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Nordlandgeschichten

Jack London: Nordlandgeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJack London
titleNordlandgeschichten
publisherUllstein
yearo.J.
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Das Vorrecht des Priesters

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der seine Frau nicht zu schätzen wußte; und ferner von einer Frau, die ihm zuviel Ehre erwies, indem sie sich ihm schenkte. Nebenbei betrifft sie einen Jesuitenpater, der, soviel man wußte, noch nie eine Lüge erzählt hatte. Er gehörte, und zwar unzertrennlich, zum Yukonland; die Anwesenheit der beiden andern hingegen war ganz zufällig. Sie gehörten nur zu den vielen heimatlosen Existenzen, die auf der Woge des Goldstroms trieben oder ihr folgten.

Edwin und Grace Bentham waren solche Existenzen. Sie waren auch lange danach gekommen; der Klondike-Strom von 1897 hatte sich längst den großen Fluß hinabgewälzt und war in der ausgehungerten Stadt Dawson steckengeblieben. Als der Yukon den Zugang versperrte und unter einer drei Fuß dicken Eisdecke zur Ruhe ging, befand sich das heimatlose Paar an den Five-Fingers-Schnellen, während es noch viele Tagesreisen nach Norden bis zur Holzstadt waren.

Nicht wenig Vieh war an dieser Stelle im Lauf des Frühlings geschlachtet worden, und der Abfall bildete einen großen Haufen. Die drei Mitreisenden Edwin Benthams und seiner Frau betrachteten diesen Haufen, dachten ein wenig nach, kamen zu dem Ergebnis, daß dies eine Goldmine sei, und entschlossen sich zu bleiben. Den ganzen Winter hindurch verkauften sie Knochen und gefrorene Häute an ausgehungerte Hundegespanne. Sie verlangten einen bescheidenen Preis, einen Dollar das Pfund, unsortiert. Als die Sonne sechs Monate später wiederkehrte und der Yukon erwachte, schnallten sie ihre schweren Geldkatzen um und reisten zurück ins Südland, wo sie heute noch leben und ungeheuer lügen über das Klondike, das sie nie gesehen haben.

Edwin Bentham war ein träger Bursche, und wenn er seine Frau nicht gehabt hätte, hätte er sich freudig den Hundefraß-Spekulanten angeschlossen. Aber sie reizte seine Eitelkeit, erzählte ihm, wie groß und stark er sei, daß ein Mann wie er alle Hindernisse überwinden und mit Glanz das Goldene Vlies heimbringen müsse. So biß er denn die Zähne zusammen, verkaufte seinen Anteil an den Knochen und Häuten für einen Schlitten und einen Hund und wandte seine Schneeschuhe gen Norden. Es ist überflüssig zu bemerken, daß die Schneeschuhe Grace Benthams seine Fährte nie erkalten ließen. Im Gegenteil, ehe sie sich drei Tage geplagt hatten, war es der Mann, der hinterherkam, und die Frau, die voranging und den Weg bahnte. Wenn sie jemandem begegneten, wurde die Schlachtordnung selbstverständlich sofort geändert. So kam es, daß seine Männlichkeit von denen, die wie Gespenster in der Einsamkeit vorbeigingen, nicht angezweifelt wurde. Es gibt solche Männer in der Welt.

Wie ein Mann und eine Frau ihrer Art sich überhaupt gefunden hatten, ist für diese Erzählung bedeutungslos. Wie immer in solchen Dingen: Wer zu genau nachforscht, kann leicht den schönen Glauben an die Zweckmäßigkeit verlieren.

Edwin Bentham war ein Knabe, der irrtümlich den Körper eines Mannes erhalten hatte – ein Knabe, der einem Schmetterling mit Vergnügen die Flügel ausrupfen oder in irrer Angst vor einem energischen Burschen kriechen konnte, der halb so groß wie er selber war. Er war ein egoistisches, verzogenes Kind von der Größe eines Erwachsenen und mit einem Firnis von Kultur, der ihn eben noch den Schein wahren ließ. Ja, das ist es, er war Gesellschaftsmensch von der Sorte, die die Salons schmückt und unter Entfaltung unbeschreiblicher Anmut und Fertigkeit die größten Banalitäten sagt; von der Natur, die dick aufträgt und über Zahnschmerzen weint; der einer Frau das Leben zu einer schlimmeren Hölle macht als der gewissenloseste Wüstling, der je auf verbotenen Weiden graste. Wir stoßen täglich auf diese Menschen; aber wir erleben selten, wie sie eigentlich sind. Wenn man sie nicht heiratet, ist die beste Art, sie kennenzulernen, daß man aus demselben Napf wie sie ißt und unter dieselbe Decke mit ihnen kriecht. Und zwar eine Woche, länger ist nicht nötig.

