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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Die Abreise am nächsten Morgen war für Johanna und Oskar zugleich der Moment der Trennung gewesen, da er vorerst zu den Eltern nach Stockholm zurück mußte, um von dort, sobald die Schiffahrt soweit frei war und eine Gelegenheit sich fand, nach London zu gehen. Noch am Abend vorher, beim schäumenden Champagner, hatten sich die jungen Leute vermessen, sie würden lachenden Mutes voneinander Abschied nehmen; heute aber, als sich Oskar aus einer letzten Umarmung der Geliebten löste, den für ihn bereitstehenden Schlitten zu besteigen, war sein schönes Gesicht bleich in starrem Schmerz; und Johanna hatte sich laut weinend an den Busen der Schwester geflüchtet.

Und an dem Busen der Schwester hatte sie noch manchmal still geweint in den ersten Stunden der Fahrt, die heute auf dem großen Leiterschlitten über den zusammengesunkenen Schnee, der die holprigen Wege zu glattesten Bahnen gemacht, keinerlei Schwierigkeiten bot. Klaus Neddermeyer lenkte wieder die mächtigen Braunen und mußte wieder seine ganze Fahrkunst aufbieten, diesmal aber nur, um die durch so vieltägige ununterbrochene Stallruhe übermütig gewordenen Tiere im Zaume zu halten. So ging es in scharfem Trabe, nicht selten in sausendem Galopp, wie im Fluge durch den hellen, glitzernden Tag über schier endlose Ebenen, auf denen man noch in weitester Ferne jeden Gegenstand klar erkennen konnte; durch schweigende Wälder, heute in Schnee gehüllt, wie in dichtestes Sommerlaub; vorüber an vornehmen Gutshöfen und bescheidenen Weilern, während die Gäule unermüdlich die Schellen ihrer Kumte schüttelten, und der brave Neddermeyer in der Freude seines Herzens von Zeit zu Zeit mit einem triumphierenden Peitschenknall die winterlich-ländliche Stille erschreckte.

War es denn nicht eine Freude und ein Triumph, daß es nun wirklich so gekommen, wie seine kluge Frau bereits am heiligen Abend gesagt? Du sollst sehen, Neddermeyer, hatte sie gesagt: die beiden werden noch Mann und Frau. Ja, die Weiber! Er hatte nichts gemerkt am heiligen Abend: sie hatten ja kaum drei Worte miteinander gesprochen! Aber heute sprachen sie ja just auch nicht viel miteinander und waren doch schon verlobt und würden also sicher Mann und Frau! Er sollte an des »Herrn« Stelle gewesen sein! Er würde sich nicht mit dem alten Herrn Senator auf den ersten Strohsack, sondern zu der schönen Braut auf den zweiten gesetzt haben, anstatt der Demoiselle Schwester, die doch jetzt, nachdem der eigene Herr Liebste nicht mehr auf dem Plane war, zu dem Vater gehörte. Ja, die Vornehmen! Sie sind eben anders als unsereiner! Und Küssen und Herzen gibt es nicht, außer etwa, wenn's ans Abschiednehmen geht. Hu! hell! hell! – Und Klaus Neddermeyer schnippte, den alten Hetzruf gellend, mit der langen Peitsche nach einem Hasen, den der vorübersausende Schlitten aus seinem Lager hart am Wege aufgeschreckt hatte, und bat lachend um Entschuldigung, als die erschreckten Pferde seitwärts sprangen und Herr Billow ihm ein ärgerliches: Aber so seien Sie doch vernünftig, Neddermeyer! zurief.

Nicht, als ob Billow erst durch Neddermeyers Übermut in eine ärgerliche Laune hätte versetzt zu werden brauchen! Der Champagner gestern abend hatte ihm eine schlaflose Nacht gemacht; der Champagner und etwas, was er sich nicht eingestehen wollte, und das sich doch, während er den heißen Kopf hin und her auf dem Kissen wandte, immer wieder in sein Gehirn bohrte: du hast eine ungeheure Dummheit begangen! Wie machst du sie wieder gut? Sagst du es ihr ganz offen und bittest sie, dir dein Wort zurückzugeben? Es wäre das einfachste und sicherste; aber dann behältst du, als anständiger Mensch, die gegen ihren Vater, gegen Sandström und weiß der Teufel nicht noch gegen wen alles übernommenen Verpflichtungen auf dem Halse. Nein! Besser ist, du läßt sie kommen. Das wird bald genug geschehen – sie hat jetzt schon nur mit Ach und Krach ja gesagt. Dann bist du der Herr der Situation, dann kannst du mit Fug und Recht auftrumpfen: für nichts ist nichts, besonders nicht von einem, dem man mitgespielt hat wie mir! – Zum Teufel, der Alte mit seinem langweiligen Schwatz! – Sitzen Sie bequem, Minna? – Wollen Sie auch noch eine Decke haben, Fräulein Johanna?

