Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Artur Jost Pfleghar: Nordleute - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/verz/werk/book.xml
typereport
authorArtur Jost Pfleghar
titleNordleute
publisherBüchergilde Gutenberg Berlin
year1937
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110606
projectid953879b6
Schließen

Navigation:

*

Eineinhalb Tage noch rast der Sturm mit unverminderter Kraft und peitscht die Grate der aufgerührten Wellen, daß der Gischt gleich weißen Fahnen von ihnen fliegt. Dann kommt wieder einmal der Schiffer auf die Brücke gestampft, klammert sich an die Nock backbords. Schaut aufmerksam voraus.

Die Schneeschleier werden durchsichtiger, seltener. Barometer – steigt! Wenig – immerhin. Dann hat er das, was er sucht. Backbords schneidet das Schneegestöber plötzlich ab, – Licht bricht sich in grünen Wasserbergen – – dahinter schiebt sich Nebel vom Horizont heran.

»Freiwache an Deck! Heißt das Großsegel! Haben's geschafft, Jungs!«

Schon klettern ein paar Männer über den tiefgezurrten, gefesselten und verketteten Großbaum, lösen die Taue. – – »Hau ruck! – Hau ruck! – – Festhalten! – – Klatsch! Brecher!«

– – Klatsch! faßt der Wind in das sich entfaltende Segel. Seilzüge knarren. – »Hau ruck! Allright, Jungs!«

»Sichern! Achtung!« Weit holt der »Wolf« über nach Steuerbord. Das Großsegel taucht in die See, schleppt nach, – doch bevor die nächste Welle heran ist, schwebt es frei, – gelöst, eine straffe hohe Wand, baucht und bläht sich, – zum Norden, – zum Norden!

Es ist, als hätte der »Wolf« eine Kandare ins Maul bekommen. Mit eleganten Sätzen überschneidet er die schäumenden Berge, die einer langlaufenden, ruhigen Dünung Platz gemacht haben, noch bevor die junge Sonne den Zenit erreicht hat. Für kurze Zeit blitzt und funkelt die weite Wasserwüste wie im Feuer von Myriaden edler Diamanten, – scharfer Salzduft reinigt die Köpfe, – die Wasser dampfen. Nicht lange. Dahinter lauert der Nebel, schiebt sich näher und näher – – still, schweigend. Und der »Polarwolf« taucht ein in das graue Meer des Vergessens.

»Halbe Fahrt! Ohmmmm! – – Ohmmmm! – –« Die Nebelsirene schreit. »Ohmmmm! – Achtung! – Wir warnen! – Ohmmmm!« Doch von nirgends kommt eine Antwort. Nur die behenden Wellen spielen mit dem Echo der Sirene. Isachsen holt sich bedächtig eine Prise Tabak aus der Hosentasche. »Niemand im Fahrwasser, sind ja auch weit ab vom Spitzbergenkurs. Na, – denn volle Fahrt! – Volle Fahrt!«

Die Flanken des »Wolfs« zittern stärker unter der Kraft der Maschine. Wieder plätschern Seen über die Back, – doch nicht mehr wütend. Spielender, – leicht. Ramsch! und der »Wolf« klettert einen Berg hinauf – ramsch! sackt er drüben hinab, – weiter! – weiter! – nach dem Norden, – auf Fang, – – Robbenfang!

In der Höhe des Hornsundes, weit im Westen drüben allerdings, schneidet der »Polarwolf« unversehens eine starte Eisbank an. Hat wohl ihre sechzig Quartmeilen Tiefe. In voller Fahrt ging der Bootskörper in das Feld hinein. Wer konnte auch sehen, daß etliche hundert Meter voraus in der ruhigen See Schollen auf und nieder wiegten. Der Nebel liegt ja immer noch wie ein Tuch über dem Wasser.

»Na, – sucht mal den Strich nach Robben ab, – werdet verdammt wenig Glück haben!« brummt Isachsen, erbost, daß er so unsanft aus dem Schlafe geweckt wurde durch das plötzliche Rumpeln und Stoßen, als das Boot knirschend auf Eis rannte.

»Klar, Schiffer – schätze, daß auf diesem Dreckeis kein Seehund es aushalten würde, – übrigens, waren zwei Mann auf der Brücke, unmöglich, daß einer von ihnen das Eis ausmachen konnte, bevor es zu spät war, beizudrehen – – na, dann sachte Fahrt! Rin in die Schweinerei!« erwidert Jörgen. »Man muß sich nicht alles gefallen lassen«, – meint er droben zu Jon, der das Ruder hat, – »sind hier nicht auf dem Oslofjord. Schlafen, was, – Zeit genug zum Schlafen, – hat wohl nichts Gutes geträumt, der Alte, – nun ja, – – übrigens, gib mal das Glas, – ja –«

Der Posten am Fockmastausguck hebt fast im selben Atemzug den Arm weit nach Steuerbord hinaus, läßt ihn einen Augenblick stehen, winkelt dann den Ellbogen durch, daß der Unterarm aufs Deck weist. »Klappmütze! Steuerbord.« Klar, daß gleichzeitig schon Jörgen hinterm Spriet hockt, die Büchse schußbereit über die Verschanzung gelegt. Zweihundert Meter voraus liegt ein Klumpen auf fast zwei Meter hohem Eisrist. Die vom Logis haben sich schon hinter dem Schützen aufgebaut, – Jens nestelt den riesigen Fanghaken von der Mastleiter los, zieht ihn sachte auf Deck nieder, – 150 – –. »Na, Jörgen! Schon gut«, kommt der Schiffer an, wirft rasch ein paar Patronen in das Magazin seiner Kragbüchse, – »will ihn mal nehmen! – Ist der Erste heuer, so, – na, laß mich mal ran!«

Ist nicht gut, zu schießen, – solange die Maschine die Planten hüpfen läßt, – Jon pfeift zweimal durch den Sprechtrichter den Maschinisten an. Das bedeutet: »Maschine stop!« So, nun ist alles allright. »Peng«, sagt es vorne am Bug, – die Klappmütze senkt ihren Kopf aufs Eis, wedelt einige Takte mit ihrer rechten Vorderflosse.

»Maschine volle Kraft! – Paß auf, der kommt noch mal, – – siehst du, – er haut ab, – so, – klatsch, – ein zäher Teufel. – Weg ist er, – drauf, was das Zeug hält, – Jens, den Haken raus!« Jörgen klettert mit ein paar hastigen Stiegen in die Rahen hoch, – – besserer Überblick von dort oben, – »Tja, da ist er, backbords, – im kleinen Eis, – Backbord, hart ran, Jon, preß das Steuer, – hier, ja, – habt ihr ihn gesehen?«

Der Seehund haut ein paar kräftige Schläge mit seinen Ruderbeinen, – treibt dann im Eis. Das Wasser um ihn ist mit einer dunklen Blutwolke bedeckt. »Na, er schwimmt«, brummt Isachsen erleichtert. »Hat noch genug Speck auf dem Leib, – vom Winter her, – da ist er, – hau mal den Haken in seinen Wanst, – hast du ihn, – so, – die Schlinge!«

Ragnar macht eine Trosse klar, fiert sie ins Wasser, der Klappmütze über den dicken Kopf. »Hau ruck, hau ruck! – Geschafft!« Der dicke Seehund liegt nun auf dem reinen Deck, – zuckt immer noch mit dem Kopf, wenn ihn jemand unsanft anfaßt. Ein verteufelt zähes Leben haben die Kerle. Jens macht sein Messer frei, prüft mit dem Daumennagel die Schneide. »Ja, denn los! So, –« ratsch! – »Was, du bist immer noch nicht still, – habt ihr sowas schon erlebt, – will der Kerl mir an die Hand fahren und hat doch kaum einen Tropfen Blut mehr im Leib, – Biest, – hier, – da hast du«, – ratsch! Ist ein waschechter Kampf, nicht eher ist der Seehund ruhig, bis er seinen Fell- und Speckmantel log geworden ist. Der Schiffer dreht das zwei Meter lange Tier auf den Rücken, betastet das Rückenfleisch. »Hier und hier, – schneid mal ein paar Fetzen raus, Junge, – gibt Eismeersteak zum Mittag! Hab' auch noch ein wenig Sprit nachher. Sucht mal weiter in der Gegend herum, – Jörgen, Ragnar, – kommt runter in die Kajüte, – Jon auch, soll ein anderer das Ruder übernehmen. Ja, denn man los!«

