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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Drittes Buch

Erstes Kapitel.

Der Frühling war zu Ende; schönste Sommertage kamen – nicht für die Bewohner der unglücklichen Stadt. Für sie hüllte sich der Wald nicht in prangendes Laub, blühten die Blumen nicht, stieg über wogenden Kornfeldern keine Lerche in das Ätherblau, schwellte kein günstiger Wind die Segel in den Hafen einlaufender, nach fremden Häfen strebender Schiffe. Über ihren Häuptern unbeweglich fest standen die schwarzen Winterwolken einer Tyrannei, wie die Welt sie so furchtbar kaum zum zweiten Male gesehen, eisig hinabhauchend in die Herzen der Ärmsten, die in dumpfer Verzweiflung durch die verödeten Straßen schlichen, tatlos hinbrüteten in den Häusern, die, Tag und Nacht von dem Späherauge der Polizei überwacht, ihnen kein Heim mehr boten, einen Aufenthalt nur, aus dem sie fremde Willkür zu jeder Stunde vertreiben konnte. Nur zu oft geschah's. Wen es traf, der schlang seinen Grimm in sich, weinte verstohlen seine Tränen: die Klage hätte taube Ohren gefunden; auf Widersetzlichkeit stand der Tod. Der Anblick des grenzenlosen Elends ringsherum hatte das Gefühl für das eigene Leid abgestumpft; selbst die Kinder, eingeschüchtert durch die finsteren Mienen der Erwachsenen, wagten nicht mehr zu lachen und vergaßen ihrer Spiele. Gefesselt jede freudige Regung, in Banden jede frohe Kraft; frei nur das Laster, das den bösen Gelüsten des Siegers Kupplerdienste leistete; frank nur die Niedertracht, die sich dem Überwinder als williger Scherge bot.

Das sah, wer noch ein Auge zum Sehen; das dachte, wer noch ein Hirn zum Denken hatte.

Vor Minnas tiefklarem Auge stand das Bild des Jammers und Elends ihrer Vaterstadt in seiner ganzen Gräßlichkeit; in ihrem kraftvollen Hirn arbeitete unablässig der eine Gedanke: wie kannst du für dein Teil tun, den Jammer abzumildern, das Elend erträglich zu machen, und wäre es um ein kleinstes?

Noblesse oblige – aber wahrlich nicht nur zu Heldentaten, deren Glanz durch die Jahrhunderte strahlt. Zu Samariterdiensten auch, die keinen Zeugen haben, als das brennende Felsgestein der Wüste; ach! und grausiger: die kahle, von ekelm Brodem triefende Wand in den Höhlen der vom Glück und von denen, die achtlos die eigene Kummerstraße ziehen, Vergessenen und Ausgestoßenen!

Minnas barmherziges Tun hatte keinen anderen Zeugen gehabt und außerdem den alten Arzt ihrer Familie: Doktor Boutin, der ihren ersten Kinderschrei gehört und ihr Zeit ihres Lebens ein treuester, väterlicher Freund geblieben war.

Unter seiner Anleitung hatte sie das Billowsche Haus bereits in der zweiten Woche der Okkupation zu einem kleinen Lazarett gemacht. Den weitläufigen Bau durchwandernd, um ein Inventar des noch vorhandenen Mobiliars aufzunehmen, für das sie ja jetzt die Verantwortung trug, war ihr die Menge der Bettstellen, Betten und Decken nicht entgangen, die in den Fremdenzimmern, auf den Bodenräumen zu Bergen getürmt standen, und sofort hatte sie den Gedanken gefaßt, den sie dann mit Hilfe des alten Freundes ins Leben rief. Sie waren dabei, den Unwillen der Gewalthaber nicht zu erregen, mit aller Vorsicht zu Werke gegangen, hatten streng darauf gehalten, daß die Aufnahme ihrer Schützlinge nur zur Nachtzeit stattfand und tagsüber in dem Hause, um das Haus her kein auffallendes Treiben bemerkbar wurde.

So war es ihnen bereits gelungen, zehn Betten zu belegen; weitere zehn Betten standen bereit und wären ebenfalls in Dienst gestellt worden, nur daß der Doktor mit eiserner Konsequenz daran festhielt, von solchen Patienten Abstand zu nehmen, die er in den eigenen Wohnungen durchzubringen hoffen konnte.

Seitdem ihre Mutter vor sechs Jahren gestorben war, hatte Minna keinerlei Gelegenheit gehabt, Kranke zu warten; aber was ihr in diesem Geschäft an Übung fehlte, ersetzte sie reichlich durch den feinen Spürsinn eines sympathetischen Herzens. Dazu machten die feste Gesundheit und große physische Kraft, welcher sie sich erfreute, ihr die Ausübung ihrer schweren Pflichten leicht zum Erstaunen sogar Doktor Boutins, der sich doch selbst das Äußerste nach dieser Seite zuzumuten seit zwei Menschenaltern gewöhnt hatte. Auch ließ er es nicht an Ermahnungen fehlen, man müsse, wie in allen Dingen, so auch im Gutestun Maß halten, worauf denn Minna lächelnd zu erwidern pflegte: Das ist Ihre heidnische Weisheit, Doktor; christliche Lehre aber: man solle Gutes tun und nicht müde werden. Seien Sie versichert, mein würdiger Freund: ich werde nicht ermüden.

