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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Viertes Kapitel.

Man hatte wieder um den Teetisch Platz genommen; Warburg, der die kleine momentane Schwäche vorhin völlig überwunden zu haben behauptete, leitete die Unterhaltung. Das war dem Weitgereisten, Vielgewandten, Vielerfahrenen sonst so leicht gewesen; heute kostete es ihn augenscheinlich Mühe, und während er sich den Anschein der Heiterkeit und Unbefangenheit zu geben suchte, machte sich die Bitterkeit, die ihn erfüllte, je weiter der Abend vorschritt, immer mehr Luft. Daß er bei den Lamentationen, in denen er sich erging, in die bedenklichsten Widersprüche mit seinen sonst geäußerten Ansichten, ja mit seinem eigenen Charakter und Temperament geriet, wollte oder konnte er in seiner verzweifelten Stimmung nicht bemerken. Er, der Lebemann, dessen ungezügelter Hang zum Wohlleben und Luxus selbst in den Augen ihm Wohlgesinnter der hauptsächliche Grund seiner jetzigen materiellen Notlage war, warf sich zum Prediger einer aszetischen Sittenlehre auf. Die Welt liege im argen, die große, wie die kleine, und da schelte nun alles auf Napoleon, der doch ganz sichtbarlich nur ein Werkzeug in der Hand Gottes sei, die verwahrloste, verwilderte Menschheit zur Räson zu bringen. Was sei denn in den früheren öffentlichen und privaten Zuständen nicht heillos gewesen und wert, daß es zugrunde ging? Vor wem habe man Respekt empfinden sollen? Vor den Herrschern etwa, denen ihre Untertanen nur Herden gewesen seien, die sich mit Lammesgeduld hätten scheren lassen? Wäre es den ersteren nicht recht, daß sie der Allgewaltige mit Schimpf und Schande von ihren Thronen und Thrönchen stoße? oder den letzteren nicht billig, daß er sie heute in diesen und morgen in jenen Pferch sperre, wie es ihm gerade in seine Wirtschaft passe, ohne sie nach ihrem Willen zu fragen, den sie nie besessen hätten? Und habe es in der Republik Hamburg besser ausgesehen? Ein schöne Republik, fürwahr! Republik zu nennen, wie lucus a non lucendo! Ein öffentliches Gemeinwesen, darauf beruhend, daß zwischen den Abkömmlingen von ein paar Dutzend alter Geschlechter im geheimen Gesetze und Vorschriften abgekartet, Maßnahmen und Einrichtungen getroffen würden, bei denen alles Fleisch in ihre – der Geschlechter – Töpfe komme und das gemeine Wesen leer ausgehe. Bis auf die Knochen – selbstverständlich! – an denen die Leute jetzt nagten, nachdem sich die Herren am Ruder wohl gehütet hätten, in den fetten Jahren vor der Sperre in die öffentlichen Scheuern zu sammeln! Er habe immer gegen diese Mißwirtschaft opponiert, vergeblich! und deshalb nur konsequent gehandelt, als er im Frühjahre, nachdem sich die Folgen jener Mißwirtschaft so eklatant herausgestellt, aus dem Munizipalrat schied, um damit aller Welt klarzumachen, daß er die Verantwortung nicht tragen wolle für Zustände, deren Elendigkeit das französische Regime weniger erzeugt, als an den Tag gebracht habe. Und er müsse sagen, wenn Georg damals die Konskription über sich ergehen ließ und jedes Anerbieten, ihn loszukaufen, trotzig von sich wies – nun ja, es sei ihm ein Schlag ins Vaterherz gewesen, den er niemals wieder ganz verwinden würde, auch wenn gegen alles Ermessen, ja schon gegen alle Hoffnung, der arme Junge aus dem schrecklichen Kriege heil zurückkehre. Aber ein Gutes habe der Trotz des Jungen doch gehabt: zu zeigen, daß es dem Vater bitterer Ernst gewesen mit seiner Resignation auf Ehren und Würden, die er nie ambiert; mit seinem Verzicht auf ein Wohlleben, das ihm nur zum Mittel gedient, um sich, der die besten Kreise aller Hauptstädte Europas kennen gelernt, über die Stupidität und Langeweile der Hamburger Sozietät wegzutäuschen. Und noch ein Drittes dürfe er nicht vergessen, für das er seiner jetzigen Lage verpflichtet sei: für die Einsicht in den Wert von Freundschaften, die genau so lange vorhielten, wie der Glücksstand des lieben, hochverehrten Freundes! Er brauche wohl nicht zu sagen, daß hier, wie überall, die Anwesenden ausgenommen seien. Oder was sollte auch wohl seine beiden jungen Freunde heute abend in diesen Saal geführt haben, wenn nicht die verlockende Aussicht, mit der von allen sonst gemiedenen Familie einen insipiden Tee zu trinken im Lichte von vier kümmerlichen Talgkerzen, die noch dazu verlöschen würden, wenn Herr Billow nicht die Güte haben wolle, sie gefälligst zu schneuzen.

