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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Sechzehntes Kapitel.

Minna hatte die Fassung, der ihr der Anblick des Bruders geraubt hatte, in Gegenwart der Herren sofort wiedergewonnen, aber in ihrer Seele war stürmische Nacht, in die ihre Liebe zu Hypolit zwar hineinschien, aber nur wie das Licht eines Pharos dem Schiffer scheint, der weiß, daß er auf leckem Fahrzeuge den bergenden Hafen nicht mehr erreichen wird. Was sie heute vormittag während des Einzuges erduldet; das Gespräch sodann mit der anmutigen Gräfin über ihre Zukunft; der sorgenvolle Blick, den Hypolit während des Beisammenseins mit den Freunden wiederholt verstohlen auf sie gerichtet hatte, und der ihr nicht entgangen war – es hatte alles zusammengewirkt, den grausamen Entschluß, mit dem sie sich bereits seit vorgestern getragen, zur Reife zu bringen. Und nicht noch eine schlaflose Nacht durfte in dumpfem Brüten hingehen über etwas, das sie als ein Unabweisliches erkannt zu haben glaubte.

Es war Abend geworden. Auf den Gassen wogte die Menge in dichten Scharen. Minna sagte, daß nach dem heißen Tage in den geschlossenen Räumen ihr ein Spaziergang in der Abendkühle wohltun würde und bat Hypolit, sie zu begleiten. Sie wußte, daß die Gräfin zu den Damen gehörte, die Promenaden nur zu Wagen lieben, und der Graf zu den galanten Männern, die ihre Frauen nicht allein lassen, außer, wenn jene es wünschen, was die Gräfin in diesem Falle sicher nicht tun werde. Wirklich drängte diese, welche, frauenhaft klug, Minnas Absicht sofort herausgefühlt hatte, die beiden fort, bestand aber darauf, daß Hypolit sich in einen bürgerlichen Anzug kleide. Die Herren hatten zwar, als Militärbevollmächtigte, die Prärogative von Gesandten; aber einem aufgeregten Pöbel dürfte das nicht immer rechtzeitig klarzumachen sein. Der Rat war zu verständig, als daß Hypolit, schon um Minnas wegen, ihn nicht hätte befolgen sollen. Auch Minna mußte einen dichten Schleier über den Hut nehmen. So machten sich die beiden auf den Weg.

Man hatte heute abend von einer Illumination, wie am Tage von Tettenborns Einzug, Abstand genommen, vielleicht weil man fühlte, daß sich doch allzuviel heimliches Leid in den lauten Jubel des Volkes mischte; vielleicht auch nur, dem Feuerwerk, das auf der Binnenalster abgebrannt werden sollte, nichts von seiner einsamen Pracht zu rauben. Es war eben die für das Schauspiel angesetzte Stunde. So hastete denn alle Welt dahin; und Hypolit und Minna sahen sich, kaum aus dem Hause getreten, von dem Strome erfaßt, dem sie folgen mußten, wollten sie nicht noch ärger ins Gedränge kommen. Doch lichtete es sich in dem Maße, als man sich der Grenze des inneren Alsterbeckens näherte, die von den Schaulustigen nicht überschritten wurde. Bevor sie noch die Außenalster erreicht, fanden sich die Liebenden allein auf einem, früher mit freundlichen Villen und schattigen Gärten geschmückten Terrain, das während der Belagerung in ein Glacis mit ein paar jetzt verlassenen Vorwerken umgewandelt worden war. Auch der Vater Warburg hatte seinerzeit hier einen schönen Garten besessen; vielleicht war die öde Stelle, über die sie eben schweigsam wandelten; dieselbe, auf der Minna unter Blütenbäumen, ein ahnungsloses Kind, gespielt.

