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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Zehntes Kapitel.

Das Jahr der gewaltigsten Ereignisse, die, solange die Erde um die Sonne kreist, in den Annalen des Menschengeschlechts zu verzeichnen waren, geht zur Rüste. Die Leipziger Schlacht ist geschlagen; die ungeheure Arbeit auf den blutgetränkten Ebenen hat den Schnitter Tod noch nicht ersättigt. Dem Rheine zu wälzen sich die Kolonnen der siegreichen verbündeten Heere dem Besiegten nach, der ihnen fliehend noch fürchterlich ist, und, wenn er auf der Flucht gestellt wird, dem verwundeten Eber gleich, sich der Verfolger mit blutigen Streichen erwehrt. In Frankfurt am Mainstrom sind die gekrönten Häupter versammelt, um zu beraten, was fürder geschehen soll, und schon sind die Federn der Diplomaten geschäftig, von dem Debet, das dem opferfreudigen Volke zukommt, möglichst viel auf die Kreditseite der Fürsten zu überschreiben. Unter so vielen Bittstellern um Recht und Gerechtigkeit haben sich auch die hanseatischen Abgeordneten eingefunden, den rastlosen Friedrich Perthes in ihrer Mitte; und sie gehen von einer Tür zur anderen, die grimme Not zu klagen, unter der die einst schönste und reichste Stadt des Bundes, das altehrwürdige Hamburg, seufzt. Man empfängt sie mehr oder weniger gnädig, gibt ihnen auch mehr oder weniger ernsthaft gemeinte Versicherungen des Wohlwollens und der Teilnahme; nur auf was es ihnen zunächst einzig und allein ankommt: tatkräftige Hilfe verspricht ihnen keiner, gewährt ihnen keiner. Zwar der Kronprinz von Schweden könnte helfen. Er steht an der Spitze eines Heeres im Norden Deutschlands, mächtig genug, Hamburg nach voraussichtlich kurzer Belagerung im Sturm zu nehmen. Er hat anderes zu tun; er hat sich Norwegen in Holstein und Schleswig zu erobern, wohin er aufgebrochen und bereits bis zur Eider und über die Eider gedrungen ist. Und wenn der Prinz von Eckmühl und Herzog von Auerstädt, wie er den Marschall ständig in seinen Depeschen nennt, auf die Aufforderung, die Stadt mit allem kriegerischen Glanze zu räumen, erwidert: »Ein Mann von Ehre betrachte sich nicht seines Eides der Treue entbunden, weil sein Souverän Unglücksfälle erlitten habe,« was kann er tun, als so heroischer Gesinnung kameradschaftlich salutieren und sich begnügen, die Stadt so weit einzuschließen, daß es bei einem Versuche des Gegners, durchzubrechen, doch zu ein paar den Anstand wahrenden Gefechten kommen müßte.

Aber der grimme Marschall scheint seine Natur geändert zu haben. Er macht den Versuch nicht, den alle Welt erwartet, und dessen Gelingen wochenlang ganz in seiner Hand lag. Wie er sich in Mecklenburg lässig gegen Wallmoden geschlagen, läßt er sich jetzt von Woronzow und Benningsen fast widerstandslos in Hamburg festhalten, das er auf Kosten des Geldes, des Schweißes, des Blutes seiner Einwohner, zu einer Festung umgeschaffen hat, und über welches nun alle Schrecken einer winterlichen Belagerung hereindrohen.

