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Non cras sed hodie!

Adolf Schmitthenner: Non cras sed hodie! - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleNon cras sed hodie!
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080904
projectid66fae2f8
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Im Hofe stand die Hausfrau am Brunnen.

Hat er nach dir geworfen? fragte sie mich. Was er nur haben mag, daß er heute wieder so tobt! Gewöhnlich thut ers nur in der finstern Nacht. Dann heult er da oben, daß man kein Auge schließen kann. Was gäb ich drum, wenn der einmal wie andre Leute sterben wollte!

Ich hätte die Frau über den Grund seiner Aufregung wohl belehren können, denn es war kein Zweifel, daß mein boshafter Ruf die Schuld trug. Aber ich schwieg wohlweislich.

Ist er schon alt? fragte ich.

O, uralt, sagte sie, niemand gedenkts, daß er jünger war als heute.

Hat er immer auf dem Turme oben gelebt? fragte ich weiter.

Ja, und dort wird er auch sterben. Sein Vater soll auch Turmwächter gewesen sein. Man hat den alten Peter einmal herunterschaffen wollen ins Armenhaus. Aber er hat in einem fort geheult, daß man ihn gern wieder hinaufließ.

Warum hat er denn geheult?

Er fürchtet sich, wenn er aus dem Turme ist; er meint, man wolle ihn totschlagen.

Von was lebt er denn? fragte ich weiter.

Mein Mann hat ihn auf dem Rathause gesteigert, versetzte die Frau. Siehst du dort den Haspel? fuhr sie fort und zeigte mir ein Rad oben an der Galerie, das ich nicht bemerkt hatte. Dort ist ein Seil dran, das läßt er jeden Mittag hinunter. Wir hängen ihm sein Essen hin, dann zieht ers wieder hinauf. So bekommt er auch die Körbe, die er flickt. Wenn er keine Weiden mehr hat, läßt er uns ein Strohseil herunter, dann holt ihm mein Mann wieder frische.

Was macht er denn mit dem Gelde, das er verdient? fragte ich weiter.

Geld kriegt er keins, sagte die Frau mit pfiffigem Lächeln. Er schafft für Kautabak. – Der hat Geld! fuhr sie nach einer Pause fort und schob einen zweiten Kübel unter die Brunnenröhre.

Sie sah sich vorsichtig um und sagte leiser: Er hat einen Schatz gefunden im Turme, so wahr ich dastehe. Wenn die Sonne recht grell scheint wie heute, sitzt er droben und läßt die Goldstücke funkeln, und stundenlang sagt er dann, daß mans deutlich hören kann: O wie schön! o wie schön! Wenn die Mannsleut keine Hasenfüß wären –

Sie brach ab, hob den Kübel auf den Kopf und ging ins Haus.

Des Abends bei Tische erzählte ich mein Abenteuer. Nur von dem, was ich erlauscht hatte, und von meinem boshaften Streiche sagte ich nichts.

Wie ist das wohl zu erklären, was der Alte von den Kroaten sagte? fragte meine Mutter.

Es ist sehr leicht möglich, erwiderte mein Vater, daß er im Jahre 1796 von seinem Turme aus Augenzeuge des Gefechts gewesen ist, das zwischen Österreichern und Franzosen hier stattfand. Ein Regiment von der geschlagnen Armee des Generals Jourdan kam durch unsre Gegend und rettete seine Kasse hierher. Sie mag nicht klein gewesen sein, denn die Franzosen verstanden schon vor Napoleon das Kontribuieren. Die österreichischen Reiter waren hinterher und versuchten einen Handstreich, wurden aber zurückgeschlagen. Auf beiden Seiten sollen einige Leute gefallen sein.

Lange grübelte ich noch im Bette über das Geheimnis des alten Turmes nach und faßte die abenteuerlichsten Pläne, der Sache auf den Grund zu kommen. Aber am folgenden Tage fand zwischen meinem Vater und unserm Pfarrer eine Unterredung statt, die der Ausführung dieser Pläne verhängnisvoll wurde. Man beschloß, daß ich in das Gymnasium der Residenz eintreten sollte. Dadurch bekamen meine Gedanken eine andre Richtung. Wenig Wochen später nahm ich Abschied; und da bald darauf mein Vater selbst in die Residenz versetzt wurde, kam mir für geraume Zeit der Turm und sein Bewohner aus dem Gedächtnis.


Jahre vergingen. Ich hatte nach den Herbstferien die Universität Heidelberg wieder bezogen, als ich die Nachricht von dem Tode meines ersten Lateinlehrers, des ehrwürdigen Pfarrers in meiner Geburtsstadt, erhielt.