Grace Bentham wirkte zart und mädchenhaft; wer sie kannte, sah in ihr eine Seele, der gegenüber die eigene Persönlichkeit gleichsam einschrumpfte, die aber trotzdem alle Anmut des Ewigweiblichen bewahrt hatte. Das war die Frau, die ihren Mann vorwärts gen Norden trieb, die ihm den Weg bahnte, wenn keiner es sah, und die in der Stille über ihren schwachen, weiblichen Körper weinte.

So zog denn dieses seltsame Paar nach Fort Selkirk und dann achtzig Meilen weit durch trostlose Wildnis zum Stuart. Als das kurze Tageslicht sie verließ und der Mann sich schluchzend in den Schnee warf, war es die Frau, die ihn auf den Schlitten band, die Zähne vor Schmerzen zusammenbiß und dem Hund half, ihn bis zu Malemute Kids Hütte zu schleppen.

Malemute Kid war nicht zu Hause, aber Meyers, der deutsche Händler, briet große Elchkoteletts und bereitete ihnen ein Bett aus frischen Kiefernzweigen.

*

Lake, Langham und Parker waren sehr aufgeregt, was ja auch kein Wunder war.

»Ach, Sandy! Kannst du ein Klavier von einem Nachttopf unterscheiden, dann komm mal und pack mit an!«

Diese Aufforderung ertönte aus der Vorratskammer, wo Langham mit großen Stücken gefrorenen Elchfleisches hantierte.

»Rühr dich nicht vom Kochtopf!« kommandierte Parker.

»Hör, Sandy, sei nett, lauf ins Missouri-Lager und borg ein bißchen Kaneel!« bat Lake.

»Oh! Oh! Halt! Zum Donnerwetter, wie –«

Aber das Poltern von Kisten und Elchkeulen in der Vorratskammer ließ ihn unvermittelt abbrechen.

»Geh los, Sandy, in einer Minute bist du im Missouri-Lager –«

»Laß ihn«, unterbrach Parker. »Wie soll ich den Kuchenteig rühren, wenn der Tisch nicht abgeräumt ist?«

Sandy hielt unentschlossen inne, bis ihm plötzlich einfiel, daß er Langhams »Bursche« war. Da warf er mit einer Entschuldigung das schmutzige Wischtuch hin und beeilte sich, seinem Herrn zu helfen. Diese vielversprechenden Sprößlinge wohlhabender Eltern waren mit viel Geld und jeder mit seinem »Burschen« ins Nordland gekommen, um Lorbeeren zu ernten. Zum Glück für ihr Seelenheil befanden sich die beiden anderen »Burschen« auf der Suche nach einem sagenhaften Quarzlager am Weißen Fluß. So kam es, daß Sandy sein leises Grinsen vor drei lebensfrohen gestrengen Herren verbergen mußte, da jeder seine eigenen Ideen von der Kochkunst hatte.

Zweimal an diesem Morgen hatte das Barometer im Lager auf Erdbeben gestanden, das nur durch ungeheures Entgegenkommen des einen oder des andern Kochkünstlers abgewendet worden war. Endlich aber war ihr gemeinsames Werk, ein wirklich verlockendes Mittagessen, fertig geworden. Da setzten sie sich zu einem Sechsundsechzig zu dreien nieder, um jedem künftigen Streit den Boden zu entziehen. Der Gewinner sollte das Recht haben, eine äußerst wichtige Expedition zu unternehmen. Dieses Los fiel Parker zu, der sich seinen Scheitel zog, Handschuhe und Bärenfellmütze nahm und nach Malemute Kids Hütte hinüberging. Als er zurückkehrte, begleiteten ihn Grace Bentham und Malemute Kid. Grace tat es sehr leid, daß ihr Mann die Gastfreundschaft der jungen Leute nicht genießen konnte, denn er war fortgezogen, um sich die Minen am Henderson Creek anzusehen. Malemute Kid war noch ein bißchen steif, weil er einen Weg zum Stuart gebahnt hatte. Auch Meyers war eingeladen worden, hatte aber abgesagt, weil er Brot aus Hopfen backen mußte.

