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Nomaden

Paul Grabein: Nomaden - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleNomaden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160107
projectid9541ab00
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Wilms war am andern Morgen noch im Pyjama, beim Anziehen, als es nebenan in seinem Salon klopfte und Bracke eintrat.

»Ich bitte vielmals um Verzeihung, daß ich Sie so ungebührlich früh überfalle, aber ich habe eine ernste Veranlassung.«

»Das klingt ja ganz feierlich«, scherzte Wilms, doch dann lud er den Besucher ein: »Setzen Sie sich doch, lieber Bracke! Nur einen Augenblick – Sie sehen, ich bin gerade beim Rasieren, gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung.«

Ein paar Minuten später erschien Wilms wieder, bot dem Gast eine Zigarette an und setzte sich zu ihm.

»Nun lassen Sie hören. Was hat's gegeben?«

Bracke hatte sich schon jedes Wort zurechtgelegt, es durfte ja auch nicht der leiseste Schatten auf Frau Elgas Ruf fallen, und so berichtete er denn ganz knapp und zurückhaltend.

»Ich wurde, wie ich gestern an der Bar stand, Zeuge einer Bemerkung, die einer Dame unseres Bekanntenkreises zu nahe trat. Als ich den Betreffenden zur Rede stellte, wurde er obendrein noch unverschämt gegen mich. Ich habe also doppelten Grund, mir von ihm Genugtuung zu holen, und bitte Sie, die nötigen Formalitäten zu erledigen. Hier die Adresse des betreffenden Herrn.«

Wilms nickte ernst und betrachtete die Karte mit der Aufschrift, während Bracke vollendete:

»Alles weitere lege ich ganz in Ihre Hand. Sie werden ja als älterer Kamerad am besten wissen, was hier zu geschehen hat.«

»Es handelt sich um eine ernsthafte Beleidigung?«

»Um die denkbar schwerste.«

Ein Schweigen trat ein. Dann sah Wilms zu dem anderen hin.

»Selbstverständlich stehe ich Ihnen ganz zu Diensten, lieber Bracke, aber unter einer Bedingung – daß ich nämlich zunächst versuche, die bedauerliche Sache gütlich beizulegen.«

»Nichts davon! Der Lump soll seine wohlverdiente Züchtigung haben.«

»Es könnte aber auch anders kommen, und das könnte ich nicht verantworten, wenn ich nicht wenigstens alles versucht hätte, um dies Äußerste zu vermeiden.«

»Mit einer lendenlahmen Entschuldigung ist mir nicht gedient – und der Ehre jener Dame!«

»Gerade an die sollten Sie denken, Bracke.« Und Wilms Blick senkte sich tief in den des jüngeren Mannes. »Wollen Sie ihr, ohne Not, vielleicht tiefstes Leid zufügen?«

Nur ein kurzes Achselzucken kam als Antwort, da legte Wilms freundschaftlich seine Hand auf Brackes Rechte:

»Sie können sich wirklich meinem Urteil in Ehrensachen anvertrauen, Bracke. Ich werde Ihnen nie zumuten, sich mit einer unzulänglichen Genugtuung zufrieden zu geben. Entweder bringe ich Ihnen also eine vollwertige Entschuldigung und Zurücknahme der Beleidigung, oder ich richte Ihre Forderung aus. Einverstanden?«

Er hielt Bracke die Rechte hin. Dieser zögerte noch, da erklärte Wilms fest:

»Wenn Sie mir diese Konzession nicht machen, muß ich Ihren Auftrag ablehnen.«

Das entschied.

»Gut, ich füge mich«, und Bracke schlug ein.

Sie verabredeten dann noch das weitere. Um die etwa notwendig werdenden Anordnungen unauffällig zu treffen, sollte auch Bracke bald das Hotel verlassen und sich den Vormittag über im Lesesaal des Kurhauses aufhalten. Dort wollte ihn Wilms aufsuchen, sobald die entscheidende Unterredung mit dem Gegner stattgefunden hatte. Bald darauf verließen beide gemeinschaftlich das Hotel. – – –

Frau Elga hatte eine schlaflose Nacht gehabt. Eine quälende Unruhe war in ihr gewesen, schon wie sie sich von ihrer Gesellschaft getrennt hatte und ihr Zimmer betrat. Immerfort beschäftigte sie noch der Zwischenfall in der Belvedere-Bar. Wohl hatte Brackes Erklärung im Augenblick ihre Besorgnisse etwas beschwichtigt; aber wie sie so im Dunkel der Nacht ruhelos lag, kamen ihr alsbald wieder Zweifel. Es war wohl doch nur die halbe Wahrheit, die er ihr gesagt hatte. Den schwerer wiegenden Teil hatte er ihr offenbar verschwiegen – der Konflikt mit dem Fremden war nicht beigelegt. Und es hatte sich wohl auch um etwas anderes gehandelt als um eine politische Differenz – ein dunkles Ahnen sagte es ihr. Wie sie so grübelnd lag, schoß ihr plötzlich ein Erinnern auf. Nun wußte sie, wo sie jenes Gesicht am Tisch der Fremden schon einmal gesehen hatte: im vorigen Jahr in St. Moritz, in jener Silvesternacht, an die sie noch heute mit einem Gefühl des Ekels dachte!

Kein Zweifel, so war es. Und nun war es ihr auch mit einem Schlage klar, der Konflikt Brackes mit dem Fremden drehte sich darum – galt ihrer Person! Noch ahnte sie zwar nicht die letzten Zusammenhänge, aber es konnte gar nicht anders sein. So erklärte sich auch Brackes Zurückhaltung, sein Ausweichen. Sein Zartgefühl verbot ihm jede Andeutung dieser für sie so peinlichen Dinge. Doch auch noch etwas anderes legte ihm Schweigen auf – die Diskretion, die jeder Ehrenhandel erforderte. Und um einen solchen ging es hier –, vielleicht um ein Duell schwerster Art!

