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Nordlandgeschichten

Jack London: Nordlandgeschichten - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJack London
titleNordlandgeschichten
publisherUllstein
yearo.J.
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die große Frage

Frau Saythers Auftreten in Dawson war, milde gesagt, ein wenig meteorhaft. Sie kam im Frühling mit Hundeschlitten und französisch-kanadischen Voyageurs, blieb einen kurzen Monat, wie eine Sonne strahlend, und zog dann den Fluß hinab, sobald er eisfrei war. Das frauenarme Dawson verstand diese übereilte Abreise nicht so recht, und die vierhundert Menschen, fühlten sich tief gekränkt und einsam, bis in Nome Gold gefunden wurde und die neue Sensation die Erinnerung an die alte verdrängte. Denn Dawson war von Frau Sayther begeistert gewesen und hatte sie mit offenen Armen empfangen. Sie war reizend, bezaubernd und obendrein Witwe. Und daher war sie denn auch gleich von allen Eldorado-Königen, von Geschäftsleuten und abenteuerlustigen jüngeren Söhnen, die sich nach dem Rascheln eines Damenkleides sehnten, umschwärmt worden.

Die Mineningenieure ehrten das Andenken ihres Mannes, des verstorbenen Oberst Sayther, während die Geschäftsleute mit Andacht von seinen verschiedenen Transaktionen sprachen; denn in den Staaten war er als großer Minenbesitzer bekannt, und in London war sein Ansehen noch größer gewesen. Warum seine Witwe gerade hierher gereist war, das blieb die große Frage. Sie waren eine praktische Rasse, diese Männer des Nordlandes, und hegten eine gesunde Verachtung für Theorien, wogegen sie einen ausgeprägten Sinn für Tatsachen hatten. Und für einen Teil von ihnen bedeutete Karen Sayther eine sehr wesentliche Tatsache. Daß sie selbst die Sache nicht in diesem Licht betrachtete, ging aus der Gewandtheit und Schnelligkeit hervor, mit der die Anträge und Körbe bei ihrem vierwöchigen Aufenthalt folgten. Und mit ihr verschwand die Tatsache, und nur die Frage blieb.

Der Zufall brachte indessen eine teilweise Lösung des Problems. Karen Saythers letztes Opfer, Jack Coughran, der ihr ohne Erfolg sein Herz und einen fünfhundert Fuß langen Claim am Bonanza zu Füßen gelegt hatte, feierte sein Pech mit einem riesigen Gelage, das die ganze Nacht über dauerte.

Um Mitternacht stieß er zufällig auf Pierre Fontaine, keinen anderen als den Anführer von Karen Saythers Voyageurs. Diese Begegnung gab Anlaß zu weiteren Getränken, bis sie beide von Alkohol ganz benebelt waren.

»He?« gurgelte Pierre Fontaine etwas später. »Warum Madame Sayther machen Besuch in dieses Land? Besser du reden mit ihr. Ich wissen nichts – gar nichts, nur sie ganze Zeit fragen nach ein Mann. ›Pierre‹, sie sagen zu mir. ›Pierre, du finden den Mann, und ich geben dir viel Gold. Tausend Dollar, du finden den Mann.‹ Diesen Mann? Ah, oui. Name von diesen Mann – er heißen – David Payne. Oui, M'sieur, David Payne. Ganze Zeit sie sagen dies Name. Und ganze Zeit ich sehen mich gut um, arbeiten wie Teufel, aber kann nicht finden dies verfluchte Mann und nicht kriegen tausend Dollar. Verdammt!

He? Einmal die Männer kommen von Circle City, die Männer kennen dies Mann. Am River Creek sie sagen. Und Madame? Sie sagen › Bon!‹ und sehen glücklich aus. Und sie reden mit mir. ›Pierre‹, sie sagen, ›spann die Hunde vor den Schlitten. Wir gehen schnell. Wir finden dies Mann. Ich geben dir noch tausend Dollar mehr.‹ Und ich sagen: ›Oui, schnell! Allons, Madame!‹

Ich denken, ich haben sicher die tausend Dollar! Ich Teufelskerl! Dann mehrere Männer kommen von Circle City. Und sie sagen, nein, nicht Mann. David Payne, ihn kommen Dawson bald zurück. Nicht reisen.

Oui, M'sieur. Heute Madame reden. ›Pierre‹, sie sagen und geben mich fünfhundert Dollar. ›Geh kaufen Stakboot. Morgen wir fahren Fluß hinauf.‹ Ah oui, morgen Fluß hinauf, und der verfluchte Sitka Charley mich lassen bezahlen für Stakboot ganze fünfhundert Dollar, verdammt!«

So kam es, daß, als Jack Coughran am nächsten Tag erzählte, was er gehört hatte, ganz Dawson sich darüber aufregte, wer dieser David Payne denn sei und welche Verbindung zwischen ihm und Karen Sayther bestehen mochte. Aber am selben Tage wurden Frau Sayther und ihre barbarische Schar von Voyageurs, wie Pierre Fontaine es gesagt hatte, am östlichen Flußufer nach Klondike City hinaufbugsiert, setzten dort, um nicht auf die Klippen zu stoßen, nach dem westlichen Ufer über und verschwanden in dem Insellabyrinth gen Süden.

