Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Grabein >

Nomaden

Paul Grabein: Nomaden - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleNomaden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160107
projectid9541ab00
Schließen

Navigation:

Die Gesellschaftsräume des Zentral-Sporthotels prangten im Festschmuck. Die Kronen waren rosig verhängt, Tannengirlanden, besetzt mit roten und grünen Glühbirnen, schwebten über den Häuptern der Gäste. An der Stirnwand des Hauptsaals stand der Gabentisch mit den silbernen Ehrenpreisen, darüber Wappen und Sportembleme.

Der große Saal war übervoll. Die jüngeren Herren hatten vielfach keine Sitzplätze mehr gefunden und sich daher in sportlicher Ungezwungenheit, trotz Frack und Smoking, kurzentschlossen neben dem Stuhl ihrer Dame auf dem Parkett niedergelassen.

Dem eigentlichen Ball gingen künstlerische Darbietungen und ein Preistanzen voraus. Von ihrem Ecktisch aus schauten die vier, die heute allein vom Kreis des Supériorhotels erschienen waren, Fränze, Ria, Wilms und Nibüll, den Darbietungen zu. Die kleine Ellinor produzierte sich gerade, eine Art Wunderkind. Noch nicht zehnjährig, tanzte die Kleine mit einer verblüffenden Sicherheit und Gewandtheit, sehr graziös, aber todernst, fast etwas Scheues im Wesen, den Blick wie in einer visionären Verzücktheit starr nach oben gerichtet.

»Ich mag das nicht mit ansehen!« Fränze Dietmar sagte es und wandte sich ab. »Es ist ja doch ein Jammer! So ein Kind noch und muß hier öffentlich auftreten. Wie Eltern das verantworten können!«

»Ja, ein schweres Unrecht«, bestätigte Wilms. »Diese Treibhauskultur natürlicher Anlagen rächt sich sicher einmal an dem armen Wesen. Aber die Welt ist so gedankenlos. Da – hören Sie nur – wie alles begeistert Bravo klatscht und damit den Unfug gutheißt. Wer aber fragt danach, was aus solchem Wunderkind später wird – wie es einmal endet? Davon berichten die Zeitungen, die das Aufgehen eines solchen Sterns mit dem üblichen Tamtam begrüßen, nie etwas. – – – Aber da, schon wieder ein neues Bild! Na, diesmal wenigstens ausgewachsene Leute.«

»Und auch sonst wohl mehr nach Ihrem Geschmack«, neckte Fränze den Freund. »Eine entzückende Frau, diese kleine Frau Sonja. Aber auch ihr Partner! Sehr geschmeidig und elegant. Wie heißt er doch gleich?«

»Professor Seth.« Mit einem Blick auf das Programm erwiderte es Wilms. »Was aber meinen Geschmack an solchen Produktionen anlangt, so ist auch der nur geteilt. Frauen sehe ich gerne tanzen. Dies weiche Biegen und Schmiegen, voll Grazie und Laune, ist ihr ureigenstes Wesen. Aber Männer? Nein, da kann ich nicht mit! Natürlich, den Gesellschaftstanz nehme ich aus. Doch das berufsmäßige Tanzen, so wie der Kautschukmann da mit seinen Mätzchen und Hopsern, das ist mir ein Greuel. Das kommt für mich gleich hinter dem Friseur und dem Damenschneider. Kein Metier für einen Mann

»Da setzen Sie sich aber sehr in Gegensatz zu dem Zeitgeschmack! Und außerdem – warum soll nicht auch ein Mann Grazie entwickeln? Oder ist etwa die altpreußische Ladestock-Steifheit Ihr Ideal?«

»Durchaus nicht. Auch der Mann kann geschmeidig und biegsam sein, kann Eleganz der Bewegungen haben, doch eben in den Grenzen, die ihm gezogen sind. Überschreitet er sie, so wirkt er weibisch. Und diese Künste da sind ausgesprochen feminin – wenigstens nach meinem Geschmack. Ich weiß wohl, unsere Zeit denkt anders. Neben den Schauspieler hat sie den Tänzer gestellt als ebenbürtigen Künstler. Und einer ist es so wenig wie der andere.«

»Erlauben Sie – auch der Schauspieler nicht?«

»Nein, wenigstens kein Künstler im höchsten Sinne des Worts. Nämlich ein Schaffender. Er ist doch bestenfalls immer nur ein Nachschaffender, in der Regel aber nur ein geschickter Artist. Und unsere Zeit richtet sich selber mit ihrer Überschätzung dieses Artistentums. Schauspieler-, Tänzer- und Filmstarkult, es steht ganz auf derselben Linie mit der Begeisterung für Boxkämpfer und Sechstage-Rennen, eben ein geistig trostlos-verarmtes Zeitalter, trotz allem Getue mit Expressionismus, Okkultismus und sonstigen Ismen.«

»Uije, Doktor, was sind Sie heute mal wieder kritisch aufgelegt!«

»Ja, liebe Frau Fränze, Sie müssen mich eben nicht zu solchen Veranstaltungen mitnehmen. Der Mensch in Masse stimmt mich an sich schon kritisch, und wenn ich dann noch solche Kunstdarbietungen vorgesetzt bekomme –!« Wilms brach ab, denn er bemerkte, wie Frau Fränzes Stirn sich leicht umwölkte, und er sagte: »Es scheint, mein Kritizismus verdirbt Ihnen die Stimmung?«

»Jedenfalls kann ich mich nicht mehr harmlos an den Dingen freuen, wenn Sie so reden.« Und sie wandte sich von dem Tänzerpaar ab. Da bat er schnell: »Nicht doch, Frau Fränze! Das sollen Sie nicht. Sie sollen immer froh sein, das gehört zu Ihnen, und ich habe ja meine größte Freude daran, wenn ich Sie so sehe. Also, vergessen Sie schnell alle meine Kritikasterei und zeigen mir wieder Ihr liebes, frohes Gesicht.« Er griff nach ihrer Hand und sah ihr mit einem herzlichen Drängen in die Augen. »Ich bekomme halt immer wieder noch mal einen Rückfall und vergesse, daß ich doch hier im Sonnenlande bin, um alle Grämlichkeit und Erdenschwere von mir abzutun. – Na, sehen Sie, da zieht's ja schon wieder hell auf in Ihren Mienen. Gott sei Dank – die Sonne lacht wieder!«

Dann begann das Tanztournier unter den Paaren, die sich zum Wettbewerb eingeschrieben hatten. Mit Interesse schaute jetzt auch Wilms zu. Der Anblick gutgeschulter Partner, die die modernen Tänze dezent und geschmackvoll tanzten, war ihm durchaus erfreulich. Ein ganz anderes Bild freilich so ein Tanzsaal heutzutage als einst in seinen Jugendtagen: damals ein froh wirbelndes buntes Blütenmeer – heute ein ernster, gedämpfter Rhythmus in der Bewegung der Paare. Aber man mußte zugeben, jenes muntere Drehen stimmte wirklich nicht mehr zu unserer Zeit, zu den Menschen von heute. Ein Schreiten war im Grunde nur noch der Tanz. Aber warum nicht? Es lag immerhin schon etwas in diesen leichten, nur angedeuteten Bewegungen, die sich ausdrucksvoll der Musik anschmiegten. Ein Erleben, ein Darstellen des Rhythmus unter vollendeter Beherrschung des Gefühls zum Ausdruck gebracht durch die strenge Beherrschung des Körpers, das schien Wilms der Sinn des modernen Tanzes zu sein. Er brachte auf den ersten Blick eine gewisse Einförmigkeit des Bildes hervor. Einer schien genau so zu tanzen wie der andere. Aber doch eben nur auf den ersten Blick. Wenn man näher zusah, gewahrte man die Nuancen, die der Eigenart der Tanzenden entsprachen. Hier kühle Korrektheit, bisweilen gesteigert bis zur nüchternsten Eckigkeit, dort unverkennbare Eigenwilligkeit, Laune – und da heimlich zuckende Leidenschaftlichkeit. Allen aber eins gemeinsam: Ein seltsamer Ernst, ein gänzliches Aufgehen in der Sache. Das war nicht mehr wie früher beim Tanzen, ein heiteres Flirten, Lachen; Plaudern, so im Hinfliegen – nein, schweigsam führte der Herr die Dame, voller Aufmerksamkeit waren sie beide. Der Tanz war nicht mehr ein fröhlicher Zeitvertreib, eine amüsante Unterhaltung, sondern ein ernster Sport, eine Sache der Technik und des Ehrgeizes, ganz entsprechend der Richtung unserer Zeit überhaupt.

Das Tournier war beendet, die Preisträger – als erstes Paar die pikante rotblonde Griechin mit ihrem ungarischen Partner – hatten, begrüßt mit dreimaligem Tusch und Hurra, genau wie vorher ihre Sportkollegen von der Bobkonkurrenz, ihre Preise eingeheimst und eröffneten nun den allgemeinen Tanz, der schon mit Ungeduld erwartet wurde. Alle Tische leerten sich, alles drängte zu den Tanzräumen hin. Auch zu Fränze Dietmar kamen Herren, entferntere Bekannte aus dem Supériorhotel, aber sie lehnte ab. Ungewiß sah Wilms da zu ihr hin. »Etwa doch noch ein Nachklang von vorhin?«

»Wie können Sie das denken! Ressentiments – so nennt Ihr weiser Nietzsche das ja wohl? – gibt's bei mir doch nicht. Nein,« und ihre Miene ward ernster, »es ist mir nur heute nicht danach zu Mute. Ich sehe immer noch den armen Bracke vor mir, blutüberströmt auf seinem Bob.« In leisem Erschauern schloß sie die Augen. »Wie's ihm wohl gehen mag?«

»Ich war vorhin noch einmal bei ihm, ehe ich fortging. Er lag freilich noch in seinem Verband, war aber sonst ganz auf der Höhe. Er hat ja auch die denkbar beste Pflege.«

»Frau Elga?«

Wilms nickte.

»Das finde ich famos von ihr. Sie hatte mir schon davon gesprochen. Ich hätte sonst selber daran gedacht.«

»Sie?«

»Nun ja. Einer hätte sich doch schließlich des armen Kerls annehmen müssen. Einfach Kameradenpflicht!«

Fast erstaunt sah sie ihn an. Da nickte er, von ihrer Natürlichkeit besiegt.

»Recht haben Sie, liebe Frau Fränze, vollkommen recht! Wir Männer sind doch rechte Pedanten mit unsern ewigen Bedenken. Aber ich lerne den Davoser Comment schon noch. Es steckt viel Natürlichkeit und Menschlichkeit drin. Geben Sie die Hoffnung mit mir nur nicht auf!«

Und sie plauderten weiter, ganz miteinander beschäftigt. –

Währenddessen lehnten Ria von Treysa und Axel Nibüll schweigend in ihren Sesseln und blickten ins Gewühl der Tanzenden. In des Mädchens großen, braunen Augen lag es wie eine dunkle Sehnsucht. Lockte es sie, sich wie die andern dort nach den schmeichelnden Klängen im Arm ihres Partners zu wiegen? War es ein anderes, das heute heraufdrängte aus tiefsten Tiefen ihres Wesens?

Auch Axel Nibülls Blick war in das festliche Treiben gerichtet; doch seine Aufmerksamkeit war dort nicht gefesselt. Es lag heute so eigen über ihm – über ihm und Ria. Ihre Unterhaltung kam nicht recht in Gang. Kaum, daß sie ein paar Worte gewechselt, war gleich wieder das Stocken da, und Rias weiche, dunkle Wimpern senkten sich über die Augen, als ob es dort etwas zu verbergen gäbe.