Kein Schlummer war da in Elga Tenbrinks Augen gekommen. Fieberhaft jagten sich ihre Gedanken und Entschlüsse. Das eine stand fest für sie: Es durfte nicht zu diesem Duell kommen! Aber wie es vermeiden? Qualvoll war dies Erwägen, dem sich immer wieder die Zweifel entgegenstellten, ob der von ihr geplante Schritt denn auch zum Erfolg führen würde. Aber wie hundertfach sie es auch durchdachte und nach anderen Möglichkeiten suchte, es blieb doch nur das eine: Sie mußte sofort am andern Morgen mit Heinz Bracke sprechen, mit ihm zuerst, und notfalls – wie schwer ihr auch der Schritt war! – dann auch noch mit dem anderen.

Endlich war der Tag herangekommen. Mit fliegenden Händen hatte Frau Elga ihren Anzug beendet, auf dem Zimmer ein flüchtiges Frühstück genommen, bei dem sie kaum etwas berührt hatte, und nun schickte sie das Stubenmädchen hinauf zu Bracke und ließ ihn bitten, doch ohne Verzug zu ihr zu kommen. Wie groß war aber ihr Schreck, als ihr die Botschaft ward, Bracke sei schon ausgegangen, in Gesellschaft von Wilms. Schon fort – beide, trotz der frühen Stunde? Hätte es noch einer letzten Bestätigung für ihre Vermutung bedurft, diese Nachricht erbrachte sie ihr. Elga war verzweifelt. Was sollte sie nun tun?

Es litt sie nicht länger zu Haus. Eine letzte Hoffnung trieb sie hinauf zur Villa Montana; vielleicht, daß sie Wilms dort traf, oder daß ihr Fränze Dietmar Auskunft geben konnte, wo er jetzt sein mochte und mit ihm Heinz Bracke. Endlich war sie droben. Sie fand Fränze noch im Bett, aber auch diese war ohne jede Ahnung von den Dingen. Elgas Erregung und Zerquältheit konnten Fränze nicht verborgen bleiben, und unter dem Druck ihres Innern vertraute sie sich der Gefährtin rückhaltlos an. In ihrer lieben, teilnehmenden Art war Fränze ganz ergriffen von dem, was sie da hören mußte, und sofort bereit, Elga Beistand zu leisten. Schnell fuhr sie in ihre Kleider, und zusammen machten sie sich auf den Weg zum Verkehrsbüro. Aus den Fremdenlisten suchten die Frauen den Aufenthalt des tschechischen Ingenieurs zu ermitteln, aber es blieb vergeblich trotz stundenlangem Bemühen. Der Name war Elga nicht mehr klar in Erinnerung. Vielleicht war er aber hier auch nur auf der Durchreise und daher noch gar nicht in den Listen enthalten.

So mußten sie denn endlich ihre Versuche einstellen. Tief niedergeschlagen, verließen sie das Büro und gingen gemeinsam zum Supérior-Hotel; Fränze wollte Elga in ihrer Seelenverfassung unter keinen Umständen allein lassen. Es war schon um die Lunchzeit, als sie im Supérior ankamen. Das erste war natürlich eine Frage beim Portier nach Wilms und Bracke, und da ward ihnen die Auskunft, die Herren seien vor etwa einer halben Stunde zurückgekommen und auf ihren Zimmern.

Fränze ließ einen hellen Laut der Erlösung hören; auf Elga aber lastete der Druck weiter. Inzwischen konnten die entscheidenden Schritte ja schon getan sein, die zum Unheil führen mußten! Mit schwerem Herzen ging sie auf ihr Zimmer und sandte sofort das Mädchen zu Bracke. Ein kurzes Harren diesmal nur, dann trat er ein. Mit Schrecken gewahrte er ihr Aussehen und kam schnell auf sie zu.

»Was ist Ihnen, Frau Elga? Sie sehen ja ganz elend aus!«

»Wo waren Sie diesen Vormittag? Was haben Sie vor?«

Statt jeder Antwort empfingen ihn ihre Fragen, aus denen die Angst sprach, und nun der Vorwurf: »Warum sagten Sie mir gestern abend nicht die Wahrheit?«

Betroffen blickte er sie an. Ahnte sie denn wirklich –? Doch schon hatte sie seine Rechte mit ihren beiden Händen ergriffen und bat flehentlich:

»Es darf nicht sein! Sie dürfen Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen – um mich!«

»Frau Elga, wie kommen Sie auf diese Gedanken?«

»Ich weiß alles! Sie können sich jede weitere Verstellung ersparen, und Sie sind mir die Wahrheit schuldig.«

Er fühlte, wie eiskalt ihre Finger waren, wie sie bebten, da hob er ihre Hände zu seinen Lippen und versicherte:

»Ihre Sorge ist grundlos – mein Wort darauf!«

»Sie werden sich also nicht schlagen! Ist das wirklich die Wahrheit?«

»Ganz gewiß. Der Verleumder hat schriftlich alles zurückgenommen und um Entschuldigung gebeten. – Aber kommen Sie, Sie müssen nun wieder ruhig werden.«

Heinz Bracke legte den Arm um sie und führte sie zur Chaiselongue. Er setzte sich neben sie und strich ihr zärtlich über die Hand. Dann fragte er leise: »Haben Sie sich so um mich gesorgt?«

Sie erwiderte nur mit einem matten Nicken. Da warf er seinen Kopf über ihre Hände, die ihr im Schoße ruhten, und bedeckte sie mit heißen Küssen. Sie ließ ihn gewähren, doch nun machte sie ihre Rechte frei und strich ihm leise übers Haar, eine fast mütterliche Liebkosung. Er erschauerte unter der Berührung und preßte sein Antlitz tiefer in ihren Schoß.