»Oui, Madam, dies ist die Stelle, ein, zwei, drei Inseln den Stuart River abwärts. Dies die dritte Insel.«

Beim Sprechen hieb Pierre Fontaine seine Stake in das Ufer und schwang das Heck des Bootes in die Strömung. Dann drehte er den Bug gegen das Ufer, bis ein gewandter Mischling mit einer Leine an Land klettern und das Boot festmachen konnte.

»Eine kleine Weile, Madam, ich gehen sehen.«

Die Hunde stimmten ein lautes Geheul an, als er auf der anderen Seite des hohen Ufers verschwand, aber nach einer Minute kam er wieder.

»Oui, Madame, hier sein die Hütte. Ich machen Untersuchungen. Kann den Mann nicht finden zu Hause. Aber er nicht gehen recht weit oder bleiben lange fort, und Hunde nicht dableiben. Er kommen sehr bald, das sicher.«

»Helfen Sie mir heraus, Pierre. Mir tun alle Glieder weh vom Sitzen im Boot. Sie hätten es auch ein wenig weicher machen können.«

Aus einem warmen Nest von Fellen in der Mitte des Bootes erhob sich Karen Sayther in ihrer ganzen schlanken Schönheit. Sah sie aber wie eine zarte Lilie inmitten der primitiven Umgebung aus, so widersprach diesem Eindruck ihr fester Griff um Pierres Hand, das Schwellen ihrer Armmuskeln, als ihr Gewicht auf dem Arm ruhte, und die ganze Sicherheit, mit der sie ihre prachtvolle Gestalt bewegte, als sie den steilen Uferhang hinaufkletterte. Trotz ihres feinen Knochenbaus und der weichen, runden Linien ihrer Gestalt war sie doch in physischer Beziehung ein starkes Weib.

Aber bei aller Unbesorgtheit und Leichtigkeit, mit der sie an Land gesprungen war, lag doch ein wärmerer Schimmer als gewöhnlich über ihrem Antlitz, und ihr Herz klopfte schneller als sonst.

Sie näherte sich der Hütte mit einer gewissen angstvollen Spannung, während die Röte in ihren Wangen immer deutlicher wurde.

»Sieh, sieh!« Pierre wies auf die Späne, die beim Brennholzstapel verstreut lagen. »Die frisch – zwei, drei Tage, nicht mehr.«

Frau Sayther nickte. Sie versuchte durch das kleine Fenster zu blicken, aber es war aus eingefettetem Pergament verfertigt, das zwar Licht in den Raum ließ, zugleich aber verhinderte, daß man hineinsah. Nach diesem mißglückten Versuch trat sie zur Tür, drückte die primitive Klinke nieder, um sie zu öffnen, besann sich aber und ließ sie wieder los. Plötzlich ließ sie sich auf ein Knie nieder und küßte die rohgezimmerte Türschwelle. Falls Pierre Fontaine es sah, so ließ er es sich jedenfalls nicht im geringsten anmerken, und er hat es nie einem Menschen erzählt.

Aber im nächsten Augenblick wurde einer der Bootsleute, der sich friedlich seine Pfeife ansteckte, durch einen Befehl des Anführers aufgeschreckt, dessen Stimme einen ungewöhnlich scharfen Klang hatte.

»He, du da! Gloire! Du machen ihn weich – viel mehr«, kommandierte Pierre. »Viel Bärenfelle, viel Decken! Verdammt!«

Aber das warme Nest wurde bald auseinandergerissen und der größte Teil der Felle und Decken auf das hohe Flußufer hinaufgeworfen, wo Frau Sayther es sich bequem machte, während sie wartete. Sie lag auf der Seite und blickte über die breite Fläche des Yukon. Über den Bergen, die ganz in der Ferne, jenseits des Flusses lagen, war der Himmel dunkel vom Rauch unsichtbarer Waldbrände, und die Nachmittagssonne durchbrach schwach diese Rauchdecke und warf einen unklaren Schimmer und unwirklichen Schatten über die Erde. Bis zum Horizont erstreckte sich die jungfräuliche Einöde nach allen Himmelsrichtungen – mit Kiefern bestandene Inseln, dunkle Gewässer und vereiste Hügelzüge. Keine Spur von Menschen unterbrach die Einsamkeit, kein Geräusch die Stille. Das Land schien von der Unwirklichkeit des Unbekannten in Bann geschlagen, in das brütende Mysterium der großen Einöde gehüllt.

Vielleicht war es das, was Frau Sayther nervös machte, denn sie änderte beständig ihre Lage, bald, um den Fluß hinab-, bald, um ihn hinaufzublicken, und dann wieder, um den Blick forschend die dunkle Küste und die halbversteckten Mündungen kleinerer Buchten entlangschweifen zu lassen. Als eine Stunde vergangen war, wurde die Bootsmannschaft an Land geschickt, um Zelte aufzuschlagen, während Pierre bei Frau Sayther blieb, um mit ihr Ausschau zu halten.

»Ach, ihn kommen jetzt«, flüsterte er nach langem Schweigen, währenddessen er den Fluß hinauf nach dem oberen Ende der Insel geblickt hatte.

