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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Zwanzigstes Kapitel.

Alsbald umdrängten sie erregte Menschen. Von den Hausleuten hatte man bereits erfahren, daß Frau Billow drinnen sei. Nun war sie unter ihnen, man konnte ihr selbst sagen, was man hoffte, was man fürchtete. Wenn das Schiff über die Palisaden geschleudert wurde und dabei nicht kenterte, so war Rettung möglich. Aus dem Außenhafen, in den es dann gelangte, lief seit einer halben Stunde eine mächtige Strömung in die See; auf diesem Wege waren alle Schiffe, die sich dort befanden, gerettet worden. Wenn es nicht frei kam und der Sturm nicht nachließ, so konnte sich die Mermaid, die ein sehr stark gebautes Fahrzeug war, noch eine halbe Stunde halten. So lange würde es freilich währen, bis das große Rettungsboot, das man im Binnenhafen eben flottmache, heraus- und herangekommen sei, wenn es herankomme.

Der Hauptredner war ein alter pensionierter Lotsenkapitän, der eine verschossene Dienstmütze trug. Das letzte Wort erstarb ihm im Munde. Abermals war eine Woge über das Wrack hingerollt; als es wieder sichtbar wurde, hing nur noch ein Mensch von den vieren in den Rahen.

Die Aufregung in der Menge hatte einen fieberhaften Grad erreicht. Die Weiber heulten, die Männer liefen ratlos hin und her oder starrten einander in die bleichen Gesichter.

Hypolit hatte das Fernrohr, das der Kapitän bei sich führte und dem stattlichen fremden Herrn, der wohl ein Verwandter der Frau Billow war, höflich darbot, genommen und auf das Wrack gerichtet. Nun setzte er es ab und gab es dem Kapitän zurück. Er hatte den Mann, der damals sein Nebenbuhler gewesen war, deutlich erkannt: die vierschrötige Gestalt, die sich mit der Riesenkraft der Verzweiflung an den Maststumpf klammerte, das breite, von Todesangst verzerrte, bleiche, nach dem rettenden Ufer stierende Gesicht.

Sein trüber Blick glitt hinüber zu dem geliebten Weibe, das frei war, wenn den da die Flut verschlang.

Und dann dachte er jenes Novembertages, als er, ein sechzehnjähriger Knabe, vom Pont Neuf in die reißende Seine gesprungen war, einen fremden ertrinkenden Hund zu retten.

Er wandte sich wieder zu dem Lotsenkapitän.

Mein Herr, sagte er auf deutsch, ich hörte eben von Ihnen, das Rettungsboot könne erst in einer halben Stunde zur Stelle sein; das Schiff aber dort hält sich keine zehn Minuten mehr. Kann man denn von hier kein Boot in See bringen? Hat man hier kein Boot?

Ein Boot, Herr? erwiderte der Kapitän mürrisch. Da unten liegt eins und ist ein tüchtiges Boot – soweit.

Er wies abwärts zur Linken, wo in einer kleinen, nach der See durch starke Pfähle geschützten Bucht das große Ruderboot, das der Wirt für seine Gäste hielt, in dem engen, sonst wohl völlig stillen Raume auf und nieder raste, wie ein Raubtier in seinem Käfig.

Nun? rief Hypolit ungeduldig.

Wir bringen es nicht in See, erwiderte der Kapitän.

Wir müssen es versuchen.

Das sagt man so!

Das tut man, wenn man ein Braver ist!

Und Hypolit berührte die Medaille, die der Kapitän an einem verblichenen Bande auf der Brust trug.

Bei der Berührung ging es durch des alten Mannes Körper wie ein elektrischer Schlag. Das graue Haupt hob sich aus den gekrümmten Schultern; in den wässerigen, hellblauen Augen blitzte es auf.

Nun denn: in Gottes Namen, sagte er, das Fernrohr zusammenstoßend.

Hypolit hatte sich zu der Menge gewandt.

Wer will mit dem Herrn Kapitän und mir in dem Boote unten zu dem Schiffe?

Keine Antwort kam zurück; die Männer schauten seitwärts.