»Liebe – angebetete Frau!«

Ihre Finger legten sich kühl und weich um seine wild pulsenden Schläfe und sänftigten sein aufbrandendes Blut. Ganz wunschlos glücklich ward ihm da zu Mute. So verharrten sie beide eine Weile, dann hob sie ihm den Kopf empor und sah ihm in die Augen:

»Sag' mir nun alles!«

Heinz Bracke richtete sich auf, entschlossene Abwehr in den Zügen. »Nein, Elga, nichts davon! Der Schmutz soll auch nicht den Saum deines Gewandes berühren.«

Ein kurzes Schweigen, währenddessen Elga den Blick vor sich hin geheftet hielt, dann sagte sie entschlossen:

»Man hat dir Häßliches von mir erzählt – sehr Häßliches – ich weiß es. Aber du hast es nicht geglaubt?«

»Elga!!«

Still neigte sie sich zu ihm, und ihre Lippen berührten seine Stirn, leicht und zart wie Rosenblätter.

Er hätte aufjauchzen mögen vor Glück, seine Arme wollten sie stürmisch umfangen, doch sie entzog sich ihm mit ruhiger Bestimmtheit:

»Hör' erst alles.« Und sie erzählte ihm von jenem Begebnis in St. Moritz:

Sie war da – erst wenige Tage vorher angekommen – im Hotel in einen Kreis geraten, der sich schon ein paar Wochen ganz zusammengelebt hatte. Man war immer sehr ausgelassen, und am Silvester plante man etwas ganz Besonderes. Man hatte sich ein paar zusammenliegende Räume reserviert und beschlossen, ein Kostümfest zu veranstalten. Die Sache fing ganz nett und lustig an: die Stimmung stieg unter reichlichem Sektgenuß zwar bald bis zum Gipfel, aber es blieb doch alles noch in den Grenzen des Möglichen. Bis dann um Mitternacht ein paar Herren ihren heimlich verabredeten »Scherz« ausführten: Mit einem Schlage wurde es stockdunkel in allen Räumen, und nur zu bald mußte Elga merken, wie die Lage von einigen Unbedenklichen gemißbraucht wurde. Lachen, Protest, Kreischen, Rufe nach Licht – aber leider auch Anzeichen, daß selbst von den Damen einzelne die Sache ganz amüsant fanden.

Elga war außer sich gewesen vor Empörung, vergebens suchte sie, sich nach dem Ausgang hinzutasten, unterwegs im Gedränge streckten sich freche Hände nach ihr aus. Da hatte sie, halb verzweifelt, in den Saal gerufen: »Ist denn kein einziger Ehrenmann in der ganzen Gesellschaft? Ich appelliere an seine Ritterlichkeit – Licht!!«

Das hatte geholfen. Gleich darauf flammten einige Kerzen auf, bald die andern, und etwas beschämt stand sich alles nun wieder im taghellen Licht gegenüber. Elga hatte sich jedoch um das weitere nicht mehr gekümmert, fast erstickend vor Ekel war sie davongeeilt. So berichtete sie und schloß:

»Nun weißt du, was damals geschehen ist.«

»Es hätte deiner Aufklärung nicht erst bedurft. Es stand für mich fest, daß du niemals etwas getan haben konntest, was auch nur den leisesten Schatten auf dich wirft.«

Ein warmer Blick dankte Bracke, doch dann sagte sie:

»Du siehst mich in einem zu günstigen Licht. Ich will offen zu dir sein in dieser Stunde, auch sonst. Du hast nun ein Recht darauf. Und da muß ich dir sagen: Ich habe von der Freiheit, die ich mit der Trennung meiner Ehe erlangte, Gebrauch gemacht. Nicht unwürdig, das nehme ich für mich in Anspruch, aber doch wohl in einer Weise, die nicht jeder gelten lassen wird.«

»Warum sagst du mir das alles, Elga? Noch einmal – du stehst mir so hoch, wie sonst nichts auf der Welt!«

»Du sollst vollkommen klar sehen über mich, Heinz. Ich will nicht, daß eines Tags vielleicht von neuem der Klatsch zu dir dringt, und daß du erfahren müßtest, es geschieht nicht ganz ohne Grund. Darum mache ich kein Hehl daraus. Es ist mir ein paarmal in meiner Zeit der Freiheit begegnet, daß ich wähnte, den Mann gefunden zu haben, nach dem sich mein ganzes Wesen sehnte, in all den langen Jahren des Entbehrens und Verzichtens, und ich habe diesem Sehnen keine Schranken gesetzt. Siehst du – nun fährst du zusammen, nun verurteilst du mich!«

»Nie und nimmer! Aber, was du da sagst, quält mich aus anderem Grunde. Hassen könnt' ich, glühend hassen jene andern! Schnell sag' es, schwör' es mir, Elga, daß du sie nie geliebt hast, daß es eben nur ein Wahn war, der dich getäuscht hat, daß sie innerlich keinen Anteil an dir gehabt haben!«

In ausbrechender Leidenschaft hatte Bracke sie an sich gerissen. Ernst blickte Elga ihm in die Augen.

