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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Elftes Kapitel.

Ich kann mir nicht helfen, gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer ein paar Tage später, den gebadeten und wieder in seine Gewänder gehüllten Säugling in den Armen wiegend. Sie werden mir nicht zutrauen, daß ich Schmeicheleien vorbringen will; und was meine Kinder sind, sie konnten sich vom ersten Augenblicke an vor ihrem Herrgott und der Welt sehen lassen. Aber der Wahrheit die Ehre: so ein Prachtkind wie dieses ist doch keines von ihnen gewesen. Und wie es Ihnen ähnlich sieht, das ist nun rein zum Lachen: dieselben Löckchen, bloß noch nicht so dicht und so dunkel, und dieselben großen, dunkelblauen Augen, als hatte er sie der gnädigen Frau aus dem Spiegel gestohlen.

Sie hatte das Kind der Wöchnerin gereicht, die es an die Brust legte und, während es gierig trank, das holde Wunder mit gerührtem Staunen betrachtete. Ob sie ihr Kind werde lieben können? Wie töricht war die Frage gewesen! wie schien sie nur auf den ersten Schrei des Neugeborenen gewartet zu haben, um sich als krankhaftes Wahngebilde zu erweisen und in ein wesenloses Nichts dahinzuschwinden. Versunken die arge alte Welt! wiedergeboren in paradiesischer Unschuld ihr entgegenstrahlend aus dem Auge ihres Kindes!

Ja, ihres! Es hätte der Bestätigung der guten Neddermeyer nicht bedurft für das, was sie selbst alsbald mit freudigem Staunen entdeckt hatte: die auffallende Ähnlichkeit des Kindes mit ihr selbst. Unter Tausenden hätte sie's als das ihre herausgefunden. Wahrlich, das war – in die winzigen Verhältnisse übertragen – ihre Stirn; das war ihr Mund und Kinn; vor allem: das waren ihre Augen. Wenn sie in diese Augen sah, quoll es heiß auf in ihrem leidenschaftlichen Herzen, und Frau Neddermeyer hatte ihre liebe Not, das Baby den von Seligkeit trunkenen Mutterküssen zu entziehen.

Lassen Sie mich es küssen, rief dann Minna; wer weiß, wie lange ich es darf!

Gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer; es ist ein schönes Ding, wenn man Gott fürchtet. Aber man soll darüber das andere nicht vergessen: ihm zu vertrauen. Ja, wenn es eines von den drei halb verhungerten Kindern wäre, die Pastor Lange gestern auf der Straße gefunden und uns gebracht hat – Sie brauchen sich nicht aufzuregen, gnädige Frau! – sie sind gut aufgehoben; und der Doktor meint, er wird sie schon wieder in die Höhe bringen, und ich meine es auch. Und was ich sagen wollte: unser junger Herr hier hat keine blaue Ader über der Nase, Gott sei Dank! und solange die gnädige Frau leben, werden ihn die gnädige Frau mit Gottes Hilfe auch küssen können.

Das kam gar treu und herzig von den Lippen der Braven, nur daß Minna nicht daran gedacht hatte, der Tod werde ihr ihre Wonne rauben. Der Raub drohte ihr von einer anderen Seite, und die ihr grausamer schien als der Tod.

Ja, es war ihr Kind! Aber wie ängstlich sie in dem süßen Gesichtchen nach einem kleinsten Zuge von ihm spähte, dennoch war es auch sein Kind.

Das schaffte kein Schwelgen in der Mutterfreude und keine Illusion weg; das ließ sich nicht wegphilosophieren durch Grübeln über einen mystischen Urquell der Natur, dessen heilige Reinheit kein Sterblicher zu trüben vermöge.

Es war auch sein Kind, dessen Ankündigung ihn schon mit so großer Genugtuung erfüllt hatte; und wie würde sein Stolz wachsen, wenn er die Nachricht von der glücklichen Geburt empfing, die jetzt in einem Briefe des jungen Arztes an ihn nach London unterwegs war! Dann, über kurz oder lang – vielmehr, wie die politischen Verhältnisse lagen, in aller Kürze – würde er selber kommen und seine Ansprüche, seine Rechte, seine Autorität geltend machen, mit welcher herrischen Willkür, welcher Selbstüberhebung! Sie kannte seine Weise!

Und sie würde sich ihren Schatz entrissen, ihn, der ihn ihr geraubt, darin wühlen sehen mit plumpen Händen; das reine Gold vermischen sehen mit unedelm Metalle, bis es unkenntlich wurde für der Mutter Auge, den hellen Klang verlor für der Mutter Ohr, ein Fremdes wurde für der Mutter Herz!

