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Non cras sed hodie!

Adolf Schmitthenner: Non cras sed hodie! - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleNon cras sed hodie!
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Am folgenden Sonntag saß ich wieder bei meinem Vater im Beamtenstuhl, der Kanzel gerade gegenüber. Ich sah den steinernen Ritter an und sein zerbrochenes Schwert, und alles, was der pastor primarius Zacharias Esther so beweglich im Kirchenbuche vom ersten Weihnachtsfest des Jahres 1634 erzählt hat, spielte sich vor meinen Augen ab. Jetzt, während die Gemeinde ahnungslos das Predigtlied anstimmt, steigen die Kroaten zwischen dem hintern Thor und dem hohen Turme über die Stadtmauer. O ihr armen Leute, die ihr so ahnungslos singet: Auf, auf, mein Geist, betrachte des Christen hohen Stand, schon ist die Kirche rings umstellt, und mit teuflischem Grinsen schauen die Kroaten, auf ihren Gäulen hockend, zu den Fenstern herein! Hört ihrs nicht? – Der Pfarrer pochte gerade im Eifer des Vortrags auf das Kanzelbrett – jetzt wird die Thür eingeschlagen! Der Anführer reitet herein, den Säbel zwischen den Zähnen, die Pistole in der Faust. Der Bürgermeister, der drüben in seinem Stuhle schlief, geht ihm mit erhobnen Händen beschwörend entgegen; da ein Knall! – und der alte Mann stürzt zusammen! Und jetzt – o ihr armen Leute, wäret ihr doch in den alten Turm gegangen anstatt in die Kirche! – fängt ein Schießen, Hauen, Stechen an, greulich und barbarisch. Nur meinem Vater geschieht nichts. Ja, die Rotmäntel machen vor ihm die Honneurs, wenn sie bei ihrem Mordhandwerk an seinem Stuhle vorübergehen, wie die Gendarmen unsers Bezirks, wenn sie ihm in den Gängen des Amtshauses begegnen. Hat er doch auch seine Uniform an, den Degen an der Seite und den Orden auf der Brust, gerade so, wie er zum Großherzog in die Audienz geht! Und was sagt denn der steinerne Ritter dort bei der Kanzel zu dem Greuel? Ich sehe, wie die Adern an seiner Stirn schwellen und zornige Blitze aus seinen Augen schießen; mit scheuem Seitenblick gehen die Mordbuben an ihm vorbei. Aber jetzt flüstert der Anführer einem Scheusal von Kroaten etwas ins Ohr. Der nickt mit boshaftem Grinsen und geht hin und holt den langstieligen Klingelbeutel von der Säule, an die ihn der Meßner gehängt hat. Den gefüllten Beutel schneidet er mit dem Säbel ab und steckt ihn in den Mantelsack, dann nimmt er die Stange und schiebt sie zwischen des Ritters Schwert und die Wand; ein Druck – und die steinerne Klinge, am Knaufe abgebrochen, fällt zu Boden. Der alte Herr rollt seine Augen in ohnmächtiger Wut. Wohl hängt ihm noch ein Dolch am Panzerhemde unter der Achselhöhle; aber was kann er mit dem machen? Frech lacht der Kroat ihm ins Gesicht. Und jetzt stellt er sich mitten in den Chor hinein und zielt und stößt mit der Stange nach den Köpfchen der Engel über dem schönen Grabmal hinter dem Altar. Eins nach dem andern springt ab und rollt mir vor die Füße. Was sich aber jetzt zuträgt, geht über alles hinaus! Der Pfarrer hat bisher ruhig weiter gepredigt, als wäre nichts geschehen. Da schleichen zwei Kerle wie die Katzen in die Sakristei und die Kanzel hinauf, und – ruck! – haben sie ihn am Talar die Treppe heruntergerissen; sie tragen ihn hinaus in den Chor und werfen ihn durch die Scheiben des Kirchenfensters auf die Straße hinaus. Unter diabolischem Gebrüll haben ihn andre aufgefangen. Was machen sie jetzt mit ihm? fragte ich mich in atemloser Spannung, geben sie ihm den Schwedentrunk? Nein, drüben an der Thür des Pfarrhauses, deren Messingbeschlag im Sonnenschein glitzert, wollen sie ihn an den Beinen aufhängen! Thränen standen mir in den Augen. O du armer Mann, dachte ich und sah den Prediger an, der sich dem Schlusse seines Vortrags näherte. Sein Auge begegnete dem meinen und haftete eine Weile darinnen. Das rührte mein Mitleiden noch tiefer auf, die Thränen rollten mir über die Backen. Da steht er, sagte ich mir, und weiß nicht, daß er in vierzehn Tagen sterben muß an den Folgen der Mißhandlung, auf der Flucht, drüben in Wimpfen am Neckar, in einer armen Fischerhütte, mitten in seiner wimmernden Kinderschar! Wie ich mir dies so ausmalte, gabs meinem Herzen einen Stoß, zuerst drang ein tiefer Seufzer aus der Brust, dann fing ich an laut aufzuschluchzen.

