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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Dreizehntes Kapitel.

Als Minna sich Hamburg näherte, war die Sonne bereits im Untergehen. Aber die Schleier, die der Abend zu weben begann, vermochten nicht das Elend zu verhüllen, das sich, soweit der Blick reichte, über die Landschaft breitete: einzeln stehende Häuser, Gehöfte, ganze Dörfer in Schutt und Asche; nur zu oft die Bäume selbst an der Wegseite verkohlt; zerstampfte Felder, auf denen Krähen schwärmten; verwüstete Gärten mit niedergerissenen Zäunen und Staketen, zwischen denen hervor herrenlose Hunde kläfften. Ach, und kläglicher anzusehen, als all die grause Verwüstung: Jammergestalten von Menschen, jung und alt, Weibern und Kindern, die in Gruppen, wie sonst in der Abendstunde plaudernd vor den Türen, so jetzt trauervoll, schweigsam an der Trümmerstätte ihrer Habe standen; oder die staubige Straße dahergezogen kamen, in Lumpen gehüllt, mit leeren Händen, bestenfalls einem armseligen Bündelchen an dem Knotenstock auf der Schulter, Hunger und Kummer in den blassen, verwilderten Gesichtern.

»C'est la guerre«, murmelte Minna, unwillkürlich in der Sprache des Geliebten; das Wort immer wiederholend, als böte es nicht nur eine Erklärung, sondern auch eine Entschuldigung des Fürchterlichen.

Dennoch war der frohe Mut, mit dem sie heute aus Warnesoe ausgefahren war, tief gesunken, als man endlich Altona erreichte.

Hier boten sich dem Auge freilich nicht die Greuel barbarischer Zerstörung; desto schrecklicher war das menschliche Elend, das sich in den engen Gassen zusammengehäuft fand. Den ganzen Tag mochte der Zuzug gewährt haben, dessen sich nachschleppende Reste Minna auf der Landstraße überholt hatte; und die Hunderte und Tausende drängten sich nun in der so schon überfüllten Stadt, Obdach heischend, das ihnen kaum noch jemand gewähren konnte: dumpf vor sich hin brütende Männer, jammernde Weiber, schreiende Kinder. Dazwischen Magistrats- und Polizeibeamte, sich vergebens bemühend mit Güte oder Gewalt in dieses Chaos Ordnung zu schaffen; mitleidige Bürger und Bürgerinnen, Lebensmittel herbeitragend, die ihnen die Gierigen aus den Händen rissen.

Minna wagte nicht mehr, ihren Spruch zu sagen; ihre Seele war so tief erschüttert von all dem Graus um sie her, und bange Ahnungen von Schlimmem, das ihr selbst bevorstehe, wollten sich nicht verscheuchen lassen, wie sehr sie sich auch zur Gelassenheit zwang.

Sie gelangten ans Millerntor. Minna dachte jenes Vormittags, als sie da oben auf dem Walle stand und hier, wo der Wagen jetzt hielt, Georg die zusammengerafften Haufen zum Sturme gegen das Zollgebäude führte. Das Gebäude war nicht wieder aufgerichtet worden, der Trümmerhaufen ganz zusammengesunken; auf einem vorragenden Balken saßen ein paar Douaniers, aus kurzen Pfeifen schmauchend, mit den Beinen baumelnd, gleichgültig auf den Wagen blickend, der zum Tore hinein wollte. Es würden morgen und in den nächsten Tagen dergleichen noch viele kommen und das Tor offen finden. Mochten sie! Hier war keine Ehre mehr zu holen, und Beute gab es längst nicht mehr zu machen. Da kehrte man doch lieber nach dem schönen Frankreich zurück und baute wieder seinen Kohl und seine Rüben!

Das Tor war passiert, ohne daß man den Reisenden irgend welche Schwierigkeiten bereitet hätte. Nun waren sie in der Stadt, deren Stille seltsam abstach von dem wirren Treiben auf den Gassen Altonas. Kaum, daß man einem oder dem anderen Passanten begegnete, der verwundert das ländliche Fuhrwerk anstarrte; es muhte ein selten gewordener Anblick in der verödeten Stadt sein. Neddermeyer hatte Mühe, den Wagen durch Hindernisse aller Art durchzubringen, die man auf Tritt und Schritt antraf. Hier war das Pflaster aufgerissen, dort lagen – wohl noch vom Winter her – zertretene Aschenhaufen und die Trümmer von Möbeln, die man aus den Häusern geschleppt und zu Brennholz zerschlagen hatte; demselben Zweck mochte manche Haustür gedient haben, deren Öffnung nun schauerlich klaffte. Selbst der Fensterrahmen hat man nicht geschont, an anderen Orten die im Übermut oder fahrlässig zerbrochenen Scheiben durch in die Lücken gestopfte Lumpen oder vorgeklebtes Papier zu ersetzen gesucht. Neben einem mit leeren Fässern beladenen Karren lag ein totes Pferd; man hatte alles so stehen und liegen lassen, wie denn auch sonst die Straßen von widerwärtigem Schmutz starrten.

Immer bänglicher wurde Minna zumute; ihr war, als ob sie in eine Stadt des Todes gekommen sei.

