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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Achtes Kapitel.

Zwar die Bulletins vom Kriegsschauplatze strahlten noch von vollbrachten Heldentaten, im Vergleich mit welchen die eines Alexander oder Cäsar zu einem kümmerlichen Nichts zusammenschrumpften. Die russische Armee war geschlagen, vernichtet die uralt-ehrwürdige Zarenstadt, die heilige Kapitale des Reiches mit ihren unermeßlichen Schätzen und unerschöpflichen Hilfsquellen, hatte dem Sieger von Borodino die goldenen Tore geöffnet; Rußland lag entwaffnet vor dem Herrscher der Welt, der seinen Triumphzug weiter in den Orient und nach Indien nur auf kurze Zeit unterbrochen hatte, dem unüberwindlichen Heere die wohlverdiente Erholung nach der ungeheuren Blutarbeit zu gönnen!

Das schien denn freilich danach angetan, den Übermut der Unterdrücker bis zu den Wolken zu heben und der letzten Hoffnung der Patrioten das Grab zu bereiten; aber durch die Siegeshymnen jener drang ein Munkeln und Raunen – niemand hätte zu sagen gewußt oder gewagt, wie es angehoben: erst kaum vernehmbar leise, dann lauter, verständlicher von Tür zu Tür, von Nachbar zu Nachbar; zwischen zwei Bekannten, die sich auf der Gasse begegneten und von denen es der eine dem anderen im Vorübergehen ins Ohr flüsterte; unter Leuten, die nie im Leben ein Wort miteinander gesprochen und von denen der eine dem anderen aus der Miene absah, daß es ihn freuen würde und er es ihm mitteilen müsse: Moskau brennt! Wissen Sie es schon? – Ja, es soll kein Stein mehr auf dem anderen sein? – Alles in Schutt und Asche. – Und daß die Pestilenz in seinem Heere wütet? – Möge sie ihn selber holen! – Den Kreml soll er beim Abzuge am dreiundzwanzigsten eigenhändig in die Luft gesprengt haben? – Sieht ihm ähnlich, dem Mordhund! – Und die Preußen sollen auch schon schwierig werden. – Glaub's gern: sie haben nur darauf gewartet, daß ihn einmal der Teufel beim Kragen nehmen würde. – Und was tun wir? worauf warten wir? Sollen wir immer nur die Faust in der Tasche ballen? – Still! da kommt einer, den kenn' ich – das ist auch so ein französischer Spion. Nehmen Sie sich in acht! – Hat nichts zu sagen: so einem Schuft sieht man's ja an der Nase an.

Und nur kurze Zeit verging, da sah man es aus den düsteren Blicken der Bedränger selbst, aus ihren scheuen, argwöhnischen Mienen; da hörte man aus abgerissenen Worten, die ihnen wider Willen entschlüpften, aus zwischen den Zähnen gezischten sacrés, daß sie an die Prahlhansereien ihrer kaiserlichen Bulletins nicht mehr glaubten und, was im Volksmunde umging, hätten bestätigen können, wenn sie gewollt oder gedurft hätten.

Man sah es freilich noch aus anderen Zeichen, und die dem Bürger weniger erfreulich waren. Als wollten sie sich für die im Herzen wühlende Sorge und Angst schadlos halten, wurde das Gebaren der Unterdrücker von Tag zu Tag schroffer und anmaßlicher, von Tag zu Tag die längst geübte Ausbeutung und Ausplünderung der Stadt systematischer und grausamer. Die Geißeln der zahllosen Abgaben, mit denen man die Bürger bis dahin heimgesucht hatte: droits réunis, Regie, Enregistrement, Tür- und Fenstersteuern, Personensteuer und wie sich sonst die Erpressungsmittel betitelten, verwandelten sich jetzt in Skorpione. Keine Exemption mehr, auch nicht angesichts des nackten Elends; keine Stundung mehr bei offenbarer Zahlungsunfähigkeit! Dafür Haussuchung nach versteckten Werten bis in die verborgensten Winkel der Wohnungen, die keinen Schutz mehr gewährten, ohne Rücksicht auf Sitte und Anstand, ja mit geflissentlicher Verhöhnung alles dessen, was dem Individuum, was der Familie heilig ist. Und was dem Spürsinn der französischen Douaniers und Polizisten etwa verborgen blieb, das witterte die heimische Spionage aus, welche die jahrelange Korruption gezeitigt hatte, und die als greuliches Unkraut in der Umfriedigung des Hauses selbst gar üppig wucherte. Freilich war es ein Trost, sich sagen zu dürfen, daß diese Wut des Siegers doch nur ein Zeichen sei des nagenden Bewußtseins der täglich wachsenden Unsicherheit auf dem exponierten Posten hier oben im deutschen Norden; aber das war, auch im besten Falle ein leidiger Trost, zumal für den, der von der Wut speziell getroffen wurde.

Unter den letzteren befand sich Warburg.

Als ehemaliger hamburgischer Senator und unter französischer Herrschaft Mitglied des an Stelle des alten Senats eingesetzten Munizipalrates hatte er sich anfangs mancher Rücksichten zu erfreuen gehabt, die man ihm auch zu erzeigen fortgefahren, als er im vorigen Herbste aus dem Amte geschieden war. Man hatte offenbar im Gouvernementsgebäude noch nicht vergessen, daß er von Beginn der Okkupation an sein Haus den französischen Offizieren und Employers gastlich geöffnet; bis in die letzte Zeit waren die Douaniers für die englischen Güter auf seinen Lagern mit Blindheit geschlagen gewesen, und daß sein Haus an der Alster bis zur Stunde von Einquartierung frei geblieben, war eine Tatsache, die offen vor aller Welt Augen lag.

