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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Achtzehntes Kapitel.

Auf dem Flure des oberen Stockwerkes, das die d'Aubignys bewohnten, trat Minna der Kammerdiener des Grafen entgegen: der Herr und die Frau Gräfin befänden sich im Salon, die Rückkehr Madames erwartend. Seit einer Stunde sei aber auch ein Herr da, der ein Landmann zu sein scheine und einen Brief für Madame habe, den er persönlich abgeben zu müssen behaupte. Er habe den Herrn, der übrigens kein Wort Französisch spreche, und mit dem er sich nur durch die deutschen Leute im Hause habe verständlich machen können, in Madames Zimmer geführt, wofür er Madame um Entschuldigung bitte; aber Madame wisse, daß sonst kein anderer Raum in der Wohnung disponibel sei.

Minna eilte auf ihr Zimmer; eine mächtige Gestalt trat ihr entgegen, in der sie bei dem zweifelhaften Lichte der beiden Kerzen vor dem Spiegel Neddermeyer erkannte. Der Anblick des treuen Mannes ließ in ihre umnachtete Seele einen helleren Schimmer fast der Freude fallen. Da war jemand, der nicht Haß und Streit kannte, der nicht an ihrem Herzen zerren würde, und dem sie unbedingt vertrauen durfte. Sie streckte ihm, für den Augenblick unfähig zu sprechen, beide Hände entgegen, die er, eine nach der anderen, ehrfurchtsvoll an seine Lippen zog.

Liebe, liebe, gnädige Frau, sagte er; Gott sei Dank, daß –

Er brach ab, erschrocken über ihr verstörtes Gesicht, in das er jetzt, aufschauend, einen ersten sicheren Blick warf.

Aber, um Gottes willen, rief er, wie sehen denn die gnädige Frau aus! Herr des Himmels –

Er hatte schnell einen Lehnsessel herbeigerückt, auf dem Minna schwer zusammensank.

Herr des Himmels! rief Neddermeyer wieder, was ist der gnädigen Frau? So hab' ich Sie ja mein Lebtag nicht gesehen!

Er bemühte sich um die geliebte Herrin in ratloser Dienstfertigkeit, welche Minna, die sich, von allen verlassen, auf das Mitgefühl dieses guten, schlichten Menschen angewiesen sah, zu Tränen rührte. Und nun folgte den ersten ein Strom, der unaufhaltsam dahinfloß, die gequälte Seele erleichternd und beruhigend.

Kehren Sie sich nicht daran! sagte sie endlich, dem ganz Verzweifelten mit einem Versuche zu lächeln aufs neue die Hand reichend. Mir ist eben etwas sehr Schmerzliches begegnet. Lassen Sie es gut sein; es ist vorbei. Ich bitte, setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie wieder nach Hamburg führt!

Neddermeyer hatte sich gehorsam einen Stuhl herbeigezogen, froh, daß der schreckliche Anfall vorüber zu sein schien.

Ich bin noch gar nicht fort gewesen, gnädige Frau, sagte er.

Und dann, ihrem fragenden Blicke begegnend:

Ich – ich konnte es nicht über das Herz bringen, die gnädige Frau hier zu lassen, ohne nur zu wissen, wo Sie denn eigentlich geblieben waren. Ich habe die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht schlafen können und mir immer gesagt: Neddermeyer, das kann dir der gute Gott im Himmel nicht vergeben, daß du nicht zu deiner gnädigen Frau stehst und ihr zur Seite geblieben bist, wenn sie dich auch fortgeschickt hat. Und dann gestern morgen, als der Franzose in den Kniehosen kam mit dem Hausdiener hier – sonst hatten wir ihn gar nicht verstanden – und die Sachen von der gnädigen Frau holte – Gott im Himmel, sagte ich zu mir, wie kommt denn die gnädige Frau dazu? Aber laut habe ich es nicht gesagt, gnädige Frau, sondern getan, als ob ich es schon gewußt hätte, weil sonst die Wirtsleute – die gnädige Frau können sich ja denken –

Neddermeyer brach verlegen ab und griff nach dem Briefe, den er vorhin auf den Tisch gelegt hatte und jetzt, sich seitwärts biegend, mit seinem Arme noch gerade ablangen konnte.

