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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Fünftes Kapitel.

Während Minna so entsagungsvoll persönliches Leid in das allgemeine Leid des Vaterlandes zu versenken suchte, war niemand über diese Wandlung zufriedener, als ihr Vater. Zwar die patriotische Sache selbst hatte an ihm nur einen jener Gefolgsleute, die nicht einen Schritt weiter mitgehen, als es, wie gerade jetzt, Vorteil verheißende Umstände zu fordern scheinen und entschlossen sind, abzufallen in dem Augenblicke, in welchem das Glück sich wendet. Französische Präfektenmißwirtschaft oder einheimischer Senatsschlendrian – was war daran gelegen, wenn ihm die eine oder die andere Regierungsform ein blühendes Geschäft garantierte? Im anderen Falle mochte beide der Kuckuck holen; und gar der wäre doch ein Narr, der für den geographischen Begriff, den man Deutschland nannte, die Haut zu Markte tragen wolle, wie die Herren Perthes und Genossen, für die Minna so schwärmte. Mochte sie! Dann durfte man doch hoffen, daß das Verhältnis mit Billow demnächst zu einem Abschlusse führen und die verdammte Briefgeschichte darüber im Sande verlaufen würde. Er mußte jetzt über sich selbst lachen, daß er im ersten Moment der Entdeckung sich so absurd gebärdet hatte. Aber es war ja einmal seine Art, sich vom ersten Moment düpieren zu lassen! Hatte er doch schon in seiner aufgeregten Phantasie am nächsten Morgen Minna sein Zimmer betreten sehen, bleich vor Zorn, die Briefe in der Hand, die ihr der Verräter Christiansen tückisch ausgeliefert, der Franzose, dem sie gestern in die Tasche geraten waren, höflich zurückgebracht hatte! Nun, der ehrliche Christiansen hätte ebensogut die Petrikirche wegtragen, als seinem Herrn ein Blatt Papier veruntreuen können! Und der Franzose hatte das Paket, als sich herausstellte, daß es nur Liebesbriefe anstatt der erhofften Banknoten enthielt, zweifellosohne wütend ins Feuer geworfen. Und förderte sie wirklich ein unglücklichster Zufall später doch zutage, nun, dann war Minna längst Frau Billow und würde ihrem alten guten Vater Dank wissen, daß er sie damals aus der Gefahr, für den französischen Sperling auf dem Dache die Hamburger Taube in der Hand wegzugeben, so klüglich errettet habe. Schade, schade, daß der Billow sich hatte bestimmen lassen, die Hochzeit so lange hinauszuschieben! Aber die paar Wochen bis zum ersten April würden ja auch noch hingehen. So lange würde es freilich dauern. Anzunehmen wie die patriotischen Schwarmgeister, man werde die Franzosen früher aus der Stadt jagen, das ist einfach lächerlich. Meinen Sie nicht auch, Billow?

Billow meinte das in der Tat; aber er hütete sich weislich, diese Überzeugung vor Minna auszusprechen; ja, er hatte sich in den ersten Wochen seines Bräutigamstandes allen Ernstes Mühe gegeben, es der schönen Braut nachzutun und sich in die patriotische Leidenschaft zu stürzen. Es hatte ihm nicht gelingen wollen. Die Debatten der politischen Männer des Perthesschen Kreises, in den er durch Minna eingeführt war, langweilten ihn aufs äußerste, da er die Dinge, die dort verhandelt wurden, zum Teil gar nicht verstand und sich infolgedessen zu schweigender Zuhörerschaft verurteilt sah. Glaubte er aber einmal ein Wort anbringen zu sollen, hörte man wohl, ohne ihn zu unterbrechen, höflich zu, fertigte ihn mit ein paar nichtssagenden Worten ab und ging zu etwas Anderem über, als ob das, was er gesagt, von keinem Gewicht gewesen wäre. Das hatte denn seine Eitelkeit schwer gekränkt: er war gewohnt, in der Gesellschaft, in der er verkehrte, mit größerer Aufmerksamkeit behandelt zu werden. Und dann war doch zweifellos dies ganze Treiben nicht bloß langweilig und widerwärtig, sondern auch äußerst gefährlich. Er hatte sich bis zu diesem Tage von jedem Konflikt mit den französischen Behörden klüglich fernzuhalten gewußt. Die französische Sache stand in diesem Augenblicke sehr schlecht – das zu sehen, bedurfte es keines besonderen Scharfblicks –, aber hatte er es nicht an der Börse so oft erlebt, daß ein Papier, das gestern wertlos schien, heute bei günstiger Konjunktur auf pari und darüber hinaufgeschnellt wurde? Vorsicht ist die Mutter der Weisheit, sagt das Sprichwort. Er war immer ein vorsichtiger Mann gewesen; er wollte es in diesem Falle bleiben: mitgehen, soweit man mitgehen mußte, ohne sich den Herren Patrioten gegenüber bloßzustellen, und soweit man mitgehen konnte, ohne sich die französische Polizei auf den Hals zu ziehen. Das war denn freilich nicht leicht fehlerlos durchzuführen, besonders vor den großen, ernsten Augen seiner Braut.