Das änderte sich jetzt mit einem Schlage. Zwar war bei ihm nichts mehr zu konfiszieren – er hatte inzwischen den letzten Ballen Baumwolle, die letzte Kiste Tee für jeden Preis verkauft –; aber plötzlich erschienen ein paar Beamte der Einquartierungskommission und beschlagnahmten für eines der unzähligen Dienstbureaus den ganzen oberen Stock des Hauses. Ebenso hatte man plötzlich ausgerechnet, daß er von Anfang an zu wenig Grundsteuer entrichtet und folglich die Differenz nachzuzahlen habe. Vergebens die Beteuerung seiner Mittellosigkeit. Wie denn jemand sich mittellos nennen könne, der, von so vielen der einzige, in dieser Zeit seine Fabrik wieder in Bewegung gesetzt und es bei dem täglich fallenden Werte der Grundstücke fertig gebracht habe, einen Hypothekennehmer für sein Haus aufzutreiben?

Bei solchen Schikanen blieb es nicht. Zum Entsetzen des alten Christiansen – die beiden Demoiselles waren glücklicherweise ausgegangen – wurde der Herr eines Vormittags auf die Polizei zitiert, um, wie es sich dann herausstellte, scharf inquiriert zu werden, auf welchem Wege er zu gewissen Nachrichten über Unglücksfälle gekommen sei, von denen die große Armee in Rußland betroffen sein solle? Und wie er es mit seinen Pflichten als französischer Staatsbürger vereinbaren zu können glaube, daß er diesen Nachrichten, deren Falschheit ihm, als gebildetem Manne und Kenner der Verhältnisse, doch unmöglich verborgen gewesen seien, noch dazu in einem öffentlichen Lokale unzweideutige, offenbar geflissentliche Verbreitung gegeben?

Die Untersuchung, welche Warburg allerdings durch ein paar unvorsichtige Äußerungen in einer Weinstube auf sich herabbeschworen, währte über eine Woche, und er mußte noch von Glück sagen, als eine langwierige Gefängnisstrafe, die ihm drohte, im letzten Augenblicke in eine namhafte Geldbuße umgewandelt wurde.

Hatte man soweit gegen den ehemaligen reichen Kaufherrn und angesehenen Beamten Milde walten lassen, glaubte man mit einem alten jüdischen Manne keine Umstände machen zu brauchen. Allerdings lag der Fall des Herrn Hirsch viel schlimmer. Man hatte erst im weiteren Verlaufe der Untersuchung auf ihn zurückgegriffen, als sich bei peinlich genauer Nachforschung des Kommens und Gehens Warburgs in den letzten Tagen herausstellte, daß er wiederholt einen Besuch in dem Hause auf dem Bleichergang abgestattet hatte. Dies und die der Polizei bekannte oder jetzt erst bekannt gewordene Tatsache, daß Herrn Hirschs Geschäft vor der Okkupation wesentlich in russischen Importen bestanden, genügte, ihn verdächtig zu machen, und eine mitten in der Nacht angestellte Hausuntersuchung bestätigte den Verdacht vollauf. Zwar den Brief aus Twer hatte der Alte zu seinem – und nicht minder zu Warburgs – großen Glücke vernichtet, sobald er an jenem Abend nach Hause gekommen war; auch enthielten die vorgefundenen russischen Korrespondenzen nichts wirklich Gravierendes; aber der bloße Umstand, daß diese bis in die letzte Zeit hineinreichenden Briefe aus Rußland gekommen waren auf Wegen, die weitab von dem gewöhnlichen Postenlauf lagen, galt in den Augen der argwöhnischen Polizei als hinreichender Beweis hochverräterischer Umtriebe. Man ließ den Alten aus der Vernehmung gar nicht erst wieder nach Hause, sondern behielt ihn sofort in strenger Haft, deren Dauer, trotzdem, vielmehr gerade weil ein eigentlicher Urteilsspruch nicht gefällt war, unabsehbar schien.

Das Unglück des alten, rechtschaffenen Mannes, dessen Wohltätigkeitssinn in seinem Kreise sprichwörtlich und auch vielen bekannt war, die seinen demütigen Gruß auf der Gasse sonst kaum erwiderten, erregte, wenn auch nur vorübergehend, selbst in dieser Zeit der Willkür und Schreckensherrschaft ein peinliches Aufsehen, unter dem wiederum Warburg am meisten zu leiden hatte. Es konnte ihm nichts schuld gegeben werden, als jene unvorsichtigen Äußerungen in der Weinstube. Aber weshalb war er so unvorsichtig gewesen? Und wer konnte wissen, ob er, von dem Untersuchungsrichter in die Enge getrieben, nicht dennoch Herrn Hirsch als denjenigen bezeichnet habe, dem er seine Weisheit verdanke? Und ob er sich nicht, indem er den Mitschuldigen preisgab und sich selbst salvierte, zugleich seinen letzten Gläubiger – denn nur der gutmütige Hebräer konnte dem sonst völlig Kreditlosen neuerdings beigesprungen sein – auf voraussichtlich lange Zeit vom Halse habe schaffen wollen? Dem Vielgewandten, dem Manne des zügellosen Lebensgenusses, dem Allerweltsschuldner, dem Franzosenfreunde könne man füglich das alles und noch Schlimmeres zutrauen. Deshalb möge man aber auch die Nachsicht, die man bisher etwa gegen ihn geübt, fahren lassen und von ihm eintreiben, was nur eben einzutreiben sei, und sollte er darüber auf das nackte Pflaster gesetzt werden. Ein solcher Mann verdiene es nicht besser.

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