Ein Kanu, an dessen Seiten je eine Paddel blinkte, kam den Strom herab. Im Heck saß ein Mann und im Bug eine Frau, und beide ruderten mit gleichmäßigen, rhythmischen Schlägen. Frau Sayther hatte kein Auge für die Frau, bis das Kanu näherkam und ihre bizarre Schönheit sich dem Blick aufdrängte. Ein enganschließendes Leibchen aus Elchleder mit phantastischen Perlstickereien betonte die schönen, weichen Körperlinien, während ein buntes, sehr malerisch drapiertes Seidentuch das reiche, blauschwarze Haar halb verdeckte. Aber es war das Gesicht, dieses wie aus Bronze gegossene Gesicht, das den Blick Frau Saythers fing und festhielt. Die Augen, durchdringende schwarze, große Augen mit der traditionellen Andeutung von Schrägheit, sahen unter den scharfgezeichneten, feingebogenen Brauen hervor, und obwohl die Backenknochen ziemlich hoch und vorstehend waren, rundeten sich die Wangen doch schön zu einem Mund mit schmalen Lippen, der mild und stark zugleich war. Es war ein Gesicht, das eine schwache Andeutung alter mongolischer Rasse, nach jahrhundertelangem Wandern einen Rückfall in den ursprünglichen Typ zeigte. Diese Wirkung wurde noch von der feingebogenen Adlernase mit den schmalen, zitternden Flügeln und dem ganzen Eindruck von Adlerwildheit unterstrichen, der nicht nur das Gesicht, sondern die ganze Gestalt zu prägen schien. Sie war tatsächlich der ideale Tatarentyp in Reinzucht, und der Indianerstamm mußte glücklich gepriesen werden, der einmal im Lauf von einem Dutzend Generationen eine so einzigartige Gestalt hervorbringen konnte.

Mit langen, kräftigen Ruderschlägen, die sich nach denen des Mannes richteten, schwang das junge Weib das winzige Fahrzeug plötzlich gegen die Strömung und hielt dann vorsichtig auf das Ufer zu. Im nächsten Augenblick stand sie auf dem Hang und zog mit einer Leine ein Stück von einem kürzlich geschossenen Elch zu sich herauf. Dann folgte ihr der Mann, und gemeinsam zogen sie schnell das Kanu aufs Ufer. Die Hunde umdrängten sie heulend, und als das junge Mädchen sich über sie beugte, um sie zu streicheln, fiel der Blick des Mannes auf Karen Sayther, die sich erhoben hatte.

Er sah sie an, strich sich unbewußt über die Augen, als wollte er ihnen nicht trauen, und sah sie wieder an.

»Karen«, sagte er einfach, indem er mit ausgestreckter Hand auf sie zutrat. »Ich glaubte, einen Augenblick zu träumen. Ich war letztes Frühjahr eine Zeitlang schneeblind, und seit der Zeit kann ich mich nicht mehr so recht auf meine Augen verlassen.«

Frau Sayther, deren Wangen noch röter geworden waren und deren Herz so klopfte, daß es fast schmerzte, war auf alles andere eher gefaßt gewesen, als auf diese ruhig ausgestreckte Hand, aber sie hatte Takt genug, sich zu beherrschen, und drückte sie mit großer Herzlichkeit.

»Du weißt, David, daß ich dir oft mit meinem Kommen gedroht habe, und ich wäre schon längst gekommen, wenn nur – wenn nur ...«

»Wenn ich dich nur gerufen hätte!« David Payne lachte und sah der Indianerin nach, die gerade in der Hütte verschwand.

»Oh, ich verstehe dich, David, und an deiner Stelle hätte ich wahrscheinlich dasselbe getan. Aber jetzt – jetzt bin ich nun einmal hier.«

»Und da mußt du lieber den Schritt ganz tun und in die Hütte kommen und etwas essen«, sagte er heiter, indem er die zarte Andeutung einer Bitte in ihrer Stimme entweder nicht gehört hatte oder nicht hören wollte. Und du mußt doch auch müde sein. Wohin willst du? Flußauf? Dann hast du also in Dawson überwintert oder bist gerade vor dem Eisbruch gekommen? Sind das deine Indianer? Er sah den Schlittenführer und das Lagerfeuer und öffnete ihr die Tür.

»Ich kam letzten Winter von Circle City über das Eis hierher«, fuhr er fort, »und hab' mich hier für eine Weile niedergelassen. Ich untersuche jetzt das Gelände am Henderson Creek, und wenn das erfolglos ist, habe ich daran gedacht, im Herbst mein Glück oben am Stuart zu versuchen.«

»Du hast dich nicht sehr verändert, nicht wahr?« fragte sie plötzlich mit einem Versuch, das Gespräch auf ein persönlicheres Gebiet zu lenken.

»Vielleicht etwas weniger Fett und etwas mehr Muskeln. Oder was meinst du?«

Aber sie zuckte die Achseln und betrachtete durch das Halbdunkel die Indianerin, die ein Feuer angezündet hatte und jetzt im Begriff war, einige große Stücke Elchfleisch mit dünnen Speckstreifen zu braten.