Eine zerbrochene Kanonenlafette lag vor ihnen. Hypolit, der Minnas Hand schwerer auf seinem Arme fühlte, bat sie, ein wenig zu ruhen. Minna folgte seiner Bitte mechanisch; er nahm neben ihr Platz und sagte, ihre Hand ergreifend:

Meine Minna ist nicht so heiter, wie ich wohl wünsche. Und wenn heiter vielleicht nicht das rechte Wort ist: so in sich stillbeglückt und beruhigt, wie die es sein dürfen, die sich nach so langer Leidenszeit endlich gefunden haben.

Um sich alsbald wieder zu verlieren, sagte Minna dumpf.

Kommt mein tapferes, kluges Mädchen wieder darauf zurück? erwiderte Hypolit mit sanftem Vorwurfe. Erinnert sie sich nicht, daß sie mir dasselbe im ersten Augenblicke unseres Wiedersehens sagte? und was ich darauf erwiderte? Es war ein einziges Wort und also leicht zu behalten. Sollte es meine Minna dennoch vergessen haben?

Ich habe es nicht vergessen, dein großmütiges »Niemals«, rief Minna, und werde es nicht vergessen bis zu meiner Sterbestunde und dir dafür danken mit meinem letzten Atemzuge. Aber Hypolit –die Worte ringen sich mir aus meiner Brust, als wären es Tropfen von meinem Herzblute, und mein Leben flösse mit ihnen dahin – Hypolit, Geliebter meiner Seele: ich kann die Deine nicht werden! Ich, die ich dich so unsäglich liebe, darf dich nicht grenzenlos unglücklich machen. Und du würdest es, wenn du nicht von mir läßt; ja, du bist es jetzt schon, und nur deine Großmut ist es, die dir und mir verschleiern möchte, was du doch deutlich siehst, wie ich es sehe.

Sage mir, was du siehst, erwiderte Hypolit mit sanftem, ruhigem Tone; und sage mir alles! Ich beschwöre dich darum bei deiner Liebe zu mir!

Bei meiner Liebe zu dir! Nun denn!

Minna atmete tief auf und fuhr also fort:

Meine Liebe zu dir erträgt den Gedanken nicht, daß ich mich an dich klammere, eine Fessel und eine Last, die du so weiter durch das Leben schleppen sollst, das dann nicht mehr dein Leben ist, dein wahres Leben, zu dem du geboren und erzogen bist, in das dich dein Stand, dein Rang, deine Verbindungen, die Verdienste, die du dir bereits erworben hast, die Hoffnungen, die man auf dich setzt, zu setzen vollauf berechtigt ist – in das dich alles gebieterisch weist, und dem du dich nicht entziehen kannst, ohne dir selbst untreu zu werden und deiner Nation, deinem Vaterlande. Ich habe bereits in dieses schöne und große Leben störsam eingegriffen – ich weiß es aus deinen Briefen – und daß die Erinnerung an mich dir wohl den festen Mut des Kriegers nicht rauben konnte, aber deine Seele doch weicher stimmte und dich Gedanken und Gefühle hegen ließ, die dir dein rauhes Handwerk schier verleideten. Doch waren die Ereignisse zu groß, als daß die individuellen Empfindungen ihnen gegenüber nicht hätten schweigen müssen. Du brauchtest dich nur von dem Strome tragen zu lassen, um sicher zu sein, das zu tun, was eine höhere Gewalt, die du als Bestimmung und Schicksalsschluß zu verehren hattest, von dir forderte. Bis zu diesem Augenblicke! Und nun beginnt eine andere Zeit. Eine Zeit, wo die ungeheuren Mächte, die dein Leben lenkten, sich von der Bühne des Menschentreibens in ihr geheimnisvolles Dunkel zurückziehen und dem Individuum Raum gewähren, ja, es zwingen, auf den eigenen Füßen zu stehen, zu zeigen, was es aus der eigenen Kraft heraus kann und vermag. Dein Volk, das seinen Genius verhüllt hatte, damit das Genie des einen Mannes in dämonischem Glänze leuchten könne; seinen Willen gefesselt hatte, auf daß der eine das Übermenschliche wollen dürfe – es ist sich selbst zurückgegeben, muß jetzt selbst die dunkeln, verworrenen Pfade gehen, die jener ihm bereitet hat. Und in diesem Augenblicke wolltest du dich deinem Volke entziehen? ihm nur ein weniges weniger sein, als du ihm sein könntest, wenn du du selbst bleibst? Du bleibst es nicht mit mir an deiner Seite; mir, der Fremden, der Tochter des Volkes, das eben noch geknechtet zu euren Füßen lag, um jetzt den Fuß auf euren Nacken zu setzen. Ich will nicht sprechen von deiner Mutter, die mich nie als ihre Tochter anerkennen wird; nicht von deinen stolzen Verwandten, die mich verleugnen, von deinen aristokratischen Freunden, die – mit Ausnahme eines oder des anderen vielleicht – sich achselzuckend von dir wenden werden; – ich spreche nur von deiner Nation, die mit Recht dafür halten wird, daß jemand, der dem Allgemeingefühl, von dem sie sich beseelt weiß, nicht seine Herzensneigung opfern kann, unmöglich der Mann ist, der sie die Vertretung ihrer Interessen, die Durchführung ihrer Absichten, anvertrauen darf. Und so wirst du dich aus dem öffentlichen Leben, in das du gehörst, weggedrängt sehen in das Dunkel einer privaten Existenz, die dir nicht ziemt. Um was? Um mich, die sich jede Stunde ihres Lebens sagen müßte: das ist dein Werk! Du hast zwischen ihm gestanden und seiner Nation, zwischen ihm und seiner Pflichterfüllung, zwischen ihm und seiner Ehre! Und du meinst, ich könnte dies Bewußtsein, das mich zum Kerkermeister eines freien, edeln Geistes macht, ertragen? Nimmermehr!

