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Non cras sed hodie!

Adolf Schmitthenner: Non cras sed hodie! - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleNon cras sed hodie!
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080904
projectid66fae2f8
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Ich hatte nach einigem Tasten die Thür gefunden, deren Riegel und Falle nicht mehr festhielten, und war damit beschäftigt, sie an ihren Pfosten festzubinden. Jetzt war ich fertig und sah in den Garten hinein. Die hohe, dunkle Finsternis dort hinten, die doppelt so schwarz schien als die übrige Nacht, mußte der alte Turm sein. Es war jetzt still dort oben. Aber nein! Der Alte mußte auf der Galerie sein. Ich hörte deutlich den schlürfenden Schritt, dann das Lallen und Kichern, Stöhnen und Klagen, wovon ich mir das grause Gemisch, das mich an jenem Frühlingstage in meiner Knabenzeit entsetzte, hundertmal in der Erinnerung erneuert hatte. Es wurde still; dann auf einmal der wilde Ruf: Non cras sed hodie!

Ich wußte, daß jetzt der Anfall vorbei sei, und wollte mich ins Haus zurückziehen. Da hörte ich zweimal hintereinander rufen: Felix, Felix! Es war mir, als ob ich träume; ich traute meinen Sinnen nicht. Ich stand und lauschte mit angehaltnem Atem. Wieder rief es, ganz in der Nähe, es mußte zwischen dem Garten und dem Turme sein: Felix, bist du dort oben?

Das Wort erschütterte mich, daß ich fast in Thränen ausgebrochen wäre. Aber nur einen Augenblick dauerte die Bewegung in meiner Brust; dann ging ich mit festen Schritten durch den Garten dem alten Turme zu.

Noch ehe ich das Geländer erreicht hatte, trat ich in den Schatten des hochragenden Gemäuers und schritt nun in völliger Finsternis dahin, bis die Pfähle mir Halt geboten. Im Nu hatte ich sie überstiegen und ging in derselben Richtung weiter. Ich hörte tastende Schritte vor mir und hemmte meinen Fuß, um zu lauschen. Ein Mensch ging auf den Turm zu. Jetzt mußte er ihn erreicht haben. Ich hörte, wie er mit der Hand an der Mauer hingriff; er suchte offenbar die Thür. Jetzt hatte er sie gefunden. Sie war unverschlossen. Krächzend ging sie auf und fiel mit dumpfem Schalle wieder zu. Dann wurde es still.

Mit raschen Schritten durcheilte ich die Breite der Straße, die mich von dem Eingänge trennte, stieß die Thür zurück und trat in den Turm ein.

Das Geschrei aufgeweckter Gänse empfing mich. Ein Lichtschimmer fiel von oben herab. Auf der Treppe stand ein Mann, der eine brennende Handlaterne trug. Ihm zu Füßen lag ein brennendes Streichholz. Er hatte sich umgedreht und leuchtete mir ins Gesicht. Dann zog er die Laterne zurück, wobei ein heller Lichtstrahl sein Antlitz traf, und ging, ohne sich um mich zu kümmern, die Treppe hinauf. Es war der weißbärtige Alte, den ich bei der Künstlerkarawane gesehen hatte.

Als er sich dem ersten Stockwerke näherte, wo sich die Gefängniszellen befanden, stieg er langsamer die Stufen empor. Oben blieb er stehen und erwartete mich.

Wohnen Sie hier im Turme? fragte er mich.

Nein, Sie wohnen auch nicht hier, sagte ich und sah ihn forschend an.

Ich bin fremd, erwiderte er und ging über den Gang auf die nächste Stiege zu; ich langsam hinter ihm her. Eine Fledermaus huschte über uns hin. Der Schein der Laterne glitt über den dunkeln Rost der Gefangnisthüren und die häßliche Mauer. In einem der Gelasse atmete es schwer. Es ist eine Eule, sagte ich mir und ging vorüber.

Am Ende des Ganges blieb der Mann stehen, wandte sich um und fragte: Warum gehen Sie mir nach? Lassen Sie mich meine Wege gehen! Und er schickte sich zum Weitersteigen an.

Nach einer Weile blieb er wieder stehen und sah mich fragend von oben bis unten an.

Ich trat dicht an ihn heran, schaute ihm fest ins Gesicht und sagte: Ich suche dasselbe, was Sie suchen; ich will forschen nach Non cras sed hodie!.