»Warst du lange in Dawson?« Der Mann hatte sich daran gemacht, einen primitiven Axtschaft zu schnitzen, und er stellte die Frage, ohne den Kopf zu heben.

»Ach, nur ein paar Tage«, antwortete sie, aber sie hatte seine Worte kaum gehört, so eifrig beobachtete sie das junge Mädchen.

»Was sagtest du? In Dawson? Einen Monat war ich dort. Ja, und ich war froh, als ich wieder wegkam. Die Männer im Norden sind ein wenig primitiv, das weißt du ja, und recht gewaltsam in ihren Gefühlen.«

»Das muß man werden, wenn man der Erde so nahe kommt. Alles, was Konventionen heißt, läßt man mit den Sprungfedermatratzen zu Hause. Aber du hast einen sehr vernünftigen Zeitpunkt für deine Heimreise gewählt. Da wirst du außer Landes sein, ehe die Moskitos kommen, und das ist ein Segen, den du bei deinem Mangel an Erfahrung kaum genügend schätzen wirst.«

»Nein, das tue ich vielleicht nicht. Aber erzähl mir etwas von dir – von deinem Leben. Was für Nachbarn hast du? Denn du hast doch wohl Nachbarn?«

Während sie fragte, behielt sie beständig das junge Mädchen am Feuer im Auge, das jetzt die Kaffeebohnen im Zipfel eines Mehlsackes auf einem Stein zerkleinerte. Mit einer Sicherheit und Gewandtheit, die bezeugten, daß ihr Nervensystem ebenso primitiv wie ihre Arbeitsmethode war, zerstieß sie die Bohnen mit einem schweren Quarzstück. David Payne folgte dem Blick seines Gastes, ein leichtes Lächeln kräuselte seine Lippen.

»Ich hatte ein paar«, antwortete er. »Leute aus Missouri und Cornwall, aber sie sind nach Eldorado gezogen, um sich Proviant zu erarbeiten.«

Karen Sayther sah jetzt das Mädchen nachdenklich an. »Aber natürlich gibt es eine Menge Indianer hier herum?«

»Jede lebende Seele ist längst nach Dawson gereist. Es gibt nicht einen Eingeborenen mehr im ganzen Land außer Winapie hier. Und sie stammt vom Koyokuk – sie ist tausend Meilen flußabwärts zu Hause.«

Karen Sayther fühlte sich plötzlich matt, und obwohl ihr aufmerksames Lächeln nicht einen Augenblick schwand, war ihr doch, als sähe sie das Antlitz des Mannes weit fort wie durch ein Opernglas, und die Reihe von Baumstämmen, die die Wände der Hütte bildeten, vollführten einen trunkenen Tanz um sie her. Dann aber forderte er sie auf, sich zu Tisch zu setzen, und während der Mahlzeit kam ihr das Bewußtsein von Zeit und Raum wieder. Sie sprach nicht viel und meistens von Land und Leuten und vom Wetter, während der Mann begann, ihr eine lange Erklärung vom Sommergraben an der Oberfläche in den unteren Distrikten und vom Wintergraben in tieferen Erdschichten in den oberen Distrikten zu geben.

»Du fragst nicht, weshalb ich gekommen bin«, sagte sie. »Du weißt es sicher.« Sie hatte ihren Stuhl fortgerückt, und David Payne hatte sich wieder an seinem Axtstiel zu schaffen gemacht. »Hast du meinen letzten Brief erhalten?«

»Den letzten? Nein, ich glaube nicht. Der treibt sich wohl irgendwo im Birch-Creek-Land herum oder ist in der Blockhütte irgendeines Handelsvertreters am unteren Flußlauf gelandet. Wie die Post hier besorgt wird, ist der reine Skandal. Keine Ordnung, kein System, keine ...«

»Laß nun die Dummheiten, David, hilf mir!« Ihre Stimme hatte Schärfe und Autorität angenommen. »Warum fragst du nicht nach mir? Nach unsern alten Bekannten? Interessierst du dich denn nicht mehr für die Welt? Weißt du, daß mein Mann gestorben ist?«

»Ach wirklich! Das tut mir leid. Dann ...«

»David.« Sie wollte vor Ärger weinen, aber der Vorwurf, den sie in ihre Stimme legte, brachte ihr einige Linderung. »Hast du meine Briefe erhalten? Einige müssen doch angekommen sein, wenn du auch nie geantwortet hast.«

»Nun ja, den letzten, in dem du mir offenbar den Tod deines Mannes mitteiltest, habe ich nicht erhalten, und mehrere andere sind wohl auch verlorengegangen, aber ein paar habe ich bekommen. Ich – ich habe sie Winapie als eine Art Warnung vorgelesen – verstehst du, um ihr zu zeigen, wie schlecht ihre weißen Schwestern sind. Und ich – ich glaube, es hat ihr gut getan. Meinst du nicht?«

Sie tat, als verstände sie den Stachel nicht, und fuhr fort: »In dem letzten Brief, den du nicht bekommen hast, teilte ich dir, wie du schon erraten hast, mit, daß Oberst Sayther gestorben ist. Das ist jetzt ein Jahr her. Ich schrieb auch, wenn du nicht zu mir kämst, würde ich zu dir kommen. Und jetzt komme ich, wie ich dir so oft versprochen habe.«

