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Nord gegen Süd. Erster Band

Jules Verne: Nord gegen Süd. Erster Band - Kapitel 12
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typefiction
authorJules Verne
titleNord gegen Süd. Erster Band
publisherDruck und Verlag von A. Weichert
correctorJosef Muehlgassner
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Zehntes Kapitel. Der zweite März

Am folgenden Tage, dem zweiten März, erhielt James Burbank Nachricht von einem seiner Unterverwalter, der über den Fluß hatte fahren und nach Jacksonville gehen können, ohne den geringsten Verdacht zu erregen.

Die Nachrichten waren aus zuverlässiger Quelle und von großer Wichtigkeit.

Kommodore Dupont hatte bei Tagesanbruch in der Bai von St. Andrews im Osten der Küste von Georgia Anker geworfen. Der »Wabash«, auf dem seine Flagge gehißt war, steuerte an der Spitze eines Geschwaders von 26 Schiffen.

Wie Gilbert in seinem letzten Briefe geschrieben hatte, begleitete General Sherman diese Expedition.

Kommodore Dupont hatte durch das schlechte Wetter Verspätung erlitten und hatte sich nun beeilt, unverzüglich die Durchfahrt von St. Mary zu besetzen. Diese ziemlich gefährliche Durchfahrt liegt bei der Mündung des Rios gleichen Namens gegen Norden der Insel Amelia auf der Grenze zwischen Georgia und Florida.

Fernandina, der Hauptplatz der Insel, war durch das Fort Clinch geschützt, dessen dicke Steinmauern eine Garnison von 1500 Mann in sich schlossen. Es war damit zu rechnen, daß in dieser Festung, wo eine ziemlich lange Verteidigung möglich war, die Südlichen der Bundesarmee Widerstand leisten würden.

Das war aber nicht geschehen. Nach dem Bericht des Unterverwalters ging in Jacksonville das Gerücht, die Konföderierten hätten das Fort Clinch geräumt, sobald das Geschwader vor der Bai von St. Mary erschienen sei, und nicht nur Fort Clinch, sondern auch Fernandina, die Insel Cumberland und diesen ganzen Teil der floridischen Küste.

Da die Bundesstaatler nun endlich in Florida an Land gegangen waren, konnte es nicht mehr lange dauern, bis der ganze Staat in ihrer Gewalt war. Sicher vergingen noch ein paar Tage, ehe die Kanonenboote am St. John erscheinen konnten. Aber ihre Nähe würde die neue Obrigkeit von Jacksonville in Schach halten, und Texar würde nicht wagen, etwas gegen die Pflanzung eines bei der Nordpartei so gut angeschriebenen Pflanzers wie James Burbanks zu unternehmen.

Dies wirkte beruhigend auf die Familie, die zwischen Furcht und Hoffnung schwebte. Für Frau Burbank und Fräulein Alice lag darin auch die Gewißheit, daß Gilbert nicht mehr ferne sei, daß binnen kurzem die eine ihren Sohn, die andere ihren Bräutigam wiedersehen würde.

In der Tat hätte der junge Leutnant von St. Andrews aus nur 30 Meilen zurückzulegen brauchen, um zu dem kleinen Hafen von Camdleß-Bai zu gelangen. In diesem Augenblick war er an Bord des Kanonenbootes und hatte sich durch eine Tat ausgezeichnet, wie die Annalen der Marine ihresgleichen nicht haben.

Als Kommodore Dupont erfahren hatte, daß Fort Clinch von der Garnison der Konföderierten geräumt worden sei, schickte er ein paar Schiffe mittlern Tiefganges nach dem Kanal von St. Mary. Die weiße Bevölkerung hatte sich schon hinter den Truppen der Südlichen her aus den Städten, Dörfern und Pflanzungen an der Küste ins Innere des Landes zurückgezogen. Unter diesen Umständen konnten die Schiffe des Kommodore Dupont ohne einen Kanonenschuß Fort Clinch und Fernandina besetzen. Nur das Kanonenboot »Ottawa«, auf dem Gilbert mit seinem getreuen Mars sich befand, mußte sich seiner Geschütze bedienen.

