Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Nomaden

Paul Grabein: Nomaden - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleNomaden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160107
projectid9541ab00
Schließen

Navigation:

Seitdem Heinz Bracke in Deutschland war, hatte er täglich an Elga geschrieben. Seine Briefe waren ihr anfangs stets eine reine Freude gewesen wegen der zuversichtlichen, frohen Art, wie er von seiner neuen Tätigkeit sprach. Er hatte diese erste Zeit dazu benutzt, sich mit dem Betrieb der Fabrik näher vertraut zu machen und eine gewisse Warenkunde zu erlangen. So hatte er sich selber davon überzeugen können, daß das Unternehmen Tüchtiges leistete und alle Gewähr bot, im Wettbewerb zu bestehen. Damit ergaben sich dann auch für ihn, der am Gewinn aus dem Absatz beteiligt sein sollte, die besten Aussichten.

Dann hatte Heinz seine eigentliche Tätigkeit, die Besuche bei der Kundschaft, größeren industriellen Betrieben des Absatzgebiets, aufgenommen. Mit Spannung hatte Elga seinen Mitteilungen darüber entgegengesehen. Die nächsten Briefe sprachen auch davon, ließen aber erkennen, daß die Sache doch nicht so einfach war, wie er geglaubt hatte.

Es gab da manche, nicht vorhergesehene Schwierigkeit und auch Unannehmlichkeit, und gerade hierüber ließ er sich aus. Er hatte angenommen, daß der Ruf seiner Firma wie seine eigne Persönlichkeit ihm ohne weiteres jede Tür öffnen und schnell den Abschluß eines Geschäfts verbürgen würden, doch mußte er meist das Gegenteil melden. Man behandelte ihn – so klagte er – wie einen beliebigen Handlungsreisenden, ließ ihn lange, in peinlicher Weise im Kontor warten und, wenn er endlich vorgelassen wurde, geschah es nicht etwa bei dem Chef selber, sondern irgend ein Prokurist oder wohl gar nur ein Abteilungsleiter empfing ihn. Das verletzte ihn in seinem Selbstgefühl, im Bewußtsein seiner gesellschaftlichen Stellung, so daß er dann in betonter Weise dem betreffenden Herrn zu erkennen gab, daß er nicht Hinz oder Kunz sei.

Die Verhandlungen waren aber auch sonst vielfach unerfreulich. Er stieß oft auf einen engherzigen Krämergeist. Dies lange Feilschen und mit dem Pfennig rechnen, war ihm in tiefster Seele zuwider. Er war ja kein Kaufmann im Sinne dieser Leute, von denen er erwartet hatte, daß sie das Geschäftliche mit einer gewissen Vornehmheit erledigen würden. Verstimmt und ohne etwas erreicht zu haben, ging er so nicht selten von den Verhandlungen hinweg. Er tröstete sich zwar damit, daß diese unangenehmen Erfahrungen nur ein Zufall seien, daß es ihm später besser glücken würde, aber die Bestätigung dessen blieb aus. Wohl meldete er gelegentlich einmal einen kleinen Abschluß, doch das war alles. Allmählich schwiegen sich seine Briefe hierüber aus, und dann trat ein Stocken im Briefverkehr selber ein. Er schrieb nicht mehr täglich, und wenn er es tat, klang aus seinen Zeilen deutlich starke Bedrücktheit, wie sehr er sich auch bemühte, ihr diese zu verbergen.

In Elga stieg da eine Unruhe auf und wuchs trotz aller Abwehr heran. Jene bange Sorge, die sie gleich im ersten Augenblick befallen, als sie von seinem Bruch mit den Eltern und dem Ausscheiden aus dem väterlichen Unternehmen gehört hatte, hob von neuem ihr Haupt. Bestätigte sich nicht jetzt ihr Ahnen, erwies sich nicht bereits als wahr, was Heinz ihr einst in einem unbewachten Augenblick bekannt hatte: Er war nicht zum Geschäftsmann geschaffen und würde es nie werden! Aber dann – – –?

Die Schlüsse, die sich hieraus für ihn wie für sie selber ergaben, waren unbarmherzig klar, und so schwer lastete diese Erkenntnis auf Elga, daß sie sich mehr und mehr aus dem Freundeskreis zurückzog. Sie war nicht in der Stimmung, mit den andern zu lachen und zu scherzen. Die häufigen Fragen, wie es Heinz gehe, persönlich und beruflich – wie gut sie auch gemeint waren – waren ihr in hohem Maße peinlich. So entging sie dem lieber, indem sie sich möglichst für sich hielt und eine anhaltende Unpäßlichkeit vorschützte.

Auch heute war Elga wieder allein. Mit einem Buch saß sie auf der Veranda ihres Zimmers, doch die Gedanken irrten immer wieder vom Lesen ab und zermühten sich an Fragen, die sie doch nicht lösen konnte. In tief gedrückter Stimmung grübelte sie vor sich hin, bis das eintretende Stubenmädchen sie aufstörte. Es meldete einen Besuch. Voll Unlust griff Elga nach der Karte, aber beim ersten Blick auf diese schrak sie heftig zusammen: Theodor Bracke, Fabrikbesitzer – Heinzens Vater!

Eine kurze Spanne widerstreitender Empfindungen, dann war der erste Gedanke: Abweisen! niedergekämpft. Ein Ahnen sagte ihr, hier ging es um Heinzens ferneres Schicksal. Da nickte sie dem Mädchen zu und erhob sich, um den Besuch zu empfangen.

Erregt pochte ihr das Herz, auch jetzt noch, wo sie schon Heinzens Vater gegenüberstand, wenn sie auch äußerlich ganz Ruhe und Haltung war. Ihr Blick musterte den Besuch: Eine hagere Erscheinung mit ergrautem Vollbart, ein strenges, durchfurchtes Gesicht, verschlossen und abweisend, mit einem unverkennbaren Ausdruck des Mißtrauens und der Geringschätzung – ganz so, wie sie ihn sich nach Heinzens Schilderungen vorgestellt hatte. Aber diese Wahrnehmung rief zugleich auch ihr Selbstgefühl, ihren Stolz wach, und mit einem kühlen Ton, aus dem deutlich ihr Befremden klang, richtete sie nun ihrerseits das erste Wort an den Besucher, der noch immer schweigend, beide Hände um den Hutrand gepreßt, vor ihr stand.

»Sie werden verstehen, Herr Bracke, daß ich einigermaßen überrascht bin, Sie hier zu sehen. Ich darf wohl um eine Erklärung über den Anlaß Ihres Erscheinens bitten.«

Der Angeredete richtete sich jetzt in einem Entschlusse auf.

»Sie wollen meinem Schweigen entnehmen, daß es mir nicht leicht fällt, hier vor Ihnen zu stehen und das Wort an Sie zu richten. Aber es mußte sein, und Sie werden sich selber sagen, daß es die allerernstesten Gründe sind, die mich herführen.«

»Mein Gott!« Das Herz stockte Elga plötzlich, »es ist Heinz – Ihrem Herrn Sohn – doch nichts geschehen?«

»Seien Sie ohne Sorge, das ist es nicht, und – um auch das gleich vorweg zu nehmen – ich komme nicht etwa mit seinem Wissen und Wollen – nein, ganz aus eignem Entschluß bin ich hier, nur getrieben von allerschwerster Sorge, für die ich – trotz allem – ein Verständnis bei Ihnen erhoffe.«

Elgas Brauen zogen sich bei diesen Worten zusammen, aber zugleich vernahm sie auch das leise Zittern seiner Stimme, und sie bedachte; es war ein alter Mann, der vor ihr stand. Da deutete sie auf einen Sessel:

»Bitte – nehmen Sie Platz – und erklären Sie sich näher. Sie dürfen damit rechnen, daß ich der Sachlage auch meinerseits das ernsteste Verstehen entgegenbringe.«

Die ungezwungene Würde, die in ihren Worten wie in ihrer Haltung lag, blieb nicht ohne Eindruck auf den alten Bracke. Eine unverkennbare Betroffenheit spiegelte sich in dem Blick, den er auf sie richtete, während er ihrer Einladung folgte, und sein Ton klang achtungsvoller, als er nun weiter zu ihr sprach:

»Ihre Versicherung eben, gnädige Frau, erleichtert mir mein Vorhaben wesentlich. Ich gestehe offen, ich hatte nicht angenommen – nach allem wohl auch nicht annehmen können – daß Sie dieses Verstehen bezeugen würden.«