Nun, den Mann konnten sie entbehren, aber die Frau – sie hatten den ganzen Winter keine Frau gesehen, und ihre Anwesenheit bedeutete einen neuen Abschnitt in ihrem Leben. Sie waren Akademiker und Gentlemen, diese drei jungen Leute, die sich nach all dem sehnten, was sie so lange hatten entbehren müssen. Vielleicht spürte Grace Bentham einen ähnlichen Hunger, jedenfalls bedeutete die erste lichte Stunde nach so viel Finsternis viel für sie. Aber die prachtvolle Vorspeise, die man dem in der Nähe liegenden See verdankte, war kaum auf den Tisch gesetzt, als es kräftig klopfte.

»Ach! Wollen Sie nicht eintreten, Herr Bentham?« sagte Parker, der nachsah, wer gekommen war.

»Ist meine Frau hier?« entgegnete der würdige Ehemann barsch.

»Aber ja. Wir haben Bescheid bei Herrn Meyers hinterlassen.« Parker girrte in seinen sanftesten Tönen, wunderte sich aber im stillen, was das zu bedeuten hatte.

»Wollen Sie nicht eintreten? Wir erwarteten Sie jeden Augenblick und haben Ihnen einen Platz reserviert. Der erste Gang ist gerade angerichtet.«

»Komm doch, lieber Edwin«, zwitscherte Grace Bentham von ihrem Platz am Tisch. Parker trat beiseite.

»Ich frage nach meiner Frau«, wiederholte Bentham heiser, und der Ton schmeckte unangenehm nach Besitzerrecht.

Parker schnappte nach Luft; er hätte dem ungehobelten Gast am liebsten mit einem Faustschlag ins Gesicht geantwortet, beherrschte sich jedoch mit einiger Mühe. Alle hatten sich erhoben.

Lake verlor die Fassung und ertappte sich dabei, wie er Grace fragen wollte: »Müssen Sie gehen?«

Dann begann der Aufbruch: »Es war so nett von Ihnen.« – »Tut mir schrecklich leid.« – »Wirklich sehr schade!« – »Vielen Dank!« – »Guten Weg nach Dawson.« Und so weiter.

Auf diese Weise half man dem Lamm in die Jacke und führte es seinem Schlachter zu. Dann schlug die Tür zu, und alle starrten wehmütig auf den verlassenen Platz.

»Verflucht noch mal!« Langham litt noch unter seiner früheren Erziehung, und seine Flüche waren matt und eintönig. »Verflucht noch mal!« wiederholte er mit dem Gefühl, daß der Ausruf unzureichend war, ohne jedoch einen männlicheren finden zu können.

Es muß eine gescheite Frau sein, die die vielen Schwächen eines untauglichen Mannes verdecken, seine schwankende Natur durch ihren eignen unbezwinglichen Willen stützen, ihm ihren Ehrgeiz einflößen und ihn zu großen Taten treiben kann. Und es muß gewiß eine gescheite und taktvolle Frau dazu sein, die dies alles so fein tut, daß der Mann Ehre davon hat und im Innersten glaubt, daß er, und er allein, alles schaffe.

Das eben war es, was Grace Bentham sich vorgenommen hatte. Kaum mit wenigen Pfund Mehl und verschiedenen Empfehlungen in Dawson angekommen, begann sie auch schon ihren großen Säugling in den Vordergrund zu schieben. Sie war es, die das steinerne Herz des rohen Barbaren schmolz, der über das Schicksal der P.C. Kompanie gebot, und ihm einen Kredit entlockte. Aber die Papiere lauteten offiziell auf Edwin Bentham. Sie war es, die ihren Säugling die Flüsse hinauf und hinab, über Deiche und Wasserscheiden, auf Dutzenden wilder Züge schleppte. Und doch redeten alle von der Energie dieses Bentham. Sie war es, die die Karten studierte, die Minenarbeiter ausforschte und ihm Geographie und lokale Kenntnisse in den leeren Schädel hämmerte, bis jeder seine fabelhaften Kenntnisse von Land und Leuten bewunderte. Selbstverständlich sagte man auch, daß seine Frau tüchtig sei. Sie tat die Arbeit; er erntete Ehre und Lohn. Im Nordwest-Territorium kann eine verheiratete Frau weder ein Flußbett noch eine Grube oder einen Claim auf ihren Namen registrieren lassen; deshalb ging Edwin Bentham zum Goldkommissar und sicherte sich den Claim Nummer dreiundzwanzig, zweite Reihe, auf dem Franzosen-Hügel. Als der April kam, wuschen sie tausend Dollar täglich aus, mit der Aussicht auf noch viele solcher Tage.