Wie war das nur gekommen? Ein seltsamer, nebensächlicher Anlaß war es gewesen. Er hatte Ria heute zum erstenmal im großen Gesellschaftsanzug gesehen. Bisher trug sie ja stets den Sportdreß, das geschlossene Kostüm oder ein schlichtes Kleid. Heute nun erschaute er sie zum erstenmal so, in der festlichen Robe mit dem tiefen Ausschnitt, mit dem alten Familienschmuck. Zum erstenmal gewahrte er die feinen Schultern, den weißen Nacken, und es war, als ob der veränderte Anzug auch ihr Wesen verändert hatte. Eine schmiegsame, weiche Anmut, die ihr einen ganz neuen, eigenen Reiz verlieh, war in all ihren Bewegungen. Mit Staunen hatte er es wahrgenommen gleich beim ersten Anblick, wie sie sich vorhin draußen in der Garderobe mit seiner Hilfe aus dem Pelzmantel geschält hatte. Sie mußte diesen staunenden und leis bewundernden Blick des hinter ihr Stehenden körperlich gefühlt haben, denn plötzlich war eine lichte Röte auf ihrer Wange erschienen, die sich rasch über den Hals bis hin zu den entblößten Schultern ausbreitete, auf denen sein Auge noch ruhte. Und noch einmal war es ihr so gegangen, nachher schon drinnen im Saal, als sie plötzlich seinen Blick auffing, der langsam an ihrem edelschlanken Arm hinaufglitt mit dem gleichen, fast scheuen und doch tief verehrungsvollen Bewundern. Nie hätte er an ihr so viel Frauenreiz vermutet. In seinem Auge mußte wohl dies offene Bekenntnis gestanden haben, und es hatte sie in eine gewisse Verwirrung gesetzt. Es war, als ob sie auch weiter die Gedanken und Empfindungen erriet, die sich ihm an diese Entdeckung anreihten.

Bisher hatte er in Ria immer nur die Seelengefährtin gesehen, nun aber fühlte er, daß sie ihm noch mehr sein könnte. Und wie mit einem Zauberschlag wurde eine ganze Welt in ihm lebendig, die nur geschlummert hatte. Ein Sehnen und Begehren hob sein Haupt und spähte insgeheim zu ihr hinüber, ob dort ein gleiches Regen sich zeige. Wohl wich sie seinem Blick aus, aber dann und wann ein tieferes Atmen, ein Schmiegen der Glieder gab ihm die beglückende Hoffnung, es war so – auch in ihr war da etwas wachgeworden, das sie bisher nicht gekannt hatte. Er fühlte es mit steigender Gewißheit und Seligkeit; aber noch wagte er nicht, es ihr zu zeigen. Eine knabenhafte Scheu lag über ihm. Axel Nibüll war nie ein Fraueneroberer gewesen. Er war noch ganz Romantiker und sah in der Frau etwas sehr Zartes, Reines, Hoheitsvolles – ein Wesen höherer Gattung, dem man sich nur mit reinem Herzen nahen durfte. So zwang er denn jede Äußerung nieder, die hätte verraten können, was in ihm wogte. Stumm, regungslos fast, saß er neben ihr, aber in einer stetig wachsenden, ungeheuren Spannung.

Nicht anders erging es Ria. Sie fühlte nur zu deutlich, was in dem Freunde vorging, fühlte es und war glückselig. Wie lange schon harrte sie auf diese Stunde! So schön alles bisher gewesen war, es war da doch noch ein letztes, geheimstes Sehnen geblieben. Nun endlich war der Augenblick da, der die Erfüllung bringen sollte.

Von einer eignen Schönheit überstrahlt war in dieser Stunde Ria von Treysas Antlitz. In ihren Augen stand ein weicher, dunkler Glanz, und über den sonst immer etwas blassen Wangen lag ein rosiger Schein. Axel Nibüll mußte sie immer wieder, wenn sie den Kopf einmal zur Seite wandte, ansehen. Wie ein leises, heimliches Streicheln war es, wenn sein Blick ihr so über Wangen, Schultern und Arme glitt und dann an ihrer Hand hängenblieb. Noch nie war ihm ihre schmale, feingegliederte Hand so schön, so liebenswert erschienen wie heute. Es lag etwas Sprechendes, Beseeltes in dieser blassen, zarten Mädchenhand, die, wenn er sie berührte, leicht wie ein Lilienblatt in der seinen lag, deren unendliche Weichheit ihn bis ins Innerste erschauern machte. Und heute zuckte es in dieser lieben Hand, bald siedend heiß, bald eiskalt. Er hatte es gespürt – vorhin, wie er ihre Linke einmal zufällig gestreift hatte. So fieberte sie in Erwartung auf das erlösende Wort!

In lastendem Schweigen saßen die beiden. Dieses Wort der Erlösung, das von seiner Seite kommen sollte, es kam nicht. Aber mußte denn auch ausgesprochen werden, was in ihm wogte? Worte sind so plump – hätte nicht ein Blick genügt, ein einziger, kurzer Blick? Jedoch auch dazu fand er nicht den Mut. Sobald er sich nur vorstellte: Jetzt wirst du sie ansehen, ihr dein Innerstes erschließen – schlug ihm das Herz gleich bis in den Hals hinauf.

Ria erriet das alles, und die Zartheit seines Gefühls, diese verehrungsvolle Scheu vor ihrem unberührten Mädchentum machte sie sehr glücklich – gerade an ihm, der doch ein Mann war, der die Frauen schon kannte. Stärker aber als dies beglückende Bewußtsein, von ihm so hochgestellt zu werden, war doch jenes andere Empfinden in ihr: eine süß quälende, nie gekannte Gewalt, die sie trieb, der Spannung dieser entscheidenden Stunde ihrerseits ein Ende zu machen. Noch ein letztes Ankämpfen, dann war es doch geschehen – Axel Nibüll zuckte zusammen: Unterm Tisch hatte er plötzlich eine Berührung gespürt, eine allerleiseste, zarteste Berührung, aber es war wie ein Blitzschlag durch ihn hingefahren. Ria's Hand hatte sich leicht auf sein Knie gelegt, zaghaft und doch wie in einem geheimen Vertrauen, und nun fühlte er durch die Hülle des Tuchs hindurch die lebensvolle Wärme ihres jungen Körpers zu ihm überstrahlen, das Pulsen ihres erregt pochenden Bluts.

Wie ein Wunder geschah es ihm da. Sein Auge suchte das ihre und fand es. Ein feuchter Glanz stand in ihren Augen, namenlose Hingabe und ein süßes Sehnen. Fest senkte sich ihr Blick in den seinen, in einem seligen, unbekümmerten Sichverschenken. Axel Nibüll war erschüttert vor Glück.

Er hätte niederknien und ihre schlanken Mädchenglieder umfangen mögen im Übermaß seiner verehrenden Liebe. Und er hatte nur einen Gedanken: Jetzt allein sein mit ihr!

Und abermals kam sie ihm zu Hilfe.

»Kommen Sie, wir wollen tanzen.« Die Anwesenheit der andern verbot ihr das trauliche Du.

Er flog vom Sessel empor, und bald war er mit ihr in der Woge der Tanzenden untergetaucht. Unter den Hunderten von Paaren, wo jeder mit dem andern beschäftigt war, fanden sie die Gelegenheit, sich leise, kosende Worte der Liebe zuzuflüstern, die sie erschauern machten, und sich im Glücksrausch eng aneinander zu schmiegen. Sie erschienen für lange nicht mehr am Tisch, so daß es Fränze Dietmar schon verwunderte, bis sie endlich einmal das Paar im Reigen der Tänzer erspähte. Den Kopf weit zurückgelehnt, die Augen geschlossen wie weltentrückt, ruhte Ria von Treysa dort im Arm des Freundes. Da war kein Zweifel mehr möglich, und leise sagte Fränze zu Wilms, mit einem Blick auf die beiden:

»Zwei Glückliche! «

Ewald Wilms folgte ihrem Blick – ganz gewiß, sie hatte recht gesehen – aber dann suchte sein Auge die Freundin selber, forschend, fragend; es hatte da eben so eigen im Ton ihrer Stimme geschwungen.

Fränze gewahrte es, und rasch ergänzte sie ihre Worte:

»Es freut mich so – namentlich für den armen Axel. Nun hat er endlich den lieben Menschen gefunden, nach dem er sich sehnte.«

* * *

Bracke ruhte auf der Chaiselongue in seinem Zimmer, einen Verband um die Schläfe und eine Kompresse über dem linken Auge. Etwas blaß sah er aus von dem Blutverlust, aber durchleuchtet von einem innersten Glück. Neben seinem Lager saß Elga Tenbrink, um seine Pflege bemüht.

Heinz Bracke war glücklich wie noch nie in seinem Leben: Frau Elga bei ihm! Zum ersten Male würdigte sie ihn eines solchen Beweises ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft. Zum ersten Male lernte er sie von dieser Seite kennen – ganz weiche Güte und Besorgtheit um ihn. Wenn sie von Zeit zu Zeit, wie es der Arzt vorgeschrieben, sich über ihn neigte und mit schnellen, leichten Griffen die Eiskompresse über seinem linken Auge erneuerte – es hatte sich dort ein Bluterguß gebildet – so mußte er sich mit Gewalt zurückhalten, daß er nicht die zart duftende Frauenhand mit seinen Lippen berührte. Bisweilen kam es unwillkürlich doch zu einer halben Bewegung des Kopfes, dann schalt sie mit ihm:

»Wollen Sie wohl still liegen! Ganz still! Wissen Sie denn nicht mehr, was Ihnen der Arzt eingeschärft hat?«

Aber hinter den energischen Worten klang so viel weiche Sorge hervor, daß er ihre Zurechtweisung nur gar zu gern hörte.

Es war ein gedämpftes, trauliches Licht in dem Raum. Auch das unverhüllte Auge sollte möglichst geschont werden. Der Seidenschirm der kleinen Stehlampe warf einen rosigen Schein über Frau Elgas Antlitz und verlieh ihm etwas ganz Jugendliches. Um so reizvoller war dazu der Gegensatz ihres Wesens, das heute von einer fast mütterlichen Ruhe war. Es tat so wundervoll gut, sich von ihr pflegen zu lassen! Und mit einem nie gekannten friedvollen Wohlbehagen, mit einem geheimen Entzücken, verfolgte er jede ihrer Bewegungen, jedes der leisen Geräusche, die sie begleiteten, wenn sie mit leichtem Fuß, seidenknisternd, hier- und dorthin schritt, um für ihn zu sorgen, und sich dann wieder auf den Sessel neben seinem Ruhebett niederließ. Allein schon die Art, wie dies geschah, wie sie saß, die schmalen Füße nur leicht übereinandergelegt, so ganz Dame, nach den Begriffen einer früheren Zeit. Gerade heutzutage, wo jedes junge Mädchen in der unbekümmertsten Weise, die Knie hoch übergeschlagen, zu sitzen pflegte, empfand er diese Zurückhaltung als einen eignen, feinen Reiz an der sonst so selbstsicheren Frau der großen Welt.

All die Verehrung für sie, das Glück, das ihre Nähe ihm gab, drängte Bracke endlich doch zu einem Ausdruck. Als sie ihm wieder eine Handreichung gemacht, hielt er ihre Rechte zurück und führte sie an seine Lippen.

»Ich muß es Ihnen doch einmal sagen, wie wohl mir Ihre Fürsorge tut, wie ich sie Ihnen danke! Seit meinen Kindertagen, wo mich die Mutter wohl auch so betreute, hab' ich das nicht mehr erfahren.«

Frau Elga ging nur auf seine letzten Worte ein.

