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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Drittes Kapitel.

Nein, es war ihr keine Wahl geblieben.

Sie wiederholte es sich mehr als einmal, während sie hastigen Schrittes, wie jemand, der vor einer eben entronnenen Gefahr sich noch nicht völlig sicher fühlt, den langen Weg nach ihrem Hause eilte. Vor ihrem geistigen Auge stand, als hätte sie gestern erst stattgefunden, die häßliche Szene, als der Major Lachelle – er war damals schon Major gewesen – berauscht von einem Diner kommend, zu ungewöhnlicher Stunde vorsprechend und sie allein findend, die Überraschte erst hatte umarmen wollen, dann ihr zu Füßen gefallen war, unter wütenden Beteuerungen erklärend, er müsse sich das Leben nehmen, wenn sie ihn nicht anhöre. Sie hatte ihm zu diesem Wahnsinn auch nicht die leiseste Veranlassung gegeben; im Gegenteil: den rohen, aufdringlichen Menschen vom ersten Augenblicke an mit einer Kälte behandelt, die jeden anderen abgeschreckt haben würde; nur nicht den selbst unter seinen Kameraden, die es doch leicht genug mit dem Leben und der Liebe nahmen, verrufenen Wüstling. Er hatte von dem Abende an das Haus vermieden, wohl kaum aus Scham, sondern in Furcht vor Hypolit, den er als den begünstigten Bewerber um Minnas Hand kannte und haßte, und von dem er wußte, daß er nur, um Minnas Ruf nicht aufs Spiel zu setzen, es verschmäht hatte, für die Beleidigung des geliebten Mädchens blutige Rache zu fordern. Das hatte Hypolit ihm gesagt, und der Feigling sich zu den demütigsten Entschuldigungen herbeigelassen, durch die er sich denn doch den gehofften Wiedereintritt in das Warburgsche Haus nicht erbetteln konnte. Nun war kein Hypolit da, sie vor der neuentflammten Rache des bösen Gesellen zu schützen; und würde er diese Rache nicht zuerst an dem Vater kühlen, dessen Befreiung aus der Gefangenschaft der Marschall ihm persönlich anvertraut hatte?

Bei ruhigerer Überlegung sagte sich Minna, daß sie nach dieser Seite schwerlich zu fürchten habe. Der Rauch, der eben von dem Deichtore her über die Stadt zog und anzeigte, daß man wieder einmal Vorstadtgehöfte niederbrenne, erinnerte sie zum Überfluß an die rücksichtslose Energie des Mannes in der Erfüllung dessen, was er zweifellos für seine militärische Pflicht hielt. Aber persönlich hatte sie doch von ihm aus der Unterredung den Eindruck einer Natur gewonnen, die, wie sie auch in einem zwanzigjährigen Kriegsleben verwildert sein mochte, sich einen Rest von Ritterlichkeit und Rechtsgefühl bewahrt hatte. Vor allem: er sah nicht aus wie einer, dessen Befehle seine Untergebenen ungestraft hätten vernachlässigen dürfen, und er hatte den Befehl zur sofortigen Entlassung des Vaters in ihrer Gegenwart in striktester Form gegeben!

Wie dem auch sein mochte, hier blieb nichts anderes, als sich hoffend in Geduld zu fügen.

Die Hoffnung sollte sich nicht als eine trügerische erweisen, aber zugleich ihre Furcht sich erfüllen, daß Lachelle die erste Gelegenheit der Rache begierig ergreifen würde.