Am Fuß des Franzosen-Hügels floß der Eldorado vorbei, und an seinem Ufer stand die Hütte Clyde Whartons. Er wusch zwar noch nicht täglich seine tausend Dollar aus, aber seine Haufen wuchsen von Tag zu Tag, und die Zeit mußte kommen, da diese Haufen durch seine Pfanne rinnen und ihm in einem Dutzend Tage mehrere hunderttausend Dollar bringen mußten. Er saß oft in seiner Hütte, rauchte seine Pfeife und träumte – aber nicht von Goldstaub und Goldsand. Sie trafen sich häufig, da die Wege zu ihren Claims sich kreuzten, und im Frühling des Nordlands gibt es viel zu reden; aber nicht ein einziges Mal verrieten sie ihre Gefühle, weder durch einen Blick, noch durch ein unüberlegtes Wort. So war es anfangs. Eines Tages aber wurde Edwin Bentham brutal. So sind alle Knaben. Außerdem begann er jetzt, da er ein großer Mann am Franzosen-Hügel geworden war, sehr eingebildet zu werden und zu vergessen, daß er alles seiner Frau zu verdanken hatte. An diesem Tag hörte Wharton davon, suchte Grace Bentham auf und redete wirres Zeug. Das machte sie sehr glücklich, obwohl sie nichts davon hören wollte und ihm das Versprechen abnahm, nicht mehr so zu ihr zu sprechen. Ihre Stunde hatte noch nicht geschlagen.

Aber die Sonne kam voran auf ihrer Wanderung nach dem Norden, die Finsternis der Mitternacht wurde zu dem bleigrauen Schimmer der Dämmerung, der Schnee schmolz, das Eis war von Wasser bedeckt, und die Schmelze begann. Tag und Nacht glitt der gelbe Sand durch die schnellen Pfannen und zahlte den starken Männern aus dem Süden sein Lösegeld. In dieser geschäftigen Zeit schlug Grace Benthams Stunde. Für uns alle schlägt einmal eine solche Stunde – das heißt für die von uns, die nicht zu phlegmatisch sind. Einige Menschen sind gut, aber nicht aus eingewurzelter Liebe und Tugend, sondern aus reiner Faulheit. Wer schon schwache Augenblicke gehabt hat, wird das verstehen.

Edwin Bentham wog am Schanktisch in Forks Wirtschaft Goldstaub ab – viel von seinem Goldstaub ging diesen Weg –, als seine Frau die Böschung herabkam und in Clyde Whartons Hütte schlüpfte. Wharton hatte sie nicht erwartet, aber das tat nichts zur Sache, und viel Elend und müßiges Beraten wäre vermieden worden, hätte Pater Roubeau sie nicht gesehen und wäre vom Hauptweg abgebogen.

»Mein Kind –«

»Halt, Pater Roubeau! Obwohl ich nicht von Ihrem Glauben bin, habe ich doch Achtung vor Ihnen; aber treten Sie nicht zwischen diese Frau und mich!«

»Wissen Sie, was Sie tun?«

»Ob ich es weiß! Und wenn Sie Gott der Allmächtige wären und mich ins ewige Feuer werfen wollten, so würde ich mich Ihnen doch in dieser Sache widersetzen.«

Wharton hatte Grace einen Stuhl angeboten und stand kampfbereit vor ihr.

»Setzen Sie sich und bleiben Sie ruhig«, fuhr er, zum Jesuiten gewandt, fort. »Jetzt will ich zuerst Ihnen etwas sagen. Später können Sie sprechen.«

Pater Roubeau verbeugte sich höflich und gehorchte. Er war ein sanfter Mann und hatte gelernt, seine Zeit abzuwarten.

Wharton schob einen Stuhl neben den der jungen Frau und preßte ihre Hand ganz fest in der seinen.

»So hast du mich lieb und willst mich mitnehmen?«

Ihr Gesicht leuchtete vor Vertrauen zu dem Mann, bei dem sie Zuflucht gesucht hatte.

