. Ja. Die Kerls schwitzen, daß ihnen der Schweiß auf der Stirn steht, – in kleinen winzigen Perlchen. Draußen sind an die dreißig Grad minus, – hier drinnen vielleicht siebenunddreißig plus. Der Ofen glüht, und das Fleisch dampft. Hast du schon mal gehört, daß eine ordentliche Ladung Sprit die Kälte erhöht. Oder heißer Kaffee? –

Messer und Gabel klirren. Wahrhaftig, – da steckt auch der erste Maschinist noch den Kopf aus der Koje und ging doch erst vor einer halben Stunde todmüde zu Bett. Die wirren Haare streicht er sich ein wenig aus dem Gesicht und jumpt aus den Teppichen. Unterhosen hat er noch an den Beinen. Genügt. Hier sind keine Weibsbilder an Bord. Nur Mannvolk; harte, sehnige Gesichter, rund um den Tisch. Gibt immer noch einen Platz für den Maschinisten. Zuvor muß der sich allerdings noch die Pfeife stopfen, – ist ungesund, auf nüchterne Lungen zu essen! Schmeckt sonst, weiß der Teufel nach was.

»Ja, hooho, – satt bin ich, – gib mal die Pulle, Olav. Smutje, hast du noch Kaffee, – da, halt – da hast du meine Tasse. – Ist noch Büchsenmilch da? – Himmel, eine Zigarette!«

Jörgen fühlt sich wohl. Sauwohl. Müßte nur seine kleine Frau noch an Bord sein, – soso, – in die Koje steigen nachher. – Gott, wie – – –

»Well, jetzt ist es Schluß mit Sprit. Könnt meinetwegen am Eis euren Brand stillen, – liegt genug draußen, – 'ne ganze Menge, meine ich, hahaha. – Seid ihr fertig mit dem Essen? – – Wo steckt denn der Smutje, – soll den Kram hier wegbringen. – Wache raus, – – heut halten wir noch Südwest. Hast du die Spuren gesehen, Jon, als wir heut morgen die Bank anliefen?«

Jon nickt, – die Hände an die Schläfen gestützt.

»Ja, – kriegen was zu sehen morgen. Können nicht mehr so weit ab sein. Lag da eine Unmenge Robben auf dem Eis, sind westwärts geschwommen. Südwest ist gut. Guter Kurs. Der Wind steht vom Norden. Da sind wir in Lee von der Herde. Haben leichtes Anpirschen. Dank fürs Essen, Schiffer.«

»Dank fürs Essen, Schiffer!«

»Dank fürs Essen!«

Dann sind sie alle draußen, trampeln das Deck entlang. Der Motor geht auf Touren. Südwest! – Das Eis ist gut. Robbeneis! –

Nur noch eine Nacht, – zwei Wachen.

Das Eis ist neugefroren, – kein freies Wasser zu sehen. Nirgends. Um den Bug des Fangschiffes knattert es wie das Feuer von Maschinengewehren, wenn der »Wolf« die splitterharte Decke aufreißt, – armdicke Schollen spritzen hoch, werden weggestoßen, gleiten klirrend über die Fläche hin. Risse springen in den Kristallpanzer hinein, werden tiefer, breiter, – gähnen. Die Ränder des Eises weichen auseinander, und der »Wolf« schiebt sich in den Riß hinein, – mit seinem breiten Körper, – stößt auf dicke Flacken, die er zur Seite rennt. Hunger hat der »Wolf«. Einen bestialischen Hunger. Blut will er sehen. Speck und Felle.

Der Schiffer hat selbst die Wache im Ausguck übernommen. Steht reglos in der engen Tonne, die ihm bis zur Brust reicht. Dort liegt wieder ein einzelnes Tier, – gerade voraus!