Die Hand meines Vaters, die mich am Arme packte, brachte mich zu mir. Was ist dir? fragte er mich. Nichts, nichts, sagte ich und schluckte die Thränen hinunter. Der Pfarrer hatte einen Augenblick innegehalten, und das Amen, das bald erfolgte, klang bewegt. Als ich aufzuschauen wagte, begegnete ich wieder seinem Blicke, der mit fragender Liebe auf mir ruhte.

Auf dem Heimwege entschlüpfte ich meinem Vater, während er Bekannte begrüßte. Aber beim Mittagessen mußte ich standhalten.

Der Herr Pfarrer hat heute eine erweckliche Predigt gehalten, die recht zu Herzen ging, hub er an. Kannst du mir den Hauptsatz und die Teile sagen?

Ich wurde blutrot und verstummte.

Mein Vater wollte mich darauf führen. Aber da ward keine Rede noch Antwort.

Welches war der Text? inquirierte mein Vater ungeduldig weiter.

Auch das wußte ich nicht. Der Bube ist dumm, sagte der Vater halblaut zu meiner Mutter.

Er wird an den » strenuus miles Wypertus» gedacht haben, meinte diese lächelnd.

Warum hast du denn geweint?

Ich stand auf und wollte zur Thür hinaus.

Dageblieben! rief mein Vater zornig, willst du mir wohl Antwort geben, oder soll ich –

Ich verstand diese Wendung. Weil – weil sie unsern Herrn Pfarrer an den Beinen aufgehängt haben.

Noch nie war wohl eine Tischgesellschaft so verblüfft wie die unsrige in diesem Augenblicke.

Wer hat – was?

Jetzt mußte ich beichten. Als ich damit fertig war, sahen sich meine Eltern bedeutsam an und wurden ernst. Es ist hohe Zeit, daß die Baumschere über die Ranken kommt, meinte mein Vater. Die Mutter nickte.

Nach dem Essen gingen die Eltern in das danebenliegende Schlafzimmer, wie sie zu thun pflegten, wenn sie etwas besprechen wollten, was wir Kinder nicht zu hören brauchten. Als ich in mein Stübchen kam, fand ich den Vater hinter meinen Büchern. Sämtliche Märchenbücher konfiszierte er, außerdem noch einige alte Schmöker, die ich in einer verstaubten Kiste auf dem Speicher gefunden hatte, so »Die Weinsberger Greuel, eine Episode aus dem Bauernkriege,« eine »Ausführliche Beschreibung der Hexenprozesse im Bistum Würzburg« und eine Übersetzung von Ovids Metamorphosen. Statt dieser meiner Freunde brachte er mir einige naturgeschichtliche Bücher. Daher kommt wohl die Abneigung, die ich bis auf den heutigen Tag gegen die Naturwissenschaften hege.