»Weißt du nicht, Liebste, was du vorhin gesagt hast? Selbstverständlich will ich –«

»Aber wie kannst du das? Das Auswaschen ...«

»Glaubst du, das hielte mich? Schlimmstenfalls übergebe ich alles Pater Roubeau. Ich kann es ihm überlassen, den Goldstaub bei der Bank der Kompanie einzuzahlen.«

»Aber so fortzugehen ... Ach, Clyde, ich kann nicht! Ich kann nicht!«

»Doch, doch; natürlich kannst du. Laß das nur meine Sorge sein. Sobald wir alles geordnet haben, brechen wir auf und ...«

»Aber wenn er zurückkehrt?«

»Ich zerschmettere jeden ...«

»Nein! Nein! Keinen Kampf, Clyde! Versprich mir das.«

»Also schön. Dann sage ich den andern, daß sie ihn rausschmeißen sollen. Sie haben gesehen, wie er dich behandelt hat, und sie haben nicht allzuviel für ihn übrig.«

»Das darfst du nicht; du darfst ihm nichts Böses tun.«

»Wie? Soll ich zusehen, wenn er hereinkommt und dich vor meinen Augen holt?«

»Nei–ein«, flüsterte sie und streichelte ihm die Hand.

»Dann überlaß es mir und kümmere dich nicht darum. Ich werde dafür sorgen, daß ihm nichts geschieht. Ein Wunder, daß er dir nichts getan hat! Wir gehen nicht wieder nach Dawson. Ich bitte ein paar Jungen, ein Boot auszurüsten und den Yukon hinaufzufahren. Wir überqueren die Wasserscheide und flößen den Indian-Fluß hinunter, um sie zu treffen. Dann ...«

»Dann?«

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Ihre Stimme sank zu einem sanften Flüstern, jedes Wort war eine Liebkosung. Der Jesuit rückte nervös hin und her.

»Und dann?« wiederholte sie.

»Ja dann staken wir hinauf, immer weiter, und umgehen die White-Horse-Schnellen und den Bax Cañon.«

»Ja?«

»Und dann kommen der Sixty-Mile-Fluß, die Seen Chilcoot, Dyea und endlich das Meer.«

»Aber, Liebster, ich kann kein Boot staken.«

»Du Gänschen! Ich nehme Setka Charley mit; er kennt jedes Fahrwasser, jeden Lagerplatz und ist der beste Führer, den ich je getroffen habe; er ist Indianer. Du hast nichts zu tun, als im Boot zu sitzen, zu singen, Cleopatra zu spielen und mit den – nein, wir haben Glück; es ist zu früh für Moskitos.«

»Und dann, Antony?«

»Und dann mit dem Dampfer nach San Francisco und in die Welt hinaus! Nie wieder zurück in dies verfluchte Loch. Schau! Die ganze Welt steht uns offen! Ich verkaufe alles. Oh, wir sind reich. Das Waldworth Syndikat gibt mir eine halbe Million für das, was noch im Boden steckt, und doppelt soviel liegt bei der P. C. Kompanie. Wir reisen zur Ausstellung nach Paris. Wir reisen nach Jerusalem, wenn du willst. Wir kaufen uns einen italienischen Palast, und du sollst Cleopatra spielen, soviel es dir Spaß macht. Nein, Lucretia sollst du sein, Acte, oder wonach dein Herz sehnt. Aber du darfst nicht, du darfst wirklich nicht ...«

»Cäsars Frau muß über jeden Vorwurf erhaben sein.«

»Natürlich, aber ...«

»Aber ich werde nicht deine Frau, nicht wahr, Liebster?«

»Das meinte ich nicht.«

»Aber deshalb wirst du mich doch ebenso liebhaben und nie denken – ach! Ich weiß, du bist ja doch wie die andern Männer; du wirst meiner überdrüssig und – und ...«

»Wie kannst du nur so was sagen? Ich ...«

»Versprich es mir.«

»Ja, ja; ich verspreche es.«

»Du sagst das so leichthin, Liebster; aber wie kannst du es wissen? Oder ich? Ich habe so wenig zu geben, und doch ist es so viel. Versprich mir, daß du mich nie verläßt!«

»Du mußt nicht jetzt schon zu zweifeln beginnen. Bis der Tod uns scheidet!«

»Das sagte ich auch einmal zu ihm – zu ihm, und jetzt?«

»Und jetzt, mein kleines Lieb, sollst du dir nicht mehr den Kopf zerbrechen. Natürlich werde ich dich nie, nie – und ...«

Zum erstenmal begegneten sich ihre zitternden Lippen.

