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Nomaden

Paul Grabein: Nomaden - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleNomaden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160107
projectid9541ab00
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Ewald Wilms hielt vom Balkon seines Zimmers Ausschau. Es war am frühen Morgen. Trotz der vorgerückten Stunde, in der er gestern erst zur Ruhe gekommen, hatte es ihn jetzt schon emporgetrieben. Ein überquellendes, frohes Kraftgefühl, das dem neuen Tag mit all dem Schönen, was er bringen sollte, ungeduldig entgegendrängte.

Drunten im Tal über dem Landwasser braute noch ein dicker, weißer Nebel, aber darüber hin glitt der Blick hinauf zu den schwarzen Tannen des Mattenwaldes und höher noch zu den Schneehängen der Ischa-Alp, deren Bergkrone fahl in das blasse, kalte Weißblau des Himmels ragte. Nun aber malten sich die Lüfte droben in zarten, rosigen und blauen Pastelltönen. Auf den höchsten Hängen schimmerte ein erster blaßgelber Hauch auf, das emporsteigende Tagesgestirn ankündend, während die Kehrseite der Berge noch im bläulichen Schatten lag. Feierlich still, weiß und kühl, in jungfräulicher Herbheit hob das Tinzenhorn als erstes sein Haupt in den blaßblauen Äther hinein. Unsagbar zart das alles, nur eben ein allererster Anhauch des wiedererwachenden Lebens. Bis dann der erste goldene Sonnenstrahl durch die Scharte des Sertigtales brach, das Auge des Schauenden mit seinem Gleißen blendend. Wie mit einem Zauberschlage begannen nun all die Spitzen, Zinnen und Grate rosig zu erglühen, ein feierlicher Jubelhymnus an das siegreiche Tagesgestirn.

Drunten im Tal aber spielten in der weißen Nebeldecke märchenhafte, dämmrige Regenbogentöne. Dann lichteten sich die Nebel, zerflatterten zu silbrig-weißen Schleiern, aus denen Turmspitzen und Dachgiebel emporwuchsen. Auf der Straße im Tal sah Wilms jetzt auch menschliche Gestalten aus dem Nebelmeer auftauchen; seltsam unkörperlich, schattenhaft schwebten sie dahin. Bis die Sonne sich ganz durchgekämpft hatte und ihre Strahlen sich drunten im Spiegel der Eisbahn brachen.

Nun allüberall auf Schneefeldern, Dächern und Berghängen ein tausendfaches Gleißen und Glitzern, wie wenn sie mit Milliarden von Demanten bestreut wären. Die vorhin noch so dunkelernsten Wintertannen am Mattenwald glichen jetzt heiteren, gepuderten Rokokoschönen in silbrigen Perücken, und über den Hochzinnen wölbte sich im strahlenden Sonnengold der Himmel, ganz wolkenlos, von dem tiefen weichen Blau des Südmeers.

Im reizvollen Gegensatz zu der Erhabenheit dieser unberührten Natur stand das Bild der modernen Hotelstadt, das sich nun in dem sonnendurchfluteten Tal enthüllte. Jetzt begann auch dort in all den Hunderten von Häusern und Fremdenpalästen das Leben, rüstete sich ein jeder, um den neuen Tag im Sonnenlande zu begrüßen, die Brust zu kräftigen, gesund zu baden im Sonnenglast und in der balsamisch reinen Luft dieses herrlichen Hochtales.

So warm war es schon jetzt nach wenigen Minuten, daß Wilms, an dessen Bart sich vorhin noch im Schatten Rauhreif gebildet hatte, den leichten Pyjama fast schon als zu schwer empfand. Tief sog er die Luft in sich ein und mit ihr ein nie gekanntes dankbares Glücksgefühl. Allein schon zu leben, sich dieses Sonnenglanzes erfreuen zu können! Und wie er so in wunschlos seliges Schauen vertieft dastand, erschien ihm seltsamerweise Frau Fränzes Bild vor Augen, als ob sie mit dazu gehöre, zu Sonne und jungfrischem Morgen. Und wieder fühlte er in sich jene treibende Ungeduld, die ihn heute schon so früh aus dem Bett gelockt hatte, ein geheimes Mahnen, die Stunden im Sonnenlande zu nutzen. Da schmiedete er allerlei Pläne – der herrliche Tag heute sollte ihnen etwas Besonderes bringen.

Ewald Wilms fand Anklang mit dem Vorschlag, den er unten im Frühstücksraum seinen Bekannten machte. Eine tailing-party nach Clavadel hinauf? – Natürlich, famoser Gedanke! Alles stimmte begeistert zu. Wilms übernahm das weitere, die Schlittenbestellung und Benachrichtigung Fränze Dietmars; denn das war sofort ungeteilte Meinung: die scharmante kleine Frau müsse natürlich mit von der Partie sein. Und sie selber war auch einverstanden. Als Wilms sie telephonisch einlud, sagte sie fröhlich zu. Er wollte mit dem Schlitten bei der Villa Montana vorfahren, und sie würde ihn erwarten.

Als Wilms zur verabredeten Zeit bei Fränze Dietmar erschien, hörte er schon von draußen lustigen Singsang. Beim Öffnen der Tür bot sich ihm ein anmutiger Anblick. Auf dem Tisch, mitten im Zimmer, saß die junge Frau im kurzen Sportrock mit hohen, weißen Gamaschen, eine Laute im Arm, links und rechts von ihr ein Bub und ein Mädelchen, die sie zärtlich umschlungen hielten. So saßen sie zu dritt einträchtiglich beieinander, vergnügt mit den Beinen baumelnd, und Frau Fränze sang ein deutsches Studentenlied, dessen Sinn die kleine Zuhörerschaft zwar nicht verstand, dessen Kehrreim »Jumheidi, jumheida!« sie jedoch freudestrahlend mit den hellen Kinderstimmchen begleiteten.

Beim Eintritt des Besuchs brach Frau Fränze ab, sprang vom Tisch und begrüßte Wilms schelmisch mit einem graziösen kleinen Mädchenknicks: »Guten Tag, Herr Doktor!«

Lachend schüttelte er ihr die Hand und sah zu den Kindern: »Wie kommen Sie denn zu der kleinen Hauskapelle hier?«

»Jockeli und Greteli«, stellte sie scherzhaft zeremoniell vor. »Die Kinder von Madame la Propriétaire. Wir sind schon gut Freund miteinander.«

»Mit wem wären Sie das nicht! Aber nun machen Sie sich fix fertig. – Der Schlitten steht vorm Haus.«

»Gleich bin ich angehost, das geht bei mir im Galopp.«

In der Tat, in wenigen Augenblicken war sie mit seinem Beistand, in Mantel und Shawls eingewickelt, und sie verabschiedeten sich von den Kindern.

Ein frohes Begrüßen drunten mit den Bekannten von gestern Abend, und die Partie setzte sich in Bewegung, die drei Damen im großen Schlitten, die Herren auf den angehängten Rodeln, die in langem Schwanz nachgeschleppt wurden. Die Pferde vorn trabten an, und es gab bald großes Hallo. Die kleinen Anhänger schleuderten gewaltig, und wer nicht fest saß, purzelte bei einer plötzlichen Straßenbiegung wohl gar in den Schnee, zum allgemeinen Spaß, und mußte schleunigst hinterherlaufen, um nicht den Anschluß zu verlieren. So wand sich die Schlittenschlange zwischen Schneewällen den Berghang hinauf.

Es herrschte bald wieder die gehobene Stimmung von gestern abend. Scherzworte, Neckereien, auch Schneebälle flogen hin und her, man kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Es war eine harmlose Fröhlichkeit, eine kindliche Ausgelassenheit, die hier auf den Schlitten, im Sonnenglanz und Schneegefunkel, wie selbstverständlich erschien. Und wieder war, wie gestern abend, der Mittelpunkt dieses heiteren Treibens Frau Fränze, sie selber sprühend von Laune und auf die Einfälle der andern eingehend, bis sie wohl nach einer besonders stürmischen Lachsalve ganz erschöpft um Schonung bettelte:

»Hört auf – Fränzel kann nicht mehr!«

So kam man endlich oben vor dem Gasthof an. Es war inzwischen gegen Mittag geworden, und man stellte rasch ein kleines Essen zusammen. Da die Zubereitung aber noch ein Weilchen dauerte, sah man sich so lange ein bißchen im Orte um. Hierbei bot sich Frau Elga die Gelegenheit zu einem ungestörten Wort mit Bracke. Die ungnädige Art, wie sie ihn neulich behandelt, hatte ihr hinterher, als ihre Mißstimmung verflogen, leid getan, aber sie hatte inzwischen nicht die ungezwungene Möglichkeit gefunden, ihn unter vier Augen zu sprechen. So war es bei einer gewissen Zurückhaltung zwischen ihnen, namentlich von Brackes Seite, geblieben, die sie gerade gestern abend und auch heute vormittag wieder, inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit, mit einem gewissen Bedauern empfand. So wandte sich denn Frau Elga, wie sie jetzt, absichtlich etwas abseits von den andern bleibend, mit Bracke den Weg dahinschritt, ganz offen an ihren Begleiter.

»Ich habe noch ein Unrecht an Ihnen gutzumachen. Wenn ich neulich –«

Sie wollte fortfahren, aber er wehrte ab, ein Aufglänzen in den verhaltenen Zügen:

»Es bedarf keines Worts weiter, Frau Elga. Ich bin glücklich, daß das kleine Mißverständnis zwischen uns aufgeklärt ist, und ich danke Ihnen.« Verehrungsvoll neigte er sich über die Hand, die sich ihm aus dem warmen Muff entgegenstreckte.

Mit einem weichen Lächeln sah Frau Elga zu ihm nieder. Dankbar empfand sie die Ritterlichkeit, mit der er ihr jedes Wort der Entschuldigung von vornherein ersparte, überhaupt seine Gesinnung, die ganze respektvolle Art seiner Huldigung war doch etwas überaus Seltenes. Sie vergaß im Augenblick den Unterschied ihrer Jahre; er wirkte, mit seinen scharf markierten Zügen und seinem beherrschten Wesen ja auch viel älter, als er war. So zeigte sie sich ihm denn zum erstenmal von einer Liebenswürdigkeit, die ihn bei der bisher immer etwas unnahbaren, skeptisch spöttelnden Frau fast verwirrte. Die halbe Stunde, die er jetzt in ungestörter Zwiesprache mit Frau Elga genießen durfte, bedeutete für Bracke ein wahrhaftes Glück. Zum erstenmal fühlte er, daß er ihr etwas näher kam. Allzu früh für ihn kam die Zeit heran, wo man zum Lunch gehen mußte.

Paarweise ging man zu Tisch; die einzigen Herren, die ohne Dame waren, Ostmann v. Morburg und Lyncker, machten Arm in Arm den Beschluß. Fränze, die sich schon gestern abend über die Unzertrennlichkeit der beiden gewundert hatte, – man nannte sie nicht ohne Grund die » Inséparables« – rief ihnen jetzt ein scherzendes Wort darüber zu.