Als wir beim Nachmittagskaffee saßen, kam der Pfarrer zu Besuch. Ich wollte mich davonmachen, sobald ich seine Stimme im Hausgange vernahm, wo er meine Mutter begrüßte; aber während ich sonst in diesem Manöver sehr glücklich war, lief ich ihm diesmal gerade in die Hände. Er nahm meinen Kopf zwischen seine beiden Zeigefinger, sah mich liebreich an und sagte: Du guter Junge! Ob er noch mehr sagen wollte, weiß ich nicht, denn ich entwischte ihm. Da ich das unbestimmte Gefühl hatte, daß von mir die Rede sein werde, hielt ich mich im Nebenzimmer auf. Bald hörte ich den Pfarrer laut auflachen. Jetzt hats keine Not mehr, dachte ich und ging hinaus in den Hof, meinem Spiele nach. Als der Pfarrer das Amthaus verließ, grüßte ich ihn respektvoll aus der Ferne. Warte, du Teufelsjunge, rief er mir zu, willst mich an den Beinen aufhängen lassen!

Andern Tags ging ich in den Pfarrhof und hatte meine erste Lateinstunde.

Wie gerne denk ich deiner, du rauchiges Studierzimmer, in dem ich mir die Erstlinge höherer Weisheit holte! Die geweißte Decke war über dem Ofen und über der Arbeitsecke des Pfarrers schwarzbraun geworden, und die ursprüngliche Farbe der Tapete nur zu erkennen, wenn man eines der unzähligen schwarz eingerahmten Bilder in die Höhe hob oder einen Bücherschrank von der Wand rückte. In einem Winkel zwischen zwei Eckfenstern war des Pfarrherrn innerste Behausung. Da stand er, verbarrikadiert hinter drei riesigen Arbeitspulten, wie in einem festen Turme, aus dem jahraus jahrein dicker Qualm dampfte. Der Zugang zu diesem Schlupfwinkel war sinnreich erschwert. An das eine Querpult stieß ein langer schwarzer Tisch. Zwischen diesem und hohen Bücherregalen, die an der Wand standen, lief ein schmaler Pfad. Den mußte der Angreifer völlig ungedeckt zurücklegen, ehe er die Öffnung des Turmes erreichte. In Friedenszeiten war dieser Burgweg des Pfarrherrn Wandelgang, von wo er seine Predigtgedanken in die Feste zu tragen und seine bündigen Bescheide den ratfragenden Gemeindegliedern zu erteilen pflegte. Jenseits der Schranke war der Hof für allerlei Volk. Auf die Wandbank zwischen Thür und Ofen setzten sich die Bauersfrauen, die Sessel vor dem runden Tische waren für die männlichen Honoratioren bestimmt, und etwaiger Damenbesuch wurde auf das alte Sofa komplimentiert. Äußerst selten war der Pfarrer außerhalb seiner Festung. Wenn er nicht in der Citadelle stak, hielt er sich im Außenwerk auf. Nur ein einziges mal, erinnere ich mich, kam er während des lateinischen Unterrichts in den Vorhof heraus. Das geschah, um einen Ausfall gegen mich zu machen, weil ich sequor mit dem Dativ konstruiert hatte.

An einem schönen Sommernachmittag trat ich zur gewöhnlichen Stunde bei ihm ein. Die Kroaten sollen sich in der Ebene lagern, rief er mir aus seinem Turme zu. Ich setzte mich auf einen der Honoratiorenstühle und hatte gerade meinen Cornelius Nepos zu übersetzen begonnen, als der Pfarrer eine Botschaft bekam, die ihn in eine ziemlich entfernte Mühle rief. Er trug mir auf, während seiner Abwesenheit eine schriftliche Arbeit zu fertigen; dann können die Kroaten absatteln!

Ich war bald mit meiner Aufgabe ins Reine gekommen und überlegte, was ich treiben sollte. Zuerst betrachtete ich die Bilder, die über dem Sofa an der Wand hingen. Es waren fast lauter handgroße Kupferstiche, Bildnisse berühmter Männer aus dem Anfange des Jahrhunderts, alle in gleichen, mit schwarzem Papier überzognen Rahmen. Besonders zwei betrachtete ich mir genau, weil ich wußte, daß sich dereinst ihre Originale in der Gegend herumgehauen hatten. Es war der jugendliche Erzherzog Karl, der spätere Sieger von Aspern, und der französische Revolutionsgeneral Jourdan. Friedlich wie ein Brautpaar hingen sie nebeneinander und sahen sich freundlich ins Gesicht.

