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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Achtes Kapitel.

Die trüben Februartage sind dahin; sonnig-schöne Märztage kommen, viel zu sonnig und schön, sagen die Wetterkundigen, als daß sie andauern könnten. Wer kümmert sich jetzt um das Wetter? hört auf Wetterkundige? Eine gute Nachricht, wie: die Russen kommen! sie sind bereits in Berlin! Preußen hat den Krieg an Frankreich erklärt! – das ist gutes Wetter; eine böse Kunde: General Morand zieht mit sechstausend Franzosen von Stralsund herauf! das Volk in Preußen harrt noch immer des Aufrufs seines Königs zu den Waffen! – das ist böses Wetter. Aber das gute trägt's über das böse davon. Die Einzelheiten von dem grenzenlosen Elend, in dem die kümmerlichen Reste der »großen Armee« auf deutschem Boden angelangt seien – die Jammergestalten der Soldaten ohne Offiziere – die Offiziere in den seltsamsten Vermummungen, sogar in Weiberkleidern – Dinge, nach denen im Februar noch jeder gierig gelauscht hatte, wollte schon keiner mehr hören. – »Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen;« – man wußte es ja, hatte sich schon müde daran gesungen. Es handelte sich nur darum, ob man sich die Schmach, von ein Paar hundert vor Angst zitternder Franzosen dem Namen nach beherrscht zu werden, einen Tag länger gefallen lassen solle? Die Klugen und Vorsichtigen sagen: ja. Es lohne sich nicht, wenn die Frucht von selber fallen muß, auf den Baum zu klettern und Arme und Beine zu riskieren. – Sie halten sogar dafür, daß man sich von den Russen, die jetzt sicher von Berlin her im Anzuge sind, sozusagen erobern lassen müsse, um vor den Franzosen, falls sie hernach wiederkämen – was mindestens im Bereiche der Möglichkeit liege – die Hände in Unschuld waschen zu können.

So meinen auch der Vater und Billow, trotzdem ihr Patriotismus, seitdem das Ende der Franzosenherrschaft nur eine Frage von Tagen bedeutet, mit wunderbarer Geschwindigkeit auf einen hohen Wärmegrad gestiegen ist. Sie haben stundenlange Besprechungen, in welchen sie allerseits die Unternehmungen erwägen, die man nach Vertreibung der Franzosen lancieren müsse, bevor ein anderer auf denselben Einfall komme. Warburg hat herausgerechnet, daß, wenn man es nur klüglich anstellt und sich die Priorität nicht wegschnappen läßt, zweihunderttausend Mark Banko in acht Tagen zu verdienen sind. Billow ist nicht ganz so sanguinisch; aber er sieht die Zukunft doch sehr rosig, hält die Konjunkturen ebenfalls für selten günstig zu einem Coup im großen Maßstabe. Unter dem Einflusse so glücklicher merkantilischer Aspekten ist die böse Laune, die er das letztemal von Warnesoe mitgebracht hatte, längst verschwunden und hat einer versöhnlichen, ja gnädigen Stimmung Platz gemacht. Zwar Georg glaubt er vorderhand nicht verzeihen zu dürfen; dem jungen Menschen könne es nicht schaden, wenn er ein Paar Tage länger in Warnesoe über die Folgen seiner Unvorsichtigkeit nachzudenken Zeit behalte; aber wenn Oskar, nachdem ihn widrige Winde solange in Kopenhagen festgehalten haben, jetzt nach Hamburg kommen wolle – er habe nichts dagegen; ja, es sei am Ende zu überlegen, ob man nicht gut daran tue, die Hochzeit der jungen Leute zugleich mit seiner und Minnas zu feiern, also am ersten April spätestens. In einer Zeit wie diese dürfe man nicht bedenklich sein; und was sei hier groß zu bedenken? Die Oskar in London von ihm zugesicherte Stelle sei für ein junges Ehepaar mit bescheidenen Ansprüchen auskömmlich, und, sollte es wirklich hier und da fehlen, nun, so sei er auch noch da. Was meinen Sie, Johanna?

Was ich meine? rief Johanna. Was soll ich anders meinen, als daß Sie tausendmal recht haben und der prächtigste, beste Mensch von der Welt sind.

Johanna fiel dem großmütigen Schwager um den Hals und küßte ihn herzlich ab, was dieser sich bescheidentlich gefallen ließ, wobei er Minna mit einem Blicke streifte, der sagen zu sollen schien, daß, wenn andere Leute seine Verdienste nicht anerkennten, die Schuld dafür auf seiner Seite nicht liege.