So versuchen wir's beide! rief Hypolit, dem Kapitän die Hand auf die Schulter legend. Und ein Pfui über euch, die ihr euch von einem alten Manne und einem Franzosen beschämen laßt!

Ich bin dabei! schrie einer aus dem Haufen.

Und ich! und ich! riefen ein Dutzend Stimmen nerviger Gesellen, die sich stürmisch herandrängten.

Du sollst mit, Peter Biel! und du Christian Swart! und du Johann Niels! und du Fritz Clasen! Und ihr da, daß euch das Donnerwetter regiere, wenn ihr nicht in zwei Minuten das Boot klargemacht habt!

Mit Jünglingskraft stürmte der Alte die Treppe hinab, ihm nach die Männer.

Das alles war in so kurzer Zeit gesagt und getan, daß Minna erst jetzt begriff, um was es sich handelte. Mit einem dumpfen Schrei sprang sie auf Hypolit zu, ihn an beiden Händen packend.

Ich lasse dich nicht, murmelte sie durch die geschlossenen Zähne.

Es muß sein; erwiderte er dumpf; es ist dein Gatte.

Den du töten wolltest!

Den ich retten will, um ihn nicht töten zu müssen.

Dein Leben gegen seines!

Dem sein Leben alles ist! Du sagtest es selbst. So sind wir quitt: er und ich.

Er strebte sich loszumachen – vergebens: sie hatte ihre Hände in die seinen gekrampft. Von unten herauf scholl lautes Geschrei: sie hatten das Boot flott bekommen. Er sah die wahnsinnige Angst grenzenloser Liebe in den geliebten Augen; über sein schönes Gesicht ging ein Zucken wie über eines von gräßlichem Schmerz Gefolterten. Plötzlich stammten seine dunkeln Augen auf in herrlichem Feuer, und die Stimme, welche Wehmut und Mitleid vorhin verschleiert hatten, klang voll und groß:

Geliebte, denke deines Wortes von gestern: laß uns menschlich sein! Es ist der sichere Fels; es ist die stolze Rechtfertigung unserer Liebe. Ich habe gestern das heilige Gebot mißachtet, und so stehen wir hier vor dem Entscheidungskampfe. Wehe mir, fände mich auch diese Stunde klein! wehe uns! Laß uns beweisen, daß wir eines des anderen wert sind. Komme es dann wie es mag: im Leben und im Tode ich dein, du mein für immer!

Für immer! flüsterte sie, ihr Gesicht gegen sein Gesicht drückend. Er küßte sie auf Stirn und Lippen. Dann waren ihre Arme leer. Noch einmal sah sie ihn an der Treppe, ihr winkend mit den geisterhaft leuchtenden Augen. Dann war er verschwunden.

Um Gottes willen, gnädige Frau, lassen Sie sich von mir hineinbringen! bat die Wirtin, Minna am flatternden Kleide haltend; es ist Ihr Tod.

Ja, es ist Ihr Tod! riefen im Chor die anderen.

Helfen können Sie ja doch nichts, sagte die Wirtin.

Nein, helfen können Sie nichts, riefen die Frauen.

Minna hatte wohl nicht verstanden, was die Frauen sagten, von ihr verlangten. Sie mit gebieterischer Gebärde von sich weisend, schritt sie bis an das Geländer vor, um dessen oberste Barre sie beide Hände legte. So blieb sie stehen, während der Sturm in ihrem schwarzen Gelock wühlte und ihr Gewand peitschte, unverwandt vor sich in den Graus blickend mit Augen, die versteinert schienen.

Sah sie, was da vorging?

Die entsetzten Frauen, die sie umstanden, fragten es sich.

