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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Zweites Kapitel.

Die beiden einzigen Freunde, die uns geblieben! rief Warburg, noch in der Tür des Teezimmers stehend und den zwei jungen Männern, die auf ihn zutraten, die Hände entgegenstreckend.

Mir ist das gerade recht, Herr Senator; erwiderte Oskar Sandström lachend, während Theodor Billow sich begnügte, die Hand seines erhofften Schwiegervaters so heftig zu drücken, daß es diesem fast einen Schmerzensschrei ausgepreßt hätte. Nun aber, in Anbetracht der erfreulichen soliden Gesinnung, die sich in diesem Drucke äußern zu wollen schien, lächelte er und sagte, um doch etwas zu sagen:

Warum das, lieber Sandström?

Oskar wurde rot und strich sich das blonde Haar aus der Stirn. Er war nicht darauf gefaßt gewesen, die Empfindung, die er ausgesprochen, lang und breit erklären zu sollen. Auch vermied er es, Johanna, die am Stutzflügel in den Noten blätterte, anzusehen, als er jetzt, ein wenig undeutlich und stockend, etwas von vielen Lichtern und vielen Menschen murmelte, die einen ja sonst ganz verwirrt gemacht hätten, noch dazu einen armen Ausländer.

Nun hört einmal unseren jungen Freund! rief Warburg. Lebt der feine Herr seit einem Jahre in Hamburg, ist in unserem Hause wie ein Sohn aufgenommen und, ich weiß nicht, in wie vielen unserer besten Häuser – und will sich noch immer auf den Ausländer herausspielen – auf einen armen Ausländer dazu! Ei ei, Herr Sandström, da müßte man nie von der Firma Erich Sandström und Kompanie in Stockholm gehört, oder, wie unser Freund Billow hier, wiederholt die Ehre gehabt haben, in dem prächtigen Hause gastlich aufgenommen worden zu sein. Lacht ihn doch aus, ihr Mädchen!

Johanna kam dieser väterlichen Aufforderung nicht nur nach, sondern griff ein paar klägliche, wimmernde Takte auf dem Flügel, die selbst Minna, welche am Tische vor dem Sofa die Teesachen ordnete, ein flüchtiges Lächeln abnötigten. Der Vater, der sie verstohlen eifrig beobachtet hatte, war mit seinem Erfolge sehr zufrieden. Er hatte Minna seit vielen, vielen Tagen nicht lächeln sehen. Und hätte sie gar gewußt, daß da unten der vier Seiten lange Brief lag bei den anderen, auf die sie schon seit einem halben Jahre vergeblich harrte –

Er war in einer Regung, die er sich selbst nicht klar machte, schnell auf sie zugetreten, und hatte sie auf die Stirn geküßt. Minna hob die großen blauen Augen verwundert zu ihm auf. Dann fiel ihr ein, daß sie vorhin Christiansen zum Vater geschickt, zu fragen, ob kein Brief für sie gekommen. Es war ja sehr töricht von ihr gewesen. Warum sollte denn gerade heute ein Brief gekommen sein? Und das war die Antwort des Vaters! Eine Güte, die sie nicht erwartet hatte, nicht hatte erwarten können. Die Tränen traten ihr in die Augen.

Mein armes Kind! murmelte Warburg. Und zugleich sagte er sich: das war sehr dumm. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was du beabsichtigt hast. Wie machst du diese Dummheit wieder gut?

Inzwischen waren die anderen herangetreten; man nahm am Tische Platz; Warburg auf dem Sofa; ihm zur Linken Minna, welche den Tee einschenkte; zu seiner Rechten Billow; zwischen diesem und Minna der junge Schwede und Johanna. Das Arrangement paßte Warburg nicht: er hätte lieber Billow neben Minna gesehen; aber das ließ sich für den Augenblick nicht ändern: der Abend würde schon eine schicklichere Kombination ermöglichen. Vorläufig galt es, ein Passendes Gespräch auf die Bahn zu bringen, das heißt eines, das dem schweigsamen Billow Gelegenheit und Veranlassung gab, mitzureden.

Was für Nachrichten haben Sie aus Schweden, lieber Sandström? fragte er über den Tisch herüber.

Gar keine, Herr Senator, antwortete der junge Mann aus seinem eifrigen, leise geführten Streite mit Johanna heraus, in welchem es sich um eine musikalische Sache zu handeln schien.

Und Sie, lieber Billow, aus England? fuhr Warburg fort, sich zu dem Angeredeten wendend.

Ich danke, erwiderte dieser, sich räuspernd; sie sind freilich auch schon vierzehn Tage alt – es wird immer schwerer, die Londoner Briefe durchzubringen; man weiß kaum noch, wie man sie dirigieren soll, ohne Gefahr zu laufen, daß sie den schuftigen –

Die letzten waren also noch gut? fragte Warburg rasch.

Recht gut, erwiderte der andere; wir haben jetzt sogar zwei Schiffe mehr unterwegs.