Er hob wieder die Laterne, leuchtete mir ins Gesicht und sah mich mit weit geöffneten Augen an. Dann sagte er, mich unverwandt anblickend: Welches Recht haben Sie auf dies Wort?

Welches Recht haben Sie? fragte ich ihn.

Er ließ die Laterne sinken und schüttelte das Haupt. Dann sagte er wie vor sich hin: Ich habe einen gekannt, vor langer, langer Zeit. Wir teilten uns in das Wort wie zwei Brüder in des Vaters Ring. Nur wenn es zusammenklang aus beider Mund, war es ganz. Als wir uns trennten, zerbrach es in der Mitte. Er nahm seine Hälfte mit in die Welt.

Und wurde der Ring wieder einmal ganz? fragte ich ihn.

Ich weiß es nicht, erwiderte er leise und starrte vor sich hin. Kaum hörbar fügte er bei: Ich hoffe nicht. Er wandte sich um und ging langsam und schweren Trittes die Stiege hinauf. Ich ging hinter ihm her und sagte:

Sie hörten das Wort vorhin vom Turme herunterschalten, wie ich es hörte. Der da oben ist auf dem Turme geboren und hat ihn nie verlassen; es ist ein Blöder, er kann weder lesen noch schreiben. Wie er das Wort gefunden hat, das weiß nur Gott. Es muß in entsetzensvoller Stunde gewesen sein, denn es graust ihm und andern, wenn er es ruft.

Der Alte war stehen geblieben und nickte mit dem Kopfe, ohne sich umzudrehen. Ich stand dicht hinter ihm, als ich fortfuhr: Ich weiß, es war einer hier, hier hat er die Hälfte des Ringes verloren. Nach langen, langen Jahren hat man sie ausgegraben aus dem Schutt.

Er hatte sich, während ich sprach, umgedreht und sah mich mit dem Ausdrucke der höchsten Spannung an.

Ja, ich weiß, sagte er dann, mir unverwandt in die Augen starrend, es war einmal einer hier. Es schwindelte mir, es war mir, als ob sich etwas Entsetzliches von ferne zeige, vor dem das Blut erstarren müsse, und mühsam brachte ich hervor: Wer?

Ich.

Und der andre?

Er schwieg eine Weile und sagte dann: Ich weiß es nicht.

Wann waren Sie hier? fragte ich. Ich sah dem Entsetzlichen, das ich in der Ferne geschaut hatte, jetzt mit weniger Angst entgegen: du bist nichts, du bist ein Schatten und mußt versinken.

Ich will Ihnen sagen, was ich weiß, wenn Sie mir sagen wollen, was Sie wissen, flüsterte er und faßte mich am Arme, – Ich nickte mit dem Kopfe.

Er hatte seine Laterne auf eine Treppenstufe gestellt und sich in eine Fensternische gesetzt. Hier war das Gewölbe des Turmes ausgebrochen, und von den alten Kerkern waren nur die tiefen Mauernischen geblieben, auf deren Boden die Gefangnen gesessen hatten, und aus deren Höhe ein schmaler Schlitz am Tage das spärliche Licht spendete. An der gegenüberliegenden Turmwand, auf der der Schein der Laterne lag, stieg der Schatten des Mannes in die Höhe. Hinter ihm blinkte es aus dem Dunkel. Es war der eingemauerte eiserne Ring, an dem einst die Gefangnen angekettet gewesen waren. Ich wußte, daß der letzte, der im Städtlein gerichtet worden war, und der hier gekettet gelegen hatte, ein Brudermörder gewesen war.

Es war vor vielen Jahren, begann er, im Kriegsjahre 1796 ....

Er mußte gespürt haben, wie ich zusammenzuckte; denn er faßte mich fester am Arme, und seine Stimme wurde auf einmal heiser.

