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Nordlandgeschichten

Jack London: Nordlandgeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJack London
titleNordlandgeschichten
publisherUllstein
yearo.J.
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der König und sein Schamane

Die Zuverlässigkeit von Thomas Stevens mag als unbekannte Größe gelten und seine Einbildungskraft die eines normalen Mannes hundertfach übersteigen – aber das eine muß man ihm wenigstens lassen: Nie hat er ein Wort gesagt oder eine Tat berichtet, die ihn ohne weiteres als tatsächlichen Lügner gebrandmarkt hätte. Möglich, daß er bisweilen bis an die Grenze der Wahrscheinlichkeit ging, aber man muß zugeben, daß das Gefüge seiner Erzählungen nie einen Sprung aufwies. Kein Mensch kann leugnen, daß er das Nordland wie seine Tasche kannte. Daß er ein großer Wanderer war und seinen Fuß auf unzählige unbekannte Pfade setzte, wird durch viele Beweise bekräftigt. Ganz abgesehen von meinen persönlichen Erfahrungen weiß ich, daß viele Männer ihn rings in der Welt getroffen haben, im großen ganzen aber stets an den Grenzen des Niemandslandes. Da war Johnson, der frühere Faktoreileiter der Hudson Bay Company, der ihn in seiner Faktorei in Labrador beherbergte, bis seine Hunde ein bißchen ausgeruht waren und er wieder imstande war, weiterzureisen. Oder McMahon, der Vertreter der Alaskaer Handelsgesellschaft, der ihn mehrfach in Dutch Harbour getroffen hatte und ihn später auf irgendeiner Insel der Alëuten sah. Es war nicht zu bestreiten, daß er eine der ersten Vermessungsexpeditionen der USA geleitet hatte, und die Geschichte bestätigt tatsächlich, da er auch in der Western Union arbeitete, als sie den Versuch machte, eine Telegraphenlinie durch Alaska und Sibirien zu legen. Ferner war da der Walfängerkapitän Joe Lamson, der, vom Eis eingeschlossen, in der Mündung des Mackenzie lag und ihn als Gast an Bord hatte, als er gekommen war, um Tabak zu kaufen.

Gerade diese Begegnung beweist unumstößlich, daß es sich wirklich um Thomas Stevens handelte. Er forschte ewig und unermüdlich nach Tabak. Ehe wir uns noch richtig kannten, hatte ich schon gelernt, ihn mit der einen Hand zu begrüßen und ihm gleichzeitig mit der anderen den Tabaksbeutel zu reichen. Als ich ihn aber nachts in der Wirtschaft von John O'Brien in Dawson traf, war sein Kopf in die Rauchwolken einer Fünfzig-Cents-Zigarre gehüllt, und statt meines Tabakbeutels bat er um meinen Goldbeutel. Wir standen am Pharaotisch, und er setzte immerfort auf die »höchste Karte.«

»Fünfzig«, sagte er, und der Croupier nickte bloß. Die Karte wurde aufgelegt, und er gab mir meinen Beutel wieder, verlangte eine Abrechnung und zog mich mit zur Waage, wo der Angestellte ihm gleichmütig fünfzig Dollar in Goldstaub auszahlte.

»Und jetzt wollen wir einen trinken«, sagte er, als wir dann an der Bar standen, und hob sein Glas. »Das erinnert mich an ein Gesöff, das ich mal oben in Tattarat zusammengebraut habe. Nein, Sie kennen den Ort nicht, und er ist auch auf keiner Karte verzeichnet. Er liegt am Rande des Nördlichen Eismeers, viele hundert Meilen von der amerikanischen Küste entfernt, und es leben dort ungefähr ein halbes Tausend gottverfluchte Seelen, die heiraten, Kinder kriegen, zwischendurch darben und schließlich verrecken. Die Forschungsreisenden haben sie übersehen, und auch bei der Volkszählung von 1890 sind sie nicht berücksichtigt worden. Ein Walfänger wurde dort mal vom Eis eingeschlossen, aber die Mannschaft, die über das Eis an Land ging, wanderte südwärts, und man hat nie wieder etwas von ihr gehört.«

»Aber es war eine große Sache, die wir da brauten, Moosu und ich«, fügte er einen Augenblick später mit der allerleisesten Andeutung eines Seufzers hinzu.

Ich wußte, daß sich hinter diesem Seufzer große Taten und wilde Geschehnisse verbargen. Ich zog ihn deshalb in eine Ecke zwischen einem Roulett- und einem Pokertisch und wartete ab, bis seine Zunge auftauen würde.

»Ich hatte nur einen Einwand gegen Moosu«, begann er und hob unwillkürlich nachdenklich den Kopf. »Einen Einwand und nur den einen. Er war Indianer und stammte von der Grenze des Tchippewählandes, aber das Schlimme war, daß er verschiedene Bruchstücke aus der Bibel aufgelesen hatte. Er hatte einen Sommer in einem Lager mit einem französischen Renegaten, der Theologie studierte, gelebt. Moosu hatte nie das Christentum in Wirklichkeit erlebt, und sein Kopf war ganz vollgestopft mit Wundern und Schlachten, Gottes Fügung und allen möglichen anderen Geschichten, die er nicht verstand. Im Übrigen war er ein ausgezeichneter Bursche und ein tüchtiger Mann, sowohl unterwegs wie am Feuer.

Wir hatten eine schwere Zeit hinter uns, und es ging uns verdammt dreckig, als wir unerwartet in Tattarat hineinstolperten. Unsere Ausrüstung und unsere Hunde hatten wir verloren, als wir bei einem Herbststurm eine Wasserscheide überschritten, und unsere Mägen waren leer und die Kleider die reinen Lumpen, als wir im Fort angekrochen kamen. Sie waren gar nicht so sehr verwundert, als sie uns sahen – wegen der Waljäger –, aber sie gaben uns die schlechteste Hütte zum Wohnen und den schlimmsten Dreck, den sie hatten, zum Essen. Was mir damals als sehr merkwürdig auffiel, war, daß sie uns in strengster Absonderung hielten. Aber Moosu erklärte mir den Zusammenhang.

›Schamane krank tumtum‹, sagte er und meinte damit, daß der Schamane oder Medizinmann eifersüchtig war und dem Volk gesagt hatte, daß es nicht mit uns verkehren durfte. Aus dem Wenigen, was er von den Walfängern gesehen hatte, wußte er, daß meine Rasse stärker und weiser war, und folglich hatte er als Schamane so gehandelt, wie die Schamanen auf der ganzen Welt handeln. Bevor ich fertig bin, werden auch Sie erkannt haben, wie nahe er der Wahrheit kam.

