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Nomaden

Paul Grabein: Nomaden - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Grabein
titleNomaden
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
yearo.J.
firstpub1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160107
projectid9541ab00
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Die letzten Tage hatten das Sportleben in Davos zu voller Entfaltung gebracht. Auf der Schatzalp war außer der für kleine Schlitten freigegebenen alten Straße nunmehr auch die an vier Kilometer lange Bobbahn eröffnet worden, kunstvoll ausgebaut und ausgegossen. Starke Fröste hatten zur Nachtzeit die Kurven völlig vereist und die Bahn stahlhart gemacht. Es wurde bereits fleißig zu den bevorstehenden Rennen trainiert. Wilms und seine Bekannten waren daher schon ein paarmal hinaufgewandert zur halben Höhe des Kämpfenwaldhanges und hatten von einer Überbrückung der Bahn aus die vorbeisausenden großen Gefährte beobachtet. Ein kühner Sport, ein nervenkitzelnder Anblick.

Voll Spannung hing der Blick der Zuschauer an der Biegung der oberen Kurve. Ein verhaltenes Schweigen – plötzlich aber ein dumpfes »Bob!« – kurz und scharf – wie ein Warnsignal, und im nächsten Augenblick war er selber schon sichtbar. Fast senkrecht hing der mehrere Zentner schwere Eisenschlitten an der Böschung, bisweilen hart an ihrem oberen Rande – atembeklemmend anzusehen, als wollte er sich mitsamt seinen vier Insassen überschlagen, den steilen Waldhang hinab – schon aber stand er wieder aufgerichtet in der Geraden, und mit Schnellzugsgeschwindigkeit brauste er weiter zu Tal. Kaum daß das Auge an den vorüberfliegenden weißen Gestalten die flatternden Seidenschärpen der Mannschaft in ihren bestimmten Farben erkannt hatte, war der Bob schon wieder an der unteren Kurve, legten sich die Fahrer scharf nach innen aus, und verschwunden war die wilde Jagd.

Mit geheimem Herzklopfen, aber doch mit treibendem Verlangen war Ria von Treysas Auge jedesmal dem erregenden Vorgang gefolgt, so daß Wilms sie endlich fragte:

»Nun, Komteß, wie wär's? Wollen wir auch eine Mannschaft zusammenbringen und mittun?«

»Was meinen Sie dazu, Frau Elga?« wandte sich Ria an die Freundin. »Ich hätte schon Lust!«

»Auf so einen Bob? Danke ergebenst! Nein – so weit geht mein sportlicher Ehrgeiz doch nicht. Aber auf der Rodel würd' ich's schon einmal riskieren. Ich hörte, die Bahn soll am Nachmittag auch für kleine Schlitten freigegeben sein. Dafür wär' ich also zu haben.«

Der Gedanke wurde noch am selben Tage ausgeführt. Man besorgte sich Rodel und fuhr dann nach dem Lunch mit der Zahnradbahn vom Kurhaus den steilen Hang zur Schatzalp hinauf. Es waren drei Parteien: Frau Elga-Bracke, Ria-Nibüll und Wilms, der allein fahren wollte. Oben auf der Glasveranda der Schatzalp nahm man den Kaffee und freute sich des herrlichen Hochgebirgspanoramas. Weithin schweifte der Blick, von Grat zu Grat, von Zinne zu Zinne über die tief verschneiten Almhänge mit ihren winzigen Hütten und den schwarzen Tannen. Droben über den unendlich zarten, lichtweißen Firnen strahlte tiefblau der sonndurchleuchtete Äther. Ein Bild voll erhabener Heiterkeit, das hoch hinaushob über alle Erdenschwere.

Dann rüstete man sich zum Start. Man ließ Frau Elga mit Bracke den Vortritt. Noch ganz im Nachklang der sorglos frohen Stimmung eben nahm sie hinter dem Führer ihres Zweisitzers Platz, mit den andern scherzend. Sie hatte schon in deutschen Mittelgebirgen Wintersport getrieben und hielt es daher für eine überflüssige Sorge, als Bracke sich jetzt noch einmal zu ihr umdrehte und mahnte:

»Also in den Kurven, meine gnädige Frau, immer scharf nach innen auslegen!«

»Aber, Herr Sicherheitskommissar! Ich rodle doch nicht zum erstenmal!«

Dann gab Wilms ihrem Rodel einen Stoß, und langsam, bald aber mit wachsender Schnelligkeit lief der Schlitten ab. Erst machte es Frau Elga reine Freude, solange sie in der Geraden blieben und das Gefäll der Bahn nur mäßig war. So nahmen sie auch die erste, ziemlich große Kurve ganz bequem. Nun aber begann die Bahn stärker zu fallen, und immer tiefer grub sie sich zwischen die vereisten Schneemauern ein. Holpernd und springend schleuderte das leichte Gefährt über den noch etwas unebenen Eisboden talwärts, mit einer so starken Geschwindigkeit, daß Bracke bereits vor den Kurven, die jetzt immer häufiger und schärfer wurden, mit den stollenbeschlagenen Absätzen stark abbremsen mußte. Dabei sprühte aber ein Gischt von Eissplittern und Schnee auf, der ihm nicht nur Beine und Arme bald mit einer dichten Schneeschicht bedeckte, sondern sich ihm auch nadelscharf ins Gesicht bohrte. Mit Anstrengung nur vermochte er die Lider so weit aufzuhalten, daß er den nötigen Überblick nicht verlor. Und immer rasender wurde das Tempo. Um den Schlitten halten zu können, warf sich Bracke an dem Lenkseil weit zurück, daß sich ihm die Armmuskeln eisern spannten. Es war, wie wenn ein wild gewordener Renner sich auf den Zügel legte und mit ihm abgehen wollte.

