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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Sechstes Kapitel.

Die Haushälterin hatte sich sofort wieder zurückgezogen; die beiden, für welche, seitdem sie sich trennen mußten, keine Stunde vergangen war, in der eines des anderen nicht in sehnsüchtiger Liebe gedacht hätte, standen da, scheuen, prüfenden Blickes einander betrachtend, wie zwei Gegner, die sich in tödlichem Kampfe messen sollen. Und wäre inzwischen nicht so viel geschehen, das an dem einstigen Bunde ihrer Seelen zerrte und riß, die auffallende Wandlung, die ihr Äußeres erfahren – als hätten Jahre statt der Monde zwischen heute und damals gelegen – würde sie haben stutzig machen müssen. Was Minna vorhin ein einziger Blick gesagt, fand jetzt die vollste Bestätigung: aus dem Jüngling mit weichen, träumerischen Zügen war ein Mann geworden, dessen Gesicht das harte Leben seinen Stempel erbarmungslos aufgedrückt hatte; selbst die früher anmutig-elastische Gestalt erschien straff, hager, sehnig, wie eines Athleten aus der rauhen Schule der Strapazen und Entbehrungen.

Und wie er ihr, so schien sie ihm seltsam verändert: aus dem blühenden Mädchen, dessen herrliche Augen von der Glut einer schwärmerischen Seele strahlten, zu einer Frau, der bittere Erfahrungen ihre Illusionen geraubt haben, und die nun mit ernüchtertem Auge in eine Welt blickt, welche, einst ein duftender Garten, jetzt ein Feld, zwischen dessen zackigen Steinen stachliche Dornen wuchern.

Aber wie herb auch die Empfindungen sein mochten, die in diesem Moment den Busen der jungen Frau erfüllten, in der Seele des Mannes war nichts als unsägliches Mitleid mit ihr, der Königin seines Herzens, und die auch durch das Leben wie eine Königin geschritten war, um nun hinabzusteigen von ihrem Thron. – Mit Aufbietung aller Kraft gelang es ihm, sich so weit zu fassen, daß er nicht seine Knie vor ihr beugte, wie es dem ritterlichen Manne doppelt ziemt, wenn seine Herrscherin ihm in Magdsgestalt gegenübertritt. Über seine Augen hatte er nicht dieselbe Gewalt; und Minna erschrak zum anderen Male, als sie in diese Augen sah. Nur daß sich jetzt in den Schrecken ein anderes Gefühl mischte: das des Zornes. Wie durfte er, der verheiratete Mann, sie, die verheiratete Frau, so anzublicken wagen? Nahm er es so leicht mit den von ihm übernommenen Pflichten? Hielt er dafür, daß eine Sklavin keine Pflicht zu kennen braucht, als die des Gehorsams und der Gefügigkeit in des Gebieters souveräne Launen?

Das schwüle Schweigen, das beide beobachteten, hatte noch angedauert, nachdem sie – Minna auf dem Sofa, er auf einem Sessel in einiger Entfernung ihr gegenüber – Platz genommen. Anfangs hatte lauter Trommelschlag, womit eine Truppe über den Markt dicht unter den erklirrenden Fenstern vorüberzog, das Schweigen rechtfertigen mögen. Jetzt war wieder Stille eingetreten, und Minna fand zuerst das Wort.

Ich danke Ihnen, Herr Oberst, sagte sie, für die Teilnahme, die Sie mir bezeigen. Ich weiß nicht, ob Ihre Autorität es auf sich nehmen kann, mich für heute von der Arbeit an der Schanze zu dispensieren, oder ob ich wieder einzutreten habe. Jedenfalls bin ich dazu bereit.

Ein schmerzliches Lächeln zuckte um die Lippen des Mannes.

Meine Autorität reicht soweit, erwiderte er, und glücklicherweise noch ein wenig weiter; oder dem traurigen Drama würde ein sehr blutiges Nachspiel gefolgt sein. Die braven Leute haben nicht daran gedacht, daß Hamburg in Belagerungszustand ist und sie unter dem Kriegsgesetze stehen.