Ich stand als blutjunger Kornett in einem kaiserlichen Reiterregiment. Es waren Kroaten. Mein Vater hat es so gewollt, obschon .... doch, gleichviel. – Unsre Armee hatte bei Würzburg die Franzosen aufs Haupt geschlagen. Sie zogen sich eilig gegen den Neckar und den Rhein zurück. Wir Rotmäntel saßen ihnen auf den Fersen. Wir hatten schon viele Beute gemacht, denn die Franzosen waren vollgesaugt wie Blutegel. Als wir in diese Gegend kamen, schlugen wir uns täglich mit Husaren herum, die die Nachhut der feindlichen Armee bildeten. Man erzählte sich, daß ein Weib mit ihnen reite, jung und schön und tollkühn. Wir hätten das wilde Wesen gern lebendig gefangen. Am 13. Oktober wurde unsern Vorposten verraten, daß sich die Husaren in dieses Städtlein geworfen hätten. Unser Major faßte den Plan, sie hier aufzuheben. Wir ritten die Nacht hindurch und kamen gegen drei Uhr auf dem Berge an, an dessen Fuße der Turm steht. Wir stiegen ab, bargen die Pferde in einem Gehölz und schlichen uns unbemerkt bis an die Stadtmauer heran. Unser fünfzehn kletterten hinüber. Unbemerkt gelangten wir in den finstern Winkel zwischen der Turmwand und der Stadtmauer. Im Nu war der Posten, der auf der andern Seite des Turmes stand, überwältigt und durch einen Knebel stumm gemacht. Während einige von uns das Pförtchen öffneten, das dicht neben dem Turme durch die Stadtmauer in den Garten führte, eilte ich mit zwölf Kroaten die Stiegen hinauf, so schnell und so geräuschlos, als es in der Finsternis möglich war. Oben war der Weg durch eine Fallthüre versperrt. Wir hoben sie behutsam in die Höhe, mit Getöse fiel sie gegen die Wand. In demselben Augenblicke krachten Schüsse uns über die Köpfe. Ich sprang hinauf, hinter mir meine Leute. Ich rief den vier Franzosen zu, sie sollten sich ergeben, meine Kroaten fielen über sie her und entwanden ihnen die Waffen. Da hub dicht neben uns eine Glocke, deren Ton mir heute noch in den Ohren klingt, zu heulen an. Um dem verdammten Läuten ein Ende zu machen, eilte ich in die Turmstube. Ich fand hier einen Offizier, der mit der einen Hand das Seil zog, mit der andern das Fenster zu öffnen bemüht war und mir so den Rücken drehte. Es war die Zeit der ersten Morgendämmerung. Ich hieb ihm mit dem Säbel über den Kopf, daß er an die Wand taumelte. Aber einen Augenblick später hatte er seine Waffe in der Faust und setzte sich aufs heftigste zur Wehr. Es entspann sich ein wilder Kampf in der engen Stube. Ich blutete aus mehreren Wunden und drang wütend auf meinen Gegner ein, der sich nicht minder wild verteidigte. Die blinde Fensterscheibe über ihm wurde von seinem Säbel getroffen, und die Stücke fielen klirrend zu Boden. Es wurde heller im Gemach; ich sah, daß mein Feind ein schwarzhaariger Mann war; das Antlitz war von Blut überströmt. Da ließ er plötzlich den Arm sinken, wie wenn diesem die Sehne zerschnitten wäre, und angstvoll keuchend kams aus seiner Brust. Es waren erstickte Worte, Es klang daraus wie grace! Da fiel mir die Devise unsers Hauses ein. Non cras sed hodie!, rief ich in grimmigem Hohne und stieß ihm meinen Säbel in die Kehle. Lautlos brach er zusammen. Ich aber – Das Wort, das mein Gegner gerufen hatte, klang in mir fort, stärker und stärker, daß mir die Seele erzitterte und der Kopf schwindelte. Alles in mir war voll von dem Rufe nach Gnade. Grace! Mit einemmal brach der Klang ab, wie vorhin das schrille Sturmgeläute, die Seele wurde frei, der Kopf klar, und es durchzuckte mich ein höllenmäßiger Gedanke mit der Gewißheit einer teuflischen Offenbarung. Ich kenne das Los der Verdammten. Jene Sekunde umfaßte eine Ewigkeit voll Höllenqual. Du lügst! schrie meine Seele auf. Ich wollte hingehen und dem Sterbenden ins Antlitz sehen, aber – ich wagte es nicht. Ich wollte von fern hinschauen, aber mein Blick fuhr wie weggestoßen zur Seite. Da sah ich einen Jungen im Winkel hocken; er grinste zu mir her und kroch auf den Stöhnenden zu. Eine fürchterliche Wut ergriff mich. Du bist schuld an dem Blendwerk, du Teufel! rief ich und gab dem Burschen einen Fußtritt, dann stürzte ich zur Thür hinaus die Treppe hinunter. Als ich ins Freie kam, sah ich meine Leute um den Rückzug kämpfen. Die Sturmglocke hatte uns verraten. Es gelang uns, ohne Verlust und unter Mitnahme der entwaffneten Franzosen uns zu unsern Pferden zurückzuziehen. Hundertmal nahm ich mir vor, die Gefangnen nach dem Namen ihres Offiziers zu fragen. Aber sobald ich den Mund öffnen wollte, befiel mich eine unsagbare Angst. Ich gewann nicht das Herz, die Frage zu thun und meine Seele von der verlognen Last zu befreien. Und so schleppe ich sie in mir bis auf diese Stunde. Die Stimme! Die Stimme! Ich habe ihren Klang gehört in den Schluchten des Goldlandes drüben über dem Meere, wenn die andern nur Wolfsgeheul vernahmen, und auf den Barrikaden Europas, wenn die Kugeln um mich sausten. Jetzt ziehe ich als ein Geächteter unter fremden Namen heimatlos und elend durch die Welt, ein alter, verlorner Mensch. Aber lauter als der eigne Jammer schreit jener Ruf. Seit vorgestern abend sind wir hier. Ich umkreiste den Turm die ganze letzte Nacht. Ihn zu betreten hatte ich den Mut nicht. So that ich auch heute wieder. Die andern habe ich vorausgeschickt. Da, vorhin hör ich das Wort, das ich damals rief, das mir und einem andern zugehört. Ein Freudenschauer überkam mich. Bist dus, Felix, dann war alle Angst umsonst! Aber nein, die Worte warens, jedoch der Klang wars nicht. Der Klang, der Klang! – Gewißheit will ich jetzt haben! Darum stieg ich hier herauf. Gewißheit ist der Tod, aber besser als diese Qual der Furcht! – Wie kommt mein und sein Wort zu dem fremden Klang? Wer hat es hier gelassen, nur ich oder auch er? – Der andre war auch da! – Wars ein Ruf um Gnade, oder wars die Hälfte des Ringes? ... Wir wollen vollends hinaufgehen.