Aber das durfte nicht sein; das wäre tausendmal schrecklicher als der Tod gewesen. Welches Mittel gab es, dem Untergange – denn darauf lief es ja hinaus, für sie gewiß und, wie sie jetzt dachte, auch für ihr Kind – zu entrinnen? dem Verderben zuvorzukommen? aus der drohenden Vernichtung ein Gott und der Natur gefälliges Leben zu schaffen?

Nur eines.

Der an jenem fürchterlichen Abend so unsagbar traurig ausgelaufene Versuch, zwischen ihm und ihr ein Verhältnis zu schaffen, in dem beide ehrbar miteinander leben könnten, mußte erneuert werden. Nicht in einem Anlaufe, wie damals, der, wenn er mißglückte, die beiden, die sich finden sollten, nur noch weiter auseinanderschleuderte; – nein: mit Vorsicht, Geduld, mit siebenmalsiebzigmal vergebender Liebe!

Da war das Wort, das, so oft es über ihre stumme Lippe wollte, scheu zum Herzen zurückkroch. Wie durfte sie von Liebe sprechen zu einem anderen Manne, als dem einen, dem sie ihre Seele geeignet hatte? dessen Bild im Wachen und im Traume, mit unverwüstlicher Schönheit angetan, vor ihrer Seele stand?

Sie hatte es anfangs wegzuweisen versucht, so oft es kam. Dann, als sie sah, daß es vergeblich war, hatte ihre mystische Spekulation eine andere Wendung genommen, und sie gemeint, wie die gläubige Jungfrau mit Stolz von einem Seelenbräutigam spreche, müsse auch das Weib von einem Gatten ihrer Seele sprechen dürfen, ohne daß sie sich zu schämen brauche; und um so viel die Seele hoher stehe als der Leib, mit so viel besserem Rechte gehöre ihm das Kind des von ihm geliebten, ihn liebenden Weibes.

Aber ihr kritischer Geist durchschaute bald das moralische Gaukelspiel, und sie hatte für dies haltlose Treiben ihrer sehnsüchtigen Phantasie ein hartes Wort. Entweder war die Ehe heilig, oder sie war es nicht. Ein Drittes war ausgeschlossen. So mußte sie ihre Ehe heilig halten, auch in der Phantasie, um ihres Kindes willen. Hatte sie Zeit ihres Lebens, solange sie ein denkendes Wesen war, jeder Pflicht, die an sie herantrat, sie mochte nun groß oder klein gewesen sein, mit allen ihren Kräften zu genügen gesucht – jetzt war sie begnadigt worden mit dem höchsten Adel des Weibes, dem: Mutter sein zu dürfen. Sie konnte sich der Verpflichtung, die ihr aus diesem Adel oblag, nicht entziehen.

So war sie denn nur eben von ihrem Lager erstanden, als sie, trotz Frau Neddermeyers flehentlicher Abmahnung, zu Papier und Feder griff, ihrem Gatten einen langen, herzlichen Brief zu schreiben, in welchem sie ihm treulich Bericht gab von allem, was einem Manne, dem in seiner Abwesenheit ein Kind geboren wird, irgend von Interesse sein kann; ihn zum Schlusse bei allem, was ihm heilig sei, beschwörend, der Versicherung seines letzten Briefes, alles Geschehene vergeben und vergessen zu wollen, eingedenk zu bleiben und mit ihr ein neues Leben zu beginnen, zu dem sie ihm von Herzen die Hand biete. Sie spürte, nachdem sie diesen Brief abgesandt hatte, eine große Erleichterung und Beruhigung. Ihr war, als wäre sie von neuem an den Altar getreten und hätte ihren ehelichen Schwur noch einmal geleistet, nun erst mit dem vollen Bewußtsein seines Tod und Leben umschließenden Gehaltes. Wie hinter umhüllendem Nebel wich das Bild des Geliebten weiter und weiter vor dem wachen Auge ihres Geistes zurück; selbst im Traume erschien es immer seltener und undeutlicher. Sie durfte hoffen, in kurzem ganz genesen, ganz das zu sein, was sie um ihres Kindes willen sein mußte.