Die einsame Frau auf Schloß Warnesoe hatte von allen diesen Dingen Kunde erhalten, für deren Verbreitung an Stelle der selten eintreffenden Zeitungen und der noch häufiger ausbleibenden Briefe in dieser Zeit die tausendzüngige Fama geschäftig sorgte. Ja einmal – auf dem Durchzuge des Kronprinzen von Schweden durch Holstein – war der Krieg in ihre unmittelbare Nähe gekommen, und sie hatte die Ehre gehabt, den hohen Herrn selbst zwei Tage lang und Tettenborn, der mit dem Vortrapp sogleich weitereilte, wenigstens auf ebensoviele Stunden bewirten zu dürfen. Tettenborn war, wie immer, die Liebenswürdigkeit selbst gewesen; hatte sich mit Entzücken der köstlichen Stunden erinnert, die er im Frühjahre in ihrem gastlichen Hause in Hamburg zugebracht; sich angelegentlich nach ihrem Bruder erkundigt, der, soviel er wisse, jetzt mit dem Woronzowschen Korps vor Hamburg liege; nach ihrem Gatten, dem er ihn zu empfehlen und sagen zu wollen bitte, daß er, der Junggesell, ihn um das bevorstehende hohe Familienglück innigst beneide. Auch der Kronprinz hatte sich auf das eingehendste nach den persönlichen Verhältnissen »der liebenswürdigen Wirtin, die er in ebenso besonderen, wie Teilnahme erweckenden Verhältnissen angetroffen«, erkundigt und ihr die Versicherung erteilt, er werde dafür Sorge tragen, daß sie für die Folgezeit, in der sie der Schonung und Ruhe so bedürfe, von seinen Truppen, geschweige denn von denen des Feindes, den er ja vor sich her in sein heimisches Jütland treibe, unbelästigt bleibe. Minna hatte ihm gedankt und hinzugefügt, daß Naturanlage und Schicksal sie dazu gedrängt und daran gewöhnt hätten, in der Sorge um die Mitmenschen die um das eigene Wohl und Wehe zu vergessen, und sie den Blick nur immer angstvoll auf die unglückliche Vaterstadt gerichtet halte, in der Tausende lebten, deren Schicksal ein verzweifeltes sein werde, wenn die Hoffnung, welche sie auf Seine königliche Hoheit setzten, sich nicht erfülle. Worauf denn Seine königliche Hoheit mit einigen wunderschönen Phrasen und einem ritterlichen Kuß auf die Hand der Dame geantwortet hatte, von der ihm General Tettenborn nicht zuviel gesagt, wenn er ihn versichert, »daß sie die Krone ihres Geschlechtes sei«.

Die Schweden waren abgezogen; Schloß Warnesoe lag wieder in winterlicher Einsamkeit.

Minna hatte es auch noch gesehen umgeben von der sommerlichen Pracht seiner wogenden Felder und rauschenden Wälder, als der tiefblaue Himmel, nur hie und da von einzelnen stillstehenden schimmernden Wolken besetzt, sich darüberspannte und in der stillen Flut des nahen Meeres widerspiegelte. Sie hatte das Geheiß des alten Arztes treu befolgt und sich in langen Spaziergängen durch Feld und Wald, die sie oft bis zum Strande ausdehnte, das Blut erfrischt und die Glieder geschmeidigt. Selten, daß sie auf ihren Wanderungen eine andere Begleitung gehabt, als einen großen, treuen Hund aus dem Inspektorhause, der ihr schon vom Winter her bekannt und vertraut war. Ein oder das andere Mal nur war Frau Neddermeyer in ihrer Gesellschaft gewesen; aber der guten Dame machte ihre Körperfülle die weiten Wege beschwerlich und, mit welcher Liebe und Verehrung sie auch an der jungen Herrin hing, eine gewisse Befangenheit vermochte sie doch in ihrer Nähe nicht los zu werden, ja seltsamerweise wuchs ihre ehrfurchtsvolle Scheu, je länger der Verkehr währte. Die gnädige Frau, wie sie ihrem Gatten kopfschüttelnd vertraute, hatte so etwas Geheimnisvolles, Weltfremdes, als gehöre sie eigentlich gar nicht unter die gewöhnlichen Menschen. Herr Neddermeyer erwiderte, er wünsche nur, es möchte mehr solcher geheimnisvollen, weltfremden Menschen geben, die sich so viel und so liebevoll um die armen Menschenkinder bekümmerten und sorgten; Frau Neddermeyer stimmte von Herzen in diesen Wunsch ein, ohne beim besten Willen ihre Empfindung der gnädigen Frau gegenüber ändern zu können.