»Sie haben Ihre Mutter doch noch, wie Sie mir sagten, und wohnen im Elternhaus. Da müßten Sie doch eigentlich recht verwöhnt sein – als einziger Sohn obendrein.«

Bracke antwortete nicht gleich. Seine Miene war ernst geworden, und nun erwiderte er mit einer geheimen Bitterkeit:

»So sollte man denken – aber es sieht bisweilen aus der Nähe anders aus.«

Er schwieg wieder, doch es war etwas in seinem Ton gewesen, das ihr andeutete, daß er sich wohl aussprechen wollte, wenn er nur dafür Interesse fand. Da fragte sie denn teilnehmend:

»Sie stehen sich daheim nicht zum besten?«

»Nicht mehr, seitdem ich aus dem Felde heimkehrte.«

»Wie ist das möglich? Und vorher haben Sie sich mit den Eltern gut verstanden?«

»Ja, es hat sich eben in der Zwischenzeit bei uns alles geändert.«

»Erzählen Sie doch«, bat sie und legte teilnehmend die Rechte auf seinen Arm. Das schloß ihm den Mund auf, und er berichtete nun. Unter dem Eindruck des Krieges, ganz besonders unter der steten Angst, den einzigen Sohn zu verlieren, war die Mutter, an der er einst sehr gehangen hatte, in gewisse religiöse Kreise geraten und einer frömmelnden Sekte beigetreten. So war sie schließlich ganz weltabgewandt geworden und hatte auch den Vater, der immer stark unter ihrem Einfluß gestanden, zu sich hinübergezogen. Heinz Bracke hatte das alles erst in vollem Umfange erkannt, als er nach Krieg und Revolution dauernd wieder nach Haus gekommen war. Was war aus dem einst so fröhlichen, gastfreien Elternhaus geworden! Die alten Freunde hatten sich zurückgezogen, ernst und streng wie in einem Kloster sah es daheim aus, selbst die Dienstboten waren Angehörige der frommen Sekte, und der ganze Tag war mit Bibellesen, Andachten, Gebeten und religiösen Unterhaltungen ausgefüllt, an denen auch der Vater, sobald er aus seiner Fabrik heimkehrte, teilnahm.

Die Mutter, um das Seelenheil des Sohnes besorgt, rang mit diesem, um ihm zum rechten Glauben zu verhelfen, ihn vom sündhaften Treiben der Welt zu lösen und damit vor der ewigen Verdammnis zu bewahren. Als jedoch alle ihre Mühen vergeblich blieben, und sie selbst schwer darunter litt, denn sie liebte ihren Sohn ja noch immer aufs Zärtlichste, griff der Vater ein und suchte nun, halb mit Gewalt und Zwang, den Sohn umzustimmen.

Das hatte zu schwersten Konflikten geführt. Heinz Bracke hatte das Elternhaus verlassen und Kriegsdienste in der Türkei nehmen wollen. Da hatte die heftige Seelenerregung bei der Mutter einen schweren Nervenzusammenbruch hervorgerufen, und Schlimmeres noch war für sie zu befürchten, wenn sie nicht zur Ruhe kam. So hatte er notgedrungen nachgegeben, war aus Pietät gegen die Mutter auch seinerseits der Sekte beigetreten, wenigstens der Form nach. Und das Opfer war nicht umsonst geblieben, die Mutter war soweit wiederhergestellt.

»Sie Ärmster!« Mitleidig sah Frau Elga zu dem Liegenden hin, dessen ernste, bewegte Miene ihr noch manches verrieten, was der Mund ihr in männlicher Zurückhaltung verschwiegen hatte. »Aber wie halten Sie denn nur dies Leben daheim aus? Diese Asketenluft!«

Heinz Bracke zuckte die Achseln. »Ich bin eben so wenig wie möglich zu Hause. Tagsüber arbeite ich bei meinem Vater im Kontor der Fabrik, und in meinen freien Stunden treibe ich, wo ich kann, Sport jeder Art. Das ist ja noch das beste Gegengewicht gegen den Geist der Finsternis und Trübsal daheim und eine Beschäftigung, die selbst die Anschauung jener Sekte allenfalls noch gelten läßt. So läßt man mich denn im allgemeinen gewähren, aber freilich, es bleibt noch manche trostlose Stunde übrig, wo –«

Er brach ab und sah zur Wand, bis er wieder die linde Frauenhand auf seinem Arm spürte.

Und nun hörte er Frau Elga sagen:

»Warum gehen Sie all dem nicht aus dem Weg? Natürlich nicht so, wie Sie dachten, hinaus auf Abenteuer, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, das dürfen Sie Ihrer Mutter nicht antun. Aber anders! Warum suchen Sie sich nicht auswärts eine Stellung?«

Ein bitterer Laut kam von Brackes Lippen. Sie hatte da unwissentlich an seinen wundesten Punkt gerührt.

»Stellung suchen? Woraufhin? Ich kann ja nichts! Ich habe ja nichts gelernt! Für mich gab es von Jugend auf nur eins: Soldat werden. Und ich wurde es und war es mit Leib und Seele. Bis dann der große Zusammenbruch kam. Ich wehrte mich dagegen, wollte von Kapitulieren und schmachvollem Frieden nichts wissen. Ich war mit dabei, überall und solange es irgendwo etwas zu kämpfen gab: Im Baltikum, in Oberschlesien, in Berlin gegen die Spartakisten! Aber endlich war auch das zu Ende – was nun? Ich versuchte es mit der Juristerei, doch das Studieren liegt mir nicht. Ich bringe die nötige Sammlung und Ausdauer nicht auf. Dann ging ich in die Landwirtschaft – aber dieselbe Geschichte, bald lief ich auch da wieder davon. So bin ich denn schließlich bei meinem Vater untergekrochen. Aber ich bin mir keinen Augenblick im Zweifel darüber, daß es eben nur ein Unterschlupf ist. Ich bin noch viel weniger zum Kaufmann geschaffen als zum Juristen oder Landwirt. Aber was soll ich anfangen? Irgendwas mußte doch mit mir werden!«

Es klang eine geheime Angst aus seinen Worten, die Frau Elga mit herzlicher Teilnahme erfüllte. Und sie tröstete ihn:

»Auch Sie werden sich schon noch im Leben zurechtfinden. Nur nicht die Zuversicht verlieren.«

Aber er konnte ihr nicht folgen. Mit schwerem Ton erwiderte er:

»Ich gehöre wohl zu denen, die der Krieg für das bürgerliche Leben verdorben hat. Diese Jahre voll ewiger Spannung und ewigem Wechsel, das Spiel mit der Gefahr, der Nervenkitzel, Tatendrang, Freude am Sieg, das Würfeln um Leben und Tod – wen das einmal richtig gepackt hat, der ist nicht mehr zu gebrauchen für den faulen Frieden! Ja, es ist schon so, ich bin verpfuscht für unser pazifistisches, demokratisches Zeitalter – das ist mir längst klar geworden.«

»Nein, nein, Sie müssen sich so etwas nicht erst einreden!«

Frau Elga begann eifrig auf ihn einzusprechen. Es war ihr, als habe sie das Schicksal hier plötzlich vor eine ernste Aufgabe gestellt, eine Aufgabe, wie sie ihr Frauenherz sich so lange schon ersehnt hatte. Elga war ein im Innersten einsamer Mensch. Ihre Ehe war unglücklich gewesen. Ihr Mann war ein kalter, nüchterner Geschäftsmensch, den, wie sie nur zu bald merken mußte, nur das große Vermögen gelockt hatte, das sie ihm in die Ehe brachte, und mit dem er sein Fabrikunternehmen nach Wunsch ausbauen konnte. Sie hatten keine tieferen Interessen gemeinsam, nur ihr Kind verband sie. Sie liebte dies Töchterchen abgöttisch, mußte es sie doch für alles Glück sonst entschädigen. Aber es war mit seiner zarten Gesundheit ein Gegenstand steter Sorge für sie und kaum zehnjährig wurde es ihr entrissen – damit war das letzte Band gelöst, das sie mit ihrem Mann verknüpft hatte. Die Ehe wurde nun getrennt, und Elga führte seitdem ihr Leben für sich. Sie war meist auf Reisen. Was sollte sie in ihrem vereinsamten Hause? Sie hatte zudem noch nicht viel von der Welt gesehen. Das holte sie nun nach. Sie war überall, wohin Natur oder Gesellschaft sie lockte, lernte Hunderte von Menschen kennen, aber einsam blieb sie überall. Sie fand nirgends jemanden, bei dem es gelohnt hätte, länger zu verweilen. Ein unstetes Kreuz und Quer war es, in ihrer Seele wie in ihren äußeren Wegen. Nirgends Rast, nirgends Halt. Zwar Hände genug hatten sich nach ihr ausgestreckt, aber sie hatte sich ihnen immer wieder entwunden, kühl, im Innersten unberührt. Mit einem Lachen oder auch mit kaltem Spott. Bisweilen auch mit einer leisen Selbstverachtung – wie widerwärtig, diese ewig rege, nur schlecht verhüllte Mannesbegier! Und auch die andern, die ehrlich um sie warben – keiner, der es verstanden hätte, ihr wirklich nahezukommen und aller Wunden ungeachtet, die Dornenhecke ihrer Skepsis zu durchdringen, um unter der Asche ihres Herzens das vielleicht noch glimmende Fünkchen des Glaubens an ein Glück neu zu beleben. Wie sollte er auch! Die Zeit der Märchenwunder war ja vorbei.

So war Elga einsam geblieben im Innersten, ohne einen höheren Zweck ihres Lebens, ohne eine ernste Aufgabe. Sie nutzte niemandem mehr mit ihrem Dasein, seitdem ihr Kind ihr genommen war. Mit tiefem Weh hatte sie es allzuoft nur empfunden. Nun hatte ihr diese Stunde einen Menschen nähergebracht, dessen Leben auch aus dem Gleise geworfen war, den die geheime Angst quälte, was mit ihm werden sollte, der unverstanden war und ohne Hilfe blieb von denen, die ihm am nächsten standen. Da kam ein warmer Drang zu helfen über sie, ein frauliches, herzliches Mitgefühl, in dem etwas Mütterliches war. Die besonderen Umstände, daß er da vor ihr lag, auch körperlich hilflos und auf ihren Beistand angewiesen – mochten dabei stark mitwirken. Und so geschah es denn, daß in Elga Schranken fielen, die sie bisher auch Heinz Bracke gegenüber aufrecht erhalten halte. Sie ging aus sich heraus, zeigte ihm ihr warmes Interesse und suchte ihn innerlich aufzurichten, ihn zu überzeugen, daß sein geringes Selbstvertrauen sicher unbegründet war.

Allmählich verstummte auch sein Widerspruch, aber es war wohl weniger das Gewicht ihrer Gründe, das ihn bezwang, als die herzliche Besorgtheit, die aus ihrer Stimme klang, und das berauschende Glücksgefühl, das ihn durchbebte, wenn sie im Eifer der Rede sich über ihn neigte und ihre weiche Hand auf seinen Arm legte. Oder wenn ihn wohl gar einmal der Hauch ihres Mundes traf. Die düstere Stimmung wich so aus seiner Seele, und nur allzu willig gab er sich den frohen Regungen seines Empfindens, den lichten Gedanken hin, die sie in ihm hervorzauberte.

* * *

Berczi Sandor war heute wieder einmal ganz auf der Höhe. Das Café Kolbinger war bis auf den letzten Platz besetzt, und alles lauschte hingerissen den Klängen der beliebten Zigeunerkapelle. Der ungarische Primas ging während des Spiels von Tisch zu Tisch und, wo es ihn reizte oder ein bevorzugter Gast ihn darum bat, geigte er diesem »ins Ohr«. Von seinem leidenschaftdurchzitterten Bogenstrich wurde die Seele aufgewühlt, hinausgerissen aus Ort und Zeit, untergetaucht in ein Meer wogender Gefühle, bis die glutvollen Rhythmen allmählich wieder abklangen und aushauchten in ein fernes banges Sehnen oder in dunkle Resignation.