»Worauf gründet sich diese Annahme?«

»Nun –« er suchte nach Worten, aber dann hob er entschlossen den Kopf – »es ist wohl das beste, ich rede ohne alle Umschweife. Also, wenn eine Frau unter den doch recht ungewöhnlichen Umständen, wie sie in diesem Falle vorliegen, sich über alle Bedenken hinwegsetzt, nur den Wünschen ihrer Leidenschaft folgend, so berechtigt das doch wohl zu der Annahme, daß diese Leidenschaft eben so beherrschend in ihr ist, daß alle anderen Empfindungen und alle Erwägungen des Verstandes dem gegenüber völlig zurücktreten.«

Elgas Antlitz war noch einen Schein blässer geworden, aber in unveränderter Haltung erwiderte sie:

»Ich wüßte nicht, wodurch ich Ihnen ein Recht gegeben hätte, eine derartige Leidenschaft bei mir vorauszusetzen und daraus solche Schlüsse zu ziehen. Sollte in Ihren Augen etwa schon die Tatsache genügen, daß eine allerdings wesentlich ältere Frau die Neigung eines jüngeren Mannes erwidert und endlich – nach fruchtloser Einwendung aller Vernunftgründe – seinem Werben nachgibt?«

»Ich entnehme Ihren Worten zu meiner freudigen Überraschung, daß Sie selber, gnädige Frau, klar diese Vernunftgründe erkannt haben. Das berechtigt mich zu der Hoffnung, daß Sie sich nun auch den Gefühlsgründen nicht verschließen werden, die noch viel gebieterischer sprechen. Ich habe zu Ihrer ganzen Persönlichkeit, wie sie mir bereits in diesen ersten Minuten unserer Bekanntschaft entgegentritt, das feste Vertrauen, daß ich mich nicht täuschen werde.«

Elga hob leicht die Hand. »Sagen Sie mir, was Sie mir sonst noch zu sagen haben.«

Die Stirn des alten Mannes vor ihr furchte sich, und er senkte unwillkürlich sein graues Haupt.

»Ich muß von meiner Frau zu Ihnen sprechen, von Heinzens Mutter. Ich weiß nicht, ob er Ihnen erzählt hat, welche Sorgen sie uns schon seit Jahren macht?«

»Ich bin davon unterrichtet.«

»Aber doch wohl nicht davon, wie es jetzt um sie steht. Der Bruch mit unserm Sohn – es ist unser einziges Kind – hat sie furchtbar getroffen. Glauben Sie mir, ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Es war geradezu ein vernichtender Schlag für sie! Ihre Schlaflosigkeit hat einen beängstigenden Grad angenommen und damit die Überreizung ihrer Nerven. Daß sie das Einzige verloren hat, an dem ihr Mutterherz hing, den Sohn, der ihr aus allen Schrecken des Kriegs wohlbehalten wieder zurückgekehrt ist, auf diese Weise – das zehrt ihr am Mark, das verwindet sie nicht. Aber der Tod wäre vielleicht noch nicht das schlimmste, obwohl für Heinz das Bewußtsein, seine Mutter, die ihn so unendlich geliebt, unter die Erde gebracht zu haben, eines Tages doch ganz furchtbar sein könnte. Für meine arme Frau wäre ein baldiges Ende ja nur die Erlösung. Doch es droht noch viel Grausigeres: bei ihrer ganzen Nervenverfassung ist nach dem Urteil der Ärzte ernstlich damit zu rechnen, daß ihr Geist dem nicht standhält, daß sie unheilbarer Umnachtung anheimfällt, dabei vielleicht aber noch viele Jahre hinlebt, dumpf und stumpf wie ein Tier – sich und denen, die sie lieben, zur Qual!«

Ein Geräusch machte den Sprecher aufsehen. Elga hatte, sich mit einer jähen Bewegung erhebend, ihren Sessel zurückgestoßen. Sehr blaß stand sie so, den Blick starr vor sich hin geheftet; nun aber wandte sie sich ab und ging langsam zum Fenster.

Das Auge des alten Mannes folgte ihr mit einer gewissen Teilnahme, zugleich aber leuchtete auf seinen Zügen die Hoffnung auf. Sah er doch, seine Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Frau, die jetzt dort ihm abgekehrt, so unbeweglich am Fenster stand, kämpfte mit sich einen Entscheidungskampf. Möchte Gott ihr Herz lenken! Und unwillkürlich falteten sich seine hageren Hände.

Ja, Elga kämpfte. Aber: Gab es überhaupt noch einen Kampf, angesichts dessen, was ihr eben vor Augen gestellt war in all seinem Grausen? Wollte sie es etwa verantworten, daß es zu diesem Äußersten kam? Ließ sich über so viel Elend und Schrecken denn ein Glück aufbauen? Nein – nimmermehr!

Und doch – das törichte Herz bäumte sich gegen diese klare Entscheidung auf. So sollte denn sterben, was sich in ihr noch einmal zum Leben gedrängt hatte in einem späten, herbstlichen Erblühen, aber vielleicht gerade darum mit um so heißerem Sehnen und innigerem Dank für diese seltene Gunst des Schicksals. Vorbei – endgültig vorbei nun die Jugend ihres Herzens, der warme lebensvolle Sonnenschein des Glücks!

Wie ein bitteres Auflachen klang es ihr aus der eigenen Brust entgegen. Wäre denn an ein Glück noch zu glauben gewesen, selbst wenn der alte Mann da nicht erschienen wäre mit seiner Unheilbotschaft? Fraß nicht schon seit Tagen der Zweifel an ihrem Herzen und nagte Stück für Stück weg von ihrem Hoffen? Nur daß sie es bisher mit Gewalt nicht hatte wahr haben wollen, was doch nicht länger zu bestreiten war: Ihr Glück war auf trügerischem Grund gebaut – Heinz war nicht der Mann, sich aus eigener Kraft eine Existenz zu schaffen und damit auch der Frau an seiner Seite.

Ganz klar war ihr in dieser Stunde mit einemmal sein Schweigen in den letzten Tagen: Er selber hatte das inzwischen erkannt und scheute sich nur, diese vernichtende Erkenntnis ihr einzugestehen; denn sie bedeutete ja den Zusammenbruch all ihrer Hoffnungen. Verzweiflung mochte ihn zu Boden drücken in eben dieser Stunde – völlige, haltlose Verzweiflung. Und plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke: Wenn er nun dieser Verzweiflung erlag, nicht mehr ein und aus wußte? Sie kannte ja sein hochgesteigertes Ehrgefühl. Die zerschmetternde Erkenntnis, dem Kampf ums Dasein nicht gewachsen zu sein, nun wo er sich die letzte Zuflucht im Haus und Werk des Vaters selber verscherzt hatte – diese unbarmherzige Erkenntnis konnte ihm wohl den Rest von Widerstandskraft rauben und zu einer Tat der Verzweiflung treiben.

Der schreckliche Gedanke ließ Elga nicht mehr los und bohrte sich immer tiefer in ihre gequälte Seele, bis es entschieden war: Sie mußte ihm den Weg ins Vaterhaus wieder frei machen. Nicht allein die Rücksicht auf Heinzens Mutter, auch sein eignes Bestes erforderte es – es war die einzige Möglichkeit, ihn zu retten. Da kehrte sie sich ihrem Besuch wieder zu.

»Ich habe alles noch einmal erwogen, aber ich sehe, es bleibt nur der Weg, den Sie andeuteten. Auch das Interesse Ihres Sohnes, das ich höher stelle als das eigne, gebietet es. Also gehen Sie denn heim mit der Gewißheit, ich gebe Ihrem Sohne die Freiheit zurück.«

»Gnädige Frau« – die Stimme des alten Mannes erzitterte und in seinen durchfurchten Zügen zuckte es. So trat er ganz nahe zu ihr: »Wie soll ich Ihnen das danken!« Als er ihre fast schroffe Abwehr sah, suchte sein Blick den ihren. »Lassen Sie mich Ihnen dann wenigstens etwas bekennen: Ich habe Ihnen ein schweres Unrecht abzubitten, das ich Ihnen in meinen Gedanken zugefügt hatte. Nun kenne ich Sie besser und scheide mit dem Gefühl einer hohen Achtung.«

In unveränderter Haltung nahm Elga seine Worte entgegen.

»Ich werde Ihrem Sohn noch heute schreiben.«

Fest erklärte sie es, dann entließ sie ihn mit einem Neigen ihres Hauptes.