Pater Roubeau hatte durch das Fenster gesehen, konnte es aber jetzt vor Spannung nicht mehr aushalten. Er räusperte sich und drehte sich um.

»Jetzt sind Sie an der Reihe, Pater!« Whartons Gesicht glühte nach der ersten Umarmung. In seiner Stimme war ein triumphierender Klang, als er jetzt vor dem andern zurücktrat. Er zweifelte nicht an dem Ergebnis, und das tat auch Grace nicht, denn ein Lächeln umspielte ihren Mund, als sie sich zum Priester wandte.

»Mein Kind«, begann er, »mein Herz blutet um Sie. Es ist ein schöner Traum, aber es kann nicht sein.«

»Und warum nicht, Vater? Ich habe ›ja‹ gesagt.«

»Sie wissen nicht was Sie tun. Sie haben nicht an den Eid gedacht, den Sie vor Gott gegenüber dem Manne ablegten, der Ihr Gatte ist. Meine Pflicht ist es, Ihnen die Heiligkeit eines solchen Versprechens klarzumachen.«

»Und wenn ich alles einsähe und mich doch weigerte?«

»Dann wird Gott ...«

»Was für ein Gott? Mein Mann hat einen Gott, den ich nicht anbeten will. Es muß viele solche Götter geben.«

»Kind, sagen Sie so etwas nicht! Ach, Sie meinen es gar nicht so. Ich verstehe Sie ja, ich habe selbst solche Augenblicke gehabt.« Seine Gedanken wanderten in sein Vaterland Frankreich zurück, und ein sehnsüchtiges, wehmütiges Antlitz trat zwischen ihn und die Frau, die vor ihm stand.

»Hat Gott mich denn verlassen, Vater? Ich bin nicht schlechter als andere Frauen. Mir ist es elend bei ihm ergangen. Warum soll es noch schlimmer werden? Warum darf ich nicht nach dem Glück greifen? Ich kann, ich will nicht zu ihm zurückkehren!«

»Wollen Sie lieber Gott verlassen? Kehren Sie zurück. Werfen Sie Ihre Bürde auf ihn, und die Finsternis wird sich lichten.«

»Nein, es hat keinen Zweck; ich muß liegen, wie ich mich gebettet habe. Ich gehe meinen Weg weiter. Und wenn Gott mich straft, so muß ich es eben tragen. Das verstehen Sie nicht. Sie sind kein Weib.«

»Meine Mutter war ein Weib.«

»Aber ...«

»Und Christus wurde von einem Weibe geboren.«

Sie antwortete nicht. Eine Stille trat ein. Wharton zerrte ungeduldig an seinem Schnurrbart und warf einen Blick auf den Weg hinaus. Grace stützte den Ellbogen auf den Tisch, ihr Gesicht zeigte Entschlossenheit. Das Lächeln war verschwunden. Pater Roubeau änderte seine Taktik.

»Haben Sie Kinder?«

»Einmal wünschte ich es – aber jetzt – nein, Gott sei Dank, nicht.«

»Sie haben eine Mutter?«

»Ja.«

»Die Sie liebt?«

»Ja«, flüsterte sie.

»Und einen Bruder? Aber nein, er ist ein Mann. Doch eine Schwester?«

Sie nickte, und ihr Haupt sank herab.

»Die jünger ist? Wieviel?«

»Sieben Jahre.«

»Und Sie haben sich alles wohl überlegt? Haben an sie gedacht? An Ihre Mutter? Ihre Schwester? Sie steht auf der Schwelle des Alters, da sie erwachsen sein wird, und das, was Sie jetzt tun wollen, bedeutet vielleicht viel für sie. Könnten Sie jetzt vor sie hintreten, ihr in das frische, junge Gesicht blicken, ihre Hand halten oder Ihre Wangen an die ihre legen?«

Bei seinen Worten erwachten tausend Erinnerungen in ihr, sie rief: »Nein! Nein!« und wich zurück wie ein Wolfshund vor der Peitsche.