Sie Glücklicher! sagte Warburg mit einem Seufzer. Im englisch-hamburgischen Hause Billow Brothers ist es wie beim Whist, wo die Renonce des einen Partners dem anderen seine Atouts anbringen hilft. Sie freilich können es ruhig mit ansehen, wenn Ihre Schiffe hier abgetakelt im Hafen liegen. Und es sind ihrer denn auch nur zwei; die anderen hatten sie ja seinerzeit noch glücklich aus der Elbe gebracht! Sie können ohne Schmerz durch ihre verödeten Kontore gehen: für jedes Pult, das hier leer steht, wird in London an zweien gearbeitet. Aber wir; aber ich –

Das ist denn doch Ihre Schuld, Herr Senator, murmelte der junge Kaufmann.

Ich hatte mich freilich in zu vielerlei eingelassen, erwiderte Warburg. Aber wenn man nicht, wie Sie, von Haus aus ein großes Vermögen hinter sich hat, muß man sich wohl rühren und das Glück zu fassen suchen, wo immer es eine Chance zu bieten scheint. Daß es freilich so kommen würde –

Warburg strich sich mit der Hand über die Stirn, während sein Blick Minnas Gesicht streifte. Sie saß mit niedergeschlagenen Augen da und zusammengepreßten Lippen, wie jemand, dem ein Gespräch, welchem er schweigend zuhören muß, peinlich ist. Ich kann dir nicht helfen, sagte Warburg bei sich.

Eine kurze Pause war entstanden.

Ich habe das vorhin anders gemeint, sagte Billow.

Wie anders? fragt? Warburg rasch.

Ich habe gemeint, fuhr Billow fort, es ist Ihre Schuld insofern, als Sie den Kredit, den Sie haben, nicht in der rechten Weise anspannen. Kredit ist für den Kaufmann zurückgelegtes Kapital für den Fall der Klemme, der Not. Das wissen Sie doch ebensogut wie ich.

Minna rückte unruhig auf ihrem Sessel. Der Vater konnte nicht zweifeln, daß sie, wurde das Gespräch in dieser Weise fortgesetzt, unter irgend einem Vorwande aufstehen und das Zimmer verlassen werde. Er sagte deshalb:

Verzeihe, liebe Minna! aber wir Kaufleute sind nun einmal wenig zu einer Konversation geschickt, wie sie junge Damen freilich lieber haben. Das versteht denn unser Freund Sandström besser.

Der Herr Senator befehlen? fragte der junge Schwede, der nur seinen Namen gehört hatte.

Ich befehle gar nichts, erwiderte Warburg lächelnd; ich meine nur, wenn ihr beide doch einmal euren Tee kalt werden lassen wollt, könntet ihr uns ebensogut ein wenig Musik zum besten geben.

Wollen Sie, Fräulein? fragte Oskar, der sich bereits halb erhoben hatte.

Mais, sans doute! rief Johanna. Herr Sandström soll uns ein paar seiner wundervollen Volkslieder singen!

Wenn uns das Fräulein dafür durch ein Paar deutsche erfreuen will?

Ohne Komplimente, wenn ich bitten darf! rief Warburg vom Sofa.

Das junge Paar hatte sich zum Flügel begeben, und wenn es ohne alle Komplimente nicht abging, so hatten sie sich doch bald geeinigt. Oskar trug mit wohllautender Tenorstimme eines seiner anmutigen heimischen Lieder vor, dem er ein zweites und drittes folgen lassen mußte, bis Johanna an die Reihe kam und mit hellem, wohlgeschultem Sopran erst auch ein Volkslied und dann eine Opernarie sang. Dann hatte Oskar seine Geige aus dem Kasten genommen, das Notenpult an den Flügel gerückt, und Johanna, bereits eifrig in ihren Noten nach einigen Stellen blätternd, die erfahrungsmäßig noch nicht gut gingen, fragte, ob man Geduld zum Anhören einer kleinen Haydnschen Sonate habe?

Aber gewiß, mein Kind! sagte Warburg, wenn ihr nur mich entschuldigen wollt. Ich habe einen Brief zu schreiben – Sie wissen, Billow!

Er hatte, sich erhebend, die letzten Worte in einem scheinbar gleichgültigen Tone hingeworfen, der dennoch für den jungen Kaufmann eine sehr energische Bedeutung hatte.

Ich weiß, ich weiß! murmelte er, während er dem älteren Herrn, als er jetzt zwischen dem Sofa und ihm durchschlüpfte, einen unsicheren Blick zuwarf, den dieser mit einem finsteren Stirnrunzeln beantwortete.

Ich komme in spätestens einer Viertelstunde zurück, sagte Warburg, bereits an der Tür; bitte dringend, sich in keiner Weise durch meine kurze Abwesenheit stören zu lassen.

Damit drückte er die Tür hinter sich zu.

Lassen wir uns also nicht stören! sagte Johanna. Und nun, Sandström, tun Sie mir die einzige Liebe und vergessen Sie nicht wieder das vorgezeichnete b im zweiten Satze –

Sie sollen heute zufrieden sein, Fräulein Johanna, sagte der junge Mann, bitte a! danke! – Also, wenn's beliebt!

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