»Steady! Kommt wieder einer!«

»Sachte Fahrt!«

»Jetzt!«

»Ratsch!«

»Volle Fahrt!«

Den Fleischhaken in den warmen Körper gehauen, so im Vorbeifahren. Dort liegt wieder einer. – »Steuerbord ran! Halt, – hier kommt großes Schraubeis – – Backbord, – – umgehen!«

»So, Steuerbord! – – Geht nicht?«

Der Schiffer nimmt das Glas von den Augen. Der ganze Mast bebt in einem Rammstoß.

»Seid ihr toll! Achtung, hart Steuerbord! Unterwassereis. – Die Schraube! Verdammt nochmal, – rasch! – – Was? – – Muß gehen! So, ran«, – – der »Polarulv« springt, – – den Motor auf den höchsten Touren, – die Planken schüttern in der wilden Kraft, – – »achtern auf Backbord! Abdrehen! – – Endlich!«

Der Bug des Schiffes fährt knirschend auf die schwere Eisplatte hinauf, drückt und wuchtet. Der Mast schlägt weit nach den Seiten aus.

Endlich. Die Scholle reißt, – gibt nach. Der Bug bricht aufs Wasser durch. Spritzer schlagen hoch bis zum Großbaum.

»Volle Fahrt, – Durchbaxen, – war höchste Zeit!«

»Stetig von jetzt ab. So, – hast du ihn, Jörgen? – Hinter der Scholle, ja. Augenblick noch, – näher ran. Jetzt!«

Der Schuß rollt über das Feld.

»Volle Fahrt – – einholen. Haken klar! – – Allright. Weiter!«

Jetzt.

Das kam wie ein Blitz. – – –

»Klar Schiff zum Fang!«

»Massen von Robben voraus l«

»Maschine abschlagen! Mannschaften klar bei den Fangbooten!«

»Focksegel heißt!«

Der Schiffer hat eine mächtige Stimme. Sie brüllt über das ganze Boot, bis in die Kajüte hinab, obwohl sie hoch von der Spitze des Focks kommt. Die Schlafenden fahren aus der Koje. »Meine Stiefel, – die Strümpfe! – – Herrgott, wo stecken meine Handschuhe? – Gib mir mal das Messer, – nun aber los!«

Die Davits schwingen aus, – Jens steht beim Seilzug, – fiert ab, – Malte hockt im Boot, – stopft kleine Proviantsäcke unter den Bugplatz. Das Boot klatscht ins Wasser. »Riemen raus, – abstoßen. Frei von der Bordwand. – Achtung! Hinter dir kommt Eis ran.«

Die Ruder tauchen tief in die Wellen, mächtig legt sich der Fänger zurück, treibt das Fangboot einige Meter abseits. Kommt wieder längsseit, wo Jörgen wartet.

Der Schiffer ist vom Mast heruntergeklettert, steht bei Jörgen. –

»Hast du Munition genug, – Proviant? Nimm die Markierfähnchen mit. Na, denn viel Glück!«

Jörgen springt ins Boot, – hinter ihm Jens. Anrudern! Weg!

Der »Polarwolf« ist bald hinter den nächsten Eisrücken verschwunden. Dann und wann tauchen noch seine Masten auf. Gut für die Orientierung.

Das Gesicht des Schützen ist rot, – Erregung? – Ist nur die Freude! Eine Masse Robben liegen voraus, bedecken das Eis über verschiedene Kilometer. Wertvolle Jungtiere. Alte riesige Bullen mit Fellen, die ein halbes Zimmer bedecken. Fang! Jagd!

»Ruhig sein. Zusammennehmen! Jetzt gilt's. –Jeder Schuß muß sitzen. Eiskalte Ruhe gehört dazu. Man muß langsam beginnen, über die Freude hinwegzukommen, – die Hand darf nicht zittern, wenn nachher das Auge über die Kimme visiert.«

Durch schmale Rinnen, zwischen flachen Meereisschollen und Gletschereisbergen, die mit breitem, gewölbtem Rücken aus der See hochragen, manövriert Jörgen sein Boot mühsam in der Richtung nach den wohl zwei Kilometer entfernten Pünktchen. Eine halbe Stunde wütendes Rudern und Stengen, dann springt Jörgen auf eine vorbeiziehende Scholle,– wirft sich platt in den Schnee. Büchse im Anschlag.