Aber auch einem tieferblickenden Geiste als dem der braven Verwalterin würde das Wesen der jungen Herrin befremdlich und rätselhaft gewesen sein. War es nicht zum Erschrecken verwunderlich, wie geduldig sie diese völlige Einsamkeit so viele Monate hindurch ertrug, da sie es doch anders hätte haben können? Es gab ein paar Pastorenfamilien in der Nachbarschaft, auch die Häuser einiger Gutsbesitzer, bürgerlicher und adliger. Fast überall fanden sich da Frauen und erwachsene Töchter, und alle hatten die neue Nachbarin wissen lassen, daß sie sich durch ihre Bekanntschaft geehrt fühlen würden; ja, einige waren dabei nicht stehengeblieben, sondern in Person in Warnesoe erschienen. Minna hatte für jene Aufforderungen ihren Dank gesagt, die Besucherinnen freundlich empfangen; aber dabei war es von ihrer Seite geblieben. Sie war, wenn auch in anderem Sinne als Frau Neddermeyer, der Meinung, daß sie nicht unter die Menschen gehöre; deshalb nicht, weil sie nach ihrer Empfindung mit den schweren und trüben Gedanken, die sie fortwährend in der Seele wälzte, den anderen, die noch Freude am Leben hatten, nicht erfreulich sein konnte. Und bannen ließen sich diese Gedanken nicht; allzu mächtig drangen sie aus der ewigen Erwägung und Betrachtung ihrer Lage auf sie ein; sie konnte nichts tun, als jedem mutig in die Geisteraugen sehen und bis in seine letzte geheimnisvolle Tiefe nachspüren.

Sie sollte Mutter werden. Würde sie das Kind lieben können, das sie nicht in Liebe empfangen hatte? Das vielleicht das Abbild seines Vaters, der Erbe seiner Gesinnung, seiner Sitten wurde? Hieß das nicht, ihr schmachvolles Leid in einem Doppelspiegel sehen? Oder haben Herz und Gemüt in dieser Angelegenheit nicht mitzusprechen? Ist sie ganz Sache der Natur, der jedes Mittel recht ist, durch das sie sich der Zukunft der neuen Generation versichern kann? Wo blieb dann aber die Heiligkeit des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind, wovon der ärztliche Freund gesprochen, und der sie zuerst das Opfer ihrer heißen Todessehnsucht hatte bringen müssen, und jetzt alle die zahllosen kleinen Opfer, die jeder Tag erheischte, eines nach dem anderen brachte? Jene heidnische Philosophie des alten Stoikers, meinte sie, mache sich mit ihrer praktischen Konsequenz zum Anwalt der Natur im gemeinen Sinne, die es dann nur bei den Tieren hätte bewenden lassen und sich nicht zum Menschen erheben sollen. Wenn ihm dazu der Verstand ward, um im inneren Herzen zu spüren, was er mit seiner Hand erschafft, darf eines Weibes Herz schweigen oder gar unwillig zucken bei dem geheimnisvoll sichtbar unsichtbaren Werke, das zu fördern und zu reifen jeder Blutstropfen in ihr geschäftig ist?

Und angenommen, daß die Natur sich als die allmächtige erwies und die Mutter zwang, ihr Kind zu lieben trotz alledem, würde deshalb ihr Verhältnis zu dessen Vater ein anderes werden? sie auch diesen lieben lernen? Vor dem Gedanken schon schauderte Minna zurück. So würde sie also, liebend und liebelos, zwischen beiden stehen, trennend, was die Natur hatte vereinigen wollen; oder wenn die Einigung dennoch stattfand, ausgestoßen sein aus dem Bunde, der ohne sie nicht hätte zustandekommen können und mit ihr unmöglich war. Das hatte sie aus der Antwort schließen müssen, die ihr auf den Brief geworden, den sie nach langem Zögern über den Stand der Dinge in Warnesoe und den eigenen Zustand an den Gatten nach London geschrieben hatte. Sie war nicht so ungerecht, diese Antwort mit einem Briefe Hypolits vergleichen zu wollen: – anders mußte wohl ein hochgebildeter Offizier aus dem grausigen Feldzuge an die entfernte Geliebte schreiben, anders einer, der nur Kaufmann war, in behaglicher Sicherheit aus der größten Handelsstadt der Welt an die Gattin, die er durchaus nicht liebte; – aber ein Mann von Herz und Takt konnte der letztere so gut sein wie der erstere. War dies ein solcher Mann, der die Freude, die er offenbar über seine zukünftige Vaterschaft empfand, mit so schwülstigem Pomp, so knabenhafter Prahlhansigkeit zur Schau trug, und wenn er sich zum Schlusse mühsam darauf besann, daß er ihr, der er die Freude verdankte, doch auch ein gutes Wort gönnen müsse, trotz alles Suchens keines fand, nur plumpe Komplimente, die sie anwiderten, Schmeicheleien, die ihr die Schamröte in das Gesicht trieben, und die Versicherung, daß er alles, was Mißliches zwischen ihnen vorgefallen, vergeben und vergessen wolle?