›Diese Leute haben ein Gesetz‹, sagte Moosu, ›daß jeder, der Fleisch ißt, auch auf die Jagd gehen muß. Wir beide, o Herr und Meister, wissen nicht sehr geschickt mit den Waffen dieses Landes umzugehen, wir können nicht mit Bogen schießen und mit Speeren nach der bewährten Weise werfen. Deshalb haben der Schamane und Tummasook, der Häuptling, die Köpfe zusammengesteckt und bestimmt, daß wir mit den Frauen und Kindern zusammen das Fleisch ins Dorf bringen und für die Bedürfnisse der Jäger sorgen sollen.‹

›Das ist sehr unrecht‹, sagte ich zu ihm. ›Denn wir sind Männer, die besser sind als diese Menschen, die in der Finsternis wandeln, Moosu. Außerdem wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, denn der Weg nach dem Süden ist weit und hoffnungslos für den Schwachen.‹

›Aber wir haben ja nichts‹, wandte er ein und sah sich in dem zerfallenen Iglu um; der Gestank von dem alten Walfleisch, das unser Abendessen ausgemacht hatte, füllte unsere Nasen mit Ekel. ›Bei diesem Essen können wir uns nie erholen. Wir haben nichts als die Flasche mit dem ›Schmerzenstöter‹, die unsere Leere nicht füllen kann. Wir müssen uns deshalb unter das Joch der Ungläubigen beugen und Wasser holen und Brennholz schlagen. Und doch gibt es herrliche Dinge hier am Ort, die wir nicht haben und nicht bekommen können. O Herr, nie hat meine Nase mich belogen, und ich bin ihr nach geheimen Verstecken und zu den Pelzhaufen in den Iglus gefolgt. Guten Proviant hat dieses Volk den armen Walmännern entlockt, und diese Lebensmittel sind nur in wenige Hände verteilt. Das Weib Ipsukuk, das am anderen Ende des Dorfes neben der Hütte des Häuptlings wohnt, besitzt sehr viel Mehl und Zucker, und soeben haben meine Augen mir von dem Sirup erzählt, mit dem sie sich das Gesicht beschmiert hat. Und in dem Iglu des Häuptlings Tummasook gibt es sogar Tee – habe ich nicht gesehen, wie das alte Schwein sich damit vollsoff? Und der Schamane besitzt eine ganze Kiste ›Star‹ und zwei Pakete prima Rauchtabak. Und was haben wir? Nichts. Gar nichts!‹

Ich war aber ganz gelähmt bei dem Gedanken an den Tabak, den er erwähnt hatte, und vermochte nichts zu sagen.

Moosu brach das Schweigen und sprach von dem, was seine Sehnsucht war: ›Und dann ist da Tukelitha, die Tochter eines großen Jägers und reichen Mannes. Ein herrliches Mädchen. Wirklich, ein sehr schönes Mädchen.‹

Die ganze Nacht zerbrach ich mir den Kopf, während Moosu schnarchte, denn ich konnte den Gedanken an den Tabak, der so nahe war, und den ich doch nicht rauchen konnte, nicht ertragen. Es stimmte ja: wir hatten nichts. Aber dennoch wurde mir unser Weg klar, und als der Morgen gekommen war, sagte ich zu ihm: ›Geh auf die Straße hinaus, wie du zu tun pflegst, und verschaffe mir irgendeinen Knochen, der wie ein Gänsehals gebogen sein muß und dazu hohl ist. Geh demütig und bescheiden umher, aber halte die Augen offen und sieh, wo die Töpfe und Pfannen und Kochgeräte liegen. Und vergiß nicht, daß ich die Weisheit des weißen Mannes besitze. Tu alles, was ich dir befehle, und tu es sicher und schnell.‹

Als er gegangen war, stellte ich die Lampe mit Walöl mitten in den Iglu und schob die zerlumpten Pelzdecken beiseite, um Platz zu bekommen. Dann nahm ich sein Gewehr auseinander, legte den Lauf so, daß er leicht zu ergreifen war, und flocht viele Dochte aus der Pappelwolle, die die Frauen im Sommer sammeln. Als er wiederkam, brachte er mir den Knochen, um den ich gebeten hatte, und teilte mir auch mit, daß im Iglu des Häuptlings Tummasook eine Fünfliterkanne Petroleum und ein großer Kupferkessel standen. Deshalb sagte ich, daß er gut gearbeitet hätte und daß wir uns für den Rest des Tages ruhig verhalten könnten. Aber als es Mitternacht geworden war, hielt ich ihm eine längere Rede.

›Dieser Häuptling Tummasook hat also einen Kupferkessel und eine Petroleumkanne.‹ Ich legte gleichzeitig einen von den Wellen glatt und rund gewaschenen Stein in seine Hand. ›Das Lager ist still, und die Sterne flimmern am Himmel. Geh jetzt, krieche ganz leise in die Hütte des Häuptlings und wirf ihm diesen Stein auf den Bauch, aber hart! Laß das Fleisch und die guten Lebensmittel der kommenden Tage Kraft in deinen Arm legen. Es wird Aufruhr und Geschrei geben, und das ganze Dorf wird auf die Beine kommen. Aber fürchte dich nicht. Verhülle deine Bewegungen und verschwinde in der Dunkelheit der Nacht und der Verwirrung der Männer. Und wenn das Weib Ipsukuk – sie, die ihr Gesicht mit Sirup beschmiert – in deiner Nähe ist, dann schlage sie auch und so jeden, der Mehl besitzt und in deine Nähe kommt. Dann erhebe deine Stimme in Schmerz und Qual, krümme dich mit geballten Fäusten und gib Zeichen, daß auch du von der Prüfung in dieser Nacht heimgesucht worden bist. Auf diese Weise werden wir Ehre und großen Reichtum erwerben und auch die Kiste mit ›Star‹ und den feinen Tabak und deine Tukelitha, die ein liebes Mädel ist.‹

Als er gegangen war, um den Auftrag auszuführen, wartete ich geduldig in der Hütte, und der Tabak schien mir in großer Nähe zu sein. Dann hörte man einen Angstschrei durch die Nacht, worauf wilde Unruhe entstand und sich gegen den Himmel erhob. Ich ergriff den ›Schmerztöter‹ und stürzte hinaus. Es gab viel Lärm und Wimmern unter den Frauen, und die Furcht drückte alle schwer. Tummasook und das Weib Ipsukuk wälzten sich in Schmerzen am Boden und viele andere mit ihnen, darunter auch Moosu. Ich schleuderte alle beiseite, die sich vor meinen Füßen wälzten, und setzte Moosu die geöffnete Flasche an den Mund. Sofort befand er sich wieder wohl und hörte auf zu heulen. Hierauf riefen alle anderen Leidenden nach der Flasche. Aber ich hielt ihnen eine Rede, und ehe sie kosten durften und geheilt wurden, hatte ich Tummasook seinen kupfernen Kessel und seine Kerosinkanne, dem Weibe Ipsukuk ihren Zucker und Sirup, den anderen Kranken viel Mehl abgeknöpft. Der Schamane warf denen, die um mich herum lagen, böse Blicke zu, wenn er auch sein Staunen kaum verhehlte. Ich aber hielt den Kopf hoch, und Moosu ächzte unter der Beute, als er mich nach unserer Hütte begleitete.