Vielleicht dachten sie doch daran, sagte Minna, sie meinten wohl nur, daß es für brave Männer höhere Gesetze gibt, als die einer tyrannischen Gewalt.

Hypolit ließ traurig den Kopf sinken. Sie wollte offenbar eine Szene hervorrufen, die diese Begegnung zur ersten und letzten machte. Sollte er ihren trotzigen Zorn zu beschwichtigen versuchen? sollte er für heute weichen und seine Hoffnung auf ein nächstes Mal stellen, wo sie vielleicht weicheren und gerechteren Sinnes sein würde? Aber geht der Arzt, wenn der Kranke krause Reden wider ihn führt, und kommt erst wieder, wenn die böse Fieberlaune gewichen ist? Was er auch erduldet hatte und erduldete, es konnte nur ein Geringstes sein von dem, was die Geliebte gelitten hatte und litt.

Lassen wir, begann er von neuem, den Fall, den ich glücklicherweise so habe ordnen können, daß er für keinen der Beteiligten böse Folgen haben wird; und sprechen wir ein wenig von uns. Wenn man so lange sich nicht gesehen und die Zwischenzeit so große Veränderungen gebracht hat, mag das nicht leicht, es mag sogar sehr schmerzlich sein. Dennoch meine ich, daß es Schmerzen gibt, die man willig ertragen muß, weil wir nur mit ihnen das Bewußtsein unserer Menschlichkeit retten können. Es wäre nach meinem Gefühl unmenschlich, wollten Sie und ich jetzt aneinander vorübergehen, als wären wir uns nie etwas, als wären wir uns nicht einmal alles gewesen. Ich spreche dem Unglück das Recht zu, sich in Stolz zu hüllen; ich gebe ihm nicht das Recht, den anderen zu verachten, weil er weniger unglücklich gewesen ist, oder sein Glück nur etwa darin besteht, daß er, als Mann, dem Unglück eine stärkere Widerstandskraft entgegenzusetzen hatte.

Sie werden mir verzeihen, erwiderte Minna, die Arme unter dem Busen verschränkend, wenn ich in die Feinheiten Ihrer Sprache nicht so eingeweiht bin, um sicher zu sein, daß mir der Sinn Ihrer Sentenzen und die Meinung Ihrer Anspielungen überall klar geworden sind. Was ich aber davon verstanden zu haben glaube, läuft ungefähr darauf hinaus: der Mann darf ohne Bedenken und Reue tun, was eine Frau niemals aus freien Stücken tun würde, sondern nur duldet wie ein Brandmal, das dem gefesselten Opfer ein Henker aufdrückt.

Erschrocken über die wilde Leidenschaftlichkeit ihrer Rede starrte er sie an, abermals bei sich erwägend, ob er gehen oder bleiben solle. Aber was sie da zuletzt gesagt hatte, klang so verworren, paßte so völlig nicht auf die Situation, in der sie sich beide einander gegenüber befanden – er mußte einen letzten verzweifelten Versuch machen, das Dunkel zu zerstreuen, das sich mit jedem Worte, das gesprochen wurde, zu verdichten schien.

Ich fürchte, sagte er, wir verstehen einander nicht. Aber wie wäre das anders möglich, wenn Sie fortfahren, Ihr Herz vor mir zu verschließen! Vielleicht werden Sie mir erwidern, daß Ihr briefliches Schweigen seit nun mehr als Jahresfrist beredter war, als alle Worte und Briefe der Welt hätten sein können, und Sie auch jetzt wieder an mein Herz die Anforderung stellen dürfen, eine Erklärung für das zu finden, was dem Verstande unbegreiflich ist.

Jetzt war es Minna, deren große Augen mit dem Ausdrucke starren Schreckens auf den einst Geliebten blickten.

Wie denn? stammelte sie, mein Schweigen seit Jahresfrist? mein Schweigen, das erst – im Spätherbste vorigen Jahres – angehoben hat, als ich auf keinen meiner vielen Briefe eine Zeile Antwort erhielt?

Auf keinen Ihrer Briefe, rief Hypolit in maßlosem Erstaunen, auf die ich geharrt habe wie ein brünstiger Beter auf ein Zeichen der Erhörung: sehnsuchtsvoll und – vergeblich?

