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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Neunzehntes Kapitel.

Die Bewohner des kleinen Ostseehafens, dem Minna entgegenfuhr, hatten diese Nacht nicht lange schlafen können. Nach ein paar für die Jahreszeit ungewöhnlich heißen Tagen hatte ein um Mitternacht ausbrechendes Gewitter den Sturm entfesselt, der, aus Südwest durch den Westen nach Nordwest umsetzend, das Städtchen mit Vollgewalt traf. Man hatte sich an das Klappen der Türen, das Klirren der Fenster, das Wimmern und Heulen in den Schloten nicht sonderlich gekehrt; als aber jetzt die Ziegel von den steilen Dächern auf das Straßenpflaster prasselten, aus den Angeln gerissene Läden herabkrachten, geschlossene Fenster eingedrückt wurden, die Sachen in den Zimmern umherzufliegen begannen, als befände man sich auf der Gasse – da war auch der Lässigste aus dem Bette gesprungen, das ihm keine Ruhe, kaum noch Sicherheit gewährte.

Und wenn man gehofft hatte, das Unwetter werde, schnell wie es gekommen, auch vorübergehen, sollte sich das als Täuschung erweisen. Ja, die Wut der Elemente schien gegen Morgen noch zu wachsen. Es mochte das auf Rechnung des Auges kommen, das jetzt, bei zunehmender Helligkeit in die Mitleidenschaft des Schreckens gezogen, das schon angerichtete Unheil zu übersehen, das noch hereindrohende zu ermessen begann.

Bereits gab es des ersteren nur zu viel, und das doch geringfügig schien, wenn sich die Kunde bestätigte, die sich vom Hafen durch die Stadt verbreitete: während der Nacht sei auf der Reede eine große holländische Jacht vom Anker getrieben und mit Mann und Maus gesunken; alle Schiffe, die dort lägen, würden verloren gehen, wenn es nicht gelänge, sie im Binnenhafen zu bergen.

Man hatte seinen Ohren nicht trauen mögen! Wie denn? die Reede, welche die Regierung vor wenigen Jahren erst mit ungeheurem Kostenaufwande durch eine doppelte Palisadenreihe, deren Zwischenraum gewaltige Steine füllten, in einen Außenhafen umgeschaffen hatte – so sicher fast, wie der Binnenhafen selbst – sie sollte heute nicht einmal Schutz gewähren vor dem Allerschlimmsten? Und die Prophezeiung des preußischen Wasserbaumeisters in Erfüllung gehen, der, als man ihm triumphierend das gewaltige Werk zeigte, die Achseln gezuckt und gesagt hatte: Vortrefflich! Nur daß es im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge unnötig ist, unter gewissen außerordentlichen Verhältnissen aber das Gegenteil von dem bewirken wird, was ihr von ihm erwartet.

Man hatte über den Toren gelacht, der heute zu spät als ein Weiser erfunden werden sollte von den Hunderten, die beim ersten Tagesgrauen an den Hafen geeilt waren, um jeder mit eigenen Augen zu sehen, was keiner für möglich gehalten hatte.

Schaudernd zu sehen, wie die aus der offenen See heranrollenden Wogen, anstatt sich an dem Palisadensteinwall zu brechen, in gewaltigem Bogen darüber wegschlugen, ungeheure Wassermassen in den Außenhafen schleudernd, die, bei gehemmtem Abflusse immer höher anschwellend, in wilden Strömen und Wirbeln durcheinander wühlend, das mächtige Bassin zu einer einzigen fürchterlichen Brandung machten, in der nun wohl ein Dutzend kleinere und größere Fahrzeuge wie ebenso viele Korkstücke umhergeschleudert wurden. Einer gleichgroßen Anzahl war es während der ersten Stunden, als der Sturm noch nicht so toll gewütet und das Wasser diese Höhe erreicht hatte, gelungen, die Ankertaue kappend, sich rechtzeitig in dem Binnenhafen zu bergen. Ob es den Zurückgebliebenen noch gelingen würde, schien sehr zweifelhaft, wenn der Sturm nicht in aller Kürze nachließ. Schon war in dem entsetzlichen Schwalle jedes Manövrieren unmöglich geworden; nur ein glücklicher Zufall mochte noch Rettung bringen.