Die Stadt Fernandina ist mit dem Hafen von Cedar-Keys durch eine Bahnlinie verbunden. Diese Linie zieht sich zuerst an der Küste der Insel Amelia hin, und ehe sie dann das Festland erreicht, führt sie auf einer Brücke über die Nassau-Bucht hinweg.

Als der »Ottawa« mitten in dieser Bucht sich befand, fuhr gerade ein Zug über die Brücke. Die Garnison von Fernandina flüchtete und führte alle ihre Vorräte mit sich. Mehrere bedeutende Persönlichkeiten der Stadt waren dabei. Sofort fuhr das Kanonenboot mit Volldampf auf die Brücke zu und gab nicht nur auf die Brückenpfeiler, sondern auch auf den fahrenden Zug Feuer. Gilbert leitete die Kanonade und hatte mehrere glücklich sitzende Schüsse abgegeben. Unter andern traf eine Kugel den letzten Wagen des Zuges und zerschmetterte ihn. Aber der Zug hielt nicht einen Augenblick an – was seine Lage noch gefährlicher gemacht hätte – und ließ den Wagen im Stich, indem er mit Volldampf nach dem Südwesten der Halbinsel davonbrauste.

In diesem Augenblick traf eine Abteilung der bei Fernandina gelandeten Truppen an, stürmte die Brücke und nahm den Wagen samt seinen meistens dem Zivilstande angehörigen Insassen. Diese wurden dem obersten Offizier, dem Kolonel Gardner, vorgeführt, 48 Stunden in Gewahrsam gehalten und dann wieder frei gelassen.

Als der Zug verschwunden war, mußte der »Ottawa« sich damit begnügen, ein Schiff anzugreifen, das Material geladen hatte und das gekapert wurde.

Diese Ereignisse wirkten natürlich entmutigend auf die Truppen der Konföderierten und die Einwohner der floridischen Städte. Dies zeigte sich besonders In Jacksonville; und sicherlich sollten die Truppen der Union in Jacksonville wie in St. Augustine und allen Städten des County ebenso wenig auf Widerstand stoßen.

Dies alles war nur dazu angetan, die Familie Burbank zu beruhigen und sie neue Hoffnung schöpfen zu lassen. Als das Personal von Camdleß-Bai diese wichtigen Nachrichten erfahren hatte, machte sich die allgemeine Freude durch lautes Hurrageschrei kund. Dennoch durften die Vorsichtsmaßregeln nicht außer acht gelassen werden, um noch auf einige Zeit, bis die Kanonenboote auf dem Flusse erscheinen würden, die Pflanzung vor einem Angriff zu sichern.

Denn unglücklicherweise – was James Burbank nicht ahnen konnte – sollte noch eine volle Woche vergehen, ehe die Bundesmarine den St. John hinauffahren und Besitz von dem Flußlauf ergreifen konnte.

Kommodore Dupont hatte zwar Fernandina besetzt, mußte aber doch mit großer Umsicht vorgehen. Er beabsichtigte, das Banner der Union auf allen Punkten aufzupflanzen, die seine Schiffe erreichen konnten. Er teilte daher sein Geschwader.

Ein Kanonenboot wurde nach dem Flusse St. Mary gesandt, um die kleine Stadt gleichen Namens zu besetzen und zwanzig Meilen landeinwärts vorzurücken.

Im Norden sollten drei andere Kanonenboote unter dem Befehl des Kapitäns Godon die Inseln Jykill und St. Simon und die teilweise von der Einwohnerschaft verlassenen kleinen Städte Brunswik und Darien besetzen.

Sechs Dampfboote waren bestimmt, unter dem Befehl des Kommandanten Stevens den St. John hinaufzufahren und Jacksonville zu nehmen.

Der Rest des Geschwaders sollte unter Duponts Führung wieder in See gehen, St. Augustine besetzen und die Küste bis Mosquito-Inlet blockieren.

Aber diese Operationen ließen sich nicht in 24 Stunden ausführen, und in diesen 24 Stunden konnte das ganze Territorium von den fanatischen Südlichen verheert sein.