»Sagen Sie, sind Sie etwa Schleswig-Holsteiner: Up ewig ungedeelt?«

»Das nicht, meine Gnädigste,« gab Lyncker zurück, »nur eine eingetragene Schutzgenossenschaft.«

»Schutz? Gegen wen denn?«

»Das ist eigentlich strenges Geheimnis, aber wenn Sie Diskretion versprechen, gnädigste Frau –«

»Verschwiegenheit ist meine stärkste Seite!«

»Nun gut – also: Ich habe einen alten Erbonkel, blödsinnig begütert, aber ebenso verrucht. Ein Weiberhasser, wie er noch nie da war. Stellen Sie sich vor, der Unmensch hat mich zum Universalerben eingesetzt, aber mit der Klausel, daß ich unbeweibten Datums bleibe bis an mein seliges Ende. Mit demselben Augenblick, wo ich mich einem weiblichen Wesen angelobe, fällt das ganze Vermögen einer wohltätigen Stiftung zu, für geschiedene Ehemänner. Da ich nun leider von Natur ein sehr empfängliches Herz habe, so habe ich mit Morburg einen Pakt geschlossen: Er muß mir, wo ich gehe und stehe, zur Seite bleiben als mein warnender Engel – dafür ist er mit dreiunddreißig ein drittel Prozent an der Erbschaft beteiligt.«

»Gott, Sie Ärmster!«

»Ihr Bedauern ehrt mich und spricht für Ihr gutes Herz. Die andern Damen sind so grausam und meinen, ich wäre ein verachtenswerter Materialist.«

»Sind Sie auch, Lyncker!« scholl es ihm lachend entgegen. Während sich der Angegriffene zu verteidigen suchte, wandte sich Nibüll leise zu Frau Fränze:

»Der arme Kerl, der Lyncker, ist wirklich zu bedauern.«

»Ja – ist denn etwa doch etwas an dem, was er sagte?«

»Das natürlich nicht. Aber hinter seinem Scherz versteckt sich die Tragik. Er ist erblich belastet, mit einem Leiden, das ihm die Ehe verbietet. Von Zeit zu Zeit bekommt er Attacken, einen völligen Kollaps, daß er bewußtlos zusammenklappt, wo er gerade geht und steht.«

»Der arme Kerl! Nun versteh' ich auch: v. Morburg ist bei ihm so eine Art besserer Krankenwärter?«

Nibüll nickte. »Offiziell sein Reisebegleiter. Er ist selber ein armer Teufel – aus alter, aber jetzt verarmter Familie, nichts gelernt, ohne Aussichten fürs Leben – so haben die beiden sich gefunden und sind die Inséparables geworden.«

»Wie sich hinter der scherzhaften Außenseite doch oft bitterer Ernst verbirgt!«

Fränze Dietmar sagte es und ließ den Blick voll warmer Teilnahme auf den beiden ruhen, die am unteren Ende der Tafel Platz genommen hatten und deren sprudelnde Laune die tiefen Hintergründe ihres Daseins nicht ahnen ließ. Gerade unter ihrem Einfluß gedieh die Stimmung bei Tisch bald wieder auf jenen Höhegrad wie gestern abend, besonders als man dann, nach beendetem Mahl, noch beim Asti spumante saß. Lyncker, der einige große Schiffsreisen gemacht hatte, kam da auf den Gedanken, allerlei Gymkhana, scherzhafte Konkurrenzen, wie man sie an Bord veranstaltete, auszutragen: Nadeleinfädeln der Herren, Lichtanstecken auf einer Sektflasche am Boden balancierend, »Tandemfahren« der Herren mit verbundenen Augen durch die Damen, zwischen aufgestellten Sektflaschen hindurch, und ähnliche belustigende Einfälle mehr. Dann wurde das Grammophon angedreht und auch noch getanzt.

Das alles war nicht ganz nach Wilms Geschmack. Gelegentlich einmal so etwas, wie zum Beispiel gestern abend, warum nicht – aber immerzu? Still saß er da und schaute in das Treiben der andern. Alle machten sie mit, ausnahmslos. Selbst Frau Elga war heute ganz dabei. Eben wiegte sie sich in Brackes Arm im weichen Bostonschritt vorbei. Entzückend übrigens, wie das aussah! Unzweifelhaft das eleganteste Paar. Selbst Frau Fränze kam dagegen nicht auf. Und seine Augen folgten nun dieser. Ganz Frohsinn, ja überschäumende Lebenslust, flog sie dahin, und glitt immer von einem Arm in den andern. Sobald Lyncker sie freigegeben, stand unfehlbar Ostmann von Morburg schon wieder vor ihr.

Wilms gewahrte es, und das Wort, das er ihr heute morgen beim Singsang mit den Kindern im Scherz gesagt, fiel ihm wieder ein. Es war doch wohl etwas Wahres daran: Zu sehr aller Welts Freund – schade! Ob sich das, was in ihm vorging, in seinen Mienen spiegelte, ob es sich wie in geheimer Gedankenübertragung Frau Fränze mitteilte, diese fing an, zu Wilms hinzublicken, wie er so sinnend dasaß. Nun verabschiedete sie ihren Partner noch während des Tanzes, kam zu ihm an den Tisch und fragte, sich zu ihm setzend:

»Warum tanzen Sie gar nicht?«

»Es liegt mir nicht.«

»Das kann ich mir gar nicht vorstellen – Sie, der Sie doch sonst alles mitmachen!«

»Zum Tanzen muß man inneren Auftrieb haben – es muß einen dazu drängen vor Glück und Leichtbeschwingtheit. Und daran fehlt's mir halt.«

»Schade, ich hätte Sie gern so gesehen!«

»Machen Sie sich um mich keine Gedanken und lassen Sie sich nicht stören. Sie tanzen ja doch gern.«

»Ja, das tue ich, aber es macht mir keine Freude, wenn Sie so still dabeisitzen und mich ansehen – beinahe vorwurfsvoll.«

»Ich bitte Sie, wie kommen Sie darauf?«

»Ich seh's doch und fühl' es.«

Überrascht blickte er zu ihr hin. Das hätte er ganz gewiß nicht gewähnt. Und er wurde nachdenklich. Da hatte er sie also wieder einmal unterschätzt, falsch beurteilt. Bei all ihrer sprudelnden Lebensfreude hatte sie doch Tiefe und Beständigkeit der Gesinnung. Eine seltsame, kleine Frau! Gar nicht so schnell auszukennen, wie es bei ihrer offenen, impulsiven Art schien.

Fränze Dietmar deutete sich sein Schweigen anders. Sie wurde noch ernster, fast traurig, wie sie jetzt sagte:

»Nun geht es mir auch mit Ihnen, wie so manchmal schon: Gerade Menschen, die ich schätze, beurteilen mich falsch. Mein Gott – muß man denn immer gleich oberflächlich sein, wenn man gern vergnügt ist?«

»Sie irren – das heißt, ich will ehrlich sein – ja, ich hatte eine Zeitlang so den Gedanken.«

»Sehen Sie – ich wußte es doch!«

»Aber ich bin eines Besseren belehrt. Und nun bekomme ich Pardon – ja?«

Er sah ihr bittend ins Auge. Schnell wurde sie da wieder fröhlich und nickte ihm zu.

»Ich bin ja so glücklich, daß Sie mich nun besser kennen. Wenn Sie mich falsch beurteilt hätten – es hätte mir weh getan.«

Das Wort berührte ihn eigen, und er gelobte es sich in diesem Augenblick: Nun wollte er ihr wirklich vertrauen und Freundschaft halten.

Frau Fränze ließ den Blick über die andern gleiten, die sich noch immer im Tanz wiegten, dann aber schweifte er hinaus durch die Scheiben der Glasveranda, wo die Schneehänge im Sonnenglanz flimmerten, unter dem seidig blauen Himmel. Sehnsüchtig hob sich da ihre Brust, und jetzt wandte sie sich Wilms zu:

»Wissen Sie, was ich einmal möchte – brennend gern?«

»Nun?«

»Da hinaufwandern, auf die Schneeberge, mit einem guten Kameraden – mit Ihnen!«

»Wirklich, Frau Fränze?«

Der Name, mit dem er sie von Nibüll immer nennen hörte, drängte sich ihm plötzlich über die Lippen, wie etwas Natürliches. Und auch sie empfand es wohl so, denn ihr Auge strahlte noch heller auf.

»Ganz gewiß,« bestätigte sie. »Da droben in der erhabenen Stille fiele wohl all das Kleine von einem ab, und man wäre ganz der, der man eigentlich sein sollte – sein möchte!«

Liebes, großes Kind! Er dachte es mit einer zärtlichen Regung, während er sagte:

»So lassen Sie uns doch hinaufgehen! Ich bin gern dabei. Was wäre wohl das Schönste?«

»Nach Wiesen droben! Ich kenne es zwar nicht, doch hörte ich schon viel davon. Aber zu Fuß müßte man es machen.«

»Natürlich, wenn Sie das leisten könnten?«

»O, ich marschiere glänzend! Sie werden staunen.«

»Abgemacht also!« Und sie besprachen das Nähere über den geplanten Ausflug.

* * *

Noch nie, selbst hier oben im Sonnenlande Davos, war Ria von Treysa die Sonne so leuchtend, so selig leuchtend erschienen wie in diesen Tagen, wo auch in ihrem Herzen ein großes Leuchten strahlend auferstanden war. Nun versank all das trübe Grau, das jahrelang über ihr gelastet hatte.

Rias erste Jugendjahre hatten im vollen Glanze des Lebens gestanden. Ihr Vater, der Graf von Treysa, war Kommandeur eines Garde-Kavallerie-Regiments in Berlin gewesen. So hatten die Eltern in den ersten Kreisen der Residenz, in der Hofgesellschaft, verkehrt, und sie selber hatte auf Kinderbällen mit kaiserlichen Prinzen getanzt. Der Umsturz der Dinge nach dem Kriege hatte diesem Glanz und allen Aussichten ihres Lebens jäh ein Ende gemacht. Der Vater war kurz darauf gestorben, das Vermögen der Mutter völlig entwertet, so daß ihre Verhältnisse mit einem Schlag sehr trübe und eng geworden waren. Sie lebte jetzt mit der Mutter und einer jüngeren Schwester in Rostock, größtenteils auf die Unterstützung der in der Nachbarschaft auf dem Lande ansässigen Verwandtschaft angewiesen.

Ria litt schwer unter diesem Wandel der Dinge. In ihr war viel vom Blut des Vaters, an dem sie noch heute in zärtlichster Erinnerung hing. Sie war sein Liebling gewesen. Der glänzende Kavalier und Reiteroffizier hatte in ihr den Ersatz für den ihm versagten Sohn gesehen. So hatte er denn in ihr auch alle sportlichen Anlagen gepflegt. Er hatte ihr selber Reitunterricht gegeben, und mit bestem Erfolg. Ria ritt schließlich selber Parforcejagden mit und machte sich einen Namen bei Springkonkurrenzen. Sie war eine glänzende Tänzerin und überhaupt in jedem Sport zu Hause. Aber es war auch sonst viel in ihr von dem frisch draufgehenden Soldatengeist des Vaters, daneben freilich auch die Zartheit und Innerlichkeit der Mutter. Jenes geistige Erbteil des Vaters machte ihr nun das Einordnen in die engen Verhältnisse, unter die Vormundschaft der weiteren Familie, von der sie und die Mutter jetzt abhängig waren, sehr schwer.

Ria sehnte sich daher, aus diesem Zwang herauszukommen, ihren eignen Lebensweg zu gehen. Aber als sie mit der Mutter davon gesprochen, etwas zu lernen, um einen praktischen Beruf zu ergreifen, da war diese entsetzt gewesen. Eine Komtesse Treysa als Bürodame oder Angestellte, einfach unmöglich!

Dann hatte es einmal so ausgesehen, als ob sich ihr ein anderer Ausweg bieten sollte. Ein junger Gelehrter von der Universität, dem nach allgemeinem Urteil eine große, wissenschaftliche Zukunft beschieden war, hatte um sie geworben. Sie hatte ihn lieb gewonnen. So trat er denn vor die Mutter. Diese erbat sich Bedenkzeit und berief einen Familienrat. Das Ergebnis: Allseitige Ablehnung. Ein bürgerlicher Privatdozent – keine standesgemäße Partie für eine Treysa, die, solange man denken konnte, nur unter ihresgleichen geheiratet hatten.