So war gegen elf Uhr vormittags der schlimme Stand der Dinge, als Minna nach der langen, zuletzt lebensgefährlichen Fahrt in dem Städtchen ankam und im Gasthofe »Zur schönen Aussicht«, dem ihr von ihrem Gatten angewiesenen Rendezvousorte, abstieg. Christiansen, der auf Krücken, welche er seit einem letzten Gichtanfalle führen mußte, so schnell er konnte, herbeikam, schlug die Hände vor Verwunderung zusammen, als er sein »Fräulein Minna« in dem Unwetter anlangen sah; nicht weniger erstaunt war Frau Rossow, die Wirtin, seine Nichte, welche die gnädige Frau allein begrüßen mußte – ihr Mann war natürlich am Hafen. Sie führte Minna in die besten Zimmer – selbstverständlich! – half der völlig Durchnäßten beim Umkleiden und wollte auch, der gnädigen Frau ein warmes Frühstück zu bereiten, Feuer in der Küche anmachen lassen, was bis jetzt noch nicht geschehen sei, da heute, wo ja wohl die Welt untergehen solle, keiner bis jetzt an Essen und Trinken gedacht habe; man auch gar nicht wissen könne, ob bei dem rasenden Sturme ein abfliegender Funke zu dem Wasserunglücke nicht noch ein Brandunglück anrichten werde. Minna verbat sich alle Umstände: sie sei tödlich erschöpft und verlange nur nach Ruhe.

Aber, sagte Frau Rossow, wenn die gnädige Frau uns doch einmal die Ehre erweisen und uns – ich meine Onkel Christiansen – besuchen wollten – worauf sich der alte Mann schon, solange er nun bei uns ist, gefreut hat – warum haben Sie sich auch gerade solch grausamen Tag gewählt? Das muß doch in Warnesoe just so sein, wie bei uns.

Ich komme von Hamburg, sagte Minna. – Ich erwarte meinen – ich soll Herrn Billow hier erwarten. Er kommt von Kopenhagen mit einem seiner Schiffe. Er gedachte heute hier einzutreffen.

Hier – eintreffen – heute? murmelte die Wirtin, die ganz blaß geworden war.

Sie halten es nicht für wahrscheinlich? fragte Minna.

Aber, gnädige Frau, rief die Wirtin; das wäre ja entsetzlich, wenn der Herr Gemahl heute unterwegs wäre! Sehen doch die gnädige Frau nur einmal durch das Fenster!

Sie hatte in ihrem Eifer Minna an der Hand genommen und an eines der Fenster geführt, die nach der See hinausgingen, auf die man von dem hart am Rande des hohen Ufers gelegenen Hause einen völlig freien Blick gehabt haben würde, nur daß sich nach rechts ein paar Bäume und Büsche des Vorgartens dazwischenschoben, die der Sturm bog und zerzauste, als ob er sie im nächsten Moment von der Erde fegen würde. So erblickte man vom Hafen noch eben jenes verhängnisvolle Vorwerk, auf Momente aus dem Wogenschwalle tauchend, der sich beständig, den weißen Gischt haushoch spritzend, darüber hinwälzte.

Das sieht freilich bös aus, sagte Minna, in den Graus starrend.

Bös? rief die Wirtin. Die gnädige Frau kennen so etwas nicht! Ich kann Ihnen sagen: das ist noch nicht dagewesen! dagegen kommt kein Schiff an. Wissen Sie denn, in welchem der Herr Gemahl nach Kopenhagen ist?

In der »Mermaid«, schrieb er.

Nun gar die Nußschale! Sie ist ja schon ein paarmal hier gewesen – ein schmuckes Schiff, aber, großer Gott, in dem Sturme! Na, gnädige Frau, ich will Sie nicht ängstigen. Möglicherweise ist das Schiff noch gar nicht von Kopenhagen fort, oder sie haben heute nacht, als der Sturm kam, die hohe See gesucht, wo man sich ja schon eher helfen kann, oder sind irgendwo in einen Nothafen gelaufen. Man muß immer das Beste hoffen, gnädige Frau, besonders, wenn man einen lieben Mann auf der See hat. Und nun sehen die gnädige Frau, daß Sie ein bißchen schlafen können. Ich glaube, der Herr Neddermeyer hat sich schon hingelegt; er fiel fast über seine eigenen Beine. Ich glaubte wahrhaftig, er hätte einen über den Durst genommen, was freilich gar nicht seine Gewohnheit ist. Aber freilich, wenn Sie heute von Hamburg kommen – na, aber was tut man nicht, wenn man einen lieben Mann erwartet!