Minna schwieg, überwältigt von der Flut der Gedanken, die auf sie einstürmten. Hypolit hob den Kopf, den er, während die geliebte Frau in ihrer leidenschaftlich beredten Weise sprach, sinnend in die Hand gestützt hatte, und sagte freundlich und ruhig wie zuvor:

Ist das alles, Geliebte? Es kann nicht alles sein; ist nur die eine Seite der Medaille. Darf ich dir die andere zeigen und dir sagen, was ich sehe? Nun wohl! Ich sehe in dem Dunkel dieser taten- und ruhmlosen Existenz ein junges Weib voll Feuer, Geist und herrlichster Gaben, mit denen sie in ihrer Heimat geglänzt hat und weiter glänzen würde. Nur daß sie nicht nach Glanz und eitelm Ruhm begierig ist, wohl aber sich elend fühlt, wenn sie nicht nützen und schaffen kann nach ihres edeln Herzens Lust. Und das fürchtet sie nicht zu können in der Fremde, fern von den Ihren: ihren Landsleuten, Freunden, die alle sie verloren zu haben glauben, doppelt, weil sie die Teure, Unersetzliche an Frankreich abtreten sollten, das sie als ihren Erbfeind hassen, und das sich ihnen durch Jahre der Tyrannei, durch die tausend Wunden, die es Deutschland schlug, tausendfach hassenswert gemacht hat. – Nicht wahr, Geliebte, auch das hast du gesehen und nur aus zarter Rücksicht verschwiegen? Oder, sähest du es wirklich nicht, so gebot mir die Pflicht, es dir zu zeigen. Denn davor sei Gott, daß wir, die wir einander alles höchste Glück bereiten möchten, uns gegenseitig aus kindischer Zärtlichkeit über eine Gefahr verblendeten, die immer uns beiden drohen würde, da in Leid und Glück eines sich nicht mehr von dem anderen zu lösen vermag. Habe ich richtig in deiner Seele gelesen?

Ja, erwiderte sie traurig, du hast es, wie ich in der deinen.

Beide schwiegen. Über der nahen Binnenalster stiegen zischende Raketen, ihre glänzenden Linien an dem dunkeln Himmel ziehend. Minna starrte zu den Phänomenen auf, die ihr ein Bild ihres Glückes deuchten: eine lichte Bahn empor zu einem Sterne, der für eine kürzeste Frist göttlich leuchtet, um dann im Dunkel spurlos zu verlöschen. Hypolit hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt.