Als ich mit meiner Bilderschau zu Ende war, stützte ich den Kopf in die Hände und grübelte über die schwere Frage, was jetzt anzustellen sei. Da zuckte mir der Gedanke durch den Kopf: Wie wärs, wenn du dir des Pfarrers Turm einmal von innen betrachtetest? Eine unbändige Lust ergriff mich, den Gedanken auszuführen. Einen Augenblick später stand ich klopfenden Herzens zwischen den Pulten. Mit wollüstigem Grausen malte ich es mir aus, wie es wohl sein würde, wenn der Hausherr jetzt zur Thür hereinkäme, und schlürfte den berauschenden Duft des starken Tabaks ein. Dann sah ich mich in dem engen Raume um. Da war denn nun freilich gar nichts Besondres zu sehen.

Vom Boden bis unter das Schreibbrett waren bei jedem der drei Pulte Schubladen und offne Fächer angebracht. In diesen lagen Akten; von jenen öffnete ich einige mit zitternder Hand: sie bargen verschiedne Sorten Papier. Als ich aber das unterste Schubfach des eigentlichen Arbeitspultes herauszog, konnte ich einen Freudenruf nicht unterdrücken: die interessantesten Dinge von der Welt lagen vor meinen Augen. Das erste, was ich sah, war ein buntbemalter Pfeifenkopf; daneben lagen einige verblichene Studentenmützen, ebensolche, wie an der Wand hingen. Zwischen ihnen stak ein großer Brennspiegel, in Messing eingefaßt, mit einem langen Stiele. Ich griff tiefer hinein und zog einen Hirschfänger heraus, der in einer Pappdeckelscheide stak. Ganz in der Ecke war ein Pulverhorn; das schraubte ich auf, aber leider war es leer. Auf dem Boden kauernd, zwängte ich meinen Arm noch tiefer hinein und erfaßte etwas Weiches, Lederartiges. Ich zog es heraus und betrachtete meinen Fund genauer. Es war ein vor Alter zusammengeschrumpfter und schwarz gewordner Beutel von rohem Schafleder, wie ihn die Soldaten während eines Feldzuges auf der bloßen Brust zu tragen pflegen. Ich zog ihn auf und griff hinein, in der Hoffnung, Pulver darin zu finden. Meine Erwartung täuschte mich. Ich ergriff einige vergilbte Blätter; es waren, dem Äußern nach zu schließen, Briefe, in einer fremden Sprache geschrieben, von der ich kein Wort verstand. Meine Augen fielen auf die Unterschrift eines der Briefe; sie hieß Maria. Unmittelbar daneben standen einige unterstrichene Worte, in die Quere geschrieben. Ist das nicht lateinisch? Non cras sed hodie! Das erste und die beiden letzten Worte verstand ich; cras hatte ich bisher noch nicht gehabt. Nicht cras, sondern heute. – Was mochte cras heißen? Ich that die Briefe wieder an ihren Ort, zog den Lederbeutel zu, legte ihn behutsam an seine alte Stelle und schob das Fach in das Pult. Dann verließ ich die Pfarrburg und ging an den Bücherschrank, wo die Lexika standen. Ich schlug im großen Scheller cras auf, und als ich meine Vermutung, daß es morgen heiße, bestätigt sah, wollte ich mich wieder auf meinen Stuhl verfügen, als ich auf dem Rücken eines dicken Buches in Goldlettern den Titel las: Polnisch-deutsches Wörterbuch. Alles Fremdartige und Fernliegende interessierte mich; ich hätte viel lieber polnisch gelernt als lateinisch; deshalb sah ich mir das Buch von innen an. Und dann suchte ich weiter in meinem Hunger nach Seltsamkeiten. Zu meinem Ergötzen fand ich neben dem polnisch-deutschen Wörterbuch eine kurzgefaßte, deutliche deutsch-polnische Grammatik. Ich schlug sie auf und war in das Erlernen des Paradigma gęś, die Gans, gęśi, der Gans u. s. w. vertieft, da vernahm ich die Schritte des Pfarrers. Als er zur Stube hereinkam, saß ich über meine Arbeit gebeugt am Tische.