»Ich weiß von keinem Versprechen.«

»Nicht aus meinen früheren Briefen?«

»Doch, du versprachst es, da ich aber nie fragte oder antwortete, wurde das Versprechen nicht bestätigt, und deshalb weiß ich nichts von einem solchen Versprechen. Aber ich erinnere mich an etwas anderes, das du wohl auch nicht vergessen hast. Es ist sehr lange her.« Er ließ den Axtschaft auf den Boden fallen und hob den Kopf. »Es ist lange, lange her, und doch entsinne ich mich deutlich – des Tages, der Stunde, jeder Einzelheit. Wir standen in einem Rosengarten – du und ich –, im Rosengarten deiner Mutter. Alles sproß und blühte, und der Saft des Frühlings war in unserm Blut. Und ich zog dich an mich – es war das erstemal. Ich küßte dich auf den Mund. Weißt du das nicht mehr?«

»Erinnere mich nicht daran, David. Ich entsinne mich jeder Einzelheit, und ich schäme mich. Wie oft habe ich darüber geweint. Wenn du wüßtest, was ich gelitten habe!«

»Du gabst mir damals ein Versprechen – ja, und tausendmal in den wunderbaren Tagen, die auf den Tag folgten. Jeder Blick deiner Augen, jede Berührung deiner Hand, jede Silbe von deinen Lippen war ein Versprechen. Und dann – wie soll ich es erklären? – dann kam ein Mann. Er war alt – alt genug, daß er dein Vater hätte sein können, und nicht schön, aber er war, was man einen braven Mann nennt. Er hatte nichts Unrechtes getan. Er war dem Buchstaben des Gesetzes gefolgt, und er war ein höchst achtbarer Mann. Dazu, und das war die Hauptsache, besaß er viel Grund und Boden und mehrere Minen – vielleicht ein Dutzend, es kommt nicht so genau darauf an, und er war Geschäftsmann großen Stils und schnitt Coupons. Er ...«

»Aber da war anderes«, fiel sie ihm ins Wort.

»Ich erzählte es dir ja: Zwang – Geldsachen – Mangel – meine Familie – Ärger. Du kanntest doch meine Lage in all ihrem Elend. Ich konnte nichts dafür. Es war nicht mein Wille. Ich wurde geopfert oder opferte mich – du kannst es nennen, wie du willst. Aber mein Gott, David, ich konnte nun einmal nicht anders! Du bist nie gerecht gegen mich gewesen. Denk daran, was ich durchgemacht habe.«

»Es war nicht dein Wille? Zwang? In der ganzen Welt gibt es nichts, was dich diesem oder jenem Mann in die Arme zwingen könnte.«

»Aber ich liebte dich doch – die ganze Zeit«, sagte sie flehentlich.

»Ich begreife deinen Maßstab für Liebe nicht. Ich begreife ihn immer noch nicht.«

»Aber jetzt! Jetzt!«

»Wir sprachen über den Mann, den zu heiraten du gut fandest. Was für ein Mann war er? Womit bezauberte er deine Seele? Welche großen Tugenden hatte er? Es ist wahr: Alles, was er anrührte, verwandelte sich in Gold. Er kannte das Spiel. Er verstand sich auf Geschäfte – und das gründlich. Er besaß eine gewisse engstirnige Klugheit und eine ausgezeichnete Urteilskraft in bezug auf niedrige Instinkte, und auf diese Weise brachte er bald das Geld des einen, bald das des andern in seine eigene Tasche. Und das Gesetz lächelte dazu – ja, und weil unsere christliche Ethik es nicht verdammt, zollte auch ihm sie Beifall. Nach dem Maßstab der Gesellschaft war er kein schlechter Mensch. Aber nach deinem Maßstab, Karen – nach meinem, nach unserem Maßstab im Rosengarten, was war er da?«

»Vergiß nicht, daß er tot ist.«

»Das ändert nichts daran. Was war er? Ein großes, plumpes, materialistisches Geschöpf, taub für Gesang, blind für Schönheit, gefühllos für Geist. Gute Tage hatten ihn fett gemacht, seine Backen hingen, und sein dicker Bauch bezeugte, daß er die Freuden der Tafel bis zum Übermaß genossen hatte.«

»Aber er ist tot. Und wir leben jetzt – jetzt! Jetzt! Hörst du! Es ist, wie du sagtest, ich bin treulos gewesen. Ich habe gesündigt. Gut! Aber hast du denn nicht auch gesündigt? Wenn ich meine Versprechungen gebrochen habe, hast du es nicht auch getan? Deine Liebe im Rosengarten war ewig, das sagtest du jedenfalls, und wo ist sie jetzt?«

»Hier! Jetzt!« rief er und schlug sich mit der geballten Faust leidenschaftlich auf die Brust.