Am folgenden Morgen trug mich der alte Omnibus, der noch geradeso ächzte wie früher, und dessen Löcher oben in der Decke noch nicht geflickt waren, den Hügel hinab in das Städtlein hinein. Es war ein unerquickliches Wiedersehen. Endlich waren die peinlichen Szenen des Tages vorüber, das Begrüßen und Kondolieren im Trauerhause, das Stehen und Warten in den Gängen und Stuben, die flüsternde Unterhaltung der Gäste, das eilfertige Kommen und Gehen von Boten und Leichenbeamten. Die Glocken läuteten zusammen, und der Zug ordnete sich. Da trat des Verstorbnen jüngster Sohn, der, etwa fünf Jahre älter als ich, in einer entfernten Landesgegend Eisenbahningenieur war, auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: Ich muß morgen wieder auf meinen Posten, und meine Schwester zu ihren Kleinen. Ich weiß, daß du bereit bist, unsrer Mutter beizustehen, sobald wir dich drum bitten.

Ich drückte ihm stumm die Hand.

Es war ein wunderschöner Herbsttag. Zu Füßen des Kirchhofs lag das Städtlein; drüben über dem Thale ragte der alte Turm. Diesmal warf ich ihm kaum einen Blick zu. Ich weinte meinem väterlichen Freunde herzliche Thränen nach.

Kurz vor Weihnachten erhielt ich einen Brief von dem Bahningenieur. Er teilte mir mit, daß seine Mutter in einigen Monaten das Pfarrhaus verlassen müsse; er selber sei für lange hinaus unabkömmlich, ebenso seine Brüder, darum bitte er mich um den Freundschaftsdienst, die Bibliothek seines Vaters zu ordnen und ein Bücherverzeichnis aufzustellen.

Mit Freuden sagte ich ja und reiste, nachdem ich das Weihnachtsfest bei meinen Eltern zugebracht hatte, an einem der letzten Tage des Jahres nach meiner Geburtsstadt.

Der Spätherbst hatte sich diesmal über Weihnachten hinaus verlängert. Einigemal hatte es der Dezember mit einem leichten Schnee versucht, war damit aber jedesmal noch vor Mittag schmählich zu schanden geworden. So hatte sich auch jetzt wieder eine fadenscheinige Schneedecke über die Hügel gelegt, durch die der schwarze Grund des Feldes trotzig hervorblickte.

Ich beschloß, den halbstündigen Weg vom Bahnhofe bis ins Städtchen zu Fuß zurückzulegen. Die Landstraße vor mir that, als ob es Winter wäre, aber die vielen schwarzgrauen Flecken zeigten, daß ihr Winter einstweilen noch an den Stiefeln und Wagenrädern hängen blieb. Wäre in mir etwas Indianerinstinkt gewesen, so hätte ich aus den Spuren die Karawane zergliedern können, die kurz vor mir, wie die frische Farbe der aufgedeckten Erde zeigte, die Straße dahingezogen sein mußte. Ich versuchte, das Zusammengehörige zusammenzusuchen, und brachte heraus: einen Wagen mit zwei Pferden, einen Wagen mit einem Pferde und drei Männer. Richtig, als ich um einen Bergwinkel bog, sah ich den Zug vor mir, und noch ehe ich zum ersten Hause kam, hatte ich ihn erreicht. Es war fahrendes Volk. Zwei Männer in mittlerm Alter gingen hinter dem letzten Wagen her; es war ein zweirädriger Karren, der Stangen, Bretter und andre Gerätschaften trug. Aus dem vorderen Wagen erschollen zankende Frauenstimmen zwischen gellendem Kindergeschrei. Es mochte bunt zugehen unter dem gewölbten Dache. Ich warf beim Vorübergehen einen Blick in die vordere Öffnung und sah die Gestalt eines schlanken Mädchens mit blonden Locken, das rückwärts gewandt mit lauter Stimme in den Wagen hineinsprach. Ich verstand kein Wort. Wenn es Deutsch war, so mußte es eine ganz entfernte Mundart sein. Wo aber war der dritte Mann, dessen Spuren ich gesehen hatte? Er ging auf der andern Seite der Straße neben dem Handpferde des Planwagens her. Es war ein alter Mann, hager und groß, leicht vornübergebeugt. Unter der Pelzmütze quoll eine Fülle schneeweißen Haares hervor, und ein langer weißer Bart reichte ihm zur Brust hinab. Er mochte der Direktor der Gruppe sein. Vom alten Turme hub gerade die Vieruhrglocke zu läuten an, während ich den Mann betrachtete. Ich sah, wie er beim ersten Tone zusammenfuhr, dann schaute er starr in die Höhe, als ob er eine Vision erblickte.