»Das kann ich dir aus ehrlichem Herzen versichern. Nein – ich habe mich ihnen mit meinem Besten nicht gegeben! Es war nur eine Illusion, die bald zerrann, und ich stand wieder mit leeren Händen da. Der Mann, den ich suchte, der mir Ein und Alles werden sollte, dem ich mich mit jeder Faser meines Seins hatte zu eigen schenken wollen – den traf ich nicht!«

»Hab' Dank, Elga, dies Wort erlöst mich! Aber nun darfst du nicht mehr so sprechen. Nun hast du jemanden, dem bist du seine Welt, der möchte dich, geliebte Frau, in seinen Armen davontragen – fernab von allem – und nur noch leben, um dich glücklich zu machen. Und glücklich, namenlos stolz und glücklich wäre er selber, wenn er glauben dürfte, daß du ihn allein von all den Männern, die dich begehrten, für würdig befindest, dich ganz, dich wirklich zu besitzen – wie kein einziger vor ihm!«

»Du Lieber!« Ihre feinen, kühlen Finger hielten sein erglühendes Antlitz noch dem ihren fern. In ihren Augen glänzte es zärtlich auf, aber dann senkte sich doch wieder ein Schatten über ihre Züge, und sie sagte:

»Du mußt Geduld mit mir haben, Heinz. Ich hab' dich ja lieb, aber es spricht so viel dagegen.«

»Was denn – sag' doch!«

»Der Unterschied der Jahre.«

»Sprich nicht davon! Du bist ja so jung geblieben, und gerade deine Frauenreife lieb' ich zum Rasendwerden!«

Seine Lippen schmiegten sich leidenschaftlich in ihre Hand. Aber aus Elga sprach weiter die abwehrende Vernunft:

»Und meine Erfahrungen, Heinz – schmerzliche Erfahrungen! Alle Liebe endet einmal, und das tut bitter weh. Nein, nein – sich lieber nicht so ganz in ein Empfinden verlieren!«

»Wie kannst du so sprechen, Elga! Fühlst du denn nicht, wie weh du mir damit tust? Mit solchem Vergleich! Ist es denn nicht ganz etwas anderes mit uns beiden? Mit dem, was ich dir entgegentrage? Wie kannst du da von einem Ende reden? Solange ich lebe – das schwöre ich dir, bei allem, was mir heilig ist – werde ich dich lieben, Elga! Nur dich, nie eine andere. Es gibt überhaupt für mich keine Frau mehr auf der Welt außer dir. Glaub' es doch nur endlich!«

Da versiegte ihr nur noch schwacher Widerstand, und sie überließ ihm ihren Mund mit einem weichen Sichgeben.

* * *

Es waren jetzt, im Dämmerschein des scheidenden Tages, die ersten Minuten des Alleinseins, die Fränze und Wilms seit ihrem Auseinandergehen gestern vergönnt waren. Er hatte sich den ganzen Tag darauf gefreut, aber nun, wo der Augenblick gekommen war, brachte er ihm eine Enttäuschung. Fränze tat, als ob die Stunde gestern abend, wo sie ihm im Arm gelegen, überhaupt nicht gewesen sei. Wohl war sie zutraulich, aber es war nur die Zutraulichkeit eines Kindes. Vergebens suchte er in ihr die liebende Frau. Da mußte Wilms wieder an ihr Verhalten gestern denken. Er wurde schweigsam, und nun sagte er, mit einer leisen Ironie, hinter der sich aber die schmerzliche Betroffenheit nur schlecht verbarg:

»Eigentlich habe ich mir das alles doch etwas anders vorgestellt!«

Sie verstand ihn und, die Augen auf ihn richtend, erwiderte sie in dem ihr bisweilen eignen burschikosen Ton:

»Ja, mein lieber Kerl, ich bin eben nicht das hehre Weib, das du vielleicht in mir suchtest. So in Hingabe zerfließen – das kann ich nicht.«

Es klang in ihren Worten wieder etwas von dem Trotz auf, den sie gestern gezeigt: man erwartete etwas von ihr – nun gerade nicht!

Wilms antwortete nicht gleich. Aber er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und sah ihr in die Augen. Groß und klar lag ihr graugrüner Spiegel vor ihm, reizvoll überschattet von den weichen, dunklen Wimpern. Schön wie nie erschien sie ihm heute, aber es lag eine seltsame Kälte in ihrem Blick. Da tat er leise die Frage.

»Sag', hast du mich eigentlich lieb?«

Fest hielt ihr Blick seinem Fragen stand, und es war, als ob sie sich erst ganz ernsthaft prüfte, bevor sie ihm Antwort gab.

»Ob ich dich lieb habe? – Eins weiß ich: Zu keinem könnt' ich mehr Vertrauen haben als zu dir, und keiner gibt mir, wenn ich schwach und traurig bin, einen stärkeren Halt als du.«

»Nun, das ist ja immerhin Allerlei,« scherzend sagte er es und fügte nun noch, ernster, hinzu: »Fürs erste muß ich mir daran wohl genug sein lassen.«

Er drückte ihr die Lippen auf die schönen, klaren Augen, aber es war nun auch von seiner Seite etwas Gedämpftes, fast Väterliches in dieser Liebkosung. – –

Der Abend sah sie dann wieder im Kreise der Freunde, der heute noch um einige Teilnehmer erweitert war. Es waren ein paar gute Bekannte Morburgs aus dem Hotel Conradi erschienen, und man saß in der Diele des Supérior bei einer Bowle zusammen. Zwischendurch wurde auch im Nebenraum getanzt.

Das alles war wenig nach Wilms' Sinn bei seiner Stimmung heute. Er war kritisch aufgelegt und sprach es auch einmal offen aus: »Dieser ›fortgesetzte Lebenswandel‹ hier oben im lieben Davos ist im Grunde wohl nicht für jeden. Schließlich kann man doch nicht jeden Abend Kopf stehen!«

Mit dieser Feststellung fand er allerdings wenig Gegenliebe. Man schalt ihn einen »Erzphilister«, der einem aber nicht die Laune verderben sollte, und war guter Dinge auch ohne ihn. Wilms fühlte, daß seine Opposition ebenso zwecklos wie unberechtigt war – machte er doch sonst stets gern mit – aber da er gesehen, daß auch Fränze sich ohne Besinnen auf die andere Seite geschlagen hatte, vergrub er sich nur noch mehr in seine Stimmung und trug eine ziemlich ablehnende Haltung gegenüber der Scherzstimmung der andern zur Schau. Sie wußten ja nicht, was in ihm vorging, wie da allerlei nachklang, was ihn ernstlich berührt hatte. Es sollte auch keiner ahnen! So verschloß er sich denn immer mehr in sich, und es bildete sich schließlich ein gewisser Gegensatz zwischen ihm und allen übrigen heraus.