Ria hatte sich aufgelehnt gegen diesen Beschluß. Man hatte ihr mit Enterbung und Ausstoßung aus der Familie gedroht. Ihr gleich! Der Mann ihrer Liebe, ihr Lebensglück wog ihr mehr, und ihr war's, als ob der Geist ihres Vaters ihr zur Seite stand. Er hätte das Glück seines Kindes sicher nicht dem Standesdünkel geopfert, um so weniger als der Bewerber aus bestem bürgerlichem Hause stammte und selber ein ritterlicher, vornehm denkender Mann war. Aber gerade an diesem Bürgerstolz zerbrach dann ihr Glück. Der Mann ihrer Liebe erklärte, im Tiefsten gekränkt, er wolle sich einer Familie nicht aufdrängen, die ihn nicht als gleichberechtigt ansähe; andrerseits könne und wolle er auch einen Bruch Rias mit ihrer Mutter nicht verantworten. So zog er sich denn zurück, und alles war aus.

Dies Erleben hatte Ria Treysa auch gesundheitlich erschüttert. Sie litt seitdem an einer starken Blutarmut, und das wurde in Jahr und Tag nicht besser, kamen doch allerlei neue Erregungen hinzu. Von der Verwandtschaft wurden ihr nun andere Bewerber vorgeschlagen, aus ihren Kreisen. Aber die lehnte sie ab, halb aus Trotz, dann aber auch, weil sie ihr Herz unberührt ließen. Das führte zu einer großen Aussprache, bei der sie der Familie endgültig erklärte, daß sie die ihr vorgeschlagenen Bewerber unter keinen Umständen annehmen werde. Nun hatte man beratschlagt, was mit ihr werden sollte. Sie konnte der Mutter, oder besser gesagt, der lieben Verwandtschaft doch nicht zeitlebens zur Last fallen. Da blieb also nur noch eines: man brachte sie in einem Stift unter. Die Familie hatte ja allerlei Beziehungen, und die wollte man nun nutzbar machen.

So war Rias Schicksal denn besiegelt. In irgendeinem toten Winkel im Mecklenburgischen geistig zu verkümmern, langsam schon bei Lebzeiten abzusterben – das war ihr Los! Angesichts dieser Gewißheit verschlechterte sich ihr Zustand noch mehr. Schließlich drängte der Arzt darauf, daß etwas für sie geschah, und ein Winteraufenthalt in Davos wurde ihr verordnet, eigentlich aufgezwungen; denn sie wehrte sich lange dagegen, wußte sie doch, daß die Mittel dazu aus einer Familienstiftung kamen. Nur der Mutter zu Liebe, die sich über all das sehr grämte, gab sie endlich nach.

So war Ria hier heraufgekommen. Anfangs war es ihr Entschluß gewesen, ganz für sich zu bleiben, ihr war auch herzlich wenig nach »Betrieb« zumute gewesen. Aber es war ihr seltsam gegangen. Die Sonne von Davos hatte auch ihr die Eisrinde vom Herzen geschmolzen. Lebensfreude, ja geradezu ein Hunger nach Leben war bald über sie gekommen, wie um sich schadlos zu halten für alles, was ihr vom Schicksal genommen und vorenthalten war. Und vor allem: Sie wußte ja, dieser Winter hier oben war die letzte Gnadenfrist, die ihr das Leben gab – nachher war es mit allem vorbei!

Aus dieser Stimmung heraus hatte sich Ria von Treysa dem engeren Kreise im »Supérior« angeschlossen und hier Axel Nibüll kennengelernt. Von Anfang an hatte es sie zu ihm hingezogen, besonders aber, nachdem sie von seinem Schicksal gehört hatte, das mit dem ihrigen eine gewisse Verwandtschaft besaß.

Nibüll entstammte einer alteingesessenen kurländischen Patrizierfamilie. Soweit die Seinen nicht im Kriege gefallen, waren sie in der Revolution ermordet worden – Eltern, Brüder, Schwestern. Das Haus seiner Väter war ein Raub der Flammen, ihr Besitz von den Bolschewiken aufgeteilt worden. Als letzter eines erloschenen Geschlechts mußte er hier in der Fremde sein Leben fristen. Durch besondere Umstände nur war er dem Schicksal seiner Familie entronnen. Er war schon bei Kriegsausbruch hier oben in Davos gewesen – er war, wie man Ria sagte, nicht ganz taktfest auf der Lunge – und kam dann eben nicht mehr in die Heimat zurück. Er mochte wohl noch irgendeinen Rest seines Vermögens, der im Ausland angelegt war, gerettet haben. Damit schlage er sich nun so durch.

Ria von Treysa war tief ergriffen von diesem schweren Schicksal. Also ein Einsamer, vom Glück Enterbter wie sie selber, war auch Axel Nibüll! Doppelt zog es sie nun hin zu ihm, dessen gute, immer ein wenig schwermütige braune Augen ihr beim ersten Blick schon so gut gefallen hatten. So war Kameradschaft, Freundschaft und endlich Liebe zwischen ihnen erwachsen – diese Liebe, die jetzt ein so seliges Leuchten in Rias Herzen entfachte. Ganz versunken war sie in ihr Glück. Sie dachte nicht an seine Dauer und die praktischen Möglichkeiten, es genügte ihr die beglückende Gewißheit: Sie war nun nicht mehr allein und verlassen; da war ein anderer, der ihr mit jedem Herzschlag gehörte, dem sie Sonne in sein armes Leben strahlte.

Selige Tage waren es, die sie miteinander verlebten. Nur ein Schatten fiel darauf: die Minuten, wo sie ganz ungestört miteinander sein konnten, waren gar so selten. Es wäre dem zwar leicht abzuhelfen gewesen, Zimmerbesuche gehörten ja zu den Selbstverständlichkeiten in Davos, aber Ria verbot ihr Empfinden, ihn zum Besuch bei ihr aufzufordern, und Axel seinerseits schwieg. Er war von einer fast knabenhaft zarten und verehrungsvollen Art gegenüber den Frauen, besonders aber gegenüber einem jungen Mädchen von so sorgsam behüteter Vergangenheit wie Ria. Endlich aber hatte doch sein Sehnen über seine Scheu gesiegt, und er hatte gebeten – stockend, wie selber erschrocken über seine Kühnheit – sie einmal zum Tee bei sich empfangen zu dürfen. Mit einem lieben Lächeln hatte ihn Ria statt jeder Antwort geküßt; sie fand ihn rührend in dieser Schüchternheit, aus der so viel Herzensreinheit sprach. Und so erschien sie denn heute zur Nachmittagszeit bei ihm auf dem Zimmer.

Axel Nibüll hatte versucht, den Raum für diese Stunde, die ihm ein Fest werden sollte, so hübsch wie möglich zu gestalten, aber er sah ihren Mienen gleich beim Eintreten die Enttäuschung an. Es war das übliche, unpersönlich wirkende, kahle Hotelzimmer, das sie empfing.

»Es gefällt dir nicht bei mir?« Traurig sagte es Nibüll, indem er ihr nach der ersten Begrüßung beim Ablegen half. »Ich gebe ja zu, es sieht nicht gerade elegant bei mir aus, aber ich dachte –« und sein Blick streifte die Blumensträußchen, die er hie und da aufgestellt hatte.

»Ich finde das ja rührend, wie du dir Mühe gegeben hast. Hab' tausend Dank!« Und sie küßte ihn innig. Aber dann glitt ihr Blick wieder durch das Zimmer. »Es tut mir nur so leid für dich, daß du in solcher Umgebung jahrein, jahraus leben mußt. Wie schrecklich muß das sein, immer in so einem seelenlosen Raum zu hausen, wo einem auch nicht ein Funken Heimatgefühl kommen kann!«

Sie sann ein Weilchen nach, dann flog es hell über ihre Züge, und lebhaft wandte sie sich zu ihm.

»Du mußt mir etwas versprechen, ja, Axel?« Und als er noch zögerte, drängte sie: »Du sollst ja mir einen Gefallen damit tun. Ich werde doch nun öfter einmal bei dir sein – ich hab' mir das so nett gedacht – weißt du, wir könnten eigentlich immer den Tee hier zusammen nehmen, nicht?« Beglückt schloß er sie in seine Arme. »Nun, siehst du, da muß es doch aber ein bissel nett bei dir ausschau'n. Also, du läßt mich dafür sorgen – ich hab da eine gute Idee.«

Axel gab ihren Bitten schließlich nach, und gleich am nächsten Tag führte sie ihren Plan aus. Es war ihr wieder eingefallen, was ihr Lyncker unlängst einmal erzählt hatte: Es gab hier in Davos den Besitzer eines kleinen Möbelspeichers, der Zimmereinrichtungsgegenstände saisonweise verlieh. Zu diesem Manne ging sie und schloß mit ihm einen Vertrag ab. Sofort mußte er die Sachen liefern, die sie ausgesucht hatte. Dann eilte sie noch in einige Geschäfte und kaufte eifrig dies und das. Sie hatte ja bisher mit den ihr von der Familie zur Verfügung gestellten Mitteln sehr sorgsam gewirtschaftet und allerlei erspart. Nun war es ihr die allergrößte Freude, dem Geliebten wenigstens für die Zeit, die ihnen beiden hier oben beschieden war, ein trauliches Heim zu schaffen.

Axel hatte ihr versprechen müssen, heute den Tag über seinem Zimmer fern zu bleiben, sie wollte ihn mit dem fertigen Arrangement um die Teestunde überraschen. Und alles ging nach Wunsch, die Geschäftsleute hielten Wort, nach dem Lunch war alles geliefert, und sie konnte daran gehen, das Zimmer einzurichten.

Als Nibüll, wie verabredet, dann um fünf Uhr eintrat, blieb er einfach sprachlos an der Tür stehen. Was war aus seinem kahlen, nüchternen Hotelzimmer geworden! Ein ganz entzückendes, trauliches Heim empfing ihn: In der warmen Ecke an der Heizung ein Paar Klubsessel mit weichen, farbenfrohen Kissen um den hübsch gedeckten Teetisch, auf dem ein reizendes Porzellanservice stand. Und am Fenster in einer von einem dreiteiligen Wandschirm mit leuchtenden japanischen Seidenstickereien gebildeten Nische ein zierlicher Korbsessel mit Fußkissen vor einem Nähständer mit lustig buntem Stoffbezug.

Ria war glückselig, als sie seiner Miene ansah, wie sehr ihre Überraschung gelungen war. Nun endlich fand Axel Nibüll Worte und, Tränen in den Augen, nahm er ihre Hände:

»Wie soll ich dir danken! Aber es ist ja ganz unmöglich, was du da tust – das drückt mich ja geradezu zu Boden!«

»Nichts darf dich bedrücken, Axel. Es macht mir ja die allergrößte Freude, wenigstens das für dich tun zu können. Also, es gefällt dir?« Und sie führte ihn näher ins Zimmer.

»Ganz, ganz entzückend ist alles. Am reizendsten aber ist die Ecke dort am Fenster – so ein richtiges Hausfrauenplätzchen.«

»Das soll es auch sein. Du hast mir ja so manchmal dein Leid geklagt, wie sich niemand um dich kümmert und deine Sachen instand hält, so daß vieles nahezu verkommt. Das wird nun ein Ende haben. Jeden Tag nach dem Tee gibst du mir, was ausbesserungsbedürftig ist, und ich bringe dir die Sachen wieder in Ordnung.«

»Das ist doch ausgeschlossen!«

»Warum denn? Meinst du etwa, ich verstände mich nicht aufs Knöpfe annähen oder Strümpfe stopfen?«

»Ria, ich bitte dich –«

Er war geradezu entsetzt bei dem Gedanken, daß die Komteß von Treysa ihm die Socken flicken sollte! Aber sie lachte herzlich auf.