Die Komödianten waren hinter mir, und ich ging durch die Gassen meiner Vaterstadt. Ich grüßte im Vorübergehen jedes Haus, jeden Garten, und hundert Geschichten aus der Kinderzeit schwatzten durcheinander. Auch ich zuckte zusammen, als die Kirchturmglocke anschlug und die Stunde verkündete. Das war die Stimme der Heimat. Dort drüben lag unser Haus. Ich mochte nicht hinübersehen. Bei der Beerdigung des Pfarrers hatte ich bemerkt, daß die ehrwürdigen Nußbäume im Hofe nicht mehr standen. Der Nachfolger meines Vaters hatte sie abhauen lassen und die Stämme verkauft. Ich wurde ingrimmig, als ich daran dachte, und nahm mir vor, keinen Fuß in das Haus zu setzen.

Ein Greis kam mir entgegen. Das ist ja der alte Amtsdiener, meines Vaters Faktotum! Aber wie sieht er aus! Statt des hellblauen Amtsrockes trägt er eine gestrickte Jacke, statt des silberbeknopften Stockes einen Henkelkorb. Auch den haben sie abgeschafft, sagte ich bitter zu mir selbst. Der alte Mann hatte mich erkannt und mit großer Freude begrüßt. Er erzählte mir, daß er pensioniert worden sei, weil ers dem neuen Amtmann nicht habe recht machen können, und daß er jetzt bei seinem Sohne lebe, im Hause herumboßle und Kinder hüte.

Was ist denn das? unterbrach ich ihn und wandte mich zurück. Fliegen denn die Gänse noch?

Ein lautes Geschnatter kam die Stadt herauf. Es scholl aus einer weißen Wolke, die in der Höhe der Straßenlaternen zwischen den Häusern dahinflog; von Zeit zu Zeit fiel eine dicke Schneeflocke in Gestalt einer fetten Gans zu Boden. Ja, leider Gottes! sagte der Alte. Ein böser Winter! Wenns nicht wintert, sommerts nicht. Keinem gedenkts, daß um Weihnachten die Gänse noch flogen.

Sie stiegen ja zum verkehrten Ende herein, sagte ich. Hat sich die Welt gedreht, oder habt ihr euern Gänsegarten jetzt am andern Ende vom Neste?

Ich nahm Abschied von dem Alten, versprach ihn zu besuchen und ging dem Pfarrhause zu. Als ich durch das Hofthor schritt, klangen lange vergessene Worte in mir an: geś, die Gans, geśi, der Gans. Ob wohl die polnische Grammatik und das Wörterbuch noch an der alten Stelle standen?

Ja, sie standen noch dort. Als ich am andern Morgen, von meiner freundlichen Wirtin geführt, in die Studierstube trat, war noch alles geradeso, wie ich es hundertmal gesehen hatte. Geradeso, wie sie zu des Seligen Zeiten immer gethan, lief die Pfarrfrau an das Fenster, das in das Blumengärtchen schaute, und öffnete einen Flügel; und doch war kein Tabaksrauch mehr da, der hätte abziehen sollen.

Beim genauern Überblick fand ich, daß ich etwa für eine halbe Woche Arbeit haben würde, um die Bücher zu sortieren, das Wertlose auszuscheiden und einen Katalog des Restes aufzustellen.

Ich hatte den zweiten Tag über fleißig gearbeitet; es war mir so warm dabei geworden, daß ich das Feuer ausgehen ließ. Als die Dämmerung einbrach, ward es mir unbehaglich in dem kalt gewordnen Räume. Ich ließ bei meiner Wirtin anfragen, ob ich ein Stündchen mit ihr verplaudern dürfe; und als sie hierauf selbst gekommen war und mich wegen meines »unmenschlichen« Fleißes mütterlich ausgescholten und in der herzlichsten Weise eingeladen hatte, sah ich mich, während sie die Treppe hinaufging, nach einer Lektüre für den spätern Abend um. Ich wählte einen Band von Raumers Geschichte der Hohenstaufen und eine prächtige alte Ausgabe des Orlando furioso. In diesem Buche blätternd, fand ich ein Lesezeichen, ein abgerissenes Blatt Papier, das von des verstorbnen Pfarrers Hand mit allerlei Arabesken und verschnörkelten Buchstaben versehen war. Zwischen diesen stand, quer über das Blatt geschrieben: Non cras sed hodie.