»Aber all das müssen Sie bedenken, und besser jetzt als später.«

Seine Augen, die sie nicht sehen konnte, drückten unendliches Mitleid aus, seine gespannten Züge aber waren unnachsichtig. Sie hob den Kopf vom Tisch, drängte die Tränen zurück und kämpfte, um sich zu beherrschen.

»Ich gehe trotzdem fort. Sie werden mich nie wiedersehen, und Sie werden mich vergessen. Für Sie werde ich tot sein. Ich gehe mit Clyde – heute noch.«

Es schien unwiderruflich. Wharton trat auf sie zu, aber der Priester hielt ihn durch einen Wink zurück.

»Sie haben sich Kinder gewünscht?«

Sie nickte.

»Und darum gebetet?«

»Oft.«

»Und haben Sie daran gedacht, was würde, wenn Sie jetzt Kinder bekämen?« Pater Roubeaus Augen weilten einen Augenblick auf dem Mann am Fenster.

Ein lichter Schimmer glitt über ihr Gesicht. Dann ging ihr die Bedeutung der Worte auf. Sie hob flehend die Hand, aber er fuhr fort: »Können Sie sich ein unschuldiges Kind in Ihren Armen vorstellen? Einen Knaben? Gegen ein Mädchen ist die Welt so hart. Ach, Ihre Seele würde von Bitternis erfüllt werden! Und könnten Sie stolz auf Ihren Knaben sein und sich über ihn freuen, wenn Sie andere Kinder sähen?«

»Oh, haben Sie Mitleid! Schweigen Sie!«

»Ein armer Ausgestoßener ...«

»Nein! Nein! Ich will umkehren!« Sie lag zu seinen Füßen.

»Ein Kind, das ohne bösen Gedanken aufwächst, aber eines Tages schleudert ihm die Welt ihre Verachtung ins Gesicht!«

»Ach, mein Gott! Mein Gott!«

Sie umklammerte seine Knie. Der Priester seufzte und hob sie auf.

Wharton wollte sie an sich reißen, aber sie schob ihn zurück.

»Komm mir nicht nahe, Clyde! Ich gehe wieder zurück!«

Die Tränen strömten ihr über die Wangen, ohne daß sie sie zurückzudrängen versuchte.

»Nach allem, was geschehen ist? Das kannst du nicht! Ich gebe es nicht zu!«

»Rühr mich nicht an!« Sie wich zitternd zurück.

»Aber ich will es! Du bist mein! Hörst du? Du bist mein!« Er wandte sich zornig gegen den Priester. »Was für ein Narr war ich, daß ich Sie Ihre glatten Worte sprechen ließ! Danken Sie Gott, daß Sie kein gewöhnlicher Mann sind, sonst ... Aber das Vorrecht des Priesters muß gewahrt werden, nicht wahr? Sie haben es gewahrt, und jetzt verlassen Sie mein Haus, oder ich vergesse, wer und was Sie sind!«

Pater Roubeau verbeugte sich, ergriff ihre Hand und zog sie zur Tür. Aber Wharton trat ihnen in den Weg, »Grace! Du hast gesagt, daß du mich liebst.«

»Ja.«

»Und jetzt?«

»Jetzt auch.«

»Sag es noch, einmal.«

»Ich liebe dich, Clyde; ich liebe dich.«

»Da sehen Sie, Pfaffe!« rief er. »Sie haben es gehört. Und da wollen Sie sie zurückschicken, daß sie ein Leben in Lüge, ein Leben in der Hölle mit diesem Mann führt?«

Aber Pater Roubeau schob die Frau in das Hinterzimmer und verschloß die Tür. »Kein Wort!« flüsterte er Wharton zu und setzte sich auf den erstbesten Stuhl. »Vergessen Sie nicht, es ist ihretwegen«, fügte er hinzu.

Der Raum hallte wider von einem derben Pochen an die Tür; dann wurde die Klinke herabgedrückt, und Edwin Bentham trat ein. »Haben Sie meine Frau nicht gesehen?« fragte er, sobald sie sich begrüßt hatten.

Die beiden schüttelten den Kopf.

»Ich sah ihre Spur bei der Hütte«, fuhr er prüfend fort. »Sie bog vom Hauptweg ab und führte geradewegs hierher.«

Seine Zuhörer sahen aus, als ginge sie das alles nichts an.

»Und ich – ich dachte ...«

»Daß sie hier wäre!« donnerte Wharton.

Der Priester brachte ihn durch einen Blick zum Schweigen.