Hier machte ich mich gleich an die Arbeit. In Tummasooks kupfernem Kessel mischte ich drei Quart Weizenmehl mit fünf Viertelgallonen Sirup und tat zwanzig Quart Wasser hinzu. Dann stellte ich den Kessel in die Nähe der Lampe, damit der Inhalt in der Wärme gor und stark wurde. Moosu verstand mich und erklärte, meine Weisheit überträfe allen Verstand und wäre größer als die Salomons, von dem er gehört hätte, daß er ein sehr weiser Mann in alten Zeiten gewesen sei. Die Petroleumkanne setzte ich über die Lampe, befestigte an ihrer Tülle ein Mundstück und steckte den Knochen hinein, der wie ein Schwanenhals gebogen war. Ich ließ Moosu Eis zerschlagen, verband unterdessen den Lauf seiner Büchse mit dem Schwanenhals und häufte dann um die Mitte des Laufs das Eis auf, das er zerschlagen hatte. Und ans andere Ende des Gewehrlaufs – also außerhalb der Eispackung – stellte ich einen kleinen eisernen Topf. Als das Gebräu stark genug war (es dauerte zwei Tage, bevor es auf eigenen Füßen stehen konnte), goß ich es in die Petroleumkanne und zündete die Dochte an, die ich gedreht hatte.

Als alles fertig war, sagte ich zu Moosu: ›Geh und besuche die vornehmsten Männer des Dorfes, überbringe ihnen meinen Gruß und lade sie ein, in meine Hütte zu kommen und die Nacht mit mir und den Göttern zu verbringen.‹

Das Gebräu summte schon heiter, als sie den ledernen Vorhang beiseite schoben und in meinen Iglu gekrochen kamen. Ich war gerade dabei, viel zerkleinertes Eis um den Gewehrlauf zu legen. Aus dem Loch am Ende kochte es über, und tripp, tripp, tripp tropfte die Flüssigkeit in den eisernen Topf. Schnaps, verstehen Sie. Aber die Leute hatten nie etwas Ähnliches gesehen, und sie kicherten aufgeregt, als ich ihnen eine Rede über die hervorragenden Eigenschaften dieses Getränkes hielt. Während ich sprach, bemerkte ich die Eifersucht in den Augen des Schamanen. Als ich fertig war, setzte ich ihn deshalb neben Tummasook und das Weib Ipsukuk. Dann gab ich ihnen zu trinken, und ihre Augen wurden feucht und ihre Mägen warm, bis sie keine Furcht mehr hatten, sondern gierig um mehr baten. Als ich sie auf diese Weise angekurbelt hatte, wandte ich mich zu den anderen. Tummasook begann damit zu prahlen, daß er einmal einen Eisbär getötet hatte, und er machte dabei so eifrige Bewegungen, daß er beinahe den Bruder seiner Mutter geschlagen hätte. Aber keiner achtete darauf. Das Weib Ipsukuk weinte über einen Sohn, den sie vor Jahren auf dem Eis verloren hatte, und der Schamane begann zu beschwören und zu prophezeien. So ging es weiter, und noch ehe es Morgen geworden war, lagen sie alle berauscht auf der Erde und schliefen laut schnarchend bei den Göttern.

Die Geschichte ist klar, nicht wahr? Die Neuheit von dem magischen Getränk verbreitete sich schnell. Es war zu seltsam, um es mit Worten zu erklären. Die Zunge konnte nur einen kleinen Teil der Wunder berichten, die es vollbracht hatte. Es befreite von Schmerzen, milderte die Trauer, brachte die Erinnerung an vergangene Zeiten wieder, machte alte, längst verstorbene Menschen und vergessene Träume wieder lebendig. Es war ein Feuer, das sich ins Blut fraß, und brannte, ohne zu verbrennen. Es stärkte das Herz und steifte den Rücken und machte Männer zu mehr als Menschen. Es enthüllte die Zukunft und schenkte Geschichten und Prophezeiungen. Es war übervoll von Weisheit und enthüllten Geheimnissen. Der Dinge, die es vollbringen konnte, war kein Ende, und es dauerte nicht lange, so schrien alle, daß sie bei den Göttern schlafen wollten. Sie brachten ihre wärmsten Pelze, ihre stärksten Hunde, ihr bestes Fleisch. Aber ich verkaufte den Schnaps mit Verstand, und nur der Wunsch derer wurde erfüllt, die mir Mehl, Sirup und Zucker brachten. Und solche Mengen strömten herbei, daß ich Moosu befahl, eine eigene Hütte zu bauen, die alles aufnehmen konnte, denn in meinem Iglu war bald kein Platz mehr. Ehe drei Tage vergangen waren, war Tummasook ruiniert. Der Schamane, der sich nach der ersten Nacht nie mehr als halb betrank, beobachtete mich scharf und versuchte, hinter mein Geheimnis zu kommen.

Aber ehe zehn Tage vergangen waren, hatte selbst das Weib Ipsukuk alles fortgegeben und mußte elend und taumelnd nach Hause gehen. Moosu aber beklagte sich: ›O Meister und Herr‹, sagte er. ›Wir haben große Reichtümer an Sirup und Zucker und Mehl gesammelt, aber unsere Hütte ist immer noch schmutzig, unsere Kleider sind dünn und unsere Schlafsäcke räudig. Der Magen schreit nach einem Fleisch, dessen Gestank nicht die Sterne des Himmels beleidigt, und nach Tee von der Art, wie Tummasook ihn säuft, und ich habe große Sehnsucht nach dem Tabak Newaks, welcher Schamane ist und Pläne schmiedet, um uns zu vernichten. Ich habe Mehl, daß einem übel werden kann, und Zucker und Sirup ohne Grenzen – und dennoch ist das Herz Moosus traurig, sein Bett ist leer ...‹