Da fiel mir der Lederbeutel ein, der mir diese geheimnisvollen Worte zuerst verraten hatte. Richtig, er war noch am alten Platze, in dem untersten Schubfach des Pultes rechter Hand in der Studierburg. Ich steckte den Beutel zu mir und ging mit meinen Büchern hinauf zu meiner Wirtin.

Sie saß vor der brennenden Lampe an dem runden Tische, dicht neben dem leeren Armstuhl, in dem ihr Mann seine Abendpfeife zu rauchen gepflegt hatte. Ich setzte mich ihr gegenüber und zeigte ihr zuerst das Lesezeichen mit der Frage, was die Worte und die Schnörkel darauf bedeuteten. Sie antwortete mir, ihr Gatte habe die Gewohnheit gehabt, beim Nachgrübeln mit der Feder auf dem Papier zu spielen, allerlei Buchstaben und Figuren zu zeichnen und zwischenhinein auch das Problem, worüber er gerade nachsann, in Rundschrift hinzumalen. Was die lateinischen Worte hießen, müsse ich besser wissen als sie. Sie hätten ihren Mann lange beschäftigt, ohne daß er hinter das Geheimnis gekommen wäre, das in ihnen verborgen sei. Nach einer Pause fügte sie, sich besinnend, hinzu, daß die Worte aus einem Lederbeutel stammten, den man vor vielen Jahren, soviel sie sich erinnere, bei Gelegenheit einer Baumschulanlage am Fuße des alten Turmes gefunden hatte.

Als sie das sagte, zog ich den Beutel aus der Tasche, hielt ihn der würdigen Frau vor das Gesicht und fragte sie: Ist er das?

Sie schaute mich mit dem Ausdrucke des größten Erstaunens an, nahm mir den Beutel aus der Hand, schnürte ihn auf, zog die vergilbten Blätter heraus und rief: Das ist er!

Ich mußte über ihren Schrecken lachen und gestand ihr das Verbrechen meiner Knabenzeit.

Es ist ein Glück, meinte sie lächelnd, daß mein Mann Sie nicht überrascht hat. Es wäre Ihnen übel ergangen, so gut er sonst den »Kroaten« leiden konnte. Eine Putzfrau, die er mit einem Kübel voll Wasser in seiner Studierburg getroffen hatte, hat er so angefahren, daß sie ein ganzes Jahr hindurch das Pfarrhaus nimmer zu betreten wagte. Das Wasser hat er eigenhändig zum Fenster hinausgeschüttet und den Kübel in den Hausgang geworfen, daß ein Reif absprang.

Sie hatte mir, wahrend sie sprach, den Beutel zurückgegeben. Ich betrachtete einen der beiden Briefe. Es war eine klare, kräftige und doch zierliche Handschrift, man hatte zweifeln können, ob sie von einem Manne oder einer Frau herrühre, wenn nicht die Unterschrift Maria die Frage entschieden hätte. Quer über die letzte halbe Seite, die die Schreiberin leer gelassen hatte, waren, offenbar von einer andern Hand, mit dicken Buchstaben die Worte: Non cras sed hodie geschrieben, geradeso quer wie auf des Pfarrers Zettel. Auch jetzt verstand ich die Zunge, die der Brief redete, nicht. Aus einigen Wortendungen schloß ich auf eine slawische Sprache.

Ich fragte die Pfarrfrau, ob ihr Mann keinen Versuch gemacht habe, den Brief zu entziffern.

Sie erwiderte mir, gewiß habe er das gethan, und es sei ihm gelungen. Er habe entdeckt, daß der Brief in polnischer Sprache geschrieben sei, und habe ihn vermittelst einiger polnischen Bücher, die er sich bei einem Antiquar gekauft hatte, übersetzt. Der Brief stamme aus den polnischen Wirren am Ende des vorigen Jahrhunderts. Er sei von einem Mädchen an ihren Geliebten gerichtet und enthalte die leidenschaftliche Aufforderung, sich der Sache der Freiheit und des Vaterlandes anzuschließen. Die lateinischen Worte am Schlusse, über deren Bedeutung der Brief keine Auskunft gewähre, rührten nach der Vermutung ihres Mannes von der Hand des Empfängers her.