»Meine Mutter hat uns Mädels sehr häuslich erzogen. Das war zu Haus noch allgemein so üblich bei den alten, guten Familien. Du mußt nicht denken, daß wir nichts anderes taten, als Jagden reiten oder bei Hofe tanzen – also, du kannst mir deine Wäsche ruhig anvertrauen, ich verstehe mich auf das Geschäft. Und –« mit einem zärtlichen Blick fügte sie es hinzu, »es wird mich geradezu glücklich machen, das für dich zu tun, was meine Pflicht wäre, wäre ich deine Frau.«

Da sagte er nichts mehr, aber in seinen Augen stand alles, was er empfand.

Sie nahmen den Tee, wobei sie ihn versorgte trotz all seiner Abwehr. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihm die besten Bissen auszuwählen und vorzulegen – richtig wie ein glückliches, junges Ehepärchen saßen sie beisammen. Noch eine Zigarette gönnte Ria sich, dann erhob sie sich und sah zum Nähkörbchen hin.

»So – nun geht's an die Arbeit, gleich heut wird angefangen. Also her mit deinen Invaliden!«

Alles Sträuben half Axel Nibüll nichts, er mußte ihr geben, was der Ausbesserung bedürftig war. Sie selber kniete vor seinen Kommodenschüben und musterte mit kritischem Blick ihren Inhalt. Ein Stück nach dem andern häufte sich da neben ihr auf dem Boden an.

»Wie gut, daß ich kam! Das sieht ja ganz heillos bei dir aus. Das richtige Junggesellen-Elend!« Sie packte sich die Arme voll und erhob sich. »Na, das langt wohl für heute und morgen.« Sie ging zum Fenster und setzte sich in Bereitschaft. »So – und nun holst du ein Buch und liest mir vor. Dann geht die Arbeit flott von statten. Ach, du – ich finde es ja zu lieb so. Ich bin ganz namenlos glücklich.«

Axel Nibüll tat, wie sie ihm geheißen, und setzte sich mit dem Buch vor sie hin, aber mit dem Lesen wurde es nicht viel. Seine Augen glitten von den Seiten weg immer wieder zu ihr hin, die vollkommen in ihre Näherei vertieft war, und plötzlich warf er das Buch weg und sprang auf:

»Ich hab keine Ruhe zum Lesen! Ich muß dich immerzu ansehen – zu lieb sieht das aus, wie du da so schaffst als kleines Hausmütterchen. Und ich muß mal deine fleißigen Hände küssen.«

Schon saß er neben ihr auf dem Kissen, auf dem ihre Füße ruhten, und bedeckte ihre schlanken, weißen Finger mit zärtlichen Küssen. Sie duldete es gern ein Weilchen, nahm aber dann ihre Näherei wieder auf.

Er blieb sitzen, und den Kopf an ihre Kniee gelehnt, sah er schweigend ihrer Arbeit zu. Ein glückseliger Friede, wie er ihn noch nie gekannt, war über ihm; seine Gedanken spannen rosige Hoffnungsträume. Und nun wollte er sie in Worte kleiden.

»Wenn du erst wirklich mein kleines Frauchen bist, Ria, dann –«

Ein banges Atmen klang zu ihm hernieder, und ihre Hände stockten plötzlich. »Ach Axel, das wird ja nie kommen.«

»Wie kannst du das sagen?« Fast vorwurfsvoll gab er es zurück. »Gerade jetzt habe ich mehr Hoffnungen als je. Ich sagte es dir doch neulich, ich sprach mit einem Landsmann, der gute Beziehungen zu zaristischen Kreisen, zu der Umgebung des Großfürsten Nikolajewitsch hat. Die Aussichten auf eine Wiederherstellung geordneter Zustände und einer legitimen Regierung in Rußland sollen danach gar nicht schlecht sein. Im Gegenteil! Und wenn dort erst das alte Regime wieder hergestellt ist, dann ist kein Zweifel mehr, daß auch die Enteignung unseres Familienbesitzes rückgängig gemacht wird. Damit ist aber meine Lage von Grund aus geändert. Dann bin ich wieder ein vermögender Mann und kann eine Frau standesgemäß erhalten.«

Ria, die ihm mit gesenkten Augenlidern zugehört hatte, widersprach ihm nicht. Warum sollte sie ihm mit ihren nur allzu berechtigten Zweifeln das Glück dieser Stunde trüben? So hörte sie ihm denn auch weiterhin willig zu, wie er sich glücklich-froh die Zukunft mit ihr ausmalte. Freilich, eine gewisse Rücksicht auf seine Gesundheit werde er fürs nächste ja noch nehmen müssen, aber das sollte ihr Glück nicht beeinträchtigen. Sie würden ein kleines Chalet hier oben mieten oder besser noch kaufen, eines dieser hübschen Landhäuschen mit vier, fünf Zimmern, und sich dort ein reizendes, kleines Nest aufbauen. Ganz so wie hier. Und er erging sich in liebevoller Ausmalung ihres Zusammenlebens in diesem Tusculum.

Eine Weile sprach er so, ganz begeistert von diesen Zukunftsplänen, ohne daß es ihm aufgefallen wäre, wie still Ria war. Endlich aber gewahrte er es doch und stutzte.

»Du sagst ja gar nichts! Könntest du dir denn nicht solch ein Leben ganz wundervoll denken?«

» Ob ich das könnte!«

»Nun also, dann sprich doch endlich auch einmal ein Wort. Komm, sag' du mir nun, Ria, was du dir ersehnst!«

»Was ich mir ersehne?« Ihre Hände ließen die Näharbeit sinken, und ihre Brust hob sich in einem tiefen Atem. Ihr Antlitz wandte sich, wie in ein träumendes Sinnen verloren, zum Fenster hin, und so sprach sie mit einem sehr innigen Klang, aus dem es bisweilen leise aufzitterte: »Ganz für dich möchte ich leben können. Axel – nur für dich! Vom Morgen bis zum Abend um dich sein, für dich sorgen. Alles möchte ich für dich tun, kein Opfer wäre mir zu groß – selbst wenn ich für dich leiden müßte, wäre es mir noch ein Glück, könnte ich nur dir damit helfen!«

» So liebst du mich?« Ergriffen schaute er zu ihr auf.

»Ja – so liebe ich dich!« Sie wandte ihm die schönen, dunklen Augen zu, die ein weicher Glanz verklärte. Wie eine Madonna! fuhr es ihm durch den Sinn. Sie aber legte ihm die Hand aufs Haupt und fügte hinzu, mit einem schmerzlichen Unterton: »Und so werde ich dich immer lieben – immer, immer!« Wie eine Ahnung kommender tiefer Schatten klang es ihm bang aus ihrem Ton entgegen.

Nibüll vernahm es wohl, legte sich aber den Grund anders aus, als er gemeint war. Er glaubte, daß sie Sorge wegen seiner Gesundheit habe, und so beschwichtigte er sie denn:

»Du mußt dir nicht solche Gedanken machen, Ria. Ich fühle mich wohl wie lange nicht mehr. Auch der Doktor ist sehr zufrieden. Es scheint, ja es ist für mich gar kein Zweifel, daß das Glück, das du mir schenkst, die seelische Ruhe, die Erfüllung allen Sehnens, die ich durch dich gefunden habe, auch auf mein körperliches Befinden vorteilhaft einwirkt. Also fort mit allen dunklen Gedanken, Geliebte! Freuen wir uns auf die Zukunft, die uns ganz vereinen wird!«

Er drückte lebhaft seine Lippen auf ihre Rechte, die ihr zart und blaß im Schoß lag, und sprach dann zuversichtlich weiter, wie er sich schon alles zurechtgelegt habe. Der Schluß der Saison werde sie freilich eine Zeitlang trennen, aber sie müßten es so einrichten, daß sie sich im Sommer träfen, wenn nicht anders in einem deutschen Kurort – ein paar Wochen lang werde er das Tiefland schon vertragen. Und dann im Herbst, spätestens zu Winters Anfang, gäbe es ja das große Wiedersehen hier oben im Sonnenlande Davos. Das müsse sie einfach durchsetzen bei den Ihren! Der Arzt werde ihr schon helfen, und eine Frau, die liebe, fände ja stets Mittel und Wege. Wer weiß, vielleicht wären bis zum Winter auch schon die politischen Verhältnisse in Rußland geklärt, so daß er um sie werben, sie ganz unabhängig von ihrer Familie machen könne – also ihre Wiedervereinigung zum Winter, so oder so, stehe einfach fest!

Mit einem verlorenen, stillen Lächeln hörte Ria seinen Plänen zu, während ihre Linke sanft über sein Haar strich. Aber in ihr schluchzte es mit brennendem Weh. Nie mehr würde es ein Wiedersehen für sie geben! Der Briefwechsel mit der Mutter hatte sie ja davon unterrichtet, daß die Bemühungen der Familie, ihr eine Freistelle im Stift zu verschaffen, Aussicht auf Erfolg gewönnen: die Gruft, die sie bei Lebzeiten schon aufnehmen sollte, harrte ihrer also mit Gewißheit Und er, der sie liebte, der da träumte von allerhand glücklichen Möglichkeiten, er würde sie vor dem Lebendigbegrabenwerden nicht retten können – sie wußte es besser: Ihr Schicksal war besiegelt!

Aber dann brach es plötzlich in ihr durch: die Spanne Zeit, die ihr noch vergönnt war, auskosten – in jeder Minute, in jedem Augenblick! Und sie nahm sein Antlitz zärtlich zwischen ihre Hände.

»Was reden wir so viel von der Zukunft? Ist die Gegenwart nicht mehr wert? Wir haben einander, sind glücklich – laß uns alles andere vergessen!«

* * *

Schon am frühen Vormittag brachen Frau Fränze und Wilms auf, vorsorglich auch mit einigem Mundvorrat versehen. Bis Station Schmelzboden benutzten sie die Bahn, dann aber begann ihre Wanderung. Wie immer brannte auch heute die Sonne heiß vom Himmel nieder; doch milderte ihre Kraft der schneefeuchte Hauch der Luft und die Kühle, die von der beschatteten Hälfte des engen Gebirgstals herüberwehte.

Sie folgten der Straße längs des Wildbachs. Er lag unter einer silberhellen, durchsichtigen Eisschicht. Darunter huschte es unablässig zwischen den Steinen im Bachbett dahin, graubraun, wie flinke Mäuslein – das Wasser, das zu Tal eilte. Hier und da hatten sich an den Felsblöcken vereiste, kleine Kaskaden gebildet. Im Sturz war das Wasser gefroren. Wie unter einer Glasglocke standen die Blöcke da. Wo der Wildbach die Eisdecke gewaltsam gesprengt und die Sonne den Schneebelag darüber zerfressen, zeigten sich noch seltsamere Gebilde: Miniaturdome mit winzigen Säulengalerien und Kuppeln. Einzelne, kleinere Blöcke glichen mit ihren Schneekapuzen zusammengeduckten Zwergen, andere mit ihren weißen Polstern und Lehnen bequemen Sesseln, unendlich weich im Sonnengeflimmer anzusehen mit dem losen, zartdurchleuchteten Belag von blendendem Weiß und bläulichen Schatten.

Und dazu allertiefste Einsamkeit – kein Laut, kein Hauch außer dem geheimnisvollen, dunklen Gluckern des Wassers drunten aus der verborgenen Tiefe des Bachbetts. Kein Zeichen des Lebens, weder von Mensch noch Tier. Nur einmal eine verlorene Spur im Schnee, die Fährte eines Fuchses.