»Hab' gedacht, –« meint er drunten zu den andern, – »ist hier Mist, – ist nicht das richtige Eis hier zu finden, wollen den Kurs etwas umlegen. Wir müssen nach dem Wester-Eis! Skal! Jungs!«

»Skal, Schiffer!«

»Na, Jon, – hast du schon was ausgemacht?«

»Ich dachte, Schiffer!«

»Na, und was sagst du, Jörgen? – Hier hocken wir herum, – Hab den Punkt eingetragen. Hier die Bank, die wir heute morgen angerannt haben. Ist kein Eis vom Grönland-Strom, das, – kam von Osten, – von der Hinlopenstraße, – oder von Novaja, – zu wenig Großeis dazwischen, – kein Blaueis. Gibt keine Robben drauf. Bin dafür, wir hauen ab, – ja!«

»Dachte, du wolltest ins Nord-Eis gehen, – bin auch dafür, setzen den Kurs auf Südwest, – nichts los hier, – die Hunde haben weiter im Westen geworfen dieses Jahr, – der erste April heute, denn schon los, keine Zeit zu verlieren!« sagt der alte Jon.

Schluß! Isachsen holt Lineal und Zirkel aus der Tischlade, – zieht einen Strich vom achtundsiebzigsten Grad nach Westsüdwest, berechnet die Abweichung des Kompasses, die hier oben an die zwölf Grad ausmacht, – »ja, gib mal weiter, Ragnar, Kurs Westnordwest quart gegen West. Gute Fahrt! Skal, Jungens! – – Schiebt schon los!«

Droben lehnt Knud auf der Brücke, wie ein echter großer Seemann, – – ein Fänger! Schritte knirschen auf der Brückentreppe.

Jon übernimmt das Steuer, – schaut prüfend auf die Rose. – Der »Polarwolf« dreht sachte nach West hinüber, – stößt Scholle auf Scholle in sprühenden Splittern zur Seite. Die grünen Wogen schäumen am Bug, die tanzenden Wellen. Der Nebel lichtet sich, dünner wird das Eis.

Knud starrt enttäuscht den Alten an, – »machen wir Schluß hier? – Hier stecken doch noch Berge von Robben! Man müßte eben suchen!«

»Maul' nicht, Junge, – was geht das dich an, – bist du eigentlich deine Eierschalen schon richtig los geworden, – he? Gott, was bist du für ein Greenhorn! Hast du noch nicht gemerkt, – wir fahren ins Wester-Eis. Jaha! Ins Wester-Eis! – Schlag mal die Glocke an, – oder da, halt das Steuer, Freiwache raus, hoi, – – Deck schrubben! Wachtwechsel, – verdammt, die Kerls nehmen sich aber Zeit!«

Der Koch schiebt drunten über Deck, – läuft zu dem abgespeckten Kadaver hin, – ist noch etwas Fleisch nötig, – nun, hier liegt genug davon. Ist für ihn das erstemal, daß er auf einem Eismeerfänger angeheuert hat, – vom Hardangerfjord stammt er, der Koch, – deshalb trägt er sein langes Küchenmesser mit der Schneide nach oben. Kann nicht anders sein, als daß er im Blutkuchen ausrutscht und lang über den Seehund hinfliegt. Seine weiße Mütze ist im Augenblick schön rot gefärbt. Fluchen kann er, der Kerl, – allerdings bleibt ihm rasch die Spucke weg, als er seine Handfläche hochhebt.

Ein tiefer Ritz klafft durch sie hin. Helles Blut strömt breit heraus aus der Wunde, vermischt sich mit dem dunklen Seehundsblut.

»Jon,– Jon!«

»Ja, lauf mal zum Koch hin, – der Kerl hat sich die Hand um ein Haar abgesäbelt, – rasch, na!«

»Jon, – Mensch! Übel – was!«

Jon schiebt gemächlich näher, faßt die Hand des bleichen Smutjes am Gelenk, hält sie in die Höhe. »Ruhig – ja!«

Ehrfürchtig stehen die andern um die beiden herum, starren auf Jon, – der seinerseits auf die Wunde starrt.

Fon hatte einen Kameraden, – er ist vor fünf Fahren im Packeis gestorben. Ein Lappe war es, – mit dünnen Säbelbeinen und einem schütteren weißen Bart um das braune, faltige Gesicht. Ein Geheimnis hatte er, war schon seit Generationen in seiner Familie gewesen. Die Lappen sind ja seit jeher auf gutem Fuß mit dem Teufel gewesen, – sagen die einen. Die andern meinen, daß sie eben der Natur manches Rätsel entrissen haben. Sollen schon Lappen gelebt haben, die Tote wieder auferwecken konnten.

Jon war ein guter Freund des Lappen Elias, ja, so hieß er, und Elias hatte ihm sein Geheimnis übertragen, als er starb. Hatte Jon bestimmt, – er mußte schwören bei dem Geist, der die ganze Natur beherrscht, genauer, bei dem, der besonders alle Quellen und Gewässer, das unendliche weite Meer beherrscht, – daß er sein Geheimnis bis zu seinem Ende bei sich bewahren würde und es erst, wenn er sicher wußte, daß er sterben müßte, seinem besten Freund anvertrauen dürfte. – Jon also hatte er zu seinem Nachfolger bestimmt. Jon konnte, wenn er, – natürlich nur ganz leise, – die Worte des Geheimnisses vor sich hinsprach, – Blut stillen, und war es selbst eine klaffende Wunde, aus der der rote Saft hervorquoll.

Scheu steht der Smutje vor dem alten Fänger, der sein Gelenk mit einem eisernen Griff umspannt hält, daß die verletzte Hand Leichenfarbe annimmt. Jons Augen starren klein und unbeweglich auf die Wunde, – man sieht, wie seine zusammengekniffenen Lippen sich leicht bewegen, – Jon spricht das Geheimnis. And die Wunde hört auf zu bluten. Wirklich! Alle haben es gesehen! Ja, der Jon!

»Nun, das ist allright!« sagt Jon. »Wasch deine Finger nicht vor heute abend.«

Ja, der Jon. Der hat es in sich! – – –

Vorne im Buglogis kreischt das Grammophon, das Jörgen nach seiner letzten Reise im vorigen Jahr gekauft hat. Er kam in Tromsö an Land, – nun, da mußte man sich doch erholen, nach einer Dreimonatsreise im Eis. Jörgen war ziemlich betrunken, – so etwa, daß seine Beine nicht immer geraden Kurs gingen, selbst wenn er es durchaus so einrichten wollte; damals kaufte Jörgen das Grammophon. Er dachte wohl, es ginge immer so weiter mit Tanzen und Toddys und kleinen Mädchen. Ja, da hatte er was Schönes angerichtet, – die Telegrafbucht in Tromsö ist schon manchem zum Verhängnis geworden. Einmal freute sich Jörgen, daß er etwas später auch eine kleine Frau zu Hause hatte, – manchmal kratzte er sich auch bedenklich hinter den Ohren. Man kann es eben nie allen Leuten recht machen! Ist schon so!

