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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Sechstes Kapitel.

Das Bild war ihr nicht zufällig gekommen. Längst hatte sich, ohne daß sie, so vor sich hinbrütend und ziellos durch die Straßen schweifend, es gemerkt hätte, die Sonne in graue Wolken gehüllt, aus denen jetzt ein Schloßenhagel herabprasselte. Sie blickte um sich und fand sich auf dem Schaarmarkt. Wie war sie in der Zeit, die ihr nur wenige Minuten gewesen zu sein schien, den weiten Weg vom Alsterdamm hierher gekommen? Und was bedeutete es, daß, während doch die Straßen, die sie bisher durchwandert hatte, ihre öde Alltagsphysiognomie gezeigt haben mußten – oder es würde ihr, wäre es anders gewesen, aufgefallen sein – hier auf dem sonst so stillen Platze ein seltsam ungewöhnliches Treiben war? Frauen und Kinder standen, des Unwetters nicht achtend, eifrig sprechend vor den Haustüren; aus den engen Gassen, die auf den kleinen Platz mündeten, kamen Leute hervorgestürzt, von denen die meisten, ohne sich aufzuhalten, nach der Hafenseite eilten. War dort ein Feuer ausgebrochen? Aber dann, wenn schon so viele Leute es wußten, mußte es ja von den Türmen stürmen. Minna richtete die Frage an ein paar Weiber, die, unter heftigem Gestikulieren, mit gedämpften Stimmen alle zugleich aufeinander einsprachen. Eine sagte: Ja, am Hafen! Weiter konnte Minna nichts herausbringen. Sie wollte sich eben an eine andere Gruppe wenden, als sie ein Zupfen an ihrem Mantel fühlte. Schnell sich wendend, blickte sie in das bleiche Gesicht des Herrn Samuel Hirsch.

Um Himmels willen, was gibt es?

Der Alte zog die Fragerin, sie am Mantelzipfel festhaltend, in den offenen Eingang eines kleinen, nahe dabeistehenden Schuppens, – wie sie glaubte, um sie vor dem Unwetter zu schützen.

Ich mache mir nichts daraus, sagte sie.

Es ist nicht deswegen, murmelte der Alte. Und dann, sich vorsichtig umblickend, im Flüstertone: Machen Sie, daß Sie nach Hause kommen, liebwerte Demoiselle! Dies ist kein Tag für junge Damen, wie Sie, auf der Straße zu sein.

Noch einmal, ich beschwöre Sie, sagen Sie mir, was ist dies?

Eine Revolte, erwiderte der Alte leise und schier ängstlich wie vorhin, während doch seine dunkeln Augen in herrlichem Feuer aufleuchteten, – wenn Gott der Gerechte will: eine Revolution.

Gelobt sei Gott! rief Minna, die erhobenen Hände zusammenkrampfend.

Weiß, weiß! sagte der Alte eifrig; weiß, wie Demoiselle Minna denkt! weiß, daß Demoiselle Minna ist ihres Bruders Schwester.

Georg ist in Hamburg?

Der Alte nestelte sich noch näher an sie und flüsterte:

Seit fünf Tagen. Zwei Tage ist er bei mir verborgen gewesen; wollte nicht länger bleiben, nicht neues Unglück herabziehen auf mein armes Haus. Ist dann gewesen, weiß nicht, wo; bei sicheren Leuten, hat er gesagt; hätte ihn sonst nicht von mir gelassen. Auf heute hat er's festgesetzt: an zwei Stellen zugleich: am Hafen, wo sie die junge Präfekturgarde wollen einschiffen – schon seit einer Stunde. Ich komme eben von daher. Die Leute – und der Alte deutete auf die immer noch in der Richtung nach dem Hafen Laufenden – können sparen den Atem. Es ist schon entschieden alles. Die Schiffer, die sie sollten nach Harburg fahren, sind davongerudert; sie haben vertrieben mit Steinen die französischen Wachen; auch unseren Bürgermeister, wollte sagen: Maire, den Herrn Abendrot, als er ist gekommen, zur Ruhe und Ordnung zu mahnen. Wie heißt Ordnung und Ruhe? Hören Sie?