Mühsam stand er auf, aber dann wandte er sich plötzlich von mir und keuchte hastig die Stiege empor. Auch ich war aufgestanden. Es sträubten sich mir die Haare, und die Kniee wankten. Ich wollte ihn rufen, ihn halten, aber ich brachte keinen Ton aus der Kehle, und die Arme sanken schlaff am Leibe nieder.

Als der verhallende Donner, der von oben herniederschallte, mir anzeigte, daß der unglückliche Greis die Stätte seiner That betreten habe, sammelte ich alle Kraft in mir und eilte hinauf. Dämmerlicht quoll von oben herunter und zeigte die grauen, von glänzenden Spinnweben überzognen Mauern. Als ich auf dem Turmspeicher stand, sah ich in das offne Fenster der Wächterstube hinein. Durch das Fenster der Thür gegenüber leuchtete das Morgenrot. Der trübe Schein des jungen Wintertages mischte sich mit dem Schimmer der Laterne, die der Alte auf den Tisch gestellt hatte. Mit gekreuzten Armen stand er vor dem Bett. Der Blöde lag da, das Gesicht gegen die Wand gekehrt. Ich konnte von ihm nichts sehen als den kahlen Schädel.

Das ist aus der Kröte geworden, die ich getreten habe, sagte der Alte vor sich hin. Dann schüttelte er den Schlafenden. Ich trat näher und sah, wie der Turmwächter sein Gesicht umwandte und den Kopf emporhob. Er sah noch gerade so aus, wie ich ihn in der Erinnerung hatte; er schien mir nicht älter geworden zu sein. Kennst du mich noch? fragte Stanislaus und beugte sein Gesicht hernieder. Ich bins, der dir dort den Fußtritt gegeben hat.

Da wimmerte der Blöde und verkroch sich unter die Decke.

Der andre zog die Hülle weg und warf sie zu Boden.

Ein zusammengerollter, mit Lumpen bedeckter Fleischklumpen lag der Blöde da, – ein abscheulicher Anblick!

Ich thu dir nichts, rief Stanislaus ihm zu. Da, kennst du das? Und er hielt ihm ein Goldstück vor die Augen.

Der Turmwächter lachte heiser auf und streckte die Hand nach dem Gelde aus.

Das bekommst du, wenn du mir sagst, was ich von dir wissen will. – Weißt du noch, fragte er darauf und wies in den Winkel unter dem Fenster. Dort lag einer. Was ist aus dem geworden?

Der Blöde griff nach der ausgestreckten Hand, in der das Gold funkelte.