›Still‹, antwortete ich. ›Du hast nur einen schwachen Verstand und bist ein Trottel. Geh leise und warte ab, wir werden alles haben. Nehmen wir jetzt, so bekommen wir nur wenig, und zum Schluß wird es gar nichts sein. Du bist nur ein Kind gegen die Weisheit weißer Männer. Halte deinen Mund und warte ab, ich werde dir die Wege zeigen, die meine Brüder in fernen Ländern gehen, und wenn sie diese Wege gehen, raffen sie alle Reichtümer der Welt zusammen. Das ist es, was man Geschäft nennt – und was verstehst du vom Geschäft?‹

Aber am nächsten Tag kam er atemlos in die Hütte gelaufen. ›O Meister, etwas Seltsames habe ich in der Hütte Newaks, des Schamanen, erblickt. Jetzt sind wir verloren und haben weder die warmen Pelze getragen, noch den guten Tabak gekostet, und alles ist die Folge davon, daß du so auf Zucker und Mehl versessen bist. Geh selber hin und überzeuge dich, während ich das Gebräu überwache.‹

Also ging ich zur Hütte Newaks. Und bei Gott, er hatte seine eigene Destille, die mit kundiger Hand der meinen nachgebildet war. Als er mich erblickte, konnte er seinen Triumph kaum verbergen. Denn er war ein kluger Mann, und wenn er sich in meinem Iglu aufgehalten hatte, war sein Schlaf nicht fest gewesen.

Ich aber war gar nicht beunruhigt, denn ich wußte, was ich wußte, und als ich wieder in meinem Iglu war, sang ich Moosu ein neues Lied vor und sagte: ›Glücklicherweise hat unter diesem Volk das Eigentumsrecht Gültigkeit, wenn es auch sonst nur mit wenigen menschlichen Einrichtungen gesegnet ist. Dank dieser Verehrung des Eigentumsrechts werden du und ich fett werden und dazu noch andere Einrichtungen bei ihnen einführen, die andere Völker erst nach langen Leiden und schwerer Arbeit geschaffen haben.‹

Aber Moosu verstand mich nur halb, bis der Schamane eines Tages kam und mit funkelnden Augen und drohendem Klang in der Stimme verlangte, daß ich mit ihm ein Tauschgeschäft machen sollte. ›Denn siehst du‹, schrie er, ›es gibt keinen Sirup und keinen Zucker mehr im Dorf. Du hast alles meinem Volk, wenn es bei deinen Göttern schlief, mit schlauer Hand abgenommen, und jetzt haben sie nichts als dicke Köpfe und weiche Knie und einen Durst nach kaltem Wasser, den sie nicht stillen können. Das ist nicht gut, und meine Stimme hat Macht unter ihnen, so daß es für dich gesund wäre, wenn du mit mir Handel triebest und Mehl und Zucker mit mir tauschtest, wie du es mit ihnen getan hast.‹

Ich gab ihm Antwort: ›Deine Rede ist eine gute Rede, und Weisheit wohnt in deinem Mund. Wir werden Tauschhandel miteinander treiben. Für dieses Mehl und diesen Sirup gibst du mir deine Kiste ›Star‹ und zwei Pakete Tabak.‹

Moosu seufzte, und als das Geschäft erledigt und der Schamane verschwunden war, machte er mir Vorwürfe: ›Jetzt sind wir dank deiner Verrücktheit ganz verloren. Newak macht auf eigene Rechnung Schnaps, und wenn die Zeit reif ist, wird er dem Volk befehlen, keinen anderen Schnaps als seinen zu trinken. Auf diese Weise sind wir erledigt und unsere Waren wertlos, unsere Hütte widerlich und das Bett Moosus kalt und leer!‹

Ich gab ihm zur Antwort: ›Beim Leibe des Wolfs sage ich dir, daß du ein Tor bist und daß dein Vater es vor dir war und daß deine Kinder es nach dir bleiben werden, und zwar bis zur letzten Generation. Deine Weisheit ist schlimmer als gar keine Weisheit, und deine Augen sind blind, wenn es sich um das Geschäft handelt, von dem ich gesprochen habe und von dem du nichts verstehst. Geh, du Sohn von tausend Narren, trinke von dem Schnaps, den Newak in seiner Hütte braut, und danke deinen Göttern, daß hinter dir die Weisheit eines weißen Mannes steht, die das Bett, in dem du liegst, weich macht. Geh – und wenn du getrunken hast, dann komm wieder, während du noch den Geschmack auf den Lippen hast, damit ich Bescheid weiß ...‹

Zwei Tage später schickte Newak mir Gruß und Einladung, in sein Iglu zu kommen. Moosu ging hin, aber ich blieb allein sitzen, das Summen der Destille in meinen Ohren und die Luft dick vom Tabak des Schamanen. Denn der Absatz war nur gering an diesem Abend, und kein anderer als Angeit, ein junger Jäger, der mir Vertrauen schenkte, kam zu mir. Später kehrte Moosu zurück. Seine Rede war ganz unverständlich vom Kichern, und seine Augen zwinkerten vor Vergnügen.

›Du bist ein großer Mann‹, sagte er. ›Du bist wahrhaftig ein großer Mann, o Meister, und dank deiner Größe wirst du deinen Diener Moosu nicht schelten, weil er oft zweifelt und nicht immer versteht!‹

›Und warum denn jetzt?‹ fragte ich. ›Hast du zuviel getrunken? Und schlafen sie alle tief im Iglu Newaks, des Schamanen?‹

›Nein, sie sind alle zornig und krank. Und Häuptling Tummasook hat seine Daumen in die Kehle Newaks gedrückt und bei den Knochen seiner Vorfahren geschworen, daß er sein Gesicht nie mehr anblicken werde. Denn sieh! Ich kam in den Iglu, und das Gebräu kochte und zischte, der Dampf wanderte durch den Schwanenhals, genau wie der Dampf bei dir wurde auch er, sobald er das Eis traf, zu Wasser und träufelte dann in den Topf am andern Ende. Und Newak gab uns zu trinken, aber sieh, es war nicht wie dein Getränk, denn es brannte nicht auf der Zunge und brachte nicht die Augen zum Rollen und, um die Wahrheit zu sagen, es war nur Wasser. So tranken wir also, und wir tranken überaus viel, aber wir saßen immer noch mit kalten Herzen und feierlich da. Newak war ganz verblüfft, und über seine Brauen legte sich eine Wolke. Er wählte Tummasook und Ipsukuk von allen aus, nahm sie beiseite und lud sie ein, zu trinken, zu trinken und immer wieder zu trinken. Sie tranken auch und saßen doch kalt und feierlich da, bis Tummasook im Zorn aufstand und die Pelze und den Tee zurückforderte, die er bezahlt hatte. Auch Ipsukuk erhob ihre Stimme, kreischend und zornig. Und die ganze Gesellschaft forderte alles, was sie gegeben hatte, zurück. Es herrschte große Erregung.‹