Einen Atemzug später schiebt sich Jens neben ihn, langt aus der Tasche des Annoraks einige Hände voller messinggelber Patronen, häuft sie vor sich hin – das Magazin der Büchse ist schon gefüllt.

»Schieß links, – – ich hol' die Tiere rechts!« flüstert Jörgen zu ihm hinüber. »Paß auf – sie haben uns schon bemerkt.« – Einige der zuvorderst liegenden Hunde heben unruhig die Köpfe, mißtrauisch wälzen sie die plumpen Körper umher, – klatsch – der erste ist schon weg. – »Feuer!«–Peng! Peng! – –Peng! Peng! – – Peng! – – Peng! – »Hoi! Rasch, Jens! Die Kerls kneifen ja wie die Hasen.« Pengpeng! »Der Große ist nur angeschossen, schieß, – – so! Der liegt.« Die beiden Vorposten haben fast gleichzeitig die Köpfe aufs verschneite Eis gesenkt und färben langsam das Eis mit ihrem Blut. In wilder Bewegung stürzen sich die dahinterliegenden Tiere nun durcheinander, rempeln sich gegenseitig an, versperren sich den Fluchtweg zum offenen Wasser. – Wahllos knallen die sicheren Büchsen der beiden Fänger in den Tumult, – klatsch. Peng! – klatsch!

»So, – das war alles! – Mal ran! Fünfzig Sekunden – vierzehn Tiere, – könnte besser sein! Na, lassen sie einstweilen liegen, – vielleicht stapeln wir sie ein wenig zusammen, – gut, setz die Flagge drauf, damit wir sie wiederfinden! – Allright, ab!« Sie kehren zum Boot zurück, legen sich in Schützenstellung über die Sitzbänke, – kein überflüssiges Wort. Seehunde sind so gut wie blind, – aber nichts geht über ihr Gehör, – also wird nicht gerudert, denn das Aufschlagen des Ruderblattes genügt schon, um die Tiere zu eiliger überstürzter Flucht zu bringen. Mit den Rudern wird das Boot unhörbar weitergestängt, jede Deckung benützt, um nicht unvermutet auf einzeln liegende Tiere zu treffen, die durch ihre Fluchtbewegungen die Hauptherde vergrämen könnten. – Noch einige Male stängen sie sich an Schollen vorbei, dann beziehen sie die Feuerstellung auf dem Kamm einer Eisplatte, – Patronen ins Magazin gefunkt, – eine in den Lauf. »Achtung!« kommandiert Jörgen. Dann hastig! – – »Feuer!« Ramsch! pfeift schon seine Kugel, legt einen riesigen Bullen auf die Seite. Jens fällt ein, – repetiert blitzschnell.

Schießen – repetieren, – Schuß, – repetieren, »ramsch!«

Wenige Meter von der Kante der Eisscholle entfernt liegt ein krankgeschossenes Tier, – strebt nach dem offenen Wasser, schiebt sich näher und näher an den Abfall heran.

»Ramsch!« Das Tier zuckt zusammen, dreht sich halb seitlich.

Aus dem Wasser tauchen überall Seehundsköpfe. Bis zum halben Leib springen einige der Robben über die Oberfläche, schauen sich neugierig nach den Schützen um, prustend und schnaubend, – verschwinden mit einem hastigen Schlag der Hinterbeine, tauchen wieder auf, – unbegreiflich, was hier los ist.

Das Eis rötet sich mit Blut, – an den klaren, kristallenen Bruchkanten läuft es herab in die See, aus Kugellöchern rinnt und spritzt es. Plumpe Leiber, rissiges grobes Eis. Grau die Wellen.

Das Schießen hört plötzlich auf.