Wenn man das auf der andern Seite auch nicht ernstnahm, vielmehr diesen Kleinkrieg mit Anspielungen und Neckereien nur für einen Spaß ansah, einmal zur Abwechslung, empfand Wilms doch anders. Es schmerzte ihn ernstlich, Fränze auf der Gegenseite zu sehen, und selbstquälerisch verschärfte er diesen Gegensatz noch, indem er ihre mehrfachen, gutgemeinten Versuche, ihn seiner schwerblütigen Stimmung zu entreißen, beharrlich abwies. So trug er denn selber die Schuld, daß sie ihn nun mit erwachendem Trotz ziemlich links liegen und sich von den andern, namentlich von den »Inséparables« ins Schlepptau nehmen ließ. Sie tanzte viel und war oftmals für längere Zeit vom Tisch abwesend.

Wilms hatte sie absichtlich geraume Zeit ruhig gewähren lassen. Sie sollte nicht glauben, daß er sich durch ihr Verhalten irgendwie beeinflussen ließ. Aber schließlich trieb es ihn doch, einmal nach ihr zu sehen. So ging er denn in den Tanzraum und, als er sie auch hier nicht fand, in das Nebengemach. Dort sah er sie in der Fensternische allein mit Lyncker.

War schon dieses Tête-à-Tête ziemlich befremdlich, so steigerte sich seine Betroffenheit noch, als er jetzt bemerken mußte, wie sich Lyncker an ihrem halb entblößten Unterarm zu schaffen machte. Schnell schritt er auf die seltsame Gruppe zu. Nun bemerkte man dort seine Annäherung. Lyncker zeigte ein etwas verlegenes Lächeln, während Fränze ihn ganz frei und übermütig anlachte und ihm nun erklärend zurief:

»Ich will mir eben mal von Lyncker eine Probespritze geben lassen! Ein moderner Mensch muß auch das mal kennen gelernt haben.«

»Probespritze?«

Wilms verstand sie zunächst gar nicht, aber plötzlich gewahrte er die kleine, nickelglänzende Injektionsspritze in Lynckers Hand und begriff. Es fiel ihm zugleich auch ein – es war ja im Hotel Supérior den Eingeweihten kein Geheimnis – daß Lyncker Morphinist war, wie die meisten seiner Leidensgefährten. Hatte Wilms dagegen auch nichts einzuwenden – jeder mußte wissen, was er vor sich verantworten konnte, und einen Kranken mußte man mit anderm Maße messen als einen Gesunden – so stieg ihm jetzt doch helle Empörung auf, als er sah, daß Lyncker seine verhängnisvolle Gewohnheit auch einen andern lehren wollte – eine unbedachte, leicht zu beeinflussende Frau, geradezu ein Kind in solchen Dingen! Scharf traf daher Lyncker seine Frage:

»Ist es wahr – Sie wollten wirklich?«

»Mein Gott, ja, nur mal zum Spaß!« nahm Fränze rasch das Wort. »Um zu wissen, wie es tut.«

»Mit solchen Sachen spaßt man nicht. – Ich verstehe Sie wirklich nicht, Lyncker!«

Mit einem Scherzwort wollte der Angeredete der etwas peinlichen Lage ein Ende machen und die Spritze, die noch nicht verabreicht war, entleeren, aber Fränze griff ihm nach der Hand:

»Ich will meine Spritze haben – ich kann doch schließlich tun und lassen, was ich will!«

»Frau Fränze!«

Wilms' Augen drohten und baten zugleich, Worte erlaubte ihm ja die Anwesenheit des Dritten nicht; aber sie sah in ihm nur den nörgelnden Schulmeister, der heute abend ihr und den andern immerzu in die Parade fuhr, und die Zurechtweisung jetzt, vor einem Zeugen, ließ das Maß überlaufen. Mit einem hellen Trotzblick rief sie aus:

»Ich brauche keinen Vormund. – Also los, Lyncker!«

»Ich sprach nicht als Ihr Vormund, sondern lediglich als Ihr Freund – aber wie Sie wünschen!« Und kurz wandte Wilms sich ab.

Mit schnellen Schritten verließ er den Raum. So sah er nicht, was sich dann noch in der Fensternische begab, wie nun Lyncker selber Fränze abriet und erklärte: Wilms habe ja eigentlich ganz recht, es wäre schon besser, den Scherz zu lassen. Ein heftiges Kopfaufwerfen, dann versicherte Fränze Lyncker, daß sie sein Verhalten grenzenlos schlapp fände, und ließ ihn ihrerseits stehen.

Aber schon während sie langsam durch die Räume zur Diele hinüberging, mischte sich in ihren immer noch aufbegehrenden Trotz ein Gefühl von Schuld und Reue. Ewald Wilms hatte es doch nur gut gemeint, und wie hatte sie es ihm gedankt! Fränze verlangsamte ihren Schritt. Sie war sich nicht klar, wie sie ihm begegnen sollte. Wenn sie heimlich auch ihr Unrecht einsah, brachte sie es doch nicht über sich, es offen einzugestehen. Sie wurde jedoch dieser Verlegenheit enthoben. Als sie wieder zu den Freunden kam, sah sie, daß Wilms dort fehlte.

Zunächst war sie ganz froh darüber. Eine Galgenfrist war gewonnen, und sie ging mit sich zu Rate, wie sie sich ihm gegenüber geben sollte. Als aber Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, ohne daß Wilms erschien, begann sich ihr ein Druck auf die Seele zu senken. Er war also ernstlich verletzt – so sehr, daß er ihre Gesellschaft mied.

