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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Vierzehntes Kapitel.

Nachdem für Minna das Hirschsche Haus auf dem Bleichergang verschlossen war, stand ihr nur noch das des alten ärztlichen Freundes auf dem Gänsemarkt offen. Dahin eilte sie denn jetzt den weiten Weg durch die Gassen, deren Dunkelheit ihr willkommen war. Zwar von dem abendlichen störsam hastigen Verkehr, der sonst hier herrschte, zeigte sich keine Spur. Verschlossen die Läden, wo es noch solche zu verschließen gab; kein Sichdrängen geschäftiger oder flanierender Menschen auf den schmalen Trittstufen; kein Rufen der Verkäufer von ihren ambulanten Kramtischen an den Straßenecken; kein Rollen eines Lastwagens oder einer Equipage – Dunkel, Einsamkeit und Stille überall.

Bis die Einsamkeit und Stille unterbrochen wurden auf eine Weise, welche die Dunkelheit noch schauerlicher und eben doch für Minna zu einer Wohltat machte. Oder wie hätte sie sonst, sich in die Tiefe einer Haustür oder hinter einen Mauervorsprung schmiegend, oder gar die Flucht in ein Seitengäßchen ergreifend, dem Haufen betrunkener Troupiers ausweichen können, die, Pariser Gassenhauer, unzüchtige Marschlieder johlend, die Straße heraufkamen, meist in Gesellschaft von Dirnen, die den wüsten Gesang und die brutalen Späße mit wieherndem Gelächter und gellem Gekreisch begleiteten und erwiderten.

War dies auch »der Krieg«? Doch wohl nicht; der Schlamm nur, den der Sturm aufwühlt und ans Ufer wirft mit all der Brut des Meeres, die seiner Kraft nicht widerstehen kann und am Strande verfault zwischen den Planken zertrümmerter Schiffe. Werden die Sinne des, der durch die Verwesung und Verrottung zu wandern gezwungen ist, darum weniger beleidigt? Ach, und wären es doch nur die Sinne gewesen! Die erquickt, die badet ein frischer Luftzug wieder rein. Was konnte der empörten Seele der Patriotin je die Erinnerung nehmen dieser grausen Wanderung durch ihre ehrbare Vaterstadt, die zum unsauberen Haus geworden war für den Auswurf nicht bloß der französischen Nation! Mischten sich doch nur zu oft in die Worte der bekannten Sprache Laute fremder Zungen: Italienisch, Polnisch – ein Teufel- und Hexensabbat! Vorbei! vorbei!

Lang wie der Weg und wie sehr er auch der Eilenden durch Ausweichen und Warten noch verlängert war, sie hatte ihn doch endlich zurückgelegt. Es war die höchste Zeit. Sie fühlte, daß es mit ihrer Kraft zur Neige ging; ja, sie fürchtete, der liebe alte Mann werde mit der Besucherin auch zugleich eine Patientin ins Haus bekommen: so zitterten ihre Glieder, so brannten ihr die Augen unter der schmerzenden Stirn.

Da stand sie vor dem schmalen, hochgegiebelten Hause. Die beiden Läden, je einer rechts und links von der Haustür, waren geschlossen; in den Fenstern der Etage über dem Erdgeschoß, die der Doktor bewohnte – darüber ragte der Giebel mit den Bodenluken finster in die Nacht empor – brannte kein Licht. So war der Freund noch in seinem Berufe tätig; sie würde vorläufig mit der alten Haushälterin zu verhandeln haben. Das war nicht peinlich. Kannte sie doch die gute Frau von ihren Kindesbeinen an und durfte sich ihr anvertrauen, wenn es dem allwissenden Faktotum des Freundes für sie noch etwas anzuvertrauen gab!

Sie zog die Schelle, die heiserer zu klappern schien, als sonst. Im Hause regte sich nichts. Sie schellte abermals und zum drittenmal und lauschte – alles blieb still. Eine ungeheure Angst befiel sie. Was sollte sie beginnen, wenn ihr nicht aufgetan wurde? Und hätte sie sich kräftiger gefühlt – es war ein entsetzlicher Gedanke, den unendlichen, schauerlichen Weg nach dem Millerntor jetzt bei völlig angebrochener Nacht noch einmal zurücklegen zu sollen.