Da, gnädige Frau! Er ist vor zwei Stunden angekommen! Meine Frau hat ihn durch Christian Ewert nachgeschickt, weil Cito darauf steht – zweimal unterstrichen, gnädige Frau! Und ich denke, es steht etwas Gutes darin; so Gott will, daß er nun selber kommt und vielleicht schon unterwegs ist.

Die Worte klangen nur eben an Minnas Ohr. Wer sollte kommen? wer unterwegs sein?

Sie hatte den Brief mechanisch genommen, einen Blick auf die Adresse gerichtet und warf, vom Sessel in die Höhe fahrend, den Brief auf den Tisch mit einer solchen Schreckensgebärde – als schleudre sie eine Schlange aus der Hand – daß Neddermeyer selbst erschrocken mit dem Stuhle rückte. War die gnädige Frau wahnsinnig geworden?

Der arme Mann fürchtete es allen Ernstes, als sie sich nun in wilder Bewegung erhob und, ohne den eiligen Brief zu öffnen, im Zimmer, Unverständliches murmelnd, auf und nieder zu schreiten begann.

Ein Brief von ihm in diesem Augenblicke, wo ihr war, als sei in ihrer Brust alles zerbrochen, und um sie her stürze die Welt zusammen! Da mochte auch das mitgehen! Seine Schmähungen, seine Verwünschungen, Drohungen – ein anderer Ton nur in dem höllischen Orchester, das um sie raste!

Aber der Brief konnte noch nicht die Antwort auf ihren letzten Brief von Warnesoe sein, in dem sie sich von ihm für nun und immer losgesagt hatte. Nur ein zweiter Brief hinter dem famosen her, aus dem sie seine Erziehungsmaximen lernen sollte und daß er ihre Unterwerfung gnädig akzeptiere. Nun kam er selbst – war er schon unterwegs! Es stand äußerlich nichts zwischen ihm und ihr, als jener ihr Absagebrief, der ihn in England bereits nicht mehr getroffen hatte; auf der Hin- und Rückreise vielleicht verloren ging; oder, wenn er nach Wochen kam, von ihr aufgefangen, vernichtet werden konnte. Dann war alles nach wie vor – bis auf das Kind, das nicht mehr war – freilich – aber in anderen Ehen sterben ja auch Kinder. Das zerstört doch die Ehe nicht, macht sie oft nur noch fester – die Ehe! Das war's! Wer durfte an die rühren, wenn sie selber es nicht tat? Welcher Bruder sich von einer Schwester lossagen, weil sie unglücklich verheiratet ist, wenn sie keinen Liebhaber hat, der sie in den Augen des Bruders zu einer Buhlerin macht!

Gnädige Frau!

Minna blickte auf. Sie hatte Neddermeyers Anwesenheit ganz vergessen. Er stand an der Tür, die Klinke in der Hand.

Gnädige Frau, sagte er, lesen doch wohl des Herrn Brief lieber ungestört. Und gewiß haben gnädige Frau auch eine Antwort darauf, die ich dann gleich besorgen könnte. Ich werde mit der gnädigen Frau Erlaubnis so lange warten.

Damit hatte er die Tür geöffnet und alsbald hinter sich geschlossen.

Minna tat ein paar verlorene Schritte; dann ging sie entschlossen nach dem Tische, auf den Neddermeyer inzwischen die beiden Lichte zu dem Briefe gestellt hatte, erbrach mit fester Hand das Siegel und las:

»Liebe Frau! Bei Deinerseitigem Empfange dieses bin ich bereits in Kopenhagen auf einem unserer Schiffe (Schoner »Mermaid«, Kapitän Ch. Lassen), der mit Newcastle-Kohlen nach Lübeck gechartert ist. Ich habe nur ca. drei Tage in Kopenhagen zu tun und segle dann mit demselben Schiffe weiter, aber nicht bis Lübeck, bzw. Travemünde, sondern nur bis Neustadt, wo die »Mermaid« so lange vor Anker geht, bis ich mich habe ans Land setzen lassen können. Das wird nach ziemlich sicherer Rechnung am 5. Juni sein. Da Neustadt nur eine Meile von Warnesoe ist, hoffe und wünsche ich, daß Du mir bis dahin entgegenkommst, worauf wir dann gemeinschaftlich nach dem Gute fahren, damit ich das Kind sehen und mit Neddermeyer einige Verabredungen treffen kann, weil ich die ganze Bescherung vorteilhaft zu verkaufen hoffe (Notabene an die dänische Regierung, weshalb auch über Kopenhagen muß. Bitte aber um das tiefste Stillschweigen!). Werde dann nur vierundzwanzig Stunden in Warnesoe bleiben können, da, wie Du Dir denken magst, meine Gegenwart in Hamburg nötig ist, wo sie schon angefangen haben, mir die Butter vom Brote zu nehmen. Aber wer kann überall zugleich sein!

