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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Vierzehntes Kapitel.

Der Sturm war abgeschlagen für diese Nacht; der Frühabend des nächsten Tages führte die Geschwister noch einmal zusammen – diesmal zum letzten Male, wenn nicht für das Leben, so doch für unabsehbar lange Zeit. Der Rest der hanseatischen Legion, soweit er für den Felddienst tauglich war, sollte auf Befehl des Oberkommandierenden in einer Stunde die Stadt verlassen zusammen mit den Russen und den paar hundert mecklenburgischen und preußischen Hilfsvölkern. Vor dem Altonaer Tore standen die Dänen; ihr General hatte erklärt, daß er nur eine zweistündige Kündigungsfrist des Waffenstillstandes gewahren könne.

Sonst kommen die Schakale, nachdem sich der Löwe satt gefressen, sagte Georg, hier sind sie die ersten auf dem Platze und möchten gern tun, als ob sie es seien, die dem Löwen die Beute erjagt haben. Nun, der Löwe weiß es besser. Vielleicht ist er großmütig und läßt ihnen einen Knochen übrig. Möchten sie daran ersticken! Aber, geliebtes Herz, da alles verloren ist, dürfen wir wohl einmal an uns denken und von uns reden. Von mir ist nicht viel zu sagen. Ich helfe die Franzosen über den Rhein jagen und ziehe mit dem siegreichen Heere in Paris ein, oder habe vorher einen ehrlichen Soldatentod auf grüner Heid', in freiem Felde gefunden. Das ist eine simple Geschichte. Was aber, Liebste, wird aus dir? Ich nehme an, daß du und – ich kann den Namen nicht über meine Lippen bringen – auf immer getrennt seid. Aber da du einmal das Unglück hast, den verhaßten Namen zu tragen – er kann sich doch nicht von hier weggeschlichen haben, wie der Fuchs vom Taubenschlage?

Ich wollte, er hätte es, erwiderte Minna, anstatt mir diesen Brief zu schreiben. Er kam vor einer Stunde.

Georg ergriff hastig den dargebotenen Brief und las:

»Nachdem die Unvernunft Deiner Freunde die Stadt nutzlos dem Verderben preisgegeben hat, ist es für den Vernünftigen Zeit, sich zu salvieren. Wenn Du diese Zeilen erhältst, bin ich bereits auf dem Wege nach Warnesoe. Dich aufzufordern, mit mir zu gehen, hätte keinen Sinn gehabt, nachdem Du den Empfindungen, die Du gegen mich hegst, einen so unzweideutigen Ausdruck gegeben. Selbstverständlich steht Dir, als meiner Frau, Warnesoe jederzeit offen, sobald ich, was in wenigen Tagen geschehen sein wird, meine Angelegenheiten dort geordnet habe, um mich dann nach England zu begeben. Der Gatte der »Schutzgöttin Hamburgs«, der Angebeteten des Herrn von Tettenborn und der anderen sporenklirrenden Junker, der Seelenfreundin des Herrn Friedrich Perthes und Konsorten, der Schwester des famosen Rädelsführers vom 24. Februar, der meine Knechte zu einer hochverräterischen Unternehmung verleitete, möchte sechs Meilen von Hamburg auf bundesfreundlich dänischem Gebiete vor der französischen Polizei wenig sicher sein. Vielleicht benutzt Du die Dir jetzt gebotene Gelegenheit, einen Teil wenigstens des Dankes abzutragen, den Du und Deine Familie mir schulden, indem Du mein Haus in Hamburg vor Plünderung und Zerstörung schützest. Es kann Dir das ja bei Deiner allbekannten Liebenswürdigkeit und der Leichtigkeit, mit der Du von jeher die Gunst der Herren Offiziere, insonderheit der französischen, zu gewinnen wußtest, nicht schwer fallen.«

Das ist infam! rief Georg, indem er, bebend vor Zorn, das Blatt zerriß und die Fetzen mit Füßen trat.

Ich hätte dich damit verschont, sagte Minna; aber du wolltest wissen, was aus mir wird. Du weißt es nun: die Haushälterin des Herrn Billow. Sieh mich nicht mit so wilden Blicken an: ich habe kein Recht, den mir gewordenen Auftrag abzulehnen.