»Wie einzig schön!« Fränze Dietmar rief es, sich umwendend, dem Gefährten zu, doch halblaut nur, um den Zauber der Stille nicht zu stören. »Doch wie im Märchenland! Was bin ich froh, daß ich das nun endlich einmal zu sehen bekomme. Seit Jahren wollte ich es schon, aber nie konnte ich einen Menschen dazu bewegen, mit mir einmal hier herauf zu Fuß zu gehen.«

Ein froher Blick dankte ihm, dann schritt sie behend weiter aus, der jetzt stärker ansteigenden Straße folgend. Wilms ging hinter ihr. Es war in dem hohen Schnee, wohl von Holzfällern, nur ein fußbreiter Pfad ausgetreten, der ein Nebeneinandergehen nicht erlaubte. So hatte er beständig das Bild der vor ihm Wandernden vor Augen und seine helle Freude daran. Ganz jungmädchenhaft sah sie aus, im weißen Tuchrock und den hohen weißen Gamaschen, in der türkisblauen Sportjacke und dem gleichfarbigen kecken Mützchen über dem rosigfrischen Antlitz mit den leuchtenden Augen. Biegsam und federnd waren ihre Bewegungen, von einer eigenen, etwas lässigen Anmut, namentlich wie sie jetzt so vor ihm herschritt, die Hände mit dem Stock hinter sich hauend, ein klein wenig schlenkernd, aber doch immer voll unbewußter Grazie, und sich dazu vergnügt eins pfeifend. Ein bißchen jungenhaft, aber es stand ihr allerliebst. Er konnte sich keinen reizenderen Wanderkameraden denken. Da kam es auch über ihn. Eine jugendliche Froheit. Wie damals, als er in Alt-Heidelberg die bunte Mütze getragen. Und er stimmte mit ein, übernahm bald die Führung, aus dem Pfeifen ward ein Singen, aus dem Wanderlied ein Studentenkantus. Ganz taktfest und textsicher schmetterte sie ihren hellen Sang hinaus in Sonnenschein und Bergesluft, so daß er in einer Pause erstaunt sagte:

»Fabelhaft –, Sie kennen ja das ganze Kommersbuch auswendig!«

»Kein Wunder, habe doch auch meine akademische Bildung! Zwei Vettern von mir, beide flotte Korpsburschen, die immer auf Ferien in unser Nest kamen, haben sich meiner als Backfisch liebevoll angenommen.«

»Und mit bestem Erfolge – das kann ich Ihnen attestieren.«

In fröhlicher Stimmung wanderten sie weiter, bis sie der Anblick der umgebenden Landschaft verstummen machte. Immer höher waren sie, den Windungen der Straße folgend, hinaufgelangt. Immer gewaltiger wurden die Eindrücke der Bergwelt. Sie gingen jetzt im Schatten; so frisch war die Winterluft, daß sie den Hauch ihres Atems sahen. Aber die andere Seite der steil abfallenden Schlucht lag übergossen von blendendem Sonnenlicht, und ganz droben, über den Tannenzacken am Bergfirst, strahlte der tiefblaue Himmel, durchsichtig klar, von einer Reinheit, die die Seele aufjauchzen machte.

Häufig wand sich die Straße durch Tunnels. Fröstelnd schlug es ihnen dort aus der schwarzen Nacht von den spiegelglatt vereisten Wänden entgegen. Eine Grabesluft. Unwillkürlich drängte sich Fränze an ihren Begleiter. Einmal hing sie sich sogar an seinen Arm. »Es ist so unheimlich hier!«

Als sie wieder ins Licht traten, gähnte ihnen eine düstere Klamm entgegen, mit schwarzen Tannen wild verwachsen. An der senkrechten Felsenwand drüben gewaltige graue Eiskaskaden wie die Pfeifen einer Riesenorgel, in mehreren übereinanderstehenden Reihen geordnet. Hinter diesem froststarrenden Vorhang rauschte es unheimlich, mit gespenstigem tiefen Ton – die zu Tal stürzenden Wasser.

»Schauerlich! Wie die Schlucht der verdammten Seelen. Kommen Sie!« Fränze Dietmar beschleunigte ihren Schritt. »Licht, Sonne, Weite – es ist mir doch Lebensbedingung. Hoffentlich sind wir bald droben.«

Doch noch einmal bot sich ihnen ein schauerlich grandioser Anblick an der scharfen Biegung der Straße, am Bärentritt, wo sich in das Längstal von rechts eine andere Schlucht hineinzwängte. Eine Felsenwildnis von ungeheurer Zerrissenheit, wie der Schauplatz einer Gigantenschlacht! Schreckgebannt starrte Fränzes Auge in den unheimlichen Bergkessel. Wohin der Blick fiel, überall steile, zerklüftete Felswände von dräuendem Dunkel. Aus der Querschlucht stürzte sich ein Wasserfall Hunderte von Metern hinab in die Tiefe. Jetzt hatte ihn der Frost erstarren lassen. In einem unerhört steilen Bogen, wie von Zaubermächten gebaut, führte so eine schmale Eisbrücke von der schwindelerregenden Höhe hinab in den Abgrund. An einer Stelle war ein Stück geborsten; da sah man den Staub des niederpeitschenden Wassers. Tief, tief drunten am Boden des Bergtrichters wirbelte, kochte, brandete es – eine dumpf heulende Bestie, weißen Gischt vor dem Rachen.

Fränze Dietmar, die sich weit über die Brüstung der Schutzmauer am Straßenrand gebeugt hatte und nun in die Höllentiefe, in das entfesselte Toben der Naturkraft da drunten starrte, von Schauern geschüttelt und doch dämonisch angezogen, fühlte plötzlich Wilms' Hand sich um ihre Schultern legen. Mit festem Griff zog er sie zurück.

»Es sah ja gerade aus, als wollten Sie sich im nächsten Augenblick dort hinunterwerfen.«

»Es war mir auch bald so! Es ist ganz seltsam,« erzählte sie ihm dann im Weiterschreiten, »schon als Kind immer, wenn ich auf einem hohen Turm oder an einem tiefen Brunnen stand, kam es über mich: Ein Grauen, das mich lähmte und lockte, ein Drang, die Zwangsvorstellung, daß ich mich dort hinabstürzen müßte! Ist das nicht geradezu verrückt? Wie kann man sich ein so unsinniges Spiel der Phantasie nur erklären?«

»Vielleicht ein dunkler Instinkt, ein gegen uns selber gekehrter Trieb der Lebensbehauptung: Im Spielen mit der Gefahr, indem wir uns das ganze Grauen unserer Vernichtung ausmalen, erfahren wir den höchsten Reiz des Lebens.«

Sie staunte ihn an. »Was Sie nicht alles wissen! Wie Sie über alles nachgedacht haben! Das ist so schön, daß ich mir bei Ihnen immer Rats holen kann. Werde ich Ihnen denn nur nicht langweilig mit meinem vielen Fragen?«

»Im Gegenteil, es macht mir Freude, bei Ihnen den Mentor zu spielen. Sie sind ja eine dankbare Schülerin.«

»Jetzt ja – aber als Kind herzlich wenig«, bekannte sie. »Mich mit den Jungens 'rumzubalgen, auf die Kirschbäume zu klettern oder sonst irgendwas auszufressen, das war weit mehr nach meinem Geschmack, als mich der Weisheit zu befleißigen.«

»Weiter kein Unglück, Musterkinder waren nie mein Fall.«

»Na, da hätten Sie Freude an mir erlebt!« Frau Fränze lachte hell auf und beichtete dann fröhlich allerlei Jugendstreiche.

Während sie so weiterschritten, ward der Weg allmählich bequemer, das Tal weiter, die Wildheit der Landschaft verlor sich. Nur einmal noch mahnte sie ein Anblick an die Schrecken des Hochgebirges: Ein alter Lawinensturz am jenseitigen Hang. Auf die ausgezehrte, schwärzlich-graue Masse, die den Saumpfad drüben auf ein breites Stück verschüttete, hatte sich die helle Decke des Neuschnees gelegt. Schmelzwasser hatten in dem mächtigen Schneehügel ein hohes Gewölbe ausgehöhlt mit dunkel gähnendem Torbogen, als ginge es dort hinein in ein unheimliches Labyrinth.

Doch dann waren sie wieder droben im freien, frohen Sonnenlicht. Eine Holzablage war hier an der Verbreiterung der Straße. Anheimelnd wehte zu den Wanderern der harzige Duft der frischgeschälten Tannenscheite herüber, die im Sonnenglast wie riesige Goldbarren flimmerten. Dabei ein Fuhrwerk, Menschen, Leben – frei atmete unwillkürlich die Brust auf nach der beängstigenden Einsamkeit der Bergwildnis.

»Grüezdi!« Mit ihrem einheimischen Gruß winkte Frau Fränze den Waldmenschen im Vorübergehen zutraulich zu. Nicht weit danach tauchte bei einer neuen Biegung der Straße ein Gebäude vor ihnen auf.

»Hurra!« Fränze wies mit dem Stock auf eine Inschrift an der Giebelwand. »Ein Wirtshaus!«

»Ja, aber verlassen.«

»Wahrhaftig!« Nun sah auch sie die leeren Fensterhöhlen, die offenstehende Tür, das schon hier und da zerfallene Dach.

»O, was für eine prachtvolle Spelunke! Hochromantisch!« Und plötzlich blitzte der Übermut aus ihrem Auge, wie sie ihn anlachte. »Eine Opernszene: Rinaldini und die Räuberbraut! Wollen wir uns hier nicht häuslich einrichten? Mein Magen regt sich.«

»Also frühstücken wir!«

»Ausgezeichneter Gedanke!« und schon lief sie in das Haus.

Er folgte ihr. Aber es sah im Innern wenig einladend aus. Alles kahl und ein wüster Trümmerwirrwarr auf dem Boden. Da traten sie bald wieder ins Freie, in die Sonne.

»Wir bleiben wohl besser hier. Und ich weiß auch wo.« Fränze wies zu einem Baumstamm hin, der dicht vorm Hause lag. »Da haben wir ja das schönste Sofa.« Schon saß sie behaglich an die Hauswand gelehnt. »Und nun heraus mit der Futterage! Ich hab' einen Mordshunger.«

Bald lag der mitgeführte Mundvorrat: Schinken, Wurst, Graubündner Dörrfleisch und Butterbrote, auf einer Serviette auf dem Baumstamm zwischen ihnen ausgebreitet, und sie griffen zu.

»O, wie das schmeckt nach dem Marsch!« Schmausend sagte es Frau Fränze und klopfte sich nach Kinderart vor den Magen. Und wirklich wie ein Kind, wie ein Junge kam sie ihm vor, wie sie da saß, lässig hingeräkelt, die Knie hoch übergeschlagen, mit den zierlichen, weißen Fäustchen abwechselnd Brot und Wurst zum Munde führend, in diesem graziösen, kameradschaftlichen Sichgehenlassen, das eben nur ihr möglich war.

Es war ein echt ländliches Mahl, von Scherz und Laune gewürzt. Als sie dann aber fertig waren, lehnte sich Fränze zurück.

»Nun müßte man auch noch Siesta halten können. Ich lasse mich ja so gerne von der Sonne braten. Bin auch ein bißchen müde vom Weg, und es ist die Stunde, wo ich sonst immer meine Liegekur mache.«

»Das können Sie hier auch. Da – nehmen Sie meinen Mantel, und ein Kopfkissen sollen Sie auch gleich haben.«

Wilms ging zum Waldrand, riß von dem Wurzelwerk einer alten Tanne, wo die aufprallende Sonne den Schnee weggezehrt hatte, ein paar Hände voll Moos und machte ihr mit dem übergebreiteten Taschentuch ein Polster für den Kopf auf dem Baumstamm zurecht. Sie streckte sich auf dem improvisierten Lager aus und zog seinen Mantel, den er ihr gereicht hatte, über sich.