Heute ist ja ein Wendepunkt auf der diesjährigen Reise. Hat der »Polarwolf« nicht eben den Kurs nach dem Wester-Eis verlegt, und steht nicht die Sonne jetzt auf Steuerbord am Horizont, obwohl es bald Mitternacht ist, anstatt wie bisher backbords auf die Brücke Hereinzulugen? Also hatte er doch recht, einen ordentlichen Pjolter zu brauen und das Ereignis zu begießen. Nicht zu viel – nicht zu wenig. Immer klar zum Gefecht. – Klar zum Gefecht, ha, ha. – –

»Raus mit euch Halunken aus der Koje, – mal ein Spielchen kloppen, – fühlt euch geschmeichelt, kleine Leute, daß die Kajüte sich herabläßt, euch einen Besuch zu machen. Jawohl, – geschmeichelt ist das. So! Wer gibt? Legt mal ne neue Platte auf den Wimmerkasten, recht so, min Jong. He Jon, hältst du mit? – Bleiben drei Tage, bis wir ins Westeis einscheren können. Sitz hin, Alter. Oder willst du was erzählen. Jawohl, spinnen wir ein Garn! – – – Schöner! Bleibt noch Zeit genug, euch euren Tabak abzunehmen. Hundertfünfzig Packen liegen von vorgestern noch in meinem Spind.«

Jon guckt die anderen der Reihe nach an. Qualmt aus seiner Pfeife, deren Stummel er schon zur Hälfte abgebissen hat. »Na, – setz mal den Kaffeepott auf den Ofen, Jens. Habt ihr nicht Grips genug im Kopf, daß ihr euch selbst was vormachen könnt? Ein Garn spinnen! – Jungs, ihr steckt doch mitten im Leben drin, – bei mir ist nicht mehr viel Mumm in den Knochen. Skal, Jörgen!« –

»Skal, old man! Erzähl mal was von Svalbard, – warst ja lange genug oben, um dich in deiner Erinnerung zurechtzufinden!«

»Wir hockten damals genau so zusammen, – wie heute –«, beginnt Jon, »klönten, von Wind und Wetter und Weibern, – und von dem kommenden Winter im Norden, dem der ›Viking‹ entgegensteuerte. Ein kleines Glasfenster befand sich über unseren Köpfen, – gab gerade soviel Licht, daß wir einander nicht verwechselten. Die kleine Öllampe brannten wir noch so nebenbei, obwohl man schon den fünfundzwanzigsten Juni schrieb, – und wir bereits den siebenundsiebzigsten Grad Nord hinter uns hatten. Ole Olsen, Magnus Gjaever, – gehörten beide zum Boot. Ole war Maschinist und hockte nur so halb im Raum, damit er gleich bei seiner Maschine sein sollte, wenn sie zu spucken anfing. Ist ja nicht schön, wenn bei meterdickem Eis plötzlich das Boot nicht mehr dem Steuer gehorcht. Nun – Hjalte, mein Kamerad, hielt das gesalzene Rippenstück von einem fetten Renntier zwischen den Fäusten und schob sich ein aufs andere Mal einen neuen Happen, groß wie eine ausgewachsene Semmel, hinter die Lippen, – ohne daß er aber die Pfeife aus dem Mund genommen hätte. Rein ein Walroßbulle war er, der Hjalte. Aber da war nun der Toddy, den wir vor uns stehen hatten – die Gläser waren im Handumdrehen leer, aber auch ebenso schnell wieder voll. Nun, der Toddy machte Hjalte zu einem ganz anderen Kerl. Hjalte sah Gespenster. Glaubte, daß er diesmal nicht wieder von Svalbard heimkehren würde. Das glaubte er – und sagte es uns. Verflucht, daß ich gegrinst habe damals, – denn Hjalte hat recht behalten. Versteht ihr, – Hjalte war der beste Freund, den ich jemals hatte. Recht hat er gehabt!

Als wir die Hinlopenstraße anschnitten, setzte gerade schweres Eis, viel Blaueis darunter, nach dem Süden heraus. Aber Nacht kriegten wir schweren Seegang dazu, – ein Stück Arbeit, bis wir endlich uns durchgebaxt hatten und die Hütte in der Branntweinsbucht zum Vorschein kam. Wir löschten den Proviant und etliche Zentner Kohlen, – war höchste Zeit, daß der ›Viking‹ sich davonmachte, wenn ihn das Eis nicht auf Land drücken sollte. Hjalte rollte die Flagge aus, als der Kutter um die nächste Nase verschwand, mit bebenden Händen – das blaue Kreuz auf rotem Grund wehte im Winde. Als er zu mir zurückkam, sah ich, daß ihm Wasser aus den Augen gelaufen war. Nun, Hjalte wußte damals schon genau, was ihm bevorstand.« –

Knud sitzt dem Alten auf der Koje gegenüber, Knud, der seine erste Fahrt ins Packeis macht. Seine Augen sind beinahe feindlich auf den Jäger gerichtet, hart, wie alte Augen. ›Knud ist gute Rasse‹, denkt Jon, ›kann sein, Knud wird einmal ein Kamerad wie Hjalte, der jetzt droben auf Svalbard liegt, ein Pionier für das liebe alte Norwegen, für das stolze Norwegen. Knud ist einer von denen, die die Tradition der alten Vikinggesellen weiterführen können. So jung und geschmeidig sein Körper ist, so knabenhaft seine Wangen, – so brechend hart wird diese Rasse, wenn die erste Not, der erste Kampf über sie weggebraust ist‹ Knud starrt immer noch dem Alten ins Gesicht, unentwegt, mit dunklen Flecken auf den Backenknochen. – – »Der Oktober stand rasch vor der Tür – Schneeschleier fegten vom Inlandeis herab, der Wind heulte durch kahle, felsige Brüche, – da hatten wir die Vorbereitungen für den Winter beendigt. Die Fallen standen am Rande der Branntweinsbucht entlang, Treibholz hatten wir in hohen Stapeln vor der Hütte aufgeschichtet, unser Spitzboot auf Land gezogen und verzurrt, damit es nicht im Sturm zum Teufel wehen sollte. Den Hundeschlitten, der vom Treibholzfahren nicht wenig zugerichtet war, nahmen wir in die Hütte herein, – von morgens bis abends flogen die Späne. Wir waren wohlgerüstet, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, um für vier Monate uns in der Nacht der Arktis zurückzulassen. Am diese Tage herum wurde Hjalte unvermittelt ein andrer. Er hockte stundenlang an dem kleinen Tischbrett, legte die Karten zur Patience. Als ich ihn fragte, was er für Fragen stelle, – ihr wißt ja, wenn man Patience legt, spielt man um die Anzahl Füchse oder Bären, die die Überwinterung einem bringen wird. – Ob man viel Geld verdient, oder wenig. Nun! – Hjalte spielte immer nur eine Frage aus: ›Werde ich wieder nach Norwegen zurückkehren oder nicht?‹ Natürlich gingen die Karten selten auf. Dann legte er sich in die Koje und träumte, bis ihn der Hunger zwang, wieder aufzustehen.

Sieben Male hatten wir schon zusammen überwintert, – immer war Hjalte der erste gewesen, wenn es galt, tagelang durch Dies und Nacht auf den Spuren von Renntieren zu bleiben, immer der letzte in der Koje. Aber der Teufel schien in diesem Winter sein Gehirn vernagelt zu haben. Als ich ihn einmal an den Schultern packte, schaute er mich mit abwesenden Augen an und drehte sich dann ab. Wortlos. Am andern Morgen wachte ich auf – draußen heulten die Hunde, – neben mir war der Kojenplatz leer. Hjalte war verschwunden. Halbnackt lief ich zum Zwinger hinaus, Suggen, der Lieblingshund meines Kameraden, fehlte. Richtig, die Rifle war weg, – die Skier! – –