Auf meine Frage, ob der Pfarrer in dem Turme selbst oder in dessen Nähe keine weiteren Nachforschungen angestellt habe, erfuhr ich, das sei allerdings geschehen. Da der Brief aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Soldaten aus den napoleonischen oder den frühern Feldzügen herrühre, vielleicht von einem Österreicher oder Franzosen, der in dem Scharmützel vor sechsundfünfzig Jahren gefallen sei, habe ihr Mann einmal den Turm bestiegen, um mit dem blödsinnigen Wächter, der jene Zeiten erlebt habe, zu sprechen. In großer Aufregung und in merkwürdiger Beklommenheit sei er zurückgekommen. Auf ihre Frage, was er entdeckt hätte, habe er geantwortet: Gar nichts. Dann habe er sich gegen alle Gewohnheit eine Flasche Wein im Keller geholt und habe sie selbst genötigt, sich zu ihm zu setzen, obgleich sie eine große Wäsche gehabt habe, und am hellen Nachmittag Wein zu trinken. Er habe mit ihr immer wieder angestoßen und ihr in die Augen gesehen und gesagt: Hier ists klar und gut und ähnliches. Als sie ihn gefragt hätte, was er im Turme gesehen habe, habe er gesagt: Es war häßlich! Laß es mich vergessen! Später habe sie von den Nachbarsleuten gehört, daß der Turmwächter von der Galerie herab mit einem großen Steine nach ihrem Manne geworfen und ihn ums Haar getroffen habe. Seitdem habe ihr Mann nie mehr den Turm betreten und mit keiner Silbe das Geheimnis des Beutels erwähnt.

Ich fragte noch, ob der Turmwächter inzwischen gestorben sei, worauf ich erfuhr, daß er noch lebe.

Wir plauderten hierauf von andern Dingen.

Nach dem Abendessen blieb ich noch eine Stunde bei der freundlichen Frau und empfahl mich dann, um auf mein Zimmer zu gehen. Zuvor aber trug ich die mitgenommnen Bücher wieder in das Studierzimmer zurück und holte mir statt ihrer die polnische Grammatik und das polnische Wörterbuch, ließ mir von der Magd das Kohlenbecken neu füllen und vertiefte mich dann in die Arbeit des Übersetzens. Mitternacht war lange vorüber, als ich den Sinn festgestellt hatte und die Übertragung ins Reine schreiben konnte. Das Herz klopfte mir vor Erregung, als ich mit halblauter Stimme die zwei Briefe mir selber vorlas. Der kürzere lautete also:

Mein Junge!

Ich sehe deine schwarzen Augen immer, und sie brennen mich! Hast du ein Herz, so will ich sie dafür zu Tode küssen; hast du keins, so will ich beten, daß sie erblinden, bevor das Vaterland frei sein wird. Gestern war großer Tumult in der Stadt. Sieben Edelleute brachten ihre Bauern. Das Jubelgeschrei des Volkes rief mich ans Fenster. Ich sah die Reiter vorbeisprengen und zählte; als der siebente vorüber war, wartete ich, ob noch einer käme. Der Diktator begrüßte die Sensenmänner auf dem Marktplätze, wir Damen die Edelleute im Rathause. Abends war ein Gelage. O wenn ich da auf deinem Schoße hätte sitzen dürfen! Morgen hält unser großer Vater Heerschau ab. In zwei oder drei Tagen reiten wir. Wenn wir durch euer Gut ziehen, will ich den Leuten sagen, daß sie keine Blume brechen und keinen Halm zertreten und keinem Hammel ein Haar krümmen. Da wohnen Erbarmungswürdige, werde ich ihnen sagen; sie haben keine Fäuste und keine Füße und keine Herzen, sie können sich nicht schämen und nicht zürnen und nicht lieben. Nehmt ihnen kein Hufeisen aus der Schmiede und keinen Strick aus der Scheune, und betretet ihre Hausflur nicht mit euern bespritzten Stiefeln, sie werden sonst weinen! – Oder soll ich zu des Obersten Adjutanten sagen, wenn wir an deinem Schlafzimmer vorbeireiten: Da liegt einer zu Bett, krank vor Ärger; er möchte gern mit, aber er darf nicht, seine Mutter läßt ihn nicht? – Wir ziehen dem Siege entgegen, denn alle Heiligen sind mit uns. Bald wird der weiße Adler wieder fliegen! Und wenn die letzte Schlacht geschlagen ist, und wir in Warschau einreiten, und unser Jauchzen die Fahnen zerreißt und die Kirchtürme trunken macht: so wahr ich Maria heiße, ich will den lohnen, an dem ich die meisten Wunden zähle, und wenns der graubärtige Oberst wäre oder sein lockiger Adjutant oder ein dritter! Junge! Bist du taub? Bist du tot? Weißt du noch, wie ich dich küßte im finstern Thorweg der Klosterschule? Komm!

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