* * *

Die Bemühungen Rias, sich in Davos eine Existenz zu schaffen, hatten nach mehrfachen Fehlschlägen endlich doch zu einem Erfolg geführt. Eines der großen Hotels hatte mit ihr ein Abkommen getroffen, demzufolge Ria sich während der Sommersaison als Tennistrainer für Damen und im Winter als Lehrerin für moderne Tänze für die Gäste des Hauses zur Verfügung stellte, wofür ihr während der Dauer der Saison freie Station gewährt wurde. Die aus dem Unterricht erzielten Honorare sollten nach einem gewissen Abzuge ihr zufallen. Sie durfte hoffen, damit Einnahmen zu erhalten, die ihr eine angemessene Lebenshaltung gewährleisten würden. Ria wie Axel waren sehr glücklich darüber. Sie wollten nun sobald wie möglich heiraten, dann gemeinsam in dem Hotel ihr Quartier nehmen und sich dort ihr kleines Heim einrichten, soweit das im Rahmen der gegebenen Verhältnisse möglich war. Es handelte sich für Ria also nur noch darum, sich die Mittel für die Zwischenzeit bis zum Beginn der Sommersaison und weiter bis zum Eingang des ersten Verdienstes aus ihrer neuen Tätigkeit zu beschaffen. Sie sah da nur einen Ausweg und war, so schwer er ihr auch fiel, entschlossen, ihn zu gehen. Sie wollte den ihr gehörenden Familienschmuck und das wertvolle antike Mobiliar ihres Zimmers daheim verkaufen.

So schrieb Ria denn an ihre Mutter, teilte ihre Entschlüsse mit und bat sie, den Verkauf ihrer Sachen in die Hand zu nehmen. Sie hoffte, daß sich ein Käufer im Familienkreise finden würde, so daß die alten Erbstücke wenigstens nicht in fremde Hände zu fallen brauchten. Sie war sich zwar klar darüber, daß ihre Mitteilungen zu Hause einen Sturm der Empörung entfachen würden, aber – was auch kommen mochte – sie war unbeugsam in ihrem Willen, ihren Entschluß durchzusetzen.

Die Freunde in Davos, ganz besonders Fränze, nahmen herzlichen Anteil an Rias tapferem Kampf um ihr Glück. Man schmiedete allerlei schöne Pläne. Sobald der Verkauf der Sachen zustande gekommen, wollten Ria und Axel gemeinsam mit Fränze und Ewald Wilms noch auf ein paar Wochen nach Locarno gehen, und dort, im südlichen Frühlingserblühen, sollte die Hochzeit in diesem kleinen Freundeskreise gefeiert werden.

Da trat etwas Unerwartetes ein. Wilms erhielt Telegramme und Briefe von seinem Vertreter und einer Klientin in Berlin, die ihn in einer dringlichen Sache sofort für ein paar Tage dort hin riefen. Das bedeutete eine unliebsame Unterbrechung des letzten Aufenthaltes in Davos, der nur noch kurz bemessen war. Bereits Mitte März wollte er ja mit Fränze von hier aufbrechen, um noch gemeinsam ein paar Wochen Übergangszeit in Locarno zu verleben; dann wollten sie nach Deutschland heimkehren. Dort sollte Fränze für kurze Zeit zu den Ihren gehen, bis alles für ihre Aufnahme im eignen Heim in Berlin bereit sein würde. Anfang Mai gedachten sie zu heiraten.

Angesichts des so nahe bevorstehenden Abschieds von Davos wurde es Wilms schwer, die wenigen Tage, die ihnen noch hier oben im Sonnenlande beschieden waren, zu kürzen; aber der Fall, der vorlag, war so besonders, daß er nicht gut anders konnte, als den Bitten um sein Erscheinen in Berlin zu entsprechen.

So ging er denn zu Fränze hinauf, um ihr mitzuteilen, daß er morgen mit dem Frühzuge abreisen müsse. Fränze schrak zusammen – fort, und so plötzlich? Das konnte doch nicht sein! Hatte es denn nicht Zeit, bis er ohnehin nach Berlin kommen würde?

Aber er setzte ihr auseinander, worum es sich handelte: Eine Ehescheidung, bei der besondere Schwierigkeiten vorlagen, da beide Teile Anspruch auf das Kind erhoben. Dieses sollte vereinbarungsgemäß bis zur gerichtlichen Entscheidung bei der Mutter verbleiben, doch nun hatte der Vater das Kind mit Gewalt entführt und verweigerte seine Herausgabe. Die Mutter flehte in höchster Erregung Wilms, von dessen persönlichem Einfluß auf ihren Mann sie sich alles versprach, an, ihr beizustehen und ihr wieder zu ihrem Kinde zu verhelfen.

»Es bleibt mir,« schloß Wilms seinen Bericht, »nach Lage der Dinge nichts anders übrig, als zu fahren. Die Aufregung und Sorge der Mutter ist zu berechtigt.«

»Gewiß, die Ärmste kann auch mir leid tun; aber mußt denn gerade du es sein? Kann denn nicht ebenso gut dein Vertreter es machen? Er braucht doch nur zur Polizei zu gehen oder zum Gericht.«

»So liegt es doch nicht. Wie mein Vertreter noch schreibt, befindet sich das Kind nicht in der Wohnung des Vaters und sein Aufenthalt in Berlin ist unbekannt. Es besteht sogar die begründete Sorge, daß der Vater es irgendwohin nach außerhalb schafft, wenn man ihm die Polizei auf den Hals schickt. Dagegen ist, der ganzen Eigenart des Mannes nach, wie ich selber zugeben muß, die Hoffnung nicht von der Hand zu weisen, daß er sich einer vernünftigen Zusprache nicht unzugänglich erweist. Und da komme eben nur ich in Frage, weil es mir seinerzeit schon einmal gelungen ist, ihn dazu zu bewegen, das noch in zartestem Alter stehende Kind einstweilen wenigstens der Mutter zu belassen.«

Fränze gab dem Gewicht seiner Gründe nach, und sagte traurig:

»Ja – da wirst du schon fahren müssen. Aber versprich mir eins: Du bleibst nicht lange weg! Nicht wahr, das versicherst du mir?«

»Selbstverständlich, ich bleibe keine Stunde länger als nötig.«

» Wie lange? Im Höchstfälle doch nur drei, allerhöchstens vier Tage!«

»Ich denke ja, aber natürlich kann ich keinen Eid darauf leisten.«

»Also auch das nicht mal!« Ganz unglücklich ließ sie den Kopf hängen.

»Aber Fränzekind!« Lächelnd nahm er sie an sich. »Wenn man dich so sieht, könnte man wahrhaftig meinen, es sei ein Abschied fürs Leben.«

Sie blieb ernst, und ein seltsamer angstvoller Ausdruck war in ihrem ins Leere gerichteten Blick, wie sie erwiderte:

»Weißt du nicht mehr, was ich dir neulich sagte, worum ich dich bat, so eindringlich? Laß mich nie lange allein! Hast du es so schnell schon vergessen?«

Seine Stirn bewölkte sich. »Fränze – ich hab' damals das Wort nicht recht ernst nehmen wollen. Nun aber, wo du wieder damit kommst, muß ich es doch einmal aussprechen: Für solche Stimmungen habe ich kein Verständnis. Herrgott noch einmal – du bist doch schließlich kein kleines Kind mehr, das sich vor dem schwarzen Mann fürchtet, wenn man es allein läßt!«

»Auch nicht, wenn dieser schwarze Mann Pedro Ruaz heißt?«

So – nun war es heraus, und fest sah sie ihm ins Gesicht.

Betroffen blickte er sie an. Das also war es! Nun verstand er sie wenigstens und sagte:

»Du fürchtest also, er könne hier wieder erscheinen, während meiner Abwesenheit?«

Sie nickte gequält. Er aber schüttelte den Kopf.

»Ich kann es mir nicht denken – woher soll er überhaupt wissen, daß ich fort bin?«

»O, du kennst ihn nicht. Er steckt voll Arglist und Tücke. Und er hat Freunde hier, die mich und dich sicher beobachten und ihn sofort benachrichtigen werden.«

Wilms' Ausdruck verriet nun doch Sorge. Da flehte Fränze noch einmal, sich an ihn drängend:

»Fahr nicht – ich bitte dich!«

Er antwortete nicht gleich, sondern strich ihr nur besänftigend übers Haar, dann aber entschied er sich:

»Ich muß fahren, es geht nicht anders. Es ist ja auch gar nicht gesagt, daß das eintreten wird, was du befürchtest. Ich glaube es ganz sicher nicht. Sollte es aber doch geschehen – nun, Fränze, so mußt du eben die Probe bestehen!« Seine Stimme wurde sehr ernst. »Ich habe vollstes Vertrauen zu dir und deiner Liebe. Daran mußt du immer denken. Du darfst mich nicht enttäuschen! Der Gedanke wird dich stark machen. – Also, wieder Kopf hoch, Fränzekind. Du bist doch auch gar nicht allein hier, hast Elga, Ria und all die andern, und kannst bei ihnen Schutz suchen, wenn es wirklich not tut. Paß auf,« sein Ton ward nun wieder leichter, »die Zeit, wo ich weg bin, verfliegt dir im Handumdrehen, und dann feiern wir um so froher unser Wiedersehen.«

Auf Fränzens Mienen war unter seinen ernst mahnenden Worten ein herber Zug getreten. Sie fühlte nur das eine: Er blieb hart, stieß ihr zuckendes Herz zurück. Und langsam löste sie sich jetzt aus seinem Arm.