Ich eilte zur Hütte hin, holte den Stutzen und feuerte zwei, drei Signalschüsse in die Nacht. Kam kein Antwortsignal, nur das Echo dröhnte aus den Bergen. Hjalte mußte bereits weit weg sein. Da schob ich los auf seiner Spur, die trotz des Schneetreibens noch tief und deutlich sich abhob. Die Nacht war unsichtig, – leise schwebten und tanzten Schneeflocken um die Hunde, die in engem Rudel vor mir hereilten. Plötzlich stieß links eine Spur in die Bänder hinein, die Hjaltes Skier gezogen hatten. Ein starker Rennochse wahrscheinlich, der vor Hjalte hier vorbeigekommen war. Erregt schnüffelten die Hunde den Platz ab. Rex, der Führerhund, scharrte eifrig im Schnee, Schweiß und Haare klebten auf dem zerstampften Grund. Fehlschuß! – nur krankgeschossen! Hjalte ist dem abziehenden Ochsen nicht gefolgt, hat ihn also stark krank geschossen. Ein paar Schritte weiter fand ich den Abdruck eines Gewehrkolbens im Harsch. ›Stehen geblieben, die Pfeife angesteckt‹ dachte ich. Da mußte der Bock hier irgendwo in der Nähe liegen, sonst hätte mein Kamerad die Nachsuche wohl nicht so gemütlich betrieben. In diesem Augenblick krachten zwei Schüsse gegen die Bergwand, unter der ich stand. – ›Hjalte‹, brüllte ich los, ›Hjalte!‹ Nur das Echo hörte ich, – langsam fiel der Schnee weiter. Nichts zu hören. Da hetzte ich die Hunde auf der Spur los, – nach zehn Minuten hörte ich ihr heiseres Geläut am Ende des Tals, – Hjalte war am Leben. Nur – warum zum Teufel kam er mir nicht entgegen? – Ich hatte ihn bald gefunden. Er lag als verschneiter Haufen im Schnee, rührte nur die Arme, um die freudig zudrängenden Hunde abzuwehren, – hatte den rechten Oberschenkel gebrochen. Nun, war ein schönes Stück Arbeit, bis ich ihn in der Koje verstaut hatte, den Bruch einrichtete und verschiente. Nachher kam das, was nach einem solchen Fall einzutreten pflegt. Der Skorbut! Die Glieder schwollen, – Zunge dick wie ein Klumpen. Das Zahnfleisch schmerzt, rote, bläuliche Flecke an Armen und Beinen – Hjalte lag gleichmütig in der Koje. ›Laß mich liegen, Kamerad!‹ sagte er, wenn ich versuchte, ihm die kranken Knochen zu waschen und zu kneten. ›Ist zu nichts mehr nütze, macht nur Schmerzen.‹ Im Nachthimmel schwammen schon kleine weiße Wolken, Tausende von Metern hoch. Dort droben reichten schon die Strahlen der wiederkehrenden Sonne hin – da wußte ich, daß Hjalte aus dem letzten Schlaf, den er seit zwei Tagen schlief, nicht mehr erwachen würde. Nach weiteren zwei Tagen hob ich ihn aus der Koje und legte ihn draußen im Beischlag nieder, – bis ich Gelegenheit haben würde, ihm ein gutes Grab zu geben.

Die kleinen Dinge, die Hjalte täglich gebraucht hatte, den großen Holzteller und den Löffel zum Beispiel, legte ich in eine Tonne vor die Hütte, weil ich nicht wußte, damals, ob Skorbut ansteckend war. Aber nach ein paar Tagen kam mir der Gedanke, im Medizinbuch nachzusehen, wie es sich damit verhielt. Nun, da stand schwarz auf weiß, daß der Skorbut nicht übertragbar sei. Also ging ich nach draußen und holte die Sachen wieder herein, putzte sie blank und stellte sie auf Hjaltes Spind. Sie hatten ein Recht, da zu stehen. And ich brauchte sie, mußte sie vor meinen Augen sehen, – damit sie mich daran erinnerten, daß ich nicht allein in der Branntweinsbucht lag. Daß da noch Hjalte war. Er war nur augenblicklich raus gegangen in den Beischlag, vielleicht kam er bald wieder herein. Wißt ihr, vielleicht war er nur eben vor die Hütte gegangen, um draußen nachzusehen, wie das Wetter sein würde.

Damals begann ich zu zweifeln, ob Hjalte wirklich tot war. Mal ging ich in das kleine Gelaß, wo er lag, – fühlte nach seinen Händen. Sie waren steifgefroren. Zwischen den Fingern lag Schnee, der durch die Ritzen in der Wand hereingefegt war. Das war also wohl so, – das war in Ordnung. Und doch ging ich nach drei Tagen wieder hinaus, – mußte mich überzeugen, – hatte alles schon wieder vergessen. Tja! War schwer, einen Gedanken bei sich zu behalten, – verteufelt schwer. Alles schien hundertmal am Tage seine Gestalt zu wechseln, war nichts fest, nichts war sicher und bestimmt. Das Wetter, die Hütte, der Fang. Nutzte man eigentlich mit Bestimmtheit, daß man auf Svalbard überwinterte, – konnte es nicht ebensogut sein, daß man drunten in Norwegen saß, – einen Toddy zuviel getrunken hatte und sich das alles nur einbildete, das mit Hjalte und so. Darum mußte man eben nachsehen, ob das alles seine Richtigkeit hatte, – versteht ihr. Nachher wußte man, – ›ja! Das war alles in seiner Ordnung.‹

Eines Tages kam dann die Sonne über den Horizont. Leuchtend und groß. Von da an ging ich jeden Tag ins Gelände, – die Fallen nachsehen. Da und dort lag ein steifer, wolliger Körper unter dem zusammengestürzten Fallenbrett. Man holte ihn hervor, band ihm einen Lederriemen um die Läufe und wendete die Skispitzen nach Hause. Hatte schon eine gute Zahl prächtiger Weißfuchse unter dem Hüttendach hängen, – waren zwei Blaue dabei – – etliche Bären. Da begann die Paarungszeit, und die Füchsinnen wurden trächtig. Schluß mit der Jagd. Die Fallen mußten niedergelegt werden, um den Nachwuchs zu schonen. Ein paar Tage hielt ich es so aus, ohne Arbeit. Lag meistens in der Koje und träumte, – zwischendurch ging ich wohl einmal vor die Hütte, von wo aus ich die ganze Bai übersehen konnte. Mußten ja nun bald die Seehundsweibchen kommen, um auf dem Fjordeis ihre Jungen zu werfen und zu säugen. Aber der Winter war sehr kalt gewesen und die Temperatur stand immer noch unter den Dreißigern. Mal kam ein Bär angetrottet und wollte sich meine Hütte von innen besehen. Könnt euch denken, was er für Augen machte, als ich die ausgehungerten Hunde auf ihn hetzte, und sie ihm an die Flechsen fuhren. Wütend hieb er mit den großen Pranken um sich, als hätte ihn ein Schwarm Moskitos angeflogen. Beinahe schämte ich mich, den Kerl abzuknallen, – der so wehrlos zwischen den acht rasenden Bestien hockte und sich die Wunden leckte, die die Bengels ihm gerissen hatten. War wieder für einen Tag Arbeit, bis sein Fell, über die Pflöcke gehängt, in der Sonne bleichte. Als das getan war, schaufelte ich täglich etliche Tonnen Schnee von der Hütte los, trug sie am andern Tag wieder zurück. Das tat gut! Dabei kam man zur Vernunft. Eine Zeitlang wenigstens. Und nur die erste Zeit. Bis einen die Hölle wieder verschluckte. Einmal habe ich auch Hjalte vor die Tür getragen, damit ich jemanden hatte, der mir bei der Arbeit zusehen könnte. Draußen schien die Sonne. – Also, – Hjalte lehnte an der Hüttenwand und schaute mit den toten Augen in die Berge hinein. Weiß nicht mehr, über was wir uns unterhielten. Wahrscheinlich, – daß nun der Frühling bald käme, daß bald die Sonne nicht mehr untergehen würde – –. Hjalte stand stumm dort, wo ich ihn hingestellt hatte. ›Nun ja‹, sagte ich zu ihm, ›wie es ihm gefiele, das Wetter und die Sonne, – und die Zeit, nun, – die Zeit war ja schon weit nach vorne gekommen, – mächtig weit, – gar nicht mehr so lange bis zum August. Drei Monate vielleicht, bis das Eis in Pressungen krachte und weiterzog, in kleinen, zersplitterten Schollen – – bis wieder der blaue Ozean an den Strand spülte. Oh – – nicht mehr so lange.‹ So habe ich mit ihm gesprochen. Sagte, ›– so, Hjalte, nun ist Feierabend‹, – ja, das war so, – und mir kam es seltsam vor, daß Hjalte nicht darauf antwortete, – so seltsam, daß ich ihn am Jackenärmel faßte. Da fiel Hjalte seitlich in den Schnee.