Frau Elga verging bei der pfeilschnellen Fahrt fast der Atem, dazu der auch ihr Antlitz noch treffende, nadelspitze Sprühregen, der sie zu verwirren drohte, sie zwingen wollte, die Augen ganz zu schließen. Aber wie wenn Bracke die Gefahr ahnte, schrillte ihr plötzlich sein Warnruf ins Ohr: »Kurve – rechts hinaus!« Gerade noch zeitig genug für sie, um die Augen aufzureißen und mit jähem Erschrecken den Oberkörper nach rechts zu werfen, fort von der grau vereisten Wand der Kurve, die sich neben ihr in unbarmherziger Starrheit aufreckte und ihre Schläfe fast schon gestreift hatte. Ein Schrecken packte da Frau Elga, so daß sie sich fester an Bracke klammerte und den Ruf ausstieß:

»Langsamer – um Gotteswillen!«

Bracke versuchte, ihrem Wunsche zu entsprechen, aber bei dem unausgesetzten starken Bremsen sprühte der Gischt von Eis und Schnee so massenhaft auf, daß er ihm zolldick auf dem Körper lag und die Augen zu verkleben drohte. Mit Mühe nur noch vermochte er rechtzeitig die neue Kurve zu erkennen und sie richtig zu nehmen. Da hob er, wieder in die Gerade einlenkend, die Absätze und ließ den Schlitten frei rennen. Mit Schreck gewahrte es Frau Elga, doch zugleich auch mit einer zornigen Regung.

»Warum hören Sie denn nicht? Langsam – ich kann nicht mehr!«

Er rief etwas zurück zu ihr, aber da er den Kopf ja nicht wenden durfte, verschlang die rasende Fahrt seine Worte. So blieb ihr nichts weiter übrig, als sich, hinter seinem Rücken Schutz suchend und mit letzter Kraft an ihn geklammert, in ihr Schicksal zu ergeben. Einmal mußte diese hirnverbrannte Fahrt ja doch ein Ende haben.

Und sie ging ihrem Ende bereits entgegen. Durch die Tannenzweige am Hang unter ihnen tauchten schon die Dächer der ersten Häuser auf, jetzt flogen sie unter der wohlbekannten Weg-Brücke hinter dem Supérior hindurch, noch eine letzte Kurve, dann glitten sie in den Auslauf ein. Mit scharfem Abbremsen brachte Bracke den Schlitten zum Stehen und sprang auf.

»Das wäre noch mal gut abgegangen – all Heil! Wir sind's ja wohl alle beide!«

Sich den Schnee aus den Augen wischend, kehrte er sich zu Frau Elga, die sich gleichfalls erhob. Aber sie ging auf seinen Ton nicht ein. Ungnädig entfuhr es ihr:

»Was war denn nur? Konnten Sie nicht langsamer fahren oder wollten Sie nicht?«

Betroffen sah er sie an. Doch im nächsten Moment veränderte sich der Ausdruck seiner Miene. Rasch nahm er ihren Arm und zog sie, die ihn nicht begriff, trotz ihres Widerstrebens, aus der Bahn, zur Seite in den Schnee, die Rodel mit sich reißend. Im selben Moment bog auch schon der nächste Schlitten in den Auslauf ein. Es waren Nibüll und Ria, gleichfalls über und über mit Schnee bedeckt.

Nun hielt das Gefährt. Aufstehend und eine wahre Schneewolke aus Sportsjacke und Rock stäubend, sah Ria von Treysa lachend zu den beiden hin.

»Na, Sie sehen ja auch gut aus!« und sie trat zu Frau Elga heran. »Das war ein toller Rutsch. Ein paarmal dachte ich ernstlich, es würde schief gehen, aber mein braver Lotse hat mich durch alle Fährnisse doch noch glücklich durchbugsiert.« Und ein dankbar warmer Blick traf Nibüll, der sich mit seiner Rodel nun auch bei ihnen einfand.

Frau Elga bemühte sich inzwischen, den Schneebelag einigermaßen von Haar und Kleidung zu entfernen. Aber es mißlang: er war zum Teil schon angefroren. Das verbesserte ihre Mißstimmung nicht.

Ein heller Warnruf, und Wilms kam um die Biegung. Mühelos parierte er seinen Renner dicht neben ihnen und sprang vom Sitz. Überrascht gewahrten sie alle, daß er allein von ihnen nicht wie ein Schneemann aussah.

»Wie haben Sie das angestellt?« forschte Frau Elga.

»Nicht mein Verdienst, der Verleiher empfahl mir diese Lenkrodel mit Steuer und Bremse. Die Bremsdorne liegen hinten, so habe ich von Eisspritzern nichts auszustehen gehabt und konnte meine Kurven in aller Gemütsruhe ausfahren.«

»Warum haben Sie nicht auch eine Lenkrodel genommen?« Scharf klang es von Frau Elga zu Bracke hin, und, bevor er noch antworten konnte, wandte sie sich freundlich zu Wilms: »Schade, daß ich mich Ihnen nicht anvertraut habe. Ich hätte mehr Freude an der Sache gehabt.«

Wilms sah überrascht auf Bracke. Der lächelte:

»Ich bin untröstlich über Ihre allerhöchste Ungnade, Frau Elga,« aber in seiner ganzen, zusammengenommenen Haltung war etwas, als ob er noch wie einst vor seinem Kommandeur stand. Nur die Augen suchten die ihren mit einer geheimen Bitte. Doch diese Untertänigkeit reizte sie nur noch mehr. Kurz, ohne ihn eines Blicks zu würdigen, wandte sie sich ab. Unter der Bräune von Brackes schnittigem Sportsmannsgesicht zeigte sich eine Blässe. Als erste verließ Frau Elga den Platz. Die andern folgten, als letzter Heinz Bracke.

* * *

Eine ganze Reihe von Tagen war nun schon seit der Unterredung mit Frau Fränze im Kurhaus vergangen, und noch immer war Wilms ohne Bescheid von ihr, wie alles geworden, wie sich Ruaz mit dem Unabänderlichen abgefunden habe. Mit lebhafter Erwartung hatte Wilms anfangs ihrer Mitteilung entgegen gesehen, allmählich machte diese Spannung aber einer gewissen Skepsis Platz. Er hatte die kleine Frau doch wohl überschätzt. Eben ein Stimmungsmensch. Es mochte ihr neulich in der Stunde ihres Zusammenseins schon ernst mit dem Entschluß ihrer Trennung gewesen sein, aber dann war es doch nicht dazu gekommen. Sie hatte es sich gewiß wieder anders überlegt oder eben die Kraft nicht gefunden, den Entschluß durchzuführen. Nun, gleichviel, sie schied so oder so für sein Interesse aus. Mit Halbheit und Schwäche hielt er sich nicht auf. Schade, viel schöne Anlagen, viel Anmut und Liebenswürdiges – aber doch eben ohne tieferen Wert!