Tausendmal hast du dazu das Recht, rief Georg; was hat er für uns getan, was er mit seinem Schandbetragen gegen dich nicht quitt gemacht hätte!

Laß uns den letzten Augenblick nicht in Streit hinbringen! sagte Minna. Auch ich habe einen Moment geschwankt, als, gleich nachdem man mir den Brief gebracht, Herr Perthes kam, mich zu bitten, ich solle mich seiner Frau anschließen, die heute abend mit den drei jüngsten Kindern – die anderen find schon nach Wandsbeck vorausgeschickt – geht, zum Grafen Moltke, der ihr und der Familie eine Zuflucht auf seinem Gute Nütschau angeboten hat und, wie Perthes mich versichert, auch mich mit Freuden aufnehmen würde. Dann habe ich dem verehrten Manne doch nein gesagt, und warum ich es müsse. Er hat mir, so schwer es ihm ankam, recht gegeben; ich kann mich auf sein klares Urteil, seine lautere Empfindung verlassen. Und was sollte auch aus unserem Vater werden, wenn ich gehe? Er ist nicht nach Warnesoe eingeladen. Dürfen wir zugeben, daß er sich selbst zu Gaste bittet? Du siehst, ich kann nicht fort. Und nun, geliebtes Herz – sie schlagen den Generalmarsch – leb wohl! und tausendmal: leb wohl!

Ein paar Minuten später stand Minna auf dem Balkon, mit ihrem Tuche dem Bruder nachwinkend, dessen enteilende Gestalt eben um die Straßenecke schwand. Der Ton der Trommeln kam schon dumpf aus der Ferne. Der Abend war tiefer herabgesunken; nur nach rechts über dem Gewirre der Giebel lag noch ein fahler Schein. Wie grenzenlos öde und leer war die Welt dem starrenden, brennenden Auge! Wer jetzt ein Mann war! Perthes: er hatte Weib und Kinder in die Verbannung geschickt – bettelarm, hilflos ohne das Mitleid der Freunde; er selbst fuhr in die Nacht hinein, dem Tode von Henkershand zu entrinnen; aber er würde für den rastlosen Geist ein neues, vielleicht größeres, reicheres Feld der Betätigung finden. Georg! »Du Schwert an meiner Linken« – er hatte doch, trotz alledem, seine »Freud' daran«, in Reih' und Glied mit anderen Braven, deren Los, mochte es weiß oder schwarz fallen, ihnen zu Ehre und Ruhm gereichte.

Aber sie! Oh, des Ruhmes, eines landesverräterischen Feiglings Weib zu sein! Oh, der Ehre, sein schnöde verlassenes Haus bewahren zu müssen!

Und wenn das Entsetzliche, das sie seit Wochen fürchtete, sie des Nachts mit qualvollen Träumen ängstigte, an allen Gliedern zitternd im Bette auffahren machte, Wahrheit wurde; wenn dem Dornenfelde ihrer Ehe doch eine Frucht entsprießen sollte – und zehn Tropfen des bräunlichen Saftes genügten, dem unsagbaren Elend, dem spukhaften Graus auf immer zu entgehen!

Sie hatte das Flakon aus dem Busen genommen und betrachtete es, wie sie seit gestern nacht schon mehr als einmal getan.

Unter dem Balkon weg zog eine Jammerkarawane – mit Hausgerät belastete Wagen, auf denen Greise, Weiber und Kinder, wie es gehen mochte, beigestaut waren – Flüchtlinge, weinend und jammernd, Abschied nehmend von den weinenden, jammernden Ihren, die ihnen bis zum Tore das Geleit geben wollten; von Nachbarn, die nur bis zur nächsten Straßenecke mitgingen und dann heulend oder in stummer Verzweiflung wieder umkehrten zu ihren Behausungen, in denen morgen der Feind erbarmungslos schalten würde.

Nein und nein! Du darfst nicht an das eigene Elend denken, an den Tropfen in dem Meere von Elend, das sich unabsehbar um dich breitet! Noblesse oblige! Willst du deine Pflicht tun, oder willst du es nicht? Willst du es, dann – weg damit!

Die Stelle auf der Gasse unter dem Balkon war wieder leer. Sie schleuderte das Flakon hinab auf das Pflaster, wo es in Atome zersplitterte.

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