Gegen drei Uhr nachmittags erfuhr James Burbank die ersten Zeichen dessen, was gegen ihn geplant wurde. Der Verwalter Perry hatte einen Rekognoszierungsgang bis an die Grenze der Pflanzung gemacht, war in aller Eile nach Castle-House zurückgekehrt und hatte gemeldet:

»Herr James, es sind einzelne verdächtige Streifzügler bemerkt worden, die sich Camdleß-Bai nähern.«

»Von Norden her, Perry?«

»Von Norden her.«

Fast im selben Augenblick kam Zermah von dem kleinen Hafen her und teilte ihrem Herrn mit, mehrere Boote kämen vom rechten Ufer über den Fluß.

»Kommen sie von Jacksonville?«

»Sicherlich.«

»Wir wollen nach Castle-House zurückkehren, und du, Zermah, gehst mir auf keinen Fall wieder hinaus!«

Als James wieder bei den Seinen war, konnte er ihnen nicht verhehlen, daß die Situation bedrohlich zu werden begann. Indessen verlor er die Kaltblütigkeit nicht und gab Anweisungen zur Verteidigung von Castle-House.

»Sind die Neger benachrichtigt?« fragte Edward Carrol.

»Sie werden Mitteilung erhalten,« antwortete James Burbank. »Meiner Meinung nach müssen wir uns darauf beschränken, die Umzäunung zu verteidigen, die den Park und das Wohnhaus umgibt. Wir können nicht daran denken, an der Grenze von Camdleß-Bai eine ganze bewaffnete Truppe abzuwehren, denn es ist anzunehmen, daß die Angreifer in großer Anzahl erscheinen werden. Es ist daher ratsam, unsere Verteidigungstruppe innerhalb der Umzäunung zu versammeln. Wenn die Palisade genommen wird, kann immer noch Castle-House, das schon Seminolenbanden widerstanden hat, sich auch gegen die Banditen Texars halten. Meine Frau, Alice, Dy und Zermah, deren Obhut ich die drei anvertraut habe, dürfen ohne meine ausdrückliche Weisung Castle-House nicht verlassen. Im Falle wir uns hier in zu dringender Gefahr befinden sollten, so ist alles darauf vorbereitet, daß sie sich durch den unterirdischen Gang retten können, der nach der kleinen Marinokrampe am St. John führt. Dort wird ein Boot mit zwei Mann versteckt liegen, und in diesem Falle, Zermah, wirst du sie stromaufwärts nach dem Laubenhäuschen am Zedernfelsen führen.«

»Aber du, James?«

»Und du, Vater?«

Frau Burbank und Alice hatten die eine Herrn Burbank, die andere Herrn Stannard am Arm ergriffen, als sei der Augenblick schon gekommen, aus Castle-House zu flüchten.

»Wir werden alles tun, bald zu Euch zu gelangen, wenn wir uns nicht länger halten können,« antwortete James Burbank. »Aber Ihr müßt mir versprechen, daß Ihr ruhig nach dem Zedernfelsen flüchtet, wenn die Gefahr zu groß wird. Das wird unsern Mut nur erhöhen, und wir werden dann besser imstande sein, bis zur letzten Kugel im Flintenlauf diesen Schurken Widerstand zu leisten.«

James Burbank ging sogleich daran, sein Personal zusammenzuziehen. Perry und die Unterverwalter liefen in die verschiedenen Baracken, um die Leute zu sammeln. Ehe noch eine Stunde vergangen war, standen die Schwarzen alle im Verteidigungszustand innerhalb der Planken. Ihre Frauen und Kinder hatten Zuflucht in den Wäldern der Umgebung suchen müssen.

Zum Unglück waren aber die Mittel, eine ernste Verteidigung zu organisieren, sehr beschränkt. Unter den herrschenden Verhältnissen war es seit Beginn des Krieges fast unmöglich gewesen, sich Waffen und Munition in genügendem Bestande zu verschaffen. In Jacksonville hatte man vergebens Vorrat zu kaufen versucht. Man mußte sich daher mit dem Material begnügen, das von den letzten Kämpfen gegen die Seminolen her noch in der Pflanzung vorhanden war.

Der Plan James Burbanks ging in der Hauptsache dahin, Castle-House gegen Brand und Plünderung zu schützen. Die ganze Niederlassung mit allen Werkstätten, Arbeitsbauten und Baracken zu verteidigen oder zu verhindern, daß die Pflanzung verwüstet würde, das wäre unmöglich gewesen, und er dachte auch nicht daran. Er verfügte kaum über 400 kampfesfähige Neger, und auch diese waren nur ungenügend bewaffnet.