Ja so, das willst du haben! Stanislaus gab ihm das Goldstück und legte einen zweiten Dukaten auf den Tisch. Den bekommst du auch, wenn du mir alles schön erzählst.

Der Kretin lachte, streckte die Füße aus dem Bett und richtete sich auf, von seinem Halse fiel ein schmutziger Lappen, mit dem er lose umwickelt gewesen, und es zeigte sich die nackte Haut des Oberkörpers, der mit einem offnen wollnen Hemde bekleidet war.

Ich wendete meine Augen ab. Da hörte und sah ich, wie der Pole plötzlich auf den Blödsinnigen zustürzte, und dieser einen Schrei ausstieß, in dem tierische Angst und Wut sich mischten. Es folgte eine scheußliche Szene. Die beiden Greise, der eine halbnackt, rangen miteinander. Ich sprang hinzu, um den Blöden wegzureißen, der, unmenschliche Laute ausstoßend, kratzend und beißend an dem andern hing. Ich faßte ihm die beiden Arme von hinten und zog ihn zurück. Da sah ich, um was es sich bei dem Kampfe handelte. Es war ein goldnes Medaillon, das der blödsinnige Turmwächter auf der Brust trug. Als er, von mir gehalten, wehrlos geworden war, zog es ihm sein Gegner vom Halse.

Es ist Marias Bild, rief er aus, brach in die Kniee und barg das Haupt auf dem Tische in seinen Händen. Ich habe meinen Bruder erschlagen.

Immer noch hielt ich den schäumenden Turmwächter fest. Ich schleuderte ihn auf sein Bett und trat zu dem Unglücklichen, der regungslos am Tische kniete. Sein weißes Haar leuchtete fahl im Scheine der noch immer brennenden Laterne.

Fassen Sie sich, redete ich ihm zu. Er starb nicht von Ihrer Hand. Man fand den Leichnam unten im Grase mit eingeschlagnem Kopfe. Die Todeswunde rührte nicht von Ihnen her. Verlassen Sie jetzt diesen schauerlichen Ort. Folgen Sie mir! Ich kann Ihnen vieles erzählen und manches zeigen, was Sie trösten soll. Sie werden einsehen, daß der Tod eine Wohlthat für Ihren Bruder Felix war.

Er stand auf, drückte mir die Hand und sagte: Ich danke Ihnen. Ich komme mit Ihnen. Aber vorher will ich volle Gewißheit haben, wie es hier zu Ende gegangen ist.

Er zog seine Börse und schüttete sie auf den Tisch. Es waren einige Goldstücke und viele Silbermünzen. Dann trat er an das Bett, auf dem der Blöde schluchzend saß, und sagte: Ich kaufe dir das Bild ab, es gehört mir. Du bekommst all mein Geld dort und noch mehr als das, aber du mußt mir sagen, wie es mit dem da – er wies in den Winkel unter dem Fenster – ergangen ist.

Der Kretin blinzte unter den buschigen Brauen nach dem blinkenden Geldhaufen auf dem Tische und hörte auf zu schluchzen, dann warf er einen boshaften Blick auf den Polen, stand auf, holte unter dem Bett ein paar alte Schuhe hervor, zog sie an die nackten Füße und schlürfte durchs Zimmer. Er riegelte die Thür auf, die in die Galerie führte, und ging hinaus. Nach kurzer Weile kam er wieder mit einem großen Steine in der Hand; er mußte von dem zerfallenden Geländer herrühren. Dann kniete er auf den Boden, sah mit stieren Augen auf den Platz im Winkel und kroch geräuschlos hin, bis er unmittelbar unter dem Fenster hielt. Er kicherte leise, hob den Stein in die Höhe und schmetterte ihn auf den Boden, daß die alten Dielen krachten und der Staub hoch aufwirbelte. Darauf stand er geschäftig auf, that, wie wenn er mit seinen Händen etwas vom Boden aufhebe, und ging rückwärts zur Pforte hinaus, gebückt und die Arme vorgestreckt, als ob er etwas Schweres schleppe. Wir folgten ihm nach. Draußen an der Stelle, unter der die Baumschule an den Turm stieß, bückte er sich von neuem. Es war, als ob er etwas Gewichtiges emporhebe, über das Geländer schiebe und hinunter in die Tiefe werfe. Dann lachte er laut auf und stand da, weit übergebeugt, hinunterstarrend. Nach einer Weile ging er in die Stube zurück und kam mit dem Mordsteine wieder, den er unter das Geländer schob.