»Du hast ganz recht; es war töricht von mir, dir meine Stimmung zu zeigen. Sei sicher, es wird nicht wieder geschehen.«

Der Druck, der über ihrem Wesen lag, und eine merkliche Zurückhaltung ihm gegenüber, wichen auch im Laufe des Tages nicht von ihr. Erst in den Abendstunden, wo man wie gewohnt mit den Freunden zusammen war – nur Elga blieb leider fern – zeigte sich Fränze wieder ganz als die alte, so daß Wilms beruhigt war. Nun war sie wieder im Gleichgewicht, auch die kleine Schmollstimmung glücklich überwunden, und er freute sich von Herzen ihres hellen Lachens und lustigen Geplauders.

Es war ziemlich spät geworden im Supériorhotel; als die beiden in Villa Montana ankamen, blieben für die Nachtruhe nur noch ein paar Stunden. Wilms' Zug ging ja schon gegen 5 Uhr in der Frühe. So drängte er denn Fränze, obwohl sie erklärte, doch nicht schlafen zu können, zu Bett zu gehen; er mußte ihr aber versprechen, sie so rechtzeitig zu wecken, daß sie ihn an die Bahn bringen konnte.

Als Wilms sich nach kurzer Rast erhob, selber übernächtigt und fröstelnd in dem ausgekühlten Zimmer, erschien es ihm sinnlos, daß auch Fränze in Nacht und Kälte hinaus sollte. So unterließ er es denn, sie zu wecken, und trat bei ihr ein, als er schon im Reisepelz, die Tasche in der Hand, fertig zum Abschied war. Leise hatte er die Tür aufgeklinkt, so daß sie erst jetzt, wo er das Licht andrehte, aus ihrem Schlaf emporfuhr. Einen Augenblick war sie geblendet, verwirrt und wußte nicht recht, was mit ihr war; dann aber erkannte sie ihn, reisebereit, und klagte:

»Nun hast du doch nicht Wort gehalten und mich rechtzeitig geweckt! Mir ahnte schon so was, und ich wollte daher mit Gewalt munter bleiben. Aber schließlich sind mir doch die Augen zugefallen. – Warum tatst du das?«

»Fränzekind, ich meinte es ja nur gut!« Wilms hatte inzwischen die Handtasche abgesetzt und war zu ihr ans Bett gekommen. »Es ist ja so kalt und ungemütlich draußen. Was sollst du da noch mitten in der Nacht heraus?«

»Nein, nein – laß mich!« Und sie wollte die Bettdecke beiseite werfen. »In fünf Minuten bin ich fertig.«

Wilms drückte sie sanft, trotz ihres Sträubens, nieder. »Es wäre ja Unsinn! Sag' selber, was hätten wir auch davon, von einem Abschied da draußen auf dem Bahnsteig, vor all den fremden Menschen?«

Traurig ließ sie sich in die Kissen fallen, es klang ganz verzweifelt, wie sie sagte:

»Deine kühle Vernunft hat wohl auch hier wieder recht. Du weißt bloß nicht, wie es in mir aussieht!«

Es ergriff ihn plötzlich, und er neigte sich über die Liegende:

»Fränze, liebe kleine Fränze – was hast du denn nur?«

Da brach es in ihr durch. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und klammerte sich an ihn.

»Ach Gott, mir ist, als ob ich dich nie wiedersehe! Geh' doch nicht von mir, Ewald, wenn du mich wirklich lieb hast!«

Er fühlte durch die zarte Hülle ihres Nachtgewandes hindurch, wie ihr Herz erregt pochte und ein Zittern ihren ganzen Körper durchbebte. Wieder einmal kam es ihm zum Bewußtsein, daß sie doch sehr schutzbedürftig war, und zärtlich sagte er:

»Wie kannst du dich nur so quälen! Werde doch ruhig, mein Lieb. In ein paar Tagen bin ich zurück, und dann lachst du selber über deine Angst.«

Er streichelte sie zärtlich wie ein Kind, weiter auf sie einsprechend, und sie gewann schließlich ihre Fassung wieder. Ja, nun gab sie selber ihn frei und drängte:

»Geh, daß du den Zug nicht versäumst! Aber schreiben wirst du mir wenigstens täglich, nicht wahr? Wenn es auch nur ein paar Worte sind. Und ich tue es auch, ganz ausführlich, damit du weißt, was ich mit jeder Stunde meines Tages anfange. Ach, meine Gedanken werden ja so unausgesetzt bei dir sein!«

Sie nahmen Abschied, und dann wandte er sich zum Gehen. Von der Tür her winkte er ihr noch einmal zu:

»Leb wohl, mein Fränzekind – auf baldiges, frohes Wiedersehen!«

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, sie war allein. Regungslos lag sie und lauschte, bis seine Schritte draußen auf dem Gang verhallt waren. Ihr war es, als ob sie ihn noch einmal zurückrufen sollte. Es fiel ihr auf einmal ein, wie manchmal er vergebens auf ein liebes Wort von ihr gewartet hatte. Wie gern hätte sie das nun gutgemacht, ihm tausend Zärtlichkeiten ins Ohr geflüstert! Doch nun war es zu spät. Ein heißes Weh stieg in ihr auf, eine große, große Traurigkeit.

Aber dann riß sie sich empor. Sie griff nach der kleinen Photographie von ihm, die er ihr einmal geschenkt hatte, und die auf dem Nachttischchen neben ihrem Bett stand. Die nahm sie nun und betrachtete sie unverwandt, indem sie in Gedanken seinem Bilde all das sagte, was ihr im Herzen drängte.

Allmählich ward sie darüber ruhiger, und endlich fühlte sie, wie Müdigkeit sie überkam. Da stellte sie die Photographie wieder auf ihren Platz, drehte das Licht ab und sank in Schlummer.

* * *

Fränze hatte Wort gehalten. Jeder Tag hatte Wilms einen Brief gebracht, von dessen Adresse ihn schon von weitem ihre großen, etwas krausen Schriftzüge grüßten. Bei ihrem Anblick war es ihm jedesmal, als lachten ihm daraus ihr liebes Gesicht, ihre strahlenden Augen entgegen. Bald mit Rührung, bald mit Heiterkeit, genau so wie es in ihren Berichten durcheinander sprudelte von Ernst und Übermut, hatte er gelesen, was sie ihm schrieb, und diese wechselnden Empfindungen klangen noch einmal in ihm auf, als er jetzt in später Abendstunde in seinem Zimmer ihre Briefe noch einmal im Zusammenhang las.

»Ich gehe wie im Traum. Immer noch tönt mir eine geliebte Stimme im Ohr, die mir sagte: »Auf Wiedersehen!« Es ist so einsam, so namenlos traurig um mich herum. Und immer ist nur eins in mir, die eine, eine Frage: Wann kommst Du mir wieder? Wenn Du nur in mich hineinsehen könntest. Von Stunde zu Stunde fühle ich mehr, was mit Dir ging, was mir fehlt!

Wie war dieser erste Tag? Über den Morgen half ich mir weg mit Kramen und Ordnen in allen Schüben und Schränken, immer das schreckliche Gefühl von Verlassenheit in der Brust. So verging der Vormittag. Dann war es Essenszeit, aber ich ging nicht nach unten, konnte niemanden sehen. Nach Tisch legte ich mich auf die Veranda, wollte im Nietzscheband lesen, den Du mir geschenkt, faßte aber nichts, wußte nicht, was ich las. Da sprang ich auf, und holte mir Dein Bild vom Nachttisch – dies Bild, das Du für mich hast machen lassen, das Dich zeigt, wie ich Dich kenne, Dich lieb habe. Lieber, lieber Kerl, ich freute mich da so über die Maßen – Dein geliebter Mund, die klugen, guten Augen. Was lachst Du? Weil ich so niedliche Worte mache? Na ja, das hat man davon! Will's auch nicht wieder tun.

Aus meinen Träumen störte mich dann Cathérine. Die Supériorleute wären am Telephon – Lyncker und Morburg – sie wollten sich der kleinen »Strohwitwe« annehmen, sollte irgendwas mit ihnen anfangen und abends dann Betrieb im Supérior machen. Ich lehnte aber ab. Ich mag jetzt nicht mit all den andern sein, und gerade im Supérior. Das tut mir weh, wo wir so viel frohe Stunden verlebt haben.