»Ein bißchen kriegsmäßig, aber es geht,« lachte sie, sich zurechtkuschelnd. »Na, dann gut' Nacht, Herr Doktor! Halten Sie brav Wacht. Nur ein paarmal rum, dann bin ich wieder ganz lebfrisch.«

Noch ein lustiges Zublinzeln, dann schloß sie die Augen. Regungslos lag sie, und bald verrieten ihre sanften Atemzüge, daß sie wirklich eingeschlummert war.

Wilms hatte auf einem Wurzelstubben in ihrer Nähe Platz genommen und sich eine Zigarette angezündet. Sinnend ruhten seine Blicke auf der Schläferin. Mehr denn je lag auf dem Antlitz der Schlummernden der kindlich-reine, vertrauende Zug und zugleich etwas sehr Zartes, Schutzbedürftiges.

Ein warmes Regen wallte in ihm auf. Wie schön war das, daß sie sich vor ihm ganz ohne Scheu gab, im Vertrauen auf seine Kameradschaft! Und er verlor sich in ein wohliges Sinnen.

Kein Zweifel – er gestand es sich offen ein – Fränze Dietmar begann immer tiefer auf ihn Eindruck zu machen. Und ohne Widerstand gab er sich dem hin. Das war ihm nie mehr geschehen seit jenem schmerzlichen großen Erleben seiner jungen Jahre. Er dachte nicht gern daran – wozu auch an diese traurigen Dinge rühren? – aber heute stiegen die Erinnerungen doch wieder einmal vor ihm auf.

Das war in jener fernen Zeit gewesen, wo er sich als junger Assessor noch auf seinen Beruf vorbereitete. Da hatte ihn das Schicksal einer Frau nähertreten lassen, die sich innerlich vereinsamt fühlte. Sie hatte eine Vernunftehe geschlossen, die sie in äußerst glänzende Verhältnisse brachte, dann aber, wie sie ihm anvertraute, für sie tief unglücklich geworden war. Nach ihrer Schilderung mußte der Mann ein Unwürdiger, ihr Leben an seiner Seite ein fortgesetztes Martyrium sein. Aus anfänglichem Mitleid und zartem Verstehen war da bei ihm eine tiefe, leidenschaftliche Liebe erwachsen, die sie erwiderte. Bei den strengen Auffassungen, die Wilms damals von der Heiligkeit der Ehe hatte, gab es für ihn nur eins: Die Lösung dieser unhaltbaren und unwürdigen Gemeinschaft, damit der geliebten Frau der Weg zu ihm, zu ihrem Glück frei wurde. Als er ihr das sagte, erschrak sie ersichtlich; an diese letzten Folgen hatte sie offenbar nicht gedacht. Sie fand allerlei Gründe, die Entscheidung hinauszuschieben, an die er zunächst noch glaubte. Aber als sie ihn immer wieder vertröstete, drang er schließlich in einer leidenschaftlichen Aussprache so stürmisch in sie, daß sie ihm den entscheidenden Schritt bei ihrem Manne nunmehr versprach.

Ohne eine Minute Schlaf, in fiebernder Erwartung, verbrachte er diese Nacht, die ihm über sein Schicksal Gewißheit geben sollte. Er mußte aber auch noch den ganzen folgenden Tag und wieder eine Nacht voll qualvoller Spannung verbringen, da erst kam ein Brief von ihr. Doch als er ihn überflogen, warf er ihn mit einem bitteren Auflachen beiseite. Die Frau, für die er jeden Augenblick unbedenklich sein Leben hingeworfen hätte, schrieb ihm, er möchte ihr nicht zürnen; sie fände die Kraft zu dem befreienden Schritt doch nicht. Ganz offen sagte sie es ihm: Alle Erwägungen der Vernunft sprächen doch dagegen; er stehe ja noch im Lebenskampf, Jahre könnten vergehen, bis er eine Position errungen, die ihnen beiden eine gesicherte, standesgemäße Existenz ermöglichen würde. Und solch Warten sei so qualvoll. Sie würde dabei altern, vielleicht reizlos für ihn werden, er aber wäre behindert in seinem Vorwärtskommen durch die Rücksichten auf sie. Kurzum, so schwer es ihr falle, es sei besser für sie beide, zu entsagen.

In der Bitterkeit seines enttäuschten Herzens erkannte er so manches Berechtigte nicht an, was an diesen Gründen vielleicht war. Er sah nur das eine: Die Angst um ihre standesgemäße Existenz. Das war also ihre große Liebe, von der er gewähnt hatte, sie würde, wie die seine, nach keiner Äußerlichkeit fragen, nur den einen einzigen Wunsch kennen, dem andern ganz zu gehören! Lüge, Selbstbetrug bestenfalls war also ihre Liebe zu ihm. Der goldene Käfig, in dem sie ihr Mann, den sie doch so verabscheute, hielt, war ihr mehr wert, als sein Herz, das er ihr entgegentrug. Ja, wer wußte, ob all die häßlichen Dinge, die sie ihm von dem Gatten erzählt hatte, überhaupt wahr, ob sie wirklich so schlimm waren, ob sie das alles nicht arg übertrieben, oder wohl gar erfunden hatte, nur um sich interessant vor ihm zu machen? Vielleicht war es ihr nur um ein Erlebnis, eine Sensation, ein Abenteuer zu tun gewesen, und er, der blöde Narr, hatte ihr sein Höchstes und Heiligstes dargeboten!

In jener Stunde fraß sich der Zweifel in Wilms Herz: Der Zweifel an der Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit der Frau. In jenem Brief hatte sie ihn zum Schluß noch gebeten, ihr wenigstens seine Freundschaft zu erhalten. Der Brief blieb ohne Antwort, und er sah sie nie wieder.

Wohl legte sich allmählich die feindselige Bitterkeit, die Wilms Jahr und Tag jeden gesellschaftlichen Verkehr mit Frauen ganz meiden ließ; aber die Skepsis blieb. Er hielt sein Herz fest in der Hand, und wo es späterhin ja noch einmal wärmer empfinden wollte, da rief er alsbald den kalten Verstand und ätzende Zweifel zu Hilfe. Nur allzubald erstarb dann jeder Keim, der leise aufsprießen wollte.

Ruhiger und reifer geworden, war Wilms den Frauen zwar nicht mehr aus dem Wege gegangen, doch er spielte nur mit ihnen, nahm unbedenklich, was sie ihm geben wollten und konnten, und wenn sich das Ende des Spiels nicht von selbst beizeiten ergab, dann sorgte er dafür; zwar immer schonend in der Form, aber mit kühler Entschiedenheit. Und es war seltsam: Gerade diese seine Art schien einen starken Eindruck auf die Frauen zu machen. Er hätte viel, viel mehr noch erleben können als es geschah, wenn er nur gewollt hätte. Doch er war kein Abenteurer. Er nahm nur so viel von dem, was ihm der bunte Lebensreigen bot, als nötig für ihn war, um seinem Gefühlsleben die erforderliche Bewegung zu geben, um es vor gänzlicher Erstarrung zu sichern. Und er war kein Frauenverächter. Im Grunde empfand er Mitleid mit ihrer Schwäche und Unbeständigkeit. Vielen half er sogar, soweit es ihm möglich war, sich wieder im Leben zurecht zu finden. Ja, im letzten Winkel seines Herzens versteckte sich unter Zweifel und Spott sogar wohl immer noch ein Hoffen und Sehnen: Es möchte ihm doch noch einmal eine Frau begegnen, die es verstände, längst begrabene Gefühle wieder zum Leben zu erwecken.

Es wurde ja immer leerer, immer kälter in und um ihn. Alle seine Freunde und Gefährten hatten längst einen eigenen Herd, an dem sie ein warmes Glück hegten, nur er stand abseits. Da hatte er denn doch in den letzten Jahren begonnen, ernster Umschau zu halten. Immer aber vergebens. Jungen Mädchen gegenüber war er besonders bedenklich. Die Scheu vor dem unbeschriebenen Blatt. Wie verheißungsvoll und lockend da manches war, wer wußte, was davon bleiben, was sich daraus mit der Reife entwickeln würde? Sein Beruf ließ ihn ja in gar zu viele Ehen hineinsehen. Bei den Frauen war es wieder ein anderes: sie waren, meist in Schmerzen, wissend geworden und damit selber zweifelnd. Der weiche Schmelz, die anschmiegende, vertrauensvolle Hingabe fehlten.

So hatte er nie gefunden, was er sich insgeheim doch gewünscht hatte. Das Gefühl innerer Vereinsamung und Erstarrung war da immer stärker in ihm geworden, und die Furcht befiel ihn manchmal, es möchte schon zu spät sein: Er würde nie mehr die Frau finden, die all das in sich vereinte, was er in ihr sehen wollte. Bis ihn hier nun der Zufall Fränze Dietmar kennenlernen ließ. Nach anfänglichen Zweifeln, die ihm auch ihr Bild trüben wollten, mußte er doch immer klarer erkennen: Hier war all das, was ihm vorgeschwebt hatte.

Eine wissende Frau, die doch im Innersten noch unberührt, die wahrhaft noch Kind war! Und dazu eine so glückliche Mischung von heiterer Lebenslust und Streben nach ernsteren Dingen, daß sie einmal einem Manne wie ihm wohl alles zugleich sein konnte – Weib, Kind, Kameradin und Geliebte!

Wie Wilms in solchem Sinnen zu der Ruhenden niederschaute, stand in seinen Zügen eine unverhüllte Zärtlichkeit, ein Sehnen: Möchte es doch so werden! Mit Rührung fast blickte er auf das liebe Antlitz, auf den feinen Bug des Busens, der sich ihm unter dem herabgeglittenen Mantel verriet. Wie köstlich mußte es sein, dies reizende, große Kind an sich zu nehmen, es stützen und leiten zu können mit fester Hand – und das Weib, das sich ganz hingebende Weib, in ihr wach zu küssen!

Als ob sie etwas ahnte von seinen Gedanken, huschte es jetzt über ihre Züge wie der Hauch eines Lächelns, und der Mund öffnete sich ein wenig. Noch heißer wallte es da in Wilms auf. Unwillkürlich neigte er sich näher zu ihr hin und sehnender noch umfingen sie seine Blicke. Und wieder war es, als ob sie es körperlich fühlte. Denn plötzlich ging es wie eine Bewegung durch ihre Glieder.

Verwundert gewahrte es Wilms, und ein seltsamer Gedanke kam ihm: Wenn das vielleicht kein Zufall, wenn ihm wirklich eine solche Macht über sie verliehen war? Es ließ ihm keine Ruhe – er mußte es erproben. Und nun saugte sich sein Blick auf ihrem Antlitz fest, unablässig sprühte sein befehlender Wille wie ein magnetischer Strahl zu ihr hin: Werde wach! Ich will es! Werde wach!

Gespannt beobachtete er dabei die Liegende, und wirklich – da! – ein Zucken des Arms, nun des Fußes – jetzt ein Bewegen des Hauptes zur Seite, wie in geheimem Widerstreben.

Stärker spannte Wilms da noch seinen Willen an. Herrisch ward das Fordern seiner Gedanken: Auf! Sofort!! – Und wahrhaftig – nun ein Öffnen ihrer Augen unter schweren Lidern. Schlaftrunken blickte sie um sich, verwundert, verwirrt. Ihre Rechte strich sich unwillkürlich über die Stirn. Nun erkannte sie Wilms und, sich langsam aufrichtend, sagte sie:

»Ich wußte erst gar nicht, was mit mir war. Es war ganz sonderbar eben, ehe ich aufwachte – ich hatte eine so seltsame Empfindung.«

»Einen Traum?«

»Ja, war's eigentlich ein Traum? Ich weiß es nicht, es war alles so dunkel und verschwommen. Ich weiß nur soviel: Ich sollte irgend etwas – und darüber wachte ich auf.«

»Vielleicht ist das alles nicht gar so sonderbar«, mit einem eignen Blick sah er sie an. »Sie sollten wirklich etwas und haben es auch getan.«

Verwundert sah sie ihn an. Da fuhr er fort mit Nachdruck:

»Ich wollte, daß Sie aufwachten, und, sehen Sie – Sie sind's!«

»Wie denn? Mein Erwachen war Ihr Werk?«

Er nickte nur.