Billow kam der erhaltenen Aufforderung alsbald nach, Wut im Herzen und entschlossen, nie wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen, in dem er – Theodor Billow – sich erst einen Korb von der hochmütigen Tochter hole, um dann von dem törichten Vater mit Vorwürfen und Beleidigungen reguliert zu werden. Denn daß die letzte Invektive des Alten ihm allein gegolten habe, war ja sonnenklar.

Jedenfalls hatte der junge Schwede sie auf sich nicht bezogen. Das bewies seine verblüffte Miene, die Johanna zu fragen schien: Was hat der Herr Vater heute abend nur? worauf denn Johanna mit einem kaum merklichen Zucken der zarten Schultern antwortete und einem flüchtigen Blicke empor zur Zimmerdecke, als spähte sie dort nach den bösen Geistern, die über dem Abend walteten, auf den sie sich so gefreut.

Minna hatte mit blassen Wangen und fest geschlossenen Lippen dagesessen. Ihr freilich brauchte niemand zu sagen, was dies alles bedeutete, woher die grimmige Laune des Vaters stammte. Aber es erschien ihr als ein Unrecht, daß er sie an Billow ausließ. Sie liebte den Mann nicht; sie hatte ihn, der ihr eine so schlimme Stunde bereiten konnte, vorhin beinahe gehaßt. Aber wenn das schon unbillig von ihr war, die seit Jahr und Tag wußte, daß er sich um sie bewerbe, daß er nur notgedrungen vor Héricourt zurückgewichen sei und heute abend ohne das Zureden des Vaters weiter geschwiegen haben würde, wie bisher, so war der Vater noch viel weniger zu einem Betragen berechtigt, welches sogar mit den gewöhnlichen Pflichten der Höflichkeit und Gastfreundschaft im schneidendsten Widerspruche stand. Sie durfte es nicht so hingehen lassen.

Ich kann den Wert der Freundschaften nicht so niedrig anschlagen wie der Vater, sagte sie; aber der Vater hat auch wohl nur die falschen gemeint. Wer möchte denen das Wort reden? Ich meine aber, daß man die wahren von den falschen unterscheiden, vielmehr die letzteren mit dem schönen Namen gar nicht bezeichnen solle, so wenig wie man die Krankheit Gesundheit, die Lüge Wahrheit, das Laster Tugend nennt.

Ein Kapitel aus dem Rousseau? fragte Warburg höhnisch.

Ich zweifle nicht, erwiderte Minna ruhig, mit dem, was ich gesagt, den Sinn und die Meinung des großen Mannes hinreichend getroffen zu haben, wenn er meinen Gedanken auch einen so viel schöneren Ausdruck gegeben haben würde.

Freilich! rief Warburg bitter; es ist keine Kunst, mit schönen Worten zu prunken, wenn man sich ein für allemal exküsiert, sobald man beim Worte genommen werden soll, und sich wohlweislich hütet, von den Pflichten, die man so herrlich predigt, für seine Person auch nur eine einzige zu erfüllen. Monsieur Jean Jaques hat für diese so bequeme Praxis in seinem Leben das eklatanteste Beispiel gegeben. Ist es da ein Wunder, wenn der würdige Meister, der die eigenen Kinder ins Findelhaus schickte, sich Schüler oder auch Schülerinnen erzieht, die sich mit Herz und Sinn von ihren Eltern abwenden? es anständiger finden, ihre eigenen, selbstsüchtigen Wege zu gehen, ohne sich die Frage vorzulegen, was dabei aus jenen wird?

Die Anwesenden sind hier, wie vorhin, ausgenommen, sagte Minna.

Aber selbstverständlich! rief der Vater mit bösem Lächeln. –

Jetzt waren doch auch Johanna und Oskar innegeworden, auf welchem vulkanischen Boden sie sich ahnungslos die ganze Zeit bewegt hatten. Sie blickten einander erschrocken an und dann verstohlen auf die übrigen, denen die innere Verstörung nur allzu deutlich auf den Gesichtern geschrieben stand. Warburg saß in der Sofaecke zurückgesunken, finsteren Blickes an der Unterlippe nagend; Minna war so völlig bleich, daß die großen, starren, blauen Augen schwarz erschienen; Billows immer lebhafte Gesichtsfarbe hatte sich dagegen zu einer schier beängstigenden Röte gesteigert; er rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her.

Ich glaube, es ist sehr spät, sagte er plötzlich, von dem Sessel emporschnellend.

Gewiß – sehr spät! rief Oskar, dem gegebenen Beispiele alsbald folgend.