Erst machte diese Erkenntnis ihren Trotz noch einmal hell aufflackern. Lächerlich, den kleinen Konflikt von vorhin so tragisch zu nehmen! Ganz im Rahmen seines heutigen Benehmens. Es steckte in ihm doch ein schrecklicher Pedant. Nun, ihr war's recht – es ging auch so! Und Fränze rauchte eine Zigarette nach der andern und tat besonders froh und ausgelassen. Es brauchte ja auch keiner zu wissen, was da zwischen Wilms und ihr vorging.

Aber allmählich schlug die Stimmung bei ihr um. Sie wurde stiller, endlich ganz schweigsam und blickte, eine steile Falte zwischen den Brauen, von den andern halb abgewandt, vor sich hin. Sie mußte an all die Beweise von Güte und Freundschaft denken, die sie von Wilms erfahren hatte, und eine tiefe Beschämung überkam sie. Da litt es sie nicht länger am Tisch. Sie sprang auf, eilte die Treppen empor zum zweiten Stock, wo er seine Zimmer hatte, und stand nun vor seiner Tür.

Mit angehaltenem Atem lauschte Fränze. Eine Erinnerung kam ihr plötzlich aus frühester Kindheit. Da hatte sie den Vater auch einmal durch ihren Eigensinn so geärgert, daß er sie weggeschickt hatte. Sie sollte ihm fürs erste nicht wieder unter die Augen kommen! Verstockt hatte sie sich in ihr Kinderzimmer zurückgezogen und zu Bett gelegt, ja war sogar eingeschlafen, ohne einen Gedanken der Reue. Doch nach ein paar Stunden war sie erwacht, gepeinigt von einem um so leidenschaftlicher ausbrechenden Schuldgefühl, und es trieb sie vom Lager auf, hinüber zum Wohnzimmer, wo die Eltern wohl noch auf saßen. Sie gewahrte auch den Lichtspalt unter der Tür, hörte gedämpft ihre Unterhaltung, aber sie brachte es nicht über sich, anzuklopfen. In ihrem Hemdchen stand sie unbeweglich, schließlich zitternd vor Kälte – es war im Winter – wohl eine Stunde vor der Schwelle, bis sich endlich die Tür auftat, die Eltern wollten nun auch zur Ruhe gehen. Ganz erschrocken sahen sie das Kind vor sich, und der Vater, alles ahnend, hob sie rasch empor in seine Arme. Wie preßte er das eiskalte, bebende Körperchen nun in Sorge und Liebe an sich! Noch heute, und gerade jetzt in dieser Stunde wieder, empfand Fränze deutlich die unbeschreiblich süße Traurigkeit und Seligkeit zugleich, wie sie sich so von treusorgender Liebe umfaßt fühlte. Und ein ganz heimliches Sehnen war in ihrem Herzen, auch jetzt möchte sich die Tür vor ihr auftun, so wie damals, und liebende Arme sie schweigend an sich nehmen.

Aber drinnen blieb alles still. Kein Laut drang heraus zu ihr, obwohl sie nun schon minutenlang harrte. In Gedanken rief sie sehnend Ewalds Namen, doch der Mund blieb fest verschlossen, und die Hand regte sich nicht zum Anpochen. Bis sie endlich Stimmen vernahm, fremde Hotelgäste, die von unten die Haupttreppe heraufkamen. Die durften sie nicht hier sehen! Da huschte sie eilenden Fußes davon, auf der Nebentreppe wieder nach unten zu ihrer Gesellschaft.

Ihres Bleibens hier war nun aber nicht mehr lange. Sie schützte Kopfschmerzen vor und fuhr mit dem telephonisch herbeigerufenen Schlitten, jede Begleitung ablehnend, in ihre Pension zurück.

Eine ganze Weile stand sie hier noch auf ihrer Veranda. Die Hände auf die Brüstung gestützt, starrte sie hinaus in die Nacht. Fast taghell erleuchtet von den elektrischen Bogenlampen lag die Stadt drunten im Tal, weißschimmernd die Wände der Hotelpaläste an der Hauptstraße, aber dunkel gähnend die Engpässe der Seitengäßchen, als verbärge sich dort irgendein ungewisses, drohendes Etwas. Und so ausgestorben war diese Stadt der Paläste. Kein Laut mehr von Menschentritten – und Stimmen – alles totenstill.

Ein Frösteln schlich sich an Fränze hoch. Schweratmend trat sie ins Zimmer zurück. Gewaltsam entriß sie sich ihren Gedanken, der dunklen Beklemmung, die sich ihr lastend aufs Herz gelegt hatte. Langsam entkleidete sie sich bei offener Balkontür, immer noch wie in einer heimlichen Erwartung. Aber kein leiser Ruf drang Einlaß begehrend drunten vorm Haus zu ihr herauf. Da zog sie endlich die Vorhänge zu und legte sich nieder. Ein dumpfer Schlaf kam über sie.

Müde und zerschlagen war sie am andern Tag beim Erwachen. Sie scheute sich vor dem Aufstehen und blieb daher noch stundenlang im Bett liegen, als könne sie so einem Unheil entgehen, das sie immer quälender herannahen fühlte. Kurz vor Mittag klopfte es dann an ihre Tür. Cathérine, das Stubenmädchen, erschien mit einem Brief, der eben von einem Boten aus dem Supérior-Hotel für sie abgegeben war. Wilms' Schriftzüge! Sie erschrak, daß sie ihr Herz klopfen zu hören meinte. Nachdem das Mädchen sie wieder verlassen hatte, riß sie den Umschlag auf und las, was Ewald Wilms ihr zu sagen hatte:

Morgens um vier.