Aber raus mußte ich an die Luft. So ging ich denn auf die Schatzalp, schaffte jedoch den Weg nicht ganz. Es war alles so grausam und stündlich wird es schlimmer. Keinen Menschen traf ich, so herrlich war die Natur, so feierlich still, aber was einem sonst Fröhlichkeit ins Herz goß, erfüllt es jetzt bloß mit Trauer. Hätte ich doch nur schon Deinen ersten Brief!

Abends aß ich wieder allein, saß dann auf meiner kleinen Bude. Ich hatte meine Ampel verhängt, saß fast im Dunkeln, in meinen Sessel gekuschelt, und träumte mich weit, weit weg – suchte Dich mit meinen Gedanken. Schade, daß solche lieben Gedanken, die man den ganzen Tag für ihn hat, den andern nicht erreichen können; Du mußt es nun fühlen, dieses unausgesetzte Andichdenken!

Dann hab' ich es wieder hell gemacht, mich an den Tisch gesetzt. Da schreibe ich diesen Brief. Und nun bin ich müde von aller Sehnsucht und Traurigkeit, will in mein Bett. Leb wohl, Du mein geliebter Mann, und behalte lieb

Dein Fränzekind.«

* * *

»Hurra, Dein erster Brief! Die Zeilen, die Du mir gleich gestern früh noch vom Zug aus geschrieben und in Zürich rasch in den Bahnpostkasten geworfen hast. Als sie ankamen, saß ich gerade wie ein Chinese mit gekreuzten Beinen vor meiner Kommode und wühlte in meiner Wäsche. Cathérine, das gute Frauenzimmer, grinste über das ganze Gesicht, als sie mir den Brief gab. Schon an der Tür rief sie: »Ein Briefli, vom Herrn Doktor!« Lieber, lieber Kerl, daß Du mir so schnell einen Gruß schicktest! Das übertraf ja alle meine Erwartungen. In meiner Herzensfreude hab' ich mich dann mit »Hexe«, dem Teckel, ausgetobt, der sich mit Cathérine auf mein Zimmer eingeschlichen hatte, bin mit ihm wie wild immer um den Tisch 'rumgerast, das Viech war schließlich so verrückt, daß es mir immer durch die Beine sauste und mich fast umschmiß. Und dann hab' ich mich rasch angehost und bin herumgewetzt, trotzdem draußen ein dolles Schneegestöber war. Ganz wild bin ich gegen den Wind gelaufen – ich mußte es, war ja zu glücklich! – und habe dabei eine solche Mordsfreude gehabt, immer gedacht: Ist das schön, so durch Sturm und Schnee zu rennen! Und gelacht hab' ich dazu! Und Du liefst neben mir her, hattest Deine helle Freude an mir, und ich hörte Dich sagen: »So ist's recht, Fränzekind! So werden Dir die paar Tage wie im Fluge vergehen.« Und da war's mit einem Male noch viel froher in mir. Ach, liebster Mann, es ist ja so schön, wie ich jetzt ganz in und mit Dir lebe – nur Dir gehöre in all meinem Denken und Sehnen. Macht's Dich glücklich, wenn ich Dir das sage?

Am Nachmittag war heute Tante Hetti bei mir – konnte ihr leider nicht entgehen, wär' lieber allein geblieben. Aber dann wurde es doch ganz fidel. Sie ist ja ein zu verdrehtes Frauenzimmer. Ihr neustes ist jetzt, daß sie nicht mehr zu den Ärzten läuft, sondern sich ein Heilbuch zugelegt hat, in dem alle Krankheiten der Welt haarklein beschrieben sind, und jede glaubt sie zu haben. Wir haben schließlich dabei Tränen gelacht vor Vergnügen. –

Was wirst Du nun sagen, Liebes, daß ich Dir solchen Unsinn schreibe? Aber ich habe Dir doch versprochen, Dir über alles Bericht zu geben, was ich anstelle, und ich will auch nicht den Anschein erwecken, als ob ich nichts täte, als nur in Trauer zerschmelzen. Und doch sitzt das so tief in mir und bricht oft genug durch. Auch heute wieder, als die Dämmerung kam und ich allein im Zimmer war; Tante Hetti war zum Essen nach unten gegangen. Da kam es wieder über mich, daß ich hätte heulen können. Nun warst Du schon angekommen, da unten in dem gräßlichen Berlin, und wieder untergetaucht in jene andere Welt: Geschäfte, die Angelegenheiten fremder Menschen, das Gewirr und Gehaste der Millionenstadt! Versunken das ferne Sonnenland droben in den Bergen, und wer weiß – damit wohl auch verblaßt das Bild des dummen kleinen Menschenkinds, das Dir hier etwas war, dem Du alles warst, das sich nun so nach Dir sehnt. Jetzt haben wieder andere ein Recht an Dich, ziehen Dich hinein in ihren Interessenkreis – was bleibt da noch für mich übrig? Wie oft magst Du den Tag an mich denken? Ich fürchte, Deine Geschäfte werden Dir nicht allzu viel Zeit dazu lassen. Wo magst Du sein in eben dieser Stunde? Wärst Du doch bei mir!

Es ist noch früh, aber ich lege mich jetzt. Besser schlafen, als solchen Gedanken nachhängen.

Gut' Nacht! Ich schicke Dir viel Liebes, viel Sehnsucht – mich schicke ich Dir.

Deine Fränze.«

* * *

»Du lieber Mann, ich kann heute nicht mal halbwegs vernünftig schreiben. Tante Hetti sitzt mir schon stundenlang auf der Bude, d. h. sie liegt auf meiner Chaiselongue und hält mir unter Stöhnen und Lachen lange Vorträge. Ich kann ihr als Zimmernachbar ja leider nicht entgehen. Sie weiß jetzt »ganz genau«, was ihr fehlt – eine »Wanderniere« hat sie! – Ist sich nur noch nicht ganz klar, wie sie diesem Untier beikommen soll, und will meine Meinung darüber hören. O Gott, ich dürfte nicht ihr Mann sein! Verhauen würde ich sie, ich glaube, da würde sie mit einem Male radikal geheilt.

Nun schrieb' ich Dir so'n Zeugs und dabei bin ich gerade heute weich wie Butter. Dein Brief ist schuld – der Brief! Ich wußte gar nicht, was ich anstellen sollte vor Freude. So viel Seligkeit war in mir über alles, was Du mir sagst. Also hast Du doch Zeit, an mich zu denken – so lieb zu denken!

Nur in einem bist Du mit mir nicht zufrieden; Du meinst, ich scheine mich doch nicht sonderlich nach Deinen Zärtlichkeiten zu sehnen! Du fragst, ob es nicht stille Stunden gäbe, wo ich träumte von unserer Zukunft, unserm Glück, wenn wir einander erst ganz gehören werden. Ich wünschte, Du hättest heute morgen an meinem Bett sitzen können – was hab' ich mir da nicht alles zusammenphantasiert aus meiner Sehnsucht heraus.

Eigentlich verdienst Du es gar nicht, daß ich Dir's sage, was ich mir in solchen Minuten alles ausmale. Will aber mal Gnade vor Recht gehen lassen. Also: Wenn so ein recht schöner Tag ist, dann hole ich meinen gestrengen Herrn und Gebieter schon am Nachmittag von seinem Büro ab, und dann ziehen wir Arm in Arm los, machen einen kleinen Stadtbummel und glossieren die Großstadttypen. Mitunter bleiben wir auch wohl an den Schaufenstern stehen, obwohl so was nicht übermäßig gern gesehen wird, »sintemalen der Augen Lust die böse Begierde erzeugt« – so steht's ja wohl geschrieben? Und dann kaufen wir uns was ein für den Abendschmaus, irgendein paar kleine Leckereien, so wie wir's hier schon manchmal in Davos gemacht haben. Was wird das dann für ein entzückendes, kleines Souper apart im eignen Heim! Unsere Minna oder Kathinka beurlauben wir natürlich gern an solchen Abenden.

Aber ich sehe bereits die hochgezogenen Augenbrauen – selbstverständlich geht's nicht jeden Tag so in dulce jubilo. Auch der Ernst des Lebens muß zu seinem Recht kommen. Mein gestrenger Herr wird in seinem Heim auch zu Arbeit kommen. Da vertieft er sich dann an seinem Schreibtisch in seine Akten, und ich schmökere in einem Buch, ganz hinten im Eckchen – mäuschenstill.