»Hier ist sie stets gewesen.«

»Und deine Liebe war groß, die größte in der Welt«, fuhr sie fort. »Das sagtest du jedenfalls im Rosengarten. Aber sie ist nicht edel, nicht groß genug, um mir zu verzeihen, wenn ich dir zu Füßen liege und weine?«

Der Mann zauderte. Seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam über sie. Sie hatte ihn gezwungen, sein Herz zu entblößen und Wahrheiten zu sprechen, die er vor sich selber verborgen hatte. Und sie war so schön anzuschauen, wie sie strahlend vor Liebe dastand und alte Erinnerungen wachrief, die das Leben heißer in ihm brennen ließen. Er wandte den Kopf ab, um sie nicht anzusehen, aber sie folgte der Bewegung und sah ihm wieder in die Augen.

»Sieh mich an, David! Sieh mich an! Schließlich bin ich doch dieselbe. Und du bist auch derselbe, wenn du es nur sehen wolltest. Wir haben uns nicht verändert.«

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter; er streckte den Arm aus und wollte sie in einer heftigen Umarmung an sich reißen, als das knisternde Geräusch eines Streichholzes ertönte. Winapie, die keinen Teil hatte an dem, was in ihrer Nähe vorging, war im Begriff, den langsam zündenden Docht der Tranlampe anzustecken. Es war, als tauchte sie auf vor einem Hintergrund aus tiefstem Schwarz, und die Flamme, die plötzlich hochschlug, ließ ihre bronzene Schönheit wie reines Gold erglühen.

»Du siehst selbst, daß es unmöglich ist«, stammelte er, indem er die blonde Frau zurückschob. »Es ist unmöglich«, wiederholte er. »Es ist unmöglich.«

»Ich bin kein junges Mädchen mit den Illusionen eines jungen Mädchens«, sagte sie sanft, wagte diesmal aber nicht, sich ihm zu nähern. »Weil ich eine reife Frau bin, verstehe ich es. Männer sind Männer. Ein allgemeiner Brauch im Land. Es stört mich nicht. Ich erriet es gleich. Aber es ist nur eine von den Ehen, wie sie hier im Land geschlossen werden, keine richtige Ehe – nicht wahr?«

»Danach fragen wir hier in Alaska nicht«, entgegnete er unsicher.

»Ich weiß, aber –«

»Nun ja, es ist nur eine der Ehen, wie sie hier im Land geschlossen werden – nichts anderes.«

»Und es ist kein Kind da?«

»Nein.«

»Und auch keine –«

»Nein, nein – nichts, aber es ist unmöglich.«

»Aber nein, das ist es nicht!« Sie stand wieder neben ihm, und ihre Finger berührten leicht seinen sonnenverbrannten Handrücken. »Ich kenne nur allzu gut die Bräuche des Landes. Das ist etwas, was jeden Tag vorkommen kann. Männer können es nicht ertragen, ihr ganzes Leben von der Welt abgeschlossen zu bleiben, und da geben sie einfach der Company Auftrag, Proviant für ein Jahr und eine Summe Geld zu zahlen – und das Mädchen ist zufrieden. Es dauert nicht lange, und ein Mann ...« Sie zuckte die Achseln. »So steht es auch mit dem Mädchen hier. Wir werden der Company Auftrag geben, sie mit Proviant zu versehen, nicht für ein Jahr – sondern auf Lebenszeit. Was war sie, als du sie fandest? Ein primitives, fleischfressendes Weib, Fische im Sommer, Elche im Winter – Überfluß, wenn es Nahrung genug gab, Hungersnot, wenn Mangel herrschte. Wärst du nicht gewesen, sie hätte weiter so gelebt. Gehst du, so ist sie glücklicher gewesen, weil du ihren Weg gekreuzt hast, und ihr bleibt die Gewißheit, daß sie in verhältnismäßiger Herrlichkeit leben und glücklicher sein kann, als wenn du nie gewesen wärst.«

»Nein, nein«, wandte er ein, »es ist doch Unrecht.«

»Sieh, David, du mußt verstehen. Sie ist nicht deinesgleichen. Sie gibt keine Rassengemeinschaft zwischen dir und ihr. Sie ist ein wildes Geschöpf, aus dem Boden des Landes gewachsen, und sie ist immer noch bodennahe, und es ist ihr unmöglich, sich von ihm zu lösen. Sie ist unter Wilden geboren, und eine Wilde wird sie bleiben bis zu ihrem Tod. Wir aber – du und ich – die herrschende, weitentwickelte Rasse –, wir sind das Salz der Erde, und wir sind die Herren der Erde! Wir sind füreinander geschaffen. Der höchste Ruf ist der der Rasse, und wir sind von einer Rasse. Vernunft und Gefühl sagen uns das. Selbst deine Instinkte fordern es. Das kannst du nicht leugnen. Du kannst nicht von den Generationen hinter dir loskommen. Du stammst von einem Geschlecht ab, das tausend Jahrhunderte gelebt hat und das nicht mit dir aufhören darf. Das kann es nicht – die Generationen hinter dir erlauben es nicht. Der Instinkt ist stärker als der Wille. Die Rasse ist mächtiger als du. Komm, David, laß uns gehen. Wir sind noch jung, und das Leben ist schön. Komm!«