Ich hatte später keine Gelegenheit mehr, meine Forschungen in des Pfarrers Stube fortzusetzen, und hätte den lateinischen Satz im Lederbeutel und das Paradigma gęś, die Gans, längst wieder vergessen, wenn ich nicht in der seltsamsten Weise zuerst an das eine, sodann an das andre erinnert worden wäre.

Mein Vater erhielt von der Regierung den Auftrag, über den Zustand der Gebäude zu berichten, deren Erhaltung wegen ihres Kunstwertes oder aus landesgeschichtlichem Interesse geboten schien. So stattete er denn auch, von einem Baumeister der Kreisstadt begleitet, dem alten Turme einen Besuch ab, und ich durfte mitgehen.

Wie klopfte mir das Herz, als ich dicht hinter meinem Vater durch die niedere Pforte in den engen, düstern Raum trat! Durch schmale Schießscharten fiel spärliches Licht! Ein widerlicher Spülwassergeruch kam uns entgegen, und aus einer finstern Ecke erscholl ein zorniges Grunzen. Ich bückte mich nach einer schimmernden Feder, die auf dem klebrigen Boden lag, aber ein lautes Schnattern, das sich neben mir erhob, zerstörte die Hoffnung, daß mein Fund aus dem Fittich eines Turmfalken stamme. Kleinlaut folgte ich den Herren die Holzstiege hinauf, die in vielen Absätzen längs der modrigen Turmwände nach dem ersten Stockwerke führte. Hier war es etwas heller. In die dicken Mauern der vier nach außen gerichteten Seiten des fünfeckigen Turmes waren zu einer Zeit, wo der Bau seinem ursprünglichen Zwecke nicht mehr gedient hatte, Gefängniszellen gebrochen worden, deren eiserne Thüren alle offen standen; die Gelasse waren schon seit Jahren außer Gebrauch. Während die Herren hier messend und prüfend verweilten, stieg ich die Stiegen weiter hinauf. Es wurde wieder düster und völlige Finsternis, bis ein schmaler Lichtstreifen oben erschien, und es der Dämmerung entgegenging. Bald hatte ich sie wieder hinter mir und tappte im Dunkeln mit angehaltenem Atem hinauf. Da stieß ich den Kopf derb an. Eine Fallthür verschloß den Weg. Ich versuchte sie zu heben; sie bewegte sich, ich stemmte mit aller Kraft, und mit lautem Krachen fiel sie zurück. Ich stand auf einem hellen, speicherartigen Raume unter dem spitzen Dache. Eine angelehnte Holzthür, aus deren Ritzen lichter Sonnenschein herausquoll, zog mich zuerst an; aber eine heimliche Angst hielt mich zurück, sie zu öffnen, es war mir, wie wenn ich einen schlürfenden Schritt drinnen gehört hätte. Ich dachte daran, wieder zu meinem Vater zurückzukehren. Da bemerkte ich seitwärts eine schmale, durch die Mauer gebrochene Öffnung, ich kroch hindurch und befand mich auf einer Galerie, die rings um den Turm führte.

Ein prächtiger Blick bot sich mir dar. Unter mir lagen die Dächer des Städtleins, aus denen der spitze Kirchturm hervorragte; die Schornsteine rauchten, und zwei Störche flogen hintereinander vom Storchennest auf dem Kirchdache über mir weg. Durch die noch kahlen Bäume des Schloßgartens sahen die grauen Mauern der alten Wasserburg, und über die waldgekrönten Hügel, die das Thal begrenzten, ragten hellblau die fernen Bergzüge des Odenwaldes. Ich wanderte auf der Galerie rings um den Turm und freute mich an den wechselnden Bildern. Da, als ich wieder im Begriffe war, um eine Ecke zu biegen, hörte ich vor mir jemand sprechen. Es mußte ein Mensch auf der Seite der Galerie sein, die jenseits der Turmkante vor mir lag. Ich stand still und lauschte. Es war ein Selbstgespräch, denn ich vernahm nur eine Stimme: lallende Worte, von Ausrufen unterbrochen, eintönig hingemurmelt – jetzt ein heiseres Lachen, und dann wieder, nach einer Pause, das frühere klanglose Gerede.