Die Sache schien so für Wilms bereits abgetan, als eine gelegentliche Unterhaltung mit Nibüll ihr eine neue Wendung gab. Der Hausgenosse erwähnte da, daß er heute von einem gemeinsamen Bekannten gehört habe, Frau Dietmar habe ihren Aufenthalt gewechselt; sie wohne jetzt in einer Pension, Villa Montana, sei im übrigen aber krank. Er müsse doch einmal nach ihr sehen.

Wilms empfand etwas wie Schuldgefühl. Da hatte er ihr also Unrecht getan. Und zugleich stieg eine Sorge in ihm auf: Wenn ihre Erkrankung mit dem Bruch ihrer Beziehungen zu Ruaz zusammenhing! Es fiel ihm ein, was sie ihm von dem gewalttätigen Wesen des Brasilianers erzählt hatte. Der Gedanke beschäftigte ihn so, daß er schließlich in der Villa Montana telephonisch anrief und nach Frau Dietmar fragte. Ihm wurde zur Antwort, daß sie nicht erscheinen könne; sie müsse das Zimmer hüten. Da wurden Sorge und Teilnahme noch stärker, er machte sich nun selber auf den Weg zu ihrer Pension und ließ durch das Zimmermädchen fragen, ob er sich nach ihrem Befinden erkundigen dürfe. Das Mädchen kam wieder heraus mit dem Bescheid, die gnädige Frau lasse bitten.

Trotzdem Wilms mit den Davoser Gewohnheiten inzwischen schon etwas vertraut geworden, war es ihm beim Eintreten doch ein eigenes Gefühl, als er Fränze Dietmar im Bett gewahrte. Unbefangen winkte sie ihm jedoch zu; ihr war die zwanglose Verkehrssitte ja längst geläufig.

»Sie müssen entschuldigen, daß ich Sie so empfange, aber mein Arzt hat mich für ein paar Tage ins Bett gesteckt.«

Wilms trat heran und beugte sich über ihre Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Dabei sagte sie:

»Sie werden sich gewiß gewundert haben, daß ich nichts von mir hören ließ.«

»Ich sehe ja nun, woran es lag.«

»Ja, doch Sie wissen nicht alles. Ich habe eine schreckliche Aufregung gehabt! – Aber setzen Sie sich doch!« Und sie wies auf einen Sessel, der vor ihrem Bett stand.

»Mir ahnte schon so etwas,« gab Wilms zurück, indem er ihrer Aufforderung folgte. »Sie haben einen Auftritt mit Ruaz gehabt?«

Sie nickte lebhaft. »Lassen Sie sich erzählen. Also – ich habe alles gemacht, wie verabredet, und war auch glücklich ohne Zwischenfall aus Hotel Alberti gekommen. Ich bin nämlich, sozusagen, heimlich ausgerissen. Das brachte ich doch nicht fertig, ihm alles ins Gesicht zu sagen – ich habe ihm vielmehr einen Brief hinterlassen, worin alles Nötige stand.«

»Das war auch ganz gut so bei seinem reizbaren Wesen. Aber wie kam es dann? Ist er doch hier bei Ihnen eingedrungen?«

Sie schüttelte das Haupt, und ihre Mienen wurden bedrückt, überrascht sagte er da:

»Also, Sie sind noch einmal zu ihm gegangen?«

Schnell bat sie da und hob die Hand zu ihm hin: »Nicht böse sein! Er hatte mir nämlich am andern Tag ein paar Zeilen geschickt: Mein heimlicher Fortgang, meine Eröffnungen hätten ihn wie Keulenschläge getroffen, zerschmettert. Ein heftiger Anfall seiner Krankheit habe ihn infolgedessen betroffen. Sein Herz habe gerast, daß der Arzt schon geglaubt hätte, es gehe zu Ende. Es sei seiner Kunst zwar noch einmal geglückt, das Letzte zu verhüten, aber nun liege er zu Tode matt darnieder. Wenn nur ein Funken Erbarmen in mir sei, so käme ich noch einmal zu ihm, nur auf ein paar Augenblicke – er schwöre es mir zu: nur zu einem letzten Wort, zu einem Lebewohl! Das würde ich ihm doch nicht versagen wollen!«

»Und als sie dann hingingen –?«

»Lag er in der Tat auf seinem Divan, im halbverdunkelten Zimmer, allerlei Medizin neben sich, und empfing mich mit ganz matter Stimme. Ich sagte ihm alles, was ich in dieser Lage sagen mußte, schonend, doch klar und bestimmt, und er hörte mich still an, nur ab und zu leise stöhnend, wie ein gebrochener Mensch. Es war entsetzlich für mich, aber ich dachte an mein Versprechen, das ich Ihnen gegeben hatte, Herr Doktor, und blieb fest. Und nach ein paar Minuten stand ich auf und sagte ihm Lebewohl. Aber nun sprang er empor, so plötzlich, daß ich seinetwegen heftig erschrak und ihn beschwor, doch an sich zu denken. Da lachte er laut los, ganz grauenvoll höhnisch. Ob ich wirklich so dumm sei, an seinen Anfall zu glauben! Und mit einem Ruck schleuderte er das Tischchen beiseite, daß die Flaschen alle in Scherben auf dem Boden lagen. Da packte es mich – erst Entsetzen, dann eine furchtbare Angst, und ich wollte zur Tür. Aber er suchte, mir zuvorzukommen, und es wäre ihm auch geglückt, wenn mir nicht ein Zufall zu Hilfe gekommen wäre: Er verwickelte sich mit dem Fuß in die herabhängende Divandecke und stürzte der Länge nach zu Boden. So kam ich aus dem Zimmer.«