›Glaubt denn dieser Hundesohn, daß ich ein Walfisch bin?‹ fragte Tummasook, als er den Türvorhang beiseite schob und aufrecht dastand. Und sein Gesicht war dunkel, seine Brauen waren zornig. ›Ich bin voll wie eine Fischblase, zum Bersten voll; ich kann kaum gehen, weil ich ein so großes Gewicht in mir trage. Ach! Ich habe getrunken wie noch nie in meinem Leben, und doch sind meine Augen klar, meine Knie stark, und meine Hand ist sicher.‹

›Der Schamane ist nicht imstande, uns bei den Göttern schlafen zu lassen‹, klagte das Volk, das zu uns hereinströmte. ›Nur in deinem Iglu wird es uns ermöglicht.‹

Ich lachte vor mich hin, als ich den Schnaps anbot und die Gäste fröhlich wurden. Denn in mein Mehl, das ich dem Newak verkauft hatte, hatte ich Soda gemischt, das ich von dem Weib Ipsukuk bekommen hatte. Wie hätte das Gebräu also gären können, wenn das Soda es in Ruhe hielt? Und wie hätte sein Schnaps Schnaps werden können, wenn er nicht gor?

Von diesem Augenblick an strömte der Reichtum ohne Pause und ohne Hindernis in unsere Hütte. Wir bekamen Pelze ohne Zahl und Handarbeiten der Frauen, den ganzen Tee des Häuptlings und Fleisch ohne Ende. Eines Tages erzählte Moosu zu meiner Erbauung die traurig verstümmelte Geschichte von Joseph in Ägypten, aber ich bekam einen guten Einfall dadurch, und bald war der halbe Stamm damit beschäftigt, große Fleischschuppen für mich zu errichten. Von allem, was sie erbeuteten, bekam ich den Löwenanteil und speicherte es auf.

Auch Moosu war nicht faul. Er verfertigte Spielkarten aus Birkenrinde und lehrte Newak spielen. Er weihte auch den Vater Tukelithas in das Spiel ein. Und eines schönen Tages heiratete er das Mädchen, und am nächsten Tag zog er in die Hütte des Schamanen, die die beste Wohnung im Dorf war. Der Sturz Newaks war vollständig, denn er verlor alles, was er besaß, seine Trommeln aus Walroßhaut, sein Beschwörungswerkzeug – kurz alles. Und schließlich mußte er Holz hacken und Wasser holen, wenn Moosu winkte oder rief. Und Moosu? Ja, der wurde schließlich aus eigener Macht Schamane oder Hohepriester, und auf der Grundlage seiner mißverstandenen Bibel schuf er neue Götter und machte Beschwörungen vor höchst seltsamen Altären.

Mir gefiel alles gut, denn ich hielt es für sehr gesund, daß Kirche und Staat Hand in Hand arbeiteten, und ich hatte gewisse Pläne bezüglich des Staates. Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Das Volk war mürrisch und schwermütig geworden. Es gab Streit und Prügeleien, und Tag und Nacht herrschte Unruhe. Moosus Karten waren vervielfältigt worden, und die Jäger begannen miteinander zu spielen. Tummasook prügelte seine Frau furchtbar, und der Bruder seiner Mutter trat ihm entgegen und schlug ihn mit einem Walroßzahn, bis er laut durch die Nacht schrie und vor dem ganzen Volk beschämt wurde.

Da man sich in solcher Weise zerstreute, konnte von Jagd keine Rede sein, und so herrschte bald Hungersnot im Dorf. Die Nächte waren lang und dunkel, und ohne Fleisch war kein Schnaps zu bekommen. Deshalb murrten alle gegen den Häuptling. Das hatte ich bezweckt, und als sie richtig hungrig waren, rief ich das ganze Dorf zusammen, hielt eine große Rede, spielte die Rolle des Patriarchen und gab den Hungrigen zu essen. Moosu hielt ebenfalls eine Rede, und die Folge war, daß man mich zum Häuptling wählte. Moosu, der das Ohr Gottes war, dessen Entschlüsse er mitteilte, salbte mich mit Walöl, aber er nahm etwas zuviel Öl, denn er hatte natürlich keine Ahnung von dem tieferen Sinn dieser Zeremonie. Gemeinsam erklärten wir dann dem Volk die neue Lehre vom göttlichen Recht der Könige. Hierauf gab es ein Fest mit Schnaps und Fleisch in Hülle und Fülle, und sie unterwarfen sich ohne Murren der neuen Ordnung.

Du siehst also, o Mensch, daß ich auf dem Hochsitz gesessen, den Purpur getragen und ein Volk regiert habe. Und ich wäre aller Wahrscheinlichkeit nach heute noch König, wenn der Tabak länger gehalten hätte oder wenn Moosu entweder ein größerer Tor oder ein geringerer Schuft gewesen wäre. Sein Blick fiel nämlich auf Esanetuk, die älteste Tochter Tummasooks, und ich widersetzte mich dem. ›O Bruder‹, erklärte er. ›Du hast es für richtig gehalten, von der Einführung neuer Einrichtungen bei diesem Volk zu reden, und ich habe deinen Worten gelauscht und Weisheit aus ihnen gesogen. Du bist Herrscher durch das von Gott gegebene Recht, und infolge des von Gott gegebenen Rechtes werde ich heiraten.‹

Ich hörte, daß er mich ›Bruder‹ nannte, was mich empörte, und ich wurde energisch. Aber er nahm seine Zuflucht zum Volk und machte drei Tage lang Beschwörungen, an denen alle teilnahmen. Und indem er darauf mit der Stimme Gottes sprach, erklärte er die Vielweiberei durch göttlichen Beschluß für eingeführt. Aber er war ein gerissener Hund, denn er begrenzte die Zahl der Frauen durch die Vermögensverhältnisse des Gatten, das schuf ihm, seinem Reichtum zufolge, vor allen anderen Männern den Vorrang. Ob ich wollte oder nicht, mußte ich ihn bewundern, obgleich mir einleuchtete, daß die Macht in seine Hände übergegangen war und daß er nicht zufrieden sein würde, ehe die gesamte Gewalt und aller Besitz in seiner Hand allein ruhten. Er bekam richtigen Größenwahn, vergaß ganz, daß ich es war, der ihm diese Position geschaffen hatte, und traf Anstalten, mich zu vernichten.