Verzweiflungsvoll riß sie an der Schelle. Endlich! Es raschelte am Laden zur Rechten, der dann so weit geöffnet wurde, daß jemand den Kopf durch die Spalte stecken konnte.

Was gibt's? fragte eine widerliche Stimme,

Minna war unter den Laden getreten und blickte zu dem Gesicht empor, das, soviel sie in der Dunkelheit zu unterscheiden vermochte, einem alten Weibe gehörte, dem das verzottelte Haar wüst über das häßliche Gesicht hing.

Ist der Herr Doktor zu Hause? fragte sie bebend.

Seid Ihr betrunken, oder wollt Ihr Euren Jux mit mir treiben? kreischte das Weib.

Im Zimmer polterte es, als ob jemand hastig aus dem Bett aufstünde. Das Weib sprach in das Zimmer hinein; über ihrem Kopfe in der Spalte wurde ein zweiter mit einer Zipfelmütze sichtbar.

Ich will zu dem Herrn Doktor Boutin! stammelte Minna..

Sie ist verrückt oder betrunken! schrie das Weib.

Halt doch das Maul, Alte! sagte der mit der Zipfelmütze. Man kann ja gar nicht verstehen, was die Frau will.

Zum Doktor Boutin will sie, gellte das Weib. Sie ist verrückt.

Ja so! sagte der Mann. Na, liebe Frau, da hättet Ihr acht Wochen früher kommen sollen. Seitdem ist der Mann tot und begraben.

Minna taumelte zurück.

Sie ist betrunken, zeterte das Weib. Schert Euch zum Henker, Ihr –

Das gemeine Wort vernahm Minna nicht mehr hinter dem Laden hervor, der alsbald wieder geschlossen wurde. Drinnen schien zwischen dem alten Paare ein heftiger Zank ausgebrochen; Minna stürzte davon.

Sie kam nicht weit, nur etwa bis zur Mitte des Platzes, wo sie an einem Haufen Steine und Planken, der da aufgeschichtet lag, zusammenbrach. Dann hatte ihre Willenskraft über die Schwäche so weit gesiegt, daß sie sich emporrichten und, auf einem der Steine zusammengekauert, die schmerzenden Schläfen in die Hände pressend, sich ihre Lage zum Verständnis bringen konnte.

Auch das zweite und letzte Haus verschlossen, an das sie um Einlaß pochen konnte – verschlossen und verriegelt von derselben grimmen Faust! Tot die alten Freunde, die einzigen, bei denen sie auf herzlichen Empfang hatte rechnen dürfen! Aber um die Guten, Edlen zu klagen, dazu war jetzt nicht der Augenblick. Sie empfand um sie nicht einmal Trauer. Wie sollte sie trauern um die Glücklichen, die erlöst waren von all dem Jammer und Herzeleid?

Das sie nun so weiterschleppen sollte durch das entgötterte Leben, aus dem die Menschen flohen, mit denen es noch lebenswert schien.

Aber wie denn? War sie dieser Menschen halber gekommen? Was hatte sie eigentlich gewollt?

Nun ja: ihn sehen, ihm noch einmal in die dunkeln Augen blicken, noch einmal aus seinem Munde hören: ich liebe dich, wie du mich.

Das war's gewesen. Ein kindischer Traum, aus dem dies das Erwachen war: einsam in finstrer Nacht, verlassen und vergessen, wie der Stein, auf dem sie saß; ausgeliefert allen Schrecknissen, die die Dunkelheit barg in der verödeten, von trunkenen Soldatenbanden durchschwärmten Stadt.

Es mußte sein. Sie konnte hier nicht bleiben; sie mußte den Weg zurückmessen. Aber sie gedachte einen anderen zu nehmen, als den sie gekommen war: an dem Alsterbecken vorüber bis zur kleinen Alster und die Fleten hinauf bis zum Hafen. So hatte sie auf der längsten Strecke des Weges immer Wasser neben sich, in das ein Sprung sie retten konnte, wenn es zum Äußersten kam.

Sie wollte sich erheben; es gelang ihr nicht sofort: sie fühlte ihre Glieder wie zerschlagen.

