Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Der nächste Morgen fand Minna bleich und körperlich ermattet nach einer fast völlig schlaflosen Nacht, aber scheinbar so ruhig, so gefaßt, daß Johanna, welche sie fortwährend heimlich beobachtete, sich nicht genug wundern konnte. Aber freilich, man durfte die herrliche Schwester nicht mit demselben Maßstäbe messen, wie andere Mädchen, und wenn sie heute nacht auch gar seltsame Reden geführt und sich eigentlich ganz toll gebärdet hatte – das war denn doch nur eine vorübergehende Aufregung gewesen, die in der Lage der Dinge ihre sehr natürliche Erklärung fand; höchstens eine Krisis, wie Doktor Boutin gesagt haben würde – eine Krisis all des heimlich angesammelten Seelenkummers, der sich endlich einmal Luft gemacht hatte – Gott sei Dank! Darum nur um Himmels willen nicht mit einem Worte an das Vorgefallene mahnen! sich mäuschenstill halten! sich nicht merken lassen, daß man für eine schwache Stunde aus dem niederen Range einer jungen, bemutterten Schwester zu dem höheren einer Freundin und Vertrauten intimster Herzensgeheimnisse gemacht war!

In diesen Beschlüssen war sie durch Oskar Sandström bestärkt worden, dem sie am Nachmittag – ganz zufällig! – auf dem alten Jungfernstieg begegnete. Auch Oskar war gestern abend nicht entgangen, daß, während er und seine Angebetete sich am Klavier zankten, zwischen Minna und Billow eine peinliche Aussprache stattgefunden haben müsse. Er könne sich sonst nicht erklären, weshalb der letztere auf dem gemeinschaftlichen Nachhausewege sich in so harten Ausdrücken erst über den Vater ergangen habe, dann über die Töchter.

Über mich auch? rief Johanna lachend.

Sie bekamen auch Ihr Teil.

Und was hat er denn gesagt?

Ich darf es nicht wiederholen.

Ist auch nicht nötig; ich weiß, wie er über uns denkt. Übrigens kann ich Ihnen sagen, mein Herr, daß der Betreffende von Ihnen ebenfalls gelegentlich in Ausdrücken redet, die nicht unbedingt schmeichelhaft sind. Er wünscht zum Beispiel zu wissen, was Sie hier noch in Hamburg hält, nachdem die Kontore von Herold und Söhne, bei denen Sie als Volontär eingetreten waren, seit fünf Monaten geschlossen sind, ohne daß Sie sich um eine andere Stelle bemüht hätten?

Es ist sehr unrecht von Herrn Billow, erwiderte der junge Mann erregt. Er weiß doch am besten, wie gern ich die Stelle annehmen würde, die er mir in seinem Londoner Hause seit fünf Monaten zugesagt hat.

Und auf die Sie, wie jetzt die Dinge liegen, noch fünf Jahre warten können.

So lange kann ich allerdings nicht in Hamburg bleiben. Die Eltern verlangen dringend meine sofortige Rückkehr nach Stockholm; ich gerate in immer größere Verlegenheit über die Ausreden, mit denen ich mein Hierbleiben motivieren soll.

Warum reisen Sie denn nicht?

Wenn ich glauben könnte, daß Sie diese Frage im Ernst täten, Fräulein Johanna, seien Sie versichert, ich reiste noch heute.

In diesem kritischen Wendepunkte ihres Gespräches war Johanna einer Bekannten ansichtig geworden, die mit ihrer Mutter gerade auf sie zukam. Sie hatte nur noch eben Zeit gehabt, es Oskar zuzuflüstern, der dann, wie immer in solchen Fällen, den Hut zog und seine Verbeugung machte mit der Miene und Haltung jemandes, der ausnahmsweise eine junge Dame seiner Bekanntschaft auf der Promenade einige wenige Schritte hat begleiten dürfen.

Es war das erstemal in dem nun schon über ein Jahr dauernden Verkehr der jungen Leute gewesen, daß von ihm eine direkte Hindeutung auf die wirkliche Natur ihres Verhältnisses gewagt worden war. Und das junge Mädchen, als sie nun eilig dem nahegelegenen väterlichen Hause zuschritt, mußte sich sagen, daß sie diese Hindeutung, die füglich als eine Erklärung gelten konnte, provoziert hatte. Sie errötete vor sich selbst bei diesem Gedanken und konnte trotzdem mit sich nicht unzufrieden sein. Im Gegenteil! Hatte sie doch gestern abend und heute nacht schaudernd erfahren, welche Unheilsquelle verworrene Verhältnisse für die Beteiligten, selbst für die entfernter Stehenden werden können, ja werden müssen! – Man ist freilich erst siebzehn und ein halbes Jahr, argumentierte die junge Schöne weiter, aber wenn Alter vor Torheit nicht schützt, so ist Jugend kein Hindernis, daß man die Augen aufmacht und die Sache beim rechten Zipfel anfaßt. Wirklich, es ist ein rechtes Glück, daß die Sache diese Wendung genommen! Auch für Minna. Der Mutlosen, Verzweifelten tut ein Beispiel not, das ihr zeigt, was sich erreichen läßt, wenn man klar und klug und konsequent denkt und handelt. Ich will ihr dies Beispiel geben!