Und andere Abende gibt's. Da sitzt er im Clubsessel vor ihr, die sich auf der Chaiselongue hingestreckt hat, und liest ihr vor. Irgend etwas sehr Schönes und Tiefes, das in ihnen wiederklingt und sie ganz im Innersten vereint zur großen Harmonie ihrer Seelen. Und sie fühlen mit Ergriffenheit ihr namenloses Glück.

Und dann kommt auch wohl einmal ein Abend, wo ihr das Herz so voller weicher Liebe und Sehnsucht ist. Und sie weiß, da ist einer, den es selig macht, wenn sie ihm leise sagt: Du – Du – komm' zu mir!« Da ist er auch schon bei ihr, und sie kuschelt sich an ihn, lehnt ihren Kopf an seine Schulter und umfängt ihn ganz, ganz zart. Und dieser geliebte Eine? Er streichelt sie sanft und leise, aber plötzlich nimmt er ihren Kopf und küßt ihren Mund, so atemraubend, heiß, daß ihr ist, als solle sie vergehen, und nur eines noch weiß: Nimm mich – nimm mich! Da fühlt er's und trägt sie fort – der Seligkeit entgegen – – –

Schluß – verbrenn' diesen Brief! Und hab' lieb, sehr lieb

Dein Fränzekind.«

* * *

»Heut war's ein merkwürdiger Tag. Frohes, Trauriges, tiefster Ernst, dicht nebeneinander – so recht wie das ganze Leben.

Mit dem Frohsinn fing's an. Ein herrlicher Sonnensonntag. Als ich früh erwachte, lachte mir Frau Sonne so unverschämt ins Gesicht, daß ich sagte: »Was Sie können, meine Gnädige, das kann ich auch!« Also raus aus dem Bett mit hellem Singsang und dann mit Schwamm, Seife, Frottiertüchern schwer beladen 'rüber zur Schwemme, in die Badestube.

Wie ich die Tür aufmache, fällt mir was entgegen, ein Brief. Ein Blick, und ich werfe alles, was ich in den Händen habe, in die Gegend und sause mit diesem Brief glückstrahlend zurück in meinen geliebten Kahn. Von Dir! Wieder ein Brief von Dir!

Alle Menschen müssen es mir wohl ansehen, wie glücklich ich bin. Das heißt, sie freuen sich bloß immer über meine strahlende Miene, meinen ewigen Frohsinn und ahnen nicht, welchen tieferen Grund der hat. Da oben im trüben Norden sitzt ein ach! so schrecklich abgeklärter, weiser Mann und hält mich dummes kleines Frauenzimmer für wert, ihm tagtäglich eine Stunde seiner kostbaren Zeit am Schreibtisch zu widmen und sogar seiner Liebe zu versichern. Ich schäme mich mitunter geradezu, was die Menschen hier aus mir machen; Gott, es ist ja gar nicht wahr! Wenn sie wüßten, wie ich wirklich bin oder doch war, was alles ich erleben mußte! Nur Du, Du mein Liebstes, weißt alles und hast Dein schlechtes Fränzekind doch lieb.

Gerade heute empfand ich's wieder aus einem so traurigen Anlaß. Du besinnst Dich wohl noch auf die Frau Geheimrat von Görz, die vornehme, alte Dame, die ein paar Tage vor Deiner Abreise hier ins Haus kam. Mit ihrer Tochter, die oben im Sanatorium ist, sollte es nicht gut gehen. Nun ist das Erwartete eingetreten. Heute Nacht ist die Ärmste gestorben, ein junges Mädel von achtzehn Jahren. Trostlos, wie es die arme Mutter mitgenommen hat! Sie war einfach zusammengebrochen und ganz hilflos in ihrem Schmerz. Keiner war da, der sich ihrer annahm. Da bin ich zu ihr gegangen, habe stundenlang bei ihr gesessen und ihr alles abgenommen, all die Telegramme und Laufereien. Erst vor einer Stunde bin ich wieder heraufgekommen auf mein Zimmer, und wie ich mich von ihr verabschiedete, ihr noch einmal Trost zusprach, da nahm sie mich bei beiden Händen, sah mir ganz tief in die Augen und sagte: »Gott segne Sie und danke es Ihnen, mein liebes Kind! Sie sind so rührend gut.« Da wurde ich ganz schrecklich rot, und mir kamen die Tränen, bin einfach weggelaufen. Wenn die Menschen so gut zu mir sind, mir so viel Liebes sagen, dann möchte ich vor Scham in die Erde versinken über all das Einst. Und ich wünschte mir brennend, ich wäre wirklich, wie sie es von mir denken. Möchte es ja so gerne werden!

Leb nun wohl, Du lieber Mann. Ich bin todmüde von dem Tag heute, lege mich jetzt ins Bett, lese vorher aber noch mal, als Wiegenlied, Deine geliebten Worte.

Morgen – übermorgen – noch ein Tag allerlängstens, und Du bist wieder bei mir. O, wie werde ich Dir entgegenfliegen!

Gut' Nacht!
Dein Fränzekind.«

Ein tiefes Glücksgefühl überkam Wilms, wie er diese Briefe noch einmal überlas. Nie war Fränze ihm so nahe gewesen. All das Gute in ihr drängte sich dem Lichte, drängte sich ihm entgegen. Hätte er sie nur da – jetzt in dieser Stunde – wie hätte er es ihr danken, ihr sagen wollen, daß er nun mit felsenfestem Vertrauen ihrer gemeinsamen Zukunft entgegensah, daß er sichersten Baugrund unter seinen Füßen fühlte! Und doppelt schmerzlich war es ihm, daß er seiner Sehnsucht nicht folgen, nicht mit dem nächsten Zuge zu ihr zurückeilen konnte, daß ihn vielmehr unerwartete Ereignisse noch zu einem längeren Fernbleiben zwangen, als er gerechnet hatte.

Die Schritte, die er im Interesse seiner Klientin unternommen, hatten den erhofften Erfolg nicht gehabt. Der Ehemann war einer Unterredung mit Wilms vielfach ausgewichen, und als dieser ihn dann seinerseits aufgesucht, hatte er leider feststellen müssen, daß der Gesuchte inzwischen abgereist war mit unbekanntem Aufenthalt, und es war so gut wie sicher, daß er das Kind mit sich genommen hatte.

Die Mutter war hierüber ganz verzweifelt und, so schwer es Wilms im Hinblick auf Fränze wurde, es blieb ihm nichts weiter übrig, als ihrem Drängen folgend, mit ihr gemeinsam die Spur des verschwundenen Kindes zu verfolgen. Gewisse Anzeichen deuteten darauf hin, daß der Vater es zu einem Freunde gebracht haben könnte, der in einsamer Gegend des Hunsrücks ein Jagdhaus besaß. Dorthin sollte also zunächst die Reise gehen.

Dies alles teilte Wilms in einem Briefe Fränze mit, bat sie herzlich, noch ein Weilchen Geduld zu haben, und gab ihr die Adresse auf, unter der ihn in den nächsten Tagen ihre Briefe erreichen würden. Zugleich sprach er auch seine Freude aus, daß Fränzes Besorgnisse wegen Ruaz sich – wie er es ja auch nicht anders vorausgesehen – als unbegründet erwiesen hätten. Nun würden auch diese letzten paar Tage noch gut vorübergehen, und dann käme das Glück ihres Wiedersehens! – Er brachte dies Schreiben noch am selben Abend zur Post, morgen in der Frühe wollte er ja schon mit seiner Klientin zur Bahn fahren.

Fränze war sehr unglücklich, als sie diese Hiobspost erhielt. Sie hatte ja nur noch nach Stunden der Trennung gerechnet, und nun das! Ewald gab ja nicht einmal einen bestimmten Zeitpunkt an, zu dem sie mit seiner Wiederkehr rechnen durfte. Und leise erhob der Groll bei ihr das Haupt.

War es wirklich nötig, daß er so weit ging in seiner Sorge für eine fremde Frau und sie darunter leiden ließ? Nun hätte doch sicherlich ein Detektiv seine Rolle übernehmen können. Er brauchte wahrhaftig nicht auch noch den Seelenbeistand bei der Fremden zu spielen. Was in Fränzes Seele vorging, das bekümmerte ihn nicht groß. Sie hatte sich einfach mit der Sachlage abzufinden und damit basta! Zu dem Groll gesellte sich da noch der Trotz. Wie töricht war es von ihr, sich einzukapseln und ganz nur dem Gedanken an ihn zu leben, der seinerseits so wenig nach ihr fragte! Ihr Einsiedlerleben sollte nun aber auch ein Ende haben.

An diesem Tage ging Fränze zum ersten Male wieder aus, zu den Freunden ins Supériorhotel.

