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Noblesse oblige

Friedrich Spielhagen: Noblesse oblige - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
booktitleQuisisana, Noblesse oblige
titleNoblesse oblige
year1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3a2ecf69
created20061225
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Zwölftes Kapitel.

Der Aufbruch zur Reise war unter dem doppelten Schutze der Dunkelheit des Wintermorgens und einer Verkleidung, die sich Vater und Töchter hatten gefallen lassen müssen, vor sich gegangen. Auch war man nicht vor dem Hause, sondern in einer obskuren Ausspannung auf den Wagen gestiegen, den Klaus Neddermeyer dort bereithielt, und wohin schon am Abend vorher das Gepäck der Reisenden heimlich geschafft war. Monsieur Warburg und Demoiselles Töchter wären nicht ohne große Schwierigkeit, voraussichtlich gar nicht durch die französischen Wachen am Altonaer Tore gekommen – die holsteinischen, mit dänischen Pässen versehenen Landleute, welche sich ein paar Tage in Hamburg bei Verwandten aufgehalten hatten und heute zum Feste nach Hause wollten, ließ man ungehindert passieren. Klaus Neddermeyer knallte lustig mit der Peitsche, nachdem die gefährliche Grenze glücklich passiert war – ein Zeichen, daß auch ihm das wackere Herz für seine Schutzbefohlenen ein wenig geklopft haben mochte. Aber einen wörtlichen Ausdruck seiner Gefühle verstattete er sich nicht. Hätte das doch ausgesehen, als ob er seiner Sache nicht sicher gewesen wäre – er, Klaus Neddermeyer!

Man hatte freilich im Verlaufe der Reise noch vielfache Gelegenheit, an die Tatkraft des Mannes sich zu wenden und aus seinem unverwüstlichen Selbstvertrauen Trost zu schöpfen. Es waren nur sechs Meilen bis Warnesoe zu durchmessen. Das schien keine schwere Aufgabe auch an einem kurzen Wintertage mit einem Rosselenker wie Klaus Neddermeyer in Person und den zwei gewaltigen Holsteiner Pferden vor dem offenen Wagen. Wenn nur die Wege besser gewesen wären! Aber diese wurden immer schlimmer, je weiter man in das Land hineinkam, und gar, als man nach zwei Stunden von der Hauptstraße in Kommunalwege, von diesen wieder in andere abbiegen mußte, wie sie von einem Gute zum anderen aufs Geratewohl führten, oft genug nur an den flankierenden Hecken als Wege zu erkennen, leidlich im Sommer, bös, ja halsbrecherisch jetzt im Winter. Hier hatte sich der Triebschnee fußhoch aufgetürmt; dort, auf scheinbar freier Bahn, brach das dünne Eis über den Geleisen, und das Gefährt versank mit fürchterlichem Ruck bis an die Achsen in einem Schlagloche, aus welchem es nur die aufs äußerste angespannte Kraft der Gäule wieder flottmachen konnte.

So hatte man denn um Mittag, wo man notgedrungen in einem kleinen Dorfe Rast nehmen mußte, erst die Hälfte des Weges zurückgelegt; und dann sollte es sich herausstellen, daß dies trotz alledem noch die weitaus bessere gewesen war. Man geriet auf offene Heidestrecken, die ohne Klaus Neddermeyers Ortskenntnis nicht hätten passiert werden können; und auch er mußte sich oft genug auf sein geübtes Kombinationsvermögen verlassen. Dazu war das bis dahin leidliche Wetter bei sinkender Tageshelle immer rauher und stürmischer geworden, um, als gegen vier Uhr bereits das Dunkel hereinbrach, sich in einem reichlichen Schneefalle zu entladen, der bald zu einem Schneesturme wurde. Kaum, daß die Reisenden noch in den Schutz eines einzeln stehenden Hauses gelangten, an dessen dürftigem Herde sie die halb erstarrten Glieder ein wenig schmeidigen mochten.

Glücklicherweise für sie, die schon in dem traurigen Aufenthalte die Nacht verbringen zu müssen geglaubt hatten, war das Unwetter bald vorübergestürmt. Der Wind wehte von dem nun schon nahen Meere her freilich noch ungestüm genug; aber aus den jagenden Wolken lugten doch einzelne Sterne, ja, die Sichel des zunehmenden Mondes wurde sichtbar und verbreitete über die endlose Schneewüste ein gespenstisches Licht, bis auch das in dem tiefen Dunkel des hohen Forstes verschwand, dessen Saum man soeben passiert hatte. Hier, wo der Schnee nicht mehr leuchten half und die Dunkelheit zur Finsternis wurde, schien sogar Klaus Neddermeyer die Zuversicht zu verlassen. Offenbar wollte er, nachdem er seine schwierige Aufgabe bis hierher so, den Umstanden gemäß, glücklich gelöst, nicht zu schlimmer Letzt »in den Düwel sien Käck« geraten. Das Schloß sei ganz nahe – keine tausend Schritte mehr. Er möchte vorschlagen, daß die Herrschaften abstiegen und den Rest des Weges zu Fuß zurücklegten, was freilich bei dem tiefen Schnee nicht angenehm, aber doch sicherer sei, als das Verharren auf dem Wagen, an dem jeden Moment eine Achse brechen könne, oder auch zwei. Seine Passagiere waren sofort bereit und schon im Begriffe, von dem Gefährte herabzuklettern, als sich etwas ereignete, das selbst Klaus Neddermeyers vielgeprüftes Gemüt in Erstaunen, ja Schrecken versetzte.