Nach Deinem letzten, übrigens recht verständigen Briefe bin ich überzeugt, daß Du Dich freust, mich wiederzuhaben. Ich erneuere auf Deine Bitte mein Versprechen, das Geschehene geschehen sein zu lassen und zeichne in obigem festen Vertrauen und ditto Zusage

Dein Theodor.

Halte mir nur das Kind gut, ich meine: gesund! Ich träumte neulich nachts, es sei gestorben, was mir nach dem Aufwachen wohl noch eine halbe Stunde im Kopfe herumgegangen ist. – Ich habe auch vergessen Dir zu sagen, daß Du in Neustadt in der »Schönen Aussicht« einkehren sollst. In dem Gasthofe am Markte verkehren mir zu viel Leute. Es braucht nicht gleich alle Welt zu wissen, daß der Theodor Billow wieder da ist.

D. O.«

Minna saß, die Stirn in die Hände gepreßt, sich fragend, ob, was da in ihrem Gehirn wühlte, Wahnsinn war, der nach dem Abgrunde giert, von dem doch jede Fiber im Vorschauder der gewissen Vernichtung zurückzuckt; oder klarste Vernunft, die den Wanderer einen tödlich gefahrvollen Weg kaltblütig wählen läßt, weil es der einzige ist, der die Möglichkeit der Rettung bietet. Aber hier galt kein Erwägen, Zaudern und Schwanken; ein Entschluß mußte gefaßt werden, und mit der Einsicht in diese Notwendigkeit fühlte sie die alte Kraft zurückkommen, die sie in den entscheidenden Momenten ihres Lebens noch immer gehabt hatte.

Papier und Feder lagen auf dem Tische. Sie nahm zwei Bogen und schrieb, zuerst an Hypolit:

»Die Tochter aus dem Volke der Barbaren sagt dem Marquis d'Héricourt Lebewohl. Sie begreift und ehrt die rauhe Tugend des Bruders, der in der Geliebten des Landesfeindes nicht mehr seine Schwester sieht. Empfindet doch sie selbst ihre Liebe darum nicht weniger als etwas, das nicht sein sollte, weil sie weiß, daß sie niemals die Kraft haben wird, sich von ihr zu befreien. Das aber hat sie mit ihrem Gewissen auszumachen und mit ihrem Gatten, zu dem sie im Begriff ist, zurückzukehren. Sie hält sich versichert, daß der Marquis d'Héricourt um einer Frau willen, die für ihn tot ist, weder sein Leben, das er seinem Lande schuldet, noch das eines jungen Mannes aufs Spiel setzen kann, dem auf dem Felde der Ehre zu begegnen, dem Stolzesten zur Ehre gereichen würde; – zur Schande in einem Streite, der gegenstandslos geworden ist, und weil er es ist, die Gegner entwaffnet oder zu Mördern macht.«

Sie nahm das zweite Blatt und schrieb:

»Du warst einst stolz darauf, die Schwester zu lieben und hast immer nur Deinen Stolz geliebt. Fühltest Du Liebe zu Deiner Schwester, ja nur einen Funken Mitleid mit ihr, Du würdest ihr nicht das Glück mißgönnen, das einzige, das ihr auf Erden werden kann, und von dem Du recht wohl weißt, daß es für sie im besten Falle doch nur ein halbes sein würde. Von der Seite des Mannes, an dem Du, und sännest Du vom Morgen bis zum Abend, keinen Makel finden magst, als daß er der loyale Feind Deines Volkes ist, reißt Du sie, um sie wieder in die Arme des anderen zu treiben, den niemand tiefer verachtet als Du selbst. Nun vollende Dein Werk, töte den Liebhaber der Schwester, damit Du sicher bist, daß sie fortan Deine strenge Tugend nicht beleidigt und die schimpflichste der Ehen heilig hält!«

Sie las diese Zeilen noch einmal; die an Hypolit wieder anzusehen, hatte sie nicht den Mut.