Zwei schwarze Figuren lösen sich vom weißen Grund, rennen zum Boot. »Los, – Malte. – Aufsammeln! Sind wohl an die dreißig Stück, die wir eben geholt haben. Hat geklappt! Jens schießt heute wie der Teufel!«

Drüben auf der Scholle schleppen sie die blutbespritzten, warmen Körper durch den Schnee, schichten den zweiten Haufen. – »Die Fahne drauf, damit wir sie wiederfinden, ab!«

Westlich von der Gruppe knallen Schüsse, peitschen singend über Blöcke und Wasserrinnen. Ragnar mit seinen Leuten. Auch schon an der Arbeit, – na, weiter. »Rechts von uns liegen ein paar einzelne Tiere. Nehmen wir sie mit?«

»Immer, – klar! – Halt drauf zu!«

Malte steigt ins Boot, auf dessen Boden schon an die zwölf Junghunde liegen. Mit seidenweichen Fellen. Kann sein, einer von ihnen lebt noch, – alle zusammen haben sie nur den Haken an den Schädel bekommen, – kann schon sein, daß einer noch nicht ganz erledigt ist. Aber warum soll man ihm unnütz das Fell mit Blut besudeln. Hat alles Zeit, bis man an Bord zurückgekehrt ist, – erst gilt es, möglichst viele der alten Tiere dingfest zu machen, – die Jungen entgehen einem nicht so leicht.

 

Fünf Stunden lang!

Zurück zum Schiff. Dreihundert Robben liegen auf dem Eis. Ragnar ist an Bord, – hat zweihundertsiebzig Tiere festgemacht. »Tja!«

Jon ist an Bord geblieben, – hat, während die Boote auf Fang steuerten, alles klar gemacht zur Aufnahme der erlegten Tiere. Der »Polarwolf« hat schon eine Stunde, nachdem Ragnar die erste Herde angetroffen hatte, mit sachter Fahrt das erste Depot angelaufen, – das der Schütze von der Beute aufrichtete. Fünfundzwanzig Tiere. Um den jetzigen Standort des Bootes liegen ein, zwei Meter von der Bordwand entfernt enthäutete Kadaver auf dem Eis. Felle sind neben der Ladeluke gestapelt, – mit glänzenden Speckdecken, – Jon hat inzwischen nicht auf der faulen Haut gelegen.

Das ganze Deck ist bis achteraus mit Blut bespritzt. Die Stiefel Jons sehen aus, als ob er in dem roten Saft gewatet hätte. Dicke Gerinnsel stehen über den Handschuhen, – nur die Schneide des Fangmessers ist eigentlich noch rein, – blank poliert vom Schneiden durch Fell und Speck und Körper mit reinem, hellrotem Blut.

Der »Polarwolf« gleitet in langsamer Fahrt weiter, zum nächsten Sammelplatz. Eine kleine rote Fahne weht über einem Eishügel. Darunter liegt ein Haufen toter Robben.

Stoppen, – übernehmen. Häuten.

Weiter!

Noch während der Fahrt poltern die Mannschaften wieder in die Boote, – legen ab. Jens bleibt zurück. Diesmal ist der alte Jon mit von der Partie. Seine Büchse ist nicht weniger sicher.

Arbeiten, Jens! Keine Zeit zu verlieren.

Dreißig Robben liegen an Bord.

Das Fangmesser klar.

Der »Polarwolf« zieht weiter durchs Eis. Schollen pressen an ihn heran, manchmal knallt auch die Büchse des Schiffers. Irgendein Seehund, der eben aufgetaucht ist und noch keine Ahnung hat, daß er sich mitten in einem Schlachtfeld befindet.

Jens arbeitet, daß ihm der Schweiß von der Stirn rinnt. Halt, – hat nicht eben eine der großen Klappmützen sich bewegt. Her mit ihr! Scheint noch nicht ganz in den Jagdgründen zu weilen, – so – – Jens packt die Walze an den Achterbeinen, zerrt sie über das blutige Deck und dreht sie auf den Rücken. Sein langes Messer zuckt dem Tier in den Hals, daß ein Blutstrahl hochspringt. Ein Springbrunnen von klarem Blut. Dann zieht der Fänger in einem langen, tausendfach geübten Schnitt den Kneif durch die Bauchdecke. Weißer, milchig riechender Speck quillt aus der Öffnung, beinahe eine Handbreite tief.