Ich muß gestehen, daß ich mich tüchtig fürchtete. Auf den Zehen schlich ich zurück. Aber als ich an die Pforte kam, die in das Innere des Turmes führte, schämte ich mich meiner Feigheit. Neugierde und Abenteuerlust reizten mich; ich beschloß, mich von der andern Seite der unheimlichen Stelle zu nähern. Ich zählte die Ecken. Jetzt war ich an der angelangt, hinter der der rätselhafte Turmgast sich befinden mußte. Lange stand ich und lauschte. Alles war still. Ich glaubte schon, daß er sich in das Innere zurückgezogen habe, als ich ganz in der Nähe ein hastiges Schlürfen vernahm und dann das heisere Lachen von vorhin. Die Sonne schien grell auf die Seite des Turmes, von der das Geräusch herkam; das sah ich an dem Stücke der Galerie, das ich, wenn ich mich vorbeugte, überblicken konnte. Es mochte ordentlich heiß da drüben sein. Unten lag der alte Stadtgraben, der an dieser Stelle mit einer Baumschule angepflanzt war, und im spitzen Winkel stieß die halbeingefallene Stadtmauer auf die Turmkante. O wie schön! o wie schön! hörte ich jetzt deutlich von drübenher; darauf folgten tonlose Ausrufe der Bewunderung und des Kosens, ein grausiges Liebesgeflüster! – Dann wieder das unverständliche Lallen, leiser und leiser, bis es mit einem Klagelaut erstarb. Lange war es still. Eine Schwalbe strich am Geländer hin, die Stimmen spielender Kinder schallten herauf, und ein Bröcklein Mörtel fiel vom Dache auf das Geländer und zerstob. Da fuhr ich in plötzlichem Schreck zusammen. Dicht neben mir – es mußte unmittelbar hinter der Kante sein – schlürfte es hastig, ich hörte einen keuchenden Atem und ein Geräusch, wie wenn jemand auf dem Boden in dem engen Gange mit einer schweren Arbeit um sich hantiere; dann – träumte es mir, oder war es Wirklichkeit? – die leisen aber wild hervorgestoßenen Worte: Non cras sed hodie, – ein kurzes Auflachen – und es wurde alles still.

Es graute mir, und ich lief den Gang zurück, um mich zu meinem Vater zu flüchten. Als ich an die in den Turmspeicher führende Pforte kam, hörte ich die Schritte der beiden Männer, die gerade durch die Fallthüröffnung stiegen.

Alle meine Furcht war jetzt vorbei.

Vater, es ist jemand hier oben, sagte ich.

Der Turmwächter wohnt hier, erwiderte er. Ein Halbkretin, fuhr er zu seinem Begleiter gewendet fort, er ist auf dem Turme geboren und hat ihn wohl kaum in seinem Leben verlassen. In frühern Jahren blies er die Nachtstunden vom Turme, heute besteht sein Amt darin, daß er die Elfuhr- und Vieruhrglocke läutet.

Mein Vater stieß die angelehnte Thür zurück, an der ich vorübergegangen war. Wir traten in ein Zimmer voll Staub und Sonnenschein. Eine Bettstelle mit einem Strohsack, dessen Inhalt herausschaute, ein alter Tisch und ein eiserner Ofen, auf dem einiges Kochgeschirr stand, war das Gerät. In einem Winkel lagen geschnittene Weiden auf einem Haufen. Durch das geöffnete Fenster flutete das helle Mittagslicht, und durch eine gleichfalls offenstehende Pforte sah das im Sonnenschein glitzernde Steingeländer der Galerie. Mein Vater und der Architekt wanden sich durch das Thürchen, ich folgte ihnen in größter Spannung nach.