»Haben Sie ihre Spur hier zur Hütte führen sehen, mein Sohn?« Der schlaue Pater Roubeau – als er vor einer Stunde denselben Weg gekommen war, hatte er sorgfältig alle Spuren getilgt.

»Ich habe nicht nachgesehen – ich ...« Seine Augen hafteten mißtrauisch auf der Tür zum andern Zimmer und wandten sich dann fragend zum Priester.

Der schüttelte den Kopf; aber der Zweifel schien in der Luft zu liegen.

Pater Roubeau betete ein kurzes stilles Gebet und erhob sich. »Wenn Sie mir nicht glauben, bitte ...« Er tat, als wolle er die Tür öffnen.

Ein Priester konnte nicht lügen. Edwin Bentham hatte das zu oft gehört, um es nicht zu glauben.

»Nein, natürlich, Pater Roubeau«, sagte er schnell. »Ich wußte nicht, wo meine Frau hingegangen war, und dachte, sie sei vielleicht ... Ich nehme an, sie ist zu Frau Stanton nach French Gulch gegangen. Schönes Wetter, nicht wahr? Haben Sie das Neueste gehört? Das Mehl ist auf vierzig Dollar den Zentner gestiegen, und es heißt, daß die Chechapuas scharenweise den Fluß heraufkommen. Aber ich muß fort! Auf Wiedersehen.«

Die Tür schlug zu, und durch das Fenster sahen sie ihn den Weg nach French Gulch einschlagen.

*

Wenige Wochen später, kurz nach dem Hochwasser im Juni, ruderten zwei Männer ein Kanu mitten in den Strom und banden es an einem treibenden Stamm fest. Der zog wie ein Schlepper das kleine Boot an straffer Leine hinter sich her. Pater Roubeau hatte Order erhalten, das Oberland zu verlassen und zu seinen dunkelhäutigen Kindern in Minook zurückzukehren. Bei denen hatten sich die weißen Männer niedergelassen, und die opferten jetzt von ihrer Zeit zu wenig dem Fischfang und zuviel einer gewissen Gottheit, die vorübergehend in unzähligen schwarzen Flaschen wohnte. Auch Malemute Kid hatte im Unterland zu tun, und so reisten sie zusammen.

Nur ein Mann im ganzen Nordland kannte Paul Roubeau, und das war Malemute Kid. Vor ihm allein warf der Priester sein heiliges Gewand ab und stand in voller Blöße da. Und warum nicht? Diese beiden Männer kannten sich. Hatten sie nicht den letzten Bissen Fisch, die letzte Prise Tabak, den letzten und geheimsten Gedanken miteinander geteilt – am öden Strand der Beringsee, in den aufreibenden Labyrinthen des Großen Deltas, auf der schrecklichen Winterreise von Point Barrow nach Porcupine!

Pater Roubeau hatte die sauer verdiente Pfeife im Mund, paffte mächtig und starrte in die Sonne, die von Dunst verschleiert rot und unheimlich am Rand des nördlichen Horizonts glomm.

Malemute Kid zog die Uhr.

Es war Mitternacht.

»Kopf hoch, Alter!«

Kid nahm offenbar einen abgerissenen Faden wieder auf.

»Eine solche Lüge wird Gott sicher vergeben. Laß mich dir die Worte eines Mannes sagen, der immer ins Schwarze traf:

›Hat sie ein Wort nur gesagt / so denk: dein Mund ist versiegelt,
Und gebrandmarkt ist er / der das Geheimnis nicht barg.
Kommt einst Herward in Not / ihn rettet die schwärzeste Lüge,
Lüg, solange du kannst / und solange dich einer nur hört.‹«

Pater Roubeau nahm die Pfeife aus dem Mund und überlegte. »Der Mann spricht die Wahrheit, aber das ist es nicht, was meine Seele beunruhigt. Die Lüge und die Strafe dafür stehen bei Gott; aber – aber ...«

»Was denn? Deine Hände sind rein.«

»Nein, Kid. Ich habe viel darüber nachgedacht, und das eine bleibt. Ich wußte Bescheid und schickte sie doch zurück.«

Das klare Singen eines Rotkehlchens ertönte vom bewaldeten Ufer, ein Rebhuhn rief in der Ferne, ein Elch stapfte lärmend in den Strom, aber die beiden Männer rauchten schweigend weiter.

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