Fränze Dietmar, an Wilms' Seite – sie nahmen heut nachmittag ihren Tee hier zu zweit – war ganz eingesponnen in den Zauber der Zigeunergeige. Wilms hatte ihr die Freude gemacht, Berczi heranzuwinken, neben ihrem Stuhl stehend, dicht zu ihr geneigt, spielte nun der Ungar. Er machte es nicht wie andere seiner Zunft, die sich vom Hörer sagen lassen, was er gern haben wollte – nein, er spielte es ganz von selber. Es war wirklich genial, ja nahezu dämonisch, wie er die geheimsten Regungen der Seele erriet, auch jetzt bei Fränze. Die funkelnden Augen saugten sich förmlich an ihrem Antlitz fest, und das kleinste Zeichen dort, ein heimliches Zucken um die Lippen, ein Zittern der Pupille genügten, ihm zu sagen, daß er auf richtiger Fährte war. Es war wirklich so, wie Wilms einmal früher schon in solcher Stunde gesagt hatte: der Berczi geigte einem die Seele aus dem Leib! Da war wohl keiner im ganzen Raum, der sich diesem dämonischen Zauber entziehen konnte.

Fränze Dietmar war vollkommen im Bann seiner berückenden Musik und der Empfindungen, die sie in ihr auslösten. Als ob Berczi ahnte, was in ihr vorging, ihr selber noch unbewußt, hatte er ihr mit den Klängen seiner Geige Stimmungen erweckt und zu vollster Macht beschworen, wie sie sie seit einigen Tagen immer wieder befielen, in Augenblicken der Selbstvergessenheit. Das war zum erstenmal über sie gekommen, als sie neulich auf dem Sportsball Ria glückselig hingegeben in Axel Nibülls Arm gesehen hatte. Seitdem stellte sich dieses geheime Sehnen in ihr immer wieder ein. Etwas Verträumtes, ihrem Wesen sonst ganz fremd, lag bisweilen über ihr, so auch jetzt, wo noch das Singen der Zigeunergeige in ihrer Seele nachzitterte.

Still saß Fränze Dietmar da, das Haupt gesenkt, dem Lichte abgewandt, und nur von Zeit zu Zeit hob sich ihre junge Brust in einem tiefen Atmen. Diese Versonnenheit und Weichheit gab ihr etwas unsagbar Liebes. Mit einem stillen Glücksgefühl gewahrte es Wilms. Er ahnte, was da bei ihr heranreifte – ihm heranreifte.

Aber wie sein Auge so an ihr hing, nahm er plötzlich auch eine seltsame Unruhe in ihren Zügen wahr, und nun sah sie auf. Mit einem Ausdruck fast von Angst ging ihr Blick durch den Raum, um sich dann unvermittelt in einem jähen Erschrecken zu weiten. Mit blassem Antlitz starrte sie unverwandt in derselben Richtung. Selber bestürzt wandte sich Wilms herum und sah jetzt: Da hinten in einer der dämmerigen Nischen saß Ruaz, und seine Blicke bohrten sich förmlich in die Fränzes. Es lag etwas Unheimliches, Verzerrtes in seinem gelblich-fahlen Gesicht, und ein lähmendes Grausen breitete sich von dorther über sie: die Ahnung von etwas Unabwendbarem, dem sie verfallen war.

Wilms, der nun wieder zu Fränze hinblickte, las das alles aus ihren Zügen und erschrak über die Macht, die jener andere immer noch über sie ausübte. Wie sie da saß – völlig willenlos, gebannt wie ein armer kleiner Vogel, den der schillernde Blick der Schlange erstarren macht, so daß er nicht einmal mehr die Kraft zum Fliehen findet! Aber dann loderte es in ihm auf. Zorn, Haß gegen den dort drüben, der es immer noch wagte, seine Macht an ihr zu versuchen, die doch jetzt unter seinem Schutz stand. Und der Wille sprang in ihm auf: dem mußte ein Ende gemacht werden!

Das, was in Wilms vorging, mußte sich wohl in seinen Mienen dem andern verraten, denn Ruaz' Blick ließ jetzt von Fränze ab, schoß spähend und giftig zu ihrem Begleiter hin und heftete sich dann gewaltsam in ein Journal, nach dem er gegriffen hatte. So saß er unbeweglich und kümmerte sich nicht um die beiden.

Es blieb still zwischen Fränze und dem Freund. Ein beklommenes Schweigen. Fränze Dietmar fühlte seinen unausgesprochenen Vorwurf: Wie konnte sie so schwach, so willenlos einem Menschen gegenüber sein, der nicht das leiseste Anrecht mehr an sie hatte, der ihr doch verächtlich sein mußte! Und Wilms hatte damit ja nur allzurecht. Sie war ganz unglücklich über sich selber. Mit einem Male spürte sie wieder in sich all die Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit wie damals, als Wilms sie zum erstenmal gesehen hatte. Und in diesen düsteren Abgrund wollte auch das lichte, frohe Keimen versinken, das sich in ihrem Herzen in diesen Tagen geregt hatte – ja eben erst noch unter den Klängen von Berczis Wundergeige und Ewald Wilms' warmen, erwartenden Blicken, die sie wohl wahrgenommen hatte. Tief traurig saß Fränze so und wagte das Auge nicht mehr zu dem Freunde zu erheben.

Erst ein äußeres Eingreifen brach diese Beklemmung. Aus dem Barraum nebenan traten Lyncker und Morburg, sie wollten weiter zum Ausgang, nahmen aber, als sie die Freunde gewahrten, bei ihnen für einen Augenblick Platz. Sie erzählten, daß einige gemeinsame Bekannte vom Sport, die sie in der Bar getroffen, morgen vormittag für eine Bobfahrt nach Klosters noch einen Teilnehmer suchten. Sie hätten ihrerseits ablehnen müssen, fragten nun aber Wilms, ob er nicht Lust habe, mitzutun. Fränze wußte, daß dieser schon immer nach einer solchen Gelegenheit ausgeschaut hatte, so redete sie ihm denn jetzt zu, und er entschloß sich auch zur Teilnahme. Er erhob sich, um in die Bar hinüberzugehen und das Nötige mit den Herren drüben zu besprechen.

Morburg und Lyncker leisteten Frau Fränze noch eine Weile Gesellschaft; aber Wilms blieb länger fort, als sie angenommen hatten, und sie mußten schließlich aufbrechen, da sie eine anderweitige Verabredung hatten. So blieb Fränze denn allein zurück.

Kaum hatte Ruaz, der hinter seiner Zeitung her alles beobachtet hatte, dies gewahrt, als er sich eilends erhob und zu Fränze herüberkam. Das Herz blieb ihr stehen. Sie wollte aufspringen, davoneilen, zu Ewald Wilms hin; aber die Glieder waren ihr wie gelähmt, und schon saß Ruaz neben ihr. Sein heißer Atem schlug ihr ins Gesicht, wie er nun, zu ihr hingeneigt, ihr mit wutheiserer Stimme zuraunte:

» Der also ist's, um den du mich verlassen hast! Verräterin, Scheinheilige du! – – – Noch bist du nicht sein, doch ich sah's vorhin, du sehnst dich nach ihm – – – o, du!« Ein Laut voll ungezügelter Wildheit brach von seinen Lippen, und hart setzte er die geballte Faust dicht vor sie auf die Tischplatte. »Aber laß dir eines sagen: Ich gönne dich keinem andern. Merk' ich, daß da was zwischen Euch ist – ich schieß' dich über den Haufen und ihn dazu. Also hüt' dich!«

Mit einem Lächeln, als habe er ihr eben die größte Liebenswürdigkeit gesagt, stand er auf, verabschiedete sich von ihr unter einer tiefen Verbeugung und ging auf seinen Platz hinüber. Ganz zerschmettert blieb Fränze zurück. Aber es war nicht allein das Entsetzen über den Ausbruch dieser wilden Leidenschaft, noch ein anderes war ihr geschehen. Eine rohe Hand hatte da nach etwas gegriffen, das sich zart und scheu in ihrem Innern verbarg. Nun war es ihr wie entweiht, geschändet. Sie hätte laut aufweinen mögen. Mit brennenden Augen, eine heiße Röte auf den Wangen, saß sie so versunken in ihr Leid, daß sie von der lockenden Weise, die Berczis Zauberbogen gerade wieder anstimmte, überhaupt nichts vernahm und auch nicht merkte, wie nun Wilms zurückkehrte. Erst als er neben ihr am Tisch stand, gewahrte sie ihn und schrak von neuem zusammen.

Wilms entging dieses Zusammenfahren und ihr verstörtes Aussehen nicht. In einem Ahnen des Zusammenhangs suchte sein Blick da Ruaz, und schnell fragte er:

»Hat er etwa gewagt, Sie anzusprechen?«

Fränze hob das Auge nicht. Sie konnte ihm doch nicht sagen, was sich eben begeben hatte, aber sie brachte auch keine Unwahrheit über die Lippen. In tiefer Qual schwieg sie denn, bis ihr seine Worte ans Ohr klangen:

»Habe ich so wenig Ihr Vertrauen? Ich hielt mich doch für Ihren Freund!«

Da bekannte sie, und ihre Augen baten ihm alles ab: »Ja, er war hier, – er hat gedroht! Hat mir mit Erschießen gedroht.«

So, nun hatte sie ihm doch die Wahrheit gesagt. Nur das andere – nein, nein, das konnte sie nicht!

Um Wilms' Mund zuckte es, aber er schwieg. Nur ein dunkler Blick schoß zu dem andern hinüber, und seine Rechte ballte sich unwillkürlich. Der Gedanke, der vorhin in ihm aufgesprungen war, ward nun zum festen Entschluß.

Dann sprach er zu Fränze, ganz ruhig wie zu einem Kinde, dem er erst einmal die Fassung wiedergeben mußte. Sein Auge ließ dabei den Gegner drüben nicht außer acht. Der bereitete inzwischen seinen Aufbruch vor, winkte der Aufwartung, zahlte und erhob sich. Nun war es so weit! Auch Wilms stand auf und wandte sich zur Wand, wo seine Sachen hingen.

»Sie wollen mit Ruaz sprechen?«

In heftigem Erschrecken fragte es Fränze. Ein stummes Bejahen. Wilms war schon im Pelz und griff jetzt zum Hut. Da entrang es sich ihr in höchster Angst:

»Um Gotteswillen nicht! Ruaz ist zu allem fähig!«

Wilms lächelte ungläubig.

»Doch, doch! Er trägt stets einen Browning bei sich. Er schießt Sie nieder!«

»Er wird sich hüten.«

»Er hat es mir angedroht, vorhin. Gehen Sie nicht! Ich beschwöre Sie!« Ihre Augen flehten verzweifelt, und als alles nichts half, bat sie leise, stockend: »Tun Sie's mir zu Liebe!«

Es leuchtete in Wilms' Antlitz auf. Es war, als ob er ihr etwas erwidern wollte, doch er sah eben den Gegner schon an der Ausgangstür stehen. Da nickte er Fränze nur noch rasch zu:

»Ohne Sorge – es geschieht nichts! In ein paar Minuten bin ich wieder bei Ihnen.«

Rasch folgte er Ruaz und holte ihn draußen bald ein. Mit kurzem Gruß, seinen Namen nennend, trat er an die Seite des Brasilianers. Dessen bläßlich-gelbes Gesicht verfärbte sich ersichtlich, und ausweichend trat er einen Schritt zurück. Doch Wilms' Blick hielt ihn gebieterisch fest.