Und ich bitte dringend, daß man bleibe! rief Warburg, oder soll ich glauben, daß unsere letzten Freunde die Abende in meinem Hause allzu lang finden, seitdem ich ihnen zum Schlaftrunk nur ein Glas Punsch bieten kann? Wo bleibt der Punsch, ihr Mädchen?

Er hatte das, ohne sich aus der Sofaecke zu rühren, in einem Tone gesagt, der scherzhaft und verbindlich sein sollte und erregt und herrisch klang. Das hinderte freilich Oskar nicht, seinen Hut, den er bereits ergriffen hatte, sofort wieder niederzulegen; aber Billow wollte die Partie, die jetzt zu seinen Gunsten lag, nicht so leichten Kaufes aufgeben. Schied er heute abend als Beleidigter aus diesem Hause, war er morgen vor den Ansprüchen sicher, die Warburg zweifellos an ihn stellen würde, wenn es jetzt auch nur zu einer scheinbaren Versöhnung kam. So bat er denn, ihn zu entschuldigen; er fühle sich sehr abgespannt, in der Tat ein wenig unwohl. Warburg, der sehr genau wußte, was in dem anderen vorging, wollte das nicht gelten lassen: seit wann fürchte sich Theodor Billow vor einem leichten Unwohlsein, das noch dazu am besten durch ein Glas Punsch kuriert werde? – Johanna, die dem Vater ansah, wieviel ihm an Billows Bleiben lag und der ebenso damit gedient war, da es das einzige Mittel schien, Oskar festzuhalten, erbat sich mit einem Knix Billows Hut, den dieser mürrisch-unhöflich verweigerte.

So trinken Sie Ihren Punsch mit dem Hut in der Hand! rief die junge Dame lachend, indem sie Christiansen, der eben in das Gemach gekommen war, eines der gefüllten Glaser von dem Brette nahm und dem Übellaunigen darbot. Der junge Kaufmann sah sich wohl oder übel zum Bleiben gezwungen. Christiansen hatte unterdessen auch den anderen präsentiert und flüsterte seinem Herrn jetzt etwas ins Ohr.

Er soll morgen wiederkommen, hörte man Warburg sagen, worauf der alte Diener abermals zu flüstern begann.

Das ist doch wunderlich, murmelte Warburg.

Darf man fragen, was es ist? sagte Oskar.

In der Tat, sehr wunderlich, erwiderte Warburg, sich zu den anderen wendend. Da kommt der Samuel Hirsch von dem Bleichergang – Sie kennen ihn ja, Billow – in nachtschlafender Zeit zu mir: er habe mir etwas Wichtiges mitzuteilen, und das er nicht bis morgen aufschieben möge, weil er wisse, daß es mich freuen werde. Ich könnte den alten Mann nun freilich unten in meinem Kontor empfangen; aber ich fürchte –

Dann läuft uns unsere Gesellschaft hier oben fort, rief Johanna. Du hast ganz recht, Vater. Laß den lieben alten Herrn heraufkommen! Ein Glas Punsch wird auch ihm nicht schaden; und er hat es doppelt verdient, wenn er dir etwas Gutes bringt.

Ich weiß wirklich nicht – sagte Warburg mit einem unsicheren Blicke auf Billow.

Aber Sie werden doch meinethalben keine Umstände machen, rief Billow mit gezwungenem Lachen; ein so eingefleischter Aristokrat bin ich nicht! Und vielleicht weiß der alte Pfiffikus Dinge, von denen unsereiner profitieren kann,

Warburg winkte Christiansen, der hinausging und alsbald dem Gemeldeten die Tür öffnete, auf deren Schwelle derselbe stehenblieb.

Nur herein! rief Warburg ihm entgegen. Sie finden mich in Gesellschaft meiner beiden Töchter und zweier guter Freunde, was Sie hoffentlich nicht geniert.

Wie sollten mich genieren die liebwerten Demoiselles und zwei wackere junge Leute, besonders wenn sie sind gute Freunde dieses Hauses.

Der alte Mann verbeugte sich zu diesen Worten mit über der Brust verschränkten Armen – eine Geste, die er noch ein paarmal wiederholte, während er sich kurzen, unsicheren Schrittes dem Teetische näherte, an welchem er nun unmittelbar neben dem Hausherrn mit den übrigen Platz nahm. Johanna bot ihm ein Glas Punsch; er wehrte freundlich ab: Das ist nichts für meinen schwachen, alten Kopf, liebwerte Demoiselle, und fügte dann schnell, fast ängstlich hinzu: Aber bitte, lassen Sie mich es immer nehmen und vor mich hinstellen! Wenn ich es auch nicht trinke, so habe ich doch meine Freude daran, weil es mir gern geboten wird und aus einer so lieben Hand kommt.

Von dem könnt ihr alle lernen, flüsterte Johanna Oskar ins Ohr, als sie, hinter ihm vorübergleitend, sich zu ihrem Sessel zurückbegab.

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