Und Sie? Sie hätten mir seit dem März vorigen Jahres – von Berlin aus – das heißt acht Tage nach Ihrem Abmarsch von hier – noch einmal geschrieben?

Noch einmal? – So oft ich konnte – ich kann Ihnen jeden Ort und jedes Datum nennen. Und Sie?

Ich sagte Ihnen: bis zum Oktober vorigen Jahres: jeden vierzehnten Tag, wie Sie es gewünscht; dann, als ich mir sagen mußte, daß von den Briefen einer und der andere –

Einer und der andere? rief Hypolit schmerzlich. Keiner, großer Gott! keiner ist in meine Hände gekommen; alle sind sie verloren gegangen; alle sind sie –

Gestohlen! schrie Minna, von ihrem Sessel in die Höhe fahrend, kaltblütig, grausam gestohlen! Gott verzeihe es dem, der es tat!

Sie wußte in dem Moment, daß es ihr Vater gewesen war. In seine Hände, als die nach ihrer Meinung sichersten, hatte sie die Briefe gelegt, die sie abschickte; aus seinen Händen hatte sie jenen ersten einzigen Brief Hypolits empfangen, hätte sie die folgenden empfangen müssen, da der Vater in den letzten Monaten stets selber an den Posttagen die etwa eingelaufene Korrespondenz holen gegangen war – wie sie geglaubt hatte, um sich die Illusion einer geschäftlichen Tätigkeit zu geben; in Wirklichkeit: darüber zu wachen, daß kein Lebenszeichen des Geliebten an sie gelangte. Oh, des schnöden Verrates, verübt von einem Vater an seinem Kinde!

Geisterhaft bleichen Antlitzes saß sie da mit stieren Augen, als blickte sie in den schwarzen Abgrund, in den sie der gräßliche Betrug geschleudert hatte, und sähe unten in der Tiefe sich selbst zerschmettert liegen. Ein Brief, ein einziger! eine Zeile nur von seiner Hand hätte sie retten können! Wirklich? O ja! wenn nur der Kopf nicht gewesen wäre, der es besser wußte und erbarmungslos fragte: hätten seine verbrieften Liebesschwüre des Vaters Not gehoben? Deinen Bruder aus seinem russischen Elend erlöst? Den braven alten Juden aus dem französischen Kerker, in den ihn seine an euch geübte Guttat getrieben? Hätten sie auch nur Johanna ihre Verbindung mit dem Geliebten ermöglicht? Nichts, nichts von alledem! Das Opfer, das du gebracht hast, wäre dir vielleicht schwerer geworden; aber du hättest es bringen müssen – sowieso!

Sie hob die Augen und begegnete den seinen, die wieder mit jenem Blicke auf sie gerichtet waren, an dessen Zärtlichkeit sie sich einstmals nicht hatte sättigen können, und der ihr jetzt wie ein Hohn ihres Elends erschien und ein Verbrechen zugleich.

Um ihre Lippen zuckte ein bitteres Lächeln, während sie, ohne die Augen abzuwenden, sagte:

Sie haben doch hoffentlich die Frau Marquise mitgebracht?

Meine Mutter? fragte er verwundert.

Ich meine nicht die Frau Marquise, Ihre Mutter; ich spreche von der Frau Marquise, Ihrer Gemahlin.

Hypolit saß wie erstarrt. War die Unglückliche wahnsinnig geworden? Oder welcher ihm rätselhafte Sinn verbarg sich hinter der ungeheuerlichen Frage?

Weshalb sehen Sie mich so befremdet an? fuhr sie mit demselben unheimlichen Lächeln fort. Es ist doch nichts so Seltenes, daß die Herren ihre Gattinnen mitbringen oder nachkommen lassen. Und gar hierher nach Hamburg! Wir haben bereits der französischen Damen mehrere, wenn freilich, soviel mir bekannt, noch keine Marquise. Das ist schade. Wir Hamburger sind doch gut kaiserlich und sehnen uns auch nach »der Verschmelzung aller Schichten der Gesellschaft zu dem korinthischen Erz einer in jedem Atom von dem heiligen Feuer des Patriotismus durchglühten Masse«. Sie sehen, ich habe die schöne Phrase, wie sie das Bulletin Ihrer Vermählung im Moniteur brachte, wörtlich behalten.