Sein Blick fiel auf Winapie, die in diesem Augenblick aus der Hütte trat, um die Hunde zu füttern, und er schüttelte den Kopf und wiederholte schwach seine früheren Worte. Aber die Frau schlang ihm den Arm um den Hals und preßte ihre Wange gegen die seine. Sein trauriges Leben stand mit qualvoller Klarheit vor ihm – der aussichtslose Kampf mit den unbarmherzigen Kräften, die traurigen Jahre mit Frost und Hungersnot, das primitive Leben mit seinen schneidenden Disharmonien, die nagende Leere, die selbst das tierische Dasein nicht ausfüllen konnte. Und hier neben ihm – die Versuchung, die Stimme, die von lichteren, wärmeren Ländern, von Musik, Licht und Freude flüsterte und die Erinnerung an jene alten Tage wieder wachrief. Ganz unbewußt sah er das alles im Geiste. Gesichter umdrängten ihn, flüchtige Erinnerungen an vergessene Geschehnisse, an frohe Stunden, an Sang und klingendes Lachen.

»Komm, David, komm! Ich habe genug für uns beide. Der Weg liegt hell und licht vor uns.« Sie sah sich in der kahlen, karg ausgestatteten Hütte um. »Ich habe genug für uns beide, die Welt liegt uns zu Füßen, und alle Freuden des Lebens sind unser. Komm! Komm!«

Sie lag zitternd in seinen Armen, und er preßte sie an sich. Er stand auf ... Aber das Knurren der gefräßigen Hunde und die schrillen Rufe Winapies, die Frieden zwischen den Kämpfenden zu stiften suchte, ertönten gedämpft durch die dicken Balken herein. Und plötzlich sah er eine andere Szene vor sich. Einen Kampf im Wald – ein Grizzlybär mit gebrochenen Beinen, fürchterlich; das Knurren der Hunde und die schrillen Rufe Winapies, die sie zum Angriff zwang; und er sah sich selbst mitten in dem wilden Lärm, atemlos, stöhnend, wie er den roten Tod abzuwehren suchte. Hunde mit gebrochenem Rückgrat und herausgerissenen Eingeweiden, heulend in machtloser Qual und die unberührte Weiße des Schnees entheiligend, die sich rot vom Blut der Menschen und Tiere färbte; und Winapie, die sich jetzt in dieses entsetzliche Chaos stürzte, mit flatternden Haaren, mit blitzenden Augen, die verkörperte Raserei, und immer wieder das lange Jagdmesser schwang – der Schweiß brach ihm in großen Tropfen aus der Stirn.

Mit einem Ruck befreite er sich von der Frau, die sich an ihn klammerte, und taumelte gegen die Wand. Und sie, die wußte, daß der Augenblick gekommen, die aber nicht imstande war, zu erraten, was sich in ihm regte, sie fühlte, wie alles, was sie gewonnen hatte, im Begriff war ihren Händen zu entgleiten.

»David! David!« rief sie. »Ich lasse dich nicht. Ich lasse dich nicht. Wenn du nicht mit mir gehen willst, so bleiben wir hier. Ich will bei dir bleiben. Die Welt bedeutet für mich weniger als du. Ich will deine Frau sein – wie es die Frauen hier im Nordland sind. Ich will dir dein Essen bereiten, deine Hunde füttern, die Schlittenspur für dich treten, mit dir rudern, ich kann es – glaube mir, ich bin stark.«

Und wie er dastand und sie, mit ausgestreckten Armen von sich abhaltend, anblickte, zweifelte er nicht daran; aber sein Antlitz war streng und bleich geworden, und die warme Glut in seinen Augen war verschwunden.

»Ich will Pierre und die andern Bootsleute bezahlen und fortschicken. Ich will hier bei dir bleiben – mit oder ohne Segen der Kirche – und dir überallhin folgen! David! David! Hör' mich an! Du sagtest, ich tat dir unrecht, und das tat ich auch – laß mich dafür büßen, laß mich büßen! Habe ich früher nicht verstanden, was Liebe ist, so laß mich zeigen, daß ich es jetzt weiß.« Sie warf sich zu Boden und umschlang schluchzend mit ihren Armen seine Knie. »Und du liebst mich ja! Du liebst mich! Besinne dich! All die langen Jahre, die ich gewartet und gelitten habe! Das wirst du nie fassen können!«

Er beugte sich zu ihr und hob sie auf.

»Hör!« sagte er gebieterisch, indem er die Tür öffnete und sie hinaustrug. »Es ist unmöglich. Wir dürfen nicht nur an uns denken. Du mußt gehen. Ich wünsche dir eine gute Reise. Sie wird recht beschwerlich werden, wenn du in die Nähe von Sixty Mile kommst, aber du hast die besten Bootsleute der Welt und brauchst dich nicht zu fürchten. Willst du mir Lebewohl sagen?«

Obwohl sie schnell ihre Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte, sah sie doch in tiefer Verzweiflung zu ihm auf.

»Wenn – wenn – Winapie ...«, begann sie mit zitternder Stimme und hielt dann inne.

Aber er erfaßte den unausgesprochenen Gedanken und antwortete: »Ja.« Dann ging ihm das Entsetzliche auf: »Du darfst nicht daran denken. Es ist unmöglich. Wir dürfen nicht daran denken.«

»Küsse mich!« flüsterte sie, und ihr Gesicht klärte sich auf. Dann wandte sie sich um und ging.