Die Wirtin war gegangen; Minna, die ihre völlige Erschöpfung nicht geheuchelt hatte, warf sich auf das Sofa, ohne den herbeigesehnten Schlaf finden zu können. Das möchte auch einem ruhigeren Gemüt schwer geworden sein in dem ungeheuren Lärm, der aus dem Heulen und Brausen des Windes um das beinahe freistehende, in seinen Fugen erzitternde Haus, dem Donner der am Ufer brandenden Wellen, den im Hause selbst von klappenden Türen und klirrenden Fenstern verursachten Geräuschen, in seinen Einzelheiten nicht mehr unterscheidbar, zusammenfloß; wie wäre es Minna möglich gewesen, deren verstörte Seele ein Abbild war des draußen wühlenden Chaos! Vergebens, daß sie sich zur Ruhe ermahnte, die angewohnte Herrschaft über ihre Gedanken und Empfindungen herbeizuzwingen suchte. Was ihr bei ihrer Abfahrt von Hamburg und während der ersten Stunden der Reise, als sie durch die brütende Nacht dahinfuhr, in allen Teilen klar vor dem inneren Blicke gestanden hatte, wie ein wohldurchdachter Plan vor dem eines Strategen – jetzt wirrte alles durcheinander, hatte nichts mehr den rechten Halt, ja, wollte sich in das Gegenteil verkehren. Den Brief an Hypolit meinte sie an Georg, den an Georg an Hypolit gerichtet zu haben; und wenn sie sich mühsam des wahren Sachverhaltes erinnert hatte, schien es ihr, als sei, was sie geschrieben, feiges, die Wahrheit verhüllendes Phrasengewebe; als hätte sie nur eines schreiben dürfen: ich gehe in den Tod, in den ihr mich gejagt habt! Aber war denn, zu ihrem Gatten zurückkehren und in den Tod gehen, nicht eines und dasselbe? Hatte sie nur einen Augenblick die Möglichkeit, mit ihrem Gatten sich wieder zu vereinigen, ehrlich ins Auge fassen können? Und das sollte Hypolit, sollte Georg auf die Dauer für Wahrheit nehmen? Wußten nicht beide so gut wie sie, daß sie lieber ihre Hand in das Feuer halten, als die seine noch einmal fassen würde – in Liebe fassen?

Sie schauderte zusammen bei der bloßen Vorstellung und sprang von dem Sofa auf nach der Fenstertür.

Weshalb noch lange grübeln und zögern, zu tun, was getan werden mußte? Da unten donnerte die See. Es würde sie keiner bemerken, wenn sie sich aus dem Zimmer über den Balkon das Treppchen hinab in den Garten stahl, der sich den Hügel hinab, auf dem das Haus lag, bis an den Strand zu ziehen schien. Dann ein Sprung in den tobenden Schwall! Sollte er sie wieder ans Ufer werfen – ein Stein, ein Pfahl, ein Etwas würde sich schon finden, an das sie sich klammerte, bis es vorüber war!

Sie rüttelte an der Fenstertür, die, wohl verwahrt, nicht nachgab. So blieben die Fenster zur Rechten und Linken, unter denen der Balkon hinlief. Schon hatte sie den Riegel in der Hand, als sie Leute im Garten bemerkte: die Wirtin selbst und ein paar Mägde und Knechte, zu denen sich alsbald andere Leute gesellten, die eilfertig herbeigelaufen kamen und starr, wie jene es bereits taten, zur Linken in die See hinauszublicken begannen unter vielen Gestikulationen und eifrigen Reden, während sich die Frauen die Kleider an den Leib drückten und die Männer die Mützen festhielten. Was mochte ihre Aufmerksamkeit so erregen, gefesselt halten? Was anders als ein Schiff, das in Sicht gekommen war und hier in den Hafen laufen wollte. – Da – sie hatte in die falsche Richtung geblickt – da war es: ein kleines Schiff, das ohne Segel, wie es schien, bald auf der Spitze einer Woge schwebte, bald in einem Abgrunde verschwand – in gar nicht großer Entfernung – sie meinte, Personen auf dem Deck, in den Rahen gesehen zu haben.

Auf einmal fuhr es ihr durch die Seele: wenn es die »Mermaid«, Billows Schiff war? Billow, wie dann ja sicher anzunehmen, sich auf dem Schiffe befand? er ans Land stieg? das Entsetzliche, von dem sie gemeint, der Sturm werde es heute sicher verhindern, vielleicht auf Tage hinausschieben, jetzt eintreten sollte? in einer Stunde? einer halben?