Über den Zeughausmarkt, durch die Jakobstraße und den Venusberg waren sie bis auf den Scharmarkt gelangt. An der Ecke vom Bleichergang bat Minna, halten zu bleiben. Er war dieselbe Ecke, wo sie damals, am vierundzwanzigsten Februar des vergangenen Jahres, der alte Herr Hirsch getroffen und in den Bretterschuppen gezogen hatte, ihr zu sagen: es werde eine Revolte, so Gott wolle, eine Revolution geben, und Georg sei der Anführer. Wie würde sie den alten Mann treffen? Würden seine dunkeln Augen jetzt noch so begeistert leuchten?

Die Gasse hinabeilend fand sie bald das kleine Haus. Eine alte, gekrümmte, schwarzgekleidete Frau mit weißen Haaren trat ihr entgegen und fragte nach ihrem Begehr. Minna hatte Frau Hirsch wohl sonst gesehen und sich die Erinnerung an eine rüstige, lebhafte, kleine Matrone bewahrt, die sie in dieser Greisin nicht wiedererkannte. Sie meinte, dies sei eine Anverwandte vielleicht, von deren Existenz sie nichts gehört, und fragte nach Herrn Samuel Hirsch.

Mein Mann ist schon seit zwei Monaten tot, erwiderte die Greisin. Und als sie die fremde Dame schreckensbleich zurückbeben sah: Sie haben ihn gekannt? Er war ein guter Mann.

Ja, das war er! rief Minna schluchzend. Er hat auch an uns viel, viel Gutes getan!

Er hat es an vielen getan, sagte die Greisin und fragte nach Minnas Namen.

Minna nannte sich.

O ja, sagte die alte Frau, ich erinnere mich: geborene Warburg. Die Warburgschen Angelegenheiten haben meinem Manne ihrerzeit geschafft viel Sorge und Mühe. Er hat sie gern auf sich genommen; er war ein guter Mann. Womit kann ich dienen, Madame?

Minna hatte nicht das Herz, ihr eigentliches Begehr auszusprechen. So brachte sie denn stockend hervor: Es habe sie bloß der Wunsch, nach langer Zeit etwas von ihrem Wohltäter zu erfahren, dahin geführt; und daß ihr sein Tod sehr zu Herzen gehe.

Ja, ja, sagte die Greisin, er hatte noch lange leben können. Sein Vater ist geworden alt über die hundert Jahre. Was soll man sagen von den Vätern, daß sie sterben, wenn ihre Söhne sterben vor ihnen, wie gestorben sind mein Moses und mein Nathan vor ihrem Vater binnen eines Monats?

Die schwarzen Augen der Alten stierten vor sich hin; Minna konnte es nicht länger ertragen. Sie verabschiedete sich. Frau Hirsch rief sie noch einmal zurück, um wieder zu fragen: Sie haben ihn also gekannt? und als Minna die Frage nochmals bejahte, ihren Refrain hinzuzufügen: Er war ein guter Mann.

Minna eilte die Gasse hinab zum Wagen zurück. Neddermeyer blickte ihr erschrocken in das bleiche Gesicht.

Gnädige Frau, sagte er, tun Sie einem ehrlichen Kerl eine Liebe, steigen Sie auf und lassen Sie mich versuchen, ob ich Sie noch heute abend wieder aus der Stadt bringe! Ich sprach eben einen, der vorüberkam. Hier im Bleichergang, Haus bei Haus und überall in der Stadt hat alle diese letzten Monate hindurch das Nervenfieber und die Lazarettpest gewütet, und es sterben noch täglich Leute. Kommen wir heute abend nicht mehr aus dem Tore, so doch gewiß morgen in aller Frühe. In der Ausspannung, die gnädige Frau ja kennen, sind gute, reinliche Leute, und wir sind da ganz nah am Tore.

Ich kann nicht fort, erwiderte Minna, und ich hätte nicht fortgehen dürfen. Es war ein schweres Unrecht.

Nichts für ungut, gnädige Frau, sagte Neddermeyer eifrig; ich meine, es ist ein schweres Unrecht, daß Sie wiedergekommen sind. Bedenken doch die gnädige Frau nur, wie der Herr außer sich sein wird, wenn er es erfährt, und nun gar, wenn Ihnen das Unglück arriviert und Sie auch krank werden! Ich bitte Sie, gnädige Frau, steigen Sie auf!

Nein, nein, rief Minna, vom Wagen zurücktretend, um keinen Preis in der Welt! – Und als sie das bekümmerte Gesicht des wackeren Mannes sah, fügte sie ruhiger hinzu: Glauben Sie mir: ich habe meine guten Gründe. Fahren Sie nach der Ausspannung und bestellen dort für mich Quartier! Bin ich bis neun Uhr morgen früh nicht dort – es kann das sein – so kehren Sie ohne mich nach Warnesoe zurück! Leben Sie wohl!

Sie hatte sich in ihren Mantel gehüllt und eilte davon. Schwer seufzend setzte der brave Inspektor sein Fuhrwerk in Bewegung nach der Ausspannung in der Nähe des Millerntores.

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