Sie fand dort aber nicht die erwartete Aufheiterung. Elga war sehr ernst gestimmt, wie schon immer in der letzten Zeit, und von einer großen Verschlossenheit. Fränze fühlte wohl heraus, daß die Ursache ihres veränderten Wesens in einer schweren Trübung ihrer Beziehungen zu Heinz Bracke zu suchen sei, mochte natürlich aber nicht fragen. So verließ sie Elga denn schon nach einem kurzen Besuch und ging zu Ria hinüber, aber auch dieser war nichts weniger als froh zu Mute.

Nach langem Warten hatte Ria endlich von ihrer Mutter gehört, gerade eben einen Brief erhalten, aber die Nachricht war recht unerfreulich. Die Gräfin von Treysa war todunglücklich über die beabsichtigte Heirat der Tochter, noch mehr aber über ihren Plan, sich als Tanzlehrerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Familienrat war deswegen zusammengetreten, und die Mutter teilte ihr nun seinen Beschluß mit. Die Familie mißbilligte Rias Absichten nach beiden Richtungen und warnte sie dringlichst vor ihrer Verwirklichung. Sollte es dennoch geschehen, würde man sich genötigt sehen, die Beziehungen zu ihr abzubrechen. Die Folgen im Hinblick auf den Ausschluß von späteren Erbansprüchen möge sie sich selber vergegenwärtigen. Damit nicht genug, erhob die Mutter – ohne Zweifel unter dem Druck der Familie – auch Einwände gegen den beabsichtigten Verkauf von Rias Mobiliar, indem ihr das Verfügungsrecht bestritten wurde. War sich Ria über ihr gutes Recht und einen endgültigen Ausgang der Sache zu ihren Gunsten auch nicht im Unklaren, so hätte ein vielleicht langwieriger Prozeß, während dessen sie über ihr Eigentum nicht verfügen konnte, ihr doch die Ausführung ihrer Pläne auf Jahre hinaus vereitelt, und dies war offenbar auch die Absicht der Familie. Es blieb Ria also weiter nichts übrig, als nach Haus zu fahren und durch persönliche Einwirkung auf die Mutter, nötigenfalls unter Hilfe eines Rechtsbeistandes, den Verkauf ihres Mobiliars, auf dessen Erträgnisse sie angewiesen war, zu bewerkstelligen. Ria war noch dabei, die Möglichkeiten zu erwägen, die bei dieser Auseinandersetzung mit der Mutter eintreten konnten, als es dringlich an die Tür pochte und Morburg eintrat. Hastig nur begrüßte er die Damen, sein Wesen verriet eine starke Bedrücktheit.

»Ich bin in schwerster Sorge um meinen Freund. Es geht ihm schon seit langem nicht mehr gut, soweit man bei ihm davon überhaupt reden kann. Sie wissen ja, daß er spritzt und zwar in letzter Zeit in einem Maße, daß ich es nicht länger mehr mit ansehen konnte. Ich habe ihm daher vor ein paar Tagen kurzerhand seinen ganzen Morphiumvorrat einfach weggenommen und verbrannt. Das war aber leider verkehrt. Es traten nun bei ihm alsbald quälende Ausfallserscheinungen auf, die mich nachgerade ängstigen und nicht mehr zu ertragen sind. Seit heute früh zeigen sich sogar Sehstörungen – er sieht alle Dinge auf dem Kopf stehen – so daß er völlig verzweifelt ist, und vorhin ertappte ich ihn dabei, wie er nach seinem Revolver suchte.«

»Um Gotteswillen!«

»Ja, ich bin auch ganz außer mir, trage ich doch an all dem die Schuld, wenn ich's auch nur gut gemeint habe. Es hilft also alles nichts, ich muß ihm schleunigst wieder Morphium besorgen – so mit einem Male darf man ihm das Gift nicht entziehen.«

»Aber wie wollen Sie denn das bekommen?«

»O, es gibt schon Möglichkeiten, und ich kenne sie. Aber ich wage es nicht, ihn so lange allein zu lassen, und darum eben komme ich. Ich dachte, daß vielleicht eine der Damen –«

»Selbstverständlich, man darf den armen Kerl nicht ohne Aufsicht lassen. Ich werde zu ihm gehen«, rief Fränze. »Also laufen Sie, Morburg, besorgen Sie nur rasch das verdammte Zeug. Aber nachher muß unbedingt etwas geschehen. Am besten wär's, man schaffte Lyncker in ein Sanatorium zur Entziehungskur.«

»Das hatte ich ihm ja schon längst vorgeschlagen, nur er wollte nichts davon wissen.«

»Ich werde alles versuchen, daß ich ihn dazu bewege. Eilen Sie jetzt nur, daß er bald von seinen Qualen befreit wird!« drängte Fränze und machte sich schon auf den Weg zu Lynckers Zimmer.

Sie fand ihn im verdunkelten Raum, in einer völlig verzweifelten Stimmung und setzte sich zu ihm auf die Chaiselongue. Anfangs wollte er von ihrer Zusprache nichts wissen, sondern klagte nur den Freund an, der ihn mitleidslos in diese Lage gebracht und ihm nun auch das letzte Mittel, sich von allem Elend selber zu befreien, noch genommen habe. Es sei ihm ja doch nicht mehr zu helfen. Und er beschwor Fränze mit ihrem guten Herzen, ihn doch nicht im Stich zu lassen, sondern ihm zu diesem letzten Ausweg zu verhelfen.

Es waren schreckliche Stunden, die Fränze mit dem Unglücklichen verbringen mußte. Morburg kam und kam nicht; offenbar hatte er doch unerwartete Schwierigkeiten mit der Beschaffung des Morphiums. Aber sie verlor den Kopf nicht. Sie wußte, das Lyncker daheim noch eine ältere Schwester hatte, die sehr an ihm hing. Darauf setzte sie nun all ihre Hoffnungen. Seine Hand haltend redete sie ihm zu, wie einem kranken Kinde. Sie rüttelte seine Liebe zu dem einsamen, alten Mädchen wach, der er doch dieses Furchtbare nicht antun dürfe, schilderte ergreifend, wie die Ärmste zusammenbrechen würde, wenn es geschähe, und erreichte es schließlich, daß er weich wurde und haltlos in Tränen ausbrach. Da ließ sie nicht mehr locker und endlich hatte sie ihn soweit, daß er ihr in die Hand gelobte, sich einer Entziehungskur unterwerfen zu wollen.

Nun malte sie ihm hoffnungsvoll aus, wie er allmählich frei von seiner unseligen Neigung werden und damit das Leben ganz anders ansehen würde. Lyncker war still und ergeben geworden. In einem Stimmungsumschlag, wie er in seinem Leiden begründet war, glaubte er jetzt selber daran und war voll Dankbarkeit gegen Fränze, die sich solche Mühe mit ihm gab. Schon um sie nicht zu enttäuschen, um sich vor ihr nicht als ein Schwächling zu zeigen, versprach er nochmals ganz ernstlich, ihrem Rat zu folgen und alles zu tun, um von seiner verderblichen Gewohnheit loszukommen.

Endlich erschien dann auch Morburg mit dem erlösenden Mittel, das er persönlich in angemessenen Dosen dem Leidenden verabfolgen wollte. Schon nach der ersten Spritze zeigte sich bei Lyncker eine Erleichterung, und zu Dritt berieten sie nun die Ausführung des Planes. Sie vereinbarten, daß Morburg sich noch heute mit einer geeigneten Anstalt in Süddeutschland brieflich in Verbindung setzen sollte, und, sobald eine zustimmende Antwort einträfe, würden die Freunde dorthin abreisen.

Tief aufatmend verließ Fränze die beiden erst zu vorgerückter Abendstunde, um nach Villa Montana zurückzukehren; sie merkte nun erst, wie sehr sie diese Aufregungen mitgenommen hatten. Aber es hatte doch auch ein Gutes gehabt. So war sie von ihrem eignen Kummer abgelenkt worden, ihr Groll gegen Ewald Wilms war inzwischen verflogen, und sie dachte ruhiger über das, was er ihr geschrieben hatte. Wie schmerzlich für sie auch sein längeres Fortbleiben war, sie mußte es sich eingestehen, er konnte in der Tat wohl nicht anders. Trotz der späten Stunde schrieb sie ihm da noch ein paar Zeilen:

»Ich saß heute morgen und nähte gerade an einem Kissen für Deinen Sessel, wollte Dich damit überraschen bei Deiner Rückkehr, mit der ich ja spätestens morgen bestimmt rechnete, da kam Dein Brief! Ich will's Dir nur gestehen, ich war Dir zuerst recht böse – na, nun ist's ja wieder überstanden. Aber traurig bin ich doch sehr. Wann wirst Du nun kommen? Fühle mich schrecklich einsam und habe so ein Empfinden, als ob alles nicht mehr ist wie früher. Auch jetzt wieder, wo ich auf meinem stillen Stübchen sitze. Es ist, als ob hier alles Leben entflohen wäre – so traurig stumm. Wenn ich denke, wie es noch vor wenigen Tagen war! Und es will mir diese Zeit der Glückseligkeit wie ein Traum erscheinen. Ach Du – wenn es nur ein Traum gewesen sein sollte! Der Gedanke läßt mich bis ins Herz erschrecken. Könnte ich mich doch in Deine Arme flüchten.