Dann nahm sie Billows Brief, die Daten zu vergleichen. Er wollte am fünften in Neustadt landen; heute war der vierte. Wenn sie die Nacht durchfuhr, konnte sie morgen bei guter Zeit dort sein. Auf jeden Fall war sie aus Hamburg, und der zwischen Hypolit und Georg entbrannte Streit wurde wenigstens durch ihre Gegenwart nicht weiter angeschürt. Mußte sie doch fürchten, durch jede Stunde, die sie länger blieb, den Verdacht zu erwecken, daß es ihr mit ihrem Entschluß nicht bitterer Ernst sei, und so die Wirkung, die ihre Briefe haben sollten, zu beeinträchtigen, ja, zu paralysieren. Sie siegelte und adressierte die Briefe; den kleinen Koffer, den sie bei sich führte, wieder zu füllen, war das Werk weniger Minuten. Dann rief sie Neddermeyer herein.

Ich muß Ihnen eine große Unbequemlichkeit zumuten, sagte sie. Mein Gatte kommt morgen nach Neustadt und wünscht meine Gegenwart, auch die Ihre. Sind Sie bereit, sofort aufzubrechen?

Ob ich bereit bin! rief Neddermeyer, dessen große blaue Augen vor Freude strahlten.

Ich danke Ihnen, sagte Minna. Mit dem Köfferchen da, weiß ich, werden Sie sich gern belasten. Ich habe mich nur noch von der Frau Gräfin zu verabschieden.

Da liegen zwei Briefe, gnädige Frau, sagte Neddermeyer, der den Koffer schon in der Hand hatte.

Sie dürfen erst, wenn ich fort bin, abgegeben werden. Ich werde die Frau Gräfin darum ersuchen. Plötzlich fiel ihr zu ihrem Schrecken ein, daß sie auf den Brief an Georg nur seinen Namen geschrieben hatte.

Was ist's, gnädige Frau? fragte Neddermeyer.

Ich habe da an meinen Bruder geschrieben, erwiderte Minna, der Brief ist von äußerster Wichtigkeit, und nun weiß ich nicht, wo er wohnt.

Kann damit dienen, rief Neddermeyer. Ich habe den jungen Herrn heute nachmittag selbst gesprochen hier in der Straße, in der er auf und ab ging, nach jedem Fenster äugend, weil er vermeinte, die gnädige Frau, als er am Morgen vorbeiritt, an einem gesehen zu haben. Ich konnte ihm ja Bescheid sagen! Er zog die Stirn kraus, gnädige Frau, und – na, nun ist ja alles wieder gut. Und bei der Gelegenheit sagte er mir auch, wo er sich einquartiert: bei Senator Sievekings natürlich, deren Sohn ja des Herrn Bruders geschworener Freund ist.

Minna fügte die Wohnung zu der Adresse, tat ihre Sachen um, nahm die beiden Briefe und bat Neddermeyer, so lange auf dem Vorsaal zu warten, bis sie mit der Frau Gräfin gesprochen haben würde.

Als sie auf den Vorsaal traten, saß der Kammerdiener wieder auf seinem gewöhnlichen Platze, von dem er sich schnell erhob, Madame zu melden, sie werde die Frau Gräfin allein im Salon treffen, da vor einer Viertelstunde der Baptiste des Herrn Marquis dagewesen sei, den Herrn Grafen schleunigst zu dem Herrn Marquis zu holen.

Minna wußte nur zu wohl, was das zu bedeuten hatte, und daß keine Minute zu verlieren sei.

In dem Salon kam ihr die Gräfin sehr aufgeregt entgegen.

Um aller Heiligen willen, rief sie, sagen Sie mir, meine Liebe, was dies alles bedeutet! Sie wissen, der Graf hat keine Geheimnisse vor mir. Er konnte mir freilich nichts weiter sagen, als daß es sich um ein Renkontre zu handeln scheine, bei dem er sekundieren solle. Natürlich ist es eine Dame; und da Héricourt niemand kennt, als Sie und mich, und ich – ich bitte Sie, meine Liebe, verschweigen Sie mir nichts!

Ich bin zu dem Zwecke gekommen, Ihnen alles um so mehr zu sagen, als ich auch sonst in dieser Sache Ihre Güte mehrfach in Anspruch zu nehmen gezwungen bin, erwiderte Minna, die Aufgeregte an der Hand nehmend und zu einem Diwan führend, wo sie neben ihr Platz nahm. Die Notwendigkeit, schnell zu Ende zu kommen und doch nichts auszulassen, was die Gräfin wissen mußte, ließ sie mit einer ruhigen Klarheit sprechen, die das Gegenteil von dem Sturme in ihrer Seele war und ihrer Zuhörerin aufs äußerste imponierte.