»Mein Gott, was für eine aufregende Szene!«

»Ja, es war scheußlich, und ich weiß gar nicht, wie ich nachher hier heraufgekommen bin. Aber als ich oben war, klappte ich einfach zusammen, mußte sofort ins Bett und am andern Morgen hatte ich Fieber.«

»Sie Ärmste, und nun liegen Sie hier so schon ein paar Tage, und kein Mensch kümmert sich um Sie!«

»O, das doch nicht! Madame Wys-Rappart, die Pensionsbesitzerin, nimmt sich meiner sehr an. Sie kam gleich am ersten Tag teilnehmend zu mir, und da hab' ich ihr alles rückhaltlos erzählt und mich unter ihren Schutz gestellt. Seitdem habe ich ihr Herz gewonnen, und sie sorgt für mich wie eine Mutter, wirklich ganz rührend.«

Wilms mußte unwillkürlich zu Frau Fränze hinsehen. Wie sie dort in ihren weißen Kissen lag, mit den klaren Zügen, mit dem Kindermund, so unberührt, fast herb, um den feinen, schlanken Hals, der sich frei im Ausschnitt des Negligees zeigte, ein dünnes Goldkettlein mit einem schlichten Anhänger, die schmalen, blassen Hände mit dem unendlich zarten Geäder auf der Bettdecke ausgestreckt, alles so mädchenhaft und rein, da erschien es ihm als ganz unwirklich, daß sie in den Strudel eines so leidenschaftlichen Erlebens hineingerissen sein sollte. Sein Blick hing an ihr mit einem tiefen Forschen, und er sagte sich endlich: Wenn es doch geschehen war, sie hatte im Innersten keinen Anteil daran – ihr Frauentum war unberührt, noch nicht erweckt.

Fränze Dietmar gewahrte sein stilles Prüfen, und ihre Miene, die wie der Spiegel eines klaren Sees jeden leisesten Anhauch eines Empfindens zeigte, verriet eine leise Bedrücktheit. Ihre Augen suchten ihn unter den langen, weichen Wimpern her.

»Sie sind mir doch böse, daß ich überhaupt zu ihm gehen konnte.«

»Böse – nein. Nur, ich möchte Ihnen das unangebrachte Mitleid, das Ihnen wieder einmal einen so schlimmen Streich gespielt hat, aus der Seele reißen können. Ich werde Ihnen doch bald mal ein Privatissimum aus meinem Brevier über dies Thema lesen müssen.«

»Ihr Brevier? Auf welchen Propheten schwören Sie denn?«

»Auf Nietzsche.«

»Da bin ich gespannt. Ich muß Ihnen nämlich offen gestehen: Gelesen habe ich noch nichts von ihm.«

»Gott sei Dank! Denn ich muß Ihnen gestehen: Frauen, die Nietzsche lesen, wirklich lesen, sind mir nicht übermäßig sympathisch. Und um nur an ihm zu nippen, dazu ist mir Nietzsche zu schade.«

»Aber, Sie wollten doch selber –«

»Ja, gelegentlich mal eine Kostprobe, richtig gewählt und von sachkundiger Hand verabreicht, so als heilsame Medizin – das kann auch einer Frau nicht schaden.«

»Nun gut, ich bin bereit zu der Kur, wenn sie mir nur hilft. Sie sehen, ich bin eine folgsame Patientin und tue alles, was der gestrenge Herr Doktor will.«

Mit einem leisen Schelmenlächeln sah sie ihn an. Der Kinderton hatte bei ihr nichts Gemachtes, er paßte ganz zu ihrem Wesen. Ganz reizend sah sie so aus, dachte Wilms bei sich, aber er verriet es ihr nicht. Vielmehr wurde er jetzt wieder ernster.

»Lassen Sie uns nun einmal überlegen, was in Ihrem Falle zu geschehen hat. Vorkommnissen dieser Art muß natürlich unter allen Umständen vorgebeugt werden.« Er überlegte einen Augenblick, dann erklärte er entschieden: »Ich schlage Ihnen folgendes vor: Sie ermächtigen mich, als Ihren Rechtsbeistand, an Ruaz zu schreiben, ihn darauf hinzuweisen, daß in seinem Vorgehen neulich gegen Sie die Merkmale der versuchten Nötigung zu erblicken sind, ein Delikt, das auch nach eidgenössischem Recht strafbar ist und eventuell die Handhabe dazu bietet, ihn als lästigen Ausländer aus der Schweiz abschieben zu lassen. Sie wären jedoch, aus menschlicher Rücksichtnahme auf sein Leiden bereit, von einer Anzeige bei der Behörde abzusehen unter der Voraussetzung, daß er sich fortab jedes Annäherungsversuchs Ihnen gegenüber enthält und Ihnen auch sonst keinen Anlaß zu irgend einer Beschwerde mehr bietet. Andernfalls wäre ich von Ihnen ermächtigt, unverzüglich gegen ihn einzuschreiten. Es läge also in seinem eigensten Interesse, Sie fortab in keiner Weise mehr zu behelligen. – Was meinen Sie hierzu?«

»Ich könnte Ihnen nur aus vollstem Herzen danken, wenn Sie das wirklich tun wollten!«

»Gut, ich habe also Ihre Ermächtigung und werde den Brief nachher gleich schreiben und ihn durch einen Boten ins »Alberti« schicken. Er wird ihn noch heute nachmittag in Händen haben. – So weit wäre die Sache also in Ordnung, aber es muß auch noch etwas zu Ihrer persönlichen Beruhigung geschehen, das Ihnen auch wirklich die Gewähr bietet, daß Ruaz Ihnen nicht mehr Verlegenheiten bereiten kann. Hier im Hause sind Sie ja wohl, nachdem, was Sie mir vorhin sagten, vor ihm sicher – aber auswärts! Sie sollten möglichst wenig allein ausgehen, namentlich in der nächsten Zeit. Haben Sie nicht Bekannte, denen Sie sich anschließen könnten?«