Aber es war trotzdem sehr interessant, denn der Bengel war tatsächlich auf dem besten Wege, die primitive Gesellschaft auf seine Weise zu entwickeln. Als Inhaber des Schnapsmonopols hatte ich Einnahmen, an denen ich ihn nicht mehr teilnehmen ließ. Er überlegte sich deshalb die Sache eine Zeitlang und schuf dann ein System geistlicher Besteuerung. Er legte dem Volk den Zehnten auf, hielt große Reden über die fetten Erstlinge und ähnliches und verdrehte zu diesem Zweck alle schon verdrehten Bibelstellen, die er je in seinem Leben gehört hatte.

Selbst das ließ ich über mich ergehen. Als er aber etwas einführte, das man als eine Art abgestufter Einkommensteuer betrachten konnte, empörte ich mich, und zwar blindlings. Das war es gerade, was er bezweckt hatte. Jetzt berief er sich nämlich auf das Volk, und da es auf meine großen Reichtümer eifersüchtig war, stützte es ihn. ›Warum sollen wir bezahlen und du nicht?‹ fragten sie. ›Ist es nicht die Stimme Gottes, die durch die Lippen Moosus, des Schamanen, spricht?‹

Ich gab also nach. Gleichzeitig aber erhöhte ich den Schnapspreis – und siehe da – er war ebenso schnell bei der Hand, seine Steuern zu erhöhen.

Dann kam es zum offenen Krieg. Ich setzte mich für Newak und Tummasook ein, weil sie ja alte traditionelle Rechte besaßen, aber Moosu trug den Sieg davon, indem er einen Klerus schuf und beiden hohe Ämter übertrug. Das Problem der Autorität trat nun selbst an ihn heran, und er löste es so, wie es oft gelöst worden ist. Darin lag eben mein Fehler. Ich hätte die Stelle des Schamanen, nicht die des Häuptlings übernehmen sollen. Ich hätte Schamane, er Häuptling sein sollen. Aber das sah ich leider zu spät ein, und bei dem Zusammenstoß zwischen geistlichen und weltlichen Mächten mußte ich notgedrungen den Kürzeren ziehen. Ein gewaltiger Streit wurde ausgefochten, aber sehr bald einseitig. Das Volk vergaß nicht, daß er mich gesalbt hatte, und somit war es auch ganz klar, daß die Quelle der Autorität nicht bei mir, sondern bei Moosu zu suchen war. Nur ganz wenige Getreue hielten noch zu mir, und der Führer dieser Leute war Angeit, während Moosu die Volkspartei leitete und das Gerücht verbreitete, daß ich die Absicht hätte, ihn zu überrumpeln und meine eigenen Götter, die höchst unrechtmäßige Götter waren, einzusetzen. Und in dieser Beziehung war das schlaue Luder mir tatsächlich zuvorgekommen, denn ich hatte eben diese Absicht: auf meine Königswürde zu verzichten, verstehen Sie, und mit geistigen Mitteln den geistigen Feind zu bekämpfen. Er flößte deshalb dem Volk Angst vor meinen ungerechten Göttern ein – namentlich erwähnte er einen, den er ›Geschäft‹ nannte – und rottete dadurch meine Pläne mit der Wurzel aus.

Nun geschah es, daß Kluktu, die jüngste Tochter von Tummasook, mein Interesse erregt hatte, wie ich das ihrige. Ich leitete deswegen Verhandlungen ein, aber der Exhäuptling lehnte meine Werbung (nachdem ich schon den Kaufpreis bezahlt hatte!) ohne weiteres ab und teilte mir mit, daß sie für Moosu bestimmt wäre. Das war mir denn doch ein bißchen zu stark, und ich war schon halbwegs entschlossen, nach seiner Hütte zu gehen und ihn mit meinen bloßen Händen zu verprügeln. Aber da fiel mir ein, daß der Tabak doch beinahe aufgebraucht war, und deshalb ging ich lachend nach Hause. Am nächsten Tag machte er eine Beschwörung und verstümmelte die Legende von dem Wunder mit den Broten und Fischen, bis sie zu einer Weissagung wurde. Zwischen den Worten hörte ich, daß sie sich gegen die Fülle von Fleisch richtete, die ich in meinen Depots aufbewahrte. Das Volk verstand auch zu hören, und da er es nicht dazu antrieb, auf die Jagd zu gehen, blieben sie zu Hause und brachten nur ein bißchen Rentier- oder Bärenfleisch ins Dorf.

Ich hatte indessen meine eigenen Pläne geschmiedet, weil ich festgestellt hatte, daß nicht nur der Tabak, sondern auch das Mehl und der Sirup zur Neige gingen. Außerdem hielt ich es für meine Pflicht, die Weisheit des weißen Mannes darzutun und Moosu, der sich infolge der Macht, die ich ihm geschaffen hatte, einen Schmerbauch zugelegt hatte, ernste Sorge zu bereiten. Deshalb ging ich in derselben Nacht in meine Provianthütte und arbeitete dort mächtig. Am nächsten Tag konnte man auch sehen, daß die Hunde des Dorfes ziemlich faul waren. Niemand aber hatte eine Ahnung, warum sie es waren, und ich arbeitete deshalb jede Nacht ebenso, und die Hunde wurden immer fetter, das Volk aber immer magerer. Es murrte und verlangte die Erfüllung der Prophezeiung, aber Moosu hielt es zurück, weil er warten wollte, bis der Hunger noch größer wurde. Nicht in seinen wildesten Träumen kam ihm der Gedanke, daß ich ihm mit leeren Lagern einen Streich spielen wollte.

Als alles fertig war, schickte ich Angeit und die wenigen Getreuen, dich ich heimlich ernährt hatte, durch das Dorf, um eine Versammlung einzuberufen. Der Stamm versammelte sich auf einem großen Platz mit festgetretenem Schnee vor meinem Haus, das von meinen auf hohen Pfählen erbauten Lagerschuppen überragt wurde. Auch Moosu kam und stellte sich in den Kreis mir gegenüber. Er war sich ganz klar darüber, daß ich etwas vorhatte, und war bereit, mich beim ersten Anzeichen niederzuwerfen. Aber ich stand ruhig auf und begrüßte ihn vor allen andern.