In dieser mutig-dankbaren Stimmung ertrug sie auch ein Mißgeschick verhältnismäßig leicht, das sie noch vor kurzem aufs tiefste bekümmert haben würde. Sie konnte die holde Pflicht der Mutter, ihr Kind zu nähren, nicht länger erfüllen. Der junge Arzt hatte ihr mit aller Zartheit, aber auch Bestimmtheit vorausgesagt, daß es so kommen würde, ohne weder bei ihr noch bei Frau Neddermeyer Glauben zu finden. Frau Neddermeyer war sehr empört und geneigt, alles für eine Schikane des Arztes zu halten. Indessen mußte man sich in das Unvermeidliche fügen und, da weit und breit eine Amme nicht aufzutreiben war, zu künstlicher Nahrung seine Zuflucht nehmen. Der junge Herr, wie Frau Neddermeyer das Kindchen unweigerlich nannte, bewies seine Bescheidenheit und Lebenslust dadurch, daß er die neue Nahrung ohne Anstand nahm und dabei nicht minder kräftig gedieh als vorher.

Schon konnte die junge Mutter in ein paar Sälen, die sie hatte heizen lassen, ihn auf ihren Armen spazieren tragen und, während sie ihm mit ungeübter Stimme Liedchen sang, zu denen sie sich Text und Musik aus dem Stegreif machte, sich selbst in Zukunftsträumen wiegen, deren Held natürlich stets ihr Baby war. Nun kein Baby mehr: ein rosiges Kind, das ihr auf unsicheren Beinchen entgegengelaufen kam, die Händchen nach ihr ausstreckend, und von ihr umfangen und jubelnd emporgehoben wurde; ein trotziges Jüngelchen, das furchtbar ungezogen war und zu wissen schien, daß die Rute auch diesmal eine leere Drohung bleiben werde; ein lockiger Knabe, der, geschmeidig wie eine Gazelle, über die Blumenbeete sprang, den bunten Schmetterlingen nach; ein glutäugiger Jüngling, der es eilig hatte, der Mutter Adieu zu sagen, wahrend unten das mutige Pferd mit den Hufen auf das Pflaster hieb und die Jagdgenossen riefen. Und so in vielen Situationen, in die den Jäger, den Landmann sein Leben bringt. In dem Kontor über das Pult gebeugt sah sie ihn nie. Das Kaufmannsgeschäft in Hamburg mochte sein Vater weiterführen, dem sie schon im voraus dankbar war, daß er ihrem Sohne durch seinen Reichtum ein freies und schönes Dasein schuf hier auf dem Schlosse inmitten der Vielen, über die er schalten würde, ein Untadeliger im Sinne des stolzen Wappenspruchs ob der Tür seines Hauses.

Ein milderes Wetter, das der Februar brachte, verstattete der jungen Mutter, ihren holden Schatz weiter durch die Säle zu tragen, deren hohe Fenster sie hatte öffnen lassen, dem warmen Sonnenschein Eingang zu verschaffen. Sie mußte selbst lächeln, wenn sie so dem Erben von Warnesoe sein prächtiges Heim »zeigte«, von dem doch die wandernden Kinderaugen nichts faßten und begriffen. Nur einen Raum vermied sie sorgfältig: den Bibliotheksaal. Sie hätte der bittersüßen Stunden denken müssen, die sie im vorigen Winter über der Lektüre der Neuen Heloise dort zugebracht und des Entsetzens, das sie erfaßte, als Julie es über sich gewann, den Geliebten in das Haus ihres Gatten zum Zeugen ihres ehelichen Glückes zu laden. In dem Bibliotheksaale, das wußte sie, konnte sie sein Bild nicht bannen; der ganze Raum schien ihr von seiner Gegenwart erfüllt; und, wie grenzenlos sie auch ihr Kind liebte, die bloße Vorstellung, sie wandle mit ihm durch das weite Gemach, während ein dunkles Augenpaar schwermutsvoll ihr folgte und sie fragte: das hast du mir getan? machte sie entsetzt zusammenschaudern, als hätte der Boden zu ihren Füßen sich geöffnet und sie müsse da hinab mit ihrem Kinde.

Aber das waren nur einzelne schwache Momente, derer sie sich schämte jetzt, wo sie mit sich selbst völlig im reinen war und vertrauensvoll in eine Zukunft blickte, die sie mit ihrer Willenskraft meistern zu können glaubte. War ihr doch auch ihre alte physische Kraft voll zurückgekehrt, und durfte sie endlich daran denken, der guten Neddermeyer einen Teil der ungeheuren Arbeitslast abzunehmen, die nun sichtlich selbst den braven breiten Schultern zu schwer wurde. Frau Neddermeyer wollte davon nichts wissen, und auch der Arzt, dessen Jugend und Unerfahrenheit durch eine seltene Intelligenz und Energie ausgeglichen wurden, erhob dringenden Einspruch.