Nun rasch das Messer in die Seiten gestrichen, – ein Schnitt durch die Vordergliedmaßen, den blutenden Kadaver auf den Rücken gedreht und dort die Decke frei geschnitten. Das beinahe kreisrunde Fell fliegt auf den Berg, der bereits seitlich von der Kombüse aufgestapelt liegt, – der abgespeckte Hund über Bord, wo die großen Eismöven auf ihn warten. Keine Zeit zum Aufblicken, kaum zum Atmen, – Großfangtag, wo jede verlorene Minute ein verlorenes Tier bedeuten kann. Die nächste Robbe ist griffbereit in der Nähe, – her damit, Halsschnitt – Bauchschnitt, – die Gliedmaßen weg, – den Rücken frei – so, so, – – heute ist Großfang. Gibt Geld, – für den Winter. – Werden sich freuen, die zu Hause, – viele Hunderte von Tieren, die der »Wolf« heute frißt, warten noch Tausende auf dem Eis draußen, – verdammt, müßte mit Maschinengewehren an sie herankommen, vergiften, morden – morden. Was gilt schon ein Seehund, – was hat schon das Blut zu bedeuten, das heute in Tonnen fließt, – – hungrige Mägen, die zu Hause warten. Ein Winter im Hunger, – ein Winter in sattem Sichfreuen, – – tausend Robben liegen noch auf dem Eis, – Millionen vielleicht, – man müßte hundert Gewehre an Bord haben, – Hunderttausende von Kugeln, – die in pralle Seehundsleiber pfeifen – wieviel hungrige Mäuler könnte man damit stopfen, – »So, du hast noch nicht zu Mittag gegessen, – so, – ja, komm mal herein zu uns, wir haben genug, kannst auch deine Freunde noch mitbringen, – reicht für uns alle – und nächstes Jahr, nun – nächstes Jahr werden wir wieder auf Fang fahren, – die Robben liegen im Westereis noch zu Millionen, – sie wachsen dort wie Würmer im Gemüsegarten!«

»Achtung, Jens, – so, 'ne neue Ladung, – in zehn Minuten kriegst du noch eine dazu. Zweiunddreißig Stück sind das, ja – – schätze, – auf dem nächsten Sammelplatz liegen noch an die sechzig. Auch ein paar jüngere Tiere dabei. – So lange!«

Nach zwei Tagen ist es Schluß mit der Jagd.

800 Robben.

Wenn ein Fangboot an Bord ankam, legte sich die Besatzung für eine Stunde aufs Ohr, – man aß irgend etwas in sich hinein, – würgte, – schluckte, – ein paar Tassen Kaffee nachher, – los! Die Zeit mußte ausgenützt werden. Ein Witterungswechsel – oder die Tiere wurden aus dem unbegreiflichsten Grund scheu, – stürzen sich schon auf mehrere hundert Meter Abstand ins Wasser.

Alles schon dagewesen!

Nach zwei Tagen war also kein Tier mehr zu sehen. Ja, – um die Mittagszeit des dritten Tages schwammen plötzlich einige tausend Robben in rascher Fahrt am »Polarwolf« vorbei, – die Wasserrinne, in der das Schiff lag, wimmelte geradezu von dicken Seehundsköpfen, hatte doch keinen Zweck, auch nur einen Schuß abzufeuern. Die Tiere hatten nun nicht mehr so viel Fett auf dem Leib, daß sie nach dem Abschuß im Wasser trieben. Wie Steine sackten sie ab, Beute für den Eishai.

Auf Deck warteten auch schon eine Menge Felle auf das Speckmesser. Am besten, man brachte das hinter sich.

Kann sein, die Robbenherde, die soviel Beute hergab, ist einen oder gar zwei Grade nach dem Norden gezogen. Schwerlich, daß man so leicht wieder an sie herankommt. Man müßte erst einen neuen Fangplatz aufsuchen, weiter im Westen etwa.