Man wird uns erwarten, sagte Minna, laß uns zurückkehren!

Er schien sie nicht gehört zu haben; sie mochte die Aufforderung nicht wiederholen. Und mußten sie sich nun doch trennen, so war ja jeder Moment, den sie noch Hand in Hand zubringen durften, eine Seligkeit. Sie nahm leise seine Hand, er führte die ihre an die Lippen und sagte in einem Tone, durch dessen Zärtlichkeit das Pathos einer tiefen Überzeugung hindurchklang:

Und meine geliebte, tapfere, meine kluge Minna kann wirklich glauben, dies sei das letzte Wort ihres Hypolit? Dann freilich wäre er nicht wert gewesen, von einer Minna geliebt zu werden. Nein, du Teure, wer, wie ich, so früh gezwungen war, gegen ein feindliches Geschick zu kämpfen, jede Gunst des Lebens diesem Geschicke hat abtrotzen müssen – der streckt die Waffen nicht so bald, der streckt die Waffen niemals. Führen sie ihn nicht zum Siege, so mögen sie ihn zum Tode führen – gefangen gibt er sich nicht. Und weshalb sollte ich mich, sollten wir uns in diesem Falle gefangen geben? Sind denn Frankreich und Deutschland die Welt? Kann ich nicht hier mit dir, du nicht mit mir in Frankreich leben, ohne daß man uns in unserer Ehre kränkt, und wir uns selbst durch so viel trübe Erinnerungen unser Glück verleiden, so teilen wir eben das Los von Tausenden, die aus einem tyrannischen Vaterlande in die Verbannung gingen, um ihrem Gott nach ihrer Weise dienen zu können, sich einen Herd zu erobern, den ihnen die Heimat verweigerte. Was jene um ihren Glauben, diese um das tägliche Brot taten, das sollte uns für unsere Liebe zu tun verboten sein? Nimmermehr! Und wäre es, ich anerkenne kein Gebot und keine Satzung, die mich hindern will, der Stimme meines Herzens zu folgen.

Die leidenschaftliche Erregung, in die sich Hypolit hineingesprochen hatte, machte ihn für den Augenblick verstummen. Es erschien ihm unwürdig, die Geliebte, die er durch seine Gründe überzeugen wollte, durch seine Heftigkeit zu erschüttern. So fuhr er denn erst nach einer kleinen Pause, die sie nicht zu unterbrechen wagte, in ruhigerem Tone fort:

Ich habe lernen müssen, jeder anderen Stimme zu mißtrauen, auch wenn sie sich im Namen von Ideen erhebt, welche man für heilig erklärt hat, und die es auch sein mögen, nur daß die Menschen geschäftig sind, sie ihrer Heiligkeit zu entkleiden. Mir haben sie alles entheiligt, was sonst meinem Leben Inhalt und Weihe gab – alles! Hat es je einen Sohn gegeben, der seine Mutter anbetete – ich bin's gewesen, bis ich fand, daß in dem Herzen, unter dem ich geruht und an dem ich in jedem Leide eine sichere Zuflucht finden zu können glaubte, nicht Liebe für den Sohn wohnte und zärtliche Sorge für sein Glück – nur Stolz und aber Stolz auf den Abkömmling des alten Geschlechtes, der sich seiner Ahnen nicht unwürdig zu erweisen schien, ja, den mit der Zeit abgeblaßten Familienidolen neuen Glanz und Schimmer zu bringen versprach. – Und mein Frankreich – mein schönes Frankreich, das sich einst erhob in flammender Begeisterung, die stolzen Ideen Rousseaus in stolzere Wirklichkeiten zu wandeln, wie würde ich es geliebt haben, wäre es nicht zum Feuerberg geworden, der nur noch ödes Gestein und ekeln Schlamm gebar! Wie habe ich es geliebt trotz alledem in Groll und Tränen und Verzweiflung und dem Manne, der unter uns aufstand, mit gewaltiger Hand den Vulkan zu schließen, freudig, gegen den Willen der Mutter, meinen Degen zur Verfügung gestellt, wähnend, es könne doch nur eine Frage der Zeit sein, bis aus dem Kriegesfürsten der Friedensfürst erstünde, der Regenerator einer durch ihn von der Tyrannei des Mönchtums und des Feudalismus erlösten, durch ihn zur Herrschaft der Vernunft und Sitte geläuterten und gestählten Welt. Oh, schöner Traum! oh, schreckliches Erwachen! Auf den Schlachtfeldern Rußlands – ich kenne viele, die da ihren Glauben an den Kaiser verloren haben, und einige sagten, sie hätten dafür ihren Gott gefunden. Mir ist es schlimmer ergangen. Mir war der Kaiser längst zu einem Tamerlan geworden; an die Armee, an die Fahne fesselte mich nur noch der Zwang der militärischen Ehre, und der Gott, an den ich geglaubt hatte, war ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit gewesen! Ich sah sein Antlitz nicht mehr in den Flammen ruchlos eingeäscherter Städte; im Eis und Schnee und Greuel des Rückzuges habe ich seine letzte Spur verloren. Und wer, wie ich, das Entsetzliche schaudernd miterlebt hat, verlangte fürder nach seiner Seele Unsterblichkeit? Um noch einmal, noch tausendmal dem Grauen beizuwohnen? Welche Bürgschaft haben wir, es werde nicht der Fall sein? Oder ward unsere Erde von den Myriaden der Gestirne allein zum Schauplatze ewigen Brudermordes ausersehen, welcher böse Dämon ließ uns hier geboren werden? Sieh, Geliebte, das ist dein Hypolit, der ärmste, der elendeste der Sterblichen ohne deine Liebe; mit ihr ein Mensch, der einen Kaiser nicht um seinen Thron, die Engel, wenn es deren gibt, nicht um ihre ewige Seligkeit beneidet. Hast du das Herz, noch jetzt zu sagen, daß wir uns trennen müssen, jemals werden trennen können? Hast du das Herz?

Er hatte ihre Hände ergriffen, sein Gesicht nahe zu dem ihren neigend. Sie hätte eine Welt darum gegeben, ihn freien Herzens mit den Armen umschlingen, an ihren Busen ziehen, das geliebte Antlitz mit Küssen bedecken zu dürfen, aber ihr Herz war nicht frei: es schlug dumpf und angstvoll in der Brust; sie durfte dies beklommene Herz nicht an eines drücken, das so voll von einem seligen Glauben war, den sie nicht teilen konnte, ja, dessen Trug auch für ihn die rauhe Wirklichkeit des Lebens früher oder später aufdecken mußte. So hielt sie denn gewaltsam an sich und erwiderte, ihre Hände sanft aus den seinen ziehend:

Wolle der Frau verzeihen, wenn sie, die dem Geliebten ein volles Glück bereiten möchte, von bangen Zweifeln beschlichen wird, ob Wunsch und Erfüllung sich jemals decken werden. Familie – Vaterland – ich sehe wohl, und habe es an mir erfahren, daß diese Bedingungen, in welchen wir geboren und denen wir Ehrfurcht schuldig sind und gern schulden, zu furchtbaren Fesseln werden können, die uns bis in das Mark des Lebens schneiden; ich begreife durchaus, daß es noch ein Höheres gibt, für das man leben kann, für das wohl zu allen Zeiten die Edelsten der Menschheit einzig gelebt haben. Aber mag dies ihr Leben auch nicht immer auf einem Golgatha enden mit dem Tode am Kreuz – das Kreuz zu tragen sein Leben lang ward keinem dieser Edelsten erspart. Ich denke wieder unseres hingeschiedenen Freundes, von dem wir jetzt so oft und gern gesprochen haben. Er, der nun bereits zur dritten Generation der Verbannten gehörte, glaubte ein Deutscher zu sein und konnte doch nur, wie er mir oft gesagt, in der Sprache seiner Eltern träumen und denken und war und blieb in seinem Herzen Franzose. Wofür sein Herz schlagen sollte, es mußte französisch sein, oder er wandelte es wenigstens innerlich zu etwas Französischem um und nannte es so: einen blauen Himmel, eine sanfte Lust, ein geistreiches Wort, ein anmutiges Mädchengesicht. Auch mich mußte er erst auf diese Weise zur Französin machen, um mich lieben zu können. Aber er war zu klug, um nicht zu wissen, daß das eben alles nur ein geistreiches Spiel seiner Phantasie, und das Leben der Wirklichkeit sich grau und häßlich um ihn breitete. In diesem Zwiespalte verzehrte sich sein Leben, wurde er der alte Hagestolz, der Sonderling, der grimme Menschenhasser –