»Aber das ist ja schrecklich, was Sie für eine Macht über mich haben!«

Betroffen sah sie ihn an. Da stand er auf, trat zu ihr und streckte ihr beide Hände hin.

»Seien Sie ohne alle Sorge. Ich werde diese Macht nie mißbrauchen.«

Sie ließ ihm ihre Hände. Nun aber machte sie sich frei und erhob sich, immer noch von ihren Gedanken bedrückt. So sagte sie:

»Das habe ich selber gar nicht gewußt, daß ich solch gutes Medium bin. Ich glaubte gerade das Gegenteil.«

»So hat man schon einmal Versuche mit Ihnen gemacht?«

»Ja, in dem Schwarzwald-Sanatorium, wo ich damals den ersten Winter war – Sie entsinnen sich? – versuchte es der Arzt einmal, weil ich so grenzenlos Heimweh hatte, mir mit Hypnose beizukommen; aber ich konnte ihn nicht ausstehen, und so blieben all seine Bemühungen ohne jeden Erfolg.«

»In der Tat, eine gewisse Sympathie ist wohl die Voraussetzung für solche Experimente.« Wilms sagte es mit einem eigenen Ton, und sein Blick traf sie. Doch nun fuhr er scherzend fort: »Sie müssen sich die Sache nicht so arg zu Herzen nehmen. Es kann einem doch schließlich noch Schlimmeres im Leben passieren, als einmal hypnotisiert zu werden.«

Allein sie vermochte auf seinen Ton nicht recht einzugehen. Es klang vielmehr etwas wie eine dunkle, ferne Sorge aus ihrer Stimme, als sie erwiderte:

»Es gibt einem doch zu denken, wenn man so leicht zu beeinflussen ist. Wenn man da einmal in falsche Hände kommt!«

»Das darf eben nicht geschehen. Schließlich, Frau Fränze, gibt es ja auch noch etwas wie einen Willen, und – nicht zuletzt – die gewisse Antipathie, die sich schon einmal bei Ihnen bewährt hat und Sie sicher davor schützen würde, ein Werkzeug in unlauterer Hand zu werden.«

»Da haben Sie recht!«

Erleichtert atmete sie auf. Und rasch lenkte Wilms sie nun von dem Thema ab:

»Es wird nun wohl auch Zeit, daß wir weiter kommen.«

Sie machten sich schnell marschfertig und setzten ihre Wanderung fort. Aber es war nicht mehr so anstrengend, sie blieben jetzt auf sonnenbestrahltem Höhenpfad. In die wundersame, reine Schneeluft mischte sich der reine Harzduft frisch geschlagenen Holzes, und ein feines silberhelles Klingen schlug droben vom Wald zu ihnen her, das Geläut eines Schlittens, der da irgendwo auf verborgenen Wegen fuhr. Noch eine letzte Biegung der Straße, dann waren sie am Ziel – Wiesen lagen vor ihnen, auf einer weiten Hochmatte, im Halbrund von Bergrücken schirmend umfangen. Sommerheiß kochte hier die Luft auf den windgeschützten Schneefeldern. Eng zusammengedrängt wie Herdentiere standen die Häuser, um einander Wärme zu geben. Auf der Dorfstraße kam ihnen ein Lastschlitten entgegen, von Kühen gezogen. Der warme Geruch der Tierleiber mischte sich mit dem starken, anheimelnden Duft des Heus droben vom Stadel auf der eingeschneiten Alm. Tief sog Frau Fränze, die längst ihre muntere Laune wiedergefunden, mit dem feinen Näschen den Hauch ein.

»Wundervoll – so ländlich! Ich bin zu gern im Stall.«

Dann langten sie am Gasthof an. Ein einfaches Dorfwirtshaus, aber davor eine Veranda mit Tischen und Stühlen. Ein mächtiger Bernhardiner lag dort, träge ins Sonnenlicht blinzelnd. Beim Eintreten der Gäste erhob er sich langsam und kam schweifwedelnd zu ihnen heran, um sie zu begrüßen.

»Ein Prachtkerl!«

Fränze Dietmar tätschelte ihm den wuchtigen Kopf. Es war ein reizvoller Gegensatz: Das riesenhafte Tier, voll schwerer Würde, neben der biegsamen Grazie der mädchenschlanken Frau. Wilms' Auge hing mit geheimer Freude an dem anmutigen Bilde. Nun aber ließ sie von dem Hund ab; sich aufrichtend, fiel ihr Blick auf das wundersame Bergpanorama, das sich von hier aus darbot. Da lagen in nächster Nähe all die gewaltigen, hochgekrönten Häupter des Engadins, die man drunten in Davos nur immer als fernen Abschluß des Tals sah. Der Piz Aila, das Tinzenhorn, und wie sie sonst noch hießen, die kühn geformten Zinnen und Zacken.

»Sehen Sie doch nur – ist das nicht unbeschreiblich schön?«

Sie winkte ihn zu sich heran, und dicht neben ihr, an der Brüstung stehend, genoß er mit ihr die Bergschau. Aber so schön diese war, und so sehr er die Natur liebte, mehr noch als all die Herrlichkeit da draußen erfreute ihn ihr Anblick, wie sie mit glänzenden Augen, ganz hingerissen, diese Schönheit in sich hineintrank, ahnungslos, wie schön sie selber in ihrem selbstvergessenen Schauen war.

Inzwischen kam der Wirt, ein echter, biederer Schweizer, und fragte nach ihren Wünschen. Sie bestellten Kaffee und suchten sich dann den besten Tisch aus. Nicht lange und ein Mädchen trug das Gewünschte herzu. Fränze schenkte ein, dabei entdeckte sie, daß die eine Kanne statt der erwarteten Milch Sahne enthielt.

»Sahne – reine Sahne! Und einen solchen Pott voll. Doktor –! bedenken Sie doch bloß – hier oben – zweitausend Meter oder noch mehr hoch! Ist das nicht märchenhaft? Da könnt' ich mich geradezu hineinknien!«

Er mußte lächeln. Dieselbe Begeisterungsfähigkeit, ob eine herrliche Bergaussicht oder ein guter Bissen auf den Tisch – eben Kind, vollkommen Kind! Sie gewahrte sein Lächeln und wandte sich lebhaft zu ihm:

»Natürlich, nun machen Sie sich über mich lustig – Sie schrecklich abgeklärter, über alles Irdische himmelhoch erhabener Herr!«

»Lustig? Nur meine helle Freude hab' ich an Ihnen.«

»Ja, eben wie an einem Kind, das man nicht ernst nimmt. Ich will aber ernst genommen sein!«

»Oho, wie energisch!«

»Nein, ganz im Ernst. Sie verkennen mich.« Es klang wirklich Verletztheit aus ihren Worten. Da sah er sie herzlich an.

»Liebe Frau Fränze, ich verkenne Sie ganz gewiß nicht und weiß schon, wer Sie sind. Aber lassen Sie mir doch die Freude an Ihrer Kindhaftigkeit. Das ist etwas so Liebes an einer Frau – vielleicht das Allerschönste! – Und nun sind wir wieder ganz d'accord, nicht wahr?«

»Selbstverständlich!« Herzhaft schlug sie in seine dargebotene Hand. »Nun, wo ich's weiß. Sie lachen mich nicht heimlich aus, wenn ich mich so gehen lasse. Ich war mir nämlich bisher in dieser Beziehung nicht ganz sicher bei Ihnen. Jetzt aber bin ich's und werde mir keinen Zwang mehr antun. Ach, es ist ja so wundervoll, einen Menschen zu haben, vor dem man gar keine, nicht die mindeste Scheu zu haben braucht!«

Wieder mit einem strahlend glücklichen Blick sah sie ihn an. Da neigte er seine Lippen über ihre Rechte, diese liebe, schmale Kinderhand. Er fühlte sie leise zusammenzucken. Es war das erstemal außer dem konventionellen Gruß beim Willkomm und Abschied, daß er dies tat. Nun stand sie verwundert vor diesem Geschehen. Er ahnte, was in ihr vorging. In völliger Unbefangenheit hatte sie ihm bisher gegenübergestanden, in ihm ausschließlich den guten Kameraden gesehen und mit keinem Gedanken daran gedacht, daß sich bei ihm auch andere Empfindungen einstellen könnten. Nun war sie betroffen, wohl gar erschrocken über diese Wahrnehmung. Sah er doch, wie sie die Augen abgewandt, hinüber zu den Bergen blickte. Aber ihre Gedanken waren anderswo. Und zwischen ihren Brauen stand wieder jene kleine Falte.

Kein Zweifel – noch war in ihr kein Echo des Empfindens wachgerufen, das ihn beseelte. Aber es stimmte Wilms keineswegs herab. Im Gegenteil, diese mädchenhafte Herbheit erweckte ihm ein Glücksgefühl. War sie ihm doch eine neue Bestätigung dafür, daß diese Frau trotz ihrer Ehe, die ja freilich kaum eine gewesen war, und selbst trotz ihres Erlebens mit Ruaz, im tiefsten Wesen noch unberührt war. Der Gedanke, daß er berufen sein könnte, sie zu erwecken, war ihm eine stolze Freude. Aber zugleich sprach eine Stimme der Klugheit in ihm: Nur nichts überstürzen! Er mußte ihr Zeit gönnen, langsam sich entfalten lassen, was da, vielleicht ihr selber noch unbewußt, in ihr aufkeimen wollte.

Ein kleines äußeres Geschehen half ihnen beiden über die Spannung des Augenblicks hinweg. Ein Holzschlitten fuhr vor, der hier eine kleine Rast machen wollte. Die Rosse futterten. Bei jeder Bewegung der massigen Köpfe klangen die Schellen am Kummet, hin und wieder kam ein behagliches Schnaufen aus der Krippe, und als ständigen Unterton zu diesen ländlichen anheimelnden Geräuschen vernahm man ein geheimnisvolles, leises Rieseln und Rinnen vom Schneeschmelzwasser, das aus all den Dachgossen ringsum niedersickerte.

»Ist es nicht wie ein Idyll von anno Dazumal?« Frau Fränze rief es aus. »Hier sollte man einmal ein paar Tage herauf!«

»Das könnt' schon gut angeh'n«, ließ sich der Wirt vernehmen, der eben dem Fuhrmann drüben am Tisch ein Schnäpschen gebracht hatte und in der Nähe stand. »Es haben schon öfters Herrschaften von drunten hier bei mir gewohnt. Ich hab' auch schöne Logierzimmer.«

»Wirklich? Die müßte man sich ansehen!«

Fränze warf einen fragenden Blick auf Wilms, und als der nickte, sprang sie schon eifrig auf.

»Bitte, zeigen Sie sie uns doch!«

Der Wirt schritt vor ihnen her die Stiege hinauf in den Flur des ersten Stocks. Er öffnete ein paar Türen, kleine, etwas dunkle Stübchen, Touristenquartiere von denkbarster Einfachheit. Doch nun schloß er ein größeres und helleres Zimmer auf, wies zu den Fenstern und dann zu den beiden nebeneinanderstehenden Betten:

»Das wär' so was für die Herrschaften! Da würden Sie sich schon wohl fühlen.«

Frau Fränze verbiß sich mühsam ein Lachen. Gott sei Dank! dachte Wilms, die gewohnte Harmlosigkeit hatte also wieder von ihr Besitz ergriffen. Und hinter dem Rücken des Wirts, der jetzt die Fensterflügel öffnete, nickte er ihr belustigt zu, ganz in der alten Kameradschaft. Dann trat er ans Fenster.