Meiner Vermählung? stammelte Hypolit. Meiner Vermählung –

Mit Mademoiselle Marguérite Silvestre, der »einzigen Tochter des bekannten Präfekten des Departement der Unteren Seine«.

Großer Gott! murmelte Hypolit. Dies ist furchtbar.

Was?

Er hob den Kopf, an dessen hämmernde Schläfen er die Hände gepreßt hatte, und sagte in einem Tone schmerzensvoller Trauer:

Sie befinden sich in einem beklagenswerten Irrtum. Jene Vermählung hat stattgefunden zwischen der genannten Dame und meinem bis auf die Beifügung Drouot gleichnamigen Vetter Hypolit d'Héricourt, der zu diesem Zwecke von Wien, wo er sich zugleich mit mir befand, nach Paris ging – alles, wie ich es Ihnen in dem Briefe von Dresden – aber, mein Gott! Sie haben ja freilich diesen Brief sowenig wie die anderen –

Er kam nicht weiter vor einem wilden Gelächter, in das die junge Frau ausgebrochen war. Dann war sie von ihrem Stuhle aufgesprungen und schritt hastig in dem Gemache hin und wieder. Plötzlich blieb sie stehen und rief mit grimmigem Hohne:

Das ist die Gerechtigkeit des Himmels: ein Vater betrügt schamlos sein Kind; dann wird das arme Geschöpf mit der Not der Ihren gemartert und in Verzweiflung gejagt; zuletzt, um das Opfer sicher zu haben, schlagt es ein Dämon mit Blindheit! Und da spricht man von einem allbarmherzigen Gott!

Wieder lachte sie gell auf, um sich nun auf das Sofa zu werfen, das Gesicht in die Kissen drückend, ihr lautes Weinen zu ersticken, während ihr Körper von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde. Hypolit kniete neben ihr nieder, tröstende Worte flüsternd, wie sie ihm das Mitleid eingab, in das jetzt seine ganze Liebe dahingeschmolzen war; zuletzt den Arm sanft um ihren Leib legend, die Verzweifelte aufzurichten. Wie von glühendem Eisen berührt, schnellte sie empor.

Rühren Sie mich nicht an! rief sie. Ich bin nicht Minna Warburg, die Sie kannten. Die ist tot, begraben, vermodert, zu einem ekeln Etwas geworden, das eine reine Hand nicht mehr berühren kann, ohne sich zu beflecken.

Minna, rief Hypolit, Geliebte! Ich kann nicht mehr schwören bei dem allbarmherzigen Gott – diese Stunde hat auch in mir den Glauben an ihn vernichtet. Ich schwöre bei meiner Ehre, die mir keiner rauben kann: du bist mir rein und heilig wie an dem ersten Tage, da mein Auge dich erblickte. Dann bist du ein Kind, rief Minna außer sich, das die Welt nicht kennt; schlimmer: ein Narr, den das Leben nichts lehrt. Ich bin kein Kind und keine Närrin; mich hat das Leben gelehrt, daß diese Welt verflucht ist, und daß es nur ein Glück gibt: nicht geboren zu sein. Lassen Sie mich! Ich bitte, ich beschwöre Sie; ich befehle es Ihnen. Kein Wort mehr – keines! oder ich werde wahnsinnig.

Sie hatte sich wieder auf das Sofa geworfen. Er stand noch eine kurze Weile; nun hört Minna die Tür gehen. Sie vernahm auch, daß er auf dem Flure leise mit jemand sprach. Dann wurde die Tür wieder geöffnet und geschlossen. Eine Hand legte sich auf ihr Haupt; sie wußte, daß es des ärztlichen Freundes Hand war.

Minna, sagte er, liebstes Kind!

Sie richtete sich empor und starrte, sich das zerwühlte Haar aus Stirn und Augen streichend, auf den alten Mann.