Johanna hatte in den folgenden Tagen keine Veranlassung, sich zu fragen, ob es nicht doch wohl nur ihr angeborenes sanguinisches Temperament und das glückselige Gefühl einer ersten, herzlich erwiderten Liebe sei, was ihr die Lage der Dinge in einem so rosigen Lichte erscheinen lasse. Minna blieb sich völlig gleich in der gefesteten Ruhe ihres Betragens und der geräuschlosen Sorgfalt, mit der sie dem Hauswesen vorstand. Auf die Ereignisse jener Nacht war sie mit keinem Worte, keiner leisesten Anspielung zurückgekommen. Billow hatte im Zorn über seine Zurückweisung den Verkehr mit dem Warburgschen Hause endgültig abgebrochen, oder war klug genug, einzusehen, daß man nach dem, was vorgegangen, eine längere Anstandspause beobachten müsse, bevor man wieder anzuknüpfen wagen dürfe – jedenfalls hatte er seitdem keinen Fuß in das Haus gesetzt, und wenn er einem Mitgliede der Familie auf der Straße begegnete, entweder weggesehen oder nur mit zur Schau getragener Höflichkeit gegrüßt.

Was aber Johanna mehr als alles beruhigte, war das Betragen des Vaters. Sie hatte gefürchtet, er werde mindestens übel auf Minna zu sprechen sein und jene Klagen über seine mißliche Lage, in denen er sich während dieser ganzen letzten Zeit – sogar an jenem verhängnisvollen Abend vor den Freunden! – ergangen, in erhöhtem Tone fortsetzen. Weder das eine noch das andere geschah. Kein Wort gegen Minna, die er sogar, wenn nicht mit mehr Zärtlichkeit – an der es überhaupt in dem Verkehr zwischen beiden hinüber und herüber stets gefehlt hatte – so doch mit etwas geringerer Kälte zu behandeln schien; und hinsichtlich seiner Angelegenheiten teilte er Johanna »im Vertrauen« mit, daß er jetzt Aussicht habe, sich bis zum hoffentlich baldigen Anbruch besserer Zeiten zu halten. Wodurch diese glückliche Wendung bewirkt sei, sagte der Vater nicht. Tatsache aber war, daß seine Kattundruckerei vor dem Brooktor, welche, wie alle Geschäfte derselben Art, längst geschlossen gewesen, die Arbeit wieder aufgenommen und sich jemand gefunden hatte, der zu den zwei schweren Hypotheken, mit denen das Wohnhaus an der Alster belastet war, eine dritte wagen wollte. Auch das in letzter Zeit auf ein Kleinstes herabgesetzte Wirtschaftsgeld erhöhte der Vater unaufgefordert um das Doppelte; er sprach sogar davon, den »Empfangsabenden« am Donnerstag, die in letzter Zeit nur noch dem Namen nach bestanden hatten – es war außer Billow und Sandström niemand mehr gekommen – wenn nicht zu dem alten Glanze – was vorderhand freilich unmöglich sei – so doch von neuem zu einer »anständigen Wirklichkeit« zu verhelfen.

Johanna war damit ganz einverstanden. Brauchte doch Oskar dann wenigstens einmal in der Woche, um vorzusprechen, nicht nach einem Vorwande zu suchen; und wenn des Vaters Angelegenheiten sich so viel günstiger gestaltet hatten, warum sollte man dem Sonnenschein, der sich endlich wieder hervorwagte, nicht Eingang verschaffen in das triste, seit so langer Zeit verödete Haus?

Sie sprach darüber mit Minna, erfuhr aber von dieser die entschiedenste Abweisung. Ihr Sinn stehe wahrlich nicht nach Freude und Festlichkeit, und wollte sie auch von sich ganz absehen: in einer Zeit, wo Tausende arbeitslos und brotlos durch die Straßen irrten, habe keiner das Recht, über das unabweislich Notwendige hinauszugehen, auch nicht der Wohlhabende, geschweige denn jemand, der, wie der Vater – sie habe es ja aus seinem eigenen Munde! – vor einem völligen, schmachvollen Bankrott stehe. Wenn er überflüssiges Geld habe, so möge er es auf Befriedigung seiner Gläubiger verwenden. Er habe derer genug, und die ihn nur deshalb nicht weiter gedrängt hätten, weil sie gewußt, daß es erfolglos sein würde. Sie würden sich sofort melden – und mit Fug und Recht – wenn der Vater merken lasse, daß er wieder über Mittel verfüge.

Du bist die reine Schillersche Kassandra, erwiderte Johanna schmollend. Und dabei liegt doch auf der Hand, daß du die Welt im argen siehst, nicht, weil sie so ist, sondern, weil du sie so sehen willst. Anstatt der Schrecklichkeiten, die Herr Hirsch schwarz auf weiß haben wollte – das Papier war freilich alles, nur nicht weiß – kommt aus Rußland eine Siegesnachricht über die andere, und Vaters Geschäft wird wieder flott, daß es nur so eine Freude ist.

Und ich, erwiderte Minna, zweifle so wenig daran, daß jener russische Brief die Wahrheit enthielt und die französischen Bulletins lügen, wie ich dem guten, alten Manne aufrichtig wünsche, er möge nicht bald Gelegenheit haben, seine dem Vater bewiesene Großmut zu bereuen.

Wie denn? Du glaubst, daß Vater das Geld von Herrn Hirsch habe?

Ich bin sogar davon überzeugt.

Nun freilich! Kassandra muß auch das wissen.

Johanna gab es auf, den Starrsinn der Schwester zu brechen, hoffend, die Zeit und der einfache Verlauf der Ereignisse würden das schwierige Geschäft für sie übernehmen. Zu ihrem Erstaunen und Schrecken sollte sie nur allzubald erfahren, daß Zeit und Ereignisse sich verschworen zu haben schienen, sie ins Unrecht zu setzen und die trüben Voraussagen Minnas buchstäblich zu erfüllen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.