Dein banges Fränzekind.«

Am andern Vormittag sprach Fränze im Supérior vor und sah nach Lyncker. Sie traf ihn in leidlicher Verfassung an und benutzte seine Stimmung, um sich sein gestriges Versprechen noch einmal bestätigen zu lassen. Zu ihrer Beruhigung hörte sie auch, daß Morburg wie verabredet, bereits an das Sanatorium geschrieben habe.

Beim Verlassen des Hotels traf Fränze Axel Nibüll und ging mit ihm ein Stück des Wegs. Der bevorstehende Abschied von Ria, die übermorgen reisen mußte, lag ihm schon auf der Seele. Er hatte sich so ganz in sie hineingelebt, daß der Gedanke, sie auch nur auf Wochen missen zu sollen, ihn tief bedrückte. Fränze bemühte sich, ihm seine melancholische Stimmung auszureden, obwohl ihr selber nicht viel anders zu Mute war. Als sie sich dann von ihm trennen wollte, hielt Nibüll sie noch einmal an:

»Da hätte ich über allem fast etwas vergessen, was Sie doch interessieren wird. Denken Sie sich, wem ich vorhin auf der Straße begegnet bin?«

»Doch nicht –« sich vor Freude verfärbend, wollte Fränze Ewalds Namen nennen, aber gleich wieder sagte sie sich: Das ist ja doch undenkbar? Und schon erklärte Nibüll denn auch, kopfschüttelnd:

»Ich weiß, an wen Sie denken. Der war's aber leider nicht. Doch ein früherer guter Bekannter – Pedro Ruaz.«

»Wie – Ruaz ist wieder hier?« Starr sah sie ihn an. »Sollten Sie sich da nicht getäuscht haben?«

»Ausgeschlossen, er grüßte mich ja.«

Fränze wurde blaß. Vor Schrecken war ihr ganz benommen zu Mut. Dann verabschiedete sie sich, bemüht, ihre Erregtheit zu verbergen.

»Nun, es kann ja schließlich sein, daß er auf der Durchreise beim Saisonwechsel seine alten Freunde im Alberti noch einmal aufsucht. Also, auf Wiedersehen, Axel! Grüßen Sie Ria herzlich.« Und schnell schritt sie weiter.

Die Angst trieb sie heim, wobei sie geflissentlich die Hauptstraße vermied, obschon sie nun wieder die Vorstellung quälte: wenn Ruaz ihr hier auf diesem einsamen Wege begegnete! Doch sie kam unangefochten nach Haus. Sofort warf sie ein paar Zeilen an Ewald aufs Papier, die ihre ganze Erregung widerspiegelten: Nun sei das Befürchtete doch eingetreten, Ruaz wieder hier! Kein Zweifel, daß er etwas gegen sie im Schilde führe. Sie habe keine ruhige Minute mehr, wage es nicht mehr, aus dem Haus zu gehen. Ewald müsse nun kommen – sofort – das sei er ihr schuldig!

Durch das Zimmermädchen ließ sie das Schreiben als Expreßbrief zur Post bringen. Wie angekündigt, hielt sie sich den ganzen Tag im Haus und gab dort strenge Anweisung, daß sie für niemanden als ihre engsten Bekannten zu sprechen sei. Aber selbst diese Vorsichtsmaßregel gab ihr die Ruhe noch nicht zurück. Alle Augenblicke trieb es sie ans Fenster, wo sie hinter der Gardine hervorspähte, ob der Gefürchtete nicht etwa vorm Haus stehe. Selbst die Gesellschaft Frau Hettis, zu der sie sich dann flüchtete, vermochte sie von ihrer Angst nicht zu befreien. So verging der Tag und auch die Nacht voll quälender Unruhe.

Wenig erquickt erwachte Fränze am Morgen. Sehnsüchtig wartete sie auf die Post. Aber sie brachte ihr nichts, keine Zeile von Ewald. Ihre Niedergeschlagenheit, das Gefühl von Verlassenheit ward da noch größer. Das Unglück wollte es, daß auch Frau Hetti heute vormittag abwesend war. Unstet trieb es sie im Zimmer umher. Sie fand die Sammlung nicht, ein Buch oder eine Arbeit vorzunehmen. Immer wieder zwang es sie zum Fenster hin, wie mit einer dunklen Gewalt, und als sie wieder einmal so hinter dem Store hervor zur Straße hinabsah, da setzte ihr das Herz aus vor tödlichem Erschrecken: Dort unten ging er!

Langsam schritt Ruaz auf dem gegenüberliegenden Fußsteig dahin, wie einer, der hier auf jemanden wartete. Und nun richtete er auch seine Augen herauf, gerade auf Fränzes Fenster. Er mußte also wissen, welches Zimmer sie hatte. Ihr war es, als fühle sie den stechenden, spähenden Blick körperlich. Sie wollte vom Fenster weg, nach hinten in die äußerste Ecke des Raumes, aber es bannte sie eine unwiderstehliche Gewalt an den Platz, wo sie war. So stand sie, am ganzen Leibe zitternd, regungslos, die Augen in starrem Entsetzen auf ihn drunten geheftet, bis er schließlich den Blick vom Fenster abwandte und langsam weiterschritt.

Da erst vermochte sie sich zu rühren. Mit zitternden Knien ging sie zum Schreibtisch. Aber die Hand flog ihr so, daß sie nur mühselig die Buchstaben aufs Papier kritzelte. Ein Telegramm, eine dringende Depesche an Ewald – ein Notschrei, der ihn noch einmal beschwor, ohne Verzug zu ihr zu eilen, wenn er sie nicht verlieren wolle.

Sie klingelte nach Cathérine und bat das treue Mädchen, sofort mit der Depesche hinunter zum Postamt zu laufen. Und wieder begann das ruhelose Umherirren im Zimmer. An das Fenster wagte sie sich nicht mehr, aber sie fühlte es: Er war noch immer vorm Haus!

Und es ward ihr bestätigt, als Frau Hetti wiederkam. Ruaz hatte sie sogar angesprochen, mit glatter Höflichkeit nach ihrem und Fränzes Befinden gefragt und nebenbei hingeworfen, er sei wieder auf ein paar Tage hier zu Besuch bei seinen Freunden – einen von ihnen erwarte er hier auf dem Rückweg von der Schatzalp. Dann hatte er sich noch erkundigt, ob die Damen heute ausgehen würden, ob man sich nicht nachmittags ein Stündchen zum Tee treffen könnte.

Auch Frau Hetti, die Ruaz' versteckte Leidenschaftlichkeit kannte, hatte den Eindruck, daß hinter seinen anscheinend harmlos gemachten Bemerkungen etwas lauerte. Sie begriff daher vollkommen Fränzes heftige Erregung und ratschlagte mit ihr, wie sie sich am besten vor dem Vorhaben des gefährlichen Menschen retten könne. Endlich kamen sie auf den Gedanken, daß Fränze bis zur Rückkehr von Wilms ins Supériorhotel übersiedeln sollte. Dort, unter dem Schutz der Freunde – auch Bracke war ja gestern abend, wie Frau Hetti zu melden wußte, wieder dort eingetroffen – würde sie in Sicherheit sein.

Schnell wurde der Gedanke ausgeführt. Fränze warf ihre notwendigsten Sachen in einen Handkoffer, Cathérine bestellte einen Schlitten, und in Begleitung Frau Hettis verließ Fränze das Haus, nachdem ihr Cathérine fest versprochen hatte, sobald ein Telegramm für sie eintreffen sollte, es ihr schleunigst ins Supérior zu schicken. Als die beiden Frauen vors Haus traten und gespannt Ausschau hielten, war von Ruaz nichts mehr zu sehen; es waren inzwischen freilich ja auch mehrere Stunden vergangen. Auf einer Nebenstraße, der Weisung Fränzes folgend, brachte der Schlitten sie dann ins Hotel, ohne daß sie von dem Brasilianer noch einmal etwas wahrgenommen hätten.

 

*

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.