Den Neuen Weg, die etwas breitere, direkt nach dem Hafen führende Gasse, herauf kam wildes, mißtönendes Geschrei; auch mußte die sich heranwälzende Menge bereits die Gasse füllen: an dem Eingange staute sich schon der Strom, der aus der inneren Stadt sich dichter und dichter heranwälzte.

Ist Georg dabei? fragte Minna atemlos.

Nein, er ist am Millerntor.

Was dort?

Ich weiß es nicht. Aber jetzt beschwöre ich Sie, liebwerte Demoiselle, eilen Sie! fliehen Sie, bevor es zu spät ist! Ich begleite Sie ein paar Straßen.

Für den Augenblick war es bereits zu spät. Wie Wasser aus dem geöffneten Tore einer Schleuse kam die Menge aus dem Neuen Weg hervorgeschossen, im Nu den kleinen Platz bis an die Mauern der umschließenden Häuser füllend: Arbeiter, Matrosen, halbwüchsige Burschen, Gesindel schlimmer Art, wie es sonst nur in einzelnen Gestalten am Hafen herumlotterte; aber auch ehrbare Bürger, die Väter und Brüder wohl der befreiten Präfekturgarde: sechzig oder achtzig Jünglinge, deren weiße Uniformen mit den orange Aufschlägen gar seltsam aus der dunkeln Masse hervorleuchteten. Das wälzte nun schreiend, johlend, die Arme, die Mützen und Hüte schwingend, heran, vorüber, der inneren Stadt zu, aus der immer noch neue Scharen heraus wollten, so daß ein fürchterliches Gedränge entstand, in dem Minna sich alsbald von ihrem ehrwürdigen Begleiter getrennt sah.

Ihr war es recht, vorausgesetzt, daß der alte Mann die nahe gelegene Behausung auf dem Bleichergang glücklich erreichte. Es war keineswegs ihre Absicht gewesen, nach Hause zu fliehen, jetzt, da die ersehnte Stunde gekommen war, heraufgeführt, sie zweifelte nicht, durch den heldenmütigen Bruder. Sie konnte ihm ja nicht helfen mit ihren schwachen Frauenhänden in dem Männerkampfe – gleichviel! so wollte sie ihn kämpfen sehen, ihn in ihren Armen auffangen, wenn er kämpfend fiel!

Ihre Stirn glühte, ihr Herz hämmerte, während sie sich willig mit fortreißen ließ von dem Strome, der sich nach der Seite jenes Tores wälzte, an dem, der Aussage des Alten zufolge, der Aufruhr ebenfalls im Werke, und sie sicher war, Georg zu finden. Aber sie gelangte nicht bis zum Tore – zu stark drückte, schob und drängte die schreiende Menge. Und durch das Geschrei hörte sie jetzt von jenseits des Walles, der ebenfalls mit Menschen dicht besetzt war, Trommelwirbel und Schießen – zwei scharfe Salven, rasch hintereinander, jedesmal gefolgt von dem Wutgeheul, das die auf dem Wall ausstießen, und das von denen unten am Wall aufgenommen wurde. So denn hinauf den Wall, koste es, was es wolle!

Da war sie droben, sie wußte nicht, wie sie hinauf-, wie sie dicht neben dem den Wall überragenden Giebel des Tores an dem Gitter, das den Wallrand hier nach außen einfriedigte, zu stehen gekommen war, um von dort den vollen Blick zu haben auf das furchtbare Schauspiel unter ihr: den Kampf der Douaniers, die das Zollhaus rechts am Ausgange der Brücke besetzt hielten, gegen die Menge, die das Haus stürmte. Ein Kampf Bewaffneter gegen Unbewaffnete, der nur durch die Überzahl der letzteren ausgeglichen werden konnte, die immer wieder heranstürzten, so oft auch ein Ansturm abgeschlagen war. Nicht ohne Verlust auf Seiten der Stürmenden. Wenn die Scharen vor dem Feuer, das aus den Fenstern, von dem Dache selbst des Hauses, aus dem die Belagerten die Ziegel herausgebrochen hatten, ihnen entgegen-, auf sie herabspie, wieder einmal zurückwichen und der Pulverdampf sich auf einen Moment verzog – sah man auf dem freigewordenen Raume hingestreckte Gestalten bewegungslos, oder furchtbarer noch: die sich aufbäumten, aufrichteten, ein paar Schritte vorwärts wankten und abermals zusammenbrachen. Minna sträubte sich das Haar. Ohne die Augen von dem Entsetzlichen abzuwenden, den nassen Stamm des Baumes, an dem sie stand, mit beiden Armen umklammernd, betete sie brünstig, daß Gott die Seelen der gefallenen Helden gnädig aufnehmen, sich der Verwundeten erbarmen, daß er die gerechte Sache siegen lassen möge.