Fränze Dietmar schüttelte den Kopf. »Meine Bekannten von früher wohnen alle im »Alberti«, und das –«

»Verbietet sich nun, selbstverständlich! Ja –« er sann einen Augenblick nach, dann sah er sie an, »darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wie wäre es, wenn Sie sich unserm Kreise im Supérior anschlössen – falls Ihnen das nicht unsympathisch wäre.«

»Wie sollte es! Werden aber auch Ihre Bekannten –«

»Sie werden Sie sicherlich gern aufnehmen, dafür glaube ich mich verbürgen zu können. Also abgemacht! Und es trifft sich sogar recht glücklich: ich will nämlich morgen abend im Supérior eine kleine Bowle geben, die Reihe ist gerade an mir, da könnte ich Sie also ganz ungezwungen einführen. Das heißt – ich setze dabei immer voraus, daß Sie morgen schon wieder werden ausgehen können.«

»Doch!« Sie nickte eifrig. »Es geht mir ja eigentlich heute schon wieder ganz gut. Nur der Vorsicht wegen soll ich heute noch im Bett bleiben. Aber morgen – ach es ist ja zu nett!« Und ihre Augen strahlten ihn in kindlicher Freude an. »Sie müssen mich nicht für genußsüchtig halten. Aber Ruaz hielt mich von jeder Geselligkeit fern. Er ist ja so rasend eifersüchtig. Nur mit seinen engsten Freunden verkehrten wir, und die schätzte ich wieder gar nicht. So kam ich mir oft wie eine Gefangene vor.«

»Das fühlte ich, gleich im ersten Augenblick, wo ich Sie sah,« unwillkürlich bekannte es Wilms.

Fränze erwiderte seinen Blick mit einem leisen Staunen.

»Sie sagten Ähnliches schon neulich. Wie ist das sonderbar, daß Sie so in mir zu lesen verstehen!«

Wilms lächelte leicht. »Das bringt mein Beruf mit sich. – Also Sie nehmen meinen Vorschlag an, das freut mich. Da darf ich Sie denn morgen nach dem Lunch abholen. Wenn es Ihnen recht ist, machen wir erst einen kleinen Spaziergang durch den Kämpfenwald und nehmen dann den Tee bei mir.«

»Ja, und dann bekomme ich mein Privatissimum gelesen!«

»Von dem Sie sich nachher beim Böwlchen wieder erholen sollen.«

»Großartig Ihr Programm, Herr Doktor! Ich wünschte, es wäre erst morgen.«

Sie plauderten noch ein Weilchen, dann verabschiedete sich Wilms, um zu Haus ungesäumt das Schreiben an Ruaz aufzusetzen.

* * *

Wie verabredet hatte Wilms Fränze Dietmar abgeholt, und nun gingen sie auf dem Promenadenweg, der sich am Hang der Schatzalp, immer eben fortlaufend, quer durch den Kämpfenwald zieht. Warm brach der Sonnenschein durch die Tannen. Froh schritt Frau Fränze neben Wilms her, und tief schlürfte sie die reine Schneeluft ein. die belebend ihre Schläfe umwehte.

»Ach, tut das wohl! Wie lange schon hab' ich das nicht mehr gekostet!« Ihr Blick traf den Begleiter voller Dankbarkeit, und aus ihrem geheimen Gedankengang heraus fragte sie plötzlich: »Sagen Sie – hat er schon was von sich hören lassen?«

»Sie meinen Ruaz – auf meinen Brief gestern?«

Sie nickte lebhaft.

»Nein, bis jetzt nichts. Ich glaube auch kaum, daß er antworten wird.«

»Aber Sie meinen, er wird sich nun abfinden mit den Tatsachen?«

»Ich denke wohl. Meine Warnung dürfte ihn doch wohl etwas zur Vernunft gebracht haben.«

»Er ist nur so wandelbar –«

»Warten wir's getrost einmal ab. Sollte er wirklich noch einmal wagen, sich Ihnen zu nähern – nun dann bin ich da, und ich werde mit ihm fertig! Verlassen sie sich darauf.«

So entschieden und zuversichtlich klang das, daß es Fränze Dietmar wie ein Glücksgefühl überkam. Endlich befreit von der Zentnerlast, die sie so lange auf ihrer Seele gefühlt! Eine warme Dankbarkeit gegen ihren Beschützer quoll in ihr auf. Am liebsten hätte sie ihm das frei und offen gesagt, wie es ihre Art war. Aber eine leise Scheu hinderte sie. Bei aller Hilfsbereitschaft und Güte war doch, wie sie nun schon ein paarmal wahrgenommen hatte, an ihm eine gewisse Zurückhaltung, die ihr die Zunge band. Da mußte sie ihrer frohen Dankbarkeit denn anders Luft machen, und sie begann vor sich hin zu trällern, in den Wintersonnenwald hinein, mit halber Stimme, lieb und süß, wie ein munteres Vögelchen – bunt durcheinander, was ihr gerade in den Sinn kam.

Ein eigner, starker Reiz lag über ihrer Erscheinung, ihrem ganzen Wesen, und eine Zeitlang überließ Wilms sich ihm willig, bis sie ihn seinen Gedanken entzog und in eine muntere Unterhaltung verflocht.

So schlenderten sie gemächlich an dem Berghang hin, saßen auch dann und wann ein Weilchen auf einer der Bänke an einem windstillen Fleckchen und blickten ins weite zugeschneite Tal, das sonnenüberflutet dalag, und von wo das leise, silberne Klingen der Schlittenglöckchen heraufläutete. Im glücklich zufriedenen Schauen, in heiterem Plaudern und Sich-Mitteilen kamen sie sich unmerklich immer näher. Als sie dann um die Teestunde im Supériorhotel anlangten, da waren sie wie ein paar Gefährten, die schon lange zusammengehörten.

So nahm denn auch Fränze Dietmar die Lage, die sich nun im Hotel ergab, als für Davoser Verhältnisse selbstverständlich hin. Mit voller Unbefangenheit trat sie in Wilms Wohnzimmer ein – er hatte zwei Räume zur Verfügung – wo der Teetisch schon gedeckt stand. Doch sie blickte nach einem Spiegel suchend um sich.