Eben wollte sie einen zweiten Versuch machen, als sie einen Schritt vernahm, der über den menschenleeren Platz auf sie zuzukommen schien. In ihrer Verstörung hatte sie vorher nicht bemerkt, daß ein Streifen von dem Dämmerlichte des halben Mondes, der zwischen den Giebeln der gegenüberstehenden Häuser in den Markt zu lugen begann, gerade auf die Stelle fiel, wo sie saß. Angstvoll kauerte sie noch tiefer, hoffend, der Mann, der sich langsam näherte, werde, auch wenn sein Blick den Trümmerhaufen streifen sollte, sie in ihrer dunkeln Kleidung nicht unterscheiden von der Planke, die sie umklammert hielt. Regungslos, den Atem anhaltend, instinktiv selbst die Augen schließend, lag sie so, die Sekunden zählend, die ihr zur Ewigkeit wurden. Der langsame Schritt kam näher, ganz nahe, bis unmittelbar vor sie hin, und stockte dann. Ihr war, als beuge man sich über sie. Das Entsetzen ließ sie nicht länger in ihrer Lage; sie richtete sich mit einem gurgelnden Laute halb in die Höhe, hinaufstierend zu der hohen Gestalt des Offiziers, der vor ihr stand.

Kann ich Ihnen helfen, Madame? fragte eine tiefe, sanfte Stimme auf französisch.

Auf dem Gesichte des Mannes lag schwarzer Schatten; sie vermochte die Züge nicht zu unterscheiden. Aber die Stimme! die Stimme, die jetzt in demselben sanften Tone weitersprach:

Ich bitte über mich zu disponieren, Madame. Sie würden Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen schenken.

Hypolit!

Sie hatte es, auf ihre Füße emporschnellend, gerufen. Er war zurückgetaumelt – einen Moment. Dann brach aus seiner Brust ein Schrei wahnsinnigen Entzückens. Sie stürzte sich in seine ausgebreiteten Arme.

Mein Hypolit!

Mein geliebtes, mein angebetetes Mädchen!

Was auch in all dieser Zeit für die beiden Verhängnisvolles geschehen, wie vieles ihrer Liebe Feindliches sich zwischen sie gedrängt haben mochte, für diesen Augenblick war es versunken in der Wonne des Wiedersehens, die, einer mächtigen Woge gleich, aus ihren Herzen aufrauschte, sie umhüllend, in ein Zauberreich, in die Gefilde der Seligen entrückend.

Eine jener Soldatenbanden, deren Minna vorhin so mancher begegnet war, kam johlend über den Markt; der wüste Lärm riß die Liebenden auf die gemeine Erde zurück. Hypolit hatte Minnas Arm genommen und führte sie so dem Schwarme entgegen, der, sobald er des Offiziers gewahr wurde, schwieg und militärisch salutierte, um, kaum vorüber, in halb unterdrücktes Lachen auszubrechen. Minna fühlte, wie der Arm, auf dem ihre Hand lag, zuckte. Das brachte sie vollends zum Bewußtsein der Lage, in die sie den Geliebten gebracht hatte. Was sollte sie ihm sagen? Wie sollte sie es sagen? Eben noch an seinem Herzen schwelgend in einer Vereinigung, die für ewig schien, sah sie, daß es eben nur ein schöner Schein gewesen, flüchtig wie der Augenblick, der ihn hervorgerufen hatte. Unwillkürlich versuchte sie ihre Hand aus seinem Arme zu ziehen; er preßte sie nur noch inniger an sich.

Laß mich, Geliebter! flüsterte sie. Du wirst es ja doch wieder müssen.

Niemals! sagte er fest. Und dann nach einer kleinen Pause, in der sie abermals schweigend nebeneinander her geschritten waren:

Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich weiß nur, es muß etwas Außerordentliches gewesen sein, oder du wärst nicht hier. Du bist es; so bist du es für mich. Das ist mir für den Augenblick genug. Alles andere muß sich und wird sich finden. Man kann eine Minna einmal verlieren; zum zweitenmal kann man es nur mit seinem Leben.

Es war so einfach still gesprochen, aus einem Herzen heraus, das ruhig schlug im Einklang mit einer Überzeugung, welche die Seele erfüllte. Minna durchrieselte ein Schauer der Ehrfurcht vor dieser in sich gefesteten Mannesgröße.

Was kann ich dir jetzt noch sein? murmelte sie.