»Sie werden mir schon einige Augenblicke Gehör schenken müssen, Herr Ruaz. Sie haben seinerzeit meinen Brief erhalten. Meiner ausdrücklichen Warnung entgegen, haben Sie es heute wieder gewagt, Frau Dietmar zu belästigen, sogar zu bedrohen; ich –«

»Was geht das Sie an?« In etwas fremdländisch klingendem, aber ganz geläufigem Deutsch schleuderte Ruaz es dem andern ins Gesicht. Wutbebend, leidenschaftverzerrt. »Mit welchem Recht spielen Sie sich als den Schützer Frau Dietmars auf? Mit welchem Recht, frage ich!«

»Mit dem Recht eines Freundes.«

Ein schrilles Hohnlachen antwortete. »Freund – sehr gut! Und Sie glauben wirklich, ich sollte das respektieren?«

»Sie werden es müssen, denn ich schrieb es Ihnen schon neulich: Beim geringsten Anlaß würde ich dafür sorgen, daß die Schweizer Behörde sich etwas um Sie kümmert. Der Anlaß ist jetzt gegeben, und Sie haben nur die Wahl: Entweder Sie verlassen morgen mit dem ersten Zug Davos, oder ich gehe zur Polizei.«

»Ah, Sie –!« Und Ruaz' Rechte fuhr zur Manteltasche.

»Keine Übereiltheit! Sie würden sich damit nur noch mehr schaden.«

Wilms kalte Ruhe brachte den andern wieder zur Besinnung; hochfahrend erklärte er.

»Ich lehne es ab, mir von Ihnen irgendwelche Vorschriften machen zu lassen. Ich werde tun, was mir beliebt.«

»Das ist Ihr gutes Recht, nur werden Sie auch die Folgen tragen müssen.«

»Das werden wir sehen!«

»Unzweifelhaft. Im übrigen betrachte ich unsere Unterhaltung nunmehr als erledigt.«

Leicht grüßend trat Wilms zurück.

Wilms kehrte wieder ins Café Kolbinger zurück. Wohl atmete Fränze Dietmar auf, als sie den Freund wohlbehalten wieder vor sich sah; aber der Druck, der auf ihrer Seele lag, wich trotzdem noch nicht. Sie konnte nicht daran glauben, daß Ruaz das Feld so schnell räumen würde. Schwer lag es auf ihr, und vergebens mühte sich Wilms, ihr die Sorgen wegzuscherzen. – – –

Mit Spannung trat Wilms am andern Vormittag ins Hotel Alberti ein und fragte nach dem Brasilianer. Bedauernd erklärte ihm der Portier, Monsieur Ruaz sei abgereist, heute morgen in aller Frühe. Frohen Herzens eilte Wilms da weiter zur Villa Montana, um Fränze die gute Kunde zu bringen. Aber sie konnte seine Freude noch nicht recht teilen. Sie glaubte nur an irgendeinen Winkelzug des ränkevollen Brasilianers. Als jedoch mehrere Tage vergingen, ohne daß er etwa in einem anderen Hause in Davos wieder aufgetaucht wäre, wie sie befürchtet hatte, begann auch sie frei aufzuatmen. Nun endlich war die Last ganz von ihr genommen, die sich ihr immer wieder auf die Seele gelegt hatte. Ihre alte Fröhlichkeit kehrte ihr da zurück, ja sie konnte nun wirklich erst so recht von Herzen froh sein, und ein heißes Dankgefühl gegen Wilms trat zu all dem, was sie schon für ihn empfand.

* * *

Es waren sorglose, schöne Tage, die jetzt kamen, auch für die anderen des kleinen Kreises, der jetzt wieder vollzählig war, denn Brackes Verletzung war inzwischen ganz ausgeheilt, und er übte schon wieder den Sport aus.

Die Bobfahrt, die Wilms neulich nach Klosters gemacht, war so herrlich und gefahrlos gewesen, daß er sie auch den Bekannten im »Supérior« vorgeschlagen hatte. Es handelte sich hier ja um kein Rennen auf kunstgerecht ausgebauter, vereister Bahn, sondern sozusagen nur um eine Spazierfahrt im Bob auf der großen Landstraße mit ihrem sanften Gefälle und den bequemen Kehren, einer Straße, die überdies für Stunden für den öffentlichen Verkehr gesperrt war, so daß auch die Gefahr eines Zusammenstoßes mit Fuhrwerken nicht bestand. Andrerseits war das Landschaftsbild während der Fahrt so entzückend, daß diese wirklich einen ganz erlesenen Genuß bot. Wilms' begeisterte Schilderung hatte den Freunden im »Supérior« so viel Lust gemacht, daß alle sich entschlossen hatten, mitzutun, und heute wurde der Plan ausgeführt.

Wilms hatte nicht zu viel gesagt – es war nur eine Meinung darüber – die Bobfahrt von Wolfgang nach Klosters hinab war das herrlichste Vergnügen, das man sich denken konnte! Nachdem die kleine Spannung vorüber war, die sich der Damen immerhin bei dieser ihrer ersten Bobfahrt – noch in frischer Erinnerung an Brackes Unfall neulich – bemächtigt hatte, kam ein jubelfrohes Glücksgefühl auch über sie. Konnte es denn etwas Schöneres geben, als so spielend leicht, fast wie im Fluge, dahinzugleiten, den Krümmungen der Straße folgend, mit immer wieder neuen entzückenden Ausblicken hinab ins weite Tal mit seinen dicht verschneiten Wäldern, Weilern und Hütten, alles in strahlenden Sonnenglanz geraucht, darüber der reinblaue Himmel und eine Luft um sie her, frisch und doch lind, die so belebend um die Schläfe strich, die die Brust begierig einschlürfte – kurz, es war wirklich eine Wonne, so geschwind zu Tal zu gleiten, verloren in des Schauens selige Lust. Und das Herrlichste war, man konnte den Genuß erneuern – zwei-, ja dreimal. Es waren Sportszüge bergan eingelegt, die es ermöglichten, mit den Schlitten schnell wieder nach Wolfgang hinaufzukommen, zu abermaliger Abfahrt.

Man hatte diese Möglichkeit voll ausgenutzt, und nun, nach froh getanem Werk, saß man bei ebenso frohem Mahle in der Diele des Silvretta-Hotels zu Klosters vorm flackernden Kaminfeuer. Die Augen blitzten, die Wangen glühten von der frischen Winterluft, und der Sekt perlte in den Kelchen. Noch nie war die Stimmung so glänzend gewesen wie heute unter der Nachwirkung des unvergleichlichen Genusses der Bobfahrten. Die Herzen fühlten sich frei von allen Fesseln.

Wenn Rias und Axels Augen in geheimem Gruß sich trafen, dann leuchtete darin das Glück höchster Erfüllung auf, und Wilms und Fränze war zu Mute wie Kindern vor Weihnachten. Mit leis pochenden Herzen standen sie vor der Tür, die sich ihnen auftun sollte zu strahlendem, beseligendem Glanz. Selbst Elga Tenbrinks Zurückhaltung war besiegt. Aus der mütterlichen Fürsorge und Anteilnahme, die ihr an Brackes Krankenlager entstanden, war noch mehr erwachsen. Es konnte ihr nicht entgehen, daß sich hinter seiner respektvollen Verehrung ein heißes Empfinden verbarg, und trotz aller Zweifel und Beherrschung war Elga Tenbrink doch eben Frau. Es blieb auf sie für die Dauer nicht ohne Eindruck, daß Heinz Bracke, dessen entschlossene, verhaltene Männlichkeit ihr trotz seiner Jugend Achtung abnötigte, ihr in einem so ungewöhnlichen Maße huldigte, daß tatsächlich überhaupt keine andere mehr für ihn da war. Eine solche leidenschaftliche Verehrung erweckte in ihr allmählich einen geheimen Stolz und Freude. So hatte sie doch noch immer Macht über die Herzen! Dies Bewußtsein gab ihr ein Gefühl von Jugend zurück, das von ihrem ganzen Wesen ausstrahlte, das sie leichter, beschwingter machte und die Flammen in Heinz Brackes Brust nur noch heißer auflodern ließ. Mit einem leisen, lieben Lächeln gewahrte und duldete sie es, was ihn vollends entzückte.

Gehoben von dem geheimen Glücksgefühl, das eine jede von ihnen beseelte, waren sich die Damen des Kreises heute noch nähergetreten als schon bisher und, von der hoch aufschäumenden Stimmung der Stunde emporgetragen, hatten sie sich das freundschaftliche Du angetragen. Die Herren hatten ihre Freude daran, wie sich so vor ihren Augen der reizende Kranz der Schönheit flocht, wie Elga, Ria und Fränze sich anmutvoll umarmten und einen schwesterlichen Kuß tauschten.

Nur allzu schnell flogen die Stunden dahin, man mußte plötzlich aufbrechen, um den letzten Zug hinauf nach Davos nicht zu versäumen, aber im Abteil, das die kleine frohgelaunte Gesellschaft allein füllte, ward beschlossen, diesen wundervollen Tag nicht nüchtern ausklingen zu lassen. Man wollte beisammen bleiben, ihn auskosten bis zur Neige, und man einigte sich über den Ort der Tat, das Belvedere-Hotel. Auch nicht erst nach Hause gehen, umständlich Abendtoilette machen! Dabei verflog die Stimmung. Nein, man blieb wie man war im Bobdreß: Breeches und Sportjacke. Wozu war man denn in den Bergen?

So sah man sich denn nun im Belvedere-Hotel nach der passenden Gelegenheit um. Der Speisesaal kam nicht in Frage, zu steif, stimmungslos. Also in die Halle! Nett war es hier schon, diskrete Musik und ein Raum von intimen Wirkungen: die Arrangements der Clubsessel vor der Gobelinspannung über dunklem Eichenholzgetäfel. Vor dem offenen Kamin, von seiner Glut rosig überstrahlt, stand ein junges Mädchen, lässig-schlank, sehr sicher und selbstbewußt, und ließ sich die auf dem Rücken verschränkten Hände wärmen, während zwei Herren im Frack vor ihr standen, bemüht, sie zu unterhalten. Daneben im Sessel eine silberhaarige Dame, in ihr Buch vertieft, zwei ältere Herren beim Schachspiel. Das alles sehr vornehm, aber auch sehr gedämpft, beinahe peinlich still. Unwillkürlich sahen sich die Neueintretenden an – zweifelnd, kopfschüttelnd – das war wohl nicht der richtige Rahmen für die ungebundene frohe Stimmung, die sie vom Sport mitbrachten. Und man schritt durch den Raum hindurch, weiter durch Vestibüle und Korridore, hinüber in die Bar.

Ein altholländisches Interieur empfing sie hier. Dunkel getäfelt, weiß gekalkt, Fenster mit Butzenscheiben, schwere Deckenbalken, ein Kamin mit Delfter Kacheln, schmiedeeiserne Laterne mit gedämpftem bunten Licht. An der Längswand eine erhöhte Estrade mit abgeschlossenen Nischen, Zigeunermusik, Tanz – hier war man am Platz! Es fand sich noch eine unbesetzte Nische, und man schlug dort sein Quartier auf. Die Frohgelauntheit der kleinen Gesellschaft fand neue Nahrung in der neuen Umgebung. Wieder schäumte der Sekt in den Kelchen, und ein jeder gab sich dem sorgenlosen Glück der Stunde hin.

Ria und Elga tanzten mit ihren Freunden. Es wäre schwer gewesen, einer den Preis zuzuerkennen. Frau Elgas reife Schönheit war heute, wo sie ihrem sonst sorglich gehüteten Temperament die Zügel nachgab, berückender denn je; aber dennoch behauptete sich Ria von Treysa neben ihr. Alle staunten immer wieder, was die letzten Tage aus ihr gemacht hatten. Sie war rosig erblüht, ein strahlender Glanz leuchtete auf den Wangen und in den Augen. Alle Quellen ihres Lebens schienen neu erweckt – wahrlich, sie hatte einen Vergleich mit der königlichen Frauenerscheinung Elgas nicht zu scheuen.

Fränze Dietmar sah oft zu ihr hin, wie sie sich im Arm des Freundes nach den Rhythmen des Tanzes wiegte; ahnte sie doch, was dieses Wunder bewirkt hatte. Und bisweilen traf sie ein Blick Rias, wie ein vertrautes, glückseliges Grüßen, in einem unausgesprochenen geheimen Einverständnis. Die beiden saßen auch am Tisch nebeneinander. So geschah es, daß in einem Augenblick, wo die froh schwirrende allgemeine Unterhaltung in der Nische einmal unerwartet aussetzte, Fränze Zeuge der zärtlichen Worte wurde, die Ria gerade an Axel Nibüll richtete. Sie ließen keinen Zweifel über die schrankenlose Vertrautheit dieser Beziehungen.