Dachte mir, daß das ewige Stillstehen ihn ermüdet hätte, – so weit war es damals schon mit mir, – jaha! Darum nahm ich ihn mit in meine Koje, – war besser, wieder einen Kameraden neben sich zu haben. Einen Grützbrei kochte ich mir, aß noch etwas Bärensteak, das ich mir zu Mittag zubereitet hatte, – dann zündete ich mein Pfeifchen an und legte mich ebenfalls zu Hjalte in die Decken. Da fühlte ich wieder einen Ellenbogen neben mir, wie früher, an den man nicht stoßen durfte, denn der Kamerad hatte ja die Ruhe ebenso nötig wie ich, – – nach einem Tag mit schwerer Arbeit.

Nach einigen Wochen lagen die ersten Robben auf dem Eis. Schlimm für Hjalte. Denn als ich von der ersten Jagd zurückkam und das blutende warme Fleisch auf die Herdbank legte, – da merkte ich plötzlich, daß Hjalte so richtig tot war. Denn ich hatte den Tag über in lebendigem, zuckendem Fleisch gewühlt, wie ein Tier; das Blut stand mir noch über die Ärmel hinauf, – ja – das war so, – – ich sah, – Hjalte mußte raus aus der Koje, – mußte ihm eine Grube machen. Er war tot – und ich kam zum Leben zurück, – war bereits weit weg gewesen davon. Die Nacht ging drüber hin, bis ich die Grube so weit fertig hatte. Dann trug ich ihn hinaus. Habe ihm ein Gebet gesprochen, – war nicht weit her damit, denn das Vaterunser Hab ich längst vergessen. Bin immer ein schlechter Christ gewesen.

Nun ja, – nachher kam der ›Viking‹, – hatten eine schnelle Fahrt nach dem Süden – jaha, – das war Hjalte – erstklassiger Kerl, nichts zu machen, – hat eben der Teufel geholt. Lange her, – das. Na, Jungs, – legt man einen ordentlichen Seemannswalzer auf den Wimmerkasten, – daß hier Leben in die Bude kommt, – – Kaffeetrinken! –«

Rühren sich doch nicht, die jungen Fänger. Ist ein Schicksal an ihnen vorbeigegangen, das auch ihr Geschick werden kann, – – läßt sich viel darüber denken – – hat gute Zeit an Bord des »Polarwolfes«, sind noch drei Tage, bis man auf Eis treffen wird.

 

Die Wogen wandern draußen am Schiff vorbei. In ruhigem Saugen und Ziehen gleitet das Fangschiff über die Berge weg, die sich ihm entgegenheben, weiterdünen, weiterwellen. Am den Bug die weiße Schaumfahne perlt und rauscht, pocht hindurch zum Logis, – stäubt über das Vorschiff und sendet glitzernde kleine Schleier zur Brücke hinauf, – tausend spielende kleine Sonnenstrahlen, – Körnchen, die im Licht funkeln. Der Motor rattert seinen gleichmäßigen Takt. Mal sagt die Schraube etwas zwischen diesen Rhythmus hinein, hebt sich über die Wellen, knatternd und in schnelleren Drehungen arbeitend, weil der Widerstand des Wassers sie nicht mehr bändigt. Aber das ist alles nur ein Spiel. Unbekümmert, frisch. Im Südwesten hängen etliche tiefe Wolken über das Meer hinein, hat nichts zu sagen, sie bleiben weit hinter dem »Wolf« zurück, werden vergebens ihre Finger nach ihm ausstrecken. Der Wind steht auf sie zu. Ist es nicht, als ob der »Wolf« sich über sie lustig machen wollte? Ein paar dicke schwarze Rauchschwaden legt er nach Backbord hinüber, die weiterziehen, träge, qualmig, – nach Südwest. Pah! Einen Gruß vom ›Polarulv‹. Es ist ein herrliches Wetter, gleißend und duftig, wo er seinen Weg geht. Wolken im Südwest, – er sieht sie nicht! –

Von der Kombüse wehen köstliche Düfte über Deck, Braten und Speck, – – der süße Geruch von Pflaumen. Das gibt ein Mittag, das sich sehen lassen kann. Ragnar kommt, – die Töpfe inspizieren, Malte streicht vorbei, – nur so ein Blick auf die Herrlichkeiten. Ja, das wird ein Essen geben. Ob König Haakon heut was Besseres ißt? Robbenfleisch und Schweinespeck, – und eine braune Brühe dazu, die sich auf dem Teller mischt mit dem Saft von vollen, prallen Pflaumen. – »Na, Smutje, – verdienst dir heut' den Himmel.« Aber der Smutje sagt nichts dazu, rein nichts. Der Smutje horcht in sich hinein, angestrengt und mit weißen Lippen. Wie lang das noch geht mit ihm? Wie lange der Magen sich damit begnügt, zu kullern. Übel – und da steht der Jens an der Steuerbordreling und sieht aus, als ob ihm der Himmel voller Geigen hinge. Backbords sind gleich ein paar von den Bengels auf den Rand der Ladeluke hinaufgeflegelt und blinzeln in die Sonne. Der Koch sieht durch ein Bullauge zu Jens hinüber, – richtig, – er haut ab! Hat wahrscheinlich den Tabaksbeutel im Logis liegen lassen – schnell an die Reling, so – »ah, – ah!«

– Ja, nachher ist's gleich besser. Könnte sein, daß bis zum Mittag der Braten gar nicht mehr so aufreizend auf die Magennerven springt. – Hup, ja! Nicht so unmöglich. –

»Smutje, ist dir jetzt besser nach dem kleinen Spaziergang? Tja, grobe See heute!« Knud kiekt mit einem harmlosen Lächeln über die breiten, runden Rücken der Wogen hin, – die jeder Grobheit bar sind.

Der Smutje kriegt bald einen Schlaganfall, paß auf! Er sieht ganz ungemütlich aus, wie 'ne Wasserleiche. Dann kommt Leben in ihn, – hat er nicht eben den großen Schöpflöffel zur Hand, und drinnen im Topf brodelt die braune Brühe. – »Hölle und Teufel! Du kleines Dreckaas, – du, hup, ja – du Herumtreiber – was hast du hier zu luchsen, hier! – da! –« Aber Knud hat längst schon das Schott ins Schloß gehauen, – stelzt mit wiegenden Seebeinen zu den Kameraden zurück, – »tja, – also, was der Smutje ist, – schaut ihn mal an, – gut, daß er heute keinen Gulasch kocht, – so sind wir wenigstens einigermaßen sicher vor Überraschungen. Jung, – was für ein Seegang! Ob der ›Polarwolf‹ das überhaupt durchhält. Jens, gib mir mal Tabak, hast ja eben geholt, – schönen Dank auch – – bleib mal hübsch bei uns, – – die Steuerbordreling ist heut Privateigentum von Smutje, – tja!«

Jon hockt auf der Winsche, schaut den Jungen zu. Mit dem Speckmesser schneidet er an einem Bootskörper herum, – gleich Zeit, daß die Masten eingesetzt werden, – für den kleinen Jungen seiner Schwester, – liegt annähernd noch in der Wiege. Aber er soll sich bald daran gewöhnen, mit Schiffen umzugehen. In ein paar Jahren wird der Kleine schon das Spitzboot rudern wie sein älterer Bruder, – nachher mit zum Fischfang vor den Fjord fahren. Das Leben ist kurz, – schwer, ein richtiger Seemann zu werden, – solch einer wie der alte Jon, schwer, – wenn nicht im Blut des Jüngsten schon der Puls des grauen launischen Meeres schlüge, seit undenklichen Zeiten. Nie kann er verlorengehen, dieser Herzschlag, – anders als der der andern, – der ihn eingeboren trägt, gehört der See, die bald im Sturm an die hochragende Küste anrennt, wieder in einer lieblichen Melodie sich mit dem Singen des Sommerwindes über grünen hohen Bergmatten verbündet.