Im grellen Sonnenschein saß barhäuptig ein alter Mann auf einem Schemel. Er war mit Korbflechten beschäftigt. Aus rot unterlaufnen Augen warf er uns einen scheuen Blick zu und murmelte etwas vor sich hin. Dann fuhr er, ohne sich um uns zu kümmern, in seiner Beschäftigung fort. Der Kopf war fast völlig kahl, sodaß die unförmige Gestalt des Schädels abschreckend hervortrat. Von dem aufgedunsenen, blaßroten Gesicht hoben sich die buschigen, schneeweißen Brauen seltsam ab. Die tief herabhängende Unterlippe bewegte sich unaufhörlich.

Der Morgengruß der beiden Männer, dem mein Vater noch ein freundliches Wort zufügte wurde nicht erwidert.

Nachdem der Architekt den baulichen Zustand der Galerie aufgenommen hatte, betrachtete er mit Interesse die Stadtmauerreste, die die alte Befestigungsanlage noch deutlich erkennen ließen, und die von unserm Standpunkte aus fast in ihrer ganzen Ausdehnung zu überblicken waren. Mein Vater berichtete ihm über das mutmaßliche Alter der einzelnen Bestandteile. Der Baumeister fragte hierauf, ob das Städtchen einmal im Sturm genommen worden sei, worauf mein Vater erwiderte, das sei eigentlich nicht geschehen; im Jahre 1634 sei einmal den Kroaten ein Überfall geglückt, und im Jahre 1796 müsse in der Nähe des alten Turmes ein Scharmützel zwischen Österreichern und Franzosen gewesen sein. Ich hatte mich dicht an meinen Vater gedrängt, um kein Wort zu verlieren. Von dem Ereignisse, das er zuletzt erwähnte, hatte ich noch nichts gehört. Aber es interessierte mich auch nicht weiter; was waren für mich die Franzosen gegenüber den Kroaten! Wo sind denn die Kroaten damals herübergestiegen? fragte ich meinen Vater.

Wahrscheinlich dort, sagte er und wies nach einer entfernten Stelle. Sie kamen durch den Wald von Sinsheim her, ritten dann im Hohlwege bis dort an die Steinbrüche und dann hinter dem Hügelzuge hin, bis an jene Einsattlung. So konnten sie ungesehen in die Nähe der Mauer gelangen. Bei den letzten Worten hatte mein Vater zurückgeschaut, und wir folgten seinem Blicke. Der Turmbewohner stand dicht hinter uns. Er schüttelte beständig mit dem Kopfe und gestikulierte mit den Händen. Mein Vater brach ab, offenbar unangenehm berührt. Die Herren schickten sich zum Gehen an. Ich verweilte noch einen Augenblick. Es fiel mir schwer, mich von der Stelle zu trennen. Bereits hatte meine Einbildungskraft das Kriegstheater mit agierenden Personen bevölkert. Ich sah die Kroaten aus der Waldecke vorbrechen und über das Brachfeld reiten, die roten Mäntel leuchteten im Sonnenschein.

Da fühlte ich mich plötzlich am Arme gepackt. Der alte Mann stand neben mir; die Unterlippe ging in heftigster Bewegung auf und nieder, und sein Gesicht zeigte eine peinliche Spannung, wie wenn er mir etwas sagen wollte. Plötzlich wandte er sich um und schaute mit den Geberden der größten Verachtung nach der Richtung, in der die beiden Männer verschwunden waren. Er schüttelte Kopf und Hände und stieß ein höhnisches Lachen aus, das den Sinn haben mochte: was wissen denn die! Dann wandte er sich zu mir, legte den Finger übers Auge, sodaß sich die Spitze in dem Brauenwalde verlor, und flüsterte mir zu: Kroaten, Kroaten, Rotmäntel – Spitzbuben! Hierauf faßte er mich wieder am Arme und zog mich, vorausschlürfend, auf die andre Seite des Turmes; dort beugte er sich über die Brüstung und deutete nach einer Stelle der Stadtmauer, indem er dieselben Worte wiederholte.

Da sind die Kroaten übergestiegen? fragte ich ihn erstaunt.

Er nickte vergnügt und rieb sich die Hände.

Woher wißt Ihr denn das? fragte ich weiter. Er gab mir keine Antwort. Über die Brüstung gebeugt, schaute er starr auf den grünen Rasen, der sich schmalen Striches zwischen dem Turme und der jungen Baumschule hinzog.