Und eine Auseinandersetzung Warburgs über die mutmaßlichen Handelskonjunkturen in dem Falle, daß Frankreich zu einem räsonabeln Frieden gezwungen würde, jäh unterbrechend, wandte er sich zu den Damen, von denen bereits seit einer halben Stunde keine ein Wort gesprochen hatte.

Wie wäre es, wenn man im nächsten Dorfe, das einen ganz guten Krug habe, anhielte und eine längere Mittags- und Erholungspause machte? Bei solchem Jagen würde man überdies viel zu früh nach Hamburg kommen, das man doch erst betreten dürfe, respektive betreten könne, wenn alle Katzen grau seien.

Klaus Neddermeyer stand sogleich für den Herrn ein: er fürchte, die Pferde, die noch immer kaum zu halten seien, würden sich überlaufen, und der Krug sei wirklich gut: der beste in der ganzen Gegend. Der Wirt halte sogar den »Korrespondent«, – den deutschen Teil für sich und seine Kunden, den französischen für die gnädige Frau Gräfin Ranzow, wofür denn seine Luise des Sonntags nachmittags mit den kleinen Komtessen ans dem Schlosse spielen dürfe.

Wenn da eine Zeitung zu haben ist, müssen wir jedenfalls einkehren, sagte Warburg eifrig.

Man hielt vor dem ansehnlichen Hause, auf dessen Schwelle der Wirt, der den Schlitten hatte kommen sehen, bereits stand, die Gäste zu begrüßen, von denen ihm der Gutsherr und zumal der Inspektor von Warnesoe wohlbekannt waren.

Na, was sagen Sie dazu, Herr Billow? rief er nach den ersten Begrüßungsworten.

Wozu? fragte Billow.

Ja, wissen Sie denn nicht? Haben Sie denn nicht gelesen?

Wir sind acht Tage total eingeschneit gewesen. Was ist es?

Das neunundzwanzigste Bulletin! Der »Korrespondent« vom fünfundzwanzigsten hat es ja schon gebracht!

Haben Sie die Nummer?

Den deutschen Teil wenigstens; den französischen – Gleichviel! Her damit! schnell!

Ja, so kommen die Herrschaften doch nur erst einmal herein! sagte der behäbige Wirt lachend. Sie finden drinnen alles in bester Ordnung, auch einen warmen Ofen für die jungen Damen, die schön durchgefroren sein werden.

Man eilte ins Haus, ins Zimmer, wo auf dem runden Tische, sorgfältig mit einer Tabaksdose beschwert, die schmalen Streifen bedruckten Papieres lagen, die der Wirt mit scharfer Schere von dem auf den Nebenkolumnen stehenden französischen Text des »Korrespondent« losgetrennt hatte, und die dem Kundigen schon durch die grüne Farbe verrieten, daß es sich um ein kaiserliches Bulletin handeln müsse. Da es drei Streifen waren, konnten Warburg, Billow und Johanna, die sie zuerst ergriffen hatten, zu derselben Zeit lesen, was sie denn begierig und unter manchen Ausrufungen der Verwunderung taten, um dann die kaum durchflogenen Blätter hastig gegeneinander auszutauschen, während der Wirt, der das ganze Bulletin auswendig wußte, Minna, die still dabei stand, den Hauptinhalt mitteilte: daß infolge des bis auf achtzehn Grad Reaumur gestiegenen Frostes in wenigen Tagen über dreißigtausend Pferde gefallen seien; die Armee eingestandenermaßen fast ohne Kavallerie, Artillerie und Transportmittel den Rückzug fortsetze, den man über die Beresina genommen habe, nicht ohne sich den Übergang mit schweren Kämpfen unter ungeheuren Verlusten erzwingen zu müssen.

Ja, ja, schloß der Wirt seinen zusammengedrängten Bericht; so etwas ist noch nicht dagewesen, seitdem die Welt steht; es muß ganz heidenmäßig fürchterlich zugegangen sein.