Auf dem Wege vor ihnen schimmerten plötzlich Lichter auf, die nicht von dem Schlosse sein konnten, wie Klaus versicherte – schwankende Lichter, die sich rasch zu vermehren schienen, während der Hufschlag von vielen Pferden, den man anfangs nur dumpf vernommen, mit jeder Sekunde lauter erdröhnte. Nun kam es herangedonnert: ein ganzer Haufe von Reitern, deren Rüstungen und gezogene Schwerter in dem roten Scheine der Fackeln, die ein Teil von ihnen in erhobenen Händen schwang, erglühten. Zwei Ritter in voller Panzerung mit geschlossenem Visier, der eine auf einem feurigen Rappen, der andere auf einem gewaltigen Schimmel, waren die Führer der Schar der Knechte, die, wie man jetzt sah, nur Brustharnische und Eisenkappen trugen. Der auf dem Rappen setzte sich an die Spitze der Reisigen, die vor dem Wagen herritten, während die Fackelträger sich zu beiden Seiten reihten; der auf dem Schimmel mit den anderen Gewappneten schloß den Zug. Das alles war in Zeit kaum einer Minute geschehen und, was das Schauerliche des seltsamen Vorgangs noch erhöhte, ohne daß ein Ruf erschallte, ein Wort gesprochen wurde. Nur das Getrappel so vieler Pferdehufe, das Schnauben der Rosse, das Geklirr der Waffen und jetzt, als man sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, das Knarren der Wagenräder und das Ächzen der Baume, durch deren kahle Wipfel der Wind vom Meere her sauste.

So ging der seltsame Zug schweigend weiter durch den Wald, denn auch die Insassen des Wagens hatten sich ganz still verhalten, zuerst in wirklichem Schrecken, dann, um das Spiel – ein solches konnte es ja nur sein – nicht zu stören. Nun lichtete sich der Wald zu einer Allee riesiger Bäume, durch die man an ein geschlossenes Tor gelangte, vor dem der Zug hielt. Der schwarze Ritter setzte sein Hifthorn an und schmetterte eine Fanfare, die von drinnen beantwortet wurde. Die Torflügel kreischten in den Angeln; der Zug konnte passieren und fand sich jetzt auf einem mäßig großen Hofe, in dessen vier Ecken mächtige Pechfeuer in Pfannen auf hohen Kandelabern flammten, ebenso wie auf der Rampe vor der Tür des Schlosses, die der Wagen jetzt hinauffuhr. Geschäftige Diener in phantastischer Tracht trugen einen Tritt herbei und halfen den Reisenden heraus, die nun in der Halle von dem Schloßherrn empfangen, zugleich aber aus der Illusion, der sie sich willig hingegeben hatten, jäh gerissen wurden.

Ich meinte, rief Theodor Billow, daß der Scherz, den sich die jungen Leute ausgedacht haben, doch einmal einen Abschluß haben müsse und dann am besten auf der Schwelle des Hauses. So sehen Sie mich, werter Freund, verehrte Fräulein, in meinem Alltagskleide, dessen Prosa freilich vor der Romantik des Kostüms dieser Herren in den Schatten treten muß. Nur sachte, sachte, meine Herren! Ich sagte Ihnen gleich, Ihr Kostüm sei nicht allerwege praktisch.

Billow konnte die letzten Worte nur noch zu Warburg sagen; von den beiden Rittern, die sich inzwischen von den Rossen geschwungen hatten und zur Tür hereingestürmt waren, hielt der eine Minna, der andere Johanna an seiner eisernen Brust, bis die letztere sich aus den Armen des Geliebten losmachte, um in die Arme des Bruders zu fliegen, während Minna dem Bräutigam der Schwester Umarmung und Kuß nicht versagen mochte.

Nun kommen endlich auch Sie an die Reihe! rief Billow, als die beiden Ritter gleichzeitig sich zu Warburg wandten, während er selbst die Zeit benutzte, die beiden Damen noch einmal willkommen zu heißen und sich besonders warm bei Minna zu bedanken, daß sie die Beschwerden der Fahrt nicht gescheut habe, ein Wiedersehen mit dem Bruder zu ermöglichen; ihm selbst aber zu der Freude zu verhelfen, das Weihnachtsfest in Gesellschaft der verehrten Warburgschen Familie verbringen zu dürfen.

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