Ria von Treysa war sich dessen sofort bewußt, aber es verwirrte sie nicht. Voll sah sie Fränze ins Auge und neigte sich dann zu ihr, freundschaftlich den Arm um ihre Schulter legend. So sagte sie rückhaltos:

»Du hast nun einmal gehört, Fränze, wie es um Axel und mich steht. Es wäre sinnlos wollte ich versuchen, es zu vertuschen. Und ich will es auch gar nicht. Ich bekenne mich offen zu meiner Liebe, wenn nötig vor aller Welt. Aber trotzdem bitte ich dich: Mach keinen Gebrauch von dem, was du nun weißt.«

»Wie sollt' ich! Ich freu' mich ja so innig für dich, Ria, und für deinen Axel, daß Ihr Euch gefunden habt. Geahnt hab' ich's freilich schon seit dem Sportball neulich. Und was Ihr Euch seid, das geht je keinen Dritten etwas an. Ich verstehe es, darüber braucht es weiter keine Worte.«

»Ich danke dir, ich hatte es auch nicht anders von dir erwartet.«

»Wie wird sich nun Eure Zukunft gestalten? Seid Ihr Euch darüber schon schlüssig geworden? Axel wird seiner Gesundheit wegen doch wohl auch weiter noch hier bleiben müssen?«

»Du meinst eine Heirat zwischen uns?«

Fränze nickte.

Da schüttelte Ria von Treysa ihr Haupt, und ihre Züge überflog ein tiefer Ernst. So sagte sie:

»An die Ehe können wir nicht denken. Du weißt es ja: Axel muß seines Leidens wegen hier leben, wo sich ihm doch keine Berufsmöglichkeit bietet. Aber selbst wenn es der Fall wäre, würde er ja bei seinem Gesundheitszustand nicht in der Lage sein, ernsthaft einen Beruf auszuüben. Und seine Rente reicht gerade hin, daß er damit auskommt. Wovon sollten da wir beide leben?«

Ein fragender Blick Fränzes traf Ria, und diese verstand.

»Ich weiß, was du sagen willst. Aber auch das ist nicht möglich. Ich bin ohne jedes Vermögen. Was wir einst besaßen, ist seit dem Zusammenbruch nach dem Krieg ein Nichts geworden. Meine Mutter und wir Geschwister leben von der Gnade unserer Verwandten daheim. Du siehst – es gibt also für uns keine Möglichkeit zu heiraten.«

Statt jeder Antwort zog Fränze die Freundin innig an sich. Was sollte sie auch ihr sagen? Aber die Tragik dieser Liebe ergriff sie. Da hatten sich nun zwei einsame Menschen gefunden, ganz füreinander geschaffen; doch im selben Augenblick, wo ihnen die Sonne des Glücks aufleuchtete, senkten sich auch schon düstere Schatten darüber, die alles wieder zu vernichten drohten.

Eine Weile schwiegen beide. Doch nun hob Ria das Haupt. Eine feste Entschlossenheit stand in ihren Zügen, wie sie jetzt zu der Freundin sagte:

»Ich bitte dich noch um eins, Fränze, laß Axel nichts merken von dem, was ich dir eben anvertraute. Er wiegt sich ja noch in Hoffnungen, träumt von allerlei Möglichkeiten, die unsere dauernde Vereinigung doch noch gestatten. Und ich möchte sie ihm nicht zerstören und damit uns beiden die Zeit des Glücks trüben, die uns hier oben beschieden ist. Noch liegen ja ein paar Monate vor uns – erst im März muß ich wieder heim – und ich will sie auskosten, in jedem einzigen Augenblick; ja – auskosten mit vollstem, tiefsten Bewußtsein! Après moi le déluge. Wenn ich hier weggehe, ist es ein Abschied vom Leben, dann vergrabe ich mich in der Moderluft eines Stifts und lasse meine Jugend hinter mir, für immer. – Aber noch leb' ich, und ich will diese kurze Spanne meines Lebens nutzen. Einmal will auch ich glücklich gewesen sein – restlos glücklich! Mag nachher kommen, was will, mag man mich verdammen, mit Steinen werfen – ich nehme mir mein Recht auf Glück, und keiner soll es mir wehren!«

Blaß vor innerster Erregung rief Ria es aus. Fränze sah ihr fest in die Augen.

»Recht hast du, Ria, und keiner wird es dir verdenken, der eines warmen Empfindens fähig ist. Ja, genießt euer Glück, schenkt euch das Höchste, was ihr euch geben könnt. Nur, es will mir gar nicht in den Sinn, daß eure Zukunft wirklich so hoffnungslos sein soll – daß dir nichts anderes bleibt als das Stift.«

»Es gibt nichts anderes.« Ria schüttelte traurig das Haupt. »Was habe ich mir nicht schon den Kopf zergrübelt, aber ich sehe keinen Ausweg.«

»Hallo – seid ihr noch immer nicht fertig mit euren Heimlichkeiten?« Ostmann von Morburg rief es schon ungeduldig über den Tisch herüber. »Ich protestiere energisch gegen diese Privatunterhaltung! Wir wollen auch etwas von den Damen haben – wir armen Stiefsöhne des Glücks, die wir hier ohne Anschluß sitzen – nicht wahr, Lyncker?« nickte er zu dem anderen der Inséparables hin. »Also zurück zu Ihrer Pflicht, meine Damen, uns allen hier das Dasein zu verschönen. Herrschaften –« er hob den Sektkelch, und die übrigen folgten seinem Beispiel – »stoßt an: Es lebe das Leben von Davos!«

Wenn's dem Geschick gefällt,
Sind wir in alle Welt
Morgen zerstreut:
Komme, was kommen mag,
Blitzschein und Wetterschlag,
Morgen ist auch ein Tag –
Heute ist heut!

»Ein Hoch dem Heut

Ria und Fränze wurden so wieder mit hineingerissen in die übermütige Feststimmung der andern. Die Wogen fessellosen Frohsinns schäumten hoch auf, sie trugen den einzelnen hinweg über letzte Widerstände und Hemmungen. Wenn Brackes Blick den Frau Elgas suchte, entzog dieser sich seinem Werben nicht mehr. In ihren Augen lag die weiche, verheißungsvolle Stimmung eines Vorfrühlingstags – nach langer, starrer Wintersnot doch wieder ein Hoffen, ein Glaubenwollen an die sieghafte Sonnenkraft des Lebens. Ja, in einem unbewachten Moment beugte Bracke sich da über ihre Linke, die von der Armlehne ihres Sessels herabhing, die schlanken Finger leicht geöffnet, wie bereit, ein Antlitz zärtlich zu empfangen, das sich in stürmischem Liebesdrang dort hineinschmiegen wollte, und heiß brannten seine alles bekennenden Küsse auf der weißen, kühlen Haut dieser schönen Hand. Elga duldete es geschlossenen Auges, das Haupt ein wenig nach hinten geneigt. Sekunden nur währte diese Selbstvergessenheit, dann richtete sie sich gleich wieder auf und entzog mit einem leisen, grüßenden Druck dem Freunde die Hand; ein rascher Blick brachte ihr die beruhigende Gewißheit, daß niemand in der Tafelrunde das kurze Zwischenspiel bemerkt hatte.

Aber es war dennoch nicht unbeachtet geblieben. An einem Tisch, nahe der Bar, wo mehrere fremde Gäste saßen, deren Blicke sich schon des öfteren mit einem offenbaren Interesse zu der Nische und ganz besonders zu Frau Elga gerichtet hatten, hatte einer der Herren die flüchtige Szene beobachtet, und mit einem boshaften Lächeln machte er rasch seinen Nachbarn darauf aufmerksam. Doch es entging Frau Elga, die nicht ahnte, daß sie dort drüben Gegenstand der Beobachtung war. So gab sie sich weiter ganz unbefangen und überließ sich dem Zauber dieses unausgesprochenen heimlichen Einverständnisses, das sie seit der Minute eben mit Heinz Bracke verband.

Auch Wilms konnte sich der Macht der Stunde nicht verschließen. Er fühlte, ahnte, was rings um ihn vorging, wie Erfüllung und gewährende Verheißung die Herzen in dem Freundeskreise insgeheim höher aufschlagen ließen, und die gewaltsame Beherrschung, die er bisher immer noch bei sich geübt hatte, erschien ihm plötzlich Unnatur. Warum noch länger unterdrücken und verstecken, was doch auch ein Recht an das Leben hatte? Stand denn nicht in Fränzes liebem Antlitz, wie sie so für Augenblicke mitten im frohen Treiben der Gesellschaft still vor sich hin sann, ein sehnendes Harren? Warum sie länger warten lassen? Die Frucht war herangereift – nun war es Zeit, auch für sie beide, sich zu schenken, wonach ihre Herzen verlangten.

Fränze Dietmar fühlte seinen langen Blick, der sie liebevoll umfing. Und nun hob sich ihr Auge dem seinen entgegen. Eine Weile schauten sie sich schweigend an, dann sagte er leise zu ihr:

»Wissen Sie, was ich jetzt möchte?«

»Ich glaube wohl.«

»Allein sein mit Ihnen, Frau Fränze – irgendwo da draußen in der stillen Nacht. Ich habe einen Gedanken – weiß mir einen wundervollen Abschluß dieses herrlichen Tages!«

»Nun?«

»Wir fahren jetzt noch im Schlitten eine Stunde in die Berge, im Mondschein – wir beide, keiner weiter!«

»Entzückender Gedanke!«

»Also wir wollen?«

Sie nickte ihm nur strahlend zu. Da ging er rasch hinaus, bestellte telephonisch einen Schlitten, und es dauerte keine Viertelstunde, bis ihm die Ankunft des Fuhrwerks gemeldet wurde. Zwar erhoben die Freunde Einspruch gegen den vorzeitigen Aufbruch der beiden, doch diese ließen sich nicht beirren. Und nun saßen sie draußen, sorglich in die Pelzdecken eingewickelt, und fuhren hinaus in die klare Mondnacht, zum See hinunter.

Sammetdunkel hing der Sternenhimmel über ihnen, in blendendem Weiß glitzerten die Schneewände links und rechts der Straßen auf, und silberhell klingelte es vom Schellengeläut der trabenden Rosse. Eine unvergleichliche Fahrt! Eng schmiegten sich die beiden aneinander und genossen schweigend die erhabene Schönheit der Winternacht, den traulichen Reiz dieser Zweisamkeit.

»Ist Ihnen auch warm, Frau Fränze?«

Fürsorglich fragte Wilms und legte schützend seinen Arm um ihre Schultern. Sie ließ es gern geschehen. Da suchte seine Linke unter der Pelzdecke ihre Hand, und sie kam ihm auf halbem Wege entgegen. Fest umschlangen sich ihre Finger, und jeder fühlte die Pulse des andern klopfen. Da war es, als ob sich von dem erhabenen, beglückenden Frieden, von der seligen Klarheit des Sternenhimmels über ihnen ein feierlicher Abglanz auch auf ihre Herzen senkte. Und plötzlich hob Wilms die zarte, schmale Hand, die hingegeben in der seinen ruhte, an seine Lippen:

»Fränze – liebe, kleine Fränze!«

Sie antwortete nicht, aber im Mondenschein sah er, wie es in ihren Augen aufleuchtete, und er fühlte den pressenden Druck ihrer Finger. Hand in Hand, das Bewußtsein ihres Glücks in der Brust, fuhren sie so dahin durch die Mondennacht mit ihrem verträumten Zauber. Doch immer stärker ward nun auch in Wilms die Sehnsucht nach einem völligen Alleinsein mit der Geliebten mit der Möglichkeit, auch Worte der Liebe ungestört zu tauschen. Da gab er den Befehl zur Umkehr, und in beschleunigtem Laufe trugen die dampfenden Rosse sie zurück nach Davos, hinaus zur Villa Montana, Fränzes Heim.