Sah sie das Boot mit dem alten Lotsen am Steuer, dem die grauen Haarsträhnen den Kopf, von dem ihm die Mütze geflogen war, umflatterten; den vier Männern, wie sie an jeden Ruderschlag ihre ganze Kraft setzten, während ein fünfter vorn im Bug, das Seil mit dem Widerhaken zum Wurf bereithielt – sah sie das Boot, wie es jetzt auf dem schäumenden Kamm der Woge tanzte, dann in einem Abgrunde versank, um im nächsten Moment wieder emporgetragen zu werden und abermals zu versinken; und sich so weiter arbeitete von Schwall zu Schwall, in einem Bogen, der es weitab vom Wrack zu führen schien, bis es, sich wendend – mit den Wogen jetzt – dem Wrack schnell und schneller entgegengetragen wurde?

Dem Wrack, von dem eine der letzten Wogen das Vorderteil weggeschlagen hat, so daß es nur noch ein Stumpf von einem Schiffe ist mit einem Stumpfe von Mast, in dessen Takelwerk der Unglückliche noch immer hängt, und jetzt – man kann es deutlich sehen – sich von den Seilen zu lösen beginnt, mit denen er sich festgebunden hat, des Augenblicks gewärtig, in dem das rettende Boot längsseit kommen wird, ihn aufzunehmen, der sich zum Sprunge bereithält?

Sieht sie es wohl?

Auch die Männer fragen es sich, die, nachdem sie unten das Boot haben flottmachen helfen, alle wieder heraufgelaufen sind, und, wie sie auch das Furchtbare gefesselt hält, nicht unterlassen können, mit manchem schnellen Seitenblicke die Starre zu streifen.

Sind sie doch selbst starr, bringt doch keiner mehr auch nur eines der vorher von Nachbar zu Nachbar gemurmelten Worte über die geöffneten Lippen jetzt, wo das Boot mit kühner Wendung, die abrollende Woge benutzend, an das Wrack heranschießt; der Augenblick da ist, wo es gelingen muß, wenn es gelingen soll. –

Und ein Stöhnen, das ein Schrei wird, weil es hundert Lippen zugleich ausstoßen, bricht aus der atemlosen Menge. Hinter der abrollenden Woge hat sich die folgende aufgetürmt, höher als eine zuvor. Und die turmhohe Woge, nachdem sie einen Moment wie unbeweglich gestanden, neigt sich und stürzt auf Wrack und Boot herab, alles in ihrem Schwall begrabend.

In Schaum und Gischt aufgelöst ist sie übergestürzt, dem Außenhafen zu. Das Palisadenwerk blinkt in seiner ganzen Länge auf – die Stelle, wo das Wrack hing, ist leer – in den Wirbeln des Außenhafens tanzen die Trümmer.

Hurra! schreit eine rauhe Stimme.

Der Mann, der auf einen Baum geklettert war, hat es zuerst gesehen – das Boot, das von der Unglücksstätte abtreibt. Jetzt hat es ein Dutzend anderer scharfer Augen, jetzt haben es alle gesehen. Und hurra! hurra! schreien sie und schwenken die Mützen und schreien immer wieder hurra. Das Rettungswerk freilich ist mißlungen. Es war unmöglich – menschenunmöglich. – Was sie tun konnten, haben sie getan. – Kein Mensch kann mehr tun, als er kann.

So sprechen, so schreien sie durcheinander; sie schreien es der Dame zu, die noch immer, die Hände um die Barre gekämpft, die Augen starr auf die See gerichtet, dasteht wie ein versteinertes Bild, nur daß der Sturm in ihrem schwarzen Gelock wühlt und ihr Gewand peitscht.

Die arme Dame! – Nun ja, der Herr Gemahl – mit dem ist's aus; aber der andere, der fremde Herr, der gewiß ein naher Verwandter ist – den kriegt sie doch wieder. – Sie haben getan, was sie konnten. – Kein Mensch kann mehr tun, als er kann. –

Das Boot kommt näher und näher; die Wogen, gegen die es vorher angekämpft, schleudern es vor sich her wie einen Ball. Nun ist's in der Brandung, deren tobender Schwall es mit weißem Gischt überschüttet. Die Landung kann noch bös werden. Aber es sind ja so viele Hände da, es heranzuholen. Mühe wird's schon kosten, und ertrinken kann man auch dabei, sechs Schritt vom Lande. – Aber seien gnädige Frau nur ganz ruhig! Wir werden's schon machen!