Liebe Fränze,

wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich schon drunten in Zürich. Du wirst vielleicht erstaunt sein, mich nicht verstehen, aber es ist nötig so. Ich muß allein mit mir sein, um zu Klarheit und einem Entschluß zu kommen. Ich verhehle es Dir nicht, der Vorfall gestern abend hat mich in meinem Empfinden schwer erschüttert. Zweifel sind in mir wach geworden, ob wir uns wirklich im Innersten verstehen, ob unsere Naturen so geartet sind, daß es einen harmonischen Zusammenklanq zwischen uns geben kann – ob ich Dir und Du mir wirklich ein Glück geben kannst.

Darüber will ich nun mit mir ins Reine kommen, und prüfe auch Du Dich. Wenn ich nur meinem Herzen folgen dürfte, würde ich den Zwischenfall gestern nicht so tragisch nehmen; aber wir dürfen uns nicht allein unserm Gefühl überlassen. Herz und Sinne trügen nur zu oft. Es handelt sich um unser beider Zukunft, da muß auch der klare Verstand entscheiden.

Glaub' es mir, Fränze, es wird mir nicht leicht, so an Dich zu schreiben. Du bist meinem Herzen teuer geworden, und doch, es muß sein!

Ich habe meine plötzliche Abreise den Freunden gegenüber noch gestern abend in später Stunde, wo ich mich noch einmal zu ihnen gesellte, einigermaßen begründet, indem ich vorgab, mich im letzten Augenblick doch noch zum Besuch des Wagner-Gastspiels im Stadt-Theater, der »Ring«-Aufführungen, entschlossen zu haben. Ich glaube, damit auch Dir die Lage etwas erleichtert zu haben.

Wenn Du mir etwas zu sagen haben solltest, so erreichen mich Nachrichten im Hotel au Lac. Sobald ich mir über alles klar geworden bin, hörst Du jedenfalls von mir.

Mit herzlichem Gruß
Dein Ewald W.

Fränze faltete den Brief zusammen und legte ihn zurück auf den Nachttisch. Dann kehrte sie sich vom Licht ab und blickte zur Wand, mit starren Augen. So lag sie lange, lange, ganz regungslos.

* * *

Drei Tage waren verflossen. Am Abend des ersten hatte Wilms abermals an Fränze geschrieben. Wohl hatte er die Klarheit zum Entschluß noch nicht gefunden, aber es hatte ihn doch zu einigen Worten gedrängt. Es tat ihm leid, daß er das erste Mal nur so verstandesmäßig geschrieben hatte. Er zeigte ihr nun, wie sehr er an ihr hing, was ihm ihr Verlust bedeuten würde. Eine leise Möglichkeit, ein geheimes Wünschen klang durch, daß ein Brief von ihr ihm das Vertrauen auf ihr Glück vielleicht doch wiedergeben könnte. Am andern Tag litt es ihn dann nicht mehr im Gewühl der Großstadt, es trieb ihn hinaus in die Natur, er machte einen größeren Ausflug. Spät erst kam er wieder ins Hotel zurück, in der Erwartung, jetzt wenigstens einen Brief von Fränze vorzufinden – aber nichts!

Tief niedergeschlagen ging er auf sein Zimmer. Wie sie ihn überhaupt ohne jede Antwort lassen konnte, das begriff er nicht. So sehr konnte er sich doch unmöglich in der Beurteilung ihres Wesens geirrt haben. Nein, das konnte auch nicht sein, so weit ging ihr Trotz nicht! Aber was dann? Und plötzlich mußte er an ihre Zartheit denken, wie sehr seelische Erregungen sie körperlich mitnahmen – damals mit Ruaz zum Beispiel. – Nun nistete sich die Sorge bei ihm ein, die Angst, daß sein Fortgehen ohne persönlichen Abschied und dann sein harter Brief sie vielleicht aufs Krankenlager geworfen haben könnten – darum dann ihr Schweigen.

Es war eine schlechte Nacht für Wilms. Sie reifte in ihm den Entschluß, falls er auch morgen früh nichts von ihr hören sollte, telephonisch in Davos in ihrer Pension nach ihrem Befinden zu fragen.

Die Nacht verging endlich, und die erste Post brachte ihm nun zwei Schreiben von Fränze auf einmal. Das erste lautete:

»Es ist Abend – aber wie anders als sonst. Allein sitze ich in meinem kleinen Stübchen, um die Stunde, die uns seit vielen Wochen immer zusammen sah. Den ganzen Tag war ich schon so einsam. Vormittags, in meinem Bett, erhielt ich Deinen Brief. Diesen Brief! Ich wäre am liebsten liegen geblieben und nie wieder aufgestanden! Aber endlich raffte ich mich doch auf und zog mich an. Ich lief weg, wollte mir und allen Gedanken entfliehen. Mein armer Kopf war schon ganz wirr.

Ich bin ehrlich zu Dir: Zuerst war ein wilder Trotz in mir. War ich Dir so wenig, daß Du mich beim ersten Anlaß laufen ließest – Du, der mir doch so oft gesagt hat, daß Du mich fest bei der Hand nehmen und leiten wolltest – nun, in Gottes Namen, so mochte es sein. Ich würde Dir nicht nachlaufen und betteln: Bleib!

Wütend rannte ich so los, ohne zu wissen wohin. Aber es war seltsam, auf einmal merkte ich, es waren all die Wege, die wir einst zusammen gegangen sind, und plötzlich sah ich Dich neben mir, ernst und traurig, mit dem stillen Blick, mit dem Du mich manchmal anzusehen pflegtest. Und da passierte mir etwas, was sonst sehr selten bei mir vorkommt: Es brannte mir plötzlich heiß in den Augen und würgte mir in der Kehle. Aber die Tränen wollten nicht heraus. Es war gerade bei der Schutzhütte im Kämpfenwald – weißt Du, wo wir ein paarmal gesessen? – da hockte ich mich denn still ins Eckchen und lehnte meinen Kopf an die Bretterwand. Und wie ich so saß, tönte es mir immer wieder im Ohr: Vorbei – durch eigene Schuld! Nie wieder mehr wirst du nun seine Augen voll Liebe auf dich gerichtet sehen, niemals mehr seine leise, weiche Stimme hören! Und ich fühlte mich so namenlos verlassen und unglücklich, daß ich wünschte, nicht mehr am Leben zu sein.