Er hatte sich sonst stets an der Schwelle ihres Hauses verabschiedet. Heute geleitete er sie hinauf in ihr Zimmer. Auch Fränze nahm es als selbstverständlich hin, und diese vertrauensvolle Selbstverständlichkeit beglückte ihn unsagbar. Wie er nun zu später Nachtstunde in ihr Gemach trat, das ihm doch wohlbekannt war, kam ein Gefühl von Weiche über ihn, als müsse dieser Raum, der die geliebte Frau beherberge, ihm heilig sein wie sie selber. Sehr zart und behutsam nahm er sie denn, nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, an sich. Aber wie er nun zum erstenmal den Hauch ihres jungen Mundes trank, wie ihm ihr Herz entgegenpochte, da kam es doch über ihn. Immer stürmischer wurden seine Liebkosungen, er sog ihr wild den Atem aus der Brust, bis sie, die es still geduldet hatte, sich endlich seinem Kusse entzog. Das Haupt an seine Schulter gelehnt, sah sie ihn mit halb geschlossenen Augen an.

»Hast du mich denn so lieb?«

»Über alles!«

»Was hast du nur an mir?«

»Du bist, die ich gesucht habe, mein ganzes Leben lang – du liebe, süße, kindhafte Frau. Und endlich hab' ich dich nun, du mein Glück!«

»Wer weiß, ob ich dein Glück werde!«

»Wie kannst du so sprechen!« Er suchte von neuem ihre Lippen, aber sie wehrte ihn ab. Ein seltsamer Ernst, der zu dieser Stunde wenig passen wollte, lag plötzlich über ihrem Antlitz, wie sie zu ihm sagte:

»Ich scherze nicht. Ich bin so schwach, in mir ist so viel Dunkles, vor dem mir mitunter selber graut – ich bin so hilfsbedürftig, brauche immer eine feste Hand, die mich stützt und leitet.«

»Du hast ja nun mich.«

»Aber es wird dir vielleicht eines Tages leid werden, in mir nur immer das große Kind zu haben, du wirst dich sehnen nach der gereiften, gefestigten Frau, und dann –«

Er verschloß ihr den Mund mit seinen Lippen.

»Liebe, kleine Zweiflerin! Gerade so, wie du bist, will ich dich und keinen Deut anders. Gib dich nur ganz in meine Hand, mein Fränzekind, dann ist mir nicht bange um unser Glück.«

Da wichen die Schatten von ihrer Stirn. Sie warf ihm die Arme um den Hals, und zum ersten Male bot sie ihm selber ihre Lippen. Dann legte sie den Kopf zurück und sah ihm tief in die Augen, mit einem langen Blick voll dankbaren Vertrauens.

»Wie gut du zu mir bist!« Noch einmal küßte sie ihn, aber es war eine fast schwesterliche Liebkosung, und nun drängte sie: »Du mußt jetzt gehen.«

In Ewald Wilms regte sich der Mann. Er fühlte, noch war in ihr das Letzte nicht erwacht. Da war immer noch jene Herbheit, die ihn zwar an der Kameradin so entzückt hatte, die er aber in dieser Stunde gern besiegt hätte. Und fester nur nahm er sie in seine Arme.

»Wie – du willst mich verabschieden – kaum, daß wir uns gefunden haben?«

»Es ist ja schon spät – und ich bin müde.«

Sie versuchte, sich ihm zu entwinden, aber er hörte aus ihren Worten heraus, es war ihr nicht ganz ernst mit der Weigerung – wohl eine frauliche Scheu, die erst überwunden werden wollte. Zärtlich flüsterte er ihr da ins Ohr:

»Gut, so ruh' dich erst ein Weilchen aus. Weißt du, wie damals auf unserer Wanderung nach Wiesen. Das war so lieb, wie ich neben deinem Lager Wache hielt. Dort, die Chaiselongue, ich trag' dich hin – ja, mein Lieb?«

Doch die zärtliche Bitte glitt an ihr ab. Ja, es war, als ob gerade sie etwas in ihr herausforderte. Um den Kindermund grub sich plötzlich ein Trotzzug ein, und so erklärte sie entschieden:

»Nein, ich will nun meine Ruhe haben!«

»Holla – man wird rebellisch?« Er lachte herzhaft, und seine Augen blitzten sie an. »Das gibt's ja nicht. Hier wird Ordre pariert! Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.«

Scherzend rief er es und legte zugleich die Arme um ihren Leib, um sie zur Chaiselongue hinüberzutragen. Sie sträubte sich energisch; als er sie trotzdem emporhob, ergab sie sich zwar in ihr Geschick, aber geringschätzig, fast kalt warf sie ihm die Worte hin:

»Ja, mit Gewalt – darauf kannst du stolz sein!«

Die Worte trafen ihn. Er ahnte ja nicht, was in ihr vorging, daß sich in ihr nur spielerisch der Eigenwille aufbäumte, um zu sehen, wie weit sie es mit ihm treiben durfte, in der prickelnden Erwartung, daß er sich von diesem scheinbaren Trotz nicht beirren lassen, daß er der kühl Überlegene sein möchte – der Herrscher über sie, der sie ungeachtet allen Sträubens mit starken Armen hinübertrug, wo sie ihn dann mit aufjubelndem Lachen an sich gezogen hätte. Wilms aber glaubte an den Ernst ihres Widerstandes, an einen Mangel ihres Frauenempfindens ihm gegenüber, der ihn zwar mit Betrübnis erfüllte, den er aber doch ritterlich respektierte. So gab er sie denn plötzlich frei, und sein Ton klang ernst, wie er zu ihr sagte:

»Auf die Gewalt verzichte ich. Was mir nicht freiwillig dargebracht wird, ist wertlos für mich.«

Er hätte aus ihren Mienen, wenn er unbefangen gewesen wäre, deutlich die Enttäuschung herauslesen müssen, so aber hörte er nur wieder den Trotz in ihrer Stimme:

»Auch ganz meine Meinung!«

Und Fränze wandte sich kurz ab, trat vor den Spiegel der Frisiertoilette am Fenster und strich sich ordnend durchs Haar.

Unschlüssig blickte er zu ihr hin. Es kämpfte in ihm, trieb ihn zu ihr, sie an sich zu reißen mit einem Lachen – es war ja doch alles nur Scherz! Aber dann siegte in ihm der Geist der Schwere, und er erklärte:

»Es dürfte wohl das Richtige sein, daß ich mich jetzt zurückziehe.«

Es hatte ironisch klingen sollen, aber es kam so trocken und pedantisch heraus, daß er sich gleich selber darüber ärgerte. Und natürlich blieb die Wirkung bei Fränze nicht aus.

»Jawohl, mein Herr Doktor, ziehen Sie sich zurück!« Ärgerlich, aber mit einem entzückenden Spitzbubengesicht kopierte sie ihn, das Gesicht über die Schulter zu ihm gewandt.

Er wollte erst auffahren, doch plötzlich kam es ihm zum Bewußtsein: Seine lächerliche Steifheit eben verdiente es ja gar nicht besser! Da brach er in ein Lachen aus, und mit drei Schritten war er bei ihr, hatte er sie in seinen Armen und bekannte:

»Ich bin doch bisweilen ein kompletter Narr!«

»Nur ein gar zu tiefgründiger Philosoph und schlechter Menschenkenner. Eine Frau will nicht gebeten sein – warum nimmst du nicht, was ich dir nicht geben will?«

»Ich schätze dich eben anders ein.«

»Ach, du bist so butterweich! Dich könnt' ich bald um den Finger wickeln.«

»So – meinst du?« Belustigt sah er ihr in die Augen, doch es klang wie ein leises Warnen dann weiter aus seinen Worten: »Daß du dich nur da nicht täuschst! Einmal konnte ich dir wohl ins Garn gehen, weil ich dich kleines Frauenzimmer noch immer nicht ganz auskenne mit all deinen Hintergründen. Aber ein zweites Mal passiert es mir nicht.«

Auch sie wurde ernster, und nach einem nachdenklichen Schweigen sagte sie: »In mir ist ein Dämon, der reizt mich manchmal, dem weh zu tun, der mich lieb hat – zu sehen, wie weit ich's mit ihm treiben kann, selbst auf die Gefahr hin, ihn zu verlieren. Es geht mir dann wie damals am Bärentritt, weißt du – eben der Reiz, der im Spiel mit der Gefahr liegt.«

»Sei ohne Sorge, ich halte dich fest wie damals am Abgrund!«

»Ob du mich wirklich wirst halten können, immer – für immer?« Mit einem so seltsamen, ernsten Blick schaute sie ihn plötzlich an, daß es ihn heimlich überlief. »Ich glaube, ich könnte dich doch dazu bringen, daß du an mir irre wirst und dich von mir zurückziehst. Und es treibt mich auch sicher einmal dazu.«

»Fränze, was redest du da!«

»Doch, doch – es kommt so. Denk' an diese Stunde! Dann freilich, was dann kommt –«. Sie brach ab, aber ein todunglücklicher Ausdruck in ihren Mienen sagte ihm das weitere.

»Kind, mein liebes Fränzekind!« Schnell nahm er sie an sich, sehr fest und innig, wie um sie vor solchen Schreckgespenstern zu schützen. Ihm selber war ganz eigen zu Mut geworden, wie sie so sprach mit einem fast visionären Blick. In seinen Armen fühlte sie sich geborgen, und das Antlitz an seine Brust drängend, rief sie:

»Ja, halt mich fest – ganz fest! Ich hab' dich doch so lieb.«

Hingegeben lag ihm Fränze an der Schulter. Er fühlte, sie erwartete, ja wünschte, daß er nun bleiben möchte; aber wie sehr ihn selber auch danach verlangte, er entschied sich anders. Hinter dem Spiel vorhin barg sich doch der Ernst. Es sollte sich bei ihr auch nicht erst der leiseste Gedanke einnisten, daß er zum Gegenstand von Frauenlaunen werden könnte. So nahm er denn, so enttäuscht sie auch war, von ihr Abschied und ging. – – –

Der Aufbruch von Fränze und Wilms hatte in der frohen Runde in der Belvedere-Bar störend gewirkt. Man versuchte zwar noch ein Weilchen die Stimmung zu retten, aber es gelang nicht mehr recht, und namentlich Frau Elga drang darauf, daß man nun endlich auch gehen sollte. Ihrem Wunsche Folge gebend, war Bracke zur Bar gegangen, um die Rechnung zu erledigen. Während er damit beschäftigt war, drangen Bruchstücke der Unterhaltung an sein Ohr, die an einem der Tische hinter ihm geführt wurde, und plötzlich hörte er Frau Elgas Namen nennen. Unwillkürlich horchte er da auf. Es war derselbe Tisch, wo vorher Brackes hingebender Handkuß beobachtet und bespöttelt worden war. Der kleine Zecherkreis, der sich schon in stark vorgeschrittener Stimmung befand, war sich offenbar dessen nicht bewußt, daß seine ziemlich laute Unterhaltung an der Bar gehört werden mußte. So wurde denn Bracke nun ungewollt Zeuge, wie einer der Herren hinter ihm mit lebhafter Freude an seinem Klatsch in einer pikanten Geschichte fortfuhr, mit der er die andern amüsierte.