Die Männer sind die Treppe, die Böschung hinab, an den Strand geeilt.

Seien Sie nur ganz ruhig, gnädige Frau, sie werden's schon machen, wiederholen die gutmütigen Weiber, sich um die Dame drängend, erstaunt, daß sie noch immer so steht, starr, mit Augen, die aus den Höhlen quellen zu wollen scheinen, auf das Boot blickend, das jetzt durch glatteres Wasser an dem Uferhügel, gerade unter dem Platze, wo die Dame steht, vorbeischießt, auf die Landungsstelle zu.

Auf einmal stößt sie einen gellen Schrei aus und ist, ehe die erschrockenen Frauen aufatmen können, an der Treppe, die Treppe hinab.

Großer Gott, was kann sie gesehen haben?

Die Frauen drängen sich an die Stelle, wo sie gestanden, und können nun freilich auch sehen, was sie, als die erste, gesehen: daß der Mann, den sie für den fremden Herrn gehalten haben, – Johann Niels ist, der vorher im Vorsteven war; und im Vorsteven keiner mehr ist, und in dem Boote ausgestreckt einer liegt, der nun wohl kein anderer sein kann, als der fremde Herr.

Wenn er es ist, dann ist's ihr Tod! ruft der alte Christiansen, der sich endlich auch aus dem Hause gewagt und sein Fräulein Minna hat aufschreien und davonstürzen sehen.

Wer ist's? Was hat sie mit ihm? fragen die Weiber.

Der Alte antwortet nicht und ringt nur jammernd die Hände. Er will die Treppe hinab; die Krücken entgleiten seinen Händen, die gichtischen Beine brechen unter ihm zusammen. Es hilft ihm niemand auf; auch die Weiber sind die Treppen hinabgelaufen, zu sehen, was es unten gibt.

Da haben die Männer das Boot auf den Strand geholt und umstehen es im dichten Kreise, triefend vom Wasser, die Mützen in der Hand, mit feierlichen Gesichtern, unwillig den Weibern Platz machend, die sich zwischen ihnen durchdrängen.

Die sehen endlich, was es gibt:

Den fremden Herrn, dem die herabsausende Rahe des zusammenkrachenden Mastes, wie eine von Titanenhand geschleuderte Lanze die Brust durchbohrt hat, aus deren fürchterlich klaffender Wunde das Blut nur noch in schwarzen Tropfen quillt. Sein todbleiches Haupt ruht auf dem Knie der Dame, die sich über den Sterbenden beugt. Der schlägt noch einmal die großen dunkeln Augen auf, die brechenden Blicks angstvoll etwas zu suchen scheinen und sich plötzlich mit lichtem Glanze füllen. Durch die Schleier des Todes hat er sie erkannt. Ein seliges Lächeln spielt um die blassen Lippen, die noch ein paar Worte lispeln, die keiner vernimmt – nur sie.

Nur sie, die ihre Lippen auf die seinen preßt, des Geliebten letzten Hauch mit seinem letzten Kusse trinkend.

In diesem Moment windet sich hastig durch die Menge ein junger Offizier, der vor fünf Minuten von einem Pferde, das unter ihm schwankt, an der Tür des Wirtshauses aus dem Sattel gesprungen ist. Sein schönes Gesicht ist bleich, fast wie des Toten da, auf den seine Augen, die aus den Höhlen quillen, mit furchtbarem Ausdrucke starren. Hat er den edelsten der Menschen in den Tod getrieben? er die geliebte Schwester zur unseligsten der Frauen gemacht? Oder mußte es sein? und hat das Schicksal hier für einmal, göttlicher Weisheit voll, einen Fall entschieden, für den es auf Erden keinen Richter gab? und ein höchstes Glück vernichtet, bevor die Welt es in ihren Staub ziehen konnte?

Er fragt es sich; er findet keine Antwort. Er weiß nur, daß er freudig sein Leben geben würde, den da ins Leben zurückzurufen; und daß von Stund an sein irdisch Glück zerschmettert liegt wie das der geliebten Schwester.

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