Aber die Gedanken, die sich zum Himmel aufschwingen wollten, waren plötzlich wie im Gehirn erstarrt; das hämmernde Herz stockte; alles, was von Leben in ihr war, hatte sich in den Augen konzentriert. Aus der Masse, die eben wieder von der Festung, in welche die Bedrängten das Wachthaus umgeschaffen hatten, zurückgewichen war – weiter als zuvor, bis hinter den Rand der jenseits der Brücke beginnenden Esplanade und die zwei großen, sich dort, dem Zollhaus gegenüber, erhebenden Verkaufsbuden – stürzte einer hervor, der in der rechten Hand eine Fahne trug und mit der linken nach den anderen zurückwinkte, die er zu erneutem Kampfe anzufeuern schien. Trotz der scheinbar großen Nähe war die Entfernung doch zu bedeutend, als daß Minnas scharfe Augen den Mann hätten erkennen können. Auch trug er – das unterschied sie wohl – bäuerliche Kleidung; aber ein Etwas in seiner Haltung, seinen Gesten – es mußte ihr Georg sein. – Noch einmal, ihr Brüder! ein letztes Mal! Sieg oder Tod! Hurra!

Sie flüsterte es, als spräche sie's ihm nach, obgleich sie keines seiner Worte zu hören vermochte – welche anderen konnte er sprechen in diesem Augenblicke: Sieg oder Tod! Hurra!

Da, wie wenn ihr Flüstern ein tausendfaches Echo gefunden hätte, erscholl es von unten herauf, donnerte es um sie her: Hurra! Hurra!

Sind es Minuten, sind es Sekunden gewesen, wer hätte es zu sagen gewußt! Die dem kühnen Führer nachstürzende Masse hat das Zollhaus erreicht, umfaßt, erstiegen, wie die heranrollende Flutwoge einen Widerstand erreicht, umfaßt, ersteigt, zerschellt. Die Holzsäulen, die das weit ausladende Dach tragen, werden zerbrochen, als ob es Binsen wären; im Nu sind Tür und Fenster klaffende Höhlen; von dem Dache stäuben die Ziegel, wie Spreu von der Tenne; um das Türmchen mit der Wetterfahne auf dem Giebel hat man dicke Seile geschlungen, an denen Hunderte von Menschen zerren: es schwankt, neigt sich und stürzt. Wo eben noch ein Haus war, ist ein Trümmerhaufe. Ergriffen von der Zerstörungswut, stürzt sich die Menge von dem Wall herab, reißt die auf halber Höhe starrenden Palisaden heraus und schleudert sie jauchzend in den Graben, oder schleppt sie keuchend die Böschung herauf, der Himmel mag wissen, zu welchem Zweck. Sonst weiß es sicher keiner, es fragt auch keiner; ein Taumel, ein Wahnwitz hat die Menge ergriffen, deren Strom nun, nachdem es nichts mehr zu zerstören gibt, in die Stadt zurückflutet, Minna mit sich reißend, unwiderstehlich, vorbei an öffentlichen Gebäuden, von deren Portalen sie, auf Leitern emporklimmend, einer auf die Schultern des anderen steigend, die französischen Adler herabreißen, die keine französische Hand mehr zu verteidigen wagt.

Wo sind die Schufte? heraus, ihr Memmen! schreit die Menge. Vergebens! Kein offizierlicher Dreispitz, kein nickender Helmbusch eines Kürassiers, keine Bärenmütze eines Grenadiers läßt sich blicken. Dafür tauchen hie und da kleine Trupps der heimischen Bürgerwache auf, um vom Volke verhöhnt zu werden, welches die Herren nach Hause gehen und ausschlafen heißt, nachdem man ihnen die ungeladenen Gewehre entrissen und die Stöcke, mit denen sie sich in der Eile bewaffnet haben, lachend zerbrochen hat.