Sie haben eine schlimme Stunde durchgemacht, fuhr er fort. Ich weiß es, ich wußte es im voraus und konnte Ihnen doch nicht helfen. Ich kann Ihnen auch dies nicht ersparen: Ihr Vater –

Ich habe keinen Vater mehr! rief Minna.

Der Arzt blickte sie mitleidsvoll an und sagte sanft:

Sie haben keinen Vater mehr.

Sie hatte ihn völlig verstanden; aber keine Miene, keine Bewegung verriet, daß es der Fall war. Den vielerfahrenen Arzt überkam ein Schauder vor dem grenzenlosen Weh, das dies reiche Herz so arm gemacht hatte. Er fuhr, halb mechanisch, fort: Es stand heute morgen schon sehr schlecht mit ihm, und ich fürchtete das Schlimmste. Ich durfte es Ihnen nicht sagen, als ich vorhin hier war: Sie mußten mit Herrn von Héricourt sprechen. Auch glaubte ich durchaus nicht, daß es so schnell gehen würde. Als ich dann vor einer Stunde wiederkam, war es schon entschieden. Ein Herzschlag hatte ihn getroffen, er lebte nur noch wenige schmerzlose Minuten. Preisen wir ihn glücklich! Sein Vermögen hatte er verloren, seine Gesundheit hätte er nie wieder erlangt. Ohne Vermögen, ohne Gesundheit wäre er der unglücklichste der Menschen gewesen. Wo wollen Sie hin?

Sie hatte sich langsam erhoben und war im Begriff, an ihm vorüber nach der Tür zu schreiten. Er hatte sie alsbald eingeholt und sie an der Hand gefaßt.

Wo wollen Sie hin? wiederholte er. Auch diesmal kam keine Antwort; sie suchte nur ihre Hand aus der seinen zu ziehen. Er ließ es nicht zu und sagte leise und fest:

Minna, dahin, wo Sie wollen, ist Ihnen der Ausweg versperrt.

Wer oder was könnte mich halten? erwiderte sie, die Lippe verächtlich schürzend.

Ein Wort von mir.

Der alte Mann hatte sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe aufgerichtet und sagte, immer ihre Hand festhaltend und ihr voll in die trotzigen Augen sehend:

Sie wähnen, zwischen Ihnen und der Menschheit sei das Band zerrissen; wähnen, es stünde Ihnen frei, ein Leben, das Ihnen allein gehört, zu zerstören, nachdem es Wert und Würde für Sie verloren hat? Sie irren sich. Ich habe Sie bis heute getäuscht und täuschen dürfen. Heute darf ich es nicht länger. Jene Zeichen, die ich für vieldeutig und trügerisch erklärte, sind unabweislich echt und lassen nur eine Deutung zu: Ihnen gehört Ihr Leben nicht mehr allein; und Wert und Würde hat es für Sie zurückerhalten aus der Hand der Allmutter, die Sie erkoren, an ihrem heiligen Werke mitzuschaffen.

Die junge Frau hatte mit weit aufgerissenen Augen, während ihr der Atem in der Brust stockte, den Worten gelauscht, die der Arzt langsam und bedächtig, jede Silbe gleichsam abwägend, sprach, bis ihr endlich der ungeheure Sinn aufgegangen war. Mit einem Rucke hatte sie sich losgerissen und war an der Tür. Er hatte nicht länger versucht, sie zu halten; er eilte ihr auch jetzt nicht nach. Er hatte getan, was in seiner Kraft stand – umsonst. Er mußte sie verloren geben.

Geh, rief er verzweifelt, und wirf dich ins nächste Wasser! Ich will dir eine Grabschrift schreiben: Ihr Wahlspruch war: Noblesse oblige; und sie schändete die Natur, indem sie sich durch feige Flucht aus dem Leben der Pflicht entzog, die der niedrigsten der Kreaturen heilig ist.

Sie stand gesenkten Hauptes; dann, anstatt die Tür zu öffnen, wie er erwartet hatte, ließ sie den Griff los und kam zu ihm zurück mit ausgestreckter Hand.

Verzeihen Sie mir! sagte sie demutsvoll leise.

Er vermochte nichts zu erwidern; er konnte nur die Arme ausbreiten und die nun still Weinende an sein Herz ziehen.

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