Der sein Leben für die Menschheit lassen konnte, sagte Hypolit sanft.

Ich weiß es, rief Minna leidenschaftlich: aber ich weiß auch, daß er grenzenlos unglücklich war. Und ich will dich glücklich wissen; ich möchte selber so gern glücklich sein! Das ist es ja, daß ich daran zweifeln muß, was mich so furchtbar quält. Und, Hypolit, wir beide sind noch jung! Als der alte Mann in seinen Landsleuten von heute das Volk, für das Corneille und Racine gedichtet hatten, und das in seiner Phantasie lebte, nicht zu erkennen vermochte, machte sich seine enttäuschte Seele Luft in bitterem Spott und Hohn. Wir werden das beklommene Herz so nicht erleichtern können. Auch in der Fremde werden wir jede Erniedrigung unseres Volkes als unsere eigene Schmach empfinden; werden wir jauchzen, wenn ihm eine große Tat gelingt. In der Fremde? in der Ferne der Zeit? Und hier! und jetzt! Hypolit! was mußt du gelitten haben heute, als der Jubel unseres Volkes an dein Ohr drang! Was habe ich gelitten, als ich nicht jauchzen durfte mit den Jauchzenden!

Sie hatte stöhnend das Gesicht in beide Hände gedrückt. Er antwortete nicht sogleich. Dann sagte er in tiefster Bewegung und doch voll tröstlicher Zuversicht:

Wir haben gelitten – schmerzlich – beide – ganz gewiß! Aber haben wir uns darum weniger geliebt? Haben wir uns nicht jeder gesagt: dieses ihr Leiden, das du ihr nicht abnehmen kannst, du mußt es der geliebten Seele zu vergüten suchen durch nur noch innigere, hingebendere Liebe, wenn es möglich ist? Ich müßte meine Minna nicht kennen, hatte sie anders gefühlt!

Ja, rief Minna, das Gesicht erhebend, ich habe so gefühlt; aber auch, daß meine Liebe nie – nie imstande sein wird, zu ersetzen, was du aufgibst für mich. Oh, wenn es Liebe könnte! Küsse mich, damit ich es glaube! Nimm mich in deine Arme! Rette mich vor der Welt! rette mich vor mir selbst!

Sie hatte sich an seine Brust geworfen, ihn umklammernd, wie ein Ertrinkender den Felsen, der ihn allein vom Untergange bewahren kann; ihre Lippen wieder und wieder auf seinen Mund pressend in leidenschaftlich wilden Küssen.

Ein Kanonenschlag, das Ende des Feuerwerks auf der Alster verkündend, schreckte die Trunkenen einen aus des anderen Armen. Laß uns heimgehen! sagte Hypolit.

Ja, laß uns fort von hier! flüsterte sie.

Sie hatte nur den Ort gemeint, wo sie sich befanden. Aber als sie nun an seinem Arme durch das Dunkel dem Lichte entgegenschritt, das von der Binnenalster noch immer, wenn auch schwächer als vorhin, herüberleuchtete, sprach sie bei sich: fort von der Erde, auf der uns nimmermehr ein Glück erblühen kann.

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