Aber man lacht nicht mehr, und Minna wird von böser Ahnung ergriffen, als plötzlich den Neuen Wall, auf dem sie sich, heimwärts eilend, jetzt befindet, von der Altonaer Seite her eine geschlossene Schar dänischer Husaren herangeritten kommt. Wer hat die gerufen? Die Menge gewiß nicht: sie wird schon mit den Franzosen fertig werden. Also die Franzosen, die sich verkrochen und bei den Nachbarn gebettelt haben, ob die nicht für sie Schergendienste tun wollen in der Stadt, die sie selbst nicht mehr zu verteidigen wissen? Man ruft es dem Offizier zu, der der Truppe vorausreitet. Er ist ein Däne; er versteht die Zurufe nicht, oder will sie nicht verstehen. Aber die Husaren, das sind Holsteinsche Jungens und haben schon solange in Altona garnisoniert, sind so oft in Hamburg gewesen – die verstehen schon, wenn man Deutsch mit ihnen spricht! Gewiß verstehen sie's, besonders, wenn's Plattdeutsch ist, und es geht ihnen auch wohl zu Herzen: man sieht's an den ehrlichen Gesichtern, die bärbeißig dreinschauen wollen und es doch nur bis zu einer mürrisch-verlegenen Miene bringen. Was hilft das, wenn sie sich durch die Zurufe, die Bitten, Drohungen, Verwünschungen nicht aufhalten lassen, geschlossen vorwärts reiten auf den feurigen Gäulen, die Menge vor sich herdrängend bis auf den Jungfernstieg, wo Platz genug sich findet, da eben eine andere halbe Eskadron, die vom Gänsemarkt, also durch das Dammtor, herangerückt ist, alles was auf dem Jungfernstieg war, rechts nach dem Rathausmarkt, links auf den Alsterdamm getrieben hat. Auf dem Markte wäre es beinahe schon zum Kampfe gekommen; die Hufaren hätten die Säbel bereits gezogen gehabt, aber ein höherer Offizier – ein deutscher Herr – habe zu der Menge gesprochen: sie sollten nach Hause gehen und Ruhe halten; so werde keinem ein Haar gekrümmt werden. Wo nicht, so habe er Order, einhauen zu lassen nach dem dritten Trompetensignal. Da hätten die Trompeter zweimal geblasen, und beim dritten Male wäre die Menge auseinandergestoben.

So erzählte Christiansen, der glücklich war, sein Fräulein Minna, nach der er schon seit zwei Stunden in der Stadt herumlaufe, endlich gefunden zu haben. Auch der Herr Senator sei nach ihr aus, und Fräulein Johanna, die nun allein zu Haufe sitze, ängstige sich schier zu Tode.

Dem treuen alten Diener standen die Tränen in den Augen, als auf dem Hausflur Johanna, die aus dem Zimmer gestürzt kam, der Schwester laut weinend um den Hals fiel. Auch der Vater, der eben von seinen vergeblichen Irrwegen durch die Stadt zurückgekommen war, schien ungewöhnlich bewegt; Minna konnte nicht weinen. Ihr Herz war wie zusammengekrampft in stummem Schmerz; alles vergebens! machtlos alle die tausend nervigen Arme! nutzlos vergossen das Blut der Braven! dahingeopfert um nichts der heldenmütige Bruder!

Und sie mußte schweigen! Die allgemeine Not, die Schmach – sie empfanden es ja nicht mit ihr! Und was sie mit ihr empfunden haben würden, das Letzte, Gräßliche – sie durfte es auch nicht einmal anzudeuten wagen, wollte sie den Jammer nicht entfesseln, der doch nur wieder dem Sohn, dem Bruder gelten würde, nicht dem Patrioten, nicht dem Helden!