›O Moosu, du Auserwählter Gottes‹, begann ich. Sicherlich hast du dich gewundert, warum ich heute diese Versammlung einberufen habe. Und ohne Zweifel bist du infolge meiner vielen törichten Handlungen auf schnelle Worte und schnelle Taten gefaßt. Aber du hast dich geirrt. Es ist einst gesagt worden, daß die Götter, wenn sie jemanden vernichten wollen, ihn erst mit Wahnsinn schlagen. Und ich bin in der Tat verrückt gewesen. Ich habe deinen Willen durchkreuzt, mit deiner Autorität Spott getrieben und böse und eitle Dinge vollbracht. Deshalb hatte ich heute nacht eine Vision und habe nun die Bosheit meiner Wege erkannt. Du standest mit flammenden Brauen wie ein strahlender Stern vor mir, und ich erkannte in meinem Herzen deine unendliche Größe. Ich sah alles ganz klar. Ich wußte, daß du das Ohr Gottes beherrschest und daß er dir lauscht, wenn du redest. Und ich entsann mich, daß ich, wenn ich bisweilen Gutes vollbracht hatte, es lediglich dank der Gnade Gottes und der Gnade Moosus habe tun dürfen.‹

›Ja, meine Kinder‹, rief ich und wandte mich an das Volk. ›Wenn ich recht getan und Gutes vollbracht habe, dann vollbrachte ich es nur nach dem weisen Rat Moosus. Wenn ich ihm lauschte, führten die Geschäfte zum Erfolg. Wenn ich ihm meine Ohren verschloß und meiner eigenen Torheit gemäß handelte, ging alles fehl. Auf seinen Rat füllte ich mein Lager mit Fleisch und konnte in einer Zeit der Finsternis die Hungernden speisen. Durch seine Gnade wurde ich Häuptling. Und was habe ich aus meiner Häuptlingswürde gemacht? Ich werde es euch gestehen. Gar nichts. Mein Kopf wurde von der Macht berauscht, ich wähnte mich größer als Moosu, und seht, ich habe nur Unglück geerntet. Mein Herrschaft war ohne Weisheit, und jetzt zürnen die Götter. Seht, ihr werdet von Hungersnot gequält, die Brüste der Mütter sind trocken, und die kleinen Säuglinge schreien die langen Nächte hindurch. Und ich, der ich mein Herz gegen Moosu verhärtet habe, weiß nicht, was zu tun ist, und weiß auch nicht, wie man Lebensmittel beschaffen könnte.‹

Bei diesen Worten nickten und lachten alle, das Volk steckte die Köpfe zusammen, und ich wußte, daß sie von den Broten und Fischen sprachen. Ich fuhr deshalb schnell fort: ›So erkannte ich schließlich meine eigene Torheit und die unendliche Weisheit Moosus, meine Unfähigkeit und die Tüchtigkeit Moosus. Und da ich jetzt nicht mehr verrückt bin, erkenne ich es offen an und will das Böse wieder gutmachen. Ich warf meine Augen zu Unrecht auf Kluktu, denn seht, sie war Moosu versprochen worden. Und doch ist sie mein, denn habe ich Tummasook nicht den Kaufpreis in Waren bezahlt? Aber ich bin ihrer wohl unwürdig, und sie soll aus dem Iglu ihres Vaters zu Moosu gehen. Kann der Mond wohl leuchten, wenn die Sonne scheint? Und Tummasook darf außerdem auch den Kaufpreis, den ich ihm gegeben habe, behalten, so daß sie eine freie Gabe an Moosu wird, den Gott zu ihrem rechtmäßigen Herrn gemacht hat.‹

›Und ferner schenke ich, weil ich meine Reichtümer auf unrichtige Weise und nur um euch, meine Kinder, zu unterdrücken, verwendet habe, Moosu die Petroleumkanne und ebenso den Kupferkessel. Ich kann also keine Reichtümer mehr zusammenschaffen, und wenn ihr nach Schnaps durstet, wird Moosu euren Durst stillen, ohne euch zu berauben. Denn er ist ein großer Mann, und Gott spricht durch seine Lippen.‹

›Und ferner hört: Mein Herz ist weich geworden, und ich bin von meinem Wahnsinn geheilt. Ich, der ich ein Narr und der Sohn von Narren bin, der ich ein Sklave des bösen Gottes 'Geschäft' bin, ich, der ich die leeren Mägen sehe und nicht weiß, wie sie füllen ... Warum, o ihr Geliebten, soll ich Häuptling sein? Und über euch herrschen, damit ihr untergeht? Warum sollte ich dies tun, ich, der ich nicht gut bin? Aber Moosu, der ein Schamane und über alles Menschenvermögen hinaus weise ist, kann mit weicher und gerechter Hand herrschen. Infolge der Umstände, die ich euch berichtet habe, trete ich also zurück und übergebe Moosu meine Häuptlingswürde. Denn er allein weiß, wie ihr Nahrung bekommen werdet in diesen bitteren Tagen, da es im ganzen Land nichts zu essen gibt.‹

Da klatschten alle begeistert in die Hände, und das ganze Volk schrie: ›Kloske, Kloske‹, was ›gut‹ bedeutet. Ich hatte in den Augen Moosus das große Staunen gelesen, denn er konnte nicht verstehen und war voller Furcht vor der Weisheit des weißen Mannes. Ich hatte alle seine Wünsche erfüllt und war sogar noch darüber hinausgegangen. Als ich so dastand und mich selbst der ganzen Macht entkleidet hatte, wußte er, daß es nicht der rechte Augenblick war, das Volk gegen mich aufzuhetzen.

Ehe sie sich zerstreuen konnten, hatte ich ihnen noch mitgeteilt, daß Moosu zwar meine Destille bekäme, daß aber aller Schnaps, den ich noch besaß, in den Besitz des Volkes übergehen solle. Moosu versuchte, dagegen zu protestieren, denn wir hatten bisher nur erlaubt, daß eine kleine Anzahl von Männern sich gleichzeitig betranken, aber sie schrien schon: ›Kloske, Kloske‹ und bereiteten ein Fest vor der Tür meiner Hütte vor.

Während die Leute draußen immer aufrührerischer wurden, je mehr der Branntwein ihnen zu Kopf stieg, hielt ich drinnen eine Sitzung mit Angeit und meinen Getreuen ab. Ich sagte ihnen, was jeder einzelne tun sollte, und legte in ihren Mund, was sie zu sagen hatten. Dann schlich ich mich nach einem geheimen Ort im Wald, wo ich zwei Schlitten bereithielt. Sie waren schwer beladen und die Hundegespanne nicht überfüttert. Der Frühling stand vor der Tür, wissen Sie, und es hatte sich schon eine Kruste auf dem Schnee gebildet. Es war also der rechte Augenblick, um südwärts zu reisen. Außerdem war auch der Tabak zu Ende. Ich wartete seelenruhig, denn ich hatte nichts zu fürchten. Wenn sie mich wirklich verfolgten, waren ihre Hunde zu fett und sie selbst zu mager, um mich einholen zu können. Außerdem meinte ich, mich hinreichend vorbereitet zu haben, um ihnen in jeder Weise gewachsen zu sein.