»Wachtwechsel!«

»Wachtwechsel!«

Eine Freude, das spielende Steuer zu übernehmen!

Über Nacht wird es kühler. Um Mitternacht, als eben die Sonne für einen Augenblick unter die Seelinie taucht, beginnt der Mast zu vereisen. Vom Großsegel stäuben kleine Splitter auf Deck herab. Der Wind hat über Nord weggedreht, – Schnee steht in der Luft. Würde eine ordentliche Ladung geben, wäre die Temperatur nicht so tief. Die Sonne beginnt zu dampfen, jede Woge, die den »Polarwolf« passiert, hinterläßt einen feinen Schimmer von dünnem Eis an seinem Leib. Wenn ein harmloser Brecher über Deck schwemmt, wächst der Eispanzer um die Rollen und Zahnräder der Dampfwinde zusehends. Ist eine Schweinerei, wenn die Dampfwinde in einen Eisklotz verwandelt ist. Nachher kannst du jeden einzelnen Seehund mit einem einfachen Tau an Bord hissen.

»Olav, – sieh mal nach. Denke, wir lassen sie mal zur Probe anlaufen, ob sie noch arbeitet!«

Und »Schick mal eine Portion Dampf nach vorn!«

Olav pfeift kunstvoll durch den Sprechtrichter. »Schön«, heißt das. – – »Ja.« – – –

Auf dem Vorschiff geht mitten in der Nacht die Hölle los. Fauchen und Rumpeln zum Gottserbarmen, – jaha! Man hört deutlich, daß sie läuft. Sonst nichts zu tun. Man muß als Wachthabender hie und da mal einen Blick auf den Kompaß werfen, so – als ob, denn eigentlich ist es vollkommen überflüssig. Der Rudergänger weiß haargenau, was ein Kompaß ist. Und magnetische Instrumente sind ja schließlich nicht an Bord, wie seinerzeit, als der »Polarwolf« die Besatzung der Bäreninsel ablösen mußte, – die Telegraphisten, die dort droben stationiert sind, – versteht sich. Der ganze Instrumentenkram war hinter der Brücke im Kartenzimmer verstaut worden, damit möglichst wenig Seewasser an ihn herankommen sollte. Dann fuhr man los. Von Hammerfest heraus und direkt auf die offene See. Ein Tag war verstrichen, – zwei Tage, – noch keine Bäreninsel in Sicht. Drei Tage. Dann gab der Schiffer den Befehl zum Kreuzen. Die Insel mußte ja doch in der Nähe sein. Vier Tage. Da kam Land in Sicht. Na endlich! – – – Verdammt, – Spitzbergen, was sie da vor sich hatten – deutlich hob sich die Hornsundspitze aus der Kimming. Isachsen kriegt einen Tobsuchtsanfall. War schließlich fassungslos. Das ging ja genau an seine Schifferehre!– Ja, – die Sache war ganz einfach. Einige starke Magnete in dem wissenschaftlichen Kram hatten den Kompaß an die zehn Grad nach West gedrückt. Als das Kartenzimmer geräumt war, liefen sie auf jeden Fall beinahe die Telegraphenstation der Bäreninsel über den Haufen, so genau ging das Boot seinen Kurs. – – –

Die Brise steift ein wenig auf. Der »Polarwolf« beginnt unwillig zu knurren, wenn er sich den Wellen entgegenfrißt. Er knurrt zuletzt auch noch, wenn er sie hinabreitet. Wie der Morgen heraufsteigt, hat sich alles wieder eingerenkt. »Meist dachte ich, – der Südwest könnte doch die Oberhand kriegen –« knurrt Jon zum Morgengruß, als er den Schiffer wach in der Koje liegen sieht, – »aber es sieht aus, als hätten wir ruhiges Wetter, bis wir das erste Eis treffen.«

»Schon was vorbeigetrieben?« fragt Isachsen entgegen.

»Schätze, gegen Nachmittag, – war kaum nennenswert bis jetzt, – ein paar kleine Stücker Blaueis, – Wassereis, – alles l«

»Na, Jörgen, – nimm mal den schweren Pelz und geh in die Tonne. Ich glaube, das Fernrohr liegt noch droben. Kann leicht sein, – kriegen schon früher Eis. Temperatur?«

»Dreiunddreißig Grad!«

»Allright, – ich komme nachher auf die Brücke.«

Jörgen sieht aus wie ein Bär, – gerade, daß er sich durch die enge Kajüttür ins Freie zwängen kann. Spaß, auf offener See in der Tonne zu hocken und umhergebeutelt zu werden wie ein nasses Hemd im Wintersturm. Spaß! Aber Dienst ist Dienst. Malte grinst unverschämt, als er Jörgen brummend die Fockleiter hochklettern sieht.

»Kühl, – der Morgen, – kühl, ja.«

»Paß auf, Dachs, – sonst heizt es gleich, – Mann über Bord! – oder ziehst du es vor, einen Knock-out zu erwischen. Übler Halunke!« –

Jörgen kommt bald wieder los von der Tonne, schneller, als er wünscht, sozusagen.

Ein weißer Strich schiebt sich vom Horizont heran. Ein Unerfahrener hätte ihn kaum beachtet. Aber Jörgen sieht mit einem Blick, daß der Dreck nun wieder losgeht. Nebel. Eis ist noch nicht zu sehen, – vorerst ist die Bahn noch frei. Die nächsten Stunden.

Galgenfrist! Bis dahin. Bis zum Mittag.

»Eislicht! – Ein Mann in die Top! – Doppelwache!« Die beiden Maschinisten überholen rasch noch die Maschinen. Ragnar und Jörgen stehen wie Standbilder auf der Brücke, den Feldstecher vor den Augen.

Der Schiffer hat das Oberlicht im Brückendach geöffnet, späht zum hohen Fockkorb hinauf, über dessen Rand nun Maltes Pelzmütze hervorlugt. –

»Eis voraus!« brüllt Malte vom Ausguck. »Schlagt die Fahrt ab!«

»Ramsch!« macht eine Minute später ein Stoß den »Polarulv« zittern, »ramsch! – ramsch!« Die Geschwindigkeit, mit der der »Wolf« durch den Nebel gleitet, hat sich noch kaum verringert. »Ramsch, Krach! Volle Fahrt achteraus!« Das war der Schiffer. Die Schollen werden zahlreicher, und plötzlich sieht man das Hauptlager der ersten Bank auftauchen. Ein Graupelregen von kleinen Eiskristallen prasselt in diesem Augenblick über das Deck, hüllt alles in seinen weißen Schleier. Ragnar hat mit geübten Augen schon eine Wacke festgestellt, wirft das Steuer auf Backbord hinüber, – umsonst, auch hier springen große Flacken dem Polarwolf an die Kehle. Weiter, Blindfahrt, – alles versperrt! Unaufhörlich prasselt der Eisregen, Stoß um Stoß legt sich der »Wolf« gegen das Eis, schneidet mit seinem kräftigen Bug Flachen neugefrorenen Eises auf wie dünnes Papier. Bis schließlich ein schwerer Rammstoß das Boot von den Spanten bis hoch zu den Mastspitzen durchschüttelt. Da kommt vom Schiffer der ruhige Befehl: »Achteraus! – Halbe Fahrt!« Immer noch in Eisschleiern verborgen, zieht sich der »Polarulv« langsam auf die offene See zurück. Die Dünung, die in der Eiskante kräftiger schwappte, wird ruhig. Der Motor kommt zur Ruhe. Vor dem Focksegel wiegt sich das Schiff auf den grauen Wogen, auf die sich die Dämmerung der Arktis senkt.