So schaffte sie unermüdlich weiter in dem mühseligen Berufe, den sie sich erwählt hatte, und genoß dabei inmitten der Trübsal, welche die Gemüter aller um sie her wie in Trauerflore hüllte, des ersten völlig reinen Glückes ihres jungen Lebens. Die Pflege ihrer Kranken, bei der sie sich der gemeinsten Dienste unterzog, war ihr ein kristallener Quell, in dem sie sich rein badete von der schauderhaften Erinnerung ihrer weihe- und würdelosen Ehe.

Es gab noch ein anderes, von dem sie sich befreien mußte: von dem bangen Zweifel, der für sie in der Frage lag: sind die Motive, die dich in deine Ehe gedrängt haben, wahrhaft sittliche gewesen?

Sie konnte jetzt, wo sie, um so viele Erfahrungen reicher, ruhigeren Sinnes ihre Lage erwog, die Frage nicht mehr wie ehemals bejahen. Auch jetzt noch begriff sie vollkommen die Aufregung, in der sie die von allen Seiten herandrängende Not ihrer Familie versetzt hatte, und ihr leidenschaftliches Verlangen, der Not zu steuern. Aber diese Aufregung, dieses Verlangen, waren sie nicht eine Überspannung gewesen? Hatte es sich nicht im Grunde immer nur um die Erlangung von irdischem Gut gehandelt, für das man nun und nimmer sein Seelenheil hingeben darf? Oder war es etwa nicht das Heil ihrer Seele, das sie, als sie den Bund ihrer Ehe schloß, zugleich mit ihrer jungfräulichen Ehre zum Opfer brachte? Mußte sie es da nicht als eine gerechte Strafe ansehen, daß Güter, die man so zu Unrecht und gegen das Gebot höherer Sittlichkeit errang, nicht hatten gedeihen wollen? das Fundament, auf welches sie allerseits gebaut als auf festen Fels, sich hinterher als loser Sand, ja, schlimmer: als schnöder Schlamm erwies? der Vater, sein Los bejammernd, arm wie zuvor in seinem verödeten Hause saß? Und war nicht weiter zu fürchten, es werde Billow das junge Paar in London sein eigenes eheliches Mißgeschick schwer entgelten lassen? Hatte er sie selbst, seine Gattin, nicht in eine Lage gezwungen, die völlig der eines Dienstboten glich, den beim Ausbruch einer Epidemie die gewissenlose Herrschaft in dem Hause zurückläßt, aus dem sie selbst geflüchtet?

Das alles lag in erbarmungsloser Klarheit vor dem ernüchterten Auge. Gott hatte ihr Opfer verschmäht und mußte es verschmähen. Er kann, als ein heiliger Gott, dem Menschen nicht gnädig sein, der – in welcher scheinbar guten Absicht immer – eine Schuld auf sich ladet. Und niemand darf hoffen, ohne Schuld zu bleiben, er tue denn die Selbstsucht von sich in jeder Gestalt, auch in der schmeichlerischen der Familienliebe. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Soll das höchste Gebot der Sittlichkeit nicht zur Phrase werden, dürfen wir auch für die Blutsverwandten nichts wünschen, nichts erstreben, als in der reinen Absicht und mit dem festen Willen, daß es allen Menschen zugute kommen kann und soll.

Sehr treffliche Grundsätze, sagte der alte Arzt, wenn Minna in seiner Gegenwart diesen ihren Lieblingsgedanken beredten Ausdruck gab; auch vielleicht praktisch hin und wieder verwertbar – Notabene: immer cum grano salis.

Sie wissen, daß ich kein Latein verstehe.

Desto besser für Sie, und so will ich es Ihnen nicht übersetzen. Es muß Menschen geben, die, wie Sie, sich den Glauben an die Menschheit bewahren, damit wir anderen, die diesen schönen Glauben ein für allemal verloren haben, wenigstens zum Ersatz dafür an ein paar Menschen ausnahmsweise glauben können.

Und ist das nicht wieder Ihr altes Heidentum mit seinem menschenverachtenden Heroenkultus?

Schon möglich; aber da verachte einmal einer die Menschen nicht, wenn sie's treiben, wie unsere Gebietiger. Da! Das neueste Dekret des Herrn Marschalls! Achtundvierzig Millionen legt er der Stadt als Strafkontribution auf, zahlbar binnen eines Monats! Ist da noch eine Spur von Menschlichkeit?

Nein, aber eine sehr starke von Wahnsinn.

Leider. Nur, daß dieser Wahnsinn eine furchtbare Methode hat. Es gibt Alchimisten besonderer Art, die Blut in Gold umzuwandeln verstehen. Der Herr Prinz von Eckmühl, Herzog von Auerstädt, gehört zu diesen Tausendkünstlern. Wir müssen uns auf jede Teufelei gefaßt machen.

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