Der Schiffer macht nicht viel Worte um sein Vorhaben. Knapp, daß er die Wichtigsten der Besatzungsmitglieder in seine Pläne einweiht.

»Morgen, – sagen wir, – schön! Morgen ist Specktag!«

Und: »Machen an dieser Flacke fest!« Das genügt!

Die andern folgen der Richtung, in die seine Hand weist. Eine große, verhältnismäßig ebene Scholle treibt in einigem Abstand. Hufeisenförmig. Das heißt, sie hat eine kleine Bucht. Wie geschaffen für einen kleinen Aufenthalt. Wird viel Arbeit geben. Immerhin. Nachher ist das erledigt.

»Tja, – gute Wacht, – Leute! Ich gehe nach unten.« Weg ist der Schiffer.

Malte schleudert vorn eine schwere Trosse über Bord, die Schlinge zischt durch die Luft, schlägt in den Schnee nieder. Ragnar steht bereit, – schleppt das Ende weiter, hinter einen derben Eishügel, – kommt wieder zum Vorschein auf der andern Seite. Ein dickes Tau, – dann ist die Trosse verknüpft. Achtern auf der Scholle, die ihre guten fünfzig Meter Länge hat, hat Jörgen schon eine Brechstange ins Eis gehauen. Wieder holt er mit dem schweren Vorschlaghammer aus. »Sitzt! Fix, – – die Achtertrosse! Anholen!« Die Dampfwinde bullert. Schwankend legt sich der »Polarwolf« an die Scholle ran, treibt weiter mit ihr in der kaum merkbaren Strömung.

»Die Speckbretter raus! – Halt, erst mal frühstücken!« Zum Mittag ist draußen auf der Flacke der Betrieb in vollem Gang. Triefend von Tran, mit geröteten Gesichtern, stehen die Leute hinter der Speckbank, – einige der Jüngeren schleppen die Robbenfelle an, schichten sie in Haufen vor den Arbeitenden. Kleine runde Felle der Weißjungen, – so nennt man den Neugeborenen des grönländischen Seehunds, – weil er ein gelblichweißes, seidenes Fell hat, – lange schwere Felle der Alttiere und Klappmützen, manchmal bis zu zweieinhalb Metern, die schon ein ordentliches Zugreifen verlangen, bis sie über der schräg geneigten, brusthohen Bank liegen. Krumme Speckmesser ziehen in weitausholenden Streichen haarscharf über der weißgrauen Innenhaut der Felle hin. In langen Bändern rollt der Speck in den Schnee, wo ihn Malte aufhuckt, – ein paar Meter weiter in bauchige eichene Tonnen verpackt.

Immer noch schweben Felle mit dicken Speckseiten aus der Ladeluke aufs Eis hinaus. – »Laß gehen!«

Das Messer muß mit sicherer Hand geführt werden, gehört viel Übung dazu, die Felle nicht zu zerlöchern. Wird jedes genau geprüft, wenn der Händler zu Hause die Ladung übernimmt. Deshalb heißt es, die blitzende giftscharfe Schneide behutsam zu führen. Eine schweigsame Arbeit. Keine unnützen Worte. Nun, Jon macht das allerdings im Schlaf. Möchte nicht nachzählen, wieviel Häute der in seinem Leben schon gespeckt hat. Zwanzig-, dreißigtausend, – nicht zu viel. Eher noch einige Hunderte dazu. Jon kann es sich schon erlauben, einiges zur Unterhaltung beizutragen, – er braucht kaum hinzusehen, wie der Kneif über die Haut zieht.