Was du mir immer warst: alles, sagte er in demselben stillen Tone. Ist es doch mit mir zu dir nicht anders gewesen. Ich wüßte es, auch wenn du nicht an meinem Lager gewacht hättest in jener schönen Nacht, von der ich nur immer wünschte, sie möchte ewig währen. Denn ich sah dich wohl und hörte dich wohl und, wenn ich dich nicht sah und hörte, so fühlte ich doch deine Gegenwart, wie eines Engels – meines Engels! Großer Gott, ich konnte nur nicht sprechen, dir nicht die liebe Hand drücken, mit der du die meine gefaßt hieltest; konnte dir nicht sagen, wie ich dich liebte. Ich wüßte es, daß du die Meine warst und bliebst, wäre mir auch nicht das köstliche Geschenk deiner Briefe geworden, die hier auf meinem Herzen ruhen, und der Ring, den ich hier am Finger trage. Ich wüßte es, hätte ich dann auch nicht monatelang der Freundschaft deines Freundes genossen, des edeln Mannes, der, ein Held, sich seinem Berufe geopfert hat, in dem er nicht Freund oder Feind, nur hilfsbedürftige Menschen kannte. Er hat dich sehr geliebt, und, als er in meinen Armen starb, galt sein letzter Gedanke dir und deinem Geschicke, und daß du einen treuen Freund weniger haben würdest auf Erden, der dir nun auch in schwerer Stunde fehlen sollte.

Hypolit schwieg und begann von neuem leiser, als er zuletzt gesprochen:

Dein Kind –

Es ist tot, murmelte Minna. Du zweifeltest nicht daran, als du mich fandest.

Er erwiderte nichts, sondern drückte nur, wie zur Bejahung der Frage, ihren Arm. Dann hob er wieder an:

Wir müssen jetzt für dich sorgen. Wohin soll ich dich bringen?

Minna nannte das Haus, wo sie erwartet werde.

Daß ist unmöglich, sagte er; deine Kräfte tragen dich nicht mehr so weit.

Er sann ein paar Augenblicke nach und fuhr dann fort:

Ganz in der Nähe hier, ein paar Häuser von meinen Zimmern, wohnt Frau von Aubigny, die Gattin eines Freundes, der für heute und morgen in dem Hauptquartiere des Generals Benningsen ist, mit ihm über die Bedingungen des Abzugs zu verhandeln. Erlaube, daß ich dich zu ihr führe! Du weißt, ich würde es nicht tun, wäre die Dame nicht so edel, wie ihr Stammbaum alt ist. Sie wird dich mit offenen Armen empfangen. Darf ich?

Ich habe keinen Willen mehr außer deinem.

Sie waren nach wenigen Minuten vor ein Haus in der Großen Bleichen gelangt, an dessen Tür Hypolit klingelte. Ein Diener öffnete und bejahte Hypolits Frage, ob die Frau Gräfin noch auf sei.

Melden Sie mich, sagte Hypolit, und sagen Sie der Frau Gräfin, ich käme mit einer Dame, die ihre Gastfreundschaft für die Nacht in Anspruch nähme!

Der Diener ging mit tiefer Verbeugung und kam in kürzester Zeit mit der Antwort zurück: die Frau Gräfin erwarte den Herrn Marquis und ihren Gast.

Er öffnete die Tür zu einem Vorzimmer, in dem ihnen eine junge, anmutige Dame aus dem Gemache nebenan entgegenkam mit ausgestreckten Händen, von denen sie die eine Hypolit und die andere Minna reichte.

Ich danke Ihnen, mein Freund, sagte sie zu Hypolit.

Sich zu Minna wendend, richtete sie die dunkeln, ausdrucksvollen Augen auf diese mit einem Blicke diskreter Neugier, die alsbald in freudiges Staunen überging. Ohne ein Wort zu sagen, hatte sie im nächsten Moment beide Arme um sie geschlungen und sie herzlich auf die Wangen geküßt.

Um Hypolits Lippen spielte ein Lächeln, als ob er sagen wollte: ich wußte es.

So habe ich den Damen nur noch gute Nacht zu wünschen, sagte er, erst Frau von Aubigny, dann Minna die Hand küssend, für beide die Huldigung gleich abwägend.

An der Tür verbeugte er sich noch einmal und war gegangen.

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