»Kann ich mich nicht noch ein bißchen zurechtmachen? Der Wind hat mich doch etwas zerzaust.«

»Aber natürlich.« Und Wilms öffnete die Tür zu seinem Schlafzimmer. »Wenn Sie mit meinem freilich spartanisch einfachen Junggesellen-Toilettentisch fürlieb nehmen wollen –«

»Ihr Allerheiligstes!« Ein übermütiger Augenblitz traf ihn. »Nun, wir sind ja jetzt Kameraden – gelt?« Zutraulich lächelte sie ihn an und huschte hinein.

Nach ein paar Minuten erschien sie wieder.

»Nun, da wäre die Takelage wieder in Schwung. Schrecklich mit uns Frauen, diese ewige Sorge um die Perücke, nicht? Im übrigen ist Ihr Toilettentisch ja großartig komplett – habe mir auch von Ihrem wundervollen Kölnischen Wasser etwas stibitzt, durft ich's? Nur eins fehlt Ihnen noch, wenn Sie als Davoser Kavalier ganz auf der Höhe sein wollen.«

»Und das wäre?«

»Haarnadeln!«

Er lachte. »Dank für den schätzbaren Wink! Auch die sollen das nächste Mal zur Stelle sein.«

Fränze Dietmar war inzwischen dem Teetisch nähergetreten. Ihre Augen ruhten erfreut auf der geschmackvollen Anordnung, dazu die beiden Klubsessel auf dem echten Perser, die mit lila seidnem Schirm abgedämpfte Stehlampe, es war wirklich sehr hübsch und traulich.

»Gar nicht hotelmäßig – wie im eignen Heim. Und die entzückenden Rosen!« Sie trat zu den schwer hängenden Maréchal-Niel-Rosen in dem schlanken Stengelglas aus geschliffenem Kristall. »Etwa gar für mich?«

»Selbstverständlich – ein kleiner Willkomm.«

»Wundervoll!« Sich über die Blüten neigend, sog sie tief deren süßen Duft ein. »Wie lieb von Ihnen.«

Nun saßen sie. Er schenkte ihr selber ein und legte ihr von dem verlockend ausschauenden Teegebäck vor. Sie verfolgte dabei seine Bewegungen. Er machte das alles sehr geschickt, es freute sie.

»Ich finde diese Sitte so nett, daß der Herr bei Tisch für seine Dame sorgt und nicht umgekehrt, wie es »guter deutscher« Brauch ist.« Und behaglich schmiegte sie sich in den weichen federnden Klubsessel, nachdem er ihr noch vorsorglich ein paar Seidenkissen von der Chaiselongue in den Rücken gelegt hatte. »Himmlisch – hier stehe ich überhaupt nicht wieder auf!«

Wilms fand diese zutrauliche kameradschaftliche Art allerliebst, aber dann stellten sich ihm doch wieder Gedanken ein: Kam das alles nicht ein bißchen schnell? Bei allen Zugeständnissen an den Davoser Ton, er hätte es im Grunde doch lieber gesehen, sie wäre ein wenig abwartender ihm gegenüber gewesen. Denn er durfte es sich ja doch wohl kaum als ein Kompliment für sich auslegen. Es war vermutlich überhaupt ihre Art, sich jedem gleich so schnell anzuschließen.

Unwillkürlich wurde er selber um so stiller und zurückhaltender, so daß sie es schließlich merkte. Verwundert, mit einer heimlichen Besorgtheit, sah sie zu ihm hin, wie ein Kind, das da sagt: »Mein Gott – was hab' ich denn nur schon wieder getan?« Das war so echt und rührend, daß ihn plötzlich sein Verhalten reute. Schnell wollte er in den munteren Ton von vorhin zurückfallen, doch schon bat sie, jetzt ihrerseits ernster geworden:

»Nun aber zum Hauptpunkt unseres Programms – wo bleibt Nietzsche?«

»Richtig, den wollen wir nicht vergessen,« und er trat zum Schreibtisch und griff nach einem der Bände, die dort lagen.

»Sie nehmen Ihr Brevier also selbst auf Reisen mit – wie lieb muß es Ihnen sein! Welchen Nietzsche-Band haben Sie da?«

»Die Morgenröte.«

»Den Namen hab' ich wohl schon gehört, aber mehr nicht. Ich bin begierig!« Und sie setzte sich erwartungsvoll zurecht.

Wilms machte eine Gebärde der Abwehr. »Ich beabsichtige keine große Vorlesung – nur zwei kurze Stellen sind's, die ich Ihnen lesen möchte in der Hoffnung, daß die Worte eines Großen nicht ohne Eindruck auf Sie bleiben möchten. Hier die erste:

›Wer einmal versuchsweise, den Anlässen zum Mitleiden im praktischen Leben eine Zeitlang absichtlich nachgeht und sich alles Elend, dessen er in seiner Umgebung habhaft werden kann, immer vor die Seele stellt, wird unvermeidlich krank und melancholisch.‹

Und nun die andere:

›Wer wird etwas Großes erreichen, wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen? Das Leidenkönnen ist das wenigste: darin bringen es schwache Frauen und selbst Sklaven oft zur Meisterschaft. Aber nicht an innerer Not und Unsicherheit zugrunde gehen, wenn man großes Leid zufügt und den Schrei dieses Leides hört, – das ist groß, das gehört zur Größe.‹

Wilms klappte das Buch zu und blickte zu Fränze Dietmar hinüber. Sie verharrte eine Weile schweigend, mit ernstem Antlitz, zwischen den Brauen wieder die kleine Falte, die er schon öfter an ihr beobachtet hatte.

