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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Fünftes Kapitel.

Als Minna aus ihrer Ohnmacht erwachte, fand sie sich in einem Zimmer, das sie zu kennen glaubte und doch erst erkannte, als der Doktor, der hinter dem Sofa, auf dem sie lag, an einem Schranke zwischen Büchsen und Phiolen gekramt hatte, mit einem Glase zu ihr trat, dessen Inhalt er sie, ohne ein Wort zu sprechen, trinken ließ. Es mußte ein kräftiger Trunk gewesen sein, von dem es ihr wie mit neuem Blute durch die Adern rieselte. Sie erhob sich auf dem Ellbogen und rief, die freie Hand auf die Hände des Arztes legend, der sich neben sie auf einen Fauteuil gesetzt hatte: Um Himmels willen, Doktor, sagen Sie mir: was ist geschehen? Wie sind Sie zu mir, bin ich hierher gekommen? Habe ich denn das alles nur geträumt? Die Hitze auf dem Wall? die Arbeit? den Kampf der Männer? und zuletzt – zuletzt –

Sie brach jäh ab und griff sich mit beiden Händen an die Stirn, murmelnd: Ich habe ihn so deutlich gesehen! ich sehe ihn ja oft, aber doch nicht so – großer Gott, bin ich denn wahnsinnig geworden?

Beruhigen Sie sich, Liebste; sagte der Doktor, ihr die Hände von dem Gesichte ziehend und sie sanft auf die Kissen des Sofas niederdrückend. Sie sind, dem Himmel sei Dank, völlig bei Sinnen; und es ist auch sonst alles, wie immer auf der Welt, mit rechten, das heißt: natürlichen Dingen zugegangen. Sie haben all das krause Zeug wirklich erlebt; zuletzt auch den Herrn Marquis d'Héricourt – denn von dem sprechen Sie doch wohl? leibhaftig gesehen. Und es war ein rechtes Glück, daß er Ihnen nicht bloß in Ihres Geistes Auge, sondern in Person auf dem Plane erschien, oder die Affäre hätte für viele, voraussichtlich auch für Sie, ein fatales Ende genommen. Liebste, Liebste, wie konnte ein so vernünftiges Frauenzimmer auf den tollen Gedanken kommen! Und wenn ich das auch zulassen will und konzediere: der Gedanke muß sich Ihnen, wie Sie nun einmal sind, sogar aufdrängen – zwischen Gedanken und Ausführung – Wollen Sie sich nicht verantworten! Was Sie getan, ist unverantwortlich! Zum Henker der Edelsinn und der Opfermut und all der ideale Nonsens! Sie sind nun einmal eine Dame – die vornehmste sogar, die ich kenne – und zu so etwas haben Sie die Nerven nicht. Wenn Sie mir doch einmal die Beleidigung antun mußten, sich nicht an mich zu wenden, der ich für Ihren Vater einen Stellvertreter geschafft haben würde, und hätte es meinen letzten Schilling gekostet – da war der Christiansen, die treue Seele. Auf den Knien hat er Sie gebeten, ihn hinzuschicken. Es ist wahr, er ist in letzter Zeit ein bißchen anbrüchig geworden, der brave Kerl; aber so gut wie meine Herren Landsleute, faute de mieux, Frauen und Kinder nehmen, hätten sie das alte Klapperbein auch nicht zurückgewiesen. Natürlich hatten Sie ihm Verschwiegenheit anbefohlen, die er ebenso natürlich sofort brach, als ich vor einer Stunde Ihren Vater zu besuchen kam. Sie müssen ihm schon verzeihen: er war um »sein Fräulein Minna« schon beinahe halbtot vor Angst, mit der er denn auch mich gründlich infizierte. Ich leide sonst nicht an Vorahnungen; es mag wohl meine große Liebe für Sie sein, daß ich diesmal von den allerschlimmsten befallen wurde. Übrigens zweifle ich keinen Augenblick daran, daß Ihnen der Schuft Lachelle diese böse Suppe eingebrockt hatte, und da war denn meine Angst um Sie doppelt gerechtfertigt. Glücklicherweise wußte Christiansen, daß Sie nach dem Dammtor kommandiert waren. Ich lief, was ich laufen konnte, dahin und rannte hier auf dem Gänsemarkte vor meiner Tür an den Herrn Marquis, der eben heraustrat. Er wollte mich aufhalten; ich sagte ihm, daß ich keine Sekunde Zeit habe und warum. Er wurde weiß wie eine Wand – Sie sehen, Liebste, andere Leute sind nicht minder schreckhaft – fragte auch gar nicht, ob er mich begleiten dürfe, sondern blieb gleich an meiner Seite, mir unterwegs mit fliegenden Worten erzählend, daß er, erst gestern, mit einem Spezialauftrage vom Kaiser an den Marschall, angekommen, sich sofort nach Ihnen erkundigt und gehört habe, daß Sie inzwischen verheiratet seien, et cetera et cetera. Nun habe er eben bei mir, den er als einen alten Freund Ihres Hauses kenne, weitere Erkundigungen einziehen wollen. Er fragte dann noch verschiedenes, worauf ich ihm nur halbe Antworten geben konnte: er machte so furchtbar lange Schritte, mir blieb der Atem weg. Er bat mich, nachzukommen, während er vorauseile, was er denn auch so gründlich tat, daß er vermutlich schon an Ort und Stelle war, als ich noch nicht das Tor passiert hatte. Wie ich hinzukam, brachten schon ein paar Frauen Sie getragen. Der glücklichste Zufall von der Welt wollte, daß in dem Moment eine Portechaise leer zurückging, in der sich irgendwer irgendwohin hatte bringen lassen. Ich ließ Sie hineinheben, verständigte mich mit dem Marquis, daß ich Sie vorerst hierher in meine Wohnung schaffen würde, worauf ich mit Ihnen davontrottete, während er nach der Schanze zurückkehrte, die Geschichte da vollends in Ordnung zu bringen. Hernach will er hier vorsprechen, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, von dem ich ihm mein ärztliches Wort gegeben habe, daß es binnen einer Stunde ein völlig normales sein werde. Ich bitte Sie also, mich nicht Lügen zu strafen und sich ruhig hier auf dem Sofa zu halten, während Sie in kleinen Zügen den Rest da im Glase trinken. Meine alte Knuth kommt zu Ihnen, sobald Sie diese Glocke in Bewegung setzen. Ich muß jetzt fort, ein paar notwendige Besuche zu machen; überdies würde ich bei dem, den Ihnen der Marquis abstatten wird, de trop sein. Ich überlasse Ihnen, ob Sie meine Rückkehr abwarten oder sich von dem Marquis nach Hause bringen lassen wollen. Ich bin für das erstere, habe aber auch eventuell gegen das letztere nichts. Und nun à revoir, jedenfalls noch im Laufe des Tages.

Der alte Herr hatte Hut und Stock ergriffen und war zum Zimmer hinaus, bevor Minna eine von so manchen Fragen, die ihr auf den Lippen schwebten, hätte an ihn tun können. Augenscheinlich hielt er eine sofortige Unterredung zwischen ihr und Hypolit für notwendig und hatte ihrem etwaigen Widerspruche ausweichen, ihre doch mögliche Weigerung abschneiden wollen. Zwar hinderte sie der Zustand ihrer Kräfte – wie sie sich sofort überzeugte, indem sie ein paar Gänge durch das Zimmer machte – nicht, sofort die Wohnung des Arztes zu verlassen und der Begegnung mit Hypolit aus dem Wege zu gehen. Zu welchem Zwecke? Um morgen oder übermorgen gestatten zu müssen, was sie heute verweigerte. Nein! der alte Freund hatte wiederum einmal recht: was geschehen mußte, mochte alsbald geschehen.

Die junge Frau schritt erregt in dem Gemache auf und nieder, verwundert über das Merkwürdige, das da in ihrer Seele sich abspielte. Wohin der Taumel des Entzückens bei dem Gedanken – an dessen möglicher Verwirklichung sie doch immer heimlich festgehalten hatte – dem Geliebten noch einmal hier auf Erden Aug' in Auge schauen zu dürfen? Sie hatte es ja vorhin schon getan; aber da war die Situation zu sonderbar und die Überraschung zu groß gewesen und sie der zusammenwirkenden Macht beider erlegen. Hier, auf neutralem Boden im Zimmer des alten Philosophen, nachdem sich die überreizten Nerven wieder beruhigt, würde sie wieder sie selbst sein. Sie selbst: die Freundin eines Friedrich Perthes, der sein verfemtes Leben irgendwo draußen in der Verbannung für der Freiheit heilige Sache weiteropferte; die Schwester des Bruders, der vielleicht jetzt schon sein Heldenblut in einem ruhmlosen Vorpostengefecht vergossen hatte; die Tochter eines Vaters, den man an den Bettelstab gebracht, durch brutale Mißhandlung auf ein Krankenlager geworfen, von welchem er nach ihrer Überzeugung nicht wieder erstehen würde; – sie selbst, die noch eben dem Sieger hatte fronden müssen wie eine Magd, und der Ritterlichkeit eines Schiffsknechtes verdankte, wenn der betrunkene Sklave nicht Herrenrecht an ihr übte! Ja, beim Himmel: die Zeiten hatten sich furchtbar gewandelt! der einzig Geliebte ihrer Seele war er gegangen; ein Feind ihres Volkes, das unter den Fängen des französischen Adlers verblutete, ein Fremdling ihrem Herzen kam er zurück.

Und was sie ihm früher ausgelegt hatte als schier übermenschliche Taten der Entsagung, durch die er sich die Fülle der Liebe in himmlischen Gefilden versichern wollte: das Abbrechen seines Briefwechsels mit ihr, sein Aufgehen im kaiserlichen Dienste, seine Heirat schließlich mit der reichen Bürgerstochter – es erschien ihr jetzt als sehr menschliches Tun, früher und später von kühler Berechnung und resolutem Ehrgeiz diktiert. Sie auch hatte viel verfehlt und viel gefehlt. Das aber durfte sie sich sagen: für sich hatte sie nichts gewollt, an sich hatte sie nicht gedacht, am wenigsten, als sie den letzten schrecklichen Schritt tat und den unseligen Bund ihrer Ehe schloß.

Mochte er kommen! er kam vergebens, ob er nun hoffte, die alte Liebesflamme ehebrecherisch zu neuer Glut zu entfachen, oder sich an den letzten Zuckungen des zertretenen Brandes zu werden.

Und das war sein eilender Schritt die knarrenden Stiegen der Treppe herauf; das seine Stimme, die gedämpft und hastig nach ihr bei der alten Haushälterin fragte.

Mochte er kommen!

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