»... also, was soll ich Ihnen sagen, mit einem Male war das Licht ausgeknipst, alles stichdunkel! Erst allgemeine Verblüfftheit, dann ein Gekicher der Damen, hier und da ein kleiner Aufschrei, aber dann wurde es still, alles war mit der originellen Situation einverstanden. Na, meine Herren, das übrige können Sie sich denken ... Als dann nach zehn Minuten ein Spaßvogel – etwas indiskret, ohne Vorankündigung – das Licht wieder andrehte, da gab es ja manches mehr als pikante Tableau. Kurzum, es war das Tollste, was ich je von einem Bacchanal erlebt habe!«

»Unglaublich! Und die schöne Frau Elga munter dazwischen?«

»Jawohl – die versteht doch einen Spaß!«

Schallendes Gelächter in der Zecherrunde, verständnisinniges Anstoßen mit dem Erzähler, im nächsten Augenblick aber ein Verstummen. Da stand plötzlich am Tisch ein fremder Herr, merkwürdig blaß, doch mit kaltem Blick und forschte befehlend:

»Wer von den Herren hat hier eben die kleine Geschichte zum besten gegeben?«

Ein beklommenes Schweigen, doch die Augen der Kumpane suchten unbewußt den Erzähler. Bracke folgte ihrem Blick, und als der andere sich immer noch nicht selber meldete, sagte er schneidend zu ihm:

»Erst verleumden und dann kneifen – doppelte Erbärmlichkeit!«

»Herr, was unterstehen Sie sich! Was geht Sie überhaupt unsere ganze Unterhaltung an?«

Der Erzähler hatte jetzt seine Fassung wiedergewonnen und sah Bracke frech ins Gesicht. Der erwiderte kurz:

»Wer öffentlich Ehrenkränkungen ausspricht, muß es sich auch gefallen lassen, daß er dafür zur Rechenschaft gezogen wird. Ich ersuche Sie sofort um eine Unterredung unter vier Augen.«

»Ich habe Besseres zu tun, als mich mit Ihnen zu unterhalten, und verbitte mir Ihre Belästigungen.«

Scharf trat das blaue Geäder an Brackes Schläfen hervor und wie Peitschenhiebe trafen seine Worte den vor ihm Sitzenden:

»Wenn ich nicht Rücksicht nehmen müßte auf die hier im Raum anwesenden Damen, dann –«, er brach ab, doch sein Blick vollendete den Satz. Nun glitt er über die andern Herren hin. Bei einem von ihnen bemerkte er Mensurnarben und auch Anzeichen einer gewissen peinlichen Verlegenheit. Dem stellte er sich hierauf mit seinem früheren militärischen Rang vor und appellierte an ihn als Akademiker. Er hatte Erfolg. Der Angeredete folgte ihm in den Vorraum, und Bracke erhielt dort Namen und Adresse des Beleidigers – eines Ingenieurs aus Prag. – Das weitere würde sich dann morgen finden.

Bracke regelte hierauf die Rechnung und kehrte zu seiner Gesellschaft zurück. Seine Unterhaltung drüben an dem fremden Tisch war nicht unbemerkt geblieben.

»Was hatten Sie denn mit den Leuten dort?« rief ihm Ostmann von Morburg gleich entgegen. »Das schmeckte ja ganz nach einer Coramage?«

»I, nicht gar!« lachte Bracke. »Ich entdeckte da in dem Convivium einen alten Bekannten aus dem Felde – der mich dann mal ein paar Augenblicke in Ruhe sprechen wollte. Die andern waren nämlich alle schon stark angeschossen.«

»Ach so, wir glaubten schon –«

»Kein Gedanke!« Und nochmals ließ Bracke sein Lachen hören. Da waren sie alle schnell wieder beruhigt, nur Frau Elgas Blick ruhte auf ihm mit einem geheimen Forschen.

Gemeinsam ging man heim zum »Supérior«-Hotel. Bracke wußte es so einzurichten, daß er und Frau Elga nahe bei den übrigen blieben. Er fühlte, daß etwas sie innerlich beschäftigte, daß sie ihn etwas fragen wollte, dem er unter allen Umständen ausweichen mußte. So waren sie schon bis zu den Terrassen im Vorgarten des Hotels gekommen, da hielt ihn Frau Elga mit leisem Druck des Arms ein wenig hinter den andern zurück und sagte nun halblaut, aber eindringlich:

»Sie verheimlichen mir etwas. Seien Sie doch offen zu mir – Sie hatten vorhin ein Rencontre mit den Herren!«

»Ich bitte Sie, Frau Elga, ich erklärte doch schon –«

»Das war für die andern bestimmt, aber nicht für mich. Ich denke, ich habe Ihr Vertrauen.«

»So sehr, wie nur denkbar, Frau Elga!« Und er beugte sich über ihre Hand. »Aber es war wirklich nichts. Das heißt – Sie haben an sich recht gesehen: Ich mußte in der Tat einen der Herren zur Rede stellen. Es war ein Tscheche, der eine laute Bemerkung machte, die ich als Deutscher nicht gut ruhig hinnehmen konnte. Doch die Sache ist dann von dem andern Herren beigelegt worden – wirklich, Sie brauchen sich nicht im mindesten zu beunruhigen.«

»Hoffentlich haben Sie mir die volle Wahrheit gesagt!« Noch immer bedrückt erwiderte es Frau Elga. In ein Schweigen versunken, ging sie neben Bracke her, den andern nach. Doch kurz vor ihnen sagte sie noch einmal, aus ihrem Sinnen und Sorgen heraus:

»Es war mir vorhin, als ob ich eines der Gesichter dort am Tisch schon einmal irgendwo gesehen haben müßte. Aber wo?«

Bracke zuckte zusammen, doch vollkommen beherrscht, beruhigte er sie:

»Vermutlich war es wohl nur eine Täuschung. Aber schließlich auch möglich. Wieviel Leute laufen einem nicht über den Weg, namentlich wenn man so viel auf Reisen ist wie Sie, Frau Elga. Doch lohnt sich's wirklich, sich deswegen den Kopf zu zerbrechen?«

Sie waren inzwischen wieder bei den übrigen angelangt und traten nun gemeinsam ins Vestibül ihres Hotels. –

Morburg und Lyncker bewohnten zwei benachbarte Räume. Es war ihre Gewohnheit, beim Nachhausekommen stets noch in Lynckers Zimmer eine Weile beisammen zu sitzen, beim Likör und einer Zigarette. Aber als Morburg heute bei dem Freunde erschien, vermißte er diesen an dem gewohnten Platz in dem Sessel. Er fand ihn dann draußen auf der dunklen Veranda, wo er gedankenverloren auf der Brüstung saß und hinabschaute aus das nächtliche Davos.

»So kontemplativ aufgelegt?«

Sich eine Zigarette entzündend, nahm Morburg neben dem Gefährten Platz. Der nickte bloß still vor sich hin und blickte unverwandt weiter ins Dunkel. Nach einer Weile sagte er aus seinen Gedanken heraus:

»Mitunter fragt man sich doch ernstlich, warum man die ganze Komödie noch mitspielt.«

Morburg war nicht weiter überrascht über diese melancholische Anwandlung Lynckers, der noch vor kurzem einer der Ausgelassensten in dem frohen Kreise gewesen war. Das kam öfter vor, ging aber meist ebenso schnell, wie es kam, wieder vorüber. Am besten half dann immer ein schlechter Witz voller Galgenhumor, und so stimmte er jetzt ironisch dem Freunde zu:

»Du hast ganz recht, das Leben wird, auf die Dauer genossen, langweilig; man sollte sich mal verändern. So'n bißchen Seelenwanderung wär' gar nicht übel. Bin mir nur noch nicht klar, welche Inkarnation ich mir bei der nächsten Tour wähle. Schwanke zwischen einem Austernfischer, so heißt ja das schlemmerhafte Vogelbiest wohl, und einem Damenfloh. Hat beides was für sich. Wozu rätst du?«

Lyncker schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich meine das ganz im Ernst. Sag doch selber: Wozu lebt man eigentlich noch? Man trinkt, scherzt, lacht, macht den Clown für sich und andere – warum? Spaß davon hat man im Innern doch nicht, und wenn man eines Tages in dem Zirkus nicht mehr mit aufträte, würde man keinem einzigen Menschen fehlen.«

»Glaubst du, du hättest diese bedeutsame Entdeckung ganz allein gemacht? Das geht doch jedem so – unentbehrlich ist niemand. Man muß eben nicht so arrogant sein, sich das einzubilden.«

»Über das Nichtvermißtwerden hinterher ließe sich schon hinwegkommen, wenn man nur vorher sein Recht am Leben gehabt hätte. Aber daß man nicht das einmal von sich sagen kann! Gerade wenn man einen Tag so wie heut hinter sich hat: Jeder hat da, was ihm Freude gibt, einen Lebenszweck und sei es auch nur von heute auf morgen, man selber aber –?« Er wandte sich langsam ab, noch mehr dem Dunkel zu.

Ein Schweigen trat ein. Dann aber legte Morburg dem Freunde die Hand auf die Schulter:

»Lieber Kerl, darf ich dir einen guten Rat geben? Sieh der kleinen Frau Fränze nicht zu tief in die lachenden Augen – es tut dir nicht gut. Außerdem ist's ein Versuch am untauglichen Objekt. Es ist ja ganz klar: Wilms und sie sind heimlich d'accord

»Als ob ich das nicht selber wüßte! Und ich bin doch auch nicht so blöde, mir einzubilden, dies blühende, sprühende Leben wäre etwa für mich. Es ist eine rein platonische Freude, die ich an ihr habe. Aber kannst du es nicht verstehen, daß einem angesichts eines solch reizenden Geschöpfes, das einem wohltut wie der liebe Sonnenschein, doch einmal wieder Gedanken kommen, die man sich im allgemeinen längst abgewöhnt hat? Daß einen die Sehnsucht packt, auch einen Menschen zu haben, für den man lebt!«

Morburg fand keine Antwort. Nur zu recht hatte ja im Grunde der Freund. Und in dieser Stunde kam ihm die ganze Tragik in dessen Leben wieder einmal voll zum Bewußtsein. Von Geburt an der Anwartschaft auf das höchste Glück beraubt, seit seinem Heranreifen in klarer Erkenntnis dieser Tatsache und doch das Sehnen nach diesem nie erreichbaren Ziel im Herzen – in der Tat, Grund genug zur Melancholie. Ein Leben im Schatten, ohne tieferen Sinn. Aber galt das nicht auch von ihm selber? Stand seine eigne Existenz nicht auf ähnlichem schwankenden Boden, allein gestützt auf die des Freundes? Fruchtlos, nutzlos wie jene. Wenn das Schicksal Lyncker einmal hinraffte, was würde dann aus ihm werden? Also auch er konnte nie daran denken, sich ein eignes Glück aufzubauen. Einsam zu bleiben, leer im Innersten – es war ihrer beider Los.

Ein leises, knipsendes Geräusch von Lyncker her entriß ihn seinem trüben Sinnen und ließ ihn zu dem Freunde hinübersehen. Ein wohlbekannter Laut – richtig, da hatte Lyncker wieder das kleine Lederetui geöffnet und war dabei, die Morphiumspritze zu füllen.

»Du spritzt jetzt wieder recht viel«, warnend sagte es Morburg; aber aus den Worten klang von vornherein die Überzeugung, daß jeder Versuch der Beeinflussung ja doch umsonst war. Und wirklich setzte Lyncker nun auch die Spritze am linken Unterarm an. Kopfschüttelnd sah ihm der Freund zu. »Wenn die Saison hier aus ist, werden wir doch mal eine Entziehungskur machen müssen. So kann das nicht weitergehen.«

»Warum nicht? Es geht ja wunderschön so!« Wiederbelebt schon von dem bloßen Bewußtsein, das gewohnte Reizmittel empfangen zu haben, rief Lyncker es lachend aus und sprang elastisch von der Balustrade zu Boden. »Es hat ja auch gar keinen Zweck, Trübsal zu blasen. Komm' – wir wollen noch einen auf die Lampe gießen und dann schmökern wir noch ein Stündchen.«

Er nahm den Freund am Arm und zog ihn mit sich fort ins Zimmer.

 

*

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.