Auf einmal schien er mir uralt, so alt wie der Turm selbst.

Woher wißt Ihr das? wiederholte ich. Habt Ihr sie gesehen?

Er hatte sich zurückgewandt und wieder auf den Schemel gesetzt. Er nickte mehrmals auf meine Frage.

Mit Grausen ging ich einen Schritt zurück und fragte: Habt Ihr denn im dreißigjährigen Kriege schon gelebt?

Er nickte wieder und sagte: Krieg! Dann nahm er gleichmütig die Arbeit wieder auf.

Als ich ihn korbflechten sah, ließ mich das Entsetzen los. Nein, dachte ich, damit giebt sich der Turmgeist nicht ab. Und als ich in der Stube stand, von der die Pforte in die Galerie führte, kam mir ein bübischer Gedanke.

Als ich vorhin den Alten belauschte, hatte ich ihn die lateinischen Worte sagen hören, die ich das erstemal in des Pfarrers Studierburg gelesen hatte. Welche Wirkung mochte es wohl haben, wenn ich die geheimnisvollen Worte ausrief? Ich überzeugte mich zunächst, ob die Fallthür offen war, dann rief ich mit lauter Stimme auf die Galerie hinaus: Non cras sed hodie, und wie der Wind flog ich durch die Stube auf den Speicher und in die Treppenöffnung. Hier lauschte ich einen Augenblick, ehe ich die Thür herabzog. Kein Laut war zu hören. Donnernd fiel die Thür zu, und meiner Heldenthat froh, stieg ich den Turm hinab ins Freie.

Ich sah in die Höhe. Die Galerie war leer, soweit ich sie überblicken konnte. Ich ging in den Hof eines Nachbarhauses, der an die Stadtmauer stieß. Von oben hatte ich einen alten Haselnußbaum bemerkt, dessen Stamm sich an die Steinwand anlehnte, und dessen Krone über sie hing. Im Nu hatte ich den Baum erklettert und konnte nun die ganze hintere Seite der Galerie übersehen. Auch hier war niemand zu erblicken. Aber ein eigentümliches Geräusch kam von dorther. Es mußte auf dem Teile des Steinganges sein, wohin mich der alte Mann geführt hatte. Ein Keuchen und Stöhnen, wie wenn sich ein Ringkampf oben abspiele, zwischenhinein Ausrufe der höchsten Angst und der tötlichsten Wut, wie wenn es ums Leben ginge – ein triumphierender Aufschrei – und hinter der Brüstung erhob sich der unheimliche Mensch, mühsam, wie wenn er etwas Schweres emporhöbe. Jetzt konnte ich seine Gestalt sehen. Er beugte sich langsam über das Geländer mit Bewegungen, als ob er etwas Gewichtiges und Langes über die Brüstung in die Tiefe werfe. Dann stand er lange da und schaute regungslos auf das Rasenstück vor der Baumschule.

Ich war schon im Begriff, meinen Sitz zu verlassen, als der Alte die Hände reibend sich nach der vordern Seite des Turmes wandte und mich bemerkte. Er nickte und lachte mir zu und winkte mit beiden Händen, ich solle über die Mauer springen und an den Turm herankommen.

Der Gedanke schoß mir durch den Kopf: er will dir etwas zuwerfen, und ehe ich es überlegt hatte, stand ich im Stadtgraben. Er lachte und winkte mir von neuem. Zuerst erfaßte mich Argwohn; ich hatte schon von der Bosheit Blödsinniger gehört. Aber die Neugierde überwog. Je näher ich kam, desto freundlicher und hastiger winkte der Alte. Als ich unmittelbar am Fuße des Turmes stand, hielt er mit der Linken etwas Funkelndes in die Höhe, wie wenn er es mir zuwerfen wolle; aber blitzschnell bückte er sich zu Boden und warf einen großen Stein auf mich hernieder. Ich rettete mich durch einen Sprung zur Seite und rannte entsetzt der Mauer zu. Erst als ich wieder im Hofe stand, fühlte ich mich geborgen. Hinter mir erscholl das heisere Lachen des Greises.

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