»Brechen Sie das Zelt ab, Pierre«, sagte sie zu dem Bootsführer, der wach gelegen und auf ihre Rückkehr gewartet hatte. »Wir müssen weiter!«

Beim Schein des Feuers sah er mit seinem scharfen Blick, wie zerquält ihr Gesicht war, aber er nahm den ungewöhnlichen Befehl entgegen, als sei es das natürlichste von der Welt.

»Oue, Madame«, sagte er zuvorkommend.

»Welchen Weg, Madame – nach Dawson?«

»Nein«, antwortete sie vollkommen ruhig und gleichmütig. »Aufwärts, nach Dyea ...«

Worauf er sich auf die schlafende Bootsmannschaft stürzte und sie mit Fußtritten aus ihren Decken herausbrachte. Murrend machten sie sich an ihre Arbeit, während seine Stimme, vor Eifer zitternd, über das ganze Lager scholl. Im Handumdrehen war das winzige Zelt Frau Saythers abgerissen, Töpfe und Pfannen zusammengepackt, Decken aufgerollt, und die Männer schwankten unter ihrer schweren Last zum Boot.

Hier am Ufer wartete Frau Sayther, bis alles Gepäck an Ort und Stelle verstaut und ihr Nest instandgesetzt war.

»Wir steuern nach oberes Ende von Insel«, erklärte Pierre, während er die lange Schleppleine klar machte. »Dann wir folgen den Kanal, wo das Wasser nicht so schnell, und ich denken, wir haben gute Fahrt.«

In diesem Augenblick fing sein scharfes Ohr das Geräusch von Schritten in dem trocknen vorjährigen Gras auf, und er wandte den Kopf. Die junge Indianerin kam, umgeben von einer ganzen Schar knurrender Wolfshunde. Frau Sayther bemerkte, daß das Gesicht des jungen Weibes, das während des ganzen Auftritts in der Hütte völlig schlaff und ausdruckslos gewesen war, jetzt vor Zorn flammte.

»Was du tun mein Mann?« fragte sie plötzlich, sich zu Frau Sayther wendend. »Ihn legen Bett, und ihn sehen krank aus – ganze Zeit. Ich sagen: ›Was ist, Dave? Du krank?‹ Aber ihn nicht sagen wollen. Dann ihn sagen: ›Gutes Mädchen Winapie, geh weg. Ich bald wieder gut.‹ Was du tun mein Mann, wie? Ich glauben, du schlechte Frau.«

Frau Sayther sah neugierig das Barbarenweib an, das teil hatte am Dasein dieses Mannes, während sie selbst allein in der Finsternis der Nacht fortziehen sollte.

»Ich glauben, du schlechte Frau«, wiederholte Winapie langsam und mechanisch wie jemand, der nach ungewohnten Worten in einer fremden Sprache sucht. »Ich glauben, es besser, du gehen weg, nicht kommen wieder, wie? Was du glauben? Ich haben einen Mann. Ich Indianerfrau. Du Amerikanerfrau. Du schön anzusehen. Du finden viele Männer. Deine Augen blau wie Himmel. Deine Haut so weiß – so weich ...« Mit ihrem braunen Zeigefinger strich sie über die weiche Wange der andern. Und zu Karen Saythers Ehre sei gesagt, daß sie nicht zurückschauderte.

Pierre, der danebenstand, machte eine Bewegung, als wolle er auf sie zutreten. Aber sie bedeutete ihm, daß er gehen sollte.

Er trat ehrerbietig zurück, bis er außer Hörweite war, und dort stand er, brummte etwas vor sich hin und überlegte, wie weit die Entfernung in Sprüngen sein mochte.

»Ihn weiß, ihn weich wie kleines Kind«, Winapie strich über die Wange der andern und zog dann die Hand zurück. »Bald Moskitos kommen. Haut tun weh in Flecken; ihn schwellen, auch so sehr, ihn tun weh, ach so viel! Menge Moskitos, Menge Flecken. Ich glauben, du lieber reisen, ehe Moskitos kommen den Weg.« Sie zeigte den Fluß hinab. »Du gehen St. Michael; den Weg.« Sie zeigte den Fluß hinauf. »Besser du gehen Dyea. Leb wohl.«

Aber da tat Karen Sayther etwas, das Pierres tiefste Verwunderung erregte: Sie schlang die Arme um die Indianerin, küßte sie und brach in Tränen aus. »Sei gut zu ihm. Sei gut zu ihm!« rief sie.

Dann ließ sie sich den steilen Uferhang hinabgleiten, rief noch einmal: »Lebe wohl!« und sprang ins Boot. Pierre folgte ihr und warf los. Er hakte das Steuerruder ein und gab das Zeichen. Gloire stimmte ein altes französisches Chanson an, die Bootsleute, die im Sternenlicht wie eine Reihe Gespenster aussahen, warfen sich mit gebogenem Rücken in die Schleppleine. Das Steuerruder durchschnitt die schwarze Strömung, und das Boot schoß in die Nacht hinein.

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