War ihr den Tod in den Wellen zu finden versagt – ein Ort zu sterben fand sich schon.

Sie stürzte auf die Tür nach dem Vorsaale zu, die in demselben Augenblicke von außen geöffnet wurde. In der Überreizung ihrer Sinne glaubte sie seine Erscheinung zu sehen und taumelte entsetzt zurück. Dann kam ihr zum Bewußtsein, daß Frau von Aubigny, trotz ihres Verbotes, ihm diesen Ort verraten haben mußte, er ihr nachgeeilt war, die heute nacht die Flucht vor ihm ergriffen, um sich seitdem jede Sekunde nach ihm zu sehnen, in Sehnsucht zu vergehen – und mit einem wilden Schrei hatte sie sich in seine Arme, an seine Brust gestürzt.

Geliebter, du kommst, mit mir zu sterben!

Ich komme, dir und mir das Leben wiederzugeben, das du uns rauben wolltest. Mehr als zur Hälfte schon geraubt hattest, du böses, geliebtes Weib!

Mein Hypolit!

Sie hatte seine Hände ergriffen und an ihre Lippen gedrückt; sie hatte sich, ehe er's verhindern konnte, zu seinen Füßen gestürzt, seine Knie umklammernd. Plötzlich sprang sie wieder empor und rief, mit leidenschaftlicher Gebärde durch das Fenster auf die See deutend:

Da – das Schiff! Er wollte heute hier sein. Wenn er es ist –

Er ist es, sagte Hypolit, was soll ich es dir verschweigen? Ich hörte es bereits am Hafen, von dem ich komme: es ist sein Schiff – es kennt es hier jeder Schiffer – und er ist zweifellos an Bord.

Minna blickte ihm starr in die Augen.

Nun? sagte sie.

Du stehst unter meinem Schutze.

Er ist mein Gatte, er wird sein Recht geltend machen.

Er ist ein Feigling; er wird es nicht.

Und wenn er es dennoch tut? schrie Minna außer sich.

So stirbt er von meiner Hand, so wahr ich dich liebe! sagte Hypolit mit starker, fester Stimme.

Er stirbt! – von deiner Hand! murmelte Minna zusammenschaudernd – er, dem sein Leben alles ist! Es ist gräßlich – gräßlich! Und Georg, soll auch er – was hast du mit meinem Bruder – du wendest den Blick ab? Großer Gott, es ist geschehen? Du hast –

Geliebte, sagte Hypolit, ihre zitternden Hände erfassend; ich bin acht Stunden im Sattel gewesen! Ich habe deinen Bruder seit gestern abend nicht mehr gesehen, nicht mehr an ihn gedacht von dem Moment, als die Gräfin – sie kam selbst – eine Stunde, nachdem du fort warst – von Angst gefoltert – verzeihe ihr, daß sie nicht sofort begriffen hatte, was es heißt, wenn mein geliebtes Mädchen sagt, sie wolle zurück – zurück zu – ach! laß es mich nicht aussprechen, das Entsetzliche, das auch nur einen Augenblick für möglich halten konnte, wer, wie sie, deine reine, hohe Seele nicht kennt! Ich – mein Gott, es war ja jede Sekunde kostbar – nun habe ich dich – dich! du lebst – lebst mir! und kein Bruder und kein Mensch und keine irdische Macht soll uns je wieder trennen.

Er hatte es kaum gesprochen, als von dem Garten her, aus dem die drinnen im Zimmer, hätten sie darauf achten können, bereits während der letzten Minuten das Summen vieler Stimmen vernommen haben würden, wilde Schreckensrufe der Männer erschallten, in das sich gelles Gekreisch der Weiber mischte. An die Fenster eilend, sahen sie, daß der ganze Garten von Menschen erfüllt war, die Kopf an Kopf standen; und über sie weg jenes Fahrzeug, das die »Mermaid« sein sollte, hängend in dem Palisadenwerke des Außenhafens, wie auf einem Riffe, während Woge auf Woge über ihm zusammenbrach, daß der weiße Gischt bis in die oberste Rahe des einzig noch stehenden Mastes geschleudert wurde. In den Rahen hingen vier Menschen – man hätte glauben können, die Gesichter zu erkennen – so gering war die Entfernung, so klar die vom Sturme gepeitschte Luft. Hypolit riß die Fenstertür, die vorhin Minnas Anstrengungen gespottet hatte, mit einem Rucke auf und eilte den Balkon hinab in den Garten, ihm nach Minna.

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