Zuerst kam einer meiner Getreuen gelaufen und nach ihm noch einer. ›O Meister‹, rief der erste atemlos. ›Es herrscht große Verwirrung im Dorf, keiner weiß, was er will, und sie wollen alle sehr viele verschiedene Dinge. Alle haben sie viel getrunken, einige von ihnen spannen ihre Bogen, und andere streiten sich. Nie habe ich solche Verwirrung gesehen.‹

Und der zweite sprach: ›Ich habe getan, wie du uns geboten hast, o Meister, habe schlaue Worte in durstige Ohren geflüstert und Erinnerungen an alte Tage geweckt. Das Weib Ipsukuk jammerte über ihre Armut und über die Reichtümer, die ihr nicht mehr gehören. Und Tummasook sieht sich wieder als Häuptling. Das Volk ist hungrig und rast hierhin und dorthin.‹

Und ein dritter berichtete: Newak hat die Altäre Moosus umgestürzt und ruft die ehrwürdigen Götter vergangener Tage an. Und das ganze Volk gedenkt des Überflusses, der früher durch die Kehlen strömte und den es nicht mehr besitzt. Zuerst kämpfte Esanetuk, die tum-tum-krank ist, mit Kluktu, und es gab viel Lärm. Da sie beide Töchter derselben Mutter sind, kämpften sie darauf mit Tukelitha. Und dann überfielen alle drei Moosu mit beiden Händen wie gewaltige Windstöße, bis er aus dem Iglu lief und das ganze Volk ihn verhöhnte. Denn ein Mann, der seine Frauen nicht beherrschen kann, ist ein Narr.‹

Dann kam Angeit: ›Großes Elend hat Moosu betroffen, o Meister, denn ich habe erfolgreich geflüstert, bis das Volk zu Moosu ging und sagte, daß es hungrig wäre und die Erfüllung der Weissagung verlangte. Und alle schrien laut: Itlwillie! Itlwillie! (Fleisch). Er rief deshalb seinen Frauen zu, daß sie Frieden halten sollten, denn Zorn und Schnaps hatten sie übermannt, und führte den Stamm zu deinen Fleischlagern. Und dort forderte er die Männer auf, sie zu öffnen und davon zu essen. Aber siehe, die Häuser waren leer. Es war gar kein Fleisch da. Sie standen wortlos da; das ganze Volk war von Furcht erfüllt, und in dieser Stille erhob sich meine Stimme und sagte: ›O Moosu, wo ist das Fleisch? Wir wissen genau, daß Fleisch da war. Haben wir es nicht auf der Jagd erbeutet und hergeschafft? Es wäre eine Lüge, wenn man sagen wollte, daß ein Mann es gegessen hat. Und doch sehen wir weder Haut noch Haar. Wo ist das Fleisch, Moosu? Du hast das Ohr Gottes. Wo ist das Fleisch?‹

Und das ganze Volk schrie: ›Wo ist das Fleisch? Du hast das Ohr Gottes.‹ Sie falteten die Hände und waren voller Furcht. Dann ging ich unter ihnen herum, sprach furchtsam von unbekannten Dingen, von den Toten, die kommen und als Schatten umgehen und Böses tun, bis sie alle vor Angst laut schrien und sich zusammenscharten wie kleine Kinder, die sich im Dunkeln fürchten. Newak hielt eine Rede und legte das Unglück, das sie betroffen hatte, Moosu vor die Tür. Als er fertig war, gab es große Aufregung, sie nahmen die Speere in die Hand, Zähne von Walrossen, Keulen und Steine vom Strande. Aber Moosu flüchtete in seine Hütte, und da er vom Schnaps nicht getrunken hatte, konnten sie nichts gegen ihn ausrichten. Einer stolperte über den anderen, und so ging es nur langsam. Auch jetzt noch stehen sie vor seiner Hütte und heulen, und drinnen heulen seine Frauen, und infolge des vielen Lärms kann er sich kein Gehör schaffen.‹

›O Angeit, du hast klug gehandelt‹, lobte ich ihn. ›Geh jetzt, nimm den leeren Schlitten und die mageren Hunde und fahre schnell nach Moosus Iglu. Ehe das Volk, das betrunken ist, es merkt, wirfst du ihn auf den Schlitten und bringst ihn hierher.‹

Ich wartete und gab inzwischen meinen Getreuen gute Ratschläge, bis Angeit wiederkam. Moosu lag auf dem Schlitten, und an den Malen an seinem Hals erkannte ich, daß seine Frauen ihn richtig behandelt hatten. Aber er taumelte vom Schlitten, fiel vor meinen Füßen in den Schnee und rief: ›O Meister, du wirst deinem Moosu alles Arge, das er getan hat, verzeihen! Du bist ein großer Mann, sicherlich wirst du mir verzeihen!‹

›Ruf mich nur 'Bruder', o Moosu, ruf mich ›Bruder‹, spottete ich und brachte ihn auf die Beine. ›Wirst du jetzt für immer gehorchen?‹

›Ja, o Meister‹, wimmerte er. ›Ich werde es künftig immer tun.‹

›Dann lege dich gefälligst auf diese Weise quer über den Schlitten.‹ Ich nahm die Hundepeitsche in die rechte Hand. ›Und halte dein Gesicht nach unten, gegen den Schnee gerichtet. Und beeile dich, denn wir fahren schon heute nach Süden.‹ Als er sich zurechtgelegt hatte, begann ich, mit der Peitsche auf ihn loszuschlagen, und bei jedem Hieb erzählte ich ihm das Unrecht, das er mir angetan hatte. ›Dies für deine Ungehorsamkeit im allgemeinen – Schwapp! Schwapp! Und dies für deine Ungehorsamkeit im besonderen – Schwapp! Schwapp! Und dies für Esanetuk – Und dies für das Wohlergehen deiner Seele – Schwapp! Und dies für die Gnade deiner Herrschsucht! Und dies für Kluktu! Und dies für die Rechte, die von Gott stammen! Und dies für deinen fetten Erstling! Und dies und dies für deine Einkommensteuer und deine Brote und deine Fische! Und dies für deine gesamte Ungehorsamkeit! Und zum Schluß dies, damit du künftig vernünftig bist und vernünftig handelst. Und jetzt läßt du das Heulen und stehst auf. Schnall dir die Schneeschuhe an, geh voran und tritt die Fährte für die Hunde fest. Los! Vorwärts!‹«

Thomas Stevens lächelte ruhig vor sich hin, während er sich die fünfte Zigarre ansteckte und krause Rauchringe zur Decke blies.

»Aber wie ging es dem Volk von Tattarat?« fragte ich. »Das war doch ein bißchen hart, es so einfach in der Hungersnot sitzen zu lassen.« Doch lachend sagte er zwischen zwei Ringen: »Hatte es denn nicht die fetten Hunde?«

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