So brütete das unglückliche Mädchen still vor sich hin, während der Vater bei dem späten Mahl weitläufig auseinandersetzte, welche unglaubliche Unvernunft eine solche Revolte sei, deren Mißlingen jeder Verständige hätte voraussagen können; wie man sich dadurch die Schlinge nur noch fester um den Hals gezogen und bestenfalls nur für die Dänen die Kastanien aus dem Feuer geholt habe. Die pfiffigen Dänen! Freilich, das sei ihnen gelegen gekommen! Da ständen sie schon seit Monaten auf der Lauer nach dem fetten Bissen der Hansastädte, mit dem sie sich für den doch sicheren Verlust Norwegens schadlos halten wollten, sobald die Franzosen die Unterelbe räumen müßten. Nun, das werde ja jetzt vielleicht geschehen, und der ganze Unterschied? daß statt der Trikolore das weiße Kreuz auf rotem Grunde von den Türmen der alten Hammonia und Bremens und Lübecks wehen würde! Er hätte es immer gesagt, aber die Herren Politiker wüßten es freilich besser. Nach den heutigen Erfahrungen würden sie wohl ein paar ihrer hochfliegenden Segel einziehen müssen. Ihm sei nur lieb, daß Billow dem Krawall aus dem Wege gegangen, und das Geheul der Sturmglocken nicht bis zu dem stillen Warnesoe gedröhnt habe.

Minna konnte es nicht länger mit anhören und zog sich in ihr Zimmer zurück, von dem sie auch Johanna ausschloß. Das Gedränge und Gewirr auf den Straßen, in das sie auf ihrem Spaziergange unversehens geraten sei und aus dem sie sich nicht zu lösen vermocht, habe ihre Kraft erschöpft; sie bedürfe der Ruhe.

Man ließ sie gewähren. Im Hause, wo sich heute die französischen Herren nicht hatten blicken lassen, war alles still; von draußen drang kein Laut herein außer von Zeit zu Zeit das Geklapper der Hufe einer vorüberziehenden dänischen Patrouille. So schlichen die Stunden bang, trübselig dahin; vom Turme der nahen Petrikirche summte in langsamen Schlägen neun.

Minna erhob sich. Bis neun Uhr hatte sie warten wollen. Lebte Georg noch, war er unverletzt aus dem Getümmel gekommen, so wußte es, wenn einer, Samuel Hirsch, in dessen Hause er sich zwei Tage lang verborgen gehalten, und bei dem er gewiß, wenn er nicht mehr aus den Toren konnte, Zuflucht gesucht hatte. Dahin wollte sie. Wie sie den langen Weg ungefährdet würde zurücklegen können – nicht einen Augenblick hatte sie darüber nachgedacht. Sie wußte, sie würde es können.

Sie band sich ein Tuch um den Kopf, nahm den Mantel um und öffnete leise die Schlafkammertür, die unmittelbar auf den Flur führte. Der Vater und Johanna befanden sich in einem anderen, seitwärts gelegenen Hinterzimmer, das jetzt, nachdem der obere Stock von den Franzosen beschlagnahmt war, als gemeinschaftliches Wohnzimmer galt. Sie lauscht hinüber: die laute Stimme des Vaters, der vermutlich das Thema von dem Unsinn einer Schilderhebung weiterspinnt. Die Haustür ist offen – das trifft sich gut. Vermutlich steht Christiansen draußen auf den Stufen, noch einmal in die Stadt hineinzuhorchen. Der Alte wird sie aufzuhalten versuchen, aber er tut schließlich immer, was Fräulein Minna will.

Sie tritt in die offene Tür; der Alte kommt eben die Stufen herauf, von denen eine Knabengestalt in das Dunkel davonhuscht.

Um Gottes willen, Fräulein Minna!

Still! was gibt's?

Einer von den Hirschschen Jungen. Er hat dies hier gebracht. Sie sollen es aber ganz allein lesen.

Beim matten Scheine des Mondes sieht Minna in des Alten Hand etwas Weißliches, einen Zettel, den sie ihm entreißt und mit dem sie in ihr Kämmerchen zurückhuscht, wo das Lämpchen noch brennt, bei dessen Schein sie liest:

»Er ist gerettet und nicht mehr in der Stadt. Gelobt sei der Barmherzige!«

Die Handschrift ist kaum leserlich, so hat der arme Junge, wohl in der Angst, den Zettel zerknüllt.

Aber Minna küßt demütig den schmutzigen Zettel, bevor sie ihn an der Flamme des Lämpchens zu Asche verbrennt.

Dann wirft sie sich auf das Bett, und in wildem Weinen löst sich endlich des fürchterlichen Tages so lange stumm ertragene Qual.

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