»Wirklich – eine herrliche Aussicht.«

Fränze kam zu ihm. »O, wie entzückend!« Und wieder in völliger Unbefangenheit stand sie an dem engen Fenster so dicht bei ihm, daß ihre Schulter die seine berührte und er, wenn sie sprach, den lebenswarmen Hauch ihres jungen Mundes an seiner Wange spürte. Es durchrieselte ihn mit einer nie geahnten Süße, aber seine Mienen verrieten nichts davon. In verschwiegenem Auskosten dieses Glücks blickte er mit ihr auf die Berge hinaus.

Ihr Aufenthalt hier oben in dem idyllischen Bergwirtshaus mußte schließlich ein Ende haben. Sie versprachen dem Wirt, wiederzukommen, und machten sich auf den Heimweg zur Bahnstation Wiesen, tief drunten im Tal. Es war noch eine ziemliche Strecke Wegs, aber es ging jetzt ja bergab und immer auf bequemer Straße. Eine Weile waren sie in heiterem Geplauder dahingeschritten, als eine Kehre der Straße ihnen einen ganz neuen Ausblick eröffnete, so eigenartig und packend, daß sie beide unwillkürlich schwiegen und stehenblieben.

Jennisdorf zeigte sich ihnen dort, auf kleiner Plattform am schwindelnd steilen Absturz der jenseitigen Talflanke beängstigend kühn aufgebaut. Weltverloren lag der winzige Flecken da, inmitten der starren Größe der Gebirgsnatur. Ein paar Hütten und Häuser nur, um ein Kirchlein gedrängt, wie Küken um die Glucke. Schon im Schatten lag der Ort selber; nur auf der steil anklimmenden Schneehalde über ihm verglühte gerade das letzte Abendrot. Nächtiges Dunkel aber gähnte herauf aus der Talschlucht. Ein kalter Hauch strich von dorther, und wie irrende Geister schwebten weiße Nebel über die Tiefe, von wo, fernem Meeresbranden gleich, das Grollen des eingezwängten Wildbachs heraufdräute. Doch sänftigend überhallte das Brausen ein silberheller, friedlicher Klang: Das Ave-Maria-Glöcklein droben von Jennisdorf.

Eine Weile standen die beiden in andächtigem Schweigen. Dann sagte Fränze leise:

»Wie schön, daß wir nun auch das noch haben! Stimmungsvoller konnte dieser Tag gar nicht ausklingen.«

Ihr Auge suchte das seine, innig froh und dankbar. Da nickte er und erwiderte mit verhaltenem Ton:

»Ja, Frau Fränze, es war sehr schön. Und wir wollen uns die Erinnerung an diesen Tag bewahren.«

* * *

Die Davoser Sportsaison brachte das erste größere Ereignis, ein Viersitzerbobrennen. Alles war auf den Beinen, um wenigstens als Zuschauer daran teilzunehmen, darunter auch der kleine Kreis aus dem Supérior-Hotel. Hier hatte man ja ein persönliches Interesse an dem Ausgang. Auch der Bob »Luchs« mit der Supérior-Mannschaft, Bracke am Steuer, startete. Man hoffte zuversichtlich, daß er einer der Preisträger sein würde. So war man denn unterwegs, hinauf zur großen Kurve, wo man besser als drunten am Auslauf, das Rennen mitten auf seiner Höhe beobachten konnte.

An der Station der Schatzalpbahn sah man noch die letzten Bobfahrer, die sich mit ihren schweren eisernen Fahrzeugen zum Start hinaufbefördern ließen. Wie Jockeys waren sie anzuschauen mit den farbigen Mützen und Seidenschärpen über den weißen Sweatern. Dann ging es aufwärts durch den Winterwald. Ein klarer Frosttag, 24 Grad Kälte im Schatten. Der Schnee knirschte unter den Tritten, glänzend weiß glitzerte er zwischen den grünen Tannen im Schein der Sonne, die hier wohlig wärmte. Klar vernehmlich klang die Musik von der Tribüne drunten am Ziel herauf, flotte Märsche, der prickelnde Auftakt zu dem Rennen. Sonst war es köstlich still hier oben, ungestörte Einsamkeit, nur dann und wann ein verlorenes Vogelzirpen. Tief hingen bisweilen die Tannenäste über den Weg und hüllten ihn in heimelige Schatten. Im Gezweig, das die Sonnenstrahlen, da, wo sie es trafen, bloßgelegt hatten, saßen hie und da noch dicke Schneenester, die bisweilen mit dumpfem Schollern zu Boden fielen. Dann und wann bot sich ein freier Ausblick auf das Gebirge drüben mit seinen leuchtenden Schneefirsten und auf die festlich weiße Stadt im Tal. Dann wieder, bei einer Wegbiegung klang aus blaudämmeriger Schneemulde dunkel und geheimnisvoll das Rauschen eines verborgenen Wildbachs herauf.

So kam die kleine Gesellschaft zu der Kurve, die durch eine vorgespannte Leinwand den Blicken entzogen war. Man entrichtete das Eintrittsgeld und nahm dann drinnen, über dem Rand der Kehre, auf hohem Schneewall Aufstellung. Voll Spannung harrte jeder dem Beginn des Rennens entgegen.

Endlich kam ein Hornsignal, schwach, fernher, ganz droben vom Start, und näher trat alles an den Rand der Kurve, den Kopf in der Richtung der erwarteten Schlitten gewandt. Atemlose Stille, ein neues Signal aus nächster Nähe, und nun unvermittelt ein heller, scharfer Ruf »Rechts!«, im nächsten Augenblick ein Schraben, Schultern, und um die Biegung schoß der erste Bob. Nahezu wagerecht an der Steilwand der Kehre hängend, flog der zentnerschwere Schlitten heran, geradenwegs auf die Zuschauer los. Den Frauen stockte das Herz, sie drängten zurück, wenige Fuß vor ihnen sauste der Schlitten knirschend und knackend, aber dem Steuer gehorchend, in der Biegung der Kurve weiter, die Fahrer mit den flatternden Schärpen alle weit nach innen ausgelegt. Kaum erblickt, waren sie wieder verschwunden. Dem Auge schon entzogen, hörte man noch das schrille Kommando: »Eins, zwei – Bob!«, nach dem sich die Mannschaft ruckhaft nach vorn schnellte, um die sausende Fahrt noch zu steigern, dann war alles vorbei. Die Spannung löste sich, lebhafter Meinungsaustausch, Rufe der Anerkennung, lebhaftes Stimmengeschwirr und nun, eine Weile später, drunten vom Ziel her ein schmetternder Tusch, dreimal – der Bob war angekommen, die Fahrt glücklich beendet.

Das nervenerregende Schauspiel wiederholte sich mehrmals, und die Spannung wuchs. Jetzt mußte ja der »Luchs« bald kommen. Und plötzlich war er da. Die schwarz-weißen Schärpen flatterten auf, die Hände ums Steuer geklammert sah man Bracke, hörte sein scharfes Kommando »Rechts!«, und in sausendem Schwunge, geradezu glänzend, flog der Bob durch die Kurve.

» Ils sont très forts!« Frau Elga hörte es gerade neben sich, da ein halblauter Ruf – Lyncker, der hinter dem Führer saß, stieß ihn aus und schwankte, erdfahl im Gesicht, zur Seite, – ein Zusammenzucken bei Bracke nach rückwärts hin, wie um zu sehen, was es gab, und nun – ein schriller Aufschrei aus der Menge, und Frau Elga schloß die Augen. Furchtbar genug war es gewesen, was sie eben wahrgenommen hatte – wie Brackes Kopf an die Eiswand stieß und sein weißer Sweater sich plötzlich rot färbte!

Sekundenlang wagte sie nicht aufzusehen. Als sie endlich die Lider aufriß, auf Entsetzliches gefaßt, bemerkte sie drüben an der Kurvenwand zwar einen roten Fleck, aber sonst nichts. Wo war der Bob? Weitergefahren – trotz allem? Sie konnte es nicht glauben, nicht fassen. Aber die andern bestätigten es ihr. Der Führer hatte die Hände nicht vom Steuer gelassen, in bester Form hatte er die Kurve genommen, ungeachtet seiner Verletzung. Es mußte also doch wohl nicht so schlimm gewesen sein, wie es im ersten Augenblick aussah. Und kurz darauf hörte man von drunten den dreimaligen Tusch heraufschmettern. Der Bob war also durchs Ziel gegangen mit seinem verwundeten Führer. Ein flotter Marsch setzte gleich darauf unten ein. Man wollte dem Publikum auf der Tribüne wohl über den peinlichen Anblick des blutüberströmten Mannes am Steuer hinweghelfen – Stimmung, Stimmung – es lebe der Sport!

Da wich auch droben bei den Zuschauern an der Kurve die letzte Bedrücktheit. Alles lachte und schwatzte wieder, als ob nichts geschehen sei. Nur Frau Elga blieb still, und es litt sie nicht länger hier oben. Die Lust am Zuschauen war ihr verleidet. Sorge um Bracke trieb sie weg. Sie mußte nach ihm sehen. Vielleicht brauchte er auch Hilfe. Da machte sie sich auf den Weg nach drunten, begleitet von Wilms und Fränze Dietmar, die gleichfalls von warmem Mitgefühl erfüllt war und wissen wollte, wie es mit Bracke stand. Während die drei, ziemlich schweigsam und mit beschleunigtem Schritt bergab gingen, waren Frau Elgas Gedanken ganz mit Bracke beschäftigt. Der Vorfall hatte einen nachhaltigen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte Bracke bisher nie recht ernst genommen, aber heute hatte er ihr Achtung abgenötigt. Er war doch ein ganzer Mann! Und es drängte sie, es ihm zu zeigen, ihm mit sorgender Hand Beistand zu leisten, wenn er dessen irgendwie bedürfen sollte.

Als sie nach längerem Weg unten bei der Zieltribüne ankamen, war das Rennen schon beendet. Neben der blau-gelb geteilten Fahne stand ein Gerüst, um das sich die Menschen drängten und an dem gerade die Tafeln mit den Siegern aufgezogen wurden. Da stand als Zweiter »Luchs« 3,43 Minuten. Also Bracke hatte sich, trotz des Zwischenfalls, trotz der Verletzung, doch noch einen Preis geholt! In Frau Elga stieg ein geheimer Stolz auf ihren getreuen Kavalier auf, und ihre Augen flogen suchend über die Menge, aber nirgends war er zu sehen.

Von neuem kam ihr da die Sorge, und sie vermehrte sich, als Wilms, der zu den Zielrichtern gegangen war, nun mit der Meldung zurückkehrte, Bracke und Lyncker, der halb ohnmächtig unten angekommen war, seien sofort von einem gerade anwesenden Arzt im Schlitten in ihr Hotel gebracht worden.

Eilends gingen die drei weiter ins Supérior. Sie gerieten dabei in den sich gruppierenden Zug der Bobs, die gestartet hatten und nun, die Sieger an der Spitze, gleich hinter dem Schlitten mit der Musikbande, im Triumph durch den Ort bis zum Kurhaus geleitet werden sollten, mit Flaggen und Blumen reich geschmückt. Frau Elga wandte das Haupt zur Seite, als sie an dem Bob »Luchs« vorbeikamen, der nur noch mit zwei Mann besetzt war. Wie mochte es um die beiden andern, wie um Heinz Bracke stehen? Und ungeduldig schritt sie aus, auch ihre Begleiter zur Eile treibend.

 

*

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