Meine Sorge um Sie ist schon groß genug, gnädige Frau, sagte er. Ich muß Ihnen jetzt sagen, da es sich nicht länger verbergen läßt, daß die Kinder, die wir zuletzt aufnahmen, ein schweres Scharlach durchgemacht und allerdings glücklich überstanden haben. Aber gerade in dieser Periode der Rekonvaleszenz ist das Kontagium am allergefährlichsten, und ich könnte es nicht verantworten, wollte ich Ihnen erlauben, mit meinen Kranken in Berührung zu kommen und so sich selbst und das Kind der Gefahr der Ansteckung auszusetzen.

Unter normalen Verhältnissen würde ein derartiges Verbot für Minna wenig verbindlich gewesen sein; jetzt fühlte sie, daß sie ihm gehorchen müsse. Auch nicht den Schein der Vergessenheit einer Pflicht, welche jetzt in ihren Augen für sie die höchste war, durfte sie aufkommen lassen. Stand doch schon zu befürchten, daß ihr Gatte die gastliche Aufnahme, die ein winziger Bruchteil der armen Vertriebenen in seinem Hause gefunden, nachträglich aufs höchste mißbilligen würde!

So mußte sie auf eine Tätigkeit verzichten, zu der sie sich in jeder Weise berufen fühlte, und bald sollte die Not, die sie von den Mitmenschen abzuwehren helfen wollte, in der finstersten Gestalt über ihre eigene Schwelle huschen.

In einer Nacht fuhr das Kind aus unruhigem Schlafe mit glühenden Wängchen und fieberheißer Stirn auf. Minna erschrak aufs heftigste; sie sah sofort, daß es sich hier um keinen unbedeutenden Anfall handle. Dennoch tat sie mit ruhiger Überlegung, was der Augenblick zu fordern schien. Es war das freilich wenig, aber sie wußte, daß auch der Arzt kaum viel mehr würde tun können.

Er kam beim ersten Morgengrauen. Ein Blick in sein ernstes Gesicht, als er von der Untersuchung aufschaute, bestätigte die schlimmste Befürchtung.

Es ist keine Hoffnung? sagte sie dumpf.

Ich weiß es nicht, erwiderte er leise. Ich weiß nur, daß die Natur Hilfsquellen hat, auf die wir vertrauen müssen, wenn unsere Kunst ratlos ist.

Das war nur eine Umschreibung für das Fürchterliche – Minna wußte es wohl, aber sie sagte nichts.

Der Arzt blieb ihr zur Seite an dem Bettchen, wo das zarte Menschenleben den schauerlich ungleichen Kampf mit dem Allbezwinger kämpfte.

Stunde um Stunde verrann. Das Kind lag mit weit aufgerissenen, starren Augen da, als wundere es sich, daß man es zum Leben gerufen, wenn es doch sobald daraus scheiden sollte.

Fühlt es Schmerzen? fragte die Mutter.

Nein, erwiderte der Arzt leise, ohne sie anzusehen. Er wußte, daß die Schmerzen, die das Herz der Unglücklichen zerrissen, für eine Welt der Verdammnis ausgereicht hätten.

Stunde um Stunde verrann. Dann, als der kurze Tag sich zu Ende neigte, kam die letzte für das kleine tapfere, wehrlose Geschöpf. Noch einmal tat es einen tiefen Atemzug und streckte die zarten Glieder. Der Tod hatte seine Beute.

Der Arzt erhob sich.

Wollte Gott, gnädige Frau, sagte er, ich könnte Ihnen in dieser schweren Stunde irgend helfen. Ich fürchte, es wird nicht der Fall sein. Wäre es, bitte, rufen Sie nach mir; ich bleibe im Hause.

Er hatte ihr die schlaff herabhängende Hand geküßt. Ihr Auge war starr auf die Leiche ihres Kindes gerichtet.

Hatte sie ihn verstanden? Er mußte daran zweifeln, aber wiederholen mochte er seine Worte nicht. So verließ er leise das Gemach. Draußen angekommen, konnte er sich der Tränen nicht enthalten. Er hatte in diesen Monden viel des Jammers gesehen; keinen, der ihm tiefer zu Herzen gegangen wäre als der stumme dieses glücklosen jungen Weibes.

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