Er wußte heute nach sieben Wochen womöglich noch weniger, wie er mit dem Mädchen daran war, als am Abend der Verlobung auf Warnesoe. Damals hätte er einen Eid darauf geleistet, daß sie, ohne einen Funken Liebe für ihn zu empfinden, ja, ihn tatsächlich hassend, seine Werbung annahm, nur um ihrer Familie den Retter und Beschützer, als der er sich angeboten hatte, zu sichern. Er war auch heute gewiß noch nicht überzeugt, daß sie ihn inzwischen lieben gelernt habe; aber die völlig gleichmäßige, manchmal fast demütige Höflichkeit, die sie gegen ihn an den Tag legte – die konnte, meinte er, selbst die größte Willenskraft, die er ihr zutraute, einem Herzen nicht abgewinnen, das von Haß oder auch nur Mißachtung gegen ihn erfüllt war. Eine Änderung ihrer Empfindung gegen ihn und zwar zu seinen Gunsten war jedenfalls bei ihr eingetreten. Aber auch bei ihm hatte ihr gegenüber eine Wandlung stattgefunden, die er sich freilich, so manchmal er darüber grübelte, nicht klarmachen konnte. Wenn er sie früher oft genug geradezu gehaßt und sich noch am Verlobungsabend zugeschworen hatte, in der Ehe Rache zu nehmen für die Demütigungen, die er, um zu seinem Ziele zu gelangen, auf sich nehmen mußte, so war von alledem jetzt bei ihm nicht mehr die Rede. Dagegen stieg mit jedem Tage das Gefühl des Unbehagens bei dem Gedanken, der Gatte einer Frau sein zu sollen, die ganz zweifellos das Muster einer Gattin und – dem Gatten nach Jahren noch so fremd sein würde, wie am ersten Tage.

Zuletzt war eines, das ihn ganz vorzugsweise beschäftigte, schon deshalb, weil er auf diesem Gebiete anders als auf dem der Politik, nicht zur Laienschaft zu gehören, sondern es zur Meisterschaft gebracht zu haben glaubte. Wo war das früher sich manchmal fast bis zum Wahnwitz steigernde Verlangen hingeschwunden, das schöne Mädchen ganz zu besitzen? Weshalb begnügte er sich tagaus, tagein mit einem Kusse auf ihre dargebotene Hand, da er doch – er zweifelte nicht daran – die Wange sicher, vielleicht wohl gar den Mund hätte haben können? Zum Tausend! bis jetzt war er noch nicht zum Verächter von hübschen küßlichen Weiberlippen geworden! Er hatte sich in dieser Zeit oft genug den Beweis dafür anderwärts geliefert; er hatte es für eine Pflicht der Männlichkeit gehalten, sich diesen Beweis zu liefern! War denn keine Möglichkeit, aus dem verdrießlichen Handel zu kommen? Aber wie sollte das geschehen, wenn sie ihm nicht zu der kleinsten Szene, geschweige denn zu einem Bruche die geringste Veranlassung gab?

Den Verlegenheiten und ernstlichen Sorgen, die ihm eine nach allen Seiten unbehagliche Situation bereitete, wenigstens zeitweise zu entgehen, war Billow auf einen schicklichen Ausweg mit bestem Erfolge bedacht gewesen. Wenn Minna, wie ja augenscheinlich, das alte Schloß von Warnesoe liebgewonnen hatte, so war es seine Pflicht, ihr einen sommerlichen Aufenthalt dort zu ermöglichen; und daß man in den ungeheuerlichen Sälen und den Bienenzellen von Kämmerchen auf Monate oder auch nur Wochen behaglich leben könne, mochte wohl sie in ihrer Bescheidenheit versichern, aber seine Pflicht war es, sich an diese Versicherung nicht zu kehren. Auch der Park, den seine Gäste eigentlich kaum kennen gelernt hatten, durfte nicht in der jetzigen Verwilderung bleiben. Es gab noch anderes, was er geheimhalten zu dürfen bitte, anzuordnen, vorzubereiten; und gerade jetzt bei heranrückendem Frühjahr war zu dem allen die beste Zeit. So mußte man ihn denn entschuldigen, wenn er jetzt wöchentlich auf ein paar Tage nach Warnesoe hinausfuhr, und wäre es auch nicht aller jener wichtigen Dinge willen, so doch, um Georg in seiner Einsamkeit zu trösten.