Auch der Schiffer hat sich einen Ölschurz vorgehängt und schneidet, daß die Fetzen fliegen. Wer weiß, wie lang das Wetter anhält. Keine Minute ist zu verlieren. »So, – ein anderes ran, – ssst, – ssst! Wie das saust«, – der Speck sinkt in körnigen, wabbelnden Striemen von Armdicke in den Schnee. »Sssst, – – sssst, – wie das flunscht!« – – –

Jon hält einen Augenblick in der Arbeit ein, weist mit dem Speckmesser nach einer Wacke im Eis. Knud kriegt einen Jagdhieb an die Rippen geklebt. Knud kann nichts Auffälliges sehen, vermutet, daß der Alte mal wieder seinen Scherz mit ihm treiben will, – doch wagt er nicht, die Augen von der Wacke zu nehmen, bevor der Tatbestand geklärt ist. Ein paar weite Ringe zeigen sich in der Pfütze, – kleine Eistrümmer schwanken leicht hin und her, – – »Paß auf, Grünschnabel!« meint Jon gemütlich, – »kommt gleich wieder!«

»Pah, – einen Seehund kann ich alle Tage sehen! Alter! – So leicht führst du mich nicht an der Nase herum!«

Doch wirklich, – da scheint was los zu sein. Das Wasser schwappt in runden Wellen an den Eisrand, spritzt sogar über das Eis hin, – ein runder Rücken furcht die Wellen, Seehundsflossen werden sichtbar, – in Strichen von blutigem Schaum. »Bah, – ein Seehund!« gibt Knud gedehnt von sich, etwas beschämt, daß er dem alten Jon nun doch ins Netz gegangen ist. »Seltsam, daß der Hund noch lebt, wo ihm doch das Fell abhanden gekommen ist!« fügt er kleinlaut hinzu. Jon hält sich in wieherndem Gelächter die Seiten. »Schaut mir mal das Greenhorn an, – – gottvoll!« – – Knud kriegt eine leichte Anwandlung – aber – »Donnerwetter! Was ist denn da los?« Ein riesiges plumpes Maul, mit kleinen runden Nasenlöchern und Kiefern, aus denen weiße Zahnplatten glänzen, schiebt sich langsam über die Oberfläche der Wacke. Da kapiert das Greenhorn, – klar, haben die Kameraden vom Logis nicht unzählige Garne über den Eishai gesponnen. Der Kerl ist reichlich frech, – kümmert sich überhaupt nicht um die Männer, die kaum fünfzehn Meter von ihm entfernt arbeiten. Träge schieben sich seine gewaltigen Kiefer wieder um den Seehundkadaver, der ihm entglitten sein mochte, – die dunklen Augen glotzen dumm in die Gegend. Knud rennt ans Ende der Eisscholle, neugierig starrt er aus wenigen Metern Abstand auf das Ungetüm, das sich nun gemächlich auf die Seite überlegt, achtern wegzusacken beginnt.

Der plumpe graue Kopf taucht sachte nach, nur einzelne Darmschlingen des Robbenkadavers schwimmen noch auf dem blutigen Wasser,– jetzt zieht der Hai auch sie hinter sich zur Tiefe.

»Hölle, – war das ein Kerl!« steht Knud, kriegt die Augen kaum los von dem Schauplatz der Handlung. »Teufel, – das war ein Kerl!«

 

Die Temperatur ist in den letzten Tagen beträchtlich gefallen. Das Eis wird enger. Der Himmel dunkel. Wind rüttelt an den Tauen, – trostlos, verlassen liegt das Eis, – grau. Schmutzig! Wer da nicht den Humor verliert! Was hilft es schon? Drauf! – »Drauf!«

Gibt kein Zurück! Nicht in Gedanken! – – Niemals

in der Tat! Durchhalten! Durchfressen! Der »Polarulv« rammt! Ein tapferes Schiff. Aber das Eis wird zu schwer. Es preßt von allen Seiten. Kein Ausweg!

Flocken beginnen durch die Luft zu wirbeln. Einzeln. Dann in weichen Massen. Der Vormast ist schon dicht besetzt mit den weißen Federn, die Seilzüge, – die Falten des gerefften Segels beginnen sich zu füllen. Schwereis! Keine Sicht.

Diesmal geht es hart auf hart. Weiß keiner, was sich da zusammenbraut. Wenn schon! Man nimmt alles, wie es kommt. Alles? – – Jawohl! – – – – – –

*

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