Sie sehen, Frau Gräfin, schloß sie, es bleibt mir kein anderes Mittel, will ich nicht Héricourt oder meinen Bruder oder beide opfern. Ich habe ihnen beiden das in diesen Briefen hier klarzumachen gesucht, die ich die Frau Gräfin eine Stunde, nachdem ich fort bin, durch einen völlig sicheren Boten, der sich nicht abweisen lassen darf, besorgen zu wollen bitte. Und nun, Frau Gräfin, leben Sie wohl!

Sie hatte sich erhoben; die Gräfin folgte ihr langsam, ersichtlich durch das, was sie gehört, tief erschüttert.

Mein Gott, sagte sie, dies ist wirklich furchtbar! Der arme Héricourt! Und Sie selbst! Wie von Herzen ich Sie beklage! Aber Sie haben recht: es gibt kein anderes Mittel. Und dann: es ist und bleibt ein großer Schmerz für euch beide; aber – jetzt darf ich es sagen, nachdem für euch jede Hoffnung dahin ist – ihr erspart einer dem anderen viele, sehr viele nachträgliche unvermeidliche Schmerzen. Vergeblich, daß ihr einander Opfer um Opfer bringt: ihr könnt dadurch den Zwiespalt, den eure Verbindung in sich trägt, nicht aus der Welt schaffen und nicht aus euren Herzen. Ihr werdet euch immer sagen müssen, daß euer redlichstes Bestreben, einander glücklich zu machen, vergeblich sein, ja, in das Gegenteil umschlagen wird. Es sind das die eigenen Worte meines Gatten, mit dem ich während eurer unglückseligen Promenade ein langes Gespräch über euch gehabt habe; aber er kennt seinen Freund genau, und ich muß ihm in jeder Beziehung recht geben. Héricourts Weltbürgertum, sagt er, das ist ja nur ein verzweifelter Versuch, sich über seine natürlichen Neigungen wegzutäuschen und das Gefühl der Verpflichtungen, die ihm als Franzose und Patriot obliegen, zu übertäuben. Was bleibt ihm anderes übrig, wenn er sich, um seiner Liebe willen, expatriieren soll und muß? Der Ärmste! er paßt nicht nach Amerika, von dem er uns heute mittag so viel vorgeschwärmt hat, und überhaupt nirgend anderswohin als nach Frankreich. Und kann er Frankreich nicht entbehren, so Frankreich nicht ihn, der sich als Soldat und Diplomat gleich ausgezeichnet hat und in der traurigen Zukunft unseres Vaterlandes zweifellos zu einer großen, zu einer entscheidenden Rolle vom Schicksal ausersehen ist. Diese seine gloriose Mission – aber was sage ich das alles Ihnen, der Klugen, Tapferen, Großmütigen – der Patriotin, die in ihrer Frauenseele dieselben Leiden durchzumachen hat, dieselben Kämpfe vorausahnt! Jetzt eben – der Konflikt zwischen Héricourt und Ihrem Bruder – es ist gräßlich zu denken – die beiden Herren werden zur Besinnung kommen, sobald sie, um die der Streit entbrannt ist, vom Schauplatze verschwindet – ich hoffe – ich glaube: gewiß. Aber Ihr erzürnter Bruder – für Sie ist es Ihr Vaterland, das mit Ihnen grollt, wie Héricourt in sich seine Nation beleidigt fühlt. Deutschland und Frankreich, das ist ja ein unausgetragener Streit, sagt der Graf, ein Waffenstillstand, der morgen schon zu Ende gehen mag, über den hinüber ihr euch beide nicht die Hände reichen könnt. Und so sage ich: Gott segne Ihren Entschluß! Gott segne Sie! Und seien Sie versichert, daß meine und des Grafen Achtung für Sie durch nichts zu übertreffen ist, und wir Sie stets in unsere Gebete einschließen werden.

Sie umschlang Minna und küßte sie herzlich auf beide Wangen.

Eine Minute später schritt Minna, Neddermeyer an ihrer Seite, durch die nun stillen Gassen auf dem weiten Wege nach der Herberge am Millerntor, wo der Inspektor den Wagen nach Warnesoe eingestellt hatte.

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