Und damit andererseits Minna nicht vergesse, daß er nach wie vor ihr Schicksal und das der Ihrigen in der Hand, und wie hoch sie deshalb sein Wohlwollen zu veranschlagen habe, berichtete er in einem Postskript von den schweren Differenzen, die zwischen ihm und Sandström – selbstverständlich durch dessen Schuld – anfangs obgewaltet hätten, von ihm aber großmütig ausgeglichen seien in der Hoffnung, daß »sich der Herr Schwager künftighin nie wieder beikommen lassen werde, in ihm den Chef der Familie zu mißachten«.

Ein ganz anderes Aussehen freilich hatte die Angelegenheit in einem Briefe Johannas, der kurze Zeit darauf anlangte. Nach ihrer Darstellung war Oskars Stellung in dem Londoner Hause von vornherein eine kaum erträgliche gewesen und nach Billows Ankunft im Frühjahre eine vollends unerträgliche geworden, so daß Oskar schon im Begriffe gestanden habe, das Verhältnis zu lösen und lieber einer völlig ungewissen Zukunft in seiner Heimat entgegenzugehen, als sich in London den moralischen Mißhandlungen, die er von Billow täglich hätte erdulden müssen, länger ausgesetzt zu sehen. In letzter Zeit habe sich das Blatt plötzlich gewandt. Billow sei die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selbst. Was davon die Ursache: ob die Aussicht auf seine Vaterschaft, mit der er – verzeihlicherweise – gegen jedermann in schier lächerlicher Weise prahle, ob die neuerdings in England mit Bestimmtheit von aller Welt erhofften günstigen kaufmännischen Konjunkturen – wage sie nicht zu entscheiden. Jedenfalls spreche Billow jetzt leichthin über seine Hamburger Verluste, die er bald wieder einbringen wolle – früher habe der Text sehr anders gelautet! – trage sich mit den größten Spekulationen und halte für ausgemacht, daß die Firma »Billow Brothers« fortan »Billow Brothers and Son« lauten müsse.

Der Brief war ganz in dem alten munteren Johanna-Ton geschrieben. Minna konnte darüber eine volle Freude nicht empfinden. Ein Glück auf dieser Basis erschien ihr ein trügerisches, und es verletzte sie, daß die Leichtlebige über den Tod des Vaters, dessen Liebling sie doch gewesen war, mit einigen unbedeutenden Zeilen wegkam und nach dem Schicksale des Bruders nur eine flüchtige Frage hatte.

Und doch kannte Johanna die schwere Sorge, die Minna um Georg trug. Seitdem sie sich im Frühjahre von dem Bruder getrennt, hatte sie keine Zeile von ihm, auch nicht die geringste indirekte Kunde über ihn erhalten; sie wußte nicht, ob er noch lebte, ob sie ihn als einen Toten beweinen sollte. Sie mußte das letztere fürchten. Stand er doch bei der hanseatischen Legion, und diese war bei den Gefechten in Mecklenburg zwischen Wallmoden und Davoust fast immer im Vordertreffen gewesen! Minnas einziger Trost war, daß Georg, wenn die Nachrichten, die sie von Warnesoe auf gut Glück an ihn gerichtet hatte, wie anzunehmen, nicht in seine Hände gelangt waren, sie noch immer in Hamburg eingeschlossen glauben mußte. Bestätigte sich aber Tettenborns Vermutung, daß er bei dem Belagerungsheer sich befinde, so war er in ihrer Nähe, und Hypolit und er standen sich gegenüber, konnten jederzeit in die Lage kommen, ihre Klingen gegeneinander zu messen.