Ein paar Dutzend Gewehre wurden unter die Geschicktesten verteilt, während die guten Büchsen für James Burbank, seine Freunde, Perry und die Unterverwalter bestimmt blieben. Alle waren nun innerhalb der Umzäunung. Die Leute wurden so verteilt, daß sie möglichst lange dem Ansturm, der der Umzäunung drohte, Widerstand leisten konnten. Obendrein schützte sie noch der Umfassungsgraben, dessen Wasser bis an die Palisaden stand.

In voller Bereitschaft wartete man. Die Frage war, von welcher Seite der Angriff geschehen würde. Wenn die Feinde an der nördlichen Grenze der Pflanzung erscheinen würden, so ließ die Verteidigung sich wirksamer durchführen. Wenn sie dagegen vom Flusse her angriffen, so war die Gegenwehr schon schwieriger, da nach dieser Seite hin Camdleß-Bai offen lag.

Eine Landung von Abteilungen ist nun allerdings stets eine mühselige Operation. In jedem Fall, war eine hinreichend große Anzahl von Kähnen von nöten, um eine bewaffnete Truppe schnell über den St. John zu setzen.

Dies besprachen James Burbank, Carrol und Stannard, während sie auf die Rückkehr der Leute warteten, die behufs Rekognoszierung an die Grenze der Pflanzung geschickt worden waren.

Gegen vier Uhr abends kamen diese Leute zurück und erstatteten Bericht.

Eine Kolonne in Waffen war von dieser Seite her auf Camdleß-Bai im Anmarsch. Sie mochte etwa 1000 Mann stark sein, und es würde unmöglich sein, ihr mit dem Personal der Pflanzung entgegenzutreten. Innerhalb der Umzäunung von Castle-House konnte man dagegen hoffen, ihnen eine längere und ernstere Gegenwehr zu bieten.

Es war jedenfalls klar, daß diese Kolonne nicht eine Landung hatte versuchen wollen, die in dem kleinen Hafen oder an den Ufern von Camdleß-Bai mit großen Schwierigkeiten hätte verbunden sein können, und daß sie auf etwa 50 Booten stromabwärts von Jacksonville über den Fluß gesetzt war.

Wer war nun der Anführer dieser feindlichen Truppe? Texar in Person? Das war zweifelhaft. Zu einer Zeit, da der Anmarsch der Bundestruppen nahe bevorstand, konnte der Spanier leicht es für allzu tollkühn halten, sich an die Spitze seiner Bande zu setzen. Wenn er es doch getan haben sollte, so wollte er eben nur sein Rachewerk vollenden, die Niederlassung verwüsten, die Familie Burbank niedermetzeln oder lebend in seine Gewalt bekommen, um dann schleunigst nach den südlichen Territorien, vielleicht bis in die Everglades zu flüchten, wo es schwer gewesen wäre, ihn zu erreichen.

Diese Möglichkeit, die ernsteste von allen, beschäftigte James Burbank am meisten. Aus diesem Grunde hatte er sich entschlossen, seine Frau, seine Tochter und Alice Stannard in Sicherheit zu bringen und unter Zermahs Obhut nach dem Versteck am Zedernfelsen zu schaffen, der etwa eine Meile oberhalb Camdleß-Bai lag. Wenn sie Castle-House vor den Angreifern sollten räumen müssen, wollten seine Freunde und er hier mit der Familie zusammentreffen und warten, bis die ehrbaren Leute unter dem Schutze der Bundestruppen wieder ihres Lebens sicher sein würden.

Im Schilfe des St. John wartete am Ende des unterirdischen Ganges, der Castle-House mit der Marino-Krampe verknüpfte, ein Boot mit zwei Negern.

Aber ehe man sich zu dieser Trennung entschloß, mußte man sich doch ein paar Stunden, wenigstens bis zum Einbruch der Nacht, verteidigen. Im Schutze der Dunkelheit würde dann das Boot unbemerkt stromauf fahren können, ohne daß es in Gefahr geriet, von den verdächtigen Kanoes, die man auf dem Flusse herumschwärmen sah, verfolgt zu werden.

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