»Sie sind offenbar nicht ganz einverstanden mit dem, was Sie hörten. Halten Sie es nicht für richtig?«

»Das schon – nur – ich spreche ganz offen: Ich fühle, ich werde nie die Kraft haben, diesen Worten nachzuleben. Das mag für einen Mann, für eine Kämpfernatur gut und nötig sein, aber auch für uns Frauen? Und überhaupt, wollte jeder auf der Welt danach handeln, wollte man das Pflänzlein Mitleid ausrotten mit Stumpf und Stiel – ich glaube, es sähe bald kalt und schaurig um uns her aus.«

Wilms wollte entgegnen, doch sie rief lebhaft:

»Nein, lassen Sie mich nur so, wie ich bin! Das andere lerne ich doch nie, und ich möchte es auch gar nicht. Ist denn nicht schließlich das warme Herz das beste am Menschen?«

»Gewiß, meine liebe Frau Dietmar, nur darf es ihm eben nicht zum eignen Schaden geraten. Darum möchte ich Ihr Herz stählen, hart machen – freilich nur da, wo es nötig ist. Nietzsche will ja nicht wörtlich genommen sein. Was er im Grunde will, ist wohl dasselbe, wie ich's formuliere. Man darf sich mit Sorge um einen Andern beladen, aber nur bis zur Grenze seiner Tragfähigkeit.«

»Das lasse ich eher gelten! Aber wo ist die Grenze? Wird man die immer rechtzeitig merken? Man denkt wohl, man kann noch weiter tragen, packt sich dies und das auf, bis man plötzlich dann doch merkt, es war zu viel. – Aber dann ist es vielleicht schon zu spät!«

Er nickte. Da seufzte sie, und ihr Blick glitt wie suchend ins Weite.

»Man müßte eben immer im rechten Moment einen Menschen haben, der einem sagt: Jetzt ist's Zeit! Nun sieh dich vor! – Aber wer hat den?« Sie stützte das Haupt in die Hand und sann vor sich hin »Ich hab' mir so oft gewünscht, ich stünde anders mit meinem Vater, ich könnte über alles mit ihm reden, und er verstünde mich in allem. Oder mein Mann lebte noch! Aber auch der wäre wohl nicht der Richtige gewesen. Wie schön müßte das aber sein, wenn einen ein anderer so recht fest, doch lieb bei der Hand nimmt und im richtigen Augenblick sagt: Hallo, mein Kerlchen – nun mal stopp! So geht's nicht weiter. Hier ist der rechte Weg. – Wie viel Bitteres und Häßliches würde einem damit erspart bleiben.«

Wilms antwortete nicht gleich. Sein Auge haftete auf dem klaren Antlitz vor ihm, das ihm noch nie so kindlich lieb erschienen war wie in dieser Minute, wo ihr innerstes Wesen ganz unverhüllt zu Tage trat. Ihm war es, als streckte sich da eine Hand zaghaft und doch bittend, Hilfe begehrend aus, voll Trauer, daß niemand auf der weiten Welt sie ergreifen wolle. Da verstummten kühle Vernunft und Zweifelsucht in ihm, und in einem warmen Regen neigte er sich zu Fränze Dietmar hin.

»Liebe gnädige Frau, Sie haben mich nun schon einmal zu Ihrem Schützer und Anwalt erkoren, wollen Sie mir da nicht noch eine weitere Mission erteilen – ein bißchen den Mentor bei Ihnen zu spielen? Es ist ja freilich kühn von mir, mich da selber anzutragen, aber ich möchte Ihnen heute ein Wort zurückgeben, das Sie mir neulich sagten: Ich habe nun einmal zu Ihnen das Vertrauen, Sie werden mich nicht falsch verstehen!«

Fränzes Wangen färbten sich höher. Mit einer schnellen Bewegung kehrte sie sich ihm zu:

»Wirklich – Sie wollten? Nun kann ich es Ihnen ja sagen: Ich ersehnte mir das, was Sie mir da eben antragen, nur ich hätte nie den Mut gehabt, Sie darum zu bitten.«

»Warum denn nicht? Bin ich so abweisend?«

»Das gewiß nicht, aber es ist bisweilen in Ihrem Wesen etwas, das mich verschüchtert, als ob ich mich nicht zu weit Ihnen gegenüber herauswagen dürfte.«

Abermals empfand er jenes Schuldbewußtsein, und, wie um seine geheimen Zweifel gut zu machen, griff er nach ihrer Hand.

»Sollte ich auf Sie diesen Eindruck gemacht haben, so verzeihen Sie mir's – und vergessen Sie es wieder. Glauben Sie mir, was ich Ihnen jetzt sage: Ich würde mich freuen, ganz herzlich freuen, wenn Sie vollstes Vertrauen zu mir fassen und mit allem zu mir kommen wollten, was Ihnen das Herz beschwert. Es wird mir stets eine aufrichtige Freude sein, Ihnen zu raten und helfen.« Und er bekräftigte die Worte mit einem festen Händedruck.

Ganz glücklich sah sie ihn an.

»Da hätte ich denn, was ich mir eben wünschte und doch für so unerfüllbar hielt. Ist das schön! Ach, lieber Herr Doktor,« sie ergriff seine Rechte mit ihren beiden Händen und sah ihn mit den großen Augen strahlend an – »wie soll ich Ihnen das bloß danken!« Und dann lachte sie hell und fröhlich: »Da wären wir nun also Kameraden – rechte, gute Kameraden – gelt?«

»Ja, so soll's sein!«

Noch einmal tauschten sie Blick und Händedruck, dann gab er sie frei. Er wollte aufstehen und das Buch zurücktragen, doch sie bat:

»Lesen Sie doch noch! Ich wüßte ja gern noch mehr von Ihrem Nietzsche, der Ihnen so viel wert ist. Es gibt ja gewiß anderes, was auch für mich mit gilt. Also bitte!«

Wilms willfahrte ihrem Wunsch. Er las, hier und da herausgreifend, was ihm gerade passend schien. Sie lauschte mit lebhaftem Interesse, oft ergriffen und schnell begeistert. Noch häufiger jedoch fragte sie mit kindlicher Wißbegier oder brachte zutraulich heraus, wie sich die Dinge in ihrem Kopfe malten. Er mußte dann wohl lächeln, aber es war ein freundlich-nachsichtiges Lächeln, und er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, ihre Irrtümer aufzuklären, ihren vielfach noch begrenzten Blick zu erweitern. Da war es denn so lieb zu sehen, wie sie ganz an seinem Munde hing mit ihren schönen, leuchtenden Augen, und sich von ihm belehren, von seiner Hand Schritt um Schritt aufwärts führen ließ aus dumpfer Enge der Anschauung, den freien, lichten Höhen abgeklärten Menschentums entgegen. Und er geriet unmerklich selber in Eifer, soviel Freude hatte er an ihr als seiner gelehrigen Schülerin. Als er endlich einmal nach der Uhr sah, bekam er einen kleinen Schrecken und sprang auf:

»O weh, da haben wir uns aber schön verplaudert! Nun sitzen sie drunten schon eine halbe Stunde bei Tisch. Da muß ich doch gleich mal sehen, ob für uns arme Nachzügler noch was zu haben ist.«

Er eilte davon und kam nach einer Weile wieder. Scherzend sagte er:

»Es geht noch mal gut. Zu verhungern brauchen wir nicht. Den Anschluß an das große Diner haben wir zwar verpaßt, aber man wird uns noch etwas apart servieren. Sind Sie sehr unglücklich darüber?«

»Um Gotteswillen! Sie haben mich ja hier schon so glänzend verpflegt,« und sie nickte zu dem Teegebäck hin.

»Vertreiben wir uns die Zeit – wir müssen nämlich noch ein paar Minuten warten – inzwischen mit einer Zigarette.« Er bot ihr sein Etui dar. »Sie nehmen doch?«

»Und ob!«

Er gab ihr Feuer, und sie sog genießend im ersten langen Zug den aromatischen Rauch ein, ihn dann durch das feine Näschen von sich stoßend.

»Es geht doch nichts darüber!«

»Sieh, sieh – so passioniert!« neckte er. »Das gibt ja zu denken.«

Sofort stutzte sie und sah ihn an. »Mögen Sie es nicht, wenn eine Dame raucht? Sähen Sie es an mir lieber nicht?«

»Aber ich bitte Sie, liebste Frau Dietmar. Nein, nein, rauchen Sie weiter. Es paßt sogar sehr gut zu Ihnen, ich scherzte ja nur.«

»Gott sei Dank!« Und sie tat einen um so energischeren Zug. »Im übrigen, wenn's anders gewesen wäre, hätte ich Ihnen auch nicht helfen können.«

Sie warf es keck hin, mit einem übermütigen Seitenblick auf ihn, zugleich in Erwartung, wie er das aufnehmen würde. Aber Wilms lächelte nur.

Als sie zehn Minuten später in das kleine Speisezimmer kamen, empfing sie ein mit allem Schick gedeckter Tisch, Streublumen auf dem Linnen, ein prachtvoller Rosenstrauß vor Fränzes Gedeck, der Sekt schon im Eiskühler. Froh verwundert sah sie ihn an, indem sie sich ihm gegenüber niederließ.

»Wie haben Sie denn das fertiggebracht, so im Handumdrehen? Mir scheint, Sie haben eine bedenkliche Übung in derartigen kleinen Arrangements, Herr Doktor!« Neckend sah sie ihn an. Dann aber überflog ihr Antlitz gleich wieder der Ausdruck dankbarer Freude. »Wie entzückend ist das alles!«

Es ward eine reizende Stunde für die beiden, wie sie so allein für sich speisten, und sie fand ihre heitere Fortsetzung dann in der Hoteldiele vorm Kamin, in Gesellschaft der andern. Wilms wirklich glänzend gelungene Mischung von Sekt und rotem Veltliner mit einem Schuß Benediktiner, den er kunstgerecht über die an die Gabel gespießte Zitrone rieseln ließ, herrlich eisgekühlt, mundete allerseits köstlich und steigerte die an sich schon gute Laune oft bis zur Ausgelassenheit. Fränze Dietmar fühlte sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr fremd in dem kleinen Kreise, von dem ihr ja auch Axel Nibüll bereits gut bekannt war. Umgekehrt waren die Hotelgenossen Wilms' einfach entzückt von der kleinen Frau, deren Frohsinn und Schelmerei alle schnell gefangen nahm, selbst die Damen nicht ausgenommen.

So trennte man sich dann, als die Stunde des Abschieds gekommen war, in bester Freundschaft und mit dem allseitigen Wunsch nach baldigem Wiedersehen.

Wilms hatte telephonisch einen Schlitten für die Heimfahrt Frau Fränzes bestellt und geleitete seinen Gast persönlich nach Haus.

Es war eine wundervolle Fahrt. Er hatte die junge Frau sorgsam in seinen eigenen Pelz und warme Decken gehüllt. So glitten sie, in dem beschränkten Raum des Schlittens eng aneinandergelehnt, auf weicher Bahn, bei lustigem Schellengeläut durch die hohen Schneemauern der Wege hin. In feierlichem Schweigen lag die Winternacht über ihnen. Da wurden sie selber still. Doch es war kein bedrückendes Schweigen. Im Gegenteil, ein wohliges Abklingen der gehobenen Stimmung dieses Abends. Nur hin und wieder kam leise, halb verträumt ein Wort von Frau Fränzes Lippen. Dann näherten sie sich ihrem Ziel. Im Schritt zogen die dampfenden Tiere den Schlitten den steilen Weg zur Villa Montana hinan, hart am tief eingeschnittenen Bett des Wildbachs entlang, der droben von der Schatzalp herabkam. Schon tauchten im Dunkel schattenhaft die Umrisse des einzelstehenden Gebäudes auf, da wandte sich die junge Frau ihrem Begleiter zu:

»Wie soll ich Ihnen nur danken für all das Schöne, das Sie mir heute gaben! Das Schönste aber waren doch die Stunden mit Ihnen allein, und daß wir nun so gut Freund sind. Bleiben Sie mir Schützer und Freund! Das gibt mir einen Halt, und den hab' ich manchmal nötig vor mir selber.«

Der Schlitten hielt, Wilms half Frau Fränze hinaus und geleitete sie bis an die Tür. Ein kurzer, herzlicher Abschied, dann führte ihn das Gefährt im schnellen Trab talab, seinem eigenen Heim zu.

 

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