Sie haben den Schluß noch nicht gelesen, Billow! rief Warburg: hören Sie doch nur: »Unsere Kavallerie ward dergestalt demontiert, daß man die Offiziere, die noch ein Pferd hatten, hat vereinigen können, um daraus vier Kompagnien von je hundertfünfzig Mann zu formieren. Die Generale bekleideten dabei die Stellen von Kapitäns und die Obersten die von Unteroffizieren. Diese heilige Eskadron« – passen Sie gut auf, Billow! – »diese heilige Eskadron, die unter dem Könige von Neapel von dem General Grouchy kommandiert wurde, verlor bei allen Bewegungen den Kaiser nicht aus den Augen. Seine Majestät haben sich nie besser befunden.« Bei Gott! so steht hier: »Seine Majestät haben sich nie besser befunden!«

Warum nicht, rief Billow höhnisch, er kommandiert ja über lauter Wundermänner! Wo ist es doch gleich? Richtig, hier: »Diejenigen, die die Natur erhaben über alles geschaffen hat, behielten ihren Frohsinn und ihre gewöhnlichen Manieren und sahen in den verschiedenen Schwierigkeiten nur neuen Ruhm.« – Die erbärmlichen Schufte! die elenden Prahlhänse!

Billow schleuderte das gelesene Blatt auf den Tisch und schielte seitwärts nach Minna, die noch immer bleich und still ein paar Schritte von dem Tische entfernt stand. Er hatte gehofft, sie werde mit irgend einer Äußerung für die Franzosen Partei nehmen, und war entschlossen, sich das zu verbitten, in patriotischen Zorn zu geraten, es auf einen Bruch mit der Freundin des Landesfeindes ankommen zu lassen. Minna zuckte nicht mit der Wimper, und das Eintreten der rundlichen Wirtin, welche ihre Gäste zu begrüßen und die Wünsche für das Mittagessen entgegenzunehmen kam, löste die gespannte Situation. Die jungen Damen folgten ihr in die Küche; die Herren blieben allein, und auch als jene nach einiger Zeit wieder eintraten und man sich zu dem ländlichen Mahl setzen konnte, für das der Wirt unterdessen den Tisch gedeckt hatte, fand Billow keine Gelegenheit, seiner gereizten Stimmung Luft zu machen. Die Unterhaltung, trotzdem sie selbstverständlich nur über Dinge lief, die alle so tief bewegten, hielt sich in den gebührenden Schranken und wurde überdies hauptsächlich vom Wirt geführt. Er war seitdem zweimal in Hamburg gewesen und konnte nicht genug von den dort herrschenden wunderlichen Zuständen erzählen. Die Herren Franzosen sahen aus, als hatte jeder »eines mit der Axt vor den Kopf bekommen«, was sie denn freilich nicht gehindert habe, sich, besonders in den ersten Tagen, noch ganz ausnahmsweise wild und wütig zu gebärden, Verhaftungen vorzunehmen, Haussuchungen anzustellen, die jungen Männer, selbst solche, die noch halbe Kinder wären, auf die Konskriptionsliste zu setzen, alles natürlich nur, um die Leute einzuschüchtern. Das sei ihnen aber erbärmlich schlecht gelungen; alle Welt spotte über die Bramarbasse, alle Welt sei darüber einig, daß die Wirtschaft zu Ende gehe; und wenn sich nur einer fände, der die Sache in die Hand nähme, er sei überzeugt: morgen am Tage könne man den letzten Franzosen zur Stadt hinausjagen und das Tor hinter ihm zumachen. Aber da liege der Hase im Pfeffer. An kräftigen Händen fehle es nicht, die lieber heute als morgen zuschlagen – und wie zuschlagen! – möchten und würden; nur, daß es mit dem bloßen Zuschlagen nicht getan sei. Der Kopf zu all den vielen Händen mankiere. Man munkle wohl von dem einen und dem anderen: von dem Herrn von Heß, von dem Herrn Perthes, dem Doktor Beneke, dem Dachdeckermeister Mettlerkamp. Er sei für den letzteren. Mit den gelehrten Herren komme man überall nicht weit. Ein praktischer Mann müsse es sein: einer, der Kopf und Herz auf dem rechten Flecke habe. Es werde sich schon einer finden. Aber darüber sollten die Herrschaften den Eierkuchen nicht kalt werden lassen, auf den seine Alte stolz sei und mit Recht. Er wolle außer seiner Alten die Wirtin in Holstein sehen, die am zweiten Januar Eierkuchen aus frischen Eiern backen könne!

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