Und doch hatte er gewiß keine Ursache, sich über Minna zu beklagen. Das Unwohlsein, das sie neulich während eines Besuches bei Perthes überfallen und mehrere Tage angedauert hatte, war sicherlich keine Verstellung gewesen. Ihr bleiches Gesicht und die dunkeln Ränder unter den trüben Augen würden es bewiesen haben, auch wenn Doktor Boutin keine so bedenkliche Miene und etwas von Nervenfieber gemurmelt hätte, auf das er seine Diagnose stellen müßte, wenn nicht doch ein paar obligate Symptome mankierten. Dann, als nach Verlauf von vier Tagen das rätselhafte Unwohlsein gehoben und Minna wieder im Kreise der Familie erschienen war, hatte sie, die sonst so Entschiedene, bei aller Höflichkeit Strenge und Abweisende eine so milde, friedfertige, versöhnliche Stimmung an den Tag gelegt, daß Doktor Boutin abermals behauptete, dergleichen seelische Metamorphosen niemals außer nach langwierigen allerschwersten Krankheiten beobachtet zu haben.

Nur, wenn man in sie drang, sich über ihren Zustand auszusprechen, wehrte sie ungeduldig ab und sagte: Wer kann in diesen Tagen an sich denken?

Wer es konnte, waren Johanna und ihr Oskar, der auf die erhaltene Einladung mit Sturmeseile von Kopenhagen herbeigekommen war, eine Stunde, nachdem der General Cara St. Cyr an der Spitze des winzigen Restes der Besatzung mit einigen Kanonen und sehr vieler Bagage die Stadt verlassen hatte. Für Johanna und Oskar waren die seligen Tage von Warnesoe wiedergekehrt; das Zusammenkauern in Fensternischen und Zimmerwinkeln, wo sie fraglos von niemand gesehen werden konnten; die endlosen, nur von Küssen unterbrochenen Debatten, in denen es sich aber nicht mehr um den Bau von azurnen Luftschlössern handelte, sondern um die Schaffung eines reellen, kleinen, bescheidenen, komfortabeln Londoner Heims. Allerdings auch nur erst in der Phantasie. Aber man mußte sich doch schließlich darüber klar werden, ob man sich dies Heim vorläufig in Chambres garnies, oder sofort in einem ganzen gemieteten Häuschen zu denken habe; und, wenn das letztere: ob man in der ersten Zeit mit einer Aufwartefrau sich begnügen könne, oder sich von vornherein den Luxus eines eigenen Mädchens gewähren dürfe? Was wollte so wichtigen Lebensfragen gegenüber bedeuten, daß Hamburg nach dem Abzuge der Franzosen sich selbst überlassen blieb, stündlich das Wiederkommen dieser oder das Einrücken der Russen erwartend und, je nachdem die eine oder die andere Chance als wahrscheinlich sich aufdrängte, abwechselnd von Wut und Verzweiflung, oder von ebenso ausschweifender Freude und Hoffnung erfüllt? Gewiß war es auch sehr hübsch von den Dänen, daß sie sich zwischen Hamburg und Bergedorf aufstellten und den General Morand, der von Stralsund herangezogen war, verhinderten, die wehrlose Stadt mit einem Handstreich wieder einzunehmen, so hatte man doch in aller Ruhe einen köstlichen Spaziergang nach der Außenalster und dort eine noch viel köstlichere Ruderfahrt machen können. Und wenn man dem Oberst von Tettenborn und seinen fünfzehnhundert Kosaken, die, nachdem sie so oft vergeblich angekündigt, endlich über Bergedorf anrückten, morgen ein Elitekorps von dreißig berittenen Bürgern zur Einholung entgegenschicken wolle, so sei das ja gewiß ganz schicklich und werde sich zweifellos recht hübsch ausnehmen; aber die Einholung der Liebsten damals im winterlichen Walde mit Fackellicht und Schwertgeklirr – ja, das sei doch schöner und herrlicher gewesen als alles, was Hamburg morgen werde leisten können, und wenn auf jeden Kosaken zwei Patrizierkavaliere kämen.

Das wollte Billow nicht gelten lassen: er war nicht nur einer von den Kavalieren, sondern der Führer des Zuges, wie er denn auch sonst in dem Arrangement der Festlichkeiten eine erstaunliche Tätigkeit entfaltet und sich bei der Ausführung eine bedeutende Rolle vorbehalten hatte, so daß er voraussichtlich den ganzen Tag unabkömmlich sein werde. Vielleicht, daß er sich nach dem Theater – zu dem er selbstverständlich für die Familie Warburg eine Loge reserviert hatte – auf ein Stündchen losmachen könne, doch möge man nicht mit Bestimmtheit darauf rechnen.

Warburg feierte in schwunghaften Worten den großartigen Bürgersinn, den sein Schwiegersohn in diesem opferfreudigen Eifer betätige; Oskar und Johanna blickten einander lächelnd in die Augen: die »Opferfreudigkeit« Billows verhieß ihnen während des Festtages eine um so freiere Bewegung, als Minna einen Begleiter hatte an Georg, der von Billow in seiner jetzigen gehobenen Stimmung wieder zu Gnaden aufgenommen war und bereits seit drei Tagen bei der Familie in Hamburg weilte.

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