Minna konnte wenigstens mit dem letzten Teile des Programms, das ihr Verlobter für seine häufigen Ausflüge nach Warnesoe stets bereithielt, übereinstimmen. Wenn die Dinge so lagen, wie sie Herr Perthes noch heute morgen geschildert hatte, war allerdings für den heißblütigen Bruder die Stunde noch nicht gekommen. Dann mochte er freilich noch länger »an seiner Kette rasseln«.

So sagte sie auch Billow, als er am Vormittage desselben Tages zu einer abermaligen Fahrt nach Warnesoe von ihr Abschied zu nehmen kam; und daß er Georg das Versprechen des Herrn Perthes, »ihn rufen zu wollen, sobald die Stunde gekommen«, wörtlich ausrichten möge.

Billow war abgereist; vom winterlichen Himmel schien die klarste Sonne. Minna sagte Johanna, die wieder einmal einen ihrer endlosen Briefe an Oskar schrieb, daß sie noch einen Spaziergang machen wolle, und verließ das Haus. Draußen hoffte sie die Erregung los zu werden, die aus der Unterredung mit Herrn Perthes in ihr nachzitterte. Sie sah den Mann so deutlich vor sich: die schmächtige, zarte Gestalt, den ausdrucksvollen Kopf mit den klugen Augen, der energischen Nase, dem kleinen Munde mit den feingeschnittenen, beredten Lippen – sie kannte nichts Verehrungswürdigeres, als diesen frommen, weitschauenden, begeisterten Mann; – und doch! dies Hoffen und Harren auf eine Stunde, die niemals kommen würde, wenn man sie nicht heraufbeschwor, das war nicht menschliche Klugheit und sicherlich nicht Gottes Wille, welcher nur dem hilft, der sich selber hilft; die Hilfe wenigstens, die Gott ihm bietet, mit beiden Händen dankbar ergreift, wie sie getan, als es galt, die irdische Liebe zu Hypolit in einer heiligeren Flamme auflodern zu lassen. Glühte denn in ihrer Brust die Flamme immer noch nicht hoch und hell genug, daß sie eben dem Bruder eine Botschaft hatte senden können, die ihn zu einer Geduld ermahnte, die sie selbst als eine Schmach empfand? Er lief die Gefahr des Todes, wenn er sich auf französischem Gebiete ergreifen ließ – gewiß! Aber wer die Fahne der Empörung aufwerfen wollte, mußte sich der nicht dem Tode weihen? und war das nicht ein seliger Tod, wie ihn sich ein Mann, der wahrhaft ein Mann ist, ersehnen mußte? Billow –

Sie senkte die Brauen und hüllte sich dichter in den kurzen Mantel.

Nein, Billow war der Mann nicht; sie mußte traurig lächeln, daß sie in einem Moment der Überspannung es hatte annehmen können. Er war vielleicht nicht schlecht, klug genug in seiner Weise und doch verschlossen für alles, was dem Leben eine höhere Weihe gibt; ein Führer und Erfahrener nur auf dem Markte, wo um mein und dein gefeilscht wird; eine Null im Rate für das Gemeinwohl tagender Männer; und im Kampfe – nein, das durfte sie ihm nicht antun! Davor würde sie Gott bewahren, daß, wenn es zum Kampfe kam, der, dem sie sich anverlobt, dessen Gattin sie dann vielleicht bereits war, als ein Feigling erfunden würde! Er konnte nicht dafür, daß in seiner Brust kein Löwenherz schlug wie in Georgs Brust, und den sie doch jetzt hätte schelten mögen! Was kehrte er sich an das weise Gerede? Warum tat er nicht, was ihm das Herz gebot? schlich sich ein in die Stadt? scharte sich um die Tausende, die nur des Rufes eines Führers harrten? Und wie Schloßenwetter nieder auf den Feind!

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