Früh im Morgensonnenleuchten, das durch den Nebel schimmert, springt der »Wolf«, diesmal mit voller Kraft, gegen die ersten kleineren Schollen der Treibeisgrenze. Mit Krachen und Hacken überrennt er Kurs Nordwest den Kleineissaum, dessen Schollen sich in der Dünung heben und senken. Alken und Möven spielen über der weißen Fläche. Die ganze Mannschaft steht auf Deck, stumm, ohne Bewegung, – so als träten sie in einen großen heiligen Hain, der die Seelen der Vorfahren in sich raumt. Grünweiß liegen die Schollen auf dem sammetgrauen atmenden Grunde. Hier und dort treffen die Zähne des »Wolfes« auf eine größere Flacke, die dann grünschäumend in die Tiefe fährt, – quirlend und schäumend längsseit wieder auftaucht.

Jens' Augen suchen die Fläche ab. Hier heißt es gut steuern, die Schollen richtig mit dem Bug zu treffen. Er liegt über dem Rad, achtet zu gleicher Zeit auf die kanternden, schwappenden Blöcke, die in den Bereich des Schiffes kommen und auf die Hand des Kameraden im Ausguck, der unablässig signalisiert.

»Steuerbord, – hart Steuerbord! – Backbord, – gleichmäßig voraus, – leicht nach Steuerbord, so, – noch etwas nachkommen, – mehr, – – jetzt, – halt das Steuer, – stetiger Kurs, – – – langsame Fahrt! – hart nach Backbord, – halbe Fahrt, – steady – so, volle Fahrt voraus!«

»Ramsch,– Ramsch!«

»Volle Kraft achteraus, – Stop! Steuerbord!

Volle Fahrt voraus – Ramsch! – Ramsch! –

langsam nach Backbord –«

Zweistündige Wache! Noch eineinhalb Stunden!

»Hol an! –Halbe Fahrt, so, – stetig. Volle Kraft voraus, stütz' Steuerbord –Ramsch!«

»Achtung! Eisfuß! Sachte Fahrt! Ramsch! Überlaufen; er liegt nicht so tief, daß er die Schraube beschädigen könnte! Geschäft, – allright, – volle Fahrt!«

»Volle Fahrt!« krächzt Jens das Kommando nach, wirft sich zum hundertsten Male über das Rad, knallt den Telegraphenhebel nach unten.

Gedanken hat er nicht im Kopf, der Rudergänger. Während einer solchen Wacht darf man an nichts denken, – nicht an den »William Butt«, der hier vor zwei Fahren mit seiner ganzen Besatzung im Sturm vor die Hunde ging. Der ihn führte, war Jens Vater. Die beiden Schützen seine Brüder. Er ist der letzte, Jens. Und auch Jens fährt im Eis! Kann nicht anders sein!

»Wachtwechsel!« Der Schiffer.

»Gute Wacht, Jon!«

Jon steht am Steuer. Wie ein Junger. Die weißgrauen Bartstoppeln stehen ihm um das faltige Kinn, doch die Augen blitzen. Augen wie ein Adler hat der Jon, wie ein kühner erfahrener Bergjäger, der auf raschen Skiern den grauen Wölfen auf Finmarkens Hochebenen folgt, durch Gebirg und Schlucht. Und nicht ruht, bis er seine Beute gefunden hat. Kaum, daß das Rad sich um seine Achse dreht, so sparsam sind seine Bewegungen, – doch die Zähne des »Polarwolfs« treffen ohne Fehler den Block, in den sie sich verbeißen sollen; in die kleinste Rinne gleitet der scharfe Bug, die ihn weiterführen kann, tiefer in den Eispanzer, der Grönlands riffige Küste umtreibt. Ein weißer Berg sticht unversehens durch die Nebelwand. Zwanzig Meter voraus kreuzt er den Kurs. Tausende von Tonnen in einem schimmernden, wiegenden Koloß.

»Achteraus! Volle Fahrt!« Weg ist er, wie ein Spuk.

»Halbe Fahrt voraus! Wir scheinen Großeis vor uns zu haben! Vorsichtig ran!«

Aus der Ferne tönt Krachen und Splittern.

»Großeisfeld. Wacke in Sicht? Malte! Siehst du eine Wacke? Warten müssen wir, bis der Nebel sich hebt, – holt uns der Teufel sonst, – eh' wir eine Kvartmeile gemacht haben.«

»Nirgends offenes Wasser, – scheint dicht zu liegen, – Steuerbords Eis neugefroren!«

»Keine Wacke – na, denn weiter!«

»Volle Kraft, hol's dieser und jener!«

»Volle Kraft!«

»Ratsch, – da hast du dein Teil, – ran an den Feind, ›Wolf‹! Durch müssen wir und wenn uns der Teufel holt. Ramsch! knallt eine Scholle in der Mitte entzwei, – nun mal fix, bevor die Spalte von der Strömung wieder geschlossen wird.«

Zwei Stunden – ein zäher, verbissener Kampf.

»Ablösung vor!«

»Wachtwechsel!«

»Wacke in Sicht! Wacke auf Steuerbord!«

»Halt drauf hin, Jon, denke, es ist genug für heute. – Heißt das Focksegel, Jungens! Liegen still, bis der Nebel lichtet! Zwecklos, hier herumzufunken. Gute Wacht!« Weg poltert der Schiffer. Das weitere machen die Jungens unter sich ab. Sollen alle mal ordentliche Fänger werden, – schadet, – ein überflüssiger Befehl!

Feucht und kalt streicht die Seeluft an der Kombüse vorbei. Ragnar lehnt am Spültisch, den Pelzkragen über die Ohren hochgeschlagen. Die Füße stemmt er gegen die Aschentür des Herdes, aus der dann und wann, wenn die Glut auf dem Rost zerfällt, Strahlen von Funken sprühen. Hat keinen Zweck, draußen zu stehen, alles grau in grau. Ein paar spritzende Wogen wandern ewig und immer am Boot vorbei, dahinter kommt wieder ein Schollenfeld angetrieben, oder gigantische Berge mit wilden Formen, doch immer nur – Eis. Über seinem Kopf tönt der Schritt von Jörgen, der die Wache geht. Vier Schritte hin, – vier Schritte zurück. Wie ein Raubtier im Käfig. Ein Eisbär hinter Gittern. Mit der Sehnsucht nach einem tollen Betrieb in der Brust, – blutige Jagd und peitschende Schüsse oder Stürmen und Heulen, tosende Wellen – oder Frauen, die sich einem weich an die Seite schmiegen.

Jörgen ist ein prachtvoller Bengel – in der Arbeit und sonst – als Kamerad. Kann sein, er lacht wie ein kleiner Junge. Aber Jörgen kann schlimmer hausen als der Teufel, wenn ihm einer von der falschen Seite kommt – und auch dann noch lächelt er, – wie ein Junge. Ragnar ist mit ihm aufgewachsen. Richtig kennengelernt hat er Jörgen erst in jener Nacht vor den Lofoten, als ein überraschender Schneesturm die Boote, – Hunderte von Booten, in alle Winde davonpeitschte. Kein Treibanker half, – half keine Kunst mehr. Irgendwoher kam plötzlich in dieser schwarzen Höllennacht ein Schrei tiefster Angst und Not geflogen, gellte einem an den Ohren vorbei – einmal, zweimal –, aus den hochtürmenden Wogen, aus den Schneefetzen, gellten Schreie, – um unterzutauchen für alle Zeit. In einer solchen Nacht hatte Ragnar mit Jörgen das Bootsgewölbe geritten – ein Hexenritt. Die blaugefrorenen Fäuste um den eisenbeschlagenen Kiel gekrallt. Acht Mann zuerst, – nach einer Stunde waren sie zu dritt, bald war auch der dritte im Schaum und Branden des Westfjords versackt. Hilmar hieß er. Der Wasserdruck eines ungeheuren Wogenberges schlug seine Fäuste vom Kiel. Ragnar hatte den Kameraden an einem Stück Zeug erwischt und versuchte, den schweren Körper noch zu halten, bis er seine Faust erlahmen fühlte. – Dann war Hilmar plötzlich weggewesen, – Teufel! Gerade, daß er mit dem freigewordenen Arm noch über den Bootskiel greifen konnte, kam die nächste Wogenwand, riß das gekenterte Boot aus der Tiefe und flutete mit fressenden Gischtzähnen drüber hin. Hinter der nächsten Welle kam das Tosen der Brandung, – splitternd und krachend rannte das Boot auf schwarze Felsen, sprang zurück im Sog und Strudeln – nicht zu früh, so daß die beiden Kameraden Zeit gefunden hatten, sich als halberfrorene Bündel in Rissen und an Zacken festzuklammern. –