Nachher bin ich dann wieder ruhiger geworden. Ich nahm Deinen Brief, den ich bei mir hatte, vor und las ihn nochmal. Ach, wie trafen mich da Deine kurzen, harten Worte! Nun fiel mir auch Deine Warnung neulich abends wieder ein: Zum zweitenmal würdest Du nicht zum Spielbrett meiner Launen werden. Wie schnell ist dies Wort wahr geworden!

Aber es hilft ja alles nichts. Nun ist es einmal geschehen, und ich kann es nicht ändern. Denn Du hast ja nur allzu recht mit dem, was Du schreibst. Ich darf auch nicht bloß daran denken, was Du mir bist, wie sehr ich Dich brauche. Nein, um Dich geht es noch viel mehr als um mich. Und wie sollst Du noch Vertrauen haben zu mir, wo ich so schnell, trotz Deines Warnens, Dich wieder herausgefordert habe? Ach Gott, es war ja freilich alles gar nicht so schlimm von mir gemeint. Ich komme mir mitunter selber wie ein übermütiges junges Pferd vor, das wider den Zügel knirscht und steigt, aber es ist – bei Gott! – nicht Bosheit, nein, vielleicht nur eine heimliche Ungeduld, sich gemeistert zu sehen von einer festen Hand. Aber Du empfindest eben anders, vermagst nichts anzufangen mit so einem unvernünftigen, bockbeinigen Geschöpf, und darum wirst Du schon recht haben, wenn Du bezweifelst, ob es bei uns wirklich einen harmonischen Zusammenklang geben kann.

Aber traurig ist es trotzdem, unsagbar traurig. Für Dich freilich wird es ja das Beste sein, wenn Du schnell zum Entschluß kommst und Dich nicht erst noch lange mit mir herumzuquälen brauchst. Ich habe es Dir ja schon neulich gesagt: Ich bin doch wohl nicht die Frau, die Du brauchst – die immer fügsame, abgeklärte, hochgesinnte Frau. So tu' denn mit mir, was Du mußt – ich halte still. Ich darf mich ja nicht beklagen. Aber sehr weh tut es doch, daß alles ein Ende haben und nur noch eine Erinnerung sein soll!

Ich kann nicht bitten, und es ist mir doch gewiß: Du gehst mir verloren. Fühle ich richtig? Sag's und umschreib' es nicht lange. Ich bin vielleicht wirklich nur die »kleine« Frau, wie so viele mich nennen, die mich kennen und gern haben – klein, es liegt viel darin.

Wie es in mir aussieht, Du kannst es nicht ermessen. Ich bin ganz starr jetzt und gefaßt. Könnte ich weinen, viele erlösende Tränen! Aber die kommen wohl erst, wenn alles vorüber ist.

Ich möchte Dir nur noch einmal danken für alles, was Du mir gabst – für all die schönen, tiefen, frohen und glücklichen Stunden.

Wie es nun auch kommen mag, bewahr' mir ein freundliches Gedenken!

Deine Fränze.«

Und dann las Wilms ihren zweiten Brief.

»Nun hab' ich Deine Worte, die Du mir gestern abend aus Zürich geschrieben, lese sie immer wieder. Ich möchte bei Dir sein, Dich an mich nehmen, Dir viel Liebes sagen und tun. Aber das alles aufs Papier schreiben? Ich bring' es nicht fertig.

Heut Nacht träumte ich von Dir. Ich läge im Bett, und Du säßest bei mir und läsest mir vor. Ich trank Deine Züge in mich hinein, machte auch wohl die Augen zu, daß ich nur Deine Stimme noch hörte, und war so glücklich. Und dann, als ich erwachte!

Ach, Du geliebter Mensch, ich kann ja nicht mehr leben ohne Dich! Du bist meine Heimat, mein Zuhause. Ich will ja auch alles nach Deinem Willen tun, wenn Du nur wieder bei mir bist.

Was hab' ich eigentlich gestern geschrieben? Ich weiß es gar nicht mehr, war so wirr. Du solltest für immer von mir gehen? Es wäre besser so? – Mußt Du's? – Wirklich?

Hilf mir doch! Tu mir nicht weh. Oder doch nur, wenn Du wirklich mußt. Sonst nicht. Bitte, bitte nicht! Und wenn Du's kannst, schreib mir lieb. Nein: Komm! Bald – ganz bald zu Deiner ganz zerrissenen

Fränze.«

Mit bewegten Augen sah Wilms auf den Brief, auf die lieben, krausen, bisweilen etwas ungefügen Schriftzeichen. Sie schrieb, wie sie war: ohne langes Überlegen, heraussprudelnd, sprunghaft, aber ihr lebensvolles, warmherziges Wesen voll Vertrauen und Sehnens nach ihm, mit dem Willen zum Guten, trat ihm aus diesen Zeilen entgegen.

Da schmolz der letzte Widerstand in ihm dahin. Ein zärtliches Verlangen nach dem lieben, großen Kinde, das sie war, überkam ihn und ein tiefinnerstes Hoffen. Klangen da aus diesem zweiten Brief nicht Töne an, zwar noch ganz leise, scheu, aber doch deutlich wahrnehmbar, die ihm das Schönste verhießen?

Da sprang er auf. Schnell warf er ein paar Worte aufs Papier, ein Telegramm, das ihr seine Ankunft mit dem nächsten Zuge meldete.

 

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