Es war ihr ein furchtbarer Gedanke, bei dem die Unseligkeit ihrer Liebe zu Hypolit in ihrem trübsten Lichte erschien. Die beiden geliebtesten Menschen sich als Todfeinde denken zu müssen – konnte es etwas Entsetzlicheres geben? Und mußte sie nicht auf seiten ihres Bruders stehen gegen den Geliebten, dessen Volk, wie früher zum übermütigen Sieger und brutalen Unterdrücker, nun zum grausamen Henker ihrer Vaterstadt geworden war?

Denn immer fürchterlicher lauteten die Nachrichten, die jetzt, nachdem abermals der Winter in seiner ganzen Strenge hereingebrochen, aus der gequälten Stadt in das Land drangen. Hatte doch der Sieger dafür gesorgt, daß die Kunde der von ihm verübten Greuel nicht verborgen blieb! Mit feurigen Zungen sprach sie vom Himmel herab, der Nacht für Nacht von dem Widerscheine der Glut in Flammen aufgehender Villen, Gehöfte, endlich ganzer Vorstädte, auf Meilen hinaus gerötet war. Und das war nur das schaurige Vorspiel zu dem gräßlichen Hauptstück: der Austreibung der Tausenden von Armen, Schwachen und Kranken, Greisen, Weibern und Kindern, die nun ihr nacktes Elend durch das Land schleppten, bis sie vor Hunger und Kälte auf der Straße zusammenbrachen, wenn sich ihnen nicht vorher ein gastliches Haus öffnete, auf dessen Herde das Feuer vielleicht nur auch noch müde flackerte.

Wie abgelegen von der großen Heerstraße Warnesoe inmitten seiner Wälder lag, Versprengte der Jammerkarawane waren selbst dahin gedrungen. Bald verbreitete sich die Nachricht von der freundlichen Aufnahme, welche die Vertriebenen in dem Schlosse gefunden, über dessen Portal nicht als Prahlerei der stolze Wahlspruch: » Noblesse oblige!« in steinernen Lettern prangte, deren verblichenes Gold Minna wieder hatte auffrischen lassen. Die gute Frau Neddermeyer erwies sich in der Krankenpflege ebenso brav, umsichtig und unermüdlich wie in der Behandlung des Jungviehs, aber ihre sonst unerschöpfliche Geduld war kurz zu Ende, sobald Minna auch nur Miene machte, für ihre Person mit zugreifen zu wollen. Dann trat sie gegen die verehrte, angebetete Herrin streng und schonungslos auf, als Mutter von sechs Kindern, die sie alle selbst großgesäugt hatte, und die also wissen mußte, welche Rücksichten die junge gnädige Frau ihrem Zustande schuldig war.

Denn sehen Sie, gnädige Frau, sagte Frau Neddermeyer, mit so einer Stadtdame ist das immer noch eine besonders ängstliche Sache, womit ich der gnädigen Frau nicht bange gemacht haben will – im Gegenteil! Auf den alten Herrn Doktor in Hamburg, zu dem die gnädige Frau so viel Vertrauen hat, können wir nun freilich nicht rechnen. Aber auch ohne ihn, bin ich überzeugt, wird mit Gottes Hilfe alles gut gehen, wenn die viele Einsamkeit und das viele Lesen und Nachdenken auch gar keine gute Vorbereitung für die Stunde gewesen sind, die deshalb auch wohl ein bißchen früher kommen wird, als sie eigentlich dürfte.

Frau Neddermeyer sollte recht behalten. Bevor ihr Mann, der in das nächste Städtchen gejagt war, mit dem Arzte zurückkam, war unter ihrer Assistenz, mit Hilfe einer weisen Frau aus dem Dorfe, der Erbe von Warnesoe bereits geboren.

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