Die Nacht hindurch und bis zum Mittag hockten sie dort auf dem Riff – seltsam, daß sie andern Tags noch lebten. Noch seltsamer das Bild, das ihnen der Tag zeigte. – – –

Kaum hundert Meter von ihnen hing ihr Kutter auf dem Strand, mit einer Schlagseite, wie sie ein Kutter gewöhnlich hat, wenn die Ebbe ihn im Schlick zurückgelassen hat. Und war doch die ganze Nacht gekentert in der See getrieben, – schön abgetakelt war er, hatte achtern ein mannskopfgroßes Leck. Ein Wunder, daß er überhaupt noch vorhanden war. Die beiden schauten einander an, er, Jörgen – und Ragnar, – dann brachen beide in ein schallendes Gelächter aus, – waren wohl die Nerven, die ihnen dieses Lachen aufzwangen, denn keiner von beiden sah im Gesicht des andern auch nur ein Gran von Lustigkeit, – sie sahen nur ihre vereisten Gesichtsmasken, in denen die Muskeln, erstarrt, dennoch zu spielen versuchten. Erst, als jeder die krampfhaften Bemühungen des andern erkannte, seine Züge aus der Leblosigkeit zum Leben zu bringen, – erst da begann das Zwerchfell zu vibrieren und brach schließlich den Bann. Wie sie die ersten Schritte machen sollten, kam ihnen plötzlich zum Bewußtsein, daß die andern alle draußen im Meer geblieben waren. So groß war ihre Erschlaffung gewesen, daß sie daran dachten, als ginge sie das nichts weiter an.

Jörgen war der erste, der sich, von der Schäre herabkletternd, den Wellen auslieferte und zum Wrack hinüberschwamm. Etliches Petroleum fanden sie noch in einem Behälter, machten den Strand frei vom Schnee und brannten ein Feuer an. Im Laderaum lag noch ein Teil der tags zuvor gefangenen Fische. So hatten sie alles, was zur Aufrechterhaltung ihres Lebens nötig war. Denn an Land zu kommen, war nicht möglich; war ein breiter Sund zwischen ihm und der Insel, auf der sie lagen. Signallichter des Nachts, – an verschiedenen Stellen nord- und südwärts, – Schicksalsgenossen.

Bald danach hörten sie das Knattern eines starken Bootsmotors, – die Rettungsschute war in der Nähe. Sechs Männer ruderten an den Strand, – ruderten acht zurück. Die andern trieben irgendwo zwischen Schlamm und Tang, – Seeleute! – – –

Jörgen kommt nach unten, streift an der Kombüse vorbei nach vorn.

»Schon da, Ragnar, – hast du Kaffee für mich? Augenblick, – haben Großeis voraus, – will nur eben das Focksegel hissen, daß wir an ihm vorbeikommen.«

»Allright«, – Ragnar sieht auf die Uhr. »Sechs Minuten bis zur Ablösung!« – – –

Jörgen steht schon am Vormast, ergreift eines der Taue. Langsam klettert das Focktuch aufwärts, vom Spriet bis zur Gaffel des Masts. Der Wind dreht die Nase des »Polarwolfs« nach Backbord hinüber. Wenige Meter voraus steht die kristallene Wand, die aus dem Nebel gestochen kam, bleibt zurück. Der »Polarwolf« ist wieder allein.

Jörgen kommt zurück, – hockt sich neben den Kameraden. Während er seine Tasse ausschlürft, bleiben die Augen draußen hängen. Suchen die Umgebung ab. Immer auf der Wacht!

»Tja, – dachte eben an die Lofotnacht.«

»Hab' auch darüber nachgesonnen, – war verteufelt, daß wir herauskamen, – tja –«

Draußen meldet sich Olav.

»Wachtwechsel, Skytter!«

»Ja, – so lang, Ragnar, – mach's gut!«

 

Ragnar sieht schärfer hin. Eine kleine weiße Flacke.

Ja, das sind zwei Tiere. Storm hat die Pfoten auf die Reling gelegt, winselt, wedelt mit dem Schwanz. Mit leisen Schritten geht der Schütze auf die Brücke, nimmt das Gewehr auf, das neben dem Kompaß lehnt. Ein Feuerstrahl zuckt schräg nach unten.

Kopfschuß.

Eine alte Klappmütze mit ihrem eben geborenen Jungen. Das Muttertier verzittert. Neugierig hockt der junge Kerl daneben, äugt nach dem Schiff hin, mit großen runden Augen. »Was ist denn das wieder.« Eben hat er Bekanntschaft mit dem Eis gemacht und hat gelernt, das Abc eines Seehunds, daß er immer hübsch neben der Mutter liegenbleiben muß. Ganz starr vor Staunen ist der kleine Bengel. Jetzt kommt ein Boot auf ihn zu, – eine Hand faßt ihn am seidigen Nackenfell. Soll man versuchen, zu beißen, – so wie Mutter es gerade machte, bevor das große Schiff in Sicht kam. Oder soll man ganz einfach dumme Augen machen. Große Frage!

Jens haut der toten Klappmütze einen kurzen Zughacken in den Kopf, schleppt das Tier von der Scholle herab, daß es mit einem dumpfen Aufprall zwischen den Spanten des Fangbootes landet. An einigen Schollen vorüber rudert er dann zum »Wolf« zurück, macht das Boot achtern fest, nachdem er seine Last an Deck geschafft hat. Als die andern am frühen Morgen aus der Koje fahren, hören sie munteres Kläffen an Deck. Ragnar hockt vor der Luke, säugt den Säugling. Wie es sich gehört. – Eine alte Spritflasche, vor die er einen Schlauch gebunden hat. Mit Isolierband, das er sich von Olav aus dem Maschinenraum geholt hat. Der Blueback lutscht mit Behagen an dem roten Gummi. Scheint ihm Spaß zu machen! Neben Ragnar steht die Büchse mit kondensierter Milch, – fetter Milch, bald so gut wie die weiße Seehundsmilch. Der Säugling mummelt mit tolpatschigen Bewegungen von dannen, als die Siebenschläfer an Deck rempeln, – mustert die Bande mißtrauisch auf ungefährlichen Abstand, – grunzt oder bellt er? – Einerlei. Dann torkelt er wieder zu der milchspendenden Flasche zurück, – mumm, mumm, – – –

Storm hockt hinter dem wolligen Paket, hängt die Zunge weit aus dem Rachen, schleckt sich die Lippen. Weit gefehlt, Storm!

»Hau ab, nichts für dich, mein Junge.«

Storm kehrt sich nicht daran, klopft verzückt mit der Rute den Boden. »Gebt ihn mir«, heißt das.

»Wird nichts daraus, Gutester. Ein Braten für uns. Köstlicher als ein Spanferkel, – na, Jens, denke, wir machen Schluß mit der Komödie, brauchen unsere Milch für uns selbst. Der Kerl scheint einen abgrundtiefen Magen mit sich herumzuschleppen.«

Jens haut dem Kleinen seine Faust einmal nachdrücklich an den plumpen Kopf und zieht ihm anschließend das Fell über die Ohren. Storm drückt sich weg, enttäuscht, als er sehen muß, wie die Burschen den saftigen jungen Seehund in zwei Teilen wegtragen nach der Kombüse. Leckt den blutigen Kopf des Alttieres sein säuberlich ab. Wie er so dasteht, die eine Pfote auf den Bauch der Beute gestemmt, huscht plötzlich ein Stäubchen Sonne über seinen Pelz, der vom Nachtfrost vereist ist.

*

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.