Regungslos hatte der Pole dem grausigen Vorgänge zugeschaut. Ich trat zu ihm, faßte ihn am Arme und sagte: Lassen Sie uns gehen! Es ist ja jetzt alles klar!

Er hörte mich nicht. Armer Felix, sagte er vor sich hin, und doch – Gott sei Dank! Er ergriff die welke Hand des blöden Greises, die auf dem Geländer lag. Diese Hand, ich möchte sie vergolden – ich bin kein Brudermörder – das hab ich dir zu danken! Er hob sie zu den Lippen, aber schleuderte sie, bevor die blaßroten Finger die Lippen berührten, mit Schauder von sich, daß sie auf den Stein aufschlug und der Turmwächter wimmernd in die Höhe fuhr. Nein, küssen kann ich sie nicht, sagte der Pole und barg den Kopf in den gefalteten Händen.

Nochmals trat ich zu ihm und bat ihn mit herzlichen Worten, mir zu folgen.

Gehen Sie voraus, ich bitte Sie, sagte er. Ich folge Ihnen auf der Stelle nach.

Ich zögerte. Aber er warf mir einen ungeduldigen Blick zu. So trat ich denn schweren Herzens in die Turmkammer zurück. Unter der Pforte schaute ich noch einmal um. Stanislaus lehnte sich über das Geländer und schaute nach der Stelle, wo man seinen Bruder gefunden hatte. Als ich in der Stube stand, hörte ich, wie er den Wächter fragte: Was hat der Sterbende gesagt? – Non cras sed hodie, zischte es leise als Antwort. Dann vernahm ich wieder die flüsternde Stimme des andern: Wie hast du ihm gethan? Entsetzt trat ich vor, aber es war zu spät. Noch ehe ich den Schauplatz überblicken konnte, hörte ich zwei dumpfe Schläge rasch hintereinander und einen leisen Weheschrei. Einen Schritt weiter, und das Mark erstarrte mir. Der Blöde hob die Beine eines erschlagnen Menschen, dessen Oberkörper über die Brüstung hinaushing, in die Höhe und warf den Leichnam hinunter in die Tiefe. Auf dem Boden des Ganges lag ein großer, blutbefleckter Stein. Ein schwerer Aufschlag erscholl von unten; der Blöde legte sich über das Geländer und lachte hell auf.

Ich weiß nicht, wie ich hinunterkam. Der alte Pole lag zwischen den aufsprießenden Bäumchen, wohl an derselben Stelle, auf der man seinen Bruder gefunden hatte. Die Hirnschale war ihm eingeschlagen. Er war tot. In der zusammengepreßten Rechten hielt er Marias Bild. Von oben klang das Kichern des Mörders. Laut klagend und um Hilfe rufend eilte ich ins Pfarrhaus und von da auf die Straße. Mit dem Postboten, einem Bäckerjungen und dem benachbarten Schmied kehrte ich zur Unglücksstätte zurück. Die Lage des Ermordeten war verändert, die zusammengeballte Rechte war aufgebrochen. Marias Bildnis war fort. Ein Gerichtsbeamter gesellte sich zu uns. Wir stiegen den Turm hinan. Die Sonne ging auf, als wir die Galerie betraten. Der Blöde saß dem Himmelslichte zugekehrt, ließ Marias Bild in den Strahlen funkeln und raunte vor sich hin: O wie schön! O wie schön!

Ich hatte mein Amt gethan und verließ voll Grausen den alten Turm. Ich sagte meiner Wirtin Lebewohl und floh aus der Stätte meiner Jugend, ohne umzublicken.

Jahrzehnte sind seither vergangen. Mein Weg führte mich oft in die Nähe. Ich habe meine Vaterstadt nicht mehr betreten.

Von einem berühmten Aussichtspunkte ganz in der Nähe meines jetzigen Wohnorts sieht man weit hinein in das Hügelland des Kraichgaus. Wenn wir oben stehen, unterlassen meine Kinder nie zu rufen: Dort ist der Vater geboren worden! Ich habe es noch nicht über mich gewonnen, nach den vertrauten Zinnen zu schauen. Ich fürchte mich vor dem alten Turme.

Vor kurzem las ich in der Zeitung, daß er eingestürzt sei. Ich atmete erleichtert auf. Jetzt brauche ich doch meine Augen nicht mehr von den Dächern meiner Vaterstadt abzuwenden.

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