Am Spätabend – früher konnte die Rückkehr nicht wohl erfolgen – im väterlichen Hause vorsprechend, trat ihr Christiansen mit verstörter Miene entgegen. Der Herr Senator sei bereits seit einer Stunde zurück, aber so unwohl, daß er vom Hafen aus in einer Portechaise habe nach Hause getragen werden müssen, um dann von ihm – Christiansen – sogleich zu Bett gebracht zu werden. Minna eilte zum Vater und fand ihn in einem Zustande, der ihr die ernstesten Besorgnisse einflößte. Er klagte über Schmerzen in allen Gliedern, Frost und Hitze, die beständig wechselten. Minna wäre am liebsten sofort zu dem treuen Arzte geeilt, aber der Vater wollte sie nicht fortlassen, Christiansen möge gehen. Er müsse jemand haben, dem er die Unbilden, die er erlitten, klagen könne; und wem solle ein Vater klagen, wenn ihn nicht einmal die eigenen Kinder hören wollten? Minna entsandte den alten Diener mit einen Zettel, worauf sie den Freund zur Eile ermahnte, und kehrte an das Bett des Kranken zurück, der sich unruhig auf seinem Lager herumwarf und seelisch kaum minder als körperlich zu leiden schien. Mit wilden Worten schalt er auf »das barbarische Gesindel, das nun wieder die Herrschaft in der Stadt führe.« Die Behandlung, die er habe erdulden müssen, spotte jeder Beschreibung. Er wolle nicht davon sprechen, daß man ihn zu den Nabobs gerechnet, die man sich als Geißeln für die Eintreibung der Kontribution auserwählt; er sei doch einmal ein reicher Mann gewesen; aber seiner Versicherung, daß er inzwischen längst an den Bettelstab gekommen, hätte man Glauben schenken müssen. Man habe es nicht getan. Man habe ihn mit den anderen elf Uhr nachts in einen offenen Ewer geworfen wie ebenso viele Stücke Vieh, und gegen Wind und Ebbe, während ein ununterbrochener Regen strömte, die weite Strecke bis Harburg gefahren, wo sie erst gegen Morgen angelangt seien – er für sein Teil bereits fieberkrank. Nun sei er freilich bereits heute wieder auf freien Fuß gesetzt – er wisse nicht, weshalb – aber der Offizier, der ihn abgeholt, habe trotz seines leidenden Zustandes, trotz seiner flehentlichen Bitten, ihn in Harburg, seinetwegen im Gefängnisse, zu lassen, trotz seiner Versicherung, daß man ihn nicht mehr lebend nach Hamburg bringen werde, die sofortige Einschiffung befohlen – abermals auf einem offenen Fahrzeuge. Und könne sich Minna vorstellen, daß dieser Henkersknecht von Offizier kein anderer gewesen sei, als der Major Lachelle? Schande über Schande, den Dank für die ehemals genossene Gastfreundschaft auf diese Weise abzutragen! Nun werde er sich den Tod von dem schlechten Spaß holen, und das freue ihn. Was solle er denn noch auf Erden? In der Kaufmannsliste sei sein Name gelöscht; aus dem Hause, von dem ihm kein Nagel mehr gehöre, seien die Freunde längst entflohen. Und seine Kinder? daß Gott erbarm'! sie würden froh sein, den alten Griesgram endlich los zu sein! Was habe er gegen Johannas allzu frühe Heirat nicht alles vorgebracht, ohne ein Ohr zu finden, das hören wollte! Nun aber, daß Billow hauptsächlich deshalb nach England gegangen sei, Sandström wieder aus dem Geschäfte zu werfen, wer könne daran zweifeln, der, wie er, wisse, mit welcher Wut im Herzen jener die Reise angetreten? Und es hätte so wenig gekostet, ihn zu halten, oder doch in andere Stimmung zu bringen; aber wo wäre da der großmächtige Stolz geblieben? Wo der liebe Eigenwille, der ja selbstverständlich keine Rücksicht auf Vater oder Geschwister zu nehmen hat?

So murrte, grollte, eiferte der Kranke, um dann plötzlich in Weinen auszubrechen und, die Hände Minnas mit heißen Fingern umklammernd, sie anzuflehen, ihn nicht auch zu verlassen, den sonst alle Welt schon verlassen habe. Minna, die den Aufgeregten vergeblich zu beruhigen suchte, zählte die Minuten, bis endlich Christiansen mit Doktor Boutin zurückkam. In des alten Arztes verwitterten Zügen mochte ein Uneingeweihter vergeblich nach einem Zeichen spähen, das ihm die Ansicht des Mannes über einen vorliegenden Fall verraten hätte, aber Minna hatte ihn in letzter Zeit zu oft und zu sorgfältig beobachtet, um nicht alsbald zu sehen, daß es sich hier nicht um »eine Bagatelle« handelte. Er bestätigte ihre Ahnung, als sie dann in dem Nebenzimmer, wo er seine Rezepte schrieb, allein waren. Der Fall sei in der Tat sehr ernst: ein akutes rheumatisches Fieber, das sich der Vater, der ja immer zu dergleichen Affektionen inkliniert, auf der schrecklichen Fahrt nach Harburg geholt habe. Der Zustand sei nicht absolut hoffnungslos – gewiß nicht; aber erfordere eine sorgsamste Pflege, die hier nicht ausführbar sei, selbst wenn sich Minna dem Kranken gänzlich widmen wollte. Heute Nacht sei ein Transport nach ihrem Hause freilich nicht mehr tunlich; morgen müsse er vorgenommen werden, sollte auch das Fieber sich inzwischen gesteigert haben, was er freilich leider fürchten müsse.

Minna blieb bei dem Kranken zusammen mit Christiansen. Die Voraussage des Arztes fand eine schlimme Bestätigung. Das Fieber wuchs in der Nacht zu einer erschreckenden Höhe, und wenn auch der nächste Morgen einen Rückgang brachte, erklärte Doktor Boutin doch »bei reiflicher Überlegung« die Gefahr des Transportes für zu groß, trotz der Gegenvorstellungen Minnas, die gerade im Verzuge die Gefahr sah und sich die plötzliche Zaghaftigkeit des sonst so entschlossenen Arztes nicht zu erklären wußte. Was denn aus den Kranken in ihrem Hause werden solle, die ihrer Pflege nicht entraten könnten? – Der Alte erwiderte, er habe nach dieser Seite das Nötige bereits angeordnet, den Umständen gemäß, in die sich Minna fügen möge. Niemand könne zweien Herren dienen. Vorderhand gehöre ihr Dienst dem Vater und zwar ganz ausschließlich, so daß er sie selbst von einem auch nur flüchtigen Besuche der Kranken in ihrem Hause abzustehen bitten müsse.

War Minna schon über eine Anordnung betreten, deren Zweckmäßigkeit sie nicht einzusehen vermochte und der sie doch nicht entgegenzuhandeln wagte, so wuchs ihr Staunen, als ihr der Doktor im Laufe des Tages in einem wohlgepackten Koffer die sämtlichen wenigen Sachen sandte, derer sie sich noch nicht entäußert hatte. Er erklärte freilich, als er eine Stunde später kam, diese Maßregel für notwendig, da ein bösartiger Typhusfall in ihrem Hause vorgekommen sei und er beizeiten dafür sorgen müsse, daß die Ansteckung nicht hierher verschleppt werde. Minna gab es auf, sich in die Handlungsweise des alten Freundes zu finden, die für sie um so unerklärlicher war, als ihr väterliches Haus unter den jetzigen Verhältnissen den möglich ungeeignetsten Aufenthalt für einen Schwerkranken bot. Nicht nur, daß der ganze obere Stock abermals, wie vor der Vertreibung des Feindes, von dem alten Bureau beschlagnahmt war, – auch in den vorderen Räumen des unteren Geschosses hatte sich jetzt eine zweite Behörde installiert, so daß man sich auf die beiden nach dem Hofe gelegenen Zimmerchen beschränkt sah – die frühere Wohnung der Schwestern – und auf eine Mansardenkammer, wo nach wie vor der alte Diener schlief. Da durchtoste denn das Haus vom frühen Morgen bis zum späten Abend ein wüster Lärm der zahlreichen Menschen, welche treppauf treppab liefen, mit den Türen schlugen, in den Zimmern, auf den Fluren mit schreienden Stimmen konversierten, disputierten, sich zankten, obszöne Lieder sangen und sich jegliche andere Ungebühr rücksichtslos zuschulden kommen ließen. Deutete aber Minna auf diese Umstände hin, unter denen der nervöse Kranke furchtbar litt, zuckte Doktor Boutin die Achseln und sagte: dergleichen müsse man heuer in den Kauf nehmen und sich glücklich schätzen, wenn man überhaupt noch ein Dach über dem Kopfe habe; es gäbe viele, die sich dessen nicht zu erfreuen hätten.

Es hat sich irgend etwas ereignet, das Sie mir verschweigen, erklärte Minna, als an einem der folgenden Tage ihr der Freund abermals mit solchen leeren Trostreden ausweichen wollte; ich meine, Sie kennen mich hinreichend, um zu wissen, daß ich auf alles gefaßt bin.

Sie haben Gelegenheit, es zu beweisen, erwiderte der alte Mann in einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Erregung, denn Sie gehören jetzt auch zu den Hauslosen, – schon seit dem Tage nach der Rückkehr Ihres Vaters von Harburg. An eben dem Tage erschien unser alter Bekannter, der Major Lachelle, in Begleitung eines Mitgliedes der Einquartierungskommission und erklärte peremptorisch, daß das Haus binnen vierundzwanzig Stunden für den Grafen Hagendorp geräumt werden müsse. Sie wissen, Liebste, wer das ist: Davousts Adlatus, den er auch jetzt zum Gouverneur an seiner Statt eingesetzt hat. Er selbst ist, vorläufig auf unbestimmte Zeit, zu einer Inspektionsreise nach Mecklenburg abgegangen, das ja nach Ablauf des Waffenstillstandes voraussichtlich der Kriegsschauplatz werden wird. Ich sah sofort, daß dies ein abgekarteter Plan war, ersonnen von dem schuftigen Lachelle, der sein Mütchen an Ihnen kühlen wollte und sich die schickliche Zeit dazu gewählt hatte. Dennoch habe ich, wie Sie sich denken mögen, mich nach Kräften gewehrt und bin von Pontius zu Pilatus: von Herrn Maire Rüder zum Herrn Präfekten von Breteuil, will sagen: von einem großen Schuft zum größeren gelaufen, bis ich endlich zum größten: dem neuen Herrn Gouverneur kam. Er erklärte mir, daß ich mich sehr irre, wenn ich glaube, das Haus mit allem, was dazu gehöre, sei nur requiriert; es sei ganz einfach konfisziert, als Eigentum eines, den er selbst sofort auf die Proskriptionsliste gesetzt und der seine Strafe, wenn nicht seinethalben, so seiner Frau wegen verdient habe, die ihm von guter Hand als eine der schlimmsten sogenannten Patriotinnen bezeichnet sei und sich in Zukunft vor ihm hüten möge. Er gehöre nicht zu denen, die sich, wie der Herr Marschall, durch eine schlagfertige Zunge beschwatzen und um ein Paar koketter Frauenaugen willen Gnade für Recht ergehen ließen.

Der alte Herr nahm, seine Aufregung zu überkommen, eine gewichtige Prise und fuhr fort:

Vom Dornenstrauch soll man keine Feigen pflücken wollen, sagt ihr Christen ja, und so machte ich, daß ich von dem Schufte fortkam. Es war die höchste Zeit. Wäre ich eine Stunde später heimgekehrt, hätten unsere armen Kranken samt und sonders auf der Straße gelegen. Und so gelang es mir nur eben, indem ich die Nachbarn zur Hilfe rief, die Ärmsten in Körben, auf Tragbahren und was sich sonst in der Eile schaffen ließ, zu retten, teils zurück in ihre Wohnungen, wenn sie noch welche hatten, teils zu mitleidigen Leuten, die ich kannte, und an deren Tür ich nicht vergeblich pochte. Nur einen haben wir verloren – er starb unterwegs. Ich muß freilich bekennen, daß er schon seit dem Morgen in der Agonie war. Das, Liebste, ist der Stand der Dinge, den ich Ihnen so lange verheimlicht habe, verheimlichen mußte. Sie waren hier nötig, und dort konnten Sie in keiner Weise helfen. Das muß Ihnen zum Troste gereichen. Es war keine Rettung. Sagt eines es anders, so lügt er in seinen Hals hinein. Das werde ich gegen jedermann aufrechterhalten, auch gegen Ihren Gatten, der es freilich in seiner liebenswürdigen Weise an nachträglichen Vorwürfen gegen Sie nicht fehlen lassen wird. Und nun muß ich fort. Für junge Anfänger wie ich, die sich à